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In diesem Buch werden einzelne Ereignisse aus Stralsund und der näheren Umgebung des Jahrs 1945 dargestellt. Als Form wurde die eines Tagesbuchs gewählt. Es scheint so, als ob es durch einen leitenden Angestellten o.ä. geschrieben worden ist. Dieses Tagebuch wurde aber nie geschrieben. Es sind Aussagen von Zeitzeugen und überwiegend Daten sowie Informationen aus Akten der damaligen Zeit. Dadurch werden die Lebensumstände und -verhältnisse eindrucksvoll und lebensecht dargestellt. Es umfasst u.a. die Gebiete der Lebensmittelversorgung, des Gesundheitswesen, Feuerwehr, Strom- und Gasversorgung, Schule, Beseitigung der Schäden des Krieges, den Ab- und Aufbau der Wirtschaft nach dem Kriege und vieles mehr. Das Kriegsende April / Mai 1945 in Stralsund wird umfangreich dargestellt. Ein weiterer Schwerpunkt im Tagebuch ist Stralsund als Flüchtlingsort, in dem große Flüchtlingsströme eintrafen, weiter- und umgeleitet worden sind. Daraus ist ein Zeugnis entstanden, das die fürchterliche Zeit des Krieges und deren Folgen darstellt. Es gibt Einblick in das beschwerliche Leben der Menschen dieser Zeit.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Peter Kieschnick
STRALSUND 1945
ein unvollständiges, nie geschriebenes Tagebuch
www.tredition.de
© 2015 Peter Kieschnick
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-2828-4
Hardcover
978-3-7323-2829-1
e-Book
978-3-7323-2830-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Vorwort
Das Jahr 1945 ist ein schicksalhaftes, eine Diktatur geht zu Ende und ein neues Leben soll beginnen. Aber erst einmal ging es um das Überleben!!!
In diesem Tagebuch werden einzelne Ereignisse aus Stralsund und der näheren Umgebung des Jahrs 1945 aufgeführt. Dahinter stehen Schicksale sehr vieler Menschen.
Das Leid, den Schmerz, die Angst, die Hoffnungslosigkeit, die Wut aber auch Hoffnung und Zuversicht der Menschen kann dieses Tagebuch nicht darstellen. Plünderung, Flucht, zu wenig zum Essen, kein Dach über den Kopf, Heimatlosigkeit, Zwangsarbeit, Lager, Krankheiten, Vergewaltigung, Verwundungen, Tod - alles Worte bei denen die Menschen dieser Zeit besondere Erinnerungen haben und teilweise bis heute noch nicht verarbeitet haben.
Das Tagebuch wurde in dieser Form nie geschrieben. Es sind überwiegend Daten und Aussagen von Zeitzeugen und Informationen aus Akten. Diese stammen aus verschiedenen Quellen, die sich mitunter widersprechen. Auch lassen sich nicht mehr alle Ereignisse nachprüfen. Ein besonderer Dank gilt den Mitarbeiter des Stadtarchivs Stralsund, die mich bei meiner Recherche unterstützt haben.
Die Schreibweise und der Ausdruck wurden größtenteils aus dieser Zeit übernommen. Dabei sieht man wie sich einzelne Wörter und Ausdruckweisen verändert haben.
Diese Sammlung erhebt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Arbeit und auf Vollständigkeit.
Ich hoffe jedoch, dass Ihnen dieses Tagebuch einen Eindruck der damaligen Ereignisse vermittelt und Sie dadurch diese Zeit besser verstehen. Zumindest sollten Sie einen Eindruck gewinnen, welche Zustände herrschten.
Peter Kieschnick
Januar 1945
1. Januar
Stralsund hat ein entbehrungsreiches Jahr 1944 hinter sich.
Viele Schulkinder wurden nach Rügen, wegen der Luftangriffsgefahr, verlegt.
Luftangriffe auf Stralsund gab es am 13. Mai und 18. Juli 1944. Am Verheerendsten war die Bombardierung am 06. Oktober 1944 auf die Hansestadt. Die amerikanischen Bomber vom Typ Boeing B-17 G „Flying Fortress“ warfen 345,25 US-Tonnen Bomben ab. Es starben über 800 Menschen. Auch wurden 386 Gebäude, 133 Geschäfte und 1.7500 m2 Gewerberaum zerstört. 176 Wohnhäuser waren so stark beschädigt, daß sie nicht bewohnbar waren. Fast 47% des städtischen Wohnraums wurde zerstört.
