Suizid - Jens Walkowiak - E-Book

Suizid E-Book

Jens Walkowiak

4,9

Beschreibung

Jährlich nehmen sich etwa 10.000 Menschen in Deutschland das Leben. Die Anzahl der Suizidversuche liegt um ein Zehnfaches höher. Jeder Suizid und Suizidversuch hat auch Auswirkungen auf andere Menschen. Hierzu zählen auch Polizeibeamte des Wach- und Wechseldienstes und Angehörige von Spezialeinheiten. In Einsätzen treffen sie auf Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Genau hier wird von den Einsatzkräften erwartet, besonnen und angemessen zu reagieren. Mit diesem Buch wollen die Autoren die Handlungssicherheit von Berufspraktikern im Umgang mit Menschen in einer suizidalen Krise stärken und konkrete Hilfestellungen geben. Im ersten Teil nehmen sie eine Einordnung und Beschreibung des psychischen Zustandes gefährdeter Personen vor. Im zweiten Teil beschreiben sie Einsatzvorbereitung, Abstimmung mit der Leitstelle und den Einsatz vor Ort. Notwendige Gesprächsabläufe für unterschiedliche Problemfelder verdeutlichen sie anhand beispielhafter Dialoge. Durch Problemanalysen und die Darstellung konkreter Handlungsalternativen fördern sie zudem die Fehlervermeidung.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Suizid

Umgang mit gefährdeten Personen

von

Guido Kolk

und

Jens Walkowiak

E-Book1. Auflage 2013© VERLAG DEUTSCHE POLIZEILITERATUR GMBH Buchvertrieb, Hilden/Rhld., 2013ISBN 978-3-8011-0848-9

Buch1. Auflage 2011© VERLAG DEUTSCHE POLIZEILITERATUR GMBH Buchvertrieb, Hilden/Rhld., 2011ISBN 978-3-8011-0667-6

Alle Rechte vorbehaltenSatz und E-Book: VDP GMBH Buchvertrieb, Hilden

www.VDPolizei.de

Vorwort

Der Umgang mit Suizidenten in der akuten Situation ist eine anspruchsvolle Aufgabe für alle eingesetzten Kräfte. Hierunter sind sowohl Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte des Wach- und Wechseldienstes als auch Angehörige der Spezialeinheiten zu verstehen, die mit diesen Extremsituationen konfrontiert werden.

In Einsätzen treffen Sie auf Menschen, die unmittelbar vor der Entscheidung stehen, den letzten Schritt zu tun und ihr Leben damit zu beenden oder alternativ den Weg zurück ins Leben zu suchen. Genau hier wird von Ihnen verlangt, besonnen und angemessen zu reagieren.

Leider wird das Thema „Suizid“ in der Aus- und Fortbildung wenig bis überhaupt nicht behandelt. Da man zum Glück selten in dieser speziellen Situation ist, führt dies unweigerlich dazu, dass sich die eingesetzten Beamtinnen und Beamten unsicher fühlen müssen. Vielleicht wissen Sie nicht, wie Sie sich verhalten sollen. Es kann auch sein, dass Sie Angst davor haben etwas „Falsches“ zu sagen oder zu tun. Zusätzlich sind oft noch die Augen von Zuschauern oder anderen Einsatzkräften auf Sie gerichtet, die zu einem höheren Leistungsdruck führen.

Die Ängste um die Person bzw. vor dem, was der Mensch vorhat und vor dem eigenen Gesichtsverlust verunsichern nicht nur, sie können durch den erhöhten Stress auch dazu führen, dass Ihnen Fehler unterlaufen.

Viele Dinge werden Ihnen beim Lesen dieses Buches bekannt vorkommen, vielleicht haben Sie intuitiv immer schon richtig gehandelt. Sie werden sehen, dass Sie keine Angst vor der Kommunikation mit einem Suizidenten haben müssen, denn im Grunde sind Sie auf der sicheren Seite, wenn Sie einige Verhaltenshinweise beachten.

Durch theoretisches Hintergrundwissen und Hinweise von Praktikern für Praktiker sollen Sie für diese Situationen die Handlungssicherheit erhalten, die Sie benötigen.

Sie sollen lernen, eine Person in einer suizidalen Krise, die Einsatzanlass wird, besser verstehen und mit ihr umgehen zu können. Sie können diesen Leitfaden mit einem Werkzeug vergleichen, mit einem Werkzeug aus Ihrem Koffer der Handlungsalternativen. Hierbei erheben wir nicht den Anspruch, dass die dargestellten Vorgehensweisen, an eine solche Situation heranzugehen, immer den absoluten und einzigen Weg darstellen.

