Tal der Illusionen - Kate O'Hara - E-Book

Tal der Illusionen E-Book

Kate O'Hara

0,0
9,99 €

oder
Beschreibung

Teil 2 der großen Familien-Saga um die Reederei-Familie Caldwell aus der spannendsten Epoche Kaliforniens:

Ein verschlafenes, staubig-heißes Nest in den Hügeln Kaliforniens wird 1911 als idealer Ort für die Produktion billiger "nickel movies" entdeckt. Der Name des Kaffs: Hollywood …
Der zweite Teil der opulenten Caldwell-Saga erzählt die Geschichte der Reederei-Familie weiter. Im Mittelpunkt steht neben Harriet Caldwell auch ihr Geliebter, Frank Maynard, der aus einfachsten Verhältnissen stammt. Als einer der Ersten hat Frank den richtigen Riecher für Hollywood und steigt in der noch jungen Film-Industrie schnell zum Studio-Boss auf. Doch ist es ihm der wirtschaftliche Erfolg wirklich wert, seine Liebe zu Harriet zu opfern?

Im zweiten Teil ihrer Familien-Saga, »Tal der Illusionen«, verknüpft Kate O'Hara das dramatische Schicksal der Reederei-Familie Caldwell im Kalifornien der Jahre 1898 bis 1926 mit dem Aufstieg Hollywoods zum Zentrum der Film-Industrie. Die große Liebe zwischen Harriet Caldwell und Frank Maynard wird auf eine harte Probe gestellt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Leseprobe zu:

Kate O’Hara

Tal der Illusionen

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Kalifornien, Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein verschlafenes, staubig-heißes Nest im Hügelland bei Los Angeles wird 1911 als idealer Ort für die Produktion billiger Stummfilme entdeckt. Der Name des Örtchens: Hollywood … Im zweiten Teil ihrer Familiensaga verknüpft Kate O’Hara das dramatische Schicksal der Reederfamilie Caldwell mit dem Aufstieg Hollywoods zum Zentrum der Filmindustrie. Als einer der Ersten hat Frank Maynard, der aus einfachsten Verhältnissen stammt und den eine schwierige Liebe mit der Reederstochter Harriet Caldwell verbindet, den richtigen Riecher. Schnell steigt er in der noch jungen Welt des Kinos zum Studioboss auf – doch ist es ihm der Erfolg wirklich wert, sein persönliches Glück und seine Liebe zu opfern? Der zweite Teil der Caldwell-Saga, die von den Anfängen Kaliforniens von San Francisco bis Hollywood erzählt, vom Schicksal einer reichen Reederfamilie und einer großen Liebe.

Inhaltsübersicht

WidmungMottoPrologErster Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. KapitelZweiter Teil33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. KapitelEpilog
[home]

Für Daphne, Kate, Sally, Moira,

Emily und Lena, meine großen Heldinnen,

die immer einen besonderen Platz

in meinem Herzen haben werden.

[home]

»Hollywood ist wunderbar!

Wer etwas anderes behauptet,

ist entweder verrückt oder nüchtern.«

 

Raymond Chandler, 1941

[home]

Prolog

Juni 1910

Der Santa Ana wehte seit den Morgenstunden, fegte von den kahlen San Fernando Mountains herab ins Tal. Der heiße Wind, der einem die Kehle austrocknete, kam aus der roten Mojave-Wüste. Er wirbelte Staub auf und trieb Steppenläufer aus totem Gesträuch vor sich her. Die Landschaft war karg, der Baumbestand spärlich. Hier und da behaupteten sich ein paar Sykomoren und Zypressen, und vereinzelt ragten Agaven und fast mannshohe Kakteen aus dem verdorrten Gras. Ansonsten wuchs hier nur Chaparral. Flecken dieser niedrigen Hartlaubgehölze überzogen die sonnengebackene graubraune Erde mit einem dornigen Flickenteppich.