6. Oktober 1944 – Die Frankenvorstadt im Bombenhagel, aufgenommen vom Bomber B-17G „Julie Linda“, 535. Squadron der 381. Bomb Group aus einer Höhe von ca. 7.300 Meter
Ein Bombers stürzte am 20.Juni1944 in der Innenstadt ab. Es gab Tote und Verletzte, ein Straßenzug geriet in Brand.
Männer und Frauen, darunter auch welche mit Kleinkindern, mußten zu Schanzarbeiten nach Hinterpommern bei Schneidemühl. Der Einsatz dauerte von Anfang August bis Oktober 1944.
Am 15.September 1944 wurde die 60 Stunden Arbeitswoche eingeführt.
Die männlichen Schüler der oberen Klassen der Höheren Knabenschule und der Mittelschulen wurden im Herbst 1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen.
Im Dezember 1944 ist ein militärischer Festungsstab in Stralsund aufgestellt wurden. Es waren für Stralsund zwei Verteidigungsgürtel vorgesehen:
• der äußerer Ring:
Ein 9 km langer Panzergraben, er sollte von der Schwedenschanze - über die Bellevue Brauerei - die Rostocker Chaussee hinter dem Baugeschäft Fütterer - die Richtenberger Chaussee bei Knebusch - die Sperre Triebseerdamm - den Güterbahnhof - die Gasanstalt bis zum Hafen gehen.
• der innere Ring:
Von den Schillanlagen mit Panzergraben- Knieperwall - Sperre Triebseerdamm - Frankenwall Sperre - Frankendamm Kaserne - Hafenstraße mit Granitschwellen, Straßenbahnwagen und Baumstämmen u.ä..
Auf den Chausseen zur Stadt sollten Minensperren eingebaut werden.
Keine guten Aussichten für das 1945!!!
Sonnabend, 6. Januar
Reserve-Offiziers-Anwärter sind zu weiteren Fachlehrgängen, von Stralsund zur Marine-Nachrichten-Schule Mürwik, kommandiert worden.
7. Januar
Von heute an bis zum 28. Januar werden Spenden für Volkssturm und Wehrmacht durch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) im Reichsgebiet gesammelt. Es werden Kleidung und Ausrüstungsgegenstände gebraucht.
Nachtrag: Die Volksopfer-Sammlung wird bis zum 11. Februar verlängert.
8. Januar
Die Kohle wird knapp. In der Zeitung steht unter der Überschrift „Einschränkungen im Haushaltsgasverbrauch“, daß keine Gasbadeöfen, Gasdurchlauferhitzer und sonstige Warmwasseraufbereiter benutzt werden dürfen. Diese Geräte sollen plombiert werden.
17. Januar
Es scheint so, als ob die Russen seit dem 12. Januar eine große Offensive an der Weichsel begannen.
20. Januar
Ein sehr kalter Tag ca. minus 16 Grad Celsius.
Auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars werden die 7.Klassen der höheren Mädchenschulen zum Einsatz beim Stellungsbau zur Verfügung gestellt.
Nun darf man auch in Deutschland keine Briefe mehr schreiben. Nur noch offene Karten!
Fünf Angehörige der Luftschutzpolizei wurden bestraft, weil sie bei dem Fliegeralarm am 25. Oktober 1944 ihre Unterkunft ohne Erlaubnis verlassen haben und im Freigelände Fliegerdeckung aufgesucht haben (zwei Verweise, 1x 3 Tage, 1x 7 Tage und 1x 10 Tage geschärften Arrest).
22. Januar
Die Ortspolizeibehörde Stralsund plant einen Jahrmarkt vom 20. bis 26. Juni 1946.
23. Januar
Das Flugsicherungsschiff „Greif“ (ca. 1.200 BRT) läuft von Parow zum Osteinsatz nach Königsberg aus. Der Auftrag ist es Ostflüchtlinge abzutransportieren und Nachschub für die kämpfende Truppe heranzufahren.