Uns ist wichtig, dass Sie angstfrei, aber mit dem nötigen Respekt und der wichtigen Vorsicht, in einen solchen Einsatz gehen.

Suizidales Handeln findet statt! Immer! Jeden Tag! In jeder Stadt! Zu jeder Zeit!

Genau deshalb ist es wichtig, dass gerade Sie mit der Thematik vertraut sind, wenn Sie als Erster am Einsatzort eintreffen. Von Ihnen wird Hilfe verlangt und erwartet, dass Sie die Situation professionell bewältigen.

An dieser Stelle möchten wir uns bei den Mitgliedern der Verhandlungsgruppe Münster bedanken. Ohne die vielfältigen gemeinsamen Erfahrungen hätte dieses Buch nicht entstehen können.

Guido Kolk/Jens Walkowiak

Oktober 2011

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel I: Die Theorie

1

Wissenschaftliche Grundlagen

1.1

Begriffsbestimmung

1.1.1

Gemeinsamer Suizid

1.1.2

Bilanzsuizid

1.1.3

Kindersuizide

1.1.4

Protrahierter Suizid

1.1.5

Chronischer Suizid

1.2

Suizid aus historischer und ethischer Sicht

1.2.1

Suizid im Christentum

1.2.2

Suizid im Islam

1.2.3

Suizid in anderen Kulturen

1.3

Statistik

2

Erkenntnisse der klinischen Psychologie

2.1

Suizid als psychische Störung

2.1.1

Zunehmende Einengung

2.1.2

Aggressionsstauung und Aggressionsumkehr

2.1.3

Suizidfantasien

2.1.4

Erwägungsstadium

2.1.5

Ambivalenzstadium

2.1.6

Entschlussphase

2.2

Suizid und psychische Störungen

2.2.1

Depression und Suizid

2.2.2

Persönlichkeitsstörungen und Suizid

2.2.3

Schizophrenien und Suizid

2.2.4

Weitere Problemfelder und Suizid

3

Mögliche Folgen belastender Einsätze

Kapitel II: Die Praxis

1

Vorbereitung auf den Einsatz

1.1

Innere Einstellung

1.2

Der Methodenkoffer

1.2.1

Körpersprache

1.2.2

Einsatz der Stimme

1.2.3

Aktives Zuhören

1.2.4

Effektives Senden

1.2.5

Fragetechniken

1.2.6

Suggestion

1.2.7

Das Kriseninterventionsmodell

1.3

Der Einsatzkoffer

2

Der Einsatz

2.1

Die Leitstelle

2.1.1

Die Situation auf der Leitstelle

2.1.2

Erkennen und Umschalten

2.1.3

Der Gesprächskontakt

2.1.4

Alarmierung von Feuerwehr, Psychosozialer Unterstützung und Spezialeinheiten

2.2

Der Einsatz vor Ort

2.2.1

Anfahrt

2.2.2

Eintreffen vor Ort

2.3

Einsatzbewältigung

2.3.1

Eigensicherung

2.3.2

Kontaktaufnahme mit dem Suizidenten

2.3.3

Gesprächsführung

2.3.4

Besondere Problemfelder

2.3.5

Die Endphase

Literatur- und Quellenverzeichnis

Zu den Autoren

Kapitel I: Die Theorie

1Wissenschaftliche Grundlagen

1.1Begriffsbestimmung

Die Basis des Wortes „Suizid“ stammt aus dem Lateinischen „sui caedes“ und ist mit „Tötung seiner selbst“ zu übersetzen. Aufgrund seiner Neutralität hat sich dieser Terminus in den Fachbereichen Psychologie und Medizin durchgesetzt (siehe auch Davison und Neale, 2007). Der klassische Begriff „Selbstmord“ hingegen ist in seinem zweiten Teil mit „Mord“ verknüpft und weist hierdurch ein starke juristische Betrachtungsweise aus.

Der Begriff „Freitod“ unterstellt die freie Wahl zwischen Leben und Tod. In Kapitel 2.1 wird verdeutlicht, dass diese Unterstellung für viele Fälle problematisch ist. Der Begriff „Selbsttötung“ ist sicherlich eine neutrale Alternative zu Suizid, allerdings in der Fachwelt eher ungebräuchlich.

