Strangers - Joe Keohane - E-Book

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Joe Keohane

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Beschreibung

Als der amerikanische Journalist Joe Keohane eines Nachts mit einem Taxifahrer ins Gespräch kam, überraschte es ihn selbst, als wie bereichernd er diese Begegnung empfand. Er fing an nachzudenken: Warum rede ich eigentlich so ungern mit Fremden? Und wieso geht das anderen offensichtlich auch so? Basiert diese Zurückhaltung auf Angst, auf Schüchternheit, auf unbegründeten und ungeprüften Vorurteilen? In seinem Buch »Strangers« liefert Keohane nun eine hochspannende Kulturgeschichte des Fremden, von den alten Griechen bis ins Mittelalter, von der Industrialisierung zu erstarktem Rassismus und Nationalismus heute. Welche Vorteile hätte es, wir würden anfangen, die alten Definitionen neu zu denken? Was passiert, wenn wir mit Unbekannten in Kontakt treten und Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen? Die gelingende Gemeinschaft ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer heutigen Zeit. Nach vielen Gesprächen mit Experten und zahlreichen Recherchen ist Keohane überzeugt davon, dass die Welt eine bessere sein wird, wenn wir endlich unsere Angst vor dem Unbekannten überwinden: »Miteinander zu sprechen ist nicht nur eine Frage dessen, wie wir leben wollen – sondern wie wir überleben können

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Seitenzahl: 522

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zum Buch

Als der amerikanische Journalist Joe Keohane eines Nachts mit einem Taxifahrer ins Gespräch kam, überraschte es ihn selbst, als wie bereichernd er diese Begegnung empfand. Er fing an nachzudenken: Warum rede ich eigentlich so ungern mit Fremden? Und wieso geht das anderen offensichtlich auch so? Basiert diese Zurückhaltung auf Angst, auf Schüchternheit, auf unbegründeten und ungeprüften Vorurteilen? In seinem Buch »Strangers« liefert Keohane nun eine hochspannende Kulturgeschichte des Fremden, von den alten Griechen bis ins Mittelalter, von der Industrialisierung zu erstarktem Rassismus und Nationalismus heute. Welche Vorteile hätte es, wir würden anfangen, die alten Definitionen neu zu denken? Was passiert, wenn wir mit Unbekannten in Kontakt treten und Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen? Die gelingende Gemeinschaft ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer heutigen Zeit. Nach vielen Gesprächen mit Experten und zahlreichen Recherchen ist Keohane überzeugt davon, dass die Welt eine bessere sein wird, wenn wir endlich unsere Angst vor dem Unbekannten überwinden: »Miteinander zu sprechen ist nicht nur eine Frage dessen, wie wir leben wollen – sondern wie wir überleben können.«

Zum Autor

Joe Keohane entstammt einer Bestatterfamilie und kam darüber bereits früh in seinem Leben mit ihm unbekannten Menschen in Kontakt. Als Journalist boten sich ihm unzählige Gelegenheiten, die feine Kunst des Sprechens mit Fremden immer mehr zu verfeinern. Heute schreibt Keohane für Esquire, Medium, den New Yorker, Wired und das Boston Magazine. »Strangers« ist sein erstes Buch.

JOEKEOHANE

STRANGERS

Warum die Welt eine bessere sein wird, wenn wir unsere Angst vor dem Fremden überwinden

Ins Deutsche übertragen vonJürgen Neubauer

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »The Power of Strangers. The Benefits of Connecting in a Suspicious World« bei Random House, an imprint of Penguin Random House LLC, New York, penguinrandomhouse.comSollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Copyright © 2021 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München, unter Verwendung von Motiven von FinePic®, MünchenCopyright © 2021 by Joe KeohaneRedaktion: René SteinDF | Herstellung: CFSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-25178-9V001www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für June

Die einzige wirkliche Reise, der einzige Jungbrunnen bestünde nicht darin, neue Gegenden aufzusuchen, sondern neue Augen zu bekommen, das Universum mit den Augen anderer, von hundert anderen zu sehen, die hundert Universen zu sehen, diejeder von ihnen sieht, die jeder von ihnen ist.

Marcel Proust

Ich kann es persönlich aufgrund eigener Erfahrung verstehen, dass von einem Unbekannten, den man zufällig trifft, plötzlich ein unwiderstehlicher Anruf aufsteigt, sodass alle gewöhnlichen Perspektiven über den Haufen geworfen werden, gerade so, als wenn ein Windstoß die Kulissen einer Dekoration umbliese – was nahe schien, wird unendlich fern, und umgekehrt.

Gabriel Marcel

People are strange when you’re a stranger.

The Doors

INHALT

VORWORT: Taxifahrt mit Fremden

TEIL 1: Was passiert, wenn wir mit Fremden sprechen

KAPITEL 1: Fremde auf der Schulbank

KAPITEL 2: Ein ungenutzter Glücksmoment

KAPITEL 3: Grüße aus dem Affenhaus

KAPITEL 4: Mensch schließt Freundschaft

KAPITEL 5: Jonglieren mit sechs Fremden

KAPITEL 6: Gespräche im Steinzeitmodus

KAPITEL 7: Mörder und Wesen aus anderen Dimensionen

KAPITEL 8: Zu Gast bei Fremden

KAPITEL 9: Wie man Fremden zuhört

KAPITEL 10: Der Gott der Fremden

TEIL 2: Warum sprechen wir nicht mit Fremden?

KAPITEL 11: Fremde in der Stadt

KAPITEL 12: Warum haben wir solche Angst vor Fremden?

KAPITEL 13: Wie Angst vor Fremden freundlich macht

KAPITEL 14: Zeugungsakt mit Fremden in Finnland

TEIL 3: Wie man mit Fremden spricht

KAPITEL 15: Wann wir mit Fremden sprechendürfen

KAPITEL 16: Wie man Fremde anspricht

KAPITEL 17: Selbstversuche

KAPITEL 18: Sprich mit mir!

KAPITEL 19: Wie man mit Feinden spricht

KAPITEL 20: Begegnungen mit Fremden

KAPITEL 21: Eine neue Geburtsstunde desSozialen

DANK

EINHINWEISZUDENQUELLEN

ANMERKUNGEN

PERSONENREGISTER

SACHREGISTER

VORWORTTaxifahrt mit Fremden

Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen eine Geschichte erzähle? Sie handelt von einer Fremden.

Vor einigen Jahren hatte ich das unverdiente Glück, ein Stipendium für Theater- und Drehbuchautoren zu bekommen, und verbrachte zwei Wochen auf der Insel Nantucket. Mit drei weiteren Schreiberlingen teilte ich mir ein Haus, nahm an Workshops teil, lernte Verlagsleute kennen und besuchte Partys, auf denen wir auf Kosten unserer armen Gastgeber eine Unmenge von Häppchen und Alkohol vernichteten. Eines späten Abends, nach einer jener Partys, stehe ich mit meinen drei Mitstreitern am Straßenrand und warte auf ein Taxi. Ich lasse mich darüber aus, dass mein eigentliches Handwerk, der Printjournalismus, wahrscheinlich gerade den Bach runtergeht und meine sämtlichen Hoffnungen und Träume mit sich reißt, dass ich aber meinen Beruf trotzdem um nichts in der Welt gegen einen anderen eintauschen würde, weil ich nur hier mein Brot verdienen kann, indem ich mich mit wildfremden Menschen unterhalte. In diesen Begegnungen mit Fremden habe ich gelernt, dass jeder Mensch einen Schatz hütet – jeder hat irgendetwas zu erzählen, das mich überrascht, amüsiert, erschreckt oder schlauer macht. Die meisten reden frei von der Leber weg, ohne sich lange bitten zu lassen, und was sie erzählen, kann zutiefst berühren und einem die ganze Vielfalt und Schönheit und das ganze Elend und Leid menschlicher Erfahrung vor Augen führen. Jeder Mensch ist eine ganz eigene Welt. Wer Zutritt zu dieser Welt erhält, nimmt ein kleines Stück davon in sich auf und wächst ein wenig. Er wird mitfühlender, weiser oder verständnisvoller.

Endlich kommt das Taxi, am Steuer eine ältere Frau. Wir steigen ein, und ich beschließe, meinen neuen Freunden zu demonstrieren, was ich meine. (Wie Sie noch sehen werden, hege ich eine ganz besonders innige Beziehung zu Taxifahrern.) Ich frage Sie, wie das Leben in Nantucket so ist, und sie antwortet. Ich stelle noch eine Frage, und sie antwortet wieder. Sie entspannt sich, und während der zwanzigminütigen Fahrt erzählt sie mir die Geschichte ihres Lebens. Sie war als Kind einer betuchten Familie der Upper West Side von Manhattan zur Welt gekommen. Als sie klein war, kam unter den Vermögenden damals die völlig krankhafte Mode auf, ihren Kindern die Waden zu schnüren, und ihre Eltern waren sofort dabei; sie hätten nicht mit einem Kind gesehen werden wollen, dass dicke Fesseln habe, meint sie.

Mit dieser Quälerei sorgten die Eltern dafür, dass sie selbst als größeres Mädchen kaum laufen konnte. Und was taten die Eltern, als ihnen das klar wurde?, möchte ich wissen. Sind sie mit ihr zu einem Orthopäden oder Physiotherapeuten gegangen? Haben Sie versucht, den Schaden zu beheben und die Mobilität der Tochter wiederherzustellen? Haben Sie sich jemals bei ihr entschuldigt?

Nichts dergleichen, erwidert die Taxifahrerin.