27. Januar
Da auf Anordnung der hiesigen Kreisleitung der NSDAP die Insel Rügen für die Flüchtlinge aus dem Osten frei gemacht werden muß, sind in dem offenen Kinderlandverschickungslager (KLV-Lager) Bergen untergebrachte Schülerinnen der 2. bis 5. Klassen der „Hansaschule am Sunde“ nach Stralsund zurückgekehrt. Die in dem geschlossenen KLV-Lager in Sellin untergebrachte 1.Klasse ist bisher noch nicht hier.
29. Januar
Der Stab der Seeaufklärungsgruppe 126 (SAGr. 126) verlegte zum Fliegerhorst Parow. Die 2.Staffel ist seit Dezember 1944 bereits hier. Auf dem Fliegerhorst Bug auf Rügen befinden sich die 1. und 3.Staffel. Die 2. Staffel soll in Parow vom Schwimmerflugzeug Arado Ar 196 auf das Aufklärungsflugzeug Messerschmidt Me 410 B „Hornisse“ umgerüstet werden. Dazu wird als Umschulungsflugzeug die Siebel Si 240 D verwendet.
Schulflugzeug Siebel Si 204 D-1 mit Kennung D1+QK der 2./SAGr. 126
Dienstag, 30. Januar
Der Führer Adolf Hitler ruft in der Heutigen Rundfunkansprache das deutsche Volk zum entschlossenen Widerstand auf. Der Endsieg wird durch den Einsatz kriegsentscheidender Wunderwaffen erfolgen.
Aus Anlass der Machtübernahme fand eine Großkundgebung der NSDAP in Stralsund statt. Das Erscheinen war Pflicht! Die NSDAP gab dazu ein Flugblatt aus: „Wer fernbleibt, gefährdet den beabsichtigten Zweck und die Wirkung der Kundgebung und treibt damit bewußt oder unbewußt Sabotage an der Heimatfront.“
Der Rundfunk meldet, daß am 21. Januar Vorhuten der Roten Armee in die Stadt Elbing eindrangen. Sie wurden zurückgeschlagen, stießen aber am 26. Januar bei Tolkemit zum Frischen Haff durch. Damit war Ostpreußen von seinen Landverbindungen abgeschnitten!
Die Panzer-Grenadier-Division „Großdeutschland“ kämpfte unmittelbar am Haff einen schmalen Verbindungsweg nach Königsberg frei. Kräfte der Rote Armee erreichen die Oder zwischen Frankfurt/Oder und Küstrin. Es gelingt ihnen, am westlichen Ufer bei Küstrin Brückenköpfe zu bilden.
31. Januar
Im Januar 1945 war der Umschlag im Hafen gering, da die Eisbildung den Binnenschiffahrtverkehr vollständig ausschaltete.
Die Zuschüttung zwischen den Pfeilern der Badenbrücke ist soweit fertiggestellt, daß schwere Fuhrwerke die Brücke benutzen können. Gas-, Wasserleitungen und Starkstromkabel sind in der Schüttung verlegt worden Die Brücke wurde um 1870 als Drehbrücke zur Hafeninsel errichtet. Durch den Luftangriff am 6.Oktober 1944 wurde sie zerstört.
Februar 1945
3. Februar
Die Gültigkeitsdauer der Lebensmittelkarten der 72. und 73. Perioden ist von acht Wochen auf neun Wochen ausgedehnt wurden. Die Nährmittelkarte für Stärkemehl ist für ungültig erklärt.
5. Februar
Man erzählt, daß das ehemalige Passagierschiff „Wilhelm Gustloff“ wurde vor der pommerschen Küste, bei Leba, durch drei Torpedotreffer ein russisches U-Boots versenkt wurde.
Foto: 1940, Quelle: Bundesarchiv Bild 183-L12207, Creativ-Commons-Lizenz
Nachtrag: Die Versenkung fand am 30. Januar 1945 statt. An Bord des bewaffneten Transporters waren 1091 Soldaten, 373 Marinehelferinnen, 162 Schwerverwundete und ca. 9.000 Flüchtlinge, vor allem Kinder. Davon überlebten nur 1.252 die Tragödie. Die Überlebenden wurden nach Saßnitz (564 Personen), Kolberg (472), Swinemünde (208) und Gotenhafen (8) gebracht. Viele Verletzte, die in Saßnitz ankamen, wurden im Lazarett Stralsund versorgt.