Schweiß rann Frank Maynard von der Stirn in die Augen, und er blinzelte ins grelle Mittagslicht. Klatschnass klebte ihm das sonnengebleichte Haar am Kopf. Es war ähnlich stumpf, zottelig und von Staub bedeckt wie das Gras. Dasselbe galt für den dunkelblonden Vollbart, den er sich seit einigen Monaten stehen ließ, weil ihm egal war, wie er aussah. Er sehnte sich nach einem eiskalten Drink. Wobei er sich mittlerweile auch mit einem großen Schluck Wasser zufriedengegeben hätte. Aber seine verbeulte Feldflasche hatte er längst geleert, und das schon vor einer guten Stunde. Seitdem war er auf keine noch so kleine Ortschaft gestoßen, wo er hätte haltmachen und seinen Durst stillen können. Nichts als diese öde Landschaft, in der sich alle paar Meilen abseits der Straße die bescheidenen Wohn- und Wirtschaftsgebäude einer armseligen Farm oder Ranch unter dem hohen Himmel duckten.

Die Luft über der Straße flirrte glasig. Obwohl, von einer Straße konnte eigentlich keine Rede sein. Bestenfalls handelte es sich um eine sandige Piste, um Fahrspuren von Pferdegespannen und wohl auch einigen Automobilen, die so etwas wie eine Wegmarkierung in den gebackenen Dreck dieser gottverlassenen Landschaft gegraben hatten. Zahlreiche Schlaglöcher, Querrillen und steinige Abschnitte machten die Fahrt zu einer mühsamen Rüttelpartie, die nicht nur ihm auf dem harten Sitz zusetzte, sondern auch seinem schwarzen Maxwell-Lieferwagen, dem er in den vergangenen vier Jahren und sechs Wochen viele Tausend Meilen Strapazen zugemutet hatte. Und das ließ der Wagen ihn in letzter Zeit mit häufigen Pannen spüren.

Die Piste stieg an, führte hinauf zu einer kahlen, von Canyons zerfurchten Bergkette. Er passierte ein verwittertes Holzschild am rechten Pistenrand. Es trug den kaum noch lesbaren Hinweis Cahuenga Pass 7 Meilen. Und für den ganz Begriffsstutzigen wies ein verblasster Pfeil auf die Berge, zu denen hin die Piste anstieg. Als gäbe es an dieser Stelle eine Kreuzung mit noch anderen Pisten!

Frank schaltete herunter. Zumindest versuchte er es. Aber das Getriebe verweigerte ihm ähnlich störrisch den Dienst wie am Morgen. Es krachte und knirschte, als wolle es ihm losgebrochene Zahnräder um die Ohren schleudern. Das aufheulende Kreischen ging ihm durch Mark und Bein.

»Verdammt, nicht schon wieder!«, fluchte er. Mit Motorschaden hier im Nirgendwo liegen zu bleiben, und das auch noch an seinem dreißigsten Geburtstag, hatte ihm gerade noch gefehlt!

Er trat mehrmals die schwergängige Kupplung, ruckte am Schaltknüppel und hämmerte den Gang schließlich ins Getriebe. Aber der Motor klang alles andere als gesund, und plötzlich war eine trockene Kehle Franks geringste Sorge. Im ersten Gang kroch er hinauf in die Berge. Kein Gefährt kam ihm entgegen, keines zeigte sich hinter ihm, nirgendwo eine Menschenseele.

Na wunderbar! Mein erster Tag in Kalifornien, und die Karre droht unter mir zu verrecken!, dachte er grimmig. So hatte er sich seine Rückkehr nicht vorgestellt. Was hatte ihn bloß dazu getrieben, wieder nach Westen zu ziehen?

Seit er San Francisco verlassen hatte, lebte Frank Maynard in seinem Lieferwagen. Er hatte sich eine herunterklappbare Pritsche in den Frachtraum bauen lassen, besaß einen Klappstuhl, eine Petroleumlampe, einen Spirituskocher sowie eine Pfanne, einen Wasserkessel und zwei Töpfe. Dazu kamen ein wenig Besteck und zwei Eimer zum Wasserholen und Waschen. Das war im Großen und Ganzen sein Hausrat.