»Haben sie denn irgendetwas unternommen?«

»Sie haben mich in den Ballettunterricht geschickt.«

»Oh Gott«, antworte ich. »Warum ausgerechnet Ballettunterricht?«

»Damit ich eleganter falle.«

Ich bin Enkel, Sohn und Bruder irischer Bestatter in Boston, Massachusetts. Das hat meine Weltsicht, meinen Sinn für Humor und meine Befindlichkeiten geprägt. Sie können es mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich nie eine bessere Beschreibung der conditio humana gehört habe als diese Geschichte jener wildfremden Frau an diesem Abend auf dieser Insel im Atlantik.

Seit jenem Abend beschäftigt mich das Thema Fremde. Warum sprechen wir in der Regel nicht mit fremden Menschen?, fragte ich mich. Wann sprechen wir mit ihnen? Und was passiert dann? Denn in Wahrheit sprach ich außerhalb meiner Arbeit eher selten mit Fremden, zumindest nicht in freier Wildbahn. Die Anforderungen des Berufs und der Kindererziehung – die vermeintliche Work-Life-Balance, die sich meist eher wie ein Zermürbungskrieg anfühlt – ließ mir kaum Zeit, Orte aufzusuchen, an denen man mit Fremden spricht, von der fehlenden Energie ganz zu schweigen. Und wenn ich es denn einmal schaffte, ein halbes Stündchen für mich herauszuschlagen und mich in eine Kneipe oder ein Café zu setzen, dann sprach ich mit niemandem. Und wenn doch, dann ging es schief. Was wohl auch daran gelegen haben mag, dass mein Gehirn nicht mehr richtig funktionierte, wie Eltern von Kleinkindern gut nachvollziehen können. Ich verkroch mich in mich selbst, indem ich las oder verschämt auf mein Handy starrte und stumpf »Inhalte« konsumierte, die ich schon wenige Minuten später wieder vergessen hatte. Irgendwann sprach ich mit überhaupt niemandem mehr und stellte nur noch den absolut notwendigen Blickkontakt her, und selbst das empfand ich als Belastung.

Mir fiel auf, wie einfach es war, mich in mir selbst zu verbarrikadieren und mich aus jedem zwischenmenschlichen Miteinander zu verabschieden. Der Soziologe Richard Sennett, der sich mit dem Leben in Städten beschäftigte, preist die alltäglichen Momente der »Reibung« – diese kleinen Momente der Ineffizienz, in denen wir gezwungen sind, mit Fremden zu kommunizieren und zum Beispiel den Metzger um Grilltipps zu bitten, Passanten nach dem Weg zu fragen oder einfach nur am Telefon eine Pizza zu bestellen. Denn: Die Entwicklung der Kommunikationstechnik macht den zwischenmenschlichen Kontakt zunehmend überflüssig. Ich vermutete, dass dies auch unsere Sozialkompetenzen aushöhlt. Dafür war ich selbst der lebende Beweis. Warum wählte ich im Supermarkt die Selbstbedienungskasse, selbst wenn an den anderen keine Schlangen standen? Warum ärgerte ich mich über die Verkäuferin, die ein wenig Small Talk mit mir führen wollte? Warum unterhielt ich mich nicht mehr mit Fremden, sondern verschanzte mich lieber hinter meinem Handy, obwohl ich ganz genau wusste, dass das, was irgendwer mir zu erzählen hätte, viel interessanter war als die giftige Gülle, die gerade wieder durch Twitter schwappte? Keine Ahnung. Ich habe es einfach nicht gemacht. Aber es hat mich nicht sonderlich aufgebaut.

Trotzdem gab es immer wieder Momente wie an jenem Abend in Nantucket, in denen ich mich mit Fremden unterhielt, das Gespräch genoss und sich eine kleine Welt auftat. Dabei lernte ich etwas: Ich hatte ein Aha-Erlebnis, lachte über einen Witz, lernte andere Sichtweisen kennen oder hörte eine gute Geschichte. Und so merkwürdig das klingen mag, ich fühlte mich seltsam erleichtert. Warum, das wusste ich nicht.

Diese Fragen schlichen sich auch in meine Arbeit ein. Während eines Interviews mit dem Schauspieler Alan Alda, der Wissenschaftlern beibringt, ihre Erkenntnis besser zu vermitteln, erwähnte ich dieses unerklärliche Gefühl der Erleichterung, das ich nach Gesprächen mit Fremden empfand. Alda strahlte. »Dieses Gefühl kann ich richtig mit Händen greifen«, antwortete er. »Das ist so stark, dass ich mich frage, warum der Kontakt zu anderen Menschen keinen Selbstverstärkungseffekt auslöst. Warum machen wir das nicht einfach ganz natürlich?«

Ja, warum eigentlich nicht?

Nun, ein Grund mag sein, dass Fremde keinen besonders guten Leumund haben. Der Countrysänger Merle Haggard nannte seine Band nicht deshalb The Strangers, weil er ein gutbürgerliches Image verkaufen, sondern weil er sich einen verwegenen Anstrich geben wollte. In Alfred Hitchcocks Film Der Fremde im Zug geht es nicht um eine romantische Begegnung oder eine anregende Unterhaltung mit einer zufälligen Reisebekanntschaft, sondern um das Aufeinandertreffen mit einem mörderischen Psychopathen. Und William Goldings Roman Herr der Fliegen trug nicht etwa deshalb den Arbeitstitel »Der Fremde in dir«, weil das Robinson-Dasein auf einer einsamen Insel englische Internatsschüler zu Engeln machte.

Nicht zu vergessen der bekannteste Fremde von allen. In Albert Camus’ Roman Der Fremde geht es nicht um einen netten Herrn aus Algier, der es sich in Frankreich gut gehen lässt und den Einheimischen die Kultur und Genüsse seiner Heimat näherbringt. Es geht um einen Mann, der sich der Welt so weit entfremdet und sich selbst so fremd geworden ist, dass er nichts empfindet, als seine Mutter stirbt und er einen Menschen tötet, und dass er am Vorabend seiner Hinrichtung darüber sinniert, er werde sich nur weniger einsam fühlen, wenn er beim Gang zum Schafott von einer Menschenmenge begleitet wird, die ihm ihren Hass entgegenschleudert. Damit ist er der erste Internettroll.

Die Furcht, dass Fremde – selbst wenn sie auf den ersten Blick einen freundlichen Eindruck machen – Chaos und Verrat säen und Krankheit und Verderben bringen, begleitet uns, seit es Fremde gibt. Sie zieht sich von der Zeit der Jäger und Sammler über die Entstehung von Dörfern, Städten und Nationalstaaten bis hin zur Fremdenangst der Achtzigerjahre. Heute spricht Elon Musk diese Angst aus, wenn er eine Fahrt in der U-Bahn als Begegnung mit »einem Haufen wildfremder Menschen, von denen jeder ein Massenmörder sein könnte« beschrieb, oder ein Sheriff aus dem US-Bundesstaat Georgia, der an der Zufahrt zu seiner wohlhabenden Gemeinde ein Schild mit der Aufschrift aufstellte:

Willkommen in Harris County. Unsere Bürger sind bewaffnet. Wenn Sie jemanden erschießen wollen, dann könnte er Sie erschießen. Wir haben EIN Gefängnis und 356 Friedhöfe. Wirwünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.

Unsere Probleme mit Fremden werden nicht weniger. Der Westen erlebt gerade ein politisches Erdbeben, das unter anderem durch die Zuwanderung von Fremden verursacht wird – Menschen, die vor Krieg, Hunger und Diktatur flüchten und Sicherheit und ein besseres Leben suchen. Bei vielen Menschen in den Zielländern führt dies zu einer Erschütterung des Heimatgefühls und der Identität.

Die neuen Gesichter verschärfen eine ohnehin latent vorhandene Furcht vor Fremden. Die Reaktion ist heftig und wird zum Teil noch durch Desinformation verstärkt. Umfragen zeigten, dass die Menschen im Westen das Ausmaß der Migration in demselben Maße überschätzen, wie sie die Integrationsfähigkeit der Neuankömmlinge unterschätzen.

Auf der anderen Seite haben politische Polarisierung, Ausgrenzung, Diskriminierung und Ungleichheit dazu beigetragen, Mitbürger zu Fremden zu machen. Zumindest in den Vereinigten Staaten können wir einander nicht mehr ausstehen. Eine Umfrage der Pew Foundation stellte 2016 fest, dass »Anhänger der jeweils anderen Partei heute deutlich negativer wahrgenommen werden als noch vor fünfundzwanzig Jahren«. Drei Jahre später kam die Stiftung zu dem Schluss, »die Gräben sind tiefer geworden, die Animositäten haben sich verstärkt«. Immer mehr Menschen halten die Parteigänger der jeweils anderen Seite für verlotterter und verbohrter als sich selbst. Jede Seite ist nicht mehr in der Lage, die andere zu verstehen, weil sie es erst gar nicht versucht. Freundschaften über Parteigrenzen hinweg werden immer seltener. Die politischen Gräben halten uns voneinander fern: Wir weigern uns nicht nur, miteinander zu sprechen, sondern wir sind nicht einmal bereit, Andersdenkenden eine eigene Meinung, komplexe Motivation oder Mitgefühl zuzugestehen, und halten einander für hirnlose Affen, böswillige Einfaltspinsel und widerlichen Abschaum.

In einem politischen Klima, das fortwährend den Schulterschluss mit der eigenen Gruppe einfordert, sind wir jedoch paradoxerweise gefährlich einsam geworden. In Ländern wie den Vereinigten Staaten und Großbritannien hat die Einsamkeit geradezu epidemische Ausmaße angenommen. Alle sind betroffen, aber vor allem junge Menschen, die sich heute in Umfragen sogar als noch einsamer beschreiben als die Alten. Aber von Medizinern wissen wir, dass die Einsamkeit genauso gesundheitsschädlich ist wie das Rauchen und damit eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellt.

