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Tödlicher Handel zwischen Schuld und Schwarzmarkt Ostern 1948: In der frisch gegründeten Trizone wickeln die Menschen in der Eifel ihre Geschäfte noch immer mit Naturalien und Zigaretten ab. Zwischen Not, Improvisation und Schwarzmarkt regiert das Misstrauen. Als im Disselbacher Flüchtlingslager undurchsichtige Machenschaften ans Licht kommen, gerät der Dorfschmied Karl durch seinen ehemaligen Ausbilder, Feldwebel Karb, in den Strudel der Ereignisse. Kurz darauf wird ein Mord im örtlichen Waschhaus entdeckt – und Kommissar Peters ist nach einem fatalen Fehltritt kaltgestellt. Während die Behörden tatenlos bleiben, stößt Karl auf Verbindungen, die weit über das Lager hinausreichen. Hinter allem steht ein Mann, der skrupellos seine eigenen Ziele verfolgt. Und Karl muss entscheiden, wie weit er bereit ist zu gehen, um der Wahrheit näherzukommen. Ralf Lano gelingt eine seltene Mischung aus historischer Authentizität und spannender Erzählkunst, die seine Eifel-Nachkriegsreihe zu etwas Besonderem macht.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ralf Lano
Vom Autor bisher bei KBV erschienen:
Ein Echo aus stählerner Zeit
Der Tod kennt verschwiegene Pfade
Ein Schwur aus kaltem Zorn
Ralf Lano, geb. 1965 in Kyllburg in der Eifel, ist gelernter Maschinenbautechniker und leidenschaftlicher Autor von Kriminalgeschichten. Bisher wurden über 30 seiner Erzählungen veröffentlicht, darunter auch der Kurzkrimi Die Kuh Elsa, mit dem er 2022 für den deutschen Kurzkrimi-Preis nominiert war.
Seit seinem Debüt Ein Echo aus stählerner Zeit (KBV, 2023) erscheint seine historische Eifelkrimi-Reihe.
Ralf Lano lebt und arbeitet in der Westeifel und kennt die Region und die Menschen wie seine Westentasche.
Ralf Lano
Originalausgabe
© 2025 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH
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Umschlaggestaltung: Ralf Kramp
Lektorat: Nicola Härms, Rheinbach
Druck: CPIbooks GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-95441-761-2 (Taschenbuch)
ISBN 978-3-95441-771-1 (eBook)
PROLOG
SAMSTAG, 20.03.1948 TAG 1
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SONNTAG, 21.03.1948 TAG 2
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MONTAG, 22.03.1948 TAG 3
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DIENSTAG, 23.03.1948 TAG 4
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MITTWOCH, 24.03.1948 TAG 5
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KARFREITAG, 26.03.1948 TAG 6
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EPILOG
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
»Das haben wir jetzt mal so richtig verkackt, Chef.«
Der andere Mann antwortete nicht. Lediglich das Feuerzeug flammte auf, Sekunden später stieg Tabakqualm aus seiner Nase.
Die beiden standen auf der Oberseite des ehemaligen Westwallbunkers. Aufgrund der Lage und der Größe musste es sich um einen Kommandobunker der Verteidigungslinie an der Westgrenze Deutschlands gehandelt haben. Weil sie das unzugängliche Ungetüm in großer Eile bestiegen hatten, mussten beide zunächst verschnaufen.
Der massive Betonklotz wies ziemlich genau in der Mitte einen großen, runden Krater auf. Dort war das Bauwerk von einer Fliegerbombe oder einem großkalibrigen Artilleriegeschoss getroffen worden.
Seit Kriegsende waren bereits fast drei Jahre vergangen. Ein Umstand, den man dem Bunker und insbesondere der Einschlagstelle deutlich ansah. Überall hatte die Natur mit der Eroberung der Betonfläche begonnen. Erste Sträucher mit um diese Jahreszeit noch kahlen Ästen krallten sich in Ritzen und Sprüngen fest.
Die erhöhte Stelle des Bunkers auf dem Bergrücken war sorgfältig ausgewählt worden und bescherte einen guten Rundumblick über die umliegenden Hügel und Täler. Dunkle Wolken sorgten an diesem Tag dafür, dass es bereits am späten Nachmittag zu dämmern begann. Vom Dach der Anlage konnte man ins Tal des Flusses Our blicken, der hier die Grenze zu Luxemburg bildete.
Der Winter lieferte sich hartnäckige Rückzugsgefechte mit dem aufziehenden Frühling. Ringsherum dominierten verwaschene Brauntöne. Das kommende Grün konnte man bestenfalls erahnen. Die Bäume ragten kahl wie Skelette von Riesen in den grauen Himmel. Zum Glück war die dunkle Jahreszeit diesmal nicht mit der fürchterlichen Eiseskälte des vorigen Jahres einhergegangen. Von angenehmen Temperaturen konnte so kurz vor dem in diesem Jahr sehr frühen Osterfest trotzdem noch keine Rede sein. Aufgrund der exponierten Lage der verlassenen Wehranlage pfiff der Wind ungehindert über den Beton hinweg.
Die Männer traten synchron und sehr vorsichtig näher an den Rand des Kraters. Ihre Schuhe sorgten dafür, dass einzelne Brocken losen Betons klackernd nach unten purzelten.
Von einer Buche am nahen Waldesrand stiegen Raben auf, die mit lautem Krächzen über ihren Köpfen zu kreisen begannen. Das wiederum sorgte dafür, dass weitere schwarz gefiederte Gesellen von anderen Bäumen aufstiegen. Die Viecher witterten äußerst schnell, dass es an dieser Stelle potenzielle Beute für sie gab.
Die Männer wandten sich wieder dem Einschlagloch in der Bunkerdecke zu. Die Verfolgung war gründlich schiefgelaufen. Eigentlich waren sie auf der Suche nach Antworten gewesen. Doch keine der Aufforderungen, endlich stehen zu bleiben, hatte den Flüchtenden beeindruckt. Ein Warnschuss zeigte in solchen Situationen normalerweise immer Wirkung. Um jedoch einen Schuss abgeben zu können, musste man Waffen mit sich führen. Aufgrund der sich aus der überraschenden Information ergebenden Eile war es nicht mehr möglich gewesen, sich entsprechend zu versorgen.
Der größere der beiden Männer beugte sich weiter über den Kraterrand. »Mist!«
Dem Mann, den man etwa drei Meter weiter unten im trüben Licht erkennen konnte, hätte kein Arzt der Welt mehr helfen können. Die Explosion in der Wehranlage hatte die Eingeweide des Gebäudes freigelegt. Der Körper des Mannes wurde von Armierungseisen in eine grotesk aufrechte Haltung gezwungen. Den ausgestreckten rechten Arm hätte man sowohl als Winken als auch als einen letzten deutschen Gruß des untergegangenen Dritten Reiches deuten können. Antworten würde er auf dieser Seite des Grenzflusses zwischen Leben und Tod niemandem mehr geben können.