Auf seinen ziellosen Wanderungen war er bis hoch nach Wyoming und in die Dakotas gekommen, lange hatte er sich auch in Colorado, New Mexico und Arizona aufgehalten. Die großen Städte hatte er konsequent gemieden, selbst um die kleinen hatte er einen Bogen gemacht, oder er war, ohne anzuhalten, durchgefahren. Er begnügte sich mit den Provinznestern, in die noch kein Nickelodeon den Siegeszug des Stummfilms getragen hatte, und davon gab es zu seinem Glück landauf, landab noch unzählige. Ihm reichte ein ans Stromnetz angeschlossenes Wirtshaus, die Versammlungshalle des örtlichen Leichenbestatters oder der Gemeindesaal, um seine alten Filme zu zeigen. Meist war die Neugier größer als die Abneigung gegen Fremde. Und wenn sich auf diese Weise auch kein Vermögen verdienen ließ, so kam im Laufe der Jahre bei seiner asketischen Lebensweise doch einiges zusammen. Abgesehen von den ersten anderthalb Jahren, in denen er versucht hatte, den unerträglichen Schmerz und die Schuld im Alkohol zu ertränken. Gerade noch rechtzeitig hatte er begriffen, dass die Erlösung nicht in der Selbstzerstörung lag. Es waren bittere Jahre gewesen, aber er hatte eingesehen, dass er lernen musste, mit der Schuld und mit dem Schmerz zu leben. Der Weg zu dieser Erkenntnis war steinig gewesen, und die Mühsal, Tag für Tag danach zu handeln, war noch längst nicht vorbei.

Aber es gab Fortschritte. Mittlerweile konnte eine ganze Woche verstreichen, ohne dass er von grässlichen Albträumen heimgesucht wurde und er schweißnass aus dem Schlaf auffuhr, vor seinem geistigen Auge das Bild, wie Florence, die er nie hätte heiraten dürfen, in seinen Armen verblutete – und mit ihr das ungeborene Kind starb. Das war ihm während der ersten Jahre fast jede Nacht widerfahren. Er wusste, dass die Schuld ihn sein Leben lang begleiten würde, mal erdrückend, mal weniger quälend. Gnädiges Vergessen würde es jedenfalls nicht geben. Und das galt auch für Harriet, die Liebe seines Lebens, die er so sträflich verspielt hatte. Wie hätte er die Liebe zu ihr auch vergessen können? Das war, als wollte man sich einreden, man könne vergessen, dass man einen Arm oder das Augenlicht verloren hatte.

Als der Wagen plötzlich beschleunigte und der Motor in dem viel zu niedrigen Gang aufheulte, schreckte Frank aus seinen Gedanken auf. Er war über den Cahuenga Pass hinweg, und es ging auf der anderen Seite der Bergkette hinab in ein weites Tal. Wenige Meilen voraus zeichnete sich eine Ansammlung weit verstreuter Häuser ab, und sogar zwei bescheidene Kirchturmspitzen machte er aus.

Er versuchte, einen höheren Gang einzulegen, doch ohne Erfolg. Das Getriebe widersetzte sich allen Schaltversuchen, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als im ersten Gang weiterzufahren und zu hoffen, dass die Bremsen nicht versagten. Es roch gefährlich nach verbrannten Bremsklötzen, als er endlich in die Ortschaft rollte. Auch der Kühler schien kurz davor, ihm den Dienst aufzukündigen, quollen doch schon Schwaden von Wasserdampf unter der Haube hervor.

Endlose Zitrus- und Orangenhaine sowie andere Obstplantagen reihten sich aneinander. Einige bescheidene, eher vernachlässigt wirkende Farmbetriebe lagen staubig in der Mittagssonne. Hier und da tauchte auch ein halbwegs ansehnliches Wohnhaus auf, aber sie lagen verstreut wie ein willkürlich hingeworfener Haufen Bauklötze.

Auffallend waren die vielen Pfeffer- und Feigenbäume zu beiden Seiten der sandigen Straße, die in den Ort führte. Sogar ein paar Palmen mit müde herabhängenden Wedeln entdeckte er. Im Großen und Ganzen machte die Ortschaft einen ähnlich verschlafenen und trostlosen Eindruck wie zahllose andere Ansiedlungen, deren Gründer einst eine großartige Zukunft vorhergesehen hatten, nur um mit den Jahren zu der Erkenntnis zu gelangen, dass sie einer Illusion aufgesessen waren und die Zukunft sich andernorts niedergelassen hatte.

Zu seiner großen Erleichterung entdeckte er kurz hinter dem Ortseingang eine Tankstelle. Genau genommen handelte es sich um eine einsame Zapfsäule vor einem Wellblechschuppen, der sichtlich neueren Datums war. Er stand im Schatten eines großen scheunenartigen Gebäudes aus verwittertem Holz, dessen Wände eine unübersehbare Neigung in Richtung des hier vorherrschenden Windes vorwiesen. Über dem Doppeltor der Scheune stand in gerade noch entzifferbarer weißer Schrift: McGregor’s Livery Stable, und darunter, in frischer Farbe, der Zusatz: & Automobile Garage.