Einsamkeit hat viele Ursachen. Wenn wir dank der Technologie nicht mehr direkt mit Fremden sprechen müssen, büßen wir unsere sozialen Kompetenzen ein und sind immer weniger in der Lage, neue Menschen kennenzulernen. Wenn immer mehr Menschen in die Metropolen ziehen, tauschen wir Freunde und Angehörige gegen ein wechselndes Personal von Fremden ein, weshalb es uns immer schwererfällt, uns sogar in unserer unmittelbaren Umgebung zu Hause zu fühlen. Mit der fortschreitenden Globalisierung und Migration kommunizieren wir eher mit Fremden in Indien als mit Menschen vor unserer eigenen Haustür.

Der Politikwissenschaftler Chris Rumford spricht daher von einem Grundgefühl der Fremdheit, das er so beschreibt: »Aus dem Alltag vertraute Orte vermitteln den Eindruck, als gehörten sie nicht ganz ›uns‹. In unseren Vierteln leben wir neben, aber auch isoliert von Menschen, die wir gern als unsere Gemeinschaft bezeichnen würden. […] Wir wissen nicht mehr, wer ›wir‹ sind, und es fällt uns schwer zu sagen, wer zu ›uns‹ gehört und wer von außen kommt. […] Fremdheit bedeutet, dass auch ›wir‹ wahrscheinlich (für irgendjemanden) Fremde sind.«

Das ist allerdings nicht nur in Metropolen zu beobachten. Schon kleinere Städte sind betroffen, auch hier kann das Zusammenspiel aus demographischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräften derartige Verwerfungen bewirken, dass die hier Geborenen ihren Heimatort nicht wiedererkennen und sich wie Fremde im eigenen Land fühlen. Mit zunehmender Vielfalt kann allein die Vorstellung, mit Fremden zu sprechen, Ängste auslösen, und zwar bei konservativ und liberal eingestellten Menschen gleichermaßen. Diese Ängste können wiederum dazu führen, dass wir nicht nur Fremde meiden, sondern sogar die Angehörigen unserer eigenen Gruppe.

Daher das neue Grundgefühl der Entwurzelung und Unverbundenheit. »Wir haben unsere Lebenswelt radikal verändert«, schrieb der Hirnforscher John Cacioppo, dessen Spezialgebiet die Einsamkeit war. »Arbeiten, Wohnen, Moral und Gesellschaft werden vom globalisierten Kapitalismus umgeprägt, und ein großer Teil der Welt scheint fest entschlossen, eine Lebensform zu wählen, die das chronische Gefühl der Vereinzelung verstärkt, das Millionen von Menschen bereits erleben.«

Angesichts der schlechten Presse, die Fremde in den letzten gut zwei Millionen Jahren bekommen haben, stellt sich die Frage, warum überhaupt irgendjemand mit Fremden spricht. Wir tun es trotzdem. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig. Ohne sie wären wir nichts. Meine eigene Geschichte ist der beste Beleg. Ich bin sicher kein blauäugiger Mensch und mir schmerzlich bewusst, welches Leid Menschen einander zufügen können, und nach vier Jahrzehnten auf diesem Planeten bin ich immer wieder aufs Neue entsetzt über die Sinnlosigkeit und Willkür dieses Leids. Für mich zeichnet sich der Homo sapiens allzu oft durch seine monströse Verwirrung, Widersprüchlichkeit und Zerstörungswut aus. Doch Begegnungen mit Fremden haben mein Leben immer wieder in eine entscheidende Richtung gelenkt.

Während des Studiums spielte ich in einem Musikladen in einem Vorort von Philadelphia einen Bass zur Probe. In diesem Moment betrat ein Mann mit Cowboyhut den Laden, sah mich an, dann den Bass, dann wieder mich und sagte: »Mann, du siehst aus wie Conan O’Brien!« Er heuerte mich vom Fleck weg für seine zwölfköpfige Funk-Band an, und von da an trat ich bei Gigs in verschiedenen Clubs und Baptistenkirchen in der Umgebung von Philadelphia auf. Oft war ich dort der einzige Weiße. Für mich als Zwanzigjährigen aus einem weißen Viertel war diese Erfahrung – die Unterstützung durch ältere Musiker und die Gastfreundschaft, die Gottesdienstbesucher diesem blassen, gottlosen Eindringling entgegenbrachten – absolut prägend und veränderte meine Weltsicht.

Nach dem Studium entdeckte ich in einem Buchladen einen Flyer, mit dem Autoren für eine neue Zeitschrift gesucht wurden. Ich fühlte mich angesprochen und meldete mich beim Verfasser. Aus der Zeitschrift wurde zwar nichts, doch der Mann war der Vertriebsleiter einer kleinen Wochenzeitschrift. Wir wurden Freunde, wenige später teilten wir uns eine Wohnung, und durch ihn lernte ich den Chefredakteur der Zeitschrift kennen. Ich schrieb meine ersten Artikel, und ein paar Jahre später war ich selbst der Chefredakteur. So kam ich zum Journalismus. Mit Fremden zu sprechen ist gut fürs Geschäft und den Beruf. Wäre dieser Flyer nicht gewesen, wäre ich heute nicht der, der ich bin.

Nicht zu vergessen die irische Kollegin, die mich ein Jahr später auf eine Party schleppte, wo ich einen Fremden kennenlernte, der mit einer anderen Fremden zusammenarbeitete. Sie wurde schließlich meine Frau und Mutter meiner inzwischen vierjährigen Tochter, die – apropos Fremdenangst – neulich zu mir sagte: »Papa, es gibt Leute, die können Angst vor dir haben. Aber ich nicht, weil, ich kenn dich ja schon so lange.«

Meine Eltern Ed und Joan sind Weltmeister darin, Fremde anzusprechen. Egal, wo sie hingehen, überall schließen sie neue Bekanntschaften: zu Hause, im Urlaub, im Restaurant oder auf der Straße. Sie horten Freunde und Bekannte. Während viele ältere Menschen tatenlos zusehen, wie ihr soziales Netz zusammenschrumpft, lernen meine Eltern unermüdlich neue Menschen kennen. Solange sie mit Fremden sprechen, wissen sie, dass sie noch am Leben sind.

Ohne Frage: Wer ich bin, was ich denke und wo ich lebe, habe ich nur Fremden zu verdanken. Trotzdem sitze ich in dieser Kneipe, wenige Zentimeter von anderen Menschen entfernt, habe schweigend den Blick gesenkt, das Gesicht gebadet im bläulichen Schein des Handybildschirms. Und es geht mir nicht gut damit.

Warum sprechen wir nicht mit Fremden? Wann werden wir mit Fremden sprechen? Und was passiert, wenn wir es tun?

Dieses Buch ist der Versuch, diese Fragen zu beantworten. Dabei ist es so einfach: Wir werden bessere, klügere und glücklichere Menschen und haben weniger Angst vor Fremden und damit vor dem Rest der Welt. Eine Flut aktueller Untersuchungen bestätigt, dass uns die Begegnung mit Fremden persönlich bereichert und für neue Chancen, Beziehungen und Perspektiven öffnet. Es lindert unsere Einsamkeit und festigt das Gefühl der Zugehörigkeit zu dem Ort, an dem wir leben, auch wenn sich dieser Ort verändert. Das Gespräch mit Fremden, seien es Flüchtlinge oder Andersdenkende, kann Vorurteile abbauen, Parteilichkeit verringern und bröckelnde Gesellschaften heilen. Oder um es mit dem Philosophen Kwame Anthony Appiah zu sagen: »Wenn ein Fremder nicht mehr nur in unserer Vorstellung existiert, sondern ein realer und präsenter Mensch ist, der am gemeinsamen Sozialleben teilhat, dann kann man ihn sympathisch oder unsympathisch finden, man kann seine Meinungen teilen oder nicht. Aber wenn beide willens sind, dann können sie sich immerhin gegenseitig verstehen.«

Auf den folgenden Seiten gehen wir gemeinsam vom Kleinen zum Großen. Wir beginnen mit neuen Erkenntnissen von Psychologen, die uns erklären, was passiert, wenn wir in einen noch so kurzen Austausch mit einem fremden Menschen treten. Dann steigen wir tiefer ein. Warum vermittelt uns ein solcher Austausch ein angenehmes Gefühl? Auf der Suche nach einer Antwort blicken wir zurück zu den Ursprüngen der Menschheit und unseren äffischen Vorfahren. Wir erfahren, wie der Mensch zum »ultrakooperativen Affen« wurde, wie Wissenschaftler sagen – ein Wesen, das Fremde einerseits fürchtet, andererseits aber auf sie angewiesen ist. Wir sehen uns an, wie Jäger und Sammler geschützte Formen der Kommunikation mit Fremden entwickelten, weil dieser Kontakt ihr Überleben sicherte. Wir erfahren, wie Gastfreundschaft gegenüber Fremden ein Pfeiler der Zivilisation wurde. Wir stellen fest, dass die wahre Leistung der großen Religionen darin bestand, Fremde zu Vertrauten zu machen, auch wenn man diesen Menschen niemals begegnete. Wir erfahren, dass Städte entstanden, weil der Mensch mehr Umgang mit Fremden suchte, nicht weniger. Wir finden heraus, dass die menschliche Zivilisation vor allem deshalb entstand, weil Menschen die Furcht vor Fremden mit den Chancen versöhnen konnten, die sie bieten. Und wir erkennen, was uns davon abhält, mit Fremden zu sprechen – von der Technik über die Politik zur Staatsangehörigkeit.