Der Raucher wagte einen weiteren Schritt nach vorne. Mit der Hand auf dem linken Oberschenkel beugte er sich so weit nach vorne, wie es möglich war. Die Perspektivänderung ermöglichte den Blick auf den Rucksack des Toten. Daraus waren mehrere Schachteln gefallen, die ebenfalls vom Gewirr des rostigen Eisens daran gehindert wurden, tiefer ins Innere des Bunkers zu rutschen. Im Zwielicht sah es nach Zigarettenpackungen aus. Waren es ein paar geschmuggelte Zigarettenschachteln wert gewesen zu sterben? Hätte sich der Idiot nicht einfach stellen können?
Der Kleinere blickte den Raucher mit verkniffenem Gesicht an. »Ist das tatsächlich Werner Schomer? Auf die Entfernung bin ich mir nicht sicher, obwohl ich ihm im Herbst begegnet bin.«
»Was Sie nicht sagen. Ich bin damals leider krank gewesen und habe Herrn Schomer nur kurz gesehen. Allerdings bin ich nicht mit Blindheit geschlagen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Das Eisenstück, das aus seiner Stirn ragt, macht bei den Lichtverhältnissen und auf die Entfernung eine Identifikation etwas schwierig. Wenn mich aber nicht alles täuscht, trägt der Mann eine Uniform.«
Der Kleinere riskierte einen weiteren Blick. »Stimmt, die Uniform ist mir noch gar nicht aufgefallen. Das ist eine luxemburgische, oder? Es könnte sich um eine Verkleidung handeln. Schomer ist sehr findig. So viel habe ich damals mitbekommen.«
»Das mag so sein. Trotz meines derangierten Zustands ist mir im November zusätzlich aufgefallen, dass Schomer dunkle Haare hatte.«
Der Kleinere sah wieder nach unten, das aus der Stirn ragende Stahlende war eindeutig von blonden Haaren umrahmt.
»Oh.«
»Genauso sehe ich das auch. Es hilft nichts – ob blonde oder dunkle Haare, wir müssen irgendwie runter zu der Leiche und nachschauen, wer uns da in Richtung Petrus an der Himmelspforte verlassen hat.«
»Das sind auf jeden Fall Zigarettenschachteln. Haben wir vielleicht zufälligerweise einen Schmuggler erwischt?«
»Wäre ich allwissend, würde ich garantiert nicht neben Ihnen hier in der Kälte stehen. Priorität hat jetzt herauszufinden, ob es Schomer ist oder nicht. Sie haben selbst gesagt, er ist findig. Vielleicht hat er sich ja die Haare gefärbt?«
Der Große bewegte sich einige Schritte vom Kraterrand weg. Er saugte an seinem Glimmstängel, sein Blick galt den kreisenden Raben.
Sein Gegenüber blies die Backen auf. »Nur für den Fall, dass dies nicht Schomer ist, wie sollen wir das dann dem FriWi erklären?«
»Es wäre mir neu, dass ich Ihnen erlaubt hätte, diesen Namen zu benutzen.« Nach einer Gedenksekunde folgte: »Na gut, mir gegenüber dürfen Sie das sagen, ansonsten besser nicht.«
»Chef, was machen wir denn jetzt?«
Der Mann mit der Zigarette hob den Hut und strich sich das Haar nach hinten. Er kratzte sich mit finsterem Blick am Kinn, bevor er Zigarettenrauch durch die Nase ausatmete. Erst dann sagte er: »Schillinger, gehen Sie mir nicht mit dämlichen Fragen auf die Nerven, auf die ich keine Antwort habe.«
»Sollen wir heute wirklich noch die Wurzel ausgraben?« Albert Weber lehnte sich auf den Stiel seiner Schaufel und betrachtete den Baumstumpf zu seinem Füßen mit wenig Begeisterung. Die Frage galt seinem Vater Jakob, die Antwort erfolgte vom Kutschbock des Ochsenwagens, von dem aus Großtante Christine die Arbeiten seit Stunden beaufsichtigte.
»Nein, das erledigen wir am Montag. Es wird langsam zu dunkel dafür. Die Kälte bräuchte es nicht mehr um diese Jahreszeit.« Sie rückte das Kopftuch zurecht und zog die alte Wolldecke, die sie gegen die Kälte um sich geschlungen hatte, höher ins Genick, bevor ihre Augen Jakob fixierten. »Wir hätten vor dem Mittag losfahren müssen.«
Jakob ignorierte routiniert den Einwurf der Alten. Sein Hofhund Rolfi hatte es am Morgen geschafft, sich die Pfote unter dem Scheunentor einzuklemmen. Da Wilhelm zwo, der Kater der benachbarten Schmiede, nur wenige Meter entfernt gehockt und die Befreiungsaktion interessiert beobachtet hatte, ging Jakob davon aus, dass das rote Mistvieh nicht ganz unschuldig an Rolfis Misere gewesen war. Das Verarzten der Hundepfote war Jakob wichtiger gewesen, als endlich den alten Birnbaum in handliche Stücke zu sägen. Der Baum stand seit Menschengedenken auf einer der Kuhwiesen, die zum Weber-Hof gehörten. Jedes Jahr hatte er größere Mengen der kleinen, äußerst sauren Früchte geliefert. Daraus wurde im Herbst Viez, der einheimische Apfelwein, gekeltert beziehungsweise Schnaps in der hofeigenen Destille gebrannt.
Im Frühjahr 1945 hatten rund um das ehemalige Lager des Reichsarbeitsdienstes im Disselbacher Forst letzte Rückzugsgefechte der Wehrmacht getobt. Abgesehen von einigen Soldaten, die infolgedessen ihre letzte Ruhe auf dem Disselbacher Friedhof gefunden hatten, hatte es mit dem Birnenbaum ein weiteres Opfer dieser Gefechte gegeben, steckte doch seit dem März 1945 eine Granate mitten im Stamm. Ein solches Geschoss war nicht nur für den Menschen schwer verdaulich. Das Laub des Baumes wurde mit jedem Jahr spärlicher, die Birnen blieben aus. Ein Gnadenbrot für Bäume gab es nicht, das Umsägen und Ausgraben stand seit dem Herbst weit oben auf Christines Liste der zu erledigenden Dinge. Bisher wurde das Umsetzen dieses Vorhabens vom schlechten Wetter verhindert. Nun jedoch hatte sie sich in den Kopf gesetzt, dass der Baum bis Ostern verschwunden sein müsse.
Stamm und Äste lagen jetzt, zurechtgesägt und gespalten, ordentlich gestapelt am Wegesrand. Es fehlte nur noch das abschließende Ausgraben der Wurzel mithilfe der Ochsen. Albert sah hoch zur Tante, erst als die missmutig nickte, warf er seine Schaufel und die Spitzhacke hinten auf die Ladefläche des Wagens. Er trat nach vorne zu den Ochsen Theo und Leo, die geduldig dastanden.