»Vielleicht gibt es ja doch einen gnädigen Gott!«, murmelte Frank dankbar und lenkte den qualmenden Lieferwagen vor den Wellblechschuppen. Das weit offen stehende Tor gab den Blick auf einen Ford mit aufgeklappter Motorhaube frei. Davor stand ein Mann, mit dem Rücken zur Straße, und beugte sich über die Maschine. Indessen gab Franks Maxwell ein letztes Kreischen von sich und erstarb, als wüsste der Motor, dass er sich nicht weiter zu quälen brauchte.

Frank stieß einen schweren Seufzer aus, hievte sich mit steifen Gliedern aus der Fahrerkabine und schob sich den staubigen schwarzen Filzhut in den Nacken.

Der Mann, eine schlaksige Erscheinung in einem ölverschmierten dunkelblauen Overall, unter dem die nackte Brust hervorschaute, trat von dem Ford zurück und kam ohne Eile aus dem Schuppen ins Freie. Er wischte sich die Hände an einem Lappen ab und warf einen interessierten Blick auf den noch immer qualmenden und nach verbrannten Bremsklötzen stinkenden Lieferwagen. Er hatte krauses, dunkelrotes Haar, und sein Gesicht, in dem aufmerksame Augen lagen, war gesprenkelt von einem Meer von Sommersprossen.

Frank schätzte ihn auf höchstens Anfang zwanzig. Links war in die Overall-Brust der Name Scott McGregor eingestickt, wenn auch nicht gerade von geübter Hand. Die unterschiedlich großen Buchstaben und die leicht schiefe Anordnung derselben legten die Vermutung nahe, dass er selbst zu Nadel und Faden gegriffen hatte. Was keineswegs gegen ihn sprach, wie Frank fand.

»Klingt schwer nach ’nem letzten Röcheln, Mister«, sagte er spöttisch, aber mit einem fröhlichen Blitzen in den Augen, als freue er sich schon darauf, dem Maxwell neues Leben einzuhauchen. Er stopfte den Öllappen in seine Gesäßtasche und holte einen Tabaksbeutel hervor.

Frank nickte. »Ich fürchte, das Getriebe ist endgültig hin, von den Bremsklötzen ganz zu schweigen. Und der Kühler dürfte zum letzten Mal geschweißt worden sein. Kriegen Sie das wieder hin, Mr McGregor? Verstehen Sie genug von diesen Benzinmotoren?« Er klopfte auf die heiße Haube seines Maxwell.

»So viel wie mein Vater von Pferden und Hufeisen, und darin macht ihm auch heute noch keiner was vor«, gab Scott McGregor zurück, deutete mit dem Kopf in Richtung der Scheune und öffnete den Tabaksbeutel. Hier bahnte sich ein gutes Geschäft an, und das ließ sich am besten bei einer Zigarette bereden.

»Das freut mich zu hören«, sagte Frank und stellte sich dem jungen Mann vor.

»Wird aber ’ne Weile dauern, wenn das Getriebe rausmuss und Sie auch noch ’nen neuen Kühler brauchen, Mr Maynard. Da muss ich erst mal sehen, welche Teile ich brauche, und die dann ordern. Und von selbst setzt sich das alles auch nicht zusammen. Also mit ’ner Woche werden Sie mindestens rechnen müssen.«

Frank seufzte. »Ist mir schon klar. Also gut, dann machen Sie mal. Brauchen Sie eine Anzahlung?«

Scott schüttelte den Kopf. »Wagen und Schlüssel reichen mir.«

»Gut, dann hoffe ich, Sie können bald loslegen.« Frank schaute sich suchend um. »Und wo finde ich hier eine anständige Unterkunft?«

»Wir haben ein richtig feines Hotel, wenn Sie über das nötige Kleingeld verfügen«, sagte Scott McGregor. »Ist gar nicht weit von hier. Nur die Straße runter bis zur Kreuzung da unten am Hydranten«, er deutete die Landstraße hinunter, »und dann ein Stück nach rechts. Da sehen Sie es schon.«

Franks Gesicht hellte sich auf. »Das ist die erste gute Nachricht des Tages!«, sagte er und beschloss spontan, sich erst gar nicht nach einer preiswerteren Unterkunft zu erkundigen. Wann hatte er sich das letzte Mal den Luxus eines Hotelbetts erlaubt? Das war eine halbe Ewigkeit her. Auch war die Aussicht auf eine gut sortierte Hotelbar, in der eiskalte Drinks serviert wurden, viel zu verlockend, als dass er dieser Versuchung hätte widerstehen können.

