Suchterkrankung beim Hund - Barbara Wahlig - E-Book

Suchterkrankung beim Hund E-Book

Barbara Wahlig

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Beschreibung

Suchterkrankung beim Hund - gibt es das? Offenbar ja, denn der sogenannte "Bällchenjunkie" taucht gar nicht so selten in Hundeschulen auf. Aber was bedeutet das für den Hund? Ist es behandlungsbedürftig und wenn ja, wie? Diesem Phänomen fundierte Einschätzungen und planvolle Handlungsansätze folgen zu lassen, ist Anliegen dieses Buches. Es erklärt die Entstehung und Aufrechterhaltung von Sucht und beschreibt die damit einhergehenden anhaltenden Veränderungen im Gehirn, bevor ein Blick auf die Einordnung suchtartiger Verhaltensweisen von Hunden innerhalb der Veterinärmedizin folgt. Im Anschluss werden die Ausdrucksformen der Suchterkrankung beim Hund untersucht. Risikofaktoren für die Entwicklung einer Sucht, weitere komplexe Zusammenhänge und die Folgen für den betroffenen Hund werden beschrieben. Im letzten Abschnitt werden praktische Handlungsansätze von der Diagnose über den Entzug, die Entwöhnung und die weitere Perspektive dargestellt. Die Autorin verbindet ihre Kompetenz und Erfahrung als Suchttherapeutin für Menschen mit ihrem Wissen als Hundeverhaltensberaterin, um erfahrenen Hundemenschen und Fachleuten neue Einsichten, Ideen und Handlungsansätze für ein lange unterschätztes Problem zu liefern.

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Seitenzahl: 67

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Barbara Wahlig

Suchterkrankung beim Hund

Erkennen – Verstehen – Handeln

© 2025 KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH

Konrad-Zuse-Straße 3 • D-54552 Nerdlen / Daun

Telefon: +49 (0) 6592 957389-0

Kontakt: [email protected]

www.kynos-verlag.de

eBook (epub) Ausgabe der Printversion 2025

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-395464-345-5

eBook (epub)-ISBN: 978-3-95464-358-5

Bildnachweis: Alle Grafiken Nicole Hilgers

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Sucht

Substanzabhängigkeit bei Hunden?

Entstehung und Aufrechterhaltung der Sucht

Das limbische System

Das Belohnungssystem

Dopamin

Lernen und Gedächtnis

Toleranzentwicklung

Weitere dauerhafte Veränderungen

Entzug

Substanzungebundene Süchte und suchtähnliche Störungen

Nicht substanzgebundene Suchtformen

Repetitives und stereotypes Verhalten

Ausdrucksformen süchtigen Verhaltens beim Hund und dessen Folgen am Beispiel des „Balljunkies“

Ausdrucksformen süchtigen Verhaltens beim Hund

Risikofaktoren, Zusammenhänge und Folgen süchtigen Verhaltens für den Hund

Praktische Ansätze

Diagnose

Förderung von Veränderungsmotivation bei der Bezugsperson

Entzug

Entwöhnung

Das neuronale Belohnungssystem und die sogenannte positive Verstärkung

Und wie geht es weiter? Leben nach der Therapie

Nachtrag

Empfehlungen für Wissenshungrige

Über die Autorin

Literaturverzeichnis

Einleitung

Zunehmend wird in Hundefachkreisen Sucht bei Hunden meist in Form der Beschreibung des sogenannten „Bällchenjunkies“ thematisiert. Eine schnelle Suche im Internet bestätigt dies. Zahlreiche Seiten für hundeinteressiertes Klientel beschäftigen sich mit dem „Balljunkie“, Begriffe wie Sucht, Abhängigkeit, Zwang etwa werden dort offenbar eher intuitiv genutzt. Mögliche Symptomatiken und Auswirkungen werden zwar plastisch beschrieben, jedoch nicht befriedigend hergeleitet, mögliche Quellen bleiben unbekannt. Schwierig wird es dort, wo vermeintliche Tests einen süchtigen „Balljunkie“ diagnostizieren sollen oder Handlungsanleitungen für einen Umgang mit dem „Bällchenjunkie“ gegeben werden. Neben dem naheliegenden „kalten Entzug“ werden hier teilweise detaillierte Trainingsanweisungen zum „kontrollierten Konsum“, das ist nun meine eigene Wortwahl, gegeben, die einer seriösen Behandlung einer Suchterkrankung, so wir denn beim Hund von einer Suchterkrankung ausgehen dürfen, widersprechen.