»Am Montag fahren wir zeitiger los, egal, was mit dem Hund ist«, brummte Christine.
Ohne groß nachzudenken, nickte Jakob. Das Ausgraben einer Wurzel konnte sich erfahrungsgemäß schwierig und langwierig gestalten. Dazu mussten zudem die Ochsen angeschirrt werden, damit sie am Stumpf ziehen konnten. Aufgrund des erneuten Kälteeinbruchs konnte derzeit auf den Feldern und Wiesen nicht viel von der nötigen Frühjahrsarbeit erledigt werden, die Zeit drängte also nicht. Der Montag klang nach einer guten Idee.
Dass man in der Landwirtschaft hart für sein Brot arbeiten musste, war eine Tatsache, die Jakob nie infrage gestellt hatte. Der Staat wollte stets sein Scherflein von dem abhaben, was Feld und Stall so hergaben. Der Krieg und die nachfolgende Besatzungszeit hatten die Lebensumstände noch einmal erheblich nachgeschärft. Bei den sich ständig erhöhenden Abgaben an die Behörden stellte sich zusehends die Frage, für was man sich so abplagte. Hinzu kam der unselige Papierkrieg, der den Bauern aufgenötigt wurde. Die Franzosen legten ein ähnliches Talent für Bürokratie an den Tag wie früher die Preußen. Am Ende waren es immer die Bauern und Handwerker, die sich damit, zusätzlich zum üblichen Arbeitspensum, herumärgern mussten.
Die Eifel lag vielleicht ein klein wenig vom Schuss, trotzdem hatte Jakob mitbekommen, dass es in der Bauernschaft der westlichen Besatzungszonen Diskussionen gab, ob man wegen der ganzen leidigen Auflagen in den Lieferstreik treten solle. Was einer sehr theoretischen Möglichkeit gleichkam. Wer sollte solche Aktionen in die Hand nehmen und flächendeckend koordinieren? Man konnte das Vieh, geschweige denn die eigene Familie, nicht einfach verhungern lassen. Die Zeiten waren schwierig, doch wann waren sie das nicht gewesen?
Jakob bückte sich nach dem Spaten, der an dem Stapel frisch geschnittenen Holzes lehnte.
»Wer ist das denn jetzt schon wieder?«
Jakob sah hoch zum Kutschbock, seine Augen folgten dem ausgestreckten Zeigefinger von Christine. Im schwächer werdenden Tageslicht erkannte er einen Mann, der mit den Händen in den Hosentaschen auf sie zustapfte.
»Man fragt sich, wo die Hungerleider ständig herkommen. Müssten nicht alle ehemaligen Soldaten langsam wieder zu Hause sein? Georg kommt doch auch bald zurück.« Christine schüttelte unwillig den Kopf.
Dazu gab es für Jakob nicht viel zu sagen. Sein zweitgeborener Sohn Georg hatte sich kürzlich aus dem Bergbaurevier in Belgien gemeldet, in dem er seine Beteiligung am Krieg abarbeiten musste. Seine Freilassung stand unmittelbar bevor. Immerhin wusste er, wohin er zurückkehren konnte. Von Gesprächen mit dem ein oder anderen Bewohner des Waldlagers wusste Jakob, dass das bei Weitem nicht für jeden galt. Manche Männer waren durch die Bombardierung ihrer Heimatstädte ohne Familie und Heim. Andere konnten oder wollten nicht in die Ostzone zurückkehren. Gleiches galt für die Provinzen des ehemaligen deutschen Reiches, die von den Siegern anderen Ländern zugeschlagen worden waren.
Viele im Dorf trieb die Frage um, warum die Flüchtlinge ausgerechnet im Disselbacher Forst hatten unterkommen müssen. Obwohl es dem Pfarrer nicht gefiel, dass so viele der Flüchtlinge evangelisch waren, bemühte er sich nach Kräften, an die christliche Nächstenliebe zu appellieren. Bei den schwierigen Lebensumständen der Einheimischen brauchte man jedoch kein großes Mitgefühl zu erwarten.
Die Bügelsäge landete als Letztes neben dem übrigen Werkzeug auf dem Wagen. Als Jakob sich umdrehte, sah er sich dem Mann gegenüber, der zwei Schritte von ihm entfernt stehen geblieben war. Die alte Wehrmachtsmütze wurde höflich gelüftet.
»Guten Tag, die Herrschaften, mir wurde im Dorf gesagt, dies sei der Weg zu dem Flüchtlingslager im Wald, das stimmt doch?«
Oft konnte man an der Aussprache der Ankommenden hören, woher sie stammten. In diesem Fall ließ sich nicht die geringste landsmännische Färbung heraushören. Der Fremde sprach ein so einwandfreies Hochdeutsch, als hätte er bei Fräulein Schneebach sehr aufmerksam im Deutschunterricht zugehört.
Jakob nickte. Ehe er etwas sagen konnte, knurrte Christine von ihrem Hochsitz: »Hat es auf Ihrem Weg keine anderen Flüchtlingslager gegeben? Was wollen Sie hier?«
Der Mann sah zu ihr hoch, es folgte ein sekundenlanges Augenduell, das keinen Sieger finden wollte. Jakob nutzte die Gelegenheit, den Mann zu betrachten. Jung war er nicht mehr, dies konnte bedeuten, dass es sich um einen ehemaligen Offizier handelte. Er war vielleicht eine Handspanne größer als Jakob und damit fast so groß wie der hochgewachsene Albert. Grüne Augen duellierten sich mit denen von Christine. Wie die meisten ehemaligen Soldaten war er eher hager. Trotzdem strahlte er eine beeindruckende körperliche Präsenz aus.
»Ich suche eine Möglichkeit, für ein paar Tage unterzukommen.«
»Soso. Und was dann?«
»Das wird sich ergeben.«
Das Verhalten der Alten wurde Jakob unangenehm. »Sie sind auf dem richtigen Weg.« Er zeigte zum nahen Wald, der langsam im Dunkeln versank. »Sie müssen einfach der Nase nach weitergehen. Da hinten ist der Eingang.«
Der Fremde löste sich endlich von Christine und drehte sich zu Jakob. »Danke.« Die Mütze wurde erneut angehoben. Ohne weitere Worte ging der Mann um den Wagen herum.
Albert war neben seinen Vater getreten, gemeinsam betrachteten sie die Rückansicht des späten Wanderers.
»Können die sich nicht woanders nach Ärger umschauen?« Christine klang eher resigniert als verärgert.