Unter einem „erweiterten Suizid“ ist die Einbeziehung Dritter in die Tötungshandlung gegen deren Willen zu verstehen. Meist werden nahe Familienangehörige (Kinder, Ehepartner) vor dem eigentlichen Suizid getötet. Es gibt den erweiterten Suizid aber auch mit terroristischem Hintergrund oder bei Amoktaten.

Suizide können in vielen Erscheinungsformen auftreten. Die Einteilungen von Brunnhuber (2008) geben einen ersten Überblick:

1.1.1Gemeinsamer Suizid

Zwei oder mehrere Personen verabreden, sich zusammen umzubringen.

1.1.2Bilanzsuizid

Rational durchgeplante und überlegte Handlung, die in einer als aussichtslos erlebten Situation zum Suizid führt.

Hierbei ist es allerdings strittig, ob die Handlung wirklich rational ist. Bei den meisten würde man sicherlich eine depressive Verstimmung, bedingt durch diese aussichtslose Situation, feststellen, die das rationale Denken einschränkt.

1.1.3Kindersuizide

Kommen selten vor. Häufig ist es schwierig, sie von Unfällen abzugrenzen. Vor allen Dingen erkennen Eltern oft nicht die Ernsthaftigkeit der Situation, aber auch Ärzte müssen sehr wachsam sein. Dies soll an einem Beispiel verdeutlicht werden: Wenn eine Mutter mit einem Kind in die Notaufnahme kommt, weil ihr Kind eine Flasche Reinigungsmittel getrunken hat, sollten sich alle Beobachter fragen, ob ein Kind nicht schon nach einem Schluck merken würde, dass man Reinigungsmittel nicht trinken sollte. Wenn es tatsächlich eine ganze Flasche trinkt, drängt sich der Verdacht auf, dass es sich selber schaden wollte. Kritische Wachsamkeit kann hier die Vollendung von Suiziden oder körperliche Schäden verhindern.

Kinder haben ab dem 6. – 7. Lebensjahr ein erstes Verständnis für die Bedeutung des Todes entwickelt. Oft ist der Grund die Angst, nicht von den Eltern akzeptiert zu werden (siehe auch Herrmann et al., 2010).

1.1.4Protrahierter Suizid

Chronisch selbstschädigendes Verhalten, wie z.B. Essstörungen und Suchterkrankungen.

1.1.5Chronischer Suizid

Konstant anhaltende oder sehr häufige suizidale Krisen mit mindestens zwei Suizidversuchen bzw. anhaltenden Suizidankündigungen. Meist sind jüngere Menschen betroffen. Oft spielen Depressionen, Persönlichkeitsstörungen (Borderline) oder Suchterkrankungen eine Rolle (siehe auch Kapitel I, 2.2).

Allein die gerade dargestellte Einteilung macht deutlich, den einen Suizid gibt es nicht, sondern viele Varianten. Es ist wichtig, bei allen Standards und aller Professionalität nicht den Blick für den Einzelfall zu verlieren.

1.2Suizid aus historischer und ethischer Sicht

Suizidfälle wurden schon seit der Antike berichtet. Ob es moralisch zulässig ist, sich das Leben zu nehmen, ist in den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich bewertet worden.

Philosophen der Antike wie Seneca oder Aristoteles vertraten zum Teil sehr unterschiedliche Ansichten. Der Suizid wurde als gutes Recht oder auch als Ausdruck von Feigheit gewertet (siehe auch Hofmann, 2007).

Kluxen (1998) gibt einen Überblick über die Philosophische Ethik des Thomas von Aquin, der im Suizid eine Todsünde sah. Dies führte zu Verfolgung und Tötung von Menschen, die versucht hatten, sich selbst zu töten. Viele Suizidenten wurden nicht auf, sondern neben dem Friedhof auf einer nicht geweihten Sonderfläche beerdigt. Noch 1823 wurde in London jeder Suizident mit einem Pfahl im Herzen verbrannt. Erst seit 1961 ist Suizid in England kein strafrechtliches Vergehen mehr (Davison und Neale, 2007; Shneidman, 1973). Die wissenschaftliche Untersuchung des Suizids als eine Form der Geisteskrankheit begann durch den französischen Arzt Esqirol im Jahr 1938. Inzwischen ist der Suizid Bestandteil aller umfassenden Klassifikationssysteme psychischer Störungen und Krankheiten (ICD, DSM, siehe auch Kapitel I, 2.). Dennoch bleibt dieser Themenbereich umstritten (Amery, 1976). Ein gesellschaftlicher Wandel im Umgang mit Suizid hält an (Schwerstkranke, Sterbehilfe).

