Stress als Risiko und Chance - Heidi Eppel - E-Book

Stress als Risiko und Chance E-Book

Heidi Eppel

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Beschreibung

Mit einem Modell, das Stress, Bewältigung und Ressourcen in einem transaktionalen Prozess verknüpft, hat sich in der Psychologie ein neues Paradigma zum Thema Stress etabliert, das für nahezu alle Teildisziplinen und auch für Nachbardisziplinen an Bedeutung gewonnen hat. Es verbindet Wissen aus mehreren traditionell getrennten Forschungslinien und kommt damit zu einer komplexeren Sicht der Realität. Dieses Buch stellt Grundlagen zu den verschiedenen Elementen des Stress-Bewältigungsprozesses dar und macht ihre wechselseitige Abhängigkeit deutlich. Impulse des Modells für Handeln in sozialen Berufen werden für drei aktuelle Aufgabenstellungen exemplarisch erläutert. Exkurse erlauben vertiefende Auseinandersetzung, Erfahrungsberichte Betroffener veranschaulichen die vorgestellten Inhalte.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2007

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Mit einem Modell, das Stress, Bewältigung und Ressourcen in einem transaktionalen Prozess verknüpft, hat sich in der Psychologie ein neues Paradigma zum Thema Stress etabliert, das für nahezu alle Teildisziplinen und auch für Nachbardisziplinen an Bedeutung gewonnen hat. Es verbindet Wissen aus mehreren traditionell getrennten Forschungslinien und kommt damit zu einer komplexeren Sicht der Realität. Dieses Buch stellt Grundlagen zu den verschiedenen Elementen des Stress-Bewältigungsprozesses dar und macht ihre wechselseitige Abhängigkeit deutlich. Impulse des Modells für Handeln in sozialen Berufen werden für drei aktuelle Aufgabenstellungen exemplarisch erläutert. Exkurse erlauben vertiefende Auseinandersetzung, Erfahrungsberichte Betroffener veranschaulichen die vorgestellten Inhalte.

Heidi Eppel ist Professorin für Psychologie i. R. an der Fakultät Soziale Arbeit und Pflege der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Heidi Eppel

Stress als Risiko und Chance

Grundlagen von Belastung, Bewältigung und Ressourcen

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikrofilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2007 Alle Rechte vorbehalten © 2007 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

Print: 978-3-17-018790-0

E-Book-Formate

pdf:

epub:

978-3-17-028050-2

mobi:

978-3-17-028051-9

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil I Grundlagen: Die Elemente des transaktionalen Stress-Bewältigungs-Modells

1 Einführung in das Modell

2 Stress

2.1 Stress als Risiko und Chance

2.2 Definition nach Lazarus: Das transaktionale Stress-Konzept

Exkurs Traditionelle Stress-Konzepte

2.3 Merkmale des transaktionalen Stress-Konzepts

2.4 Stress-Reaktionen

Exkurs Stress-Survey 2006

Exkurs Stress-Symptome und Stressoren bei Kindern

2.5 Stressoren

Exkurs Glückliche Ehen

Exkurs Checkliste zu Alltagswidrigkeiten

Bericht: Vorsicht Furie!

2.6 Stressoren am Arbeitsplatz

Exkurs Freiheit als Last

2.7 Stress-Messung

Exkurs Beispiele für Stress-Fragebögen

2.8 Wer ist schuld am Stress?

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

3 Stressverschärfung: Vulnerabilität und Risikofaktoren

3.1 Wirksamkeit stressverschärfender Faktoren

3.2 Empirische Untersuchungen zu Vulnerabilität und Risikofaktoren

Exkurs Die Diskussion um die „Typ-A-Persönlichkeit“

3.3 Befunde zu Risiken in der Kindheit

3.4 Befunde zu Risiken im Alter

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

4 Bewältigung

4.1 Bewältigung und Stress-Erleben

4.2 Definition von Coping im transaktionalen Modell

4.3 Merkmale des transaktionalen Bewältigungs-Modells

4.4 Bedingungszentrierte Bewältigung

Exkurs Gesundheitszirkel

4.5 Individuumzentrierte Bewältigung

Exkurs Bewältigen in der Kindheit

Bericht Arbeitslosigkeit als Bereicherung

4.6 „Schönreden saurer Trauben“ oder „Mit dem Kopf durch die Wand“?

Exkurs Bewältigen im Alter

4.7 Messverfahren zu Coping und empirische Ergebnisse

4.7.1 Empirische Ergebnisse

4.7.2 Messverfahren

Exkurs Stressverarbeitungfragebogen SVF

4.8 Trainings zur Stress-Bewältigung (Stress-Management)

Exkurs Stressbewältigung. Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung.

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

5 Bewältigungseffekte

5.1 Ziel des Bemühens: Geglückte Bewältigung

5.2 Was heißt „geglückt“?

5.3 Auswirkungen von Bewältigung

Exkurs Körperliche Auswirkungen von Dauerstress

Bericht Powern bis zum Umfallen

Exkurs Burnout-Symptome – Eine Synopse

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

6 Ausgangssituation: Ressourcen

6.1 Ressourcen als Moderatorvariable

Exkurs Salutogenese als Forschungsorientierung

6.2 Bedeutung von Ressourcen im transaktionalen Stress-Bewältigungs-Modell

6.3 Erläuterungen zur Dynamik

Exkurs Kohärenzgefühl (SOC)

Bericht Menschen mit hohem und niedrigem Kohärenzgefühl

6.4 Empirische Ergebnisse zu Ressourcen (Schutzfaktoren)

6.4.1 Schutzfaktoren in der Kindheit

Exkurs Die Bindungstheorie

6.4.2 Schutzfaktoren im Alter

Exkurs Wohnen und Wohnumfeld als Ressource im Alter

6.5 Ressource oder Risiko, Personal- oder Sozialvermittlung – eine undurchsichtige Gemengelage im Fluss

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

Teil II Anwendung: Gestalten förderlicher Bedingungen

7 Unterstützen sozialen Rückhalts

7.1 Begriffliche Klärungen

7.2 Wirkungsweise sozialer Unterstützung

Bericht Frauen im Mütterzentrum

7.3 Rahmenbedingungen sozialer Unterstützung

7.4 Empirische Ergebnisse zur Wirksamkeit sozialen Rückhalts im Stress-Bewältigungs-Prozess

7.5 Stärkung des sozialen Rückhalts

7.5.1 Notwendigkeit und Zielsetzung

7.5.2 Die Ausgangslage analysieren

7.5.3 Zugang zu vorhandenen Angeboten erleichtern Informieren

7.5.4 Neue Angebote unterstützen

Exkurs Selbsthilfegruppen

Bericht: Nach dem Tod meines Bruders

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

8 Förderung von Resilienz

8.1 Definition und Abgrenzungen: Merkmale des Konstrukts Resilienz

8.1.1 Definition

8.1.2 Merkmale des Konstrukts Resilienz

Exkurs Das Zusammenwirken von Faktoren in einem dynamischen Bilanzierungs- und Austauschprozess