»Wie meinst du das?«, wollte Albert wissen. »Ich bin selbst in Gefangenschaft gewesen. Im Lager kann er für eine Weile zur Ruhe kommen.«
Christine betrachtete missbilligend ihren Großneffen. »Du bist schon immer viel zu gutmütig gewesen.« Ihr Seitenblick zu Jakob wirkte wie eine Anklage. »Mir braucht niemand etwas vorzumachen. Ich bin alt genug, um zu erkennen, wenn jemand nur dazu da ist, anderen das Leben schwer zu machen. Wir hatten in den letzten zwei Jahren nun wahrhaftig mehr als genug Probleme im Dorf. So einer wie der da sorgt garantiert für neuen Ärger.«
Jakob drehte den Kopf erneut zu dem Mann, der langsam in der Dämmerung verschwand. Das mit den Problemen war leider eine Untertreibung. Christine mochte ein schlecht gelaunter alter Drachen sein, auf ihre Menschenkenntnis war jederzeit blind Verlass. Es konnte bestimmt nicht schaden, auf den Fremden achtzugeben, sollte er in den nächsten Tagen im Dorf erscheinen.
»Muss das denn wirklich sein?« Helene Globkow saß ihrem Mann mit vor der Brust verschränkten Armen gegenüber. Die karge Kaffeetafel bestand an diesem Sonntagnachmittag nur aus einer Tasse Pfefferminztee. Die getrockneten Blätter stammten aus dem kleinen Garten des Schomer-Hofes. Die Sonntagnachmittage verbrachten sie bevorzugt hier im Waldlager, dort gab es genügend Brennmaterial, um die ehemalige Kommandeursbaracke gemütlich einzuheizen.
Die Globkows wohnten bereits seit über einem halben Jahr im Dorf. Die Zuweisung des Hofes im Herbst durch die Besatzungsmacht war sehr plötzlich erfolgt. Brennholz für die kalte Jahreszeit ließ sich auf die Schnelle nicht mehr in ausreichendem Maße organisieren. Werner Schomer, der eigentliche Besitzer ihres neuen Heimes, hatte für einen Stapel Holzscheite im Schuppen gesorgt. Diese reichten gerade so zum Kochen und um an den Abenden für etwas Wärme in der Stube zu sorgen.
»Du hast meine Frage nicht beantwortet. Muss das mit Berlin wirklich sein?«
Friedrich ließ den Rest seines Tees in der Tasse kreisen. Sinn und Unsinn seiner Mission hatten den Winter über öfter zur Diskussion gestanden. Bei ihrer Flucht im Januar 1945 hatten sie ihre Wohnung in Breslau verlassen müssen, ohne einen einzigen Gegenstand, der größer als ein Rucksack war, mitnehmen zu können.
Es gab genügend Zeitungsberichte darüber, dass die ehemaligen Ostprovinzen des Reiches mit Polen aus den Gebieten besiedelt wurden, die bei der Neubestimmung der polnischen Grenzen zur Sowjetunion ihre Dörfer und Städte hatten verlassen müssen. Sollte ihre ehemalige Wohnung bei den finalen Kämpfen um die schlesische Hauptstadt nicht zerstört worden sein, war sie also vermutlich inzwischen anderweitig vergeben. Selbst ihr überschaubares Konto bei der Breslauer Stadtsparkasse war wohl den Siegern zugefallen.
Helene hob den Zeigefinger. »Das habe ich dir bereits tausendmal gesagt, eine solche Reise ist viel zu gefährlich. Jenseits der Ostzonengrenze haben die Russen das Sagen.«
Friedrich nickte. »Stimmt.« Trotzdem konnte und wollte er sich nicht damit abfinden, ihr Hab und Gut einfach so aufzugeben.
In Streitgesprächen behielt er stets die Ruhe. Der Jähzorn in der Familie war von Helenes Seite eingebracht worden. »Deshalb möchte ich ja zuerst nach Berlin und nachsehen, was sich von dort aus in die Wege leiten lässt. Die Zugverbindungen dorthin werden von den Alliierten gesichert, und Gundi weiß längst Bescheid, dass ich kommen möchte.«
Kunigunde Lauer war so etwas wie ein menschlicher Korken, sie schwamm immer obenauf. Während des Dritten Reichs hatte sie die Damen der Nazi-Bonzen mit neuer Kleidung versorgt. Nachdem die großmäuligen Herrschaften verschwunden waren – und mit ihnen ihre Damen –, beriet sie nun in der amerikanischen Besatzungszone nahtlos die Frauen der höheren Offiziere hinsichtlich sämtlicher modischer Neuerungen, Fragen und Probleme.
Helene und Gundi vertrugen sich nicht gut. Das angespannte Verhältnis der Schwestern erinnerte fatal an die ständigen Streitereien zwischen Pauline und ihrem Bruder Rudi. Friedrichs Herz wurde beim Gedanken an seinen Sohn schwer. Sie waren seinerzeit nicht im Guten auseinandergegangen. Rudi hatte sich mit siebzehn freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Seit dem Spätherbst 1944 wurde er in Norditalien vermisst. Nach so langer Zeit bestand wenig Hoffnung, ihn lebendig wiederzusehen, und Friedrich musste mit seinen Schuldgefühlen ihm gegenüber irgendwie zurechtkommen.
»Und wie soll das hier im Lager weitergehen, wenn du weg bist?«
Friedrich war froh, von dem trübseligen Thema Rudi abgelenkt zu werden. »Dazu hatte ich letzten Mittwoch ein Gespräch auf der Kommandantur in Kyllburg.«
Helenes Stirn legte sich bedrohlich in Falten. »Ach, schau an. Das war, als du unbedingt zum Markttag musstest?«
Friedrich zuckte mit den Schultern.
»Das hat mich gleich gewundert, du und ein Besuch auf dem Markt! Weihnachten und Ostern fallen auch nicht auf den gleichen Tag.« Seine Frau betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Na los, raus damit! Was hast du mit den Monsieurs besprochen?«
Pauline hatte an dem betreffenden Tag wegen einer Lebensmittellieferung im Lager bleiben müssen. Friedrich sprach kein Französisch, und der uniformierte Herr von der Besatzungsmacht hatte den Eindruck vermittelt, es bereite ihm körperliche Schmerzen, mit dem Vorsteher des Disselbacher Flüchtlingslagers deutsch sprechen zu müssen. Einig waren sie sich dennoch geworden.
»Nun«, es wollte ihm kein vernünftiger Ansatz einfallen.
Helene schüttelte den Kopf. »Jetzt zier dich nicht so!«
»Also. Nach einigem krampfigen Hin und Her konnte ich mit meiner Idee durchdringen.«
»Auf mich brauchst du nicht zu zählen«, fiel ihm Helene ins Wort. »Ich habe es nicht so mit Zahlen. Ich werde dich nicht vertreten.«
Nach ihrer Hochzeit hatte Helene nur noch die Rolle der Hausfrau und Mutter ausgefüllt. Zahlen waren wirklich nicht ihre Stärke.