Als ausgebildete Suchttherapeutin mit langjähriger Erfahrung in Diagnose und Behandlung von Suchterkrankungen und als Hundeverhaltensberaterin versuche ich in diesem Buch, Wissen und Erfahrung aus beiden Feldern zu verknüpfen. Tatsächlich haben meine Recherchen keine wissenschaftlichen Studien zum Thema zutage gefördert.

In Ermangelung hundebezogener Arbeiten stellt sich die Frage, was wir aus unserem suchtmedizinischen Wissen für den Umgang mit Hunden lernen können. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich dieses Buch zunächst damit, was Sucht ist und ob es Suchterkrankungen bei Hunden gibt.

Es folgt eine Ausführung über die Entstehung und Aufrechterhaltung von Sucht und ihre Auswirkungen. Im Anschluss werden substanzungebundene Suchtformen sowie suchtähnliche Störungen erläutert und ein Blick auf vergleichbare Störungen bei Hunden und deren Einordnung in der tierischen Verhaltensmedizin geworfen.

Darauf folgt eine Beschreibung von hündischen Ausdruckformen süchtigen Verhaltens. In experimenteller Weise bediene ich mich dabei der Diagnosekriterien des Internationalen Klassifikationssystems der WHO für menschliche psychische Erkrankungen.

Im Anschluss werden relevante Aspekte und deren komplexe Wechselwirkungen zur Suchterkrankung beim Hund ausgeführt.

Abschließend werden aus den gewonnenen Erkenntnissen Ansätze zur praktischen Arbeit mit betroffenen Hunden abgeleitet.

Sucht

Es existieren unzählige Versuche, das komplexe Phänomen Sucht bezogen auf den Menschen zu definieren. Noch heute findet die Definition von Klaus Wanke in Fachkreisen breite Zustimmung: „Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung der Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums. (Deutsche-hauptstelle-gegendie-suchtgefahren, 1985)

Im Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts vom 18. Juni 1968 wurde Sucht erstmals als Erkrankung im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung anerkannt. Sie und andere Kostenträger, vornehmlich die Rentenversicherungen, übernehmen seither die Kosten für die Behandlung von Abhängigen. Sucht gilt folglich seitdem als behandlungsbedürftige Erkrankung. Beim Menschen werden neben den Behandlungskosten zudem weitere Leistungen, nämlich zur Prävention und Rehabilitation sowie zur Erhaltung, Besserung und Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit und zur „Harm Reduction“, also der Vermeidung gesundheitlicher Risiken von Konsument*innen, bereitgestellt. Vor diesem Hintergrund darf darauf geschlossen werden, dass eine Suchterkrankung als individuell erheblich beeinträchtigend und gesellschaftlich oder, bezogen auf eine mögliche gleichartige Erkrankung beim Hund, für das Sozialleben erhebliche negative Auswirkungen hat.

Um behandelt werden zu können, ist für Menschen eine entsprechende Diagnose nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beziehungsweise der von dieser herausgegebenen Internationalen Klassifikation Psychischer Störungen ICD 101 Kapitel F1x.2 notwendig. Diese reduziert Sucht auf psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen2, also auf die Abhängigkeit von einer oder von mehreren Substanzen.

Sucht ist das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand.

Substanzabhängigkeit bei Hunden?

Es gilt zunächst zu klären, ob in diesem Sinne auch beim Hund von Sucht gesprochen werden darf beziehungsweise ob ein Hund überhaupt von einer Substanz abhängig werden kann.