8.2 Forschungsbasis zu Resilienz

8.2.1 Forschungsansätze

Exkurs Die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie

8.2.2 Forschungsergebnisse

Bericht Christy Brown: Mein linker Fuß

8.2.3 Methodische Probleme der Resilienzforschung

8.3 Bedeutung der Resilienzdiskussion

8.4 Stärkung von Resilienz

8.5 Fördern von Resilienz bei Kindern

Exkurs Frühe Förderung von Resilienz bei jungen Müttern und ihren Säuglingen

8.6 Fördern von Resilienz bei alten Menschen

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

9 Gestalten von Transitionen

9.1 Begriff und Abgrenzungen

9.2 Begleiten und Gestalten von Transitionen

9.2.1 Entwicklungsaufgaben des speziellen Übergangs

Exkurs Entwicklungsaufgaben

9.2.2 Spezifische Bedingungen der neuen Lebenssituation

9.2.3 Individuelle Voraussetzungen

9.2.4 Unterstützen notwendiger Veränderungen

9.3 Schuleintritt

Bericht Mutter eines Schulkinds werden

Exkurs Das Modell „Soft Step“

9.4 Begleiten des Umzugs in eine Alterswohnung

Bericht Ein neues Zuhause

Exkurs Psychologisches Interventionsprogramm zum Übergang ins Seniorenheim

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

Teil III Die Dynamik des Stress-Bewältigungs-Modells

10 Zusammenwirken der Modellelemente

10.1 Analytische oder ganzheitliche Betrachtung

10.2 Die persönliche Einschätzung des Person-Umfeld-Bezugs als zentraler Faktor im Stress-Bewältigungs-Prozess

10.3 Prozess-Perspektive

10.4 Erweiterung des Modells: Stress als Emotion

Exkurs Eine kognitiv, motivationale, austauschbezogene Emotionstheorie

10.5 Vom individuellen Stress zur Systembetroffenheit: Hobfolls Theorie der Ressourcenerhaltung

Exkurs Auseinandersetzung mit Hobfolls Kritik am transaktionalen Modell

Exkurs Gemeinsamer Stress

10.6 Merkmale des transaktionalen Stress-Bewältigungs-Modells

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

11 Leitlinien professionellen Handelns: Ein Ausblick

11.1 Lebenslauforientierung

11.2 Ökologischer Blick

11.3 Ansatz an Ressourcen

11.4 Prävention und Entwicklungsförderung

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

Literatur

Stichwortverzeichnis

Vorwort

Die Idee zu diesem Lehrbuch entstand in Zusammenhang mit einer Lehrveranstaltung zur Einführung in die Psychologie. Ich wählte als Thema das von Lazarus entwickelte transaktionale Stress-Coping-Modell, einen Ansatz, der zunehmend in verschiedenen Disziplinen der Psychologie Forschung und Intervention anregte.

Ich musste den Stoff für mein Seminar aus vielen verschiedenen Quellen zusammensuchen. Die einzelnen Elemente des Modells waren in unterschiedlichen Forschungstraditionen bearbeitet worden wie z. B. Stress, Bewältigung, Entwicklungsrisiken, personale Ressourcen oder soziale Unterstützung. Ihr dynamischer Zusammenhang untereinander wurde nur ansatzweise sichtbar. Je mehr ich mich mit den Themen beschäftigte, desto deutlicher wurde mir ihre Verknüpfung und desto stärker wurde mir auch die Bedeutung eines komplexen Modells für Erklärung und förderliche Gestaltung von Entwicklung und Veränderung bewusst. Das Interesse und die engagierte Auseinandersetzung meiner Studentinnen und Studenten mit den Seminarinhalten haben mich in dieser Einschätzung bestätigt.

Es schien mir lohnend, das, was ich vermisst hatte, aufzuarbeiten und ein Buch zu schreiben, wie ich es mir als Seminargrundlage für ein Einführungsseminar gewünscht hätte.

Dieses Buch enthält drei Teile: Grundlagen, Gestaltung förderlicher Bedingungen und Zusammenspiel der Elemente in einem transaktionalen Prozess.

In den Grundlagen werden zunächst die Elemente des Stress-Coping-Prozesses getrennt betrachtet. Annahmen und Ergebnisse aus den spezifischen Forschungstraditionen werden referiert, wie sie übereinstimmend in der Literatur zum Thema immer wieder erscheinen; sie können als derzeit anerkannte fachliche Basis gelten.

Gelingende Bewältigung wird durch Gestaltung förderlicher Bedingungen unterstützt. Für drei Beispiele, die gerade aktuell diskutiert werden, ist dies in Teil II genauer ausgeführt. Es geht um die Unterstützung sozialen Rückhalts, die Förderung von Resilienz und das Gestalten von Transitionen.

Abschließend wird in Teil III die Dynamik des Zusammenspiels der Elemente im Bewältigungsprozess deutlich gemacht und Folgerungen für Leitlinien professionellen Handelns gezogen.

Ich habe mich bei der Gestaltung des Buches stark an den Erfordernissen für eine Einführung orientiert:

Graphische Veranschaulichungen des Modells wiederholen für jedes Kapitel des Einführungsteils den Gesamtzusammenhang und akzentuieren die Position der jeweiligen Kapitelinhalte optisch.

Beispiele veranschaulichen die Ausführungen.

Berichte stellen einen Bezug zu Alltagserleben her; Verknüpfen von vorher eingeführten Begriffen und Zusammenhängen mit realen Erfahrungen lässt sich daran üben.

Exkurse vertiefen oder ergänzen Aspekte für Interessierte.

Zusammenfassungen wiederholen zentrale Inhalte.

Empfehlungen zum Weiterlesen geben Orientierung für die Vertiefung im Selbststudium.

Gedacht ist das Buch für Studierende der Psychologie, Erziehungswissenschaft, sozialer Arbeit, Pflege und Gesundheit. Auch Praktikerinnen und Praktiker aus diesen Arbeitsfeldern sind angesprochen.

Ich wünsche mir, dass meine Leserinnen und Leser lernen, Bezüge zwischen Theorie und ihren eigenen Berufs- oder auch Alltagserfahrungen herzustellen: Lebendiges Wissen strukturiert die Wahrnehmung der Realität, macht Erfahrungen für sich und andere benennbar, bietet Hypothesen zur Formulierung von Zusammenhängen, zeigt Präventions- und Interventionsansätze auf und schafft Reflexionskriterien für das eigene Handeln.

Fachkolleginnen und -kollegen haben mir hilfreiche Literaturhinweise gegeben. Dem Lektorat Psychologie des Kohlhammer Verlags danke ich für die Ermutigung, dieses Buch zu schreiben.

Staufen, im Frühjahr 2007

Heidi Eppel

Teil IGrundlagen: Die Elemente des transaktionalen Stress-Bewältigungs-Modells

1 Einführung in das Modell

Die Begriffe „Stress“ und „Belastung“ werden in diesem Buch als Synonyme verwendet und im Wechsel gebraucht; dasselbe gilt für die Begriffe „Bewältigung“ und „Coping“.

In vielen Bereichen der Psychologie haben sich seit den siebziger Jahren Denkmodelle etabliert, die Belastungen, Bewältigung, Risiken und Ressourcen und ihre Auswirkungen auf Entwicklung, Krankheit und Gesundheit zum Gegenstand haben. Wir finden sie beispielsweise in der klinischen Psychologie, der Entwicklungs-, Sozial- und Gesundheitspsychologie, in der Arbeits- und Organisationspsychologie.

Immer mehr wird über die Disziplingrenzen hinweg das transaktionale Stress-Bewältigungs-Modell von Lazarus und Mitarbeitern zum Ausgangspunkt von Forschung und Praxis, man könnte von einem neuen Paradigma sprechen. Dieses Modell ist auch die Grundlage dieses Lehrbuches. Es betont das Individuum als Akteur seiner Entwicklung und betrachtet Belastung und Coping als Prozesse in einem komplexen, kognitiv vermittelten Wechselspiel von Person- und Umfeldfaktoren.

Eine besonders übersichtliche Darstellung des Ansatzes stammt von Filipp (1995), die damit ihr Modell zur Verarbeitung kritischer Lebensereignisse veranschaulicht.

Als Grundlage für diese Einführung wurde die Originalabbildung nach Filipp sprachlich vereinfacht, durch Einfügen einiger Symbole eingängiger gemacht und auf das gesamte Belastungsspektrum erweitert.

Die nachfolgende Abbildung mit den anschließenden Erläuterungen soll einen ersten Überblick über die Elemente des transaktionalen Stress-Bewältigungs-Modells geben. Sie wird die Leserinnen und Leser in den folgenden Kapiteln des Teils I begleiten, wobei der Teilaspekt, den das jeweilige Kapitel behandelt, graphisch besonders hervorgehoben wird. Die hier sehr knappen Erläuterungen zur Grafik werden in den einzelnen Kapiteln des Grundlagenteils dann ausführlich dargestellt.