»Das ist mir bewusst. Deshalb habe ich Pauline als meine Stellvertreterin vorgeschlagen.«
»Pauline?« Helenes Stimme schraubte sich in die Höhe.
Friedrich machte sich auf eine geharnischte Ansage seiner Frau gefasst.
Die saß jedoch da, ohne etwas zu sagen. Stattdessen wurden zuerst ihre Augen größer, dann spitzte sie die Lippen. »Hm, Pauline ist recht talentiert, was das Organisieren angeht. Das hat sie bereits mehrfach unter Beweis gestellt.« Sie klang schon wieder wesentlich freundlicher.
Pauline hatte seinerzeit zwar nicht sonderlich viel Begeisterung für ihre kaufmännische Ausbildung in der Hauswarenfabrik aufgebracht, dennoch beherrschte sie seitdem sämtliche Grundlagen, die man brauchte, um ein Lager wie das im Disselbacher Forst zu verwalten.
Friedrich stimmte zu. »Es ist, wie du sagst, es wäre ja nicht das erste Mal, dass sie diese Verantwortung übernimmt.«
Vor gut anderthalb Jahren hatte es im Dorf einen Zwischenfall gegeben, in den außer einigen ehemaligen Waffen-SS-Männern der Besitzer ihres derzeitigen Wohnhauses, Werner Schomer, verwickelt gewesen war. Friedrich hatte damals ernsthafte Verletzungen davongetragen. Da sonst niemand greifbar gewesen war, hatte Pauline die Lagerverwaltung kommissarisch übernehmen müssen.
»Da hast du recht. Allerdings hat sie im letzten Herbst lange genug gebraucht, wieder sie selbst zu sein.«
Im vergangenen November hatte eine Auseinandersetzung in der Kirche zwischen einigen angereisten Kriminellen aus Köln und dem Dorfschmied das Dorf aufgewühlt. Pauline war in die Geschichte hineingezogen worden, konnte sich wegen eines Schlags auf den Kopf jedoch an kaum etwas erinnern.
»Gibt es eigentlich derzeit keine Arbeit für den Schmied im Lager zu erledigen?«, wechselte Helene das Thema. »Ich habe selten eine junge Frau und einen jungen Mann gesehen, die so offensichtlich Gefallen aneinander finden und die sich so tollpatschig anstellen, wenn sie sich über den Weg laufen.« Sie schüttelte den Kopf.
Friedrich sah zur Eingangstür, die den Eindruck machte, mit jedem weiteren Tag schiefer in den Angeln zu hängen. Eben war Pauline dort hinausspaziert, um schon einmal das Feuer auf dem Schomer-Hof einzuheizen. Beim Streichholzziehen hatte sie, wie üblich, den Kürzeren gezogen. Dass er die Auslosung meistens ein wenig zu seinen und Helenes Gunsten manipulierte, bereitete Friedrich kein schlechtes Gewissen. Pauline war jung und hielt die Kälte im Schomer-Hof besser aus.
Friedrich wandte sich seiner Frau zu. »Hast du kürzlich mit ihr über Karl gesprochen?«
»So viel liegt mir nicht daran mitzuerleben, wie Pauline sich in etwas hineinsteigert und mit den Füßen aufstampft.«
Friedrich nickte wissend, die Frauen der Familie Lauer. Egal, wer dereinst Pauline zum Traualtar führen sollte, es wäre gut, wenn er ein ausgeglichenes Gemüt als Puffer mit in die Ehe brächte. Was das anging, schien der große, sehr breit gebaute und doch so stille Schmied ein geeigneter Kandidat zu sein.
Die Tür zum Büro der Verwaltungsbaracke wurde, ohne anzuklopfen, aufgestoßen. Ein kalter Windstoß strich um Friedrichs Fußgelenke. Der Türgriff knallte gegen den Holzklotz, der eben für solche Gelegenheiten an der Wand dahinter befestigt worden war. In der Türöffnung stand Erna Solkowski.
Friedrich unterdrückte das Aufseufzen. Eine hörbare Missfallensbekundung hätte umgehend zu einer entsprechenden Antwort geführt.
Die Tür wurde zugeschmettert, Frau Solkowski trat mit in die Hüften gestemmten Armen näher. Eine blonde Strähne ihres nach hinten gebundenen Haars tanzte auf dem Luftstrom eines energischen Schnaufers nach oben, nur um gleich darauf wieder vor ihrer Nase zu schweben. Frau Solkowski war, gemeinsam mit ihren gebrechlichen Eltern, nur wenige Wochen nach den Globkows in das damals noch provisorische Flüchtlingslager Disselbach eingezogen. Ihr Mann wurde bei Stalingrad vermisst, der gemeinsame Sohn war auf der Flucht aus dem Harz von einem Lkw überfahren worden. Vielleicht hatten diese Umstände zu ihrer notorischen Unfreundlichkeit beigetragen. Pauline musste bereits mehrfach ernsthaft davon abgehalten werden, mit dem Besen oder einem anderen greifbaren Gegenstand auf Frau Solkowski loszugehen.
Es gab Menschen und insbesondere Frauen, deren Äußeres jeden auf den ersten Blick für sie einnahmen. Frau Solkowski gehörte eindeutig in diese Kategorie. Sie besaß die perfekten Züge der Frauen auf den Titelbildern von Kunigundes Modemagazinen, dazu eine schlanke und wohlproportionierte Figur. Das volle, hellblonde Haar legte sich selbst im ungewaschenen Zustand stets dekorativ um ihr Gesicht. Sämtliche Männer des Lagers sahen ihr zumindest verstohlen hinterher, wenn sie ihrer Wege ging. Friedrich machte da keine Ausnahme. Ein Umstand, den Helene sehr wohl registrierte und der hin und wieder zu Anfällen von Eifersucht führte.
Alle diese optischen Vorteile wurden jedoch jedes Mal in dem Augenblick hinweggefegt, wenn Frau Solkowski den Mund aufmachte.
»Das schlägt nun wirklich dem Fass den Boden aus! Nicht, dass die Zustände hier nicht sowieso untragbar wären. Untragbar, sage ich!«
Was sonst? Die letzten Wochen waren Friedrich und Pauline von solchen Informationen verschont geblieben. Frau Solkowski hatte sich im Winter eine schwere Lungenentzündung eingehandelt. Was dazu führte, dass sie im Februar ins Krankenhaus nach Kyllburg eingeliefert werden musste. Friedrich hatte sich mit Pauline um ihre Eltern kümmern dürfen.