Er legte ein paar frische Hemden, Wäsche und was er sonst brauchte, in die bauchige Reisetasche aus abgewetztem Rindsleder. Auch seine wichtigsten Filmdosen packte er ein. Dann zog er den Holzkoffer mit der Pathé-Kamera, seinem wertvollsten Besitz, unter der Pritsche hervor und machte sich auf den Weg zum Hotel.

Doch dann blieb er noch einmal stehen. »Was ich Sie noch fragen wollte«, sagte er und drehte sich zu dem Mechaniker um. »Wie heißt eigentlich dieses …« Das Wort »Kaff« konnte er sich gerade noch verkneifen. »… äh, dieses Dorf?«

Scott grinste breit. »Dorf? Mann, wir haben hier bald siebenhundert Einwohner! Wenn wir weiter so stürmisch wachsen, sind wir im nächsten – spätestens im übernächsten – Jahrtausend ’ne richtige Metropole!«, verkündete er selbstironisch.

Frank lachte. »Und wie heißt diese zukünftige Metropole?«

Scott zog ein Streichholz hervor, riss es am Leder seines Stiefels an und zündete sich die Selbstgedrehte an. »Haben Sie nicht die vielen prächtigen Holly trees gesehen, die Stechpalmen, die hier überall wachsen?«, fragte er paffend. »Die haben nämlich unserem Ort seinen Namen gegeben.«

Frank runzelte die Stirn, versuchte, sich zu erinnern, schaute sich um. »Holly trees?« Er schüttelte den Kopf. »Bisher habe ich keinen einzigen zu Gesicht bekommen.«

Scott McGregor nickte mit einem schiefen Grinsen. »Werden Sie auch nicht. Trotzdem haben unsere weitblickenden Gründungsväter den Ort danach benannt!«, rief er ihm zu und schnippte das Streichholz in den Dreck des Vorplatzes. »Sie sind im wunderschönen Hollywood gestrandet, Mr Maynard!«

Die staubige Landstraße, die sich Cahuenga Boulevard nannte und ins Zentrum von Hollywood führte, zog sich. Frank fragte sich, was die Verwaltung der Ortschaft bewogen haben mochte, diese von Schlaglöchern übersäte Sandpiste Boulevard zu nennen. Er kam an immer neuen Zitrusanpflanzungen vorbei, dazwischen fanden sich, von der Straße zurückgesetzt, einige weiß gestrichene Farmhäuser mit bescheidenen Nebengebäuden, doch die Zahl der hauswandgroßen Reklametafeln mit einer saftigen Orange und dem Firmenlogo von Sunkist sowie der Werbeschilder der California Fruit Growers Exchange, die sich weithin sichtbar entlang der Landstraße erhoben, überstieg die der Wohnhäuser bei Weitem.

Niemand begegnete ihm, kein Fahrzeug zeigte sich auf dem Boulevard, noch konnte er auf einer der Anpflanzungen Arbeiter entdecken. Abgesehen von dem müden, lustlosen Kläffen zweier Hunde gab es keinerlei Anzeichen von Leben, und selbst das Kläffen erstarb schnell wieder, als sei es in der Mittagshitze die Mühe nicht wert. Was immer es an menschlichem Leben in dieser Ortschaft gab, es musste in einen tiefen Siesta-Schlaf gefallen sein.

Allmählich wurden ihm die Arme lahm, und er begann zu bezweifeln, dass es hier ein Hotel gab, das diese Bezeichnung auch nur ansatzweise verdiente. Vermutlich hatte dieser Scott McGregor eine vollkommen andere Vorstellung von einem »feinen« Hotel als er. Ähnlich den Stadtvätern, die ja offensichtlich auch ihre eigene Definition eines Boulevards besaßen.