1.2.1Suizid im Christentum

Viele frühe Christen brachten sich in einem Akt des Märtyrertums selbst um. In den ersten Jahrhunderten der Christenheit galt dies vielfach als Aufopferung für den Glauben. Das vierte Jahrhundert brachte einen radikalen Wandel. Augustinus erklärte den Suizid zur Sünde, zum Verbrechen. Er leitete dies vom Gebot: „Du sollst nicht töten!“, ab. Nachdem Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert den Suizid zur Todsünde erklärte, wobei er nur Gott das Recht zubilligte, über Leben und Tod zu entscheiden, wurde der Suizid in der Christlichen Welt weithin als verabscheuungswürdige, unchristliche Tat gesehen (Kluxen,1998).

Diese Grundlage führte nicht nur zu einer Diffamierung der Suizidenten, sondern auch zu einer Diskriminierung der Angehörigen und Betroffenen. Weiterhin geht die christliche Kirche davon aus, dass das menschliche Leben heilig und einzigartig sei und besonderen Schutzes bedürfe. Die Bibel verurteilt den Suizid nicht explizit. Beispiele wie Saul (1. Samuel 31,4), Abimelech (Richter 9,54) oder Samson (Richter 16,30) zeigen, dass die Bibel sehr wohl differenziert. Lediglich Judas Ischarioth (Matthäus 27,5) erschien im wirklich schlechten Licht, während z.B. Samson/Simson (Richter 16,30) fast als Märtyrer dargestellt wird, als er seinen Peinigern durch die Selbsttötung entkommt.

1.2.2Suizid im Islam

Im Islam wird der Suizid verboten. Die Überschreitung dieses Verbotes führt zur Verweigerung der Aufnahme in das Paradies. Es droht das ewige Höllenfeuer (siehe auch Spuler-Stegemann, 2007). Hier zeigen sich deutliche Übereinstimmungen mit den christlichen Auslegungen seit dem 4. Jahrhundert.

Mit dem Islam verbunden ist allerdings auch der Märtyrertod. Hier wird der Suizid als Glaubenszeugnis interpretiert. In den letzten Jahren waren Terroranschläge auf „Ungläubige“, wie am 11. September 2001 in New York, eine Grundlage massiver Kontroversen. Sind die Kämpfer der Al-Kaida Märtyrer oder Mörder? Es wird in den extremistischen, islamistischen Organisationen zum Teil der erweiterte Suizid propagiert. Oft wird behauptet, dass ein Suizid immer dann direkt ins Paradies führe, wenn dabei Feinde des Glaubens mit in den Tod gerissen würden (Mann, 2003; Mark, 2005).

Eine Kommunikation mit Menschen, die dieser Propaganda folgen, ist kaum möglich. Wenn man als eingesetzter Polizeibeamter überhaupt noch Kontakt bekommt, kann es im Grunde nur um Schadensbegrenzung gehen. Die Evakuierung von Unbeteiligten sollte hierbei Vorrang haben.

1.2.3Suizid in anderen Kulturen

Weitgehend ist die Ablehnung des Suizids in vielen Kulturen, wobei immer wieder Ausnahmen zu beobachten sind. So geht auch der Buddhismus davon aus, dass alles, was man im jetzigen Leben tut, sich auf das nächste Leben auswirkt. Der Tod durch Suizid bedeutet somit in dieser Sichtweise, dass man wieder in die gleichen Probleme hineingeboren wird. Eine Bewältigung der Probleme soll demnach also besser direkt erfolgen, da man vor ihnen nicht davonlaufen kann. Hinterlässt man noch Angehörige oder Kinder, wird man im kommenden Leben ein noch schlimmeres Schicksal erleben. Das Schicksal verfolgt den Suizidenten in das nächste Leben.