Friedrich räusperte sich. »Frau Solkowski, es ist Sonntag, ich bin nicht im Dienst.«
»Na und? Sie sind hier, und Sie sind der Lagervorsteher.«
Friedrich seufzte doch noch. »Was ist denn untragbar, Frau Solkowski?«
Die blonde Frau trat näher, wobei sie Helene umrundete, die aufgestanden war. »Das wissen Sie ganz genau, Herr Lagervorsteher!«
Die Liste der Dinge, die ihr gegen den Strich gingen, war lang, unübersichtlich und wurde ständig erweitert. Friedrich harrte der nächsten Ungerechtigkeit, die Frau Solkowski oder ihren Eltern widerfahren sein könnte. Doch die sagte nur: »Mit Ihnen darüber zu diskutieren, macht ja sowieso keinen Sinn. Es gibt da etwas anderes, das ich mit Ihnen besprechen müsste. Deshalb bin ich eigentlich hier.«
Da Helene hinter Frau Solkowski stand, konnte sie die Augen verdrehen.
»Tun Sie sich keinen Zwang an, was gibt es?«
»Ich müsste das mit Ihnen besprechen«, wiederholte Frau Solkowski.
»Aber bitte doch.« Friedrich zeigte aus Höflichkeit auf einen der Stühle.
»Allein mit Ihnen.« Das »Ihnen« wurde ausdrücklich betont und lauter ausgesprochen. Helene zog eine schräge Schnute und wackelte mit den Augenbrauen.
Friedrich räusperte sich. »Ich habe vor meiner Frau keine Geheimnisse.«
»Das, was ich weiß, ist nur für Sie bestimmt.«
Friedrich schüttelte den Kopf. Es war Sonntag, das Feuer auf dem Schomer-Hof sollte inzwischen angeheizt sein, es wurde Zeit, nach Hause zu gehen.
»Dann kann ich nur wiederholen, ich bin heute nicht im Dienst. Morgen stehe ich ab acht Uhr jederzeit für Sie zur Verfügung.«
»Jederzeit, pfft.« Frau Solkowski drehte sich zu Helene um und betrachtete sie von oben bis unten. »Zustände sind das hier!«
Helene erwiderte ihren Blick, ohne etwas zu sagen.
Die blonde Frau rauschte mit großen Schritten auf die Ausgangstür zu. Wieder donnerte der Griff gegen das Holzstück. »Ich kann nur hoffen, dass es dann nicht zu spät ist.«
Die Tür schlug so heftig ins Schloss, dass der Fensterrahmen daneben klapperte.
»Abgang Frau Solkowski«, kommentierte Helene.
Wenn man aus dieser Perspektive den Raum betrachtete, boten sich mehr als genug Möglichkeiten, die Gegebenheiten sinnvoll für die Reparatur von Autos und anderen Fahrzeugen zu nutzen. Selbst für das Arbeiten an Lastkraftwagen oder Traktoren sollte das Innere der Werkstatt genügend Platz bieten. Hier im Süden der Eifel bestand bei den Bauern grundsätzlich großes Interesse an Ackerschleppern. Mit seinem Nachbarn Jakob hatte Karl oft genug darüber gesprochen, dessen Zugochsen so schnell wie möglich durch mechanische Pferdestärken zu ersetzen. Einzig die finanziellen Möglichkeiten wollten bei keinem von Karls Kunden mitspielen. Es musste wohl noch etwas Zeit ins Land gehen, bis sich für ihn neue Märkte erschlossen.
Weil er es gewohnt war, mit seinen Vorstellungen als Spinner abgetan zu werden, blieb der Kreis derjenigen, mit denen er seine Ideen teilte, sehr überschaubar. Sein Vater wurde mit jedem weiteren Lebensjahr starrsinniger, was diesen neumodischen Schnickschnack anging, wie er es gerne nannte. Fräulein Schneebach, seine ehemalige Volksschullehrerin, lauschte Karls Ausführungen sehr aufmerksam, verstand jedoch zu wenig von den technischen Details. Sein Nachbar Jakob nickte bei Gesprächen gerne weise, konnte mit Christine, der Tante seiner Frau, jedoch einen veritablen Prellbock für die Umsetzung solcher Vorstellungen aufbieten. Robert Sternzellner, der Schreinermeister, war der einzige Mann im Dorf, der verstand, welche Visionen Karl umtrieben. Robert lag viel daran, seine Schreinerei möglichst schnell zu modernisieren. Beiden war jedoch nur zu bewusst, dass man ohne solvente Kundschaft sämtliche Pläne gleich im nächstbesten Ofen verfeuern konnte.
Karl verglich es mit einem Hund, der im Kreis laufend seinem eigenen Schwanz hinterherjagte. Die Schmiede musste genügend Profit abwerfen, damit all seine schönen Ideen und Vorstellungen in die Tat umgesetzt werden konnten. Dazu benötigte er einige teure Gerätschaften, damit sich neue Kundschaft erschließen ließ, die dann dabei half, mögliche Kredite abzubezahlen. Vorläufig blieb nur die Hoffnung, dass mit einer Währungsreform bald wieder mehr Geld unter den Leuten kursierte.
Was außer Karl niemand wusste, war, dass er über so etwas wie einen Privatfonds verfügte, der ihm die eine oder andere zusätzliche Ausgabe erlaubte. Wie zum Beispiel den Luftkompressor aus US-Beständen, der neben dem Materiallager stand und darauf wartete, endlich installiert zu werden. Im Sommer zuvor hatte Karl über den Umweg Severin Peters von Karin Jochem, mit der er eine einzige wunderschöne Nacht verbracht hatte, ein Abschiedsgeschenk in Form eines Lederbeutels erhalten. Dieses unscheinbare Präsent hatte fast eintausend US-Dollar enthalten. Da Karin damals tief in die Schmuggelaktivitäten von Thomas Schwarz verstrickt gewesen war, musste Karl davon ausgehen, dass es nicht aus legalen Quellen stammte. Deshalb hielt er sich mit dem Ausgeben seines geheimen Schatzes zurück. Peters hatte darauf verzichtet, in den Beutel hineinzusehen. Der Kommissar war jedoch viel zu aufmerksam, um nicht zu wittern, woher das Geld für teure Anschaffungen stammen könnte. Es galt daher, umsichtig zu agieren, die harten Dollars behielten ihren Wert.
Wegen Eddi Frankens Tod in Bitburg hatte Karl lange damit gehadert, dass er mit Karins Geld »belohnt« worden war. Fast war er versucht gewesen, die Scheine in den Opferstock zu stopfen, der gleich neben dem Eingang der Kirche von einem ewigen Licht und einer Statue des heiligen Johannes, des Schutzpatrons der Dorfkirche, bewacht wurde. Die Kirche war nach dem Überfall im vergangenen November stark renovierungsbedürftig. Er hatte sich dagegen entschieden. Zum einen war er nach dem Fund des geheimen Schatzes in dem Kreuz des römischen Prälaten zu der Überzeugung gekommen, dass die Kirche genügend eigenes Geld besaß. Zum anderen hatte er das Gefühl, dass Karin sich etwas dabei gedacht hatte, ausgerechnet ihm den Beutel zukommen zu lassen.