Anlass und Ausgangspunkt für Handeln ist Stress. Die Abbildung stellt zentrale Merkmale des Stressbegriffs symbolisch dar: Der Blitz veranschaulicht, dass Stress Diskrepanz offenbart zwischen vorhandenen Fähigkeiten, Fertigkeiten oder Einstellungen und Anforderungen, denen man mit dem gewohnten Handeln nicht begegnen kann. Dass Stress nie objektiv entsteht, sondern immer nur einer subjektiven Einschätzung entspringt, darauf weist die Brille hin, die mit ihren Bügeln in der Ausgangsituation von Person und Umfeld verankert ist.

Eng gekoppelt mit dem Stresserleben ist das Bemühen um Beseitigung der erlebten Diskrepanz, die Bewältigung. Sie kann verschiedene Formen annehmen; als Möglichkeiten werden instrumentelles, palliatives, defensives und additives Coping vorgestellt.

Nicht jede Bewältigung führt zum Erfolg. Effekte sind differenziert zu sehen. Dabei sind wie bei der Betrachtung der Ausgangslage Aspekte auf Seiten der Person und auf Seiten des Umfelds von Bedeutung. Besonders zu beachten ist, dass die wahrgenommenen Effekte unmittelbare Rückwirkungen auf den weiteren Stress-Bewältigungs-Prozess haben. Sie verändern die Ausgangslage, die Einschätzung der ursprünglichen Belastung und die weiteren Bewältigungshandlungen. Hierauf weist der Pfeil zurück zur Ausgangssituation hin. Zwischen den Person-Effekten und den Umfeld-Effekten gibt es Wechselwirkungen.

Das Erleben von Stress und die Möglichkeiten, die zur Bewältigung verfügbar sind, hängen von der Ausgangssituation ab, in der ein Ereignis auftritt. Die Bügel der Brille zeigen die Verankerung des Stresserlebens in der subjektiven Einschätzung der Ausgangssituation auf. Sie besteht aus vier Facetten, der Person mit ihren Merkmalen und dem Umfeld mit seinen Merkmalen. Jeder Merkmalskomplex besteht aus Risikofaktoren und Ressourcen, symbolisiert durch zwei Bügelenden, die miteinander verschmelzen. Die Komplexe Person-Merkmale und Umfeld-Merkmale beeinflussen einander.

Die Darstellung in dem Teil „Grundlagen“ deutet zunächst die komplexen Zusammenhänge nur an, die die Elemente des Modells miteinander verknüpfen. So lassen sich die einzelnen Bestandteile klar herausarbeiten.

Dem Zusammenwirken der Teile des Modells ist der Teil III gewidmet, in dem erst die eigentliche Dynamik des Bewältigungsprozesses deutlich wird.

Wurzeln des transaktionalen Stress-Bewältigungs-Modells

Hier soll nur auf einige bedeutsame Quellen des Modells verwiesen werden.

Forschung unter dem Stichwort „Stress“ gibt es seit Mitte der fünfziger Jahre mit einer Fülle von Untersuchungen zu seinen physiologischen und psychischen Kennzeichen, seiner Messung, den Auswirkungen von Stress auf Gesundheit und Krankheit und auf die Folgen für das Zusammenleben in Organisationen. Dabei hat sich der Schwerpunkt der Betrachtung von beobachtbaren Reaktionsmustern oder Umfeldbedingungen zu der subjektiven Einschätzung einer Situation als Belastung allmählich verlagert.

In der klinischen Forschung interessierte man sich für den Zusammenhang von belastenden Lebensereignissen oder belastenden Lebensumständen (Risiken) und den Ausbruch psychischer Krankheiten bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen.

In der Entwicklungspsychologie gibt es eine lange Tradition, die sich mit der Bedeutung von Krisen für Veränderung und Wachstum befasst. Die Lebensspanne als Folge von Entwicklungsaufgaben, die bewältigt werden müssen, fordert Menschen von der Geburt bis zum Tod ständig heraus, mit neuen Anforderungen umzugehen.

Forschung zur Bewältigung von Belastungen kann mit den psychoanalytischen Beschreibungen von Abwehrmechanismen auf eine lange Tradition verweisen.

Die Biographieforschung der sechziger Jahre hat mit der Betrachtung von „Daseinstechniken“ und „Daseinsthematiken“ auf verschiedene Weisen des Umgangs mit den Anforderungen des Lebens hingewiesen.

Die Veränderung der Sichtweise „Stress als objektive Gegebenheit“ zum Konzept „Stress als Ergebnis subjektiver Einschätzung“ geht einher mit der Abkehr vom strikten Behaviorismus in der Psychologie der siebziger Jahre, der sog. „kognitiven Wende“.

In psychotherapeutischen Zusammenhängen war schon lange klar, dass es nicht darum gehen konnte, objektive Wahrheiten über Lebenszusammenhänge von Patienten zu finden; das persönliche Erleben und Erinnern spielen eine wesentliche Rolle für das Wohlbefinden.

2 Stress

2.1

Stress als Risiko und Chance

2.2

Definition nach Lazarus: Das transaktionale Stress-Konzept

Exkurs: Traditionelle Stress-Konzepte

2.3

Merkmale des transaktionalen Stress-Konzepts

2.4

Stress-Reaktionen

Exkurs: Stress-Survey 2006

Exkurs: Stress-Symptome und Stressoren bei Kindern

2.5

Stressoren

Exkurs: Glückliche Ehen

Exkurs: Checkliste zu Alltagswidrigkeiten

Bericht: Vorsicht Furie!

2.6

Stressoren am Arbeitsplatz

Exkurs: Freiheit als Last

2.7

Stress-Messung

Exkurs: Beispiele für Stress-Fragebögen

2.8

Wer ist schuld am Stress?

Zusammenfassung

Empfehlungen zum Weiterlesen

2.1 Stress als Risiko und Chance

Die psychologische Forschung und Literatur der letzten 30 Jahre beschäftigt sich zunehmend mit den Erfahrungen von Stress/Belastung. Mit den Jahren zeigt sich eine veränderte Perspektive auf diesen Erlebnisbereich (vgl. Filipp, 1995, S. 6–8): Ursprünglich wurden Belastungen, vor allem Krisen, ausschließlich als Risiko für Gesundheit und Entwicklung betrachtet. Dies galt vor allem für die klinische Forschung. Entwicklungspsychologische Arbeiten betonten zunehmend den Doppelcharakter von Stress bzw. Krisen: Es besteht das Risiko zu scheitern, persönlichen und sozialen Schaden zu nehmen, genauso wie die Chance, an der Herausforderung zu wachsen, neue persönliche und soziale Ressourcen zu entwickeln. Bezieht man sich auf eine allgemeine Motivationstheorie, ließe sich behaupten: Ohne die Erfahrung von Stress gibt es keinen Anreiz, Neues zu erproben. Entwicklung ist undenkbar ohne Diskrepanzerleben als Motor.

2.2 Definition nach Lazarus: Das transaktionale Stress-Konzept

Verschiedene Autoren verwenden verschiedene Definitionen für Stress (s. Exkurs, S. 15 f.). Diese Darstellung bezieht sich auf das Stress-Modell, das Lazarus in einem langen Forscherleben zunehmend weiter ausgearbeitet hat (Lazarus, 1998). Es liegt den meisten neueren Publikationen aus unterschiedlichen Bereichen der Psychologie zugrunde (vgl. Bamberg, Busch & Ducki, 2003, S. 40).

„Psychologischer Streß bezieht sich auf eine Beziehung mit der Umwelt, die vom Individuum in Hinblick auf sein Wohlergehen als bedeutsam bewertet wird, aber zugleich Anforderungen an das Individuum stellt, die dessen Bewältigungsmöglichkeiten beanspruchen oder überfordern.“ (Lazarus & Folkmann, 1986, zitiert nach Petermann & Hampel, 1998, S. 2). „Wenn eine Person eine solche Konfrontation als niederschmetternd, bedrohlich oder herausfordernd wahrnimmt, entsteht das, was wir mit ‚psychischem Streß‘ meinen.“ (Lazarus, 1995, S. 204). In dieser Definition stecken mehrere Implikationen, die im Folgenden erläutert werden.