Im Hinduismus setzte sich die Ansicht durch, dass die Selbsttötung Lohn der Asketen sei, um deren Frömmigkeit zu besiegeln. In Japan und Indien gibt es auch Selbsttötungen ritueller Art, die von der Gesellschaft akzeptiert werden. Hierzu gehören das japanische Seppuku, ein Ritual der Samurais, das umgangssprachlich eher unter dem Namen Harakiri bekannt ist, und das indische Sati, bei dem sich Frauen, bei der Verbrennung ihres verstorbenen Ehemannes, mit auf den brennenden Scheiterhaufen geworfen haben. Zu nennen sind noch die im 2. Weltkrieg eingesetzten japanischen Kamikaze-Flieger, die den erweiterten Suizid gegen an Japan heranrückende Soldaten der USA einsetzten (siehe auch Krause et al., 2003).

Bei der Betrachtung von Religionen und Suizid lässt sich zusammenfassend kein einfacher Zusammenhang herstellen. Einerseits können extremistische Sichtweisen die Basis von Anschlägen mit der Absicht des erweiterten Suizides sein, andererseits kann ein tiefer Glaube, der bei bestehender Suizidabsicht thematisiert wird, durchaus die entscheidende Basis sein, um am Leben festzuhalten.

1.3Statistik

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht in jedem Jahr auf der Basis der Auswertung aller Leichenschauscheine Anzahl und Ursachen der deutschen Todesfälle. Nach dieser Statistik starben im Jahre 2009 (neuere Daten lagen bei Fertigstellung dieses Buches noch nicht vor) insgesamt 854.544 Menschen (404.969 Männer und 449.575 Frauen). In der Bundesrepublik Deutschland sind 9.571 Menschen durch Suizid (vorsätzlichen Selbstbeschädigung) gestorben, das heißt, dass etwas mehr als 1% der Todesursachen auf Suizid zurückzuführen sind.

In den letzten Jahrzehnten ist die Suizidrate gefallen. So sind im Jahre 1980 23,6 Personen je 100.000 Einwohner, im Jahre 2009 hingegen insgesamt 10,6 Menschen je 100.000 Einwohner an Suizid verstorben. Die Suizidrate der Männer beträgt 17,9 je 100.000 Einwohner, bei Frauen hingegen 5,7 je 100.000 Einwohner. Damit ist die Suizidrate der Männer fast dreimal so hoch wie die der Frauen. Während bei Kindern die Suizidrate sehr gering ist, steigen die Suizide ab dem 35. Lebensjahr an. Die höchste altersbezogene Suizidzahl von 1.051 (788 Männer) Menschen lag 2009 in der Gruppe der 45- bis 50-Jährigen.

Neben Alter und Geschlecht ergeben sich auch regionale Unterschiede. Die höchste Suizidrate hatte im Jahre 2009 Bayern mit 12,9 von 100.000 Einwohnern. In absteigender Reihenfolge ergaben sich für die anderen Bundesländer folgende Werte (Angaben jeweils bezogen auf 100.000 Einwohner): Sachsen-Anhalt (12,6), Thüringen (12,4), Sachsen (12,3) und Baden-Württemberg (12,1), Berlin (7,5), Nordrhein-Westfalen (8,5), Niedersachsen und Brandenburg (jeweils 8,9) und Rheinland-Pfalz (9,5).

Die Zahl der Suizide ist auch einer wiederkehrenden jahreszeitlichen Schwankung unterworfen. So nahmen sich während der Frühlings- und Sommermonate mehr Menschen das Leben als während der Herbst- und Wintermonate.

2Erkenntnisse der klinischen Psychologie

International besteht heute Einigkeit, dass der Suizid Gegenstand von Psychologie und Psychiatrie ist. Sowohl das amerikanische Diagnosesystem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (=DSM) als auch das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geschaffene System International Classification of Deseases (=ICD) behandeln das Themengebiet Suizid. Der Suizid wird dabei den affektiven Störungen zugeordnet. Dies sind Störungen, die vor allem durch eine klinisch bedeutsame Veränderung der Stimmungslage gekennzeichnet sind (siehe auch Davison und Neale, 2007).

In der Psychologie und der Psychiatrie wurden zahlreiche Theorien aufgestellt, die den Suizid erklären. Einen Überblick geben Davison und Neale (2007) in ihrem Standardwerk zur Klinischen Psychologie: So fand Freud (1920) gleich zwei Erklärungen für den Suizid. Zum einen ging er davon aus, dass der Suizident vorher einen gleichermaßen gehassten und geliebten Menschen verliert. Als Nächstes richtet sich die empfundene Aggression nach innen. Wenn diese Aggression stark genug ist, so kommt es zum Suizid. In einem zweiten Ansatz geht Freud davon aus, dass ein in jedem Menschen vorhandener Todestrieb (Thanatos) Antriebsquelle des Suizids sei. Die Ansätze Freuds sind umstritten. Zusätzlich gibt es Erklärungen aus der Lerntheorie, der Kommunikationstheorie (Mitterauer, 1982), ferner biologische und soziologische Ansätze (Durkheim, 1897). Keine dieser Theorien klärt das Problemfeld umfassend. Davison und Neale (2007) beklagen in diesem Zusammenhang die großen Wissenslücken der klinischen Psychologie und Psychiatrie.