Dabei lernen wir natürlich eine Menge Fremde kennen: Menschen auf der Straße, aber auch Aktivisten und Wissenschaftler, die eine Kultur des Kontakts zwischen Fremden entwickeln wollen, um einige der übelsten Verwüstungen unserer modernen Zivilisation zu beseitigen. Und vor allem lernen wir, wie wir selbst im Alltag mit Fremden sprechen können – Methoden, die ich an mir selbst erprobe, während ich versuche, zu einem sozialeren Menschen zu werden.

Mit dieser Reise durch zwei Millionen Jahre möchte ich Sie anspornen, mit Fremden zu sprechen. Im Gegensatz zu dem, was uns Presse, Politiker, Schulen, Polizei und so weiter so lange eingeredet haben, ist es nämlich sehr viel weniger gefährlich, mit Fremden zu sprechen, als nicht mit ihnen zu sprechen.

Mit Fremden zu sprechen ist nämlich nicht nur eine Frage der Lebenskunst – es ist auch eine Frage des Überlebens.

TEIL 1

Was passiert, wenn wir mit Fremden sprechen

KAPITEL 1 Fremde auf der Schulbank

Ich reise nach London, um eine Fähigkeit neu zu erlernen, die eigentlich zu den menschlichen Grundkompetenzen gehört, und fühle mich unwohl – ein erster Vorgeschmack auf kommende Ereignisse.

Unsere gemeinsame Reise beginnt an einem sonnigen Morgen in einem kleinen Seminarraum der Regent’s University in London. Matt vom Jetlag sitze ich auf einem Stuhl und richte mich an meiner dritten Tasse Kaffee auf. Außer mir befinden sich noch vier weitere Personen im Raum, die zum Glück einen etwas wacheren Eindruck machen als ich. Wir sind hier, um zu lernen, wie man mit Fremden spricht. Die Kursleiterin ist eine dynamische Neunundzwanzigjährige namens Georgie Nightingale. Georgie ist Gründerin von Trigger Conversations, einer »Organisation für menschliche Verbindung« in London, die mit ihren Veranstaltungen sinnhaltige Gespräche zwischen Fremden stiften will. Sie war mir von einer renommierten Psychologin empfohlen worden, die ich Ihnen in einem der späteren Kapitel vorstellen werde. Ich rief sie an, und als sie mir sagte, sie plane einen dreitägigen Intensivkurs zum Sprechen mit Fremden, buchte ich umgehend einen Flug. Wenig später landete ich in London, legte mich ein paar Stunden aufs Ohr und schleppte mich dann, vollgepumpt mit Koffein, in den Kursraum.

Georgie gründete Trigger Conversations im Jahr 2016. Sie hatte eine bunte Laufbahn hinter sich. 2014 hatte sie ihr Philosophiestudium abgeschlossen mit einer Magisterarbeit über »Emotionen, Glaubwürdigkeit und Täuschung aus psychologischer und linguistischer Sicht«, wie sie sagt. Die Arbeit weckte ihr Interesse an Sprache und Gesprächen. Nach dem Studium hatte sie ein Praktikum bei einem Start-up gemacht, dann bei verschiedenen Unternehmen als Projektleiterin gearbeitet und einen Ausflug an das Francis Crick Institute unternommen, eine renommierte biomedizinische Forschungseinrichtung. »Das war meine letzte Anstellung«, sagt Georgie. Danach machte sie sich selbstständig.

Sie habe schon immer gern und viel geredet, meint sie, aber Fremden gegenüber sei sie eher schüchtern gewesen. »Das lag auch an der sozialen Scheu. Es ist schließlich nicht normal, Fremde anzusprechen«, erklärt sie. Dazu kam aber auch, dass ihre Gespräche mit neuen Bekanntschaften oft langweilig verliefen und nicht über »Was machen Sie so?« und »Wie war Ihr Tag?« hinausgingen. Sie wollte Menschen zeigen, dass solche Gespräche keineswegs öde oder floskelhaft verlaufen müssen, sondern schillernde, informative und gemeinsame Erkundungsgänge sein können. Nachdem sie Trigger Conversations gegründet hatte, entwarf sie ein kurzes Manifest, in dem sie unter anderem schrieb: »Wir sind Abenteurer in Sachen Konversation. Wir sind Reisende ohne Ziel. Wir erforschen das Unbekannte, ohne jede Erwartung. Jeder von uns ist ein Lehrer, und jeder Mensch ist eine Chance.«

Georgie stellte fest, dass sie ihre Expedition auf besonders fruchtbarem Gebiet begonnen hatte. Großbritannien und insbesondere London sind internationale Vorreiter einer Bewegung, die sich um den Kontakt zwischen Fremden bemüht. Das Land unternimmt nämliche große Anstrengungen im Kampf gegen die landesweite Epidemie der Einsamkeit. In einer aktuellen Erhebung stellte das Rote Kreuz fest, dass sich ein Fünftel der Bevölkerung oft oder immer einsam fühlt. 2018 ernannte die britische Regierung den ersten »Einsamkeitsbeauftragen«, einen hochrangigen Regierungsbeamten, der Maßnahmen zur Stärkung sozialer Beziehungen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts ergreifen soll.

In den letzten Jahren sind zahlreiche Bürgerinitiativen entstanden, die Gespräche zwischen Fremden in Cafés, Pubs oder öffentlichen Verkehrsmitteln anstoßen wollen. Eine dieser Initiativen lässt zum Beispiel in Cafés und Gaststätten Tische reservieren, an denen Fremde ins Gespräch kommen können; diese Einrichtung gibt es inzwischen in mehr als neunhundert Ortschaften Großbritanniens. 2019 startete die BBC eine Serie mit dem Titel Crossing Divides (etwa: »Gräben überwinden«), die Menschen anregen soll, über gesellschaftliche, kulturelle oder ideologische Unterschiede hinweg miteinander zu sprechen. Unter anderem initiierte die BBC einen »Chatty Bus«-Tag, der Fahrgäste von Nahverkehrsbussen zum Plaudern anregen soll, denn der Bus »ist möglicherweise der einzige Ort, an dem wir mit Menschen außerhalb unseres Kokons von Familie, Freunden und Kollegen in Berührung kommen«, wie Projektleiterin Emily Kasriel schrieb.

Das war eine etwas andere Art des Umgangs, als ihn Londoner und Briten sonst in öffentlichen Verkehrsmitteln pflegen.1 Obwohl er sämtlichen britischen Gepflogenheiten widersprach, war der »Chatty Bus« ein voller Erfolg. »Das war die beste Busfahrt meines Lebens«, meinte eine Frau und gestand, dass sie unter ihrer Scheu litt. Einige jedoch, die von der BBC befragt wurden, äußerten sich skeptisch oder gar ablehnend gegenüber Initiativen dieser Art und zweifelten daran, dass das Londoner Temperament für derlei Experimente zugänglich sei. Als ich mich in London mit einem befreundeten Engländer bei einem Bier unterhielt und ihm sagte, dass ich einen Kurs belegte, um mit Fremden zu sprechen, erwiderte er: »Du weißt aber schon, dass wir da weltweit auf dem letzten Platz liegen?«

Georgie war verständlicherweise anfangs nervös, und das nicht nur, weil die Londoner einen Horror davor haben, in der U-Bahn mit ihren Sitznachbarn zu plaudern. Sie fürchtete, dass es keine Kunden für ein Unternehmen gab, das Gespräche zwischen Fremden fördern will, und wenn doch, dass die Teilnehmer es vielleicht ausprobieren, aber gleich wieder aufgeben würden. Während ihrer ersten Veranstaltungen rang sie mit den sozialen Normen und Ängsten, die uns daran hindern, Fremde anzusprechen. Was sollten sie sagen? Wo sollten sie anfangen? Die Leute wussten nicht, »wie sie sein sollten«, erklärt sie. »Wenn man jemanden bittet: ›Komm zu einer Veranstaltung für sinnhaltige Gespräche mit Fremden – wir sprechen nicht über Arbeit, wir sprechen nicht darüber, wo wir wohnen‹, dann antworten sie: ›Worüber soll ich denn dann reden?‹ Auf einmal wissen sie nicht mehr, was sie sagen können und was nicht.«

Georgie wurde bald klar, dass sich die erste Scheu nicht überwinden lässt, indem sie den Teilnehmern mehr Freiräume gab, sondern indem sie diese Freiräume einschränkte. Sie stellte Gruppen von zwei bis drei Personen zusammen, gab jedem Kärtchen mit konkreten Fragen und ein Zeitlimit. Damit nahm sie ihnen die Vorarbeit ab – wie geht man auf jemanden zu, wie beginnt man ein Gespräch, wie findet man ein Thema. Die Gefahr einer Zurückweisung war gleich null, und man musste sich keine Gedanken darüber machen, wie man ein solches Gespräch wieder beendet. Die Teilnehmer konnten einfach loslegen, und wenn die Glocke ertönte, konnten sie das Gespräch beenden, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. »Das ist unglaublich befreiend«, sagte sie.