Wegen nur einer Liebesnacht konnte er kaum von einer Beziehung zu der schönen, blonden Frau sprechen. Trotzdem trauerte Karl der verpassten Gelegenheit gelegentlich hinterher. Der Kommissar hatte ihm mit Nachdruck zu verstehen gegeben, Karin sei auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Peters hatte einiges riskieren müssen, als er sie hatte laufen lassen.
Karin war so anders gewesen als alle Frauen und Mädchen, die Karl bisher über den Weg gelaufen waren. Dabei hatte er gleich bei der ersten Begegnung, im Sommer vor zwei Jahren, sein Herz an Pauline Globkow verloren. Und bei der Gelegenheit die Fähigkeit, sich ihr gegenüber vernünftig auszudrücken, gleich mit. Es war unglaublich, was für einen Stuss er von sich gab, wenn sie sich hin und wieder begegneten. Bei Karin hatten diese Probleme gar nicht erst existiert. Nur war die leider weg.
Ein energisches Räuspern scheuchte Karl aus seinen Gedanken auf.
Falls ihr Vater glaubte, er könne sie für dumm verkaufen, wenn es darum ging, wer den Weg ins Dorf zum Anheizen auf sich nehmen sollte, dann hatte er sich gewaltig geschnitten. Pauline achtete stets sehr sorgsam darauf, welches der Hölzchen manipuliert worden war. Eigentlich hätte sie sich gleich freiwillig für das Anheizen melden können, doch sie ließ ihren Eltern den Spaß. Auf diese Weise konnte sie an den Sonntagnachmittagen in Ruhe allein an den Feldern und Wiesen entlangschlendern. Niemand werkelte dann irgendwo herum und konnte sie bei der Gelegenheit kritisch beäugen.
Einige der ständigen Bewohner des Lagers verdingten sich als Tagelöhner bei den Bauern im Ort. Der Umgang der Disselbacher mit den Geflüchteten aus dem Osten hatte generell etwas von einem Herren-Knecht-Verhältnis. Wirklich reich war keiner der einheimischen Bauern. Wenn man allerdings Hals über Kopf aus der Heimat hatte fliehen und dabei so ziemlich alles, was man besessen hatte, aufgeben müssen, war selbst ein armes Bäuerlein mit etwas Land, einer Kuh und zwei Schweinen ein Krösus. Was die Einheimischen die Leute aus dem Lager bei jeder sich bietenden Gelegenheit spüren ließen.
Als Disselbacherin fühlte Pauline sich jedenfalls nicht. Selbst wenn sie so langsam manche Erinnerung mit dem Dorf verband. Vor wenigen Minuten hatte sie den Teich passiert, der wegen der Explosion eines Schuppens mit Sprengmitteln gleich nach dem Krieg entstanden war. Dort hatte sie von Eddi Franken im letzten Sommer den ersten richtigen Kuss ihres Lebens bekommen.
Die Geschehnisse im Herbst aus Anlass des Besuches eines römischen Prälaten hatten Eddis Tod in den Hintergrund rücken lassen. Anders als bei der Schmuggelgeschichte war Pauline direkt in das Durcheinander an und in der Disselbacher Dorfkirche verwickelt worden. Dennoch konnte sie sich an wenig von dem erinnern, was an dem Mittwoch im November geschehen war. Hatte sie doch anschließend mit einer Gehirnerschütterung zwei Wochen das Bett gehütet.
Die Geiselnahme einer versammelten Kirchengemeinde durch angereiste Verbrecher war etwas, das nicht alle Tage geschah. Entsprechend dramatisch schossen anschließend die Spekulationen über die Hintergründe ins Kraut. Wegen ihrer unfreiwilligen Auszeit war dies weitestgehend an Pauline vorbeigelaufen.
Die Informationen, die es gab, tendierten in unterschiedliche Richtungen. Es gab Gerüchte, Pauline sei an dem Überfall nicht ganz unschuldig, weil sie sich mit Werner Schomer verbrüdert habe. Andere besagten, sie sei an der Überwältigung des Oberganoven beteiligt gewesen. Pauline fand es im höchsten Maß erstaunlich, was sie im November angeblich so alles getan oder gesagt haben sollte.
Woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie sich tatsächlich auf einer Mission mit Karl, dessen bestem Freund Werner sowie Wachtmeister Schillinger, der rechten Hand von Kriminalkommissar Peters, befunden hatte. Der Umgang mit Werner, der im Dorf einhellig als Verbrecher betrachtet wurde, war aufregend gewesen, das hatte sie nicht vergessen. So ziemlich alles andere hatte der Schlag auf den Kopf hinweggewischt.
Eines hatte sich durch den Hieb jedenfalls nicht geändert: Karl Bermes war nicht nur groß und sehr kräftig, er machte sich auch regelmäßig in ihren Träumen breit. Dass ihr Herz schneller schlug, wenn sie ihm begegnete oder ihn nur von ferne sah, war eine Tatsache, die sie hinnahm. Sie hatte sich jedoch vorgenommen, nicht selbst die Initiative zu ergreifen. Ihr letzter Versuch, in dieser Hinsicht für klare Verhältnisse zu sorgen, hatte im letzten Sommer in der Endkonsequenz dazu geführt, dass Eddi Franken seine letzte Ruhe auf dem Disselbacher Friedhof gefunden hatte.
Manchmal trieb Pauline der Gedanke um, sich unter den Bewohnern des Lagers nach einem geeigneten jungen Mann für eine gemeinsame Zukunft umzusehen. In der Baracke mit den ehemaligen Soldaten erschienen alle paar Tage neue Bewohner. Für eine Frau war Pauline ziemlich hochgewachsen. Derzeit gab es im Lager keine Frau, die größer war als sie. An entsprechende Sprüche hatte sie sich gewöhnt. Doch man musste in dieser Hinsicht möglicherweise realistisch sein: Einer der gerupften Spatzen im Lager war möglicherweise die bessere Wahl als der dunkelhaarige Tauberich mit den schwarzen Fingernägeln aus der örtlichen Schmiede.
Pauline hielt inne. Der schlecht gepflegte Pfad vom Lager ins Dorf führte direkt auf die Kreuzung mit der Schreinerei zu. Dies bedeutete leider ebenfalls, dass man den Wagner-Hof passieren musste, der am Ortseingang lag. Hunde machten ihr normalerweise keine Angst. Bei Brutus, dem Hofhund der Wagners, musste man jedoch etwas vorsichtiger sein. Unter der Woche war das blöde Vieh durch die Tätigkeiten auf dem Bauernhof abgelenkt, sonntags fand er genügend Muße, harmlosen Spaziergängerinnen am Rock zu zerren.
Hier auf dem Land wäre niemand auf die Idee gekommen, einen Hund anzuleinen. Pauline machte vorsichtige und sehr große Schritte, bemüht, dabei keine Geräusche zu verursachen. Erst als sie die großen Fenster der Schreinerei passiert hatte und auf der Hauptstraße zum Disselbach abgebogen war, verfiel sie wieder in ihren normalen Gang. Es war ihr einerlei, ob sie jemand dabei beobachtete. Dass man sich ohnehin das Maul über sie zerriss, davon war Pauline nach dem Tag im November überzeugt.