Den immer noch zahlreichen Toten (siehe auch Kapitel I, 1.3) steht hingegen eine relativ geringe Forschungstätigkeit gegenüber. Jeder klinische Psychologe oder Psychiater kennt das Themenfeld Suizid vielfach aus seiner beruflichen Praxis. Die Zahl der Suizidversuche übersteigt die vollendeten Suizide um ein Vielfaches. Das Themenfeld Suizid bleibt umstritten und ist wissenschaftlich trotz einiger Ansätze nicht befriedigend durchleuchtet. Einen vertiefenden Einblick bieten Comer et al. in ihrem Werk „Klinische Psychologie“ (2008).

Suizid ist sicherlich in der Mehrheit aller Fälle als ein Geschehen zu betrachten, bei dem mehrere Faktoren ineinandergreifen. Soziale Netzwerke, individuelle Problemlösungsstrategien, Neurotransmitter, Rahmenbedingungen aus der Umwelt, Attributionstendenzen (siehe auch Kapitel II, 1.2.7.3) und weitere Kognitionen können zur Erklärung herangezogen werden. Ein weitgehender Ansatz stammt von Ringel und wird im folgenden Kapitel beschrieben.

2.1Suizid als psychische Störung

Suizid kann die Folge zahlreicher psychischer Probleme oder Störungen sein (siehe auch Kapitel I, 2.2). Der Psychiater Erwin Ringel prägte 1953 erstmals den Begriff präsuizidales Syndrom (Ringel, 1995). Hier steht die Phase vor dem Suizid oder Suizidversuch als eigenständiges Problemfeld im Vordergrund. Es wird angenommen, dass das präsuizidale Syndrom normalerweise einer Suizidhandlung vorausgeht, es sei denn, es handelt sich um eine Affekttat.

Ansonsten lassen sich fast immer folgende Merkmale bei der Entwicklung einer Suizidgefahr erkennen:

2.1.1Zunehmende Einengung
2.1.1.1Situative Einengung

Hiermit ist die Einengung der persönlichen Handlungsalternativen gemeint. Der Betroffene erlebt die Situation als bedrohlich, übermächtig und gleichzeitig unveränderbar. Die eigene Person wird hingegen als klein, hilflos und wertlos empfunden. Die Verbindung der Wahrnehmung der eigenen Person und der Situation erzeugt das Gefühl der Ohnmacht. Es entsteht ein Gefühl, als sei man umzingelt, als wenn die Wände eines Raumes immer enger zusammenrücken und der einzige Weg aus diesem Zimmer der Suizid ist. Entscheidend sind die individuellen Wahrnehmungen, nicht die Fakten. So bringen sich mehr Menschen um aus Angst vor einer schlimmen Diagnose, als Menschen, die dann tatsächlich eine schwere Krankheit bescheinigt bekommen haben (siehe auch Ringel 1995).

Andere Beispiele für situative Einengung sind schicksalhafte Unglücke wie z.B. Todesfälle in der Familie. Die eingeengte Situation kann aber auch Folge des eigenen Fehlverhaltens sein. Ringel (1995) beschreibt hier die Lage, in der sich Hitler in der umzingelten Reichskanzlei in Berlin unmittelbar vor seinem Selbstmord befand.

Übertragen lässt sich die Situation auf das Einsatzgeschehen, wenn der Situation z.B. ein Tötungsdelikt vorausgegangen ist. Der Täter weiß, dass es nur noch zwei Möglichkeiten gibt, entweder sich umzubringen oder aber in Haft zu gehen. Dies sind sehr schwerwiegende Situationen, deren Ausgang stark von der Persönlichkeit des Täters abhängt und sich auf dessen Tatplanung auswirkt.