Exkurs Traditionelle Stress-Konzepte

Kohlmann (2002, S. 558) unterscheidet zwei Kategorien klassischer Stress-Konzepte:

Reaktionsbezogene Sichtweisen und situationsbezogene Sichtweisen.

Reaktionsbezogene Sichtweisen interessieren sich vor allem für die Reaktionsmuster, die Betroffene bei Anforderungen zeigen. Betont werden vor allem physiologische Merkmale der Belastungsreaktion, die bei mittel- oder langfristiger Überbeanspruchung des Organismus zu gesundheitlichen Beeinträchtigung führen können (Kohlmann, 2002, S. 558).

Ein bekannter Vertreter dieses Ansatzes ist Selye. Verschiedene Anforderungen oder Belastungen führen zu gleichen, also unspezifischen, Reaktionen des Körpers (1981, S. 170) mit objektiv beobachtbaren physiologischen Veränderungen (s. Exkurs S. 72), die bei Andauern der Belastung zu krankhaften Veränderungen der Nebennierenrinde, der Thymusfunktion und des Magen-Darm-Trakts führen. Diese für alle Menschen gleichartigen Veränderungen können bei verschiedenen Personen je nach Disposition zu verschiedenen Erkrankungen beitragen.

Psychische Faktoren spielen bei diesem Ansatz eine eher untergeordnete Rolle. Sie werden jedoch durch die Differenzierung zwischen Disstress und Eustress aufgegriffen. Diese Unterscheidung beruht auf dem Erleben einer Belastung als bedrohlich und beängstigend im Gegensatz zum Erleben als aktivierend und herausfordernd.

Messung von Stress setzt in diesem Forschungszusammenhang vor allem auf die Erhebung physiologischer Daten, wie Atemfrequenz, Herzschlag, Schweißsekretion als peripheren Anzeichen oder auf die Erfassung hormonaler Indikatoren wie Kortisol.

Situationsbezogene Ansätze stellen belastende Erfahrungen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Situationen, die ein hohes Maß an Anpassungsleistungen und Umorientierung erfordern, wie z. B. kritische Lebensereignisse, werden als Stressoren bezeichnet, in deren Gefolge physische und psychische Belastungsanzeichen auftreten. Als Stressoren können jedoch auch Alltagswidrigkeiten („daily hazzles“) oder Übergänge zwischen Lebensphasen (Transitionen) betrachtet werden (Kuhlmann, 2003, S. 558).

Es wird angenommen, dass bestimmte Situationen von allen Menschen als belastend erlebt werden. Belastungen werden ausschließlich als Risiko gesehen. Differenzierend wird die Anzahl (Konzentration), Dauer und Intensität der zu verkraftenden Erlebnisse einbezogen.

Messinstrumente für Stress, die eine gewichtete Ereignis-Checkliste für die Bestimmung von Stress zugrunde legen, wären ein Beispiel für ein situationsbezogenes Belastungskonzept. Die am meisten verbreitete Skala ist die „Social Readjustment Rating Scale“. Sie umfasst 43 kritische Ereignisse; auf der Basis von Experteneinschätzungen des erforderlichen Anpassungsaufwands ist für jedes Item eine Gewichtung angegeben. Das Maß für eine individuelle Stressbelastung ergibt sich aus der Summe der gewichteten Nennungen durch eine Person (Weber, 2002, S. 583).

Gleichfalls dieser Tradition verpflichtet sind Belastungsanalysen von Arbeitsplätzen z. B. in Hinblick auf Schadstoffkonzentrationen, Raumgestaltung und Ablauforganisation (vgl. Bamberg, Busch & Ducki, 2003, S. 37–38).

2.3 Merkmale des transaktionalen Stress-Konzepts

Stress ist als Transaktion zu konzipieren.

„Die Ursache von Stress ist nicht isolierten Person- und/oder Umweltmerkmalen zuzuschreiben, sondern einer mangelnden Übereinstimmung zwischen individuellen Bedürfnissen, Wünschen und Kompetenzen auf der einen Seite und Anforderungen, Gegebenheiten und Möglichkeiten der Situation auf der anderen Seite.“ (Bamberg, Busch & Ducki, 2003, S. 40).

Man spricht von einem person-environment-fit-Modell (vgl. Bamberg, Busch & Ducki, S. 40) oder besser von einem person-environment-misfit-Modell oder Diskrepanz-Modell von Stress.

Ein Beispiel soll den Unterschied zur üblichen elementzentrierten Auffassung verdeutlichen:

Monika S. versagt bei einer Prüfung. Sie sieht die Ursache klar bei den gestellten Aufgaben, die im Seminar nicht genügend vorbereitet wurden. Von Seiten der Prüfenden beklagt man sich über das niedrige Niveau von Studierenden, die glauben, ein Studium in Teilzeit absolvieren zu können. Das transaktionale Modell sieht die Ursache für das Problem in der Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten der Studentin und der Vorbereitung und Aufgabenstellung durch die Prüfenden: Es gab ja sehr wohl Studierende, die die Prüfung gut bestanden haben. Ebenso hätte Monika S. bei einer anderen Prüferin oder einem anderen Prüfer durchaus eine bessere Leistung erbringen können. Eine transaktionale Sicht von Belastung ist also von groβer praktischer Relevanz für die Einschätzung einer Situation durch die Beteiligten und öffnet den Blick für ein breiteres Spektrum von Handlungsmöglichkeiten.

Ein hilfreiches Bild zur Veranschaulichung einer transaktionalen Perspektive ist die Vorstellung von Schlüssel und Schloss, die zusammenpassen müssen; weder ein Schlüssel noch ein Schloss allein kann falsch sein.

Stress ist als Prozess zu verstehen.

Stress ist ein Erleben, das permanent im Fluss ist; es verändert sich über die Zeit und in Abhängigkeit von unterschiedlichen Situationen (Lazarus, 1995, S.205). Dies hat damit zu tun, dass wir unser Erleben beständig mit Einschätzungen und Neu-Einschätzungen aufgrund unserer Erfahrungen begleiten. Die ursprüngliche Belastung durch eine Situation variiert mit zusätzlichen Einschätzungen zu Handlungsmöglichkeiten, Ressourcen oder Risiken und mit Erfahrungen zu Erfolg oder Misserfolg von Bewältigungsversuchen. Die verschiedenen Elemente des Gesamtmodells beeinflussen sich also ständig gegenseitig (wie in Teil III noch genauer ausgeführt wird). Lazarus macht dies deutlich, indem er von verschiedenen Stadien der Einschätzung im Belastungsprozess spricht (1995, S. 212–215):

Mit der primären Einschätzung („appraisal 1“) bewertet eine Person unmittelbar bei Auftreten einer Situation deren Bedeutung für ihr Wohlbefinden. „Was liegt an?“ Diese Frage kann auf dreierlei Art beantwortet werden: Die Situation ist belastend, irrelevant oder positiv. Stress erlebt man nur bei einer Einschätzung der Situation als belastend. Dreierlei Typen von Belastung lassen sich unterscheiden: Verlust/Schädigung, Bedrohung und Herausforderung. Als Belastung werden Situationen angesehen, die der Einschätzung nach die inneren oder äußeren Ressourcen einer Person herausfordern oder übersteigen. Die primäre Einschätzung ist eine spontane mehr oder weniger bewusste Reaktion auf eine Situation.

Gleichzeitig erfolgt die sekundäre Einschätzung („appraisal 2“), eine handlungsbezogene Bewertung der Anforderung. Die Person lässt ihre Möglichkeiten zur Beeinflussung der Diskrepanz Revue passieren. „Was kann ich tun?“ heißt die Leitfrage.

Eine klare zeitliche Trennung zwischen „appraisal 1“ und „appraisal 2“ ist schwierig, weil beide sich gegenseitig sehr eng durchdringen: Ein erster Schrecken lässt sich bei genauerem Überlegen abmildern, wenn deutlich wird, worauf man zurückgreifen kann, um ihm zu begegnen; andererseits kann die primäre Einschätzung eine gedankliche oder tatsächliche Auseinandersetzung mit einer Belastung beeinträchtigen oder auch fördern (Lazarus, 1995, S. 215).