So richtete er sich auf eine schäbige Absteige ein, wie er sie im Laufe der letzten Jahre viel zu häufig gesehen hatte, und das besserte seine Laune keineswegs. Endlich kam er an die Kreuzung mit dem Hydranten, wo er rechts in den Hollywood Boulevard abbiegen musste. Ein Stück weiter unten an der Straße, die von Pfefferbäumen mit fein gefiederten Blättern und roten Beeren gesäumt war, stieß er schließlich auf das Hotel. Abrupt blieb er im spärlichen Schatten eines der Bäume stehen, setzte Reisetasche und Kamerakoffer ab und meinte, seinen Augen nicht zu trauen.

»Heilige Makrele!«

Das Hollywood Hotel nahm zwischen der Highland und der Orchid Avenue – beide genauso ungepflasterte Dreckpisten wie die sogenannten Boulevards – einen ganzen Häuserblock ein und bot gut und gern hundert oder mehr Gästen ein zweifellos komfortables Unterkommen. Das Haus im spanischen Kolonialstil hatte drei Stockwerke und war reichlich mit Balkonen, Erkern und Türmchen bestückt. Rot-weiß gestreifte Markisen warfen Schatten über alle Fenster, Türen und Balkone. Schatten boten auch die breiten Veranden unter den weit vorgezogenen Vordächern, die mit bauchigen Steinkübeln voll rot blühender Geranien geschmückt waren. Eine gepflegte Gartenanlage mit saftig grünem Rasen und blühenden Beeten umgab die lang gestreckte Anlage.

Mit einem leisen Auflachen nahm Frank den Hut vom Kopf, zog sein kariertes Taschentuch hervor und wischte sich über das verschwitzte Gesicht. Es war ihm ein Rätsel, wie dieses verschlafene Nest zu solch einem Hotel kam, das ihm erschien wie ein weißer Elefant inmitten einer Herde von staubbedeckten Rindviechern. Fast noch mehr wunderte ihn, dass es offenbar in Betrieb war; in der halbrunden Auffahrt standen mehrere Kutschen und Einspänner sowie drei Automobile.

Er zerbrach sich nicht lange den Kopf darüber. Was kümmerte es ihn? Später sollte er erfahren, dass ein reicher Bauunternehmer namens H.J. Whitley das Hollywood Hotel1902 als Countryclub errichtet hatte, um Kaufinteressenten aus dem nahen Los Angeles anzulocken, das mit seinem Ölboom und wirtschaftlichen Aufschwung Menschen aus allen Teilen des Landes anzog. Frank genügte es zu wissen, dass er für ein paar Tage eine Unterkunft mit allen Annehmlichkeiten eines gehobenen Hotels genießen konnte. Die hatte er sich verdient, und nötig waren sie allemal. Er brauchte dringend ein ausgiebiges Bad, eine ordentliche Rasur und ein paar gut gekühlte Drinks, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Die Lobby, mit großformartigen dunkelroten mexikanischen Fliesen ausgelegt und einem sanft plätschernden Springbrunnen in der mosaikverzierten Mitte, lag unter einer hohen, weiß gekalkten Balkendecke und war herrlich kühl.

Frank schrieb sich ins Gästebuch ein, ohne nach dem Zimmerpreis zu fragen. »Ich werde ein paar Tage bleiben«, teilte er dem unverhohlen argwöhnisch blickenden Angestellten an der Rezeption mit, einem distinguierten Mann mit grau meliertem Haar und einem perfekt sitzenden schwarzen Anzug. »Wie viele es werden, hängt davon ab, wie schnell Mr McGregor mein Automobil reparieren kann.« Und weil er wusste, dass er nicht gerade das Bild eines betuchten Geschäftsmannes abgab, legte er zehn Dollar auf den Tresen. »Ich denke, das dürfte vorerst als A-conto-Zahlung genügen. Teilen Sie mir rechtzeitig mit, wenn ein weiterer Vorschuss fällig ist.«

Beim Anblick der beiden Fünfdollarnoten setzte der Mann sofort ein verbindliches Lächeln auf, was Frank nicht wunderte, schätzte er doch, dass der Betrag mindestens vier Übernachtungen abdeckte.

»Selbstverständlich! Aber das wäre nicht nötig gewesen, Mr Maynard«, versicherte der Empfangschef, griff aber dennoch rasch nach dem Geld. Er stellte schwungvoll eine Quittung aus und reichte Frank einen Zimmerschlüssel. »Juan wird sich um Ihr Gepäck kümmern und Sie auf Ihr Zimmer führen, wenn Sie erlauben.« Dabei winkte er einen halbwüchsigen Hoteldiener in schmucker Livree herbei.