6. Februar
Stralsund wird nicht mehr aus dem Märkische Elektrizitätswerk (MEW) – Netz mit Strom beliefert. Das Kraftwerk Finkenheerd bei Frankfurt-Oder stellt wegen Beschuß den Betrieb ein. Die eingeschränkte Versorgung läuft nun aus dem Verbundnetz des Reiches.
7. Februar
Gas wird für Heizzwecke gänzlich gesperrt. Die Gasabgabe erfolgt ab heute nur noch von 6 bis 8 Uhr, von 11 bis 14 Uhr und von 18.30 bis 19.30 Uhr.
8. Februar
Die Arbeitsgemeinschaft des Tischlerhandwerks hat den Auftrag erhalten mehrere tausend Tretminen aus Holz zu bauen. Dies betraf alle Tischler und Möbelgeschäfte. Diese Tretminen sollen rings um Stralsund von der Greifswalder Chaussee bis zur Rostocker Chaussee in kurzen Abständen eingegraben werden, um die Russen am Einmarsch in Stralsund zu hindern.
Nachtrag: Als die Russen einmarschierten, lagen die Tretmienen ohne Deckel und somit völlig unbrauchbar in den Werkstätten.
10. Februar
Postkarte ca. 1935
Flüchtlingstrecks ziehen immer noch durch Stralsund. Sie gingen in die ländliche Umgebung, da Stralsund überfüllt war. Das Stralsunder Stadttheater wurde als Massenquartier zur Verfügung gestellt. Güterwagen wurden ausgeladen und dienen der Unterkunft.
12. Februar
Im gesamten Deutschen Reich werden ab sofort die Lebensmittelrationen für die Zivilbevölkerung um mehr als 10% gekürzt.
15. Februar
Auf Befehl des Führers Adolf Hitler werden Standgerichte gebildet. Sie sollen aus einem Strafrichter als Vorsitzenden und einem politischen Leiter der NSDAP sowie einem Offizier der Wehrmacht, der Waffen-SS oder der Polizei bestehen. Das Gericht soll für alle Straftaten, die die Kampfkraft gefährden, zuständig sein.
17. Februar
Die Vereidigung von Seekadetten der Crew I/45 erfolgte heute.
Mittwoch, 21. Februar
Der Eisbrecherdienst ist vom 24. Dezember 1944 bis heute durchgeführt worden. Die Kriegsmarine und Luftwaffe hat ihn ebenfalls in Anspruch genommen.
Die Russische Armeen überschreiten die schlesische Grenze und erreichen die Oder bei Breslau.
Flüchtlingstreck in Danzig, Februar 1945
Foto: Brigitte Höber, Quelle: Bundesarchiv Bild 146-1996-030-01A, Creativ-Commons-Lizenz
23. Februar
Die Flussschifffahrt der Warthe, Netze, Oder, Finowkanal und auch aus der Berliner-Umgebung haben sich nach Stralsund gerettet. Ca. 200 Schlepper und 1.000 Kähne befinden sich im Hafen. Viele davon fuhren mit Flüchtlingen in westlicher Richtung weiter.
26. Februar
Die Belieferung der Postämter mit Briefmarken wurde eingestellt.
28. Februar
Mündlicher Befehl des Führers erteilt durch Generaloberst Strauß an Wehrmachtskommandant von Stralsund und Kommandant des Küstenabschnittes von Stralsund Kapitän zur See Herbert Zollenkopf:
Herrichten von Panzerfallen und Feldstellungen, so das Stralsund für drei Monate gehalten werden kann.
Vorhanden sind aber bisher nur leichte Waffen, keine Artillerie und Flak in Stralsund.
März 1945
1. März
Der Malermeister Fritz Lindner, Badenstraße 44, hat 123 Grab-Tafeln für einstellige Gräber der Opfer vom 6. Oktober 1944 grau deckend gestrichen und lackiert, eingefasst und beschriftet (a Stück 1,75 RM).
Nachtrag: bis zum 12. März kamen weitere 72 dazu.
Nochmals Nachtrag: bis zum 19. März wurden weitere 38 Grabtafeln für einstellige Gräber, 38 Grabtafeln für zweistellige Gräber (a 3,50 RM), 10 Tafeln für dreistellige Gräber (a 5,00 RM) und zwei Tafeln für vierstellige Gräber (a 6,50 RM) gefertigt.