Den Schreckmoment gab es dann doch, als ihr hinter der Kirchhofmauer unverhofft zwei Männer aus der Sakristeigasse kommend begegneten. Pfarrer Winkel schlurfte wie gewohnt sehr gemütlich vor sich hin. In seinem Schlepptau folgte Eusebius Schmitz, der Küster von Disselbach, den alle nur Eus nannten. Der Priester hatte die Brille nicht auf der Nase, weshalb er zwinkerte und die Augen zusammenkniff, damit er etwas erkennen konnte.
»Ach, Fräulein Globkow, so ein Zufall. Ich habe mich eben noch mit Eusebius über die Leute im Lager unterhalten.«
Der Pfarrer sah zum Küster, dessen unergründliches Gesicht ließ nicht auf den Inhalt des Gespräches schließen. Aufgrund ihres Status als Tochter des Lagerleiters geschah es regelmäßig, dass Pauline von den Disselbachern mit dem Lager im Allgemeinen gleichgesetzt wurde. Dass der Pfarrer dies tat, war eine neue Erfahrung.
Bevor Pauline darauf hinweisen konnte, dass für alle Fragen rund um das Lager eigentlich ihr Vater zuständig sei, kam ihr Pfarrer Winkel zuvor: »Wir sind eben auf dem neuen Friedhof gewesen; der Bereich, den wir für die Toten aus dem Lager abgegrenzt haben, ist fast voll.«
Pauline wechselte einen Blick mit der Sphinx namens Eus. Die Religion stellte ein weiteres ernst zu nehmendes Hindernis zwischen den Flüchtlingen und den Disselbachern dar. Im Jahr zuvor hatte sich ein langwieriges Gezanke darum entwickelt, ob man den Verstorbenen des Flüchtlingslagers ihre letzte Ruhe auf dem neu erstellten Friedhof außerhalb des Dorfes gestatten dürfe. Der Kompromiss bestand darin, dass diejenigen, die katholisch getauft worden waren, dort in einem eingezäunten Bereich beerdigt werden konnten. Alle evangelischen Toten mussten nach Kyllburg oder nach Bitburg gebracht werden. Die entbehrungsreichen Winter und die schlechte Verfassung mancher Neuankömmlinge hatten dafür gesorgt, dass sich der spezielle Bereich des Friedhofs schneller füllte als erwartet.
Der Priester faltete die Hände über dem ausladenden Bauch. »Wir müssen mit dem Kirchenrat besprechen, wie wir in Zukunft verfahren sollen. Der neue Friedhof ist zwar groß genug, doch wenn wir die Einfriedung erweitern, muss das jemand bezahlen. Die aktuelle Mauer wurde von Willi Michels auf Kosten der Gemeinde errichtet. An einer Erweiterung müsste sich dann die Lagerleitung beteiligen.«
Daher wehte also der Wind. Eines hatte Pauline in den letzten beiden Jahren lernen müssen: Egal, unter welchen Aktenvermerken, Überschriften oder Deckmäntelchen etwas verhandelt wurde, am Ende blieb stets die Frage offen: Wer übernimmt die Kosten?
Schicksalsergeben nickte sie stumm.
Der Pfarrer hob den rechten Zeigefinger. »Und damit wir uns da richtig verstehen, es wird hier auf unserem Friedhof selbst bei einer Erweiterung keine Ecke für protestantische Gräber geben. Wir hier in der Eifel sind katholisch!« Normalerweise kam der Priester sehr salbungsvoll und durchgeistigt daher. Den letzten Satz hatte er mit der Intensität eines Glaubenskriegers gesagt, der eben dabei war, Jerusalem von den Ungläubigen zu befreien.
Paulines Kopf bewegte sich automatisch auf und ab. Dass in ihrer Geburtsurkunde, wie bei den meisten Lagerbewohnerinnen und -bewohnern, bei Religionszugehörigkeit »evangelisch« stand, wurde in der erzkatholischen Eifel mit größter Skepsis zur Kenntnis genommen.
»Schön, dass wir uns darüber kurz austauschen konnten. Richten Sie Ihrem Herrn Vater bitte aus, er möge nach Ostern bei mir vorstellig werden, damit wir die weiteren Maßnahmen besprechen können.«
Der Pfarrer schlug aus Routine ein Kreuzzeichen über Pauline in der Luft. Eus bekreuzigte sich brav, Pauline ließ die Hände in den Taschen ihres Mantels.
Schritte hallten durch den Gang und wurden von den Wandkacheln verstärkt. Jean kämpfte mit seinen Träumen und war sich nicht sicher, ob diese Geräusche dazugehörten. Das Leben in einer Kaserne war selten durch große Stille gekennzeichnet. An einem Sonntag durfte man wohl trotzdem etwas Ruhe erwarten.
Eben noch war er in Erlebnisse aus dem Frühjahr 1945 verstrickt gewesen. Auslöser dafür war vermutlich der Besuch Isaac Rosenzweigs am Tag zuvor gewesen. Wahrscheinlich hatte dessen Flasche Johnnie Walker ein Übriges getan, Jeans Fantasie jetzt in dieser Weise auf die Sprünge zu helfen.
Nach der abenteuerlichen Flucht 1943 von Luxemburg nach England war Jean dort zum Offizier ausgebildet worden. Man musste das Soldatenleben nicht lieben, um seine Notwendigkeit angesichts von größenwahnsinnigen Aggressoren zu akzeptieren. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse in Luxemburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch hatte man ihn Ende 1944 als Verbindungsoffizier nach Vianden zur dritten Armee der Amis versetzt, die gerade dabei war, den Norden Luxemburgs zu befreien.
Die letzten Kriegsstürme im Winter 1944/45 hatten Vianden stark zugesetzt. Zu Beginn des Februars 1945 war Isaac Rosenzweig dort Jeans Kontakt bei den Amis gewesen. Isaac war ein deutscher Jude, dessen Eltern nach der Machtergreifung das Glück gehabt hatten, in die USA emigrieren zu können. Bei den finalen Kämpfen in Vianden hatte Jean dem Amerikaner das Leben gerettet.
Ähnlich wie Jean war Rosenzweig weiterhin als Soldat in Deutschland stationiert, irgendwo in der Nähe von Karlsruhe. Er machte darüber nur Andeutungen, Isaac war bei einer Einheit gelandet, die Ziele verfolgte, über die man nicht sprechen durfte. Aufgrund seiner Herkunft eigneten sich Leute wie der Major vortrefflich für geheimdienstliche Aufgaben.
Jean hatte im März 1946 die Rede des ehemaligen britischen Premierministers Winston Churchill gehört. Der von