In jedem Fall modifizieren die Erfahrungen, die bei dem konkreten Versuch, Stress zu beseitigen, gemacht werden, die ursprünglichen Einschätzungen, sowohl „appraisal 1“ als „appraisal 2“. Lazarus spricht von ständiger Neueinschätzung (1995, S. 212) und macht daran den Prozesscharakter von Stress und Bewältigung fest.

Monika S. wird bei der Nachricht vom schlechten Abschneiden bei ihrer Prüfung zunächst von heftigem Unbehagen und Selbstzweifeln befallen. Eine gedankliche Analyse der Vorbereitung zeigt, dass sie vorhandene Zeitspielräume und Angebote, in Arbeitsgruppen zu lernen, nicht wahrgenommen hat. Diese Überlegungen wirken beruhigend, weil sie realistische Chancen aufzeigen, den Anforderungen beim nächsten Mal zu genügen. Aber auch diese Einschätzung kann sich im Verlauf der weiteren Prüfungsvorbereitungen wieder verändern, je nachdem wie es ihr gelingt, die guten Vorsätze in die Praxis umzusetzen.

Alltagserfahrungen weisen darauf hin, dass die Einschätzungen keineswegs immer klar bewusst verlaufen. Häufig spüren wir ein Gefühl von Unbehagen, Angst und Ärger oder auch körperliche Reaktionen, wie Herzklopfen, Zittern und Schwitzen, ohne dass wir genau sagen könnten, wie wir eine Situation einschätzen; die emotionalen und körperlichen Reaktionen eilen kognitiven Prozessen voraus. Das körperliche und emotionale Erleben ist jedoch grundsätzlich einer bewussten Reflexion zugänglich und durch sie auch beeinflussbar (Kaluza, 2004, S. 36).

Stress entsteht durch subjektive Verarbeitung von Situationen.

Belastung ist nicht objektiv am Eintreten bestimmter Ereignisse festzumachen. Stress entsteht, wie die Definition bereits festhält, durch Verarbeitung und Bewertung von Situationen innerhalb der Person: Ist die Situation für das Wohlergehen bedeutsam? Stehen Handlungsmuster zum Umgang damit zur Verfügung? Droht Gefahr? Erlebe ich die Situation positiv, irrelevant, schädigend, bedrohlich oder herausfordernd? Dieselbe Situation bedeutet für verschiedene Personen das Erleben von Stress, Freude oder Gleichgültigkeit. Menschen konstruieren ihre Lebenswelt, in der sie fühlen und handeln, selbst. Jedes Individuum hat seine Biographie und einmalige Persönlichkeit in deren Rahmen sich ihr Handeln und Erleben gestaltet.

Die Bewertung „4,0“ in einer Prüfungsarbeit kann sehr verschieden erlebt werden: Als Freude und Entlastung, wenn Monika S. befürchtet hätte, durchzufallen und die Prüfung wiederholen zu müssen.

Als gleichgültig, wenn sie bereits dabei gewesen wäre, ihr Studium aufzugeben, und ein attraktives Arbeitsangebot vorliegen hätte.

Als bedrohlich, wenn sie sowieso an ihren Fähigkeiten zweifeln würde, aber das Studium als Zugang zu ihrem Traumberuf gut absolvieren müsste.

Als herausfordernd, wenn sie sich aus ihrer Vergangenheit als gute Lernerin kennt, die nach längerer Pause nur etwas Zeit braucht, sich wieder einzufinden.

Stress entsteht auch durch Diskrepanzen im Inneren einer Person.

Diskrepanzen erlebt man nicht nur bei Konfrontation mit Anforderungen und Gegebenheiten der Außenwelt. Wir alle kennen Situationen, wo die Belastung in uns selbst entsteht. Niemand stellt Forderungen an uns oder droht mit Sanktionen. Wir sind unzufrieden, weil wir unseren eigenen Anforderungen nicht genügen oder wichtige Ziele verfehlt haben. Viele ursprünglich von außen gestellte Forderungen haben wir verinnerlicht und sind selbst zum Wächter über ihr Befolgen geworden. Die Diskrepanz entsteht also zwischen den Forderungen unserer Werte, Ziele und Bedürfnisse und dem Zustand unserer tatsächlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Befindlichkeiten.

Monika S. wird für ein Referat mit der Note 2 bewertet. Sie gerät dadurch sehr unter Spannung, weil sie mit dieser Bewertung ihr Selbstbild als ausgezeichnete Studentin bedroht sieht, das sie aufgrund ihrer bisherigen Lernkarriere entwickelt hatte.

2.4 Stress-Reaktionen

Stress-Reaktionen nennt man alle Prozesse, die bei betroffenen Personen als Antwort auf einen Stressor ausgelöst werden. Häufig werden drei Ebenen von Stress-Reaktionen unterschieden (vgl. z. B. Kaluza, 2004, S. 14; Lohaus & Klein-Heßling, 2001, S. 50; Bamberg, Busch & Ducki, 2003, S. 56):

Körperliche Ebene,

kognitiv-emotionale Ebene,

behaviorale Ebene.

Die körperliche Ebene zeigt eine Vielzahl von Veränderungen physiologischer Abläufe (vgl. Kaluza, 2004, S. 14–25). Als erster hat Selye (1981) eine Abfolge verschiedener Reaktionsebenen beschrieben.

Zunächst kommt es zu einer unmittelbaren, kurzfristigen „Alarm-Reaktion“, die Energien für körperliche Aktivität bereitstellt. Der Körper wird auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Wir spüren z. B. einen schnelleren Herzschlag, feuchte Hände, höhere Muskelspannung.

Bei Anhalten der Spannung setzt eine Anpassungsreaktion („Widerstandsstadium“) ein. Sie organisiert den Energienachschub z. B. durch Bereitstellung von Blutzucker. Die akuten Stress-Symptome verschwinden, der Körper stellt sich auf die erhöhten Leistungsanforderungen ein.

Langfristig unbewältigte Belastungen oder chronischer Stress erschöpfen die Energiereserven, die durch das Widerstandsstadium beansprucht werden, und führen zu Schädigungen, wenn der Organismus keine Chance zur Erholung bekommt („Erschöpfung“). Vielfältige Auswirkungen von chronischem Stress auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind belegt, z. B. Schädigung des Herz-Kreislauf-Systems, des Magen-Darm-Trakts, des Immunsystems (s. Exkurs S. 72).

Die kognitiv-emotionale Ebene der Stress-Reaktion beinhaltet intrapsychische Vorgänge, also Gedanken und Gefühle. Kaluza (2004, S. 14) führt folgende häufig genannte Erscheinungen auf:

Gefühle der inneren Unruhe, der Nervosität und des Gehetztseins,

Gefühle der Unzufriedenheit und des Ärgers,

Angst, z. B. zu versagen oder sich zu blamieren,

Gefühle der Hilflosigkeit,

Selbstvorwürfe,

kreisende „grüblerische“ Gedanken,

Leere im Kopf („black-out“),

Denkblockaden.

Es ist anzunehmen, dass sich auch hier bei Andauern der Belastung Reaktionsveränderungen zeigen und vermehrt Gefühle der Hilflosigkeit, Selbstvorwürfe und grüblerische Gedanken auftreten.

Die behaviorale Ebene umfasst beobachtbares Verhalten in einer belastenden Situation. Als Beispiele führt Kaluza (2004, S. 14) auf:

Hastiges Verhalten (Pausen abkürzen, Essen schlingen),

Betäubungsverhalten (vermehrter Alkoholgenuss, Rauchen, Medikamentengebrauch),

unkoordiniertes Arbeitsverhalten (mangelnde Planung, Dinge verlegen, vergessen),

konfliktreicher Umgang (gereiztes Verhalten, aus der Haut fahren bei Kleinigkeiten).

Alle Ebenen treten in der Regel gleichzeitig auf und können sich gegenseitig aufschaukeln oder beruhigen (vgl. Kaluza, 2004, S. 14).