Noch ein Nachtrag: 46 Grabtafeln für einstellige Gräber und eine größere Grabtafel für ein einstelliges Grab (2,25 RM) kamen bis zum 26. April dazu.
3. März
Im Stralsunder Hafen liegen die Segelschulschiffe „Horst Wessel“ und „Albrecht Leo Schlageter“ sowie das kleine Schulschiff „Edith“, einst Ausbildungsschoner der Hanseatischen Jachtschule in Neustadt/Holstein. Der Zweimastsegelschoner „Jutta“ liegt mit dem Achtersteven infolge eines Bombentreffers am 06. Oktober 1944 unter Wasser.
Unser bisheriger Verbündeter Finnland erklärte heute rückwirkend vom 19. September 1944 Deutschland den Krieg.
Segelschulschiff „Horst Wessel“
Bundesarchiv, DM 10 Bild-23-63-31/CC-BY-SA Creativ-Commons-Lizenz
5. März
Der Jahrgang 1929 wird heute zum Wehrdienst einberufen.
Dienstag, 6. März
Gestern und heute flogen die 1. und 2. Staffel der Seeaufklärungsgruppe 126 vom Fliegerhorst Parow und die auf den Bug bei Dranske stationierte Seenotstaffel 81 Flüchtlinge von Kamp und Nest aus.
Flugboot Blohm & Voss BV 138
Das Flugboot vom Typ BV 138 C-1 mit der Kennung D1+CL brachte heute vierunddreißig Personen aus Kamp nach Parow! Das Flugzeug ist eigentlich nur für den Transport von 14 Personen gedacht. In zwei Unterkunftsgebäuden sind die Flüchtlinge, hauptsächlich Frauen und Kinder, auf dem Fliegerhorst Parow untergebracht.
Nachtrag: In der Regel blieben sie zwei Tage, danach wurden die Flüchtlinge auf die umliegenden Dörfer verteilt. So waren z.B. im Saal des Gutshauses in Groß Kedingshagen zehn Familien und im Schloß Hohendorf über 200 Personen untergebracht!
7. März
Gestern Nacht wurden der Hafen und die Reede von Saßnitz durch die Briten bombardiert.
Nachtrag: Es starben 136 Saßnitzer Bürger, 195 Wohnungen wurden zerstört, 336 Wohnungen schwer beschädigt und ca. 400 Wohnungen leicht beschädigt. Im Gleisbereich des Hafens kamen ca. 750 bis 800 Flüchtlinge und Soldaten zu Tode. Der im Hafen liegende Verwundetentransporter „Robert Möhring“ wurde durch zwei Bomben getroffen, fing an zu brennen und sank. Dabei fanden 353 Verwundete den Tod. Den anderen größeren Flüchtlingsschiffen „Deutschland“ und „Hamburg“ geschah glücklicherweise nichts. Der Zerstörer Z 28 wurde von drei Bomben getroffen und sank. Ebenso sanken weitere fünfzehn Seefahrzeuge.
Heute finden Schießübungen der Flak-Waffentechnischen Schule II Stralsund in den Stellungen nähe Stralsund auf Heißluftballone in einer Höhe von 6000 Meter statt.
Nachtrag: auch am 26. März
8. März
Es gibt neue Geschäftsöffnungszeiten ab heute:
Lebensmittel und übrige Einzelhandelsgeschäfte 8 bis 12.30 und 14.30 bis 17.30 Uhr;
Milchgeschäfte 7 bis 12.30 und 14.30 bis 17.30 Uhr; Sonntags 7 bis 10 Uhr;
Uhrmacher und Optiker 16 bis 17.30 Uhr;
Schumacher Mittwoch und Sonnabend 8 bis 12.30 und 14.30 bis 17.30 Uhr;
Frisöre 8 bis 12.30 und 14.30 bis17.30, sonntags 8 bis12 Uhr
Gaststätten täglich 10 bis 15 Uhr und 18 bis 21 Uhr.
9. März
Das Segelschiff „Gorch Fock“ verlegte seinen Liegeplatz vom Hafen Stralsund an der Ballastkiste, das dort seit Oktober 1944 lag, auf die Reede vor der Halbinsel Drigge im Strelasund gegenüber der Ortschaft Andershof.