Seit der Gründung von Trigger Conversations hat Georgie mehr als hundert Veranstaltungen und zahllose Kurse durchgeführt – mit Fremden, Unternehmen, Gemeinden, Universitäten und Konferenzen in London und in aller Welt. 2020 entwickelte sie beispielsweise ein Programm für das University College in London, um Studenten zu helfen, Bekanntschaften zu schließen und Freunde zu finden – das fällt ihnen nämlich oft schwer, wie wir noch sehen werden. Am Ende der Veranstaltungen sind viele Teilnehmer wie verwandelt – selbstbewusster, neugieriger und vor allem zuversichtlich, dass sie diese Gespräche auch in ihren Alltag einbauen können. »Viele fragen mich: ›Wie kann ich das im Alltag machen? Ich will mich mit Fremden unterhalten, aber ich kann Ihnen ja nicht einfach ein Konversationskärtchen in die Hand drücken und sie bitten, ob sie mir eine Frage beantworten wollen?‹«

Diese scheinbar angestaute Nachfrage brachte Georgie auf eine Idee. Sie wollte einen Kurs anbieten, in dem Menschen lernen, diese Gespräche auch im Alltag zu führen. Sie besuchte Selbsthilfekurse und beschäftigte sich damit, was alles zu einem scheinbar so einfachen Gespräch mit Fremden gehört. »Wie kann man ein Gespräch führen, das kühl beginnt, und es schnell herzlich machen? Wie stellt man die richtigen Fragen, um eine Verbindung herzustellen, um tiefer zu gehen oder um kreativ und verspielt zu sein? Welche Selbstwahrnehmungen stehen uns im Weg, welche Vorstellungen haben wir von dem anderen, die uns daran hindern, Risiken einzugehen?«

Von vielen ihrer Kursteilnehmer hörte Georgie, das Schwierigste an Gesprächen mit Fremden sei der Anfang: Wie geht man auf jemanden zu, wie vermittelt man ein Gefühl der Sicherheit, wie macht man klar, dass man nichts im Schilde führt, sondern nur freundlich oder interessiert ist? Sie stellte fest, dass ältere Menschen eher bereit sind, ein Gespräch zu beginnen, während jüngere Menschen mehr Vertrauen benötigen. Sie beobachtete, dass eine aufrichtige Antwort auf die floskelhafte Begrüßungsfrage »Na, wie geht’s?« eine erste Verbindung zwischen Fremden herstellt, den Boden für ein Gespräch bereitet, weil es Verwundbarkeit und Interesse signalisiert und das Gegenüber ermuntert, ähnlich aufrichtig zu antworten. Bei eigenen Versuchen stellte sie fest, dass die Mehrheit der Menschen tatsächlich auf sie einging und die meisten dieser Interaktionen »sinnhaltig« verliefen, wie sie sagt.

Während sie Ideen sammelte und mit Methoden experimentierte, wurde ihr immer klarer, wie wertvoll der Kontakt zu Fremden sein konnte. Georgie erinnert sich, wie sich ein Teilnehmer einer ihrer ersten Kurse bei ihr bedankte: »Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, mit diesem Menschen zu sprechen. Aber in unserer Unterhaltung haben wir festgestellt, wie viel wir gemeinsam haben. Es war erstaunlich, wie verbunden ich mich mit jemandem gefühlt habe, der so ganz anders ist als ich.«

Solche Erlebnisse hat Georgie mittlerweile täglich. »Wenn ich sehe, wie ich eine Beziehung zu jemandem herstelle, finde ich ihn oder sie sympathischer, ich entwickle mehr Vertrauen und habe das Gefühl, dass wir Teil einer größeren Welt sind, dass wir nicht nur auf unseren eigenen Inseln hocken«, meint sie. »Das Leben ist so viel lebenswerter und befriedigender. Ich spüre weniger Ärger und Wut, weil ich weiß, dass jeder sein Leben lebt, genau wie ich, dass jeder eine Geschichte hat, genau wie ich, und dass sich unsere Erfahrungen wahrscheinlich gar nicht so sehr unterscheiden.«

Aber wenn wir es uns zur Gewohnheit machen, mit Fremden zu sprechen, dann bringt uns das mehr als ein angenehmes Gefühl. Es bringt echte Freude, Tiefe und Gemeinschaft. Wenn es weithin praktiziert würde, könnte es ihrer Ansicht nach einen Beitrag dazu leisten, unsere zerrüttete Gesellschaft zu heilen. »Es geht nicht nur um den Einzelnen«, sagte sie. »Es geht um das Ganze. Es geht darum, anders zu leben.«

Strahlend, einnehmend und wortgewandt steht Georgie vor uns und erklärt, was uns in den kommenden Wochen erwartet. Sie will uns »von unbewusster Inkompetenz zu bewusster Inkompetenz, von bewusster Kompetenz zu unbewusster Kompetenz« führen. Mit anderen Worten, wir haben momentan kein Händchen für Gespräche mit Fremden, und wir wissen nicht, warum das so ist. Wir erfahren, was uns fehlt. Wir arbeiten an uns. Und am Ende sind wir hoffentlich so kompetent, dass es uns zur zweiten Natur wird.

Reihum stellen wir uns vor. Ich sage, dass ich vor allem deshalb da bin, weil ich ein Buch schreibe. Aber dieses Buch schreibe ich, weil ich sehe, wie gut es meinen Eltern tut, mit Fremden zu sprechen, und wie leicht es ihnen fällt und weil ich es auch lernen will. Justine – die Namen der Kursteilnehmer habe ich geändert – , eine Australierin Anfang vierzig, erzählt uns, dass in Australien das Sprechen mit Fremden gepflegt werde. In London sehe man sie dagegen schief an, wenn sie freundlich sei. Als sie im Pub einen Typen gegrüßt habe – einfach so, ohne jeden Hintergedanken – , habe dieser sie postwendend darüber in Kenntnis gesetzt, dass er eine Freundin habe. Solche und ähnliche Reaktionen hätten ihrem Selbstvertrauen nicht gutgetan, und sie habe sich in ihr Schneckenhaus zurückgezogen. Sie frage sich, ob die Leute vielleicht nicht mit ihr reden wollen, »weil ich dick bin«. Sie glaube zu bemerken, dass in der U-Bahn ein freier Platz neben ihr als letzter besetzt werde. Sie arbeite im Homeoffice und habe wenig Kontakt zu anderen. Und wenn sie Fremde ansprechen wolle, wisse sie nicht mehr so recht, was sie sagen solle.

Die nächste Teilnehmerin, Paula, Ende zwanzig, macht einen aufgeweckten und umgänglichen Eindruck. Sie arbeite viel, erzählt sie, und ihre Arbeit verlange Effizienz und Höflichkeit, was leicht ein wenig unterkühlt wirken könne. Wenn sie sich mit Fremden unterhalte, »dann sage ich selten Dinge, die mir wirklich am Herzen liegen, ich bin wie ferngesteuert und erzähle nichts von mir selbst«, berichtet sie. »Ich glaube, das verhindert eine echte Beziehung.« Einige ihrer Schulfreunde haben sie sogar wissen lassen, sie hätten das Gefühl, sie gar nicht richtig zu kennen. »Das tut mir sehr weh«, sagt sie. Trotzdem habe sie Angst, sich zu öffnen, weil sie meine, die anderen könnten nicht an dem interessiert sein, was sie zu sagen habe.

Nick, Mitte zwanzig, ein kleiner und stiller Typ, ist auf einem Bauernhof groß geworden und erst vor Kurzem in einen Vorort von London gezogen. In Gesprächen sei er nervös, sagt er uns, und es falle ihm schwer, sich auszudrücken. Er wäre gern kreativer und würde gern »bessere« Fragen stellen. Beim Mittagessen erzählt er mir später, er wolle gern geübter im Umgang mit Fremden werden, »um frei zu sein«. Er träumt davon zu reisen und glaubt, mit besseren kommunikativen Fähigkeiten könne er sich überall wohlfühlen – diese Kompetenz ist für ihn der Schlüssel zur Welt. Damit sei er nirgends auf der Welt ein Fremder.

Die jüngste Teilnehmerin, Margot, ist Anfang zwanzig. Sie erzählt uns, sie habe schlicht kein Interesse an anderen Menschen, doch sie wolle aus sich selbst heraus. Sie beschreibt sich als misstrauisch, widerborstig und still, aber sie sei gnadenlos und ohne jedes Taktgefühl, wenn es darum gehe, ihre Meinung zu sagen. Das habe ihr das soziale Miteinander nicht gerade leichter gemacht.

Als Erstes sollen wir uns ein Szenario vorstellen, in dem wir einen anderen Menschen ansprechen, und uns eine Eröffnung ausdenken. Ich schlage einen Kellner vor.

»Warum würdest du mit einem Kellner sprechen wollen?«, fragt Margot.

Ich antworte, dass ich es immer peinlich finde, einen Menschen, der mir das Essen an den Tisch bringt, so zu behandeln wie einen Roboter. »Das liegt bestimmt daran, dass du Amerikaner bist«, meinte sie. Später, während einer intensiven Zweierübung, in der jeder mehrere Minuten lang ohne Unterbrechung über persönliche Gefühle sprechen soll, erklärt mir Margot, ich mache einen robusten Eindruck auf sie, aber ich erinnere sie auch an ihren Vater, was sie einerseits tröste, andererseits aber auch ein wenig nervös mache. Ich weiß nicht so recht, was ich darauf erwidern soll.

Es bleibt nicht der einzige Moment, in dem ich mich etwas unwohl in meiner Haut fühle. In den folgenden Tagen führen wir sehr persönliche Gespräche. Wir sehen einander tief und lange in die Augen. Wir berühren einander am Arm, um unsere Gewogenheit auszudrücken. Wir beobachten, was wir fühlen und denken, während wir mit Menschen sprechen, die wir nicht kennen. Mein Unbehagen sollte allerdings nicht auf den Kurs, den Campus und London beschränkt bleiben. Ich erlebte es immer wieder. Ich hatte mir vorgenommen, meinen Umgang mit Fremden zu verbessern und ein sozialeres Wesen aus mir zu machen. Ich sollte bald feststellen, dass ich eine Menge zu lernen hatte.

KAPITEL 2 Ein ungenutzter Glücksmoment

In diesem Kapitel erfahren wir, dass wir zufriedener, gesünder und weniger einsam sind, wenn wir mit Fremden sprechen. Aber auch, dass wir es selten tun, weil wir uns nicht ganz sicher sind, ob Fremde wirklich Menschen sind.