»Danke, aber ich möchte erst in die Bar, und um den Koffer kümmere ich mich selbst«, wehrte Frank ab, als der junge Bursche ihm die Holzkiste mit der Kamera abnehmen wollte, drückte ihm aber die Reisetasche sowie einen Dime Trinkgeld in die Hand, was ein strahlendes Lächeln auf das Gesicht des Jungen zauberte.

Es ging Frank nicht nur um die Pathé, obwohl sie allein schon einen Wert von gut tausend Dollar darstellte, sondern er hatte in den Hohlräumen unter dem Filz der Passform auch mehrere Rollen mit sauer ersparten Geldscheinen versteckt. Deshalb dachte er nicht daran, den zerkratzten Holzkasten aus den Augen zu lassen.

Der junge Mann wies ihm, bevor er die Reisetasche auf sein Zimmer brachte, den Weg zur Bar. Beschwingt und in Vorfreude auf ein kaltes Bier schlenderte Frank den Gang hinunter. Aus dem Speisesaal drangen das Klirren von Besteck und Geschirr sowie gedämpfte Stimmen; Frank warf im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick hinein. Mindestens ein halbes Dutzend Tische war besetzt. Aus der Bar kam ihm eine Gruppe von Männern mittleren Alters entgegen. Ihre gediegene, aber ländlich konservative Kleidung und die breitkrempigen Hüte in ihren Händen ließen vermuten, dass es sich um wohlhabende Geschäftsleute aus der Umgebung handelte, vermutlich Großrancher oder -farmer. Die Männer verschwanden im Speisesaal.

Die Bar, die im Stil einer gehobenen Bodega gehalten war, schien so gut wie leer. Nur zwei Männer saßen hinten am Tresen, der eine pummelig, mit rosigem Milchgesicht und nicht älter als Anfang zwanzig, der andere eher Ende dreißig, Anfang vierzig, breitschultrig und von kräftiger Statur. Während das Milchgesicht in einem schlecht sitzenden grauen Straßenanzug von der Stange und einem kragenlosen Hemd steckte, trug der Ältere einen modischen, wenn auch verknitterten Anzug aus sandfarbenem Leinen und ein mokkabraunes Hemd mit Stehkragen. Sein dunkles Haar war raspelkurz geschnitten und sah aus wie eine borstendicke Schuhbürste. Das Gesicht mit seinen scharf konturierten Zügen, dem buschigen Schnurrbart und der knochigen Nase wirkte wie aus Holz geschnitzt, ohne jedoch unsympathisch zu sein. Das lag vermutlich an dem jugendlich lebhaften Blick, der hinter den großen Gläsern einer Hornbrille aus den Tiefen seiner Augen blitzte. Neben ihm auf der Theke standen ein Martiniglas, in dessen trügerisch klarer Flüssigkeit eine Olive schwamm, sowie ein silberner Shaker, an dessen eisgekühlter Oberfläche Wassertropfen herabperlten.

Der Mollige hatte ein halb leeres Glas Orangensaft vor sich stehen. Er hielt Bleistift und Notizblock in den Händen und notierte, was der Ältere ihm diktierte. Als Frank eintrat, verstummte der Ältere mitten im Satz.

Frank nickte den beiden höflich zu, stellte die Holzkiste neben die Fußstange aus blank poliertem Messing und schob sich auf einen der lederbezogenen Barhocker, wobei er darauf achtete, mehrere Plätze Abstand zu halten. Er wollte nicht aufdringlich erscheinen, zumal die beiden Geschäftliches zu besprechen schienen. Der lange Blick, den der Ältere auf den Kamerakoffer richtete, entging ihm, denn da hatte er sich schon dem Barkeeper zugewandt und ein Bier bestellt. »Das kälteste, das Sie haben!«

»Kein Problem, Sir. Wir kriegen zweimal täglich mehrere Blöcke Eis geliefert«, erklärte stolz der dunkelhaarige Barkeeper, der wie der Hoteldiener Juan zweifellos mexikanischer Abstammung war.

Frank griff zu seinen Woodbines und steckte sich eine an. Er konnte den ersten Schluck kaltes Bier kaum erwarten. Indessen nahmen die beiden Männer fünf Barhocker weiter ihre Unterhaltung wieder auf.