Segelschulschiff „Gorch Fock“ im Hafen Stralsund
Die Ingenieurschule für Luftfahrttechnik in Stralsund muß die Räume im Hinterhaus des Stadttheaters und die Schule am Frankenwall auf Befehl des Reichsverteidigungskommissars für den Reichsverteidigungsbezirk Pommern räumen.
Schiff „Martha“ (531 BRT) der Reederei Geiß mit ca. 700 Flüchtlingen aus Stolpmünde im Hafen angekommen. Wenige Leute gingen in Stralsund an Land. Der Dampfer fuhr weiter nach Flensburg.
Das Lazarettschiff „Glückauf“ (1062 BRT) mit 475 Verwundeten ist heute aus Danzig nach Stralsund ausgelaufen.
10. März
Das Flugsicherungsschiff „Greif“ brachte heute 1.300 Flüchtlinge aus Danzig-Neufahrwasser nach Stralsund.
13. März
Drei Flugbetriebsboote der Seenotflottille 81, u.a. das Boot „Fl.B 5003“, brachten ca. 750 Flüchtlinge aus dem eingeschlossen Kolberg nach Stralsund. Das Lazarettschiff „Glückauf“ mit 350 Verwundeten ist heute aus Pillau nach Stralsund ausgelaufen.
Der 19-jährige Oberfähnrich Hans-Ernst Meyer stürzte bei einem Übungsflug im Stadtwald ab. Rettungsversuche und Bergung des Toten waren auf Grund des morastigen Bodens nicht möglich. Der Flieger gehörte zum Jagdgeschwader 103, ein Schulgeschwader, die auf dem Parower Fliegerhorst stationiert sind.
14. März
Die Marinefährprahm F 208, die am 13. März von Swinemünde abfuhr, macht in Stralsund Zwischenstopp um weiter nach Kiel zufahren.
Modell Marinefährprahm Typ D, ausgestellt im Internationalen Maritimen Museum Hamburg
15. März
Eine Frau mit 4 Kindern, in Dortmund ausgebombt, wurde im November 1943 auf dem Gutshof Groß-Kedingshagen evakuiert / untergebracht. Am heutigen Tage fuhren sie mit Gutswagen zur Bahn Stralsund und wurde mit über 1.000 Flüchtlingen im Zug verladen. Die Fahrt ging in Richtung Malchow. Das Gepäck blieb aber im Stralsund in der Vieh-Halle.
16. März
Ein sehr kalter Tag mit viel Schnee.
Die meisten Flüchtlinge in der Gaststätte von Prohn wurden in den umliegenden Dörfern aufgeteilt.
17. März
Das SS-Panzer-Grenadier-Ausbildungs- und Ersatzbataillon 9 aus der ehemaligen Landesheilanstalt schießt scharf im Gelände nord-ostwärts von Devin am Deviner Haken.
19. März
Auf Befehl des Führers sollen sämtliche Industrie- und Versorgungseinrichtungen im Reichsgebiet bei Heranrücken gegnerischer Kräfte zerstört werden. Die Gegner sollen bei ihrem Vormarsch nur noch verbrannte Erde vorfinden.
20. März
Nun soll auch Stralsund zur Verteidigung gerüstet werden. Wieder werden alle Frauen und Mädchen und der Volkssturm zum Schanzen befohlen. Verteidigungsgräben durchschneiden die Straßen, die Dämme zwischen den Teichen und der See werden durch Panzerfallen unpassierbar gemacht. An den wichtigsten Zugangsstraßen werden Panzersperren errichtet, deren Holzblöcke die Flüchtlinge aber nachts stehlen. Bäume werden gefällt und Gärten zerstört.
25. März
Frühling, die Schneeglöckchen läuten und die Krokusse blühen.
26. März
In dem ehemaligen Gebäude der Schlossbrauerei in der Strandstraße hat die Firma „Raschke und Dummer“ mit ihrer Kaffee Ersatz Herstellung begonnen. Sie ist aus Stettin nach hier umgezogen. Bekannt ist der Kaffee „Radu“.