Der Sinn dieses Kurses erschließt sich Ihnen vielleicht eher, wenn ich Ihnen einen Überblick über die wachsende Forschungsliteratur gebe, die sich mit der Frage beschäftigt, was es mit uns macht, wenn wir mit Fremden sprechen. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten haben Psychologen herausgefunden, dass wir zufriedener sind, wenn wir mit Fremden sprechen, dass wir uns an unserem Wohnort heimischer fühlen und dass wir geistig wacher, gesünder, vertrauensvoller und optimistischer sind. In diesem Kapitel lernen wir einige der Wissenschaftler kennen und sehen uns an, was sie herausgefunden haben. Das ist die Grundlage für alles, was wir in diesem Buch gemeinsam erkunden wollen. Aber zuerst möchte ich Ihnen eine Frau vorstellen, die all das selbst erlebt hat, was die Psychologen herausgefunden haben. Ihr Name ist Nic, sie arbeitet als Krankenschwester in Las Vegas, und mit Fremden zu sprechen hat ihr Leben verändert.

Nic wuchs in einem kleinen Strandbadeort im Bezirk Santa Cruz County von Kalifornien auf. Ihr Vater war ein launischer Mann, und ihre Mutter hatte zahlreiche Traumata erlebt, die sie an ihre Tochter weitergegeben hatte. Sie war ein ängstliches Kind. »Mein Reptilienhirn war darauf programmiert, jeden Menschen zu fürchten, weil jeder Mensch böse ist und dir weh tun wird«, sagt Nic. »Ich habe gedacht, ich müsste vor allem und jedem Angst haben.«

Als Kind ging sie Menschen aus dem Weg, soweit es irgend möglich war. »So habe ich mich sicher gefühlt. Ich hatte Tausende Bücher. Ich hatte meinen Hund, Katzen und ein paar Meerschweinchen. Mehr habe ich nicht gebraucht. Bei den Tieren habe ich mich sicher gefühlt, ich habe gewusst, dass sie mir nicht wehtun würden.«

Nics Jugend war schwierig. Ihre Mutter war ägyptische Jüdin, ihr Vater Schotte, mit ihrem Haarschopf und ihrer Akne stach sie aus der überwiegend blütenweißen Schülerschaft hervor. »Ich bin ziemlich gemobbt worden«, sagt sie. Aber Außenseiterin zu sein hatte auch sein Gutes. So lernte Nic vor allem Kinder kennen, die ebenfalls anders aussahen oder eine andere Herkunft hatten. Wenn eine neue schwarze oder lateinamerikanische Schülerin an die Schule kam, dann fanden sie automatisch zusammen. »Einmal ist eine Französin neu in meine Klasse gekommen. Wir waren sofort Freundinnen, denn sie war allein, und ich war allein.« Die Fremdheit beider war der Nährboden ihrer Freundschaft.

Nic lernte, Fremde zu fürchten – natürlich von ihrer Mutter, aber auch von ihrem Heimatland, das Kindern die Fremdenangst quasi in die Wiege legt. Doch als Nic Freundschaft mit diesen Fremden schloss, stellte sie fest, dass sie alles andere als gefährlich waren. Im Gegenteil, sie boten ihr Geborgenheit und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Sie machten ihre Welt größer. Der Kontakt mit ihnen machte ihr Leben besser. »Auf diese Weise habe ich als Kind eine Menge unglaublicher Leute kennengelernt«, erinnert sie sich. »So hat das Ganze wahrscheinlich angefangen: Ich fühle mich wohl in Gegenwart von Fremden, obwohl ich eigentlich Angst vor ihnen haben sollte.«

Mit »das Ganze« meint Nic etwas, das sie als »Greyhound-Therapie« bezeichnet – eine Praxis, die sie später erfand und die ihr half, ihre Furcht vor Fremden zu überwinden und ihren Platz in der Welt zu finden. Es begann schon in ihrer Kindheit. Ihre Eltern verreisten nie, weil sie Angst hatten. Aber wie so oft weckte dieser eingeschränkte Bewegungsradius in der Tochter den brennenden Wunsch, ihre Kleinstadt hinter sich zu lassen. »Irgendetwas in mir ist zu dem Schluss gekommen, dass ich da rausmuss«, sagt sie. Ihre Begegnungen mit neuen und ungewöhnlichen Menschen weckten ihre Neugierde auf die Welt jenseits der erdrückenden und paranoiden Enge der Kindheit. »Gott hat eine große Erde mit unzähligen Menschen erschaffen«, sagte sie sich. »Und die will ich kennenlernen.«

Gesagt, getan. Mit siebzehn unternahm Nic mit ihrer Highschool einen zehntägigen Ausflug nach Europa, und was sie dort erlebte, war ein Schock. »Da haben x-beliebige Leute einfach angefangen, mit mir zu sprechen«, erinnert sie sich. »Wenn die Europäer hören, dass du aus Amerika kommst, du liebe Zeit – auf diese Weise habe ich eine Menge tolle Leute kennengelernt.« Das vermittelte ihr Selbstvertrauen. »Wenn die Europäer einfach so mit mir reden, dann bin ich vielleicht gar nicht so schlimm«, dachte sie. »Und vielleicht sterbe ich ja auch nicht gleich, wenn ich mit ihnen spreche.«

Mit achtzehn unternahm sie allein ihre erste Autofahrt. Sie fuhr nach Eureka in Kalifornien, weil ihr der Name so gut gefiel. Sie verbrachte eine Nacht allein in einem Hotel, und am nächsten Tag fuhr sie wieder nach Hause. Es war nur ein kurzer Ausflug, doch damit hatte sie Guthaben auf dem Konto ihres Selbstbewusstseins gesammelt. Sie unternahm weitere Ausflüge und sprach mit immer mehr Menschen. Die Begegnungen machten sie nervös, denn sie war darauf programmiert, immer das Schlimmste zu erwarten, doch es ging jedes Mal gut. »Danach habe ich ernsthaft versucht, meinen Horizont zu erweitern und aufs Geratewohl mit Leuten zu sprechen«, sagt sie. So begann ihre Greyhound-Therapie: Sie setzte sich in den Überlandbus und unterhielt sich mit ihren Sitznachbarn. Aber Nic sprach nicht nur im Bus mit Fremden, sondern überall, in Restaurants, an Bushaltestellen, im Supermarkt, wo es eben Fremde gab.

Das Leben wurde allerdings nicht einfacher. Mit einundzwanzig schloss sie ihre Ausbildung als Krankenpflegerin ab, und wenige Jahre später verliebte sie sich. Gemeinsam war ihr und ihrem Freund die Liebe zu Autos, die Nic von ihrem Vater hatte, einem Fernfahrer (das war allerdings auch schon das Einzige, worüber sie mit ihrem Vater sprechen konnte). Sie heiratete den Mann, doch der erwies sich als launisch und gewalttätig. Die Ehe hielt nicht einmal bis zum ersten Hochzeitstag, stattdessen landete sie mit einem ausgeschlagenen Zahn im Krankenhaus und musste genäht werden.

Sie lernte einen anderen Mann kennen, einen New Yorker wie aus dem Bilderbuch, und zog mit ihm nach Big Apple. »Er war ein typischer New Yorker, vollkommen unausstehlich und das glatte Gegenteil von mir«, meint sie. Als Koch an einer Universität hatte er viel Urlaub, und obendrein war er reiselustig. Sie fuhren nach Alaska, von da nach Mexiko und wieder zurück nach New York, und unterwegs unterhielten sie sich überall mit Menschen. Vier Jahre lang waren die beiden zusammen, doch für ihn hatte das Leben als Koch seinen Preis. Er fing an zu koksen und war nicht wiederzuerkennen. Da sie diese Geschichte schon kannte, verließ sie ihn. Er verfiel schließlich seiner Sucht, doch der gute Einfluss, den er auf sie gehabt hatte, blieb erhalten.

Danach lebte Nic eine Zeitlang allein und fühlte sich einsam. »Das hat mich erschreckt, weil ich nie gedacht hätte, dass ich mich jemals einsam fühlen würde«, sagt sie. »Deswegen habe ich wieder mit der Greyhound-Therapie angefangen. Ich habe Kontakt zu Menschen gesucht, um die Einsamkeit fernzuhalten.«

»Und das hat funktioniert?«, fragte ich sie.