Grübeln kann zu verstärkten Körperreaktionen führen, etwa Herzklopfen, die ihrerseits wieder Angst und Grübeln verstärken.

Unkoordiniertes Arbeitsverhalten fordert durch den Zeitverlust Gedanken über die eigene Unfähigkeit heraus, was den Stress noch steigert.

Entspannungsübungen beruhigen körperliche und seelische Spannung gleichzeitig und lassen uns danach mit anderen Menschen weniger gereizt umgehen.

Exkurs Stress-Survey 2006

Die folgenden Daten stammen aus einer repräsentativen amerikanischen Befragung zum Thema Stress, die von der American Psychological Association (APA), dem National Women’s Health Ressource Center und iVillage in Auftrag gegeben wurde. Greenberg Quinlan Rosner Research (2006) führte die Untersuchung durch und veröffentlichte die Ergebnisse.

2152 Erwachsene ab 18 Jahre wurden im Winter 2006 telefonisch befragt.

Von Stress betroffen (sehr beunruhigt oder etwas beunruhigt über den alltäglichen Stress) fühlten sich

fast jeder zweite Befragte (47 % der Gesamtstichprobe)

Frauen (51 %) mehr als Männer (43 %), besonders afroamerikanische Frauen (62 %)

Insbesondere Befragte im Alter zwischen 40 und 50 Jahren (58 %), deutlich weniger betroffen waren die Über-65-Jährigen (32 %)

Befragte mit geringem Einkommen – weniger als 30 000 $ jährlich – (56 %)

Befragte mit Kindern (53 %) mehr als Personen ohne Kinder (44 %)

Verbreitete Stress-Reaktionen (berichtet von der Gruppe der durch Stress im Alltag sehr beunruhigten Befragten)

nervös oder niedergeschlagen (59 %)

gereizt oder ärgerlich (58 %)

schlafgestört (56 %)

ohne Energie (55 %)

erschöpft (51 %)

die Mehrheit berichtete mindestens 5 Symptome gleichzeitig (61 %)

Frauen zeigen andere Stress-Reaktionen als Männer (berichtet von der Gruppe der durch Stress sehr beunruhigten Befragten)

Frauen berichten eher über Stress-Reaktionen (70 % nennen 5 und mehr Symptome) als Männer (50 % nennen 5 und mehr Symptome).

Frauen berichten über andere Reaktionen auf Stress. Sie nennen vor allem Nervosität (66 %), Wunsch zu weinen (65 %), Energielosigkeit (60 %). Männer beklagen Schlafprobleme (59 %), Reizbarkeit oder Ärger (54 %).

Exkurs Stress-Symptome und Stressoren bei Kindern

Kinderwelt ist mitnichten eine heile Welt. Untersuchungen an Kindern zeigen immer wieder eine erschreckend hohe Stress-Symptomatik und vielfältige Belastungsquellen in allen Lebensbereichen wie Schule, Familie und Freizeit (vgl. z. B. Hurrelmann, 1990).

Exemplarisch seien Befunde aus einer Studie von Lohaus et al. (1996) vorgestellt, die 981 Dritt- bis Sechstklässler untersuchten.

Auf der physiologisch-vegetativen Ebene wurden Kopfschmerz, Bauchschmerz, Schwindel, Erschöpfung, Schlafschwierigkeiten, Übelkeit und Appetitlosigkeit häufig genannt. Zum Beispiel gaben 60–70 % der Schüler an, in der verflossenen Woche einmal oder mehrfach Schlafschwierigkeiten oder Erschöpfung erlebt zu haben.

Belastungsindikatoren auf der kognitiv-emotionalen Ebene sind Ängste, Lust- und Antriebslosigkeit oder Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungen.

Im verhaltensbezogenen Bereich wurden Unruhe, Konzentrationsstörungen oder Veränderungen des Sozialverhaltens beobachtet (Lohaus & Klein-Heßling, 2001, S. 158).

Bei den Stressoren lässt sich die bereits bekannte Unterteilung in Makrostressoren (Entwicklungsaufgaben und kritische Lebensereignisse) und Mikrostressoren (Alltagswidrigkeiten) wiederfinden.

Als Entwicklungsaufgaben, also alterskorrelierte, normative Anforderungen in der Kindheit (5–12 Jahre), werden Geschlechtsrollenidentifikation, Kompetenz zu einfachen moralischen Unterscheidungen, Umgang mit konkreten Operationen, das Spiel in Gruppen, soziale Kooperation, Selbstbewusstsein, Erwerb der Kulturtechniken, das Spielen und Arbeiten im Team genannt (Lohaus & Klein-Heßling, 2001, S. 149).

Bereits im Säuglings- und Kleinkindalter sind Stress-Reaktionen und unterschiedliche Bewältigungsformen zu beobachten; besonders ausführlich beschrieben wurde der Aspekt der Trennung von einer vertrauten Bezugsperson in der Bindungsforschung (s. Exkurs S. 89–92).

Gesellschaftliche Veränderungen haben die Häufigkeit des Auftretens bestimmter Ereignisse bereits in der Kindheit verändert: Die Zahl der Trennungen, Scheidungen und neuer Familienkonstellationen, Umzug, Wochenendeltern sowie Armutserfahrungen sind deutlich gestiegen. Was früher ein seltenes Ereignis war, betrifft heute bis zu 50 % der Kinder einer Altersgruppe. Andere belastende Erlebnisse wie z. B. die Geburt eines Geschwisterkindes sind seltener geworden. Schicksalhafte Erfahrungen wie Tod oder Krankheit in der Familie. Hunger, und Vertreibung gehören in manchen Ländern der Welt zum Alltag von Kindern.

Für die erlebte Belastung und den Umgang damit ist jedoch das Alter des Kindes von großer Bedeutung. So zeigen beispielsweise Untersuchungen, wie verschieden Kinder verschiedener Entwicklungsphasen den Tod eines Elternteils wahrnehmen und interpretieren (vgl. Walper, 2002, S. 828–829).

Aus der Perspektive von Kindern unserer westlichen Welt kommt besonders den Alltagswidrigkeiten Bedeutung zu (Klein-Heßling, 1997). Hohe Stresswerte erhielten z. B. „vor der Klasse etwas vortragen müssen“ oder „ausgelacht werden“, die von Erwachsenen leicht als Belanglosigkeiten angesehen werden. Im transaktionalen Stress-Modell, das die jeweils subjektive Einschätzung als ausschlaggebend für Belastung ansieht, erhalten solche Aussagen angemessenes Gewicht. Sie erweisen sich allein oder in Kombination mit Makrostressoren als Vorläufer für physische und psychische Stress-Symptome (Lohaus & Klein-Heßling, 2001, S. 150).

Konkretisierung von Stressoren im Kindesalter finden sich in Fragebögen zur Erhebung von Stresserleben. Der Fragebogen zur Erhebung von Stresserleben und Stressbewältigung im Kindesalter (SSK) von Lohaus et al. (1996) oder der Gießener Beschwerdebogen für Kinder und Jugendliche (Brähler, 1991) sind Beispiele.

Überblicke zu Erhebungsmethoden im Kindes- und Jugendalter finden sich bei Lohaus und Klein-Heßling (2001) und Hampel und Petermann (1998, S. 33–48).

2.5 Stressoren

Stressoren sind Störgrößen, die unser Wohlbefinden beeinträchtigen und unsere Handlungsfähigkeit bedrohen. In der Literatur finden sich eine Fülle von Begriffen, die in diesem Zusammenhang gebraucht werden. Sie benennen Situationen, in denen an eine Person in für sie wichtigen Bereichen neue Anforderungen gestellt werden, die schädigend, bedrohlich, oder herausfordernd erlebt werden und die nicht mit den üblichen Handlungsroutinen zu bearbeiten sind: Entwicklungsaufgabe, kritisches Lebensereignis, Krise, biographischer Wendepunkt, sozialer Übergang, Alltagswidrigkeit und Dauerbelastung sind einige Beispiele für Stressoren.