28. März
Man erzählt sich, daß in der SS-Kaserne der ehemaligen Heilanstalt wahrscheinlich Erschießungen von Deserteuren erfolgten. Man hat Gewehrsalven aus Richtung der Anstaltskirche in der Dämmerung vernommen. Links neben der Kirche war frisch aufgeworfene, sorgfältig geharkte Erde vorhanden. Es wurde gesagt es handelt sich um „Verräter“.
Gotenhafen ist in russischer Hand.
31. März
Die Seekadetten der Crew I/45 beendeten ihre Grundausbildung. Weitere Fachlehrgänge erfolgen zu der Zeit nicht. Nun sollten viele Offiziersanwärter an Bord von Zerstörern eingesetzt werden. Die in Frage kommenden Seekadetten nahmen schon ihre Bordausrüstung in Empfang und warteten auf die Abkommandierung. Zudem kursierte das Gerücht, daß das Oberkommando der Kriegsmarine beabsichtige, eine Reihe der Offiziersanwärter für Kleinkampfverbände auszubilden. Aber aus der Kommandierung an Bord und aus dem Einsatz auf See wurde nichts. Die Bordpäckchen mußten wieder abgegeben werden. So befinden sich die Seekadetten im „Wartestand“.
Nachtrag: Sie wurden mit dem Aushub von Panzergräben im Vorfeld von Stralsund beschäftigt oder mit dem Ausbau von Verteidigungsstellungen (Panzersperren) in der Stadt. Größere Kontingente wurden zur Auffüllung der Oderfront befohlen, siehe 6. April, 16. April und 20.April.
Merkblatt 57/5 Bildheft Neuzeitlicher Stellungsbau vom 1. Juni 1944
April 1945
Ostersonntag, 1. April
Stralsund hat einen Kriminaldirektor erhalten, der bisher in Stettin stationiert war. Außerdem ist die Zahl der Beamten erheblich erhöht worden und sogar Kriminalbeamtinnen (zum ersten Mal in der Geschichte der hiesigen Kriminalpolizei) gehören zum Mitarbeiterstab. Insgesamt hat sich die Zahl der zur Kripo zählenden Beamten auf 24 erhöht. Der Chef der Direktion befindet sich im Regierungsgebäude.
Montag 2. April
Heute beginnt wieder die Sommerzeit.
Das Schiff „Adler“ (1.486 BRT) der Argo Reederei ist heute mit 900 Verwundeten und 200 Flüchtlinge von Hela nach Stralsund abgefahren.
3. April
Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, ordnet an, daß die männlichen Bewohner aller Häuser, an denen vor den heranrückenden Truppen des Gegners die weiße Fahne gehisst wird, sofort zu erschießen sind.
Das Flugsicherungsschiff „Greif“ brachte heute Flüchtlinge und Verwundete aus Pillau nach Stralsund.
Carl Traulsen (70 Jahre alt), Inhaber des Geschäfts Zigarren Zigaretten Tabake, Ossenreyerstraße 43 (Ecke Böttcherstraße), stellte den Antrag im Monat April nur halbtags zu öffnen, da das Geschäft total ausverkauft ist. Es steht nur die monatliche Zuteilung in Zigaretten in Aussicht, die in Kontingenten eingeteilt nur zwei Mal in der Woche abgegeben werden können und in zwei Stunden verkauft sind. Die übrigen Stunden und Tage muss er dauernd mit „Nein“ verkaufen, es ist keine Ware da.
Nachtrag: der Antrag wurde am 13. April 1945 abgelehnt, Grund: „Im Interesse der in Stralsund z.Zt. untergebrachten Flüchtlinge ist eine Offenhaltung aller Verkaufsstellen dringend erforderlich.“
4. April
Die Maul- und Klauenseuche ist im Klauenviehbestand des Landwirts Freiherr von Langen in Parow, bei Paul Giese in Schmedshagen und im Gutshof Preetz bei Hedwig Pagel ausgebrochen.
6. April
Verteidigungsanlagen sind in Stralsund errichtet: Panzerhindernisse, Stadtsperren und Schützengräben. Sprengungen am Rügendamm sowie den Hafen- und Werftanlagen sind vorbereitet. Die Verteidigungsringe sind noch nicht fertig und sehr Lückenhaft.