»Sehr gut sogar. Ich bin mit den erstaunlichsten Geschichten nach Hause gekommen. Ich habe zwar niemanden gehabt, dem ich sie erzählen konnte, aber ich hatte die Geschichten, das waren meine. Das war auch eine Art Mutprobe, wenn Sie so wollen. Je mehr ich mit Leuten zu tun hatte, umso mehr Selbstvertrauen habe ich bekommen.«

Es hat einen anderen Menschen aus ihr gemacht. Heute ist Nic eine Krankenschwester mit einer schier unheimlichen Gabe im Umgang mit Patienten, sie ist glücklich mit einem liebevollen und geselligen Mann verheiratet und lebt in Las Vegas. Sie reist so viel wie eh und je, und wenn sie allein unterwegs ist, nutzt sie ihre Busfahrten nach wie vor als Greyhound-Therapie. Sie sieht sich ihren Sitznachbarn an, oder jemanden, der allein an einem Tisch oder Tresen sitzt. Wenn jemand einen Kopfhörer aufhat oder desinteressiert wirkt, lässt sie ihn in Ruhe. Wenn er aber einen offenen Eindruck macht, sagt sie »Hi, ich bin Nic« und schaut, wie sich die Sache entwickelt. Sie ist weder leichtsinnig noch naiv. Sie käme niemals auf den Gedanken, in einer dunklen Gasse einer unbekannten Stadt jemanden anzuquatschen. Wie viele Kinder dysfunktionaler Eltern hat sie ein feines Gespür für Menschen, Situationen und möglichen Ärger. Doch meistens laufen die Gespräche gut und »bestätigen mir immer wieder neu, dass nicht jeder versucht, mir weh zu tun, auch wenn ich ein paar Feuerproben erlebt habe«, gibt sie zu. Doch diese Feuerproben und die Fremden, die ihr hindurchgeholfen und ihr bestätigt haben, dass die Welt im Grunde gut ist, haben ihr eine wertvolle Lektion mitgegeben: »Unterschätze nie die Kraft einer positiven Verbindung, und sei sie noch so flüchtig.«

Aber was genau ist diese Kraft? In der Psychologie bezeichnet man diese Form des Austauschs als »soziale Mikro-Interaktionen«. Vor gut einem Jahrzehnt erlebte die kanadische Psychologin Gillian Sandstrom, die heute an der University of Essex im Nordosten von London lehrt, eine ähnliche Offenbarung. Sie machte ihre Erfahrungen mit Fremden allerdings an einem Hotdog-Stand, und seither ist sie so etwas wie ein Komet am Himmel der Sozialwissenschaften.

Die achtundvierzigjährige Sandstrom ist Tochter eines extravertierten Lehrerehepaars. »Mein Vater kann gar nicht anders, er muss einfach jeden anquatschen«, erzählt sie. Auch ihre Mutter spricht gern mit Fremden, doch sie ist selektiver und spricht bevorzugt mit Erwachsenen oder Kindern, die allein oder ausgegrenzt scheinen, um sie einzubeziehen. Sandstrom hielt sich immer für einen introvertierten Menschen, bis sie eines Tages ein Aha-Erlebnis hatte. Mit einem Mal bemerkte sie, dass sie die Angewohnheit hatte, mit gesenkten Augen durch die Straßen zu gehen. Wenn sie doch zufällig Blickkontakt zu jemandem herstellte, dann sah sie schnell wieder zu Boden.

»Das ist aber dumm, habe ich mir gedacht«, sagt sie. Danach versuchte sie bewusst, geradeaus zu schauen und dem Blick der anderen nicht mehr auszuweichen. »Das war der erste Schritt, auf Fremde zuzugehen. Ich wollte nur eine schlechte Angewohnheit korrigieren.« Dabei stellte sie fest, dass Blickkontakt keineswegs unangenehm, sondern dass er sich im Gegenteil gut anfühlte. Die Menschen, denen sie auf der Straße begegnete, schienen auch nichts weiter dagegen zu haben, auch wenn es vielleicht ein bisschen ungewöhnlich war. Bei unterschiedlichen Gelegenheiten sagten ihr Fahrgäste der U-Bahn in Toronto, sie komme wohl nicht aus der Stadt. Als sie nach dem Grund fragte, erhielt sie zur Antwort, dass sie ja die Leute anschaue. »Da habe ich mir gedacht, das ist aber ganz schön traurig! Ich hatte nie bemerkt, dass die Leute sich nicht ansehen, sondern dass sie auf den Boden oder an die Decke starren.«

Es dauerte nicht lange, und Sandstrom sah die Fremden nicht nur an, sondern sie sprach auch mit ihnen. Sie staunte, wie einfach es war und wie viel Spaß es machte. »Deswegen macht das mein Vater also, habe ich mir gedacht.« Sie erinnert sich an ein Gespräch in der U-Bahn. Eine Frau hielt eine Schachtel mit einem üppig verzierten Kuchen in Händen, und Sandstrom fragte sie danach. »Ich weiß nicht, wie wir darauf gekommen sind, aber sie hat mir erzählt, dass Menschen auf Straußenvögeln reiten können. Da war ich baff. Es war ein wunderbares Gespräch. Das wollte ich wieder erleben, und deswegen habe ich es öfter ausprobiert.« Auf diese Weise nahm ihr späteres Forschungsthema Konturen an.

Die nächste Offenbarung hatte Sandstrom 2007, als sie an der Ryerson University in Toronto ihren Magister in Psychologie machte. Das Studium war schwer, und Sandstrom fühlte sich oft wie eine Hochstaplerin – ein verbreitetes Gefühl unter Studenten, und wenn wir ehrlich sind eines, das viele Menschen kennen. Ihr Labor befand sich in einem anderen Gebäude als das Büro ihrer Betreuerin, die ein ganzes Stück auseinanderlagen. Auf ihren Fußwegen hatte sie reichlich Zeit, um über ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten nachzudenken. Unterwegs kam sie immer an einer Hotdog-Verkäuferin vorbei. Eines Tages lächelte sie die Frau an und winkte ihr zu, und die Frau lächelte und winkte zurück. Sandstrom spürte einen kleinen Funken. Danach wurde es Teil ihrer Routine. »Immer wenn ich vorbeigekommen bin, habe ich Ausschau nach ihr gehalten und versucht, eine kleine Verbindung herzustellen. Dann habe ich bemerkt, dass ich mich gut fühle, wenn ich sie sehe und sie mich erkennt. Das war so ein Gefühl wie, ja, das ist mein Zuhause.« Sie lacht, weil es so absurd klingt. »Ich habe mich zu Hause gefühlt, weil mich die Hotdog-Verkäuferin erkennt.«

Sandstrom wollte wissen, was da vor sich ging und warum diese Verbindung ein Wohlgefühl in ihr auslöste. Zu ihrer Promotion wechselte sie an die University of British Columbia, und zusammen mit ihrer Betreuerin, der renommierten Glücksforscherin Elizabeth Dunn, führte sie ein Experiment durch. Dazu sollten Erwachsene morgens, wenn sie am Kaffeestand ihren Becher Kaffee holten, mit der Verkäuferin sprechen. Das war ungewöhnlich. Die meisten Menschen, nicht nur Großstädter, wollen Transaktionen dieser Art möglichst effizient abwickeln und unterhalten sich nur in den seltensten Fällen dabei. Manchmal stellen sie nicht einmal Blickkontakt her. Aber Sandstrom und Dunn glaubten, dass wir uns etwas potenziell Wohltuendes vorenthalten, wenn wir keinen Kontakt zu dem Menschen herstellen, sondern ihn wie einen Kaffeeautomaten behandeln. »Könnte es sein, dass wir hier eine verborgene Quelle der Zugehörigkeit und Zufriedenheit ausschlagen?«, fragten sie sich.

Es war ein revolutionärer Gedanke. Es gibt zwar eine umfangreiche Forschungsliteratur, die zeigt, dass Zufriedenheit und Wohlbefinden eng mit der Qualität unserer sozialen Beziehungen zusammenhängen. Wer gute Beziehungen hat, ist körperlich und geistig gesünder, und wer keine guten Beziehungen hat, ist anfälliger für alle möglichen Leiden, von psychischen Problemen bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So einfach ist das. Doch diese Untersuchungen beschäftigen sich in der Regel mit engen Beziehungen zu Angehörigen, Freunden und Arbeitskollegen. Sandstrom und Dunn wollten herausfinden, ob der Umgang mit Fremden ähnlich positive Auswirkungen hat – nicht als Ersatz für enge Beziehungen, sondern gewissermaßen als Ergänzung für eine ausgewogene soziale Diät.

Vor einem Café in einer Einkaufsstraße rekrutierten Sandstrom und Dunn sechzig Freiwillige – dreißig Männer und dreißig Frauen aus allen Altersgruppen. Die Hälfte sollte mit den Verkäufern kommunizieren – »lächeln, über den Blickkontakt eine Beziehung herstellen und ein kurzes Gespräch führen«. Die andere Hälfte sollte die Transaktion so effizient wie möglich abwickeln. Danach sollten beide Gruppe einige Fragen beantworten. Die Vermutung von Sandstrom und Dunn bestätigte sich: Die Freiwilligen, die sich mit der Verkäuferin unterhalten hatten, gaben an, der Kontakt habe ihnen ein stärkeres Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt und ihre Laune gehoben; insgesamt seien sie zufriedener mit ihrem Kauf. In einem Artikel, den sie 2013 veröffentlichten, folgerten die beiden Psychologinnen: »Wenn Sie das nächste Mal einen kleinen Anschub benötigen, dann behandeln sie die Bedienung im Café so, als handele es sich um eine Bekannte, nicht um eine Fremde, und nutzen Sie so diese einfach verfügbare Quelle der Zufriedenheit.«

Etwa zur selben Zeit führten Sandstrom und Dunn eine weitere Untersuchung durch, die der Frage nachging, warum sich Sandstrom zugehörig fühlte, wenn sie der Hotdog-Verkäuferin zuwinkte. Wissenschaftler wissen schon länger, dass wir an Tagen mit mehr sozialen Interaktionen zufriedener sind, aber niemand hatte je Interaktionen mit sogenannten »schwachen Kontakten« untersucht – flüchtigen Bekanntschaften oder Menschen, die wir nur vom Sehen her kennen. Um zu überprüfen, ob die Interaktion mit diesen Leuten Auswirkungen auf unsere Zufriedenheit und Zugehörigkeit hat, verteilten Sandstrom und Dunn rote und schwarze Schrittzähler an achtundfünfzig Studenten. Jedes Mal, wenn sie einen »starken Kontakt« trafen – zum Beispiel einen Freund oder Angehörigen – , dann sollten sie den roten Schrittzähler klicken, und wenn sie einem »schwachen Kontakt« wie der Hotdog-Verkäuferin begegneten, den schwarzen Schrittzähler. Abends sollten sie die Klicks addieren und Fragen beantworten, aus denen hervorging, inwieweit sie sich an diesem Tag verbunden oder einsam gefühlt hatten und inwieweit sie soziale Zugehörigkeit und Gemeinschaftsgefühl erlebten. Dabei fühlten sich diejenigen Teilnehmer am zufriedensten und am stärksten in die Gemeinschaft eingebunden, die die meisten Interaktionen mit starken Kontakten hatten. Das war nicht weiter verwunderlich. Das Erstaunliche war jedoch, dass sich die Teilnehmer umso zufriedener und heimischer fühlten, je mehr Interaktionen sie mit schwachen Kontakten hatten.