Einteilung in Situationstypen

Die folgende Einteilung soll eine grobe Ordnung in die Vielfalt bringen. Sie lehnt sich an Kaluza (2004, S. 27–32) an und wird ergänzt durch weitere häufig genannte Aspekte. Im transaktionalen Stress-Modell ist zu beachten, dass keiner der aufgeführten Faktoren „an sich“ Stress verursacht, sondern dass immer die Bewertung durch die Person den Ausschlag gibt. Trotzdem ist es lohnend, sich Situationen mit Stress-Potential vor Augen zu führen, um mögliche Belastungsquellen zu identifizieren und wenn möglich zu reduzieren oder zu beseitigen.

Physische und physikalische Stressoren missachten grundlegende körperliche Bedürfnisse:

Zufügen von Schmerzen und Verletzungen, Entzug von Nahrung und Bewegung, Lärm, Vergiftungen wären Beispiele, die Menschen in akuter oder chronischer Form belasten.

Stressoren im sozialen Austausch verletzen zentrale seelische Bedürfnisse:

Sicherheit, Kontakt, Anerkennung, Selbstverwirklichung können akut oder alltäglich zu kurz kommen.

Entwicklungsaufgaben und Übergänge in Lebensphasen stellen spezifische oder komplexe neue Anforderungen an eine Person. Sie liegen in Veränderungen der Person im Verlauf ihrer Entwicklung und darauf bezogenen gesellschaftlichen Erwartungen und Vorgaben. Es sind Aufgaben, die von allen Mitgliedern einer Gesellschaft in einem bestimmten Zeitraum zu bewältigen sind, also normative und vorhersehbare Aufgaben, die häufig viele Lebensbereiche berühren (s. Exkurs S. 75–143):

Laufen lernen, Schulbesuch, Auszug aus dem Elternhaus, Studium, Berufseinstieg, Ruhestand sind einige solcher Aufgaben.

Exkurs Glückliche Ehen

Wallerstein und Blakeslee (1997) konzipierten eine Pilot-Studie, die herausfinden sollte, wie es Paaren gelingt, eine glückliche Ehe zu führen. Sie interviewten 50 Paare, die seit mehr als 9 Jahren verheiratet waren. Es musste Kinder in der Ehe geben und beide, Mann und Frau, mussten ihre Ehe als glücklich bezeichnen.

Trotz großer Verschiedenartigkeit im Zusammenleben der Paare, stellten die Autorinnen der Studie fest, dass es in jeder Ehe mindestens neun zentrale Aufgaben zu bewältigen gilt, die „in der Natur der Ehe“ liegen (S. 25). Jede dieser Aufgaben stellt hohe Anforderungen und beinhaltet Belastungen, an denen das Glück eines Paares auch scheitern kann. Für keine dieser Aufgaben gibt es die einzig richtige Art des Umgangs; es gilt, den für das einzelne Paar passenden Weg zu finden.

Jede Aufgabe ist so beschrieben, dass sowohl das Ziel, das von glücklichen Paaren erreicht wurde, als auch die Gefährdung dieses Ziels deutlich wird.

„Die Partner sollten

sich emotional von ihren Eltern und Geschwistern lösen, damit sie die ganze Kraft in ihre Ehe investieren und gleichzeitig ihre Beziehung zur jeweiligen Herkunftsfamilie neu definieren können;

ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufbauen, das sich sowohl auf Vertrautheit als auch auf Unabhängigkeit gründet. Diese beiden Pole spielen die ganze Ehe hindurch eine große Rolle, sind aber ganz am Anfang, in der Mitte des Lebens und im Ruhestand am wichtigsten;

die Herausforderung der Elternrolle annehmen und sich gleichzeitig Freiräume gegenüber dem Kind schaffen;

sich den unvermeidlichen Krisen des Lebens stellen und dabei die Stärke der Bindung erhalten;

Freiräume für die Bewältigung von Konflikten schaffen;

eine interessante sexuelle Beziehung aufbauen und erhalten, sie vor Belastungen durch berufliche und familiäre Verpflichtungen schützen;

sich ihren Humor erhalten und durch gemeinsame Interessen und Freunde gegen die Langeweile ankämpfen;

einander trösten, stützen, ermutigen;

Einen idealisierenden wie einen realistischen Blick auf den Partner bewahren.“

(Wallerstein & Blakeslee, 1997, S. 25–26).

Kritische Lebensereignisse und Krisen sind einschneidende, wichtige Lebensbereiche berührende Ereignisse. Sie treffen oft, aber nicht ausschließlich, unvorhersehbar ein und sind in der Regel zunächst mit einer Unterbrechung der Kontinuität des Erlebens und Handelns verbunden, bis hin zu einer „partiellen Desintegration der Handlungsorganisation und Destabilisierung im emotionalen Bereich“ (Ulich u. a. 1985, S. 16).

Beispiele wären etwa ein Unfall, die Geburt eines Kindes, eine Trennung oder Scheidung, Arbeitslosigkeit.

Es ist in der Regel nicht nur das Ereignis als solches, das belastet oder uns herausfordert; verbunden damit sind eine Fülle alltäglicher Veränderungen, Behinderungen oder Enttäuschungen, die das Leben in Krisensituationen erschweren.

Nehmen wir die Geburt eines Kindes als Beispiel. Ungewohnt sind natürlich die Bedürfnisse des kleinen Menschen, die wir erfüllen müssen. Dazu kommen aber viele weitere Anforderungen, kleine Alltagswidrigkeiten oder auch chronische Belastungen. Die Müdigkeit nach unterbrochener Nachtruhe, das Fest bei Freunden oder die gewohnten Ferien, die wir nicht mehr wie üblich verbringen können, die Auseinandersetzung mit Nachbarn wegen des Kinderwagens im Treppenhaus und des nächtlichen Geschreis, der weite Weg und die Wartezeit beim Kinderarzt, Auseinandersetzungen mit Partner oder Partnerin über die Verteilung der Hausarbeit oder den richtigen Umgang mit dem Baby.

Solche kritischen Ereignisse oder Krisen werden in der klinischen Literatur häufig als besonders riskant für seelische Gesundheit angesehen, besonders, wenn eine Anamnese die Häufung solcher Erlebnisse in der jüngeren Vergangenheit der Erkrankung ergab (für eine ausführliche Darstellung vgl. Geyer, 1999).

Alltagswidrigkeiten („daily hazzles“) sind ärgerliche, enttäuschende oder bedrückende Erfahrungen mit Umständen und Menschen im Alltag (Kaluza, 2004, S. 31–32; Myers, 2005, S. 674). Wenn sich solche Erfahrungen ständig wiederholen und nicht zu beeinflussen sind, stellen sie ein deutlich nachweisbares Krankheitsrisiko dar. Vor allem das Zusammentreffen von chronischem Alltagsstress mit besonderen Belastungen durch kritische Lebensereignisse oder Übergänge in neue Lebensphasen bedeutet ein hohes Gesundheitsrisiko (Kaluza, 2004, S. 31).

Neben der Missachtung elementarer körperlicher und seelischer Bedürfnisse, wie oben bereits genannt, sind es nach Kaluza (2004, S. 32) vor allem Widrigkeiten bei der Erfüllung von Aufgaben, Probleme im sozialen Zusammensein, Überflutung durch Informationen und Konsumangebote oder auch selbst erzeugte Belastungen durch problematische Gedanken.

Besonders kritisch sind chronische Widrigkeiten in persönlich wichtigen Lebensbereichen.

Exkurs Checkliste zu Alltagswidrigkeiten

Kaluza gibt den Teilnehmerinnen seiner Stress-Management-Kurse die folgende Liste alltäglicher Belastungen an die Hand (aus: Kaluza, G., 2002a, Förderung individueller Belastungsverarbeitung: Was leisten Stressbewältigungsprogramme? In: Röhrle, B. (Hrsg.). Prävention und Gesundheitsförderung. Band 2, Tübingen: DGVT, S. 216–217, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des DGVT-Verlags):

Termindruck, Zeitnot, Hetze

Koordination von Berufs- und Familienleben

Umfangreiche familiäre Verpflichtungen (z. B. Haushalt, Pflege von Angehörigen)

Unzufriedenheit mit Verteilung der Hausarbeit

Umfangreiche soziale Verpflichtungen (Vereine, Organisationen)

Gesundheitliche Probleme (z. B. Krankheit, chronische Leiden in der Familie)

Das Gefühl, nicht ausgelastet zu sein

Lange Anfahrten zur Arbeit, häufige Reisen

Ehe- oder Partnerschaftskonflikte

Probleme mit den Kindern (Erziehung, Schule)

Finanzielle Sorgen

Risiken am Arbeitsplatz

Unzufriedenheit am Arbeitsplatz (z. B. Bedingungen, Anforderungen)

Häufige Störungen bei der Arbeit

Zuviel Arbeit

Neue Arbeitsmethoden

Informationsüberflutung

Spannungen am Arbeitplatz

Mangelnde Anerkennung der Leistung

Unstimmigkeit im Verwandtenkreis

Häufige Auseinandersetzung im Umfeld (z. B. mit Vermieter, Mietern, Nachbarn)

Unzufriedenheit mit der Wohnsituation

Unzufriedenheit mit Tageseinteilung (z. B. zuviel/zu wenig Freizeit; Schlaf)

Drohende Verschlechterung des Lebens (z. B. Krankheit, Arbeitslosigkeit)

Bericht: Vorsicht Furie!

Christine Hohwieler schildert ihren ganz normalen Alltag als berufstätige Ehefrau und Mutter – eine erschöpfende Ansammlung von „daily hazzles“:

„Normalerweise meldet sich die Wut eine gute halbe Stunde nach dem Aufwachen. Die Jeans, die ich anziehen will, liegt nass in der Maschine, obwohl ich Mark vorm Schlafengehen gebeten hatte, die Wäsche in den Trockner zu räumen. Mein Sohn heult, weil seine Banane eine braune Stelle hat. Die Teller vom Abendessen stehen noch immer auf dem Küchentisch, nur dass die Tomatensoβe jetzt eine stabile Oberflächenstruktur aufweist. Finn schüttet den Inhalt von drei Spielzeugkisten in den Flur, weil in seinem Bayern-München-Quartett der Felix Magath fehlt. Ich suche das Buch, das ich bis letzte Woche gelesen haben wollte, weil wir den Autor interviewen wollen, aber weder habe ich das Buch gelesen noch finde ich es jetzt. Finn weigert sich, ohne Felix Magath dasHaus zu verlassen. Währenddessen liegt Mark im Bett und schläft. Mark arbeitet frei, das weiβt Du ja. Er arbeitet abends, oft bis spät in die Nacht. Dafür bleibt er morgens lange im Bett. Theoretisch kann er dort bleiben, bis er Finn nachmittags um halb vier vom Kindergarten abholt. Eine Vorstellung, die morgens um acht keine freundlichen Gefühle in mir hervorruft. Ich ziehe meinen Sohn gewaltsam die Schuhe an und teile ihm mit, dass ich die Herren Magath, Ballack und Kahn höchstpersönlich zerreiβen werde, wenn er jetzt nicht sofort mit der Heulerei aufhört.

Ich hasse mich dafür. Diese gehetzte, keifende Frau will ich nicht sein. Aber es gibt Tage, da kriege ich es einfach nicht besser hin. Ich motze am Morgen, ich gehe zur Arbeit, wo ich mich wie ein völlig normaler Mensch benehme, und wenn ich abends nach Hause komme, motze ich weiter. Sobald ich die Wohnung betrete, ist mir alles zu viel, alles macht mich rasend, der ungeleerte Mülleimer, das klingelnde Telefon, die Freundin, die ich zurückrufen müsste, der Zahnarzttermin, den ich für Finn machen wollte, die Wäsche, die sich im Schlafzimmer türmt, die Konferenz morgen, auf die ich nicht vorbereitet bin. Und vor allem Mark, der seelenruhig mit einer selbst gebackenen Salami-Pizza auf dem Teller und einem glücklichen Sohn im Arm vor dem Fernseher sitzt und Champions-League guckt. Wieso zum Teufel hat dieser Mann überhaupt Zeit zum Fernsehgucken? Zum Pizzabacken? Zum Schmusen? Während ich den ganzen Tag wie eine gesengte Sau durch die Gegend rase, permanent ein schlechtes Gewissen habe, mein Kind auf später vertröste, niemanden jemals zurückrufe, keinen Sport treibe, kaum noch koche und: demnächst zwei Kinder haben werde, um die ich mich nicht kümmere. Während ich bereits jetzt am Rande des Kollapses herumtobe, macht mein Mann es sich so richtig gemütlich.“

Entnommen aus: Nataly Bleuel/Christine Hohwieler, Die tun nichts, die wollen nur spielen!, S. 5f. © Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2006

Kritische Lebensereignisse bedingen Alltagswidrigkeiten. Dies ist wichtig, sich vor Augen zu halten. In der Regel sind von einem kritischen Lebensereignis verschiedene Lebensbereiche betroffen. Dabei sind es die alltäglichen Abläufe, die sich vom bisher Üblichen unterscheiden: Man muss sich umstellen, Erwartungen werden enttäuscht, liebe Gewohnheiten sind nicht mehr praktikabel. Es sind die vielen Nadelstiche, die sich mehr und mehr zu einer Wunde summieren, weil sie die Kräfte zur Bewältigung übersteigen.

Der Eintritt in die Arbeitslosigkeit kann als kritisches Lebensereignis zeitlich genau bestimmt werden. Dieses Ereignis entfaltet seine belastende Wirkung jedoch nicht nur im Moment der Konfrontation mit dieser Realität, sondern in der Folge in einer Fülle von Lebensbereichen, die in der einen oder anderen Weise betroffen sind: Verzicht auf liebe Konsumgewohnheiten, Schamgefühle bei sozialen Kontakten, Leere im Alltag, Grübeln, Antriebslosigkeit u. a.

Zeitlich begrenzte oder chronische Stressoren. Diese Unterscheidung verweist auf die unterschiedliche Dauer von Belastungen. Mit einer zufriedenstellenden Bewältigung kann eine Stress-Situation in absehbarer Zeit abgeschlossen sein; es kann auch eine Anforderung sein, die ohne weiteres Zutun des Betroffenen zu Ende geht. Wir alle kennen aber auch (chronische) Belastungskonstellationen, die andauern und denen wir nicht entkommen können, beispielsweise Verkehrslärm in der Wohnumgebung; rücksichtslose Nachbarn; Schichtarbeit.

Enttäuschte Erwartungen („Nicht-Ereignisse“) werden zu Stressoren, wenn wir trotz vieler Anstrengungen wichtige Ziele nicht erreichen oder nur mit großem Aufwand vorankommen. Immer neue Hürden stehen im Weg, erhoffte Belohnungen bleiben aus, unerwartete Nebenwirkungen unseres Bemühens verderben die Freude des Erfolgs (Kaluza, 2004, S. 39–40; Ernst, 1997, S. 25 spricht von der „Tragödie der Nicht-Ereignisse“). Diese Klasse von Stressoren zeichnet sich durch eine langfristige Überstrapazierung der Kräfte aus, die häufig mit körperlichen, seelischen und sozialen Konsequenzen bestraft wird, wenn wir uns nicht rechtzeitig von unangemessenen Zielen verabschieden. Kaluza (2004, S. 39) nennt enttäuschte Erwartungen als einen der Wege zu Burn-out.

Eine erwartete Beförderung bleibt aus; eine Ehe ist auch nach mehreren Jahren kinderlos; das neue Medikament zeigt keine Wirkung.

2.6 Stressoren am Arbeitsplatz

Belastungen am Arbeitsplatz sind besonders häufig erlebte Formen von Alltagswidrigkeiten. Sie können zeitlich begrenzt oder chronisch in Erscheinung treten.

Hierfür sind Belastungen aus unterschiedlichen Quellen zu unterscheiden:

gesellschaftliche Rahmenbedingungen,

materielle und soziale Bedingungen des konkreten Arbeitsplatzes.