2.1.1.2Dynamische Einengung

Unter dynamischer Einengung versteht man eine Einengung der Gefühlswelt, der Fantasie und der Antriebskräfte. Alles wird nur noch durch die schwarze Brille gesehen. Alles ist schlecht und sinnlos und Pessimismus macht sich breit. Diese einseitige Wahrnehmung führt zu Traurigkeit, Verzweiflung und Panik.

Sie kann sich aber auch nach außen in einer unheimlichen Ruhe äußern, die nur das innen liegende Chaos verdeckt. Dieses Gefühlschaos schafft es irgendwann, den Selbsterhaltungstrieb auszuschalten, und vernichtet den Menschen im Moment des Suizides. Der Suizid ist also nie nur eine rationale Entscheidung, sondern immer auch ein starker, gefühlsmäßiger Vorgang.

2.1.1.3Einengung der zwischenmenschlichen Beziehungen

Hiermit sind Menschen gemeint, die einsam und isoliert sind, sich verlassen und unverstanden fühlen.

Ringel (1997) beschreibt drei Formen der Isolierung, die er als hauptverantwortlich für den Suizid sieht.

Die totale Isolierung

Diese Situation können Sie gerade bei alten Menschen immer wieder und leider immer häufiger sehen. Die alten Menschen sind nicht mehr so in die Familien eingebettet, wie es früher einmal war, und wenn dann der Lebenspartner stirbt, bleibt nichts als Leere. Diese Menschen werden dann irgendwann zwei Wochen später aufgrund der starken Geruchsbelästigung im Hausflur gefunden. Niemand hat sie vermisst, niemand hat sich um sie gekümmert, niemand hat sie interessiert.

Reduzierung auf eine Person

Bei dieser Kategorie treffen Sie auf Menschen, die ihrem Bekanntenkreis immer mehr den Rücken zukehren. Sie distanzieren sich von anderen Menschen, treten aus Vereinen aus, bleiben nur noch zu Hause und scheuen den Kontakt zu anderen. Oft bleibt dann nur noch eine Person, die Einfluss auf diesen Menschen hat. Dies ist auch sehr schwer für die Person, die der Suizident ausgewählt hat, weil sie beobachten muss, wie sich der Mensch zugrunde richtet.

Entwertung vorhandener Beziehungen

Damit ist gemeint, dass ein Mensch sich auch einsam und unverstanden fühlen kann, obwohl er um sich herum eine Familie, Freunde und Bekannte hat. Das scheinbar funktionierende Sozialgefüge bemerkt nicht, wie sich der Mensch mit seinen Problemen zurückzieht und die Beziehungen in seinem Umfeld entwertet. Er verhält sich wie immer, distanziert sich aber innerlich von ihnen.

2.1.1.4Einengung der Wertewelt

Bei suizidgefährdeten Menschen liegt häufig eine Störung der Wertbezogenheit vor.

Mangelnde Beziehung zu Werten bzw. Entwertungen

Den Betroffenen macht nichts mehr Spaß, sie verlieren jegliches Interesse an Dingen, die sie früher gerne gemacht haben. Hobbys werden aufgegeben, es werden nur noch Dinge gemacht, die unbedingt notwendig sind, alles andere wird vernachlässigt. Sie sind gleichgültig und zeigen kaum noch Engagement. Das Leben langweilt diese Menschen.

Mangelhafte Wertverwirklichung

Wie beschrieben, fehlt diesen Menschen das Engagement, sich für Dinge einzusetzen oder es fehlt ihnen schlichtweg die Kraft, ihre Pläne umzusetzen. Durch den fehlenden Erfolg entgeht ihnen natürlich auch die Anerkennung anderer, die das Selbstwertgefühl wieder stärken könnte. Ein gutes Selbstwertgefühl ist aber sehr wichtig, um den suizidalen Gedanken zu entkommen. So wird zum Beispiel bei der Therapie von Suizidgefährdeten viel am Selbstbewusstsein der Person gearbeitet.

Überhandnehmen subjektiver Wertungen, die von der Allgemeinheit anders gesehen werden.

Der Suizident „macht“ sich die Dinge so, wie sie in sein Schema passen. Auch wenn Situationen sich verbessert haben, wird er garantiert einen Grund finden, warum doch noch alles schlecht ist. Dadurch gelangen suizidale Menschen schnell in die Position des Außenseiters, weil niemand nachvollziehen kann, was der Suizident will. Seine Wahrnehmung und Bewertung für verschiedenste Situationen sind andere, als die der Allgemeinheit.

2.1.2Aggressionsstauung und Aggressionsumkehr