»Was genau soll denn nun in dem Telegramm stehen, Vergil?«, fragte das Milchgesicht und klopfte ungeduldig mit dem Bleistift auf seinen Schreibblock.

»Das fragst du noch, wo wir heute Morgen fast drei Stunden durch die Gegend gefahren sind?«, gab der Ältere mit der auffälligen Hornbrille spöttisch zurück. »Hast du denn keine Augen im Kopf?«

»Na ja …«, kam es etwas hilflos vom Milchgesicht.

»Herrgott, sei doch nicht so begriffsstutzig! Das ist das reinste Paradies! Hier liegt das Geld doch förmlich auf der Straße!«, erklärte Vergil enthusiastisch, griff zu seinem Glas, schlürfte die Olive zusammen mit einem guten Schluck Martini und fuhr kauend fort: »Teil Drexler mit, dass er Kuba und Florida vergessen kann, weil wir Eldorado gefunden haben.«

Frank schüttelte den Kopf. Dieses staubige Nest und ein Paradies? Er fragte sich, ob dieser Mann wohl zu jenen skurrilen Einheimischen gehörte, die eine löchrige Sandpiste für einen Boulevard hielten und einen Ort nach einer Baumart benannten, die es dort weit und breit nicht gab. Dann kam das Bier in einem hohen, dickwandigen Glas, und es war kalt und köstlich und rann ihm durch die trockene Kehle wie der Trunk aus einem Jungbrunnen. Jetzt war er mit sich und der Welt versöhnt. Aber er wusste, dass dieser himmlische Zustand nicht von Dauer sein würde. Dafür schnürte ihn das Geflecht aus Schuld, Schmerz und Scham noch immer zu sehr ein, und es war fraglich, ob er sich je daraus würde befreien können. Zumal er diese Erlösung nicht verdient hatte.

Indessen machte sich das Milchgesicht Notizen.

[...]

[home]

Über Kate O’Hara

Von Kate O'Hara ist im Knaur Verlag bereits erschienen: Stadt der Träume »Tal der Illusionen« ist der zweite Teil der Caldwell-Saga über das Schicksal einer Reederei-Familie im Kalifornien der Jahre 1898 bis 1926.

Über die Autorin: Aufgewachsen in Deutschland, studierte Kate O'Hara Germanistik sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Nach dem Studium war sie als freie Journalistin für den Rundfunk sowie für Tageszeitungen und Zeitschriften tätig. Sie veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten und Reportagen als Reiseschriftstellerin und wanderte in den 90er Jahren in die USA aus, wo sie heiratete und die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Sie arbeitete viele Jahre als Musik- und Reisejournalistin für Printmedien und den Rundfunk, bevor sie sich dem historischen Roman widmete.

[home]

Impressum

© 2020 Knaur Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Redaktion: Susanne Wallbaum

Covergestaltung: Alexandra Dohse/grafikkiosk.de

Coverabbildung: Artwork Alexandra Dohse unter Verwendung von Bildern von Trevillion Images/Ildiko Neer, Arcangel/Ildiko Neer, Bridgeman Images, Mauritius Images/Alamy/Beth Dixson, Shutterstock und PPP/Max Croy

ISBN 978-3-426-45298-1

Wie hat Ihnen das Buch 'Tal der Illusionen' gefallen?

Schreiben Sie hier Ihre Meinung zum Buch

Stöbern Sie in Beiträgen von anderen Lesern

© aboutbooks GmbH Die im Social Reading Stream dargestellten Inhalte stammen von Nutzern der Social Reading Funktion (User Generated Content). Für die Nutzung des Social Reading Streams ist ein onlinefähiges Lesegerät mit Webbrowser und eine bestehende Internetverbindung notwendig.

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Noch mehr eBook-Programmhighlights & Aktionen finden Sie auf www.droemer-knaur.de/ebooks.

Sie wollen über spannende Neuerscheinungen aus Ihrem Lieblingsgenre auf dem Laufenden gehalten werden? Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.

Sie wollen selbst Autor werden? Publizieren Sie Ihre eBooks auf unserer Akquise-Plattform www.neobooks.com und werden Sie von Droemer Knaur oder Rowohlt als Verlagsautor entdeckt. Auf eBook-Leser warten viele neue Autorentalente.

Wir freuen uns auf Sie!