Es wurden 32 Fünfzehn- bis Sechzehnjährige Hitlerjungen (HJ) zur Aufstellung eines Panzerjagdkommandos der HJ einberufen. Die Ausbildung erfolgte durch die SS. Seit Anfang März 1945 wurden in der SS-Kaserne Heilanstalt Jungen zur Panzerbekämpfung, Minen legen und Umgang mit Sprengstoff ausgebildet. Auch zu Schanzarbeiten wurden sie herangezogen.
Nachtrag: Ende April ist die Einheit auf ca. 150 Hitlerjungen angewachsen.
Ein Teil der Stralsunder Marine aus den drei Schiffstammabteilungen ist heute zur 1. Marineinfanteriedivision an die Oder-Front verlegt worden. Von der 1.Schiffstammabteilung auf dem Dänholm blieben nur noch wenige Teile zurück.
Das Lazarettschiff „Glückauf“ mit 400 Verwundeten ist heute aus Hela nach Stralsund ausgelaufen.
7. April
Die 8.Artillerieträgerflottille mit 6 Artillerieträgern (AF 100, AF 102, AF 104, AF 106, AF 107, AF 109) und einem Werkstattschiff machten gestern Zwischenstation im Stralsunder Hafen. Sie kommen von Kiel und wollen morgen nach Swinemünde weiterfahren.
Modell Artilleriefährprahm Typ D, ausgestellt im Internationalen Maritimen Museum Hamburg
8. April
Das Flugsicherungsschiff „Boelcke“ (1.330 BRT) mit 350 Verwundete, 840 Flüchtlinge und 210 Soldaten sowie das Kleine Lazarettschiff „Rügen“ mit 730 Verwundete und 30 Flüchtlinge sind heute aus Hela nach Stralsund ausgelaufen.
9. April
In der Zeitung steht heute:
„Auf Grund der Bestimmungen über die Jugenddienstpflicht sind auch im Jahre 1945 alle zehnjährigen Jungen und Mädel zum Dienst in der Hitler-Jugend zu erfassen und anzumelden. Es handelt sich dabei um den Jahrgang 1934/35; er umfaßt die zwischen dem 1. Juli 1934 und dem 31. August 1935 geborenen Jugendlichen.“
10. April
Schwerer Bombenangriff auf den Hafen Saßnitz. Seekadetten vom Dänholm sind zum Helfen und Aufräumen eingesetzt.
Das Lazarettschiff „Posen“ (1.069 BRT) mit 44 Verwundeten, 96 Flüchtlinge, 12 Schwestern und 27 Soldaten ist heute aus Pillau nach Stralsund ausgelaufen.
11. April
In Stralsund wurde durch die Heeresgruppe Weichsel ein Ortsstützpunkt Stralsund in den letzten Tagen eingerichtet.
Wehrmachtskommandant von Stralsund und Kommandant des Küstenabschnittes von Stralsund blieb auch weiterhin Kapitän zur See Herbert Zollenkopf. Dieser Abschnitt geht entlang der Küste von Stralsund bis zur mecklenburgischen Grenze Unterstellt ist er in dieser Funktion dem Kommandanten der Seeverteidigung Pommern. Kapitän zur See Herbert Zollenkopf ist zugleich auch Kommandeur des 1. Schiffstammregiments.
12. April
Inzwischen wurden weitere 16 bis 60 jährige Männer zum Volkssturm eingezogen, nicht jeder hatte eine Waffe. Die erste Vereidigung von Volkssturmmännern war bereits am 12. November 1944 in Stralsund. Der Volkssturm unterstand direkt dem Kreisleiter der NSDAP in der Funktion als Verteidigungskommissar.
Die Flüchtlingszahlen sind wieder stark an gestiegen. Viele Flüchtlinge wurden in den Kasernenanlagen der Prinz-Moritz-Kaserne, der Schwedenschanze und auf dem Dänholm untergebracht.
13. April
Als Inselkommandant für Rügen und Kommandeur des Verteidigungsbereichs Saßnitz wurde Generalmajor Hans Voigt eingesetzt.
Das Schiff „Nautik“ mit 110 Verwundete und 800 Flüchtlinge ist heute aus Hela nach Stralsund ausgelaufen.
14. April
Ca. 20 englische Flugzeuge vom Typ de Havilland D.H.98 „Mosquito“ griffen die Gegend von Stralsund an.