Natürlich handelte es sich hier um Studenten, also nicht um eine Gruppe, die stellvertretend für die gesamte Menschheit steht. Also wiederholten Sandstrom und Dunn ihr Experiment mit einundvierzig Erwachsenen, allesamt Freiwillige aus der Stadt. Das Ergebnis war dasselbe. In beiden Untersuchungen stellten sie fest, dass Interaktionen mit schwachen Kontakten an Tagen mit wenigen sozialen Interaktionen eine noch positivere Wirkung entfalten – eine wichtige Erkenntnis im Zeitalter der Einsamkeit. An einsamen Tagen sind Interaktionen mit schwachen Kontakten so labend wie ein Glas Wasser für einen Verdurstenden.

Sandstrom war nicht die Einzige, die aus dieser neu entdeckten Quelle schöpfte. Der Psychologe Nicholas Epley und seine damalige Assistentin Juliana Schroeder von der University of Chicago fragten sich 2013, warum eine derart hypersoziale Art wie der Homo sapiens so zögerlich auf Fremde zugeht. Ihr Anstoß war die Stille, die sie während der Rushhour in einer vollbesetzten U-Bahn beobachteten. »Egal, ob im Zug, im Taxi, im Flugzeug oder im Wartezimmer, Fremde sitzen Millimeter voneinander entfernt und ignorieren einander vollständig, sie behandeln einander als Objekte und nicht als eine Quelle des Wohlbefindens«, schrieben sie. »Wie kommt es, dass die Angehörigen einer Spezies, die anscheinend so großen Nutzen aus den Beziehungen zu anderen zieht, trotz der räumlichen Nähe offenbar die Einsamkeit vorziehen? Warum sind derart soziale Wesen oft so unsozial?« Epley und Schroeder mutmaßten, dass wir deshalb nicht mit Fremden sprechen, weil wir davon ausgehen, dass es weniger angenehm wäre als das Alleinsein.

Sie führten eine Reihe von Experimenten durch, in denen Freiwillige – Gott behüte! – in öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxis und Wartezimmern Gespräche mit Fremden anfangen sollten. Die Versuchspersonen waren knapp einhundert Pendler aus den Vororten von Chicago im mittleren Alter von neunundvierzig Jahren. Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die einen erhielten die Aufgabe: »Führen Sie heute im Zug ein Gespräch mit einem Menschen, den Sie nicht kennen. Versuchen Sie, eine Verbindung herzustellen. Bringen Sie etwas Interessantes über ihn oder sie in Erfahrung und erzählen Sie etwas von sich. Je länger die Unterhaltung dauert, umso besser.« Den Teilnehmern der zweiten Gruppe gaben sie die Anweisung: »Halten Sie sich heute abseits und genießen Sie im Zug die Einsamkeit. Nutzen Sie die Zeit, um mit Ihren Gedanken allein zu sein. Konzentrieren Sie sich ganz auf sich selbst und den anstehenden Tag.« Und die dritte Gruppe sollte sich im Zug so verhalten wie immer. Im Anschluss sollten die Teilnehmer Fragen zu ihrer Persönlichkeit und ihrer Erfahrung während des Experiments beantworten.

Wie die Wissenschaftler erwartet hatten, erlebten die Teilnehmer, die mit Fremden gesprochen hatten, ihre Zugfahrt deutlich angenehmer und positiver als die anderen. Die Unterhaltungen dauerten im Schnitt etwas mehr als vierzehn Minuten, und die Teilnehmer nahmen einen positiven Eindruck von den Fremden mit. Niemand berichtete von einem negativen Erlebnis. Die positiven Auswirkungen waren unabhängig von der Persönlichkeit der Versuchsperson: Introvertierte Teilnehmer machten genauso gute Erfahrungen wie extrovertierte.

Wenn wir eine Unterhaltung mit einem unbekannten Menschen als derart angenehm erleben, warum tun wir es dann nicht? Um das herauszufinden, rekrutierten Epley und Schroeder sechsundsechzig Pendler mit dem Durchschnittsalter von vierundvierzig Jahren und forderten sie auf, sich einfach nur vorzustellen, sie würden an einem der drei eben beschriebenen Experimente teilnehmen: Wie würden sie sich fühlen, wenn sie mit einem Fremden sprechen, sich auf sich selbst konzentrieren oder sich so verhalten wie immer? Während im realen Experiment diejenigen, die sich mit Fremden unterhalten hatten, ihre Zugfahrt deutlich positiver bewerteten als die übrigen, erwarteten diejenigen, die sich diese Situation nur vorstellen sollten, dass ihnen ein Gespräch mit einem Fremden die Fahrt eher vermiesen würde.

Dasselbe beobachteten Epley und Schroeder bei Buspendlern: Die Aussichten auf ein Gespräch mit einem fremden Menschen schien den meisten Befragten unerfreulich, doch wer tatsächlich ein solches Gespräch führte, erlebte es als positiv. In Taxis wiederholte sich das Spiel: Wer sich mit dem Fahrer unterhielt, genoss die Fahrt mehr und fand den Fahrer sympathischer.

Bei einer Neuauflage der Experimente wollten die beiden Wissenschaftler herausfinden, ob der Grund für diese Scheu die Angst vor Zurückweisung sein könnte. Diese Vermutung bestätigte sich.

Die Teilnehmer gingen davon aus, dass sie selbst deutlich mehr Interesse an der Kommunikation mit Fremden hatten als die Fremden umgekehrt an einem Gespräch mit ihnen. Sie gingen davon aus, dass weniger als 47 Prozent der Menschen, die sie ansprachen, mit ihnen sprechen würden, und nahmen weiter an, dass es schwer sein würde, ins Gespräch zu kommen. Doch sie irrten: Die Sache war einfacher als angenommen. Die Fremden hatten sehr wohl ein Interesse daran, sich mit ihnen zu unterhalten, und kein Einziger blitzte ab. »Pendler scheinen davon auszugehen, dass sie ein erhebliches Risiko einer Zurückweisung eingehen, wenn sie einen Fremden ansprechen«, schrieben Epley und Schroeder. »Doch nach unseren Beobachtungen besteht dieses Risiko nicht.«

Skeptiker werden nun vermutlich dasselbe denken wie ich, als ich zum ersten Mal von diesen Untersuchungen hörte: Klar kann es angenehm sein, mit Fremden zu sprechen, wenn man selbst die Initiative ergreift. Aber was ist mit den Angesprochenen? Genießen die es genauso? Viele von uns wissen, wie es sich anfühlt, von einem Schwätzer in die Ecke gedrängt zu werden, der jedes subtile Signal ignoriert, dass man das Gespräch gern beenden würde.

Um zu überprüfen, ob das Vergnügen gegenseitig war, dachten sich Epley und Schroeder ein neues Experiment aus, diesmal in einem Labor, das einem Wartezimmer nachempfunden war. Damit die Teilnehmer den Absichten der Wissenschaftler nicht auf die Schliche kamen, erhielten sie Aufgaben, die nichts mit dem Versuch zu tun hatten. Zwischen den Aufgaben sollten sie allerdings zehnminütige Pausen im Wartezimmer machen. Einige der Teilnehmer erhielten die Anweisung, sich mit der anderen Person im Raum zu unterhalten, andere sollten sich nicht unterhalten, und die übrigen durften tun und lassen, was sie wollten. Diejenigen, die sich unterhielten – sowohl die Ansprechenden als auch die Angesprochenen – erlebten ihre Zeit im Wartezimmer als deutlich angenehmer als die Schweiger. Und zwar unabhängig davon, ob die Teilnehmer die Fremden im Rahmen des Experiments ansprachen oder aus freien Stücken, und unabhängig von der Persönlichkeit.

Um auszuschließen, dass die Ergebnisse der Freundlichkeit der Bewohner von Chicago geschuldet waren, wiederholten Epley und Schroeder ihr Experiment 2019 auf Einladung der BBC in London. Die Londoner erwarteten sich noch weniger von derlei Interaktionen mit Fremden als die Amerikaner, doch die Wirkung war dieselbe. »Pendler gingen davon aus, dass nur 40 Prozent der Mitreisenden bereit sein würden, mit ihnen zu sprechen«, schrieben sie. »Doch sämtliche Teilnehmer, die tatsächlich den Versuch unternahmen, mit fremden Sitznachbarn ins Gespräch zu kommen, stellten fest, dass sich die betreffende Person gern mit ihnen unterhielt.«

Juliana Schroeder zeigte mir die Fragebögen ihrer Teilnehmer. »Das Ergebnis ist verblüffend«, meinte einer. »Als Londoner entspricht es nicht meinem Naturell, in öffentlichen Verkehrsmitteln wildfremde Menschen anzusprechen. Aber beim Umsteigen saß ein Pärchen neben mir. Ich fragte sie nach dem Anschlusszug und unterhielt mich mit ihnen, bis zehn Minuten später der Zug eintraf.« Ein anderer ergänzte: »Es war nett! Ich habe das Gespräch genossen und mir überlegt, dass ich mich vielleicht öfter mit Fremden unterhalten sollte.«