Dies ist schnell beantwortet und stützt sich auf zahlreiche Studien, die diesbezüglich Versuche an einer Vielzahl verschiedener Säugetiere vorgenommen haben.

So wurden vielfach bei Mäusen, aber auch bei Primaten und Hunden Substanzabhängigkeiten induziert und dabei eine große Anzahl psychotroper Substanzen eingesetzt. Die Toleranzentwicklung gegenüber und die körperliche Abhängigkeit von Alkohol wurde bei einer Reihe von Tierarten eindeutig nachgewiesen, auch bei Hunden (Woods, Winger 1974). Ziel dieser unzähligen Studien, die entsprechend viele Ressourcen verschlungen und noch mehr Tiere instrumentalisiert haben, war es, über ein zu entwickelndes Tiermodell von Sucht auf Behandlungsmöglichkeiten und insbesondere auf Pharmakotherapien für den Menschen rückzuschließen. Dies ist offenbar kaum gelungen, was eine drastische Kürzung der finanziellen Mittel der pharmazeutischen Industrie nach sich zog. Field und Kersbergen (2019) beschäftigen sich in ihrer Arbeit „Are animal models of addiction useful?“ mit einer kritischen Würdigung dieser Studien und kommen unter anderem zu der Überzeugung, dass das Gehirn von Süchtigen als Komponente eines umfassenderen Netzwerks von Symptomen einerseits sowie von Umwelt- und sozialen Faktoren andererseits verstanden werden muss. Diese Komplexität ließe sich unmöglich in Labortieren modellieren.

Obwohl Studien also belegt haben, dass Hunde von Substanzen abhängig werden können, spielt diese Definition im alltäglichen Umgang mit Hunden kaum eine Rolle. Verhaltensweisen von Hunden, die uns suchtartig erscheinen, können mit diesem engen Suchtbegriff also nicht gefasst werden.

Sucht und Abhängigkeit, Versuch einer Begriffsklärung

Oft werden diese beiden Begriffe synonym verwendet oder sie werden beide parallel benutzt, ohne dass die Verwendung des einen oder des anderen Begriffs bewusst gewählt wird.

Abhängigkeit

Unter Abhängigkeit wird der Mechanismus verstanden, über den der regelmäßige Substanzkonsum ein Ungleichgewicht der neurobiologischen Funktionsweise des Individuums herbeigeführt hat. Dieses Ungleichgewicht erzeugt ein körperliches und psychisches Unwohlsein, wodurch sich ein Drang zur Fortsetzung des Konsums bildet. Dabei stehen nicht mehr die angenehmen Wirkungen der psychotropen Substanz im Vordergrund, sondern die Vermeidung der negativen Folgen eines Konsumstopps.

Sucht

Sucht beschreibt ein übermächtiges Verlangen zum Beispiel eine Substanz zu konsumieren, trotz der schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit und das soziale Leben. Es handelt sich um eine Erkrankung, die mit der Ingangsetzung pathologischer Lernprozesse zusammenhängt. Sie entsteht, wenn willentliche Verhaltensweisen in automatisierte, quasi zwanghafte Verhaltensschemata abgleiten. Sucht ist also nicht alleine das Ergebnis eines Substanzkonsums. Sie kann auch im Falle von als lustvoll beziehungsweise belohnend empfundenen Verhaltensformen auftreten. Grundlegende Erkenntnis der Neurowissenschaften bezüglich der Entwicklung einer Suchterkrankung ist der Nachweis, dass zwar die einzelnen psychotropen Substanzen ihre jeweiligen pharmakologischen Wirkmechanismen entfalten, ihnen jedoch allen eine Erhöhung der Dopaminausschüttung im Belohnungssystem gemeinsam ist.

Sucht ist eine psychische Erkrankung, die sich in neurobiologischen Veränderungen niederschlägt.

Zusammenhang von Abhängigkeit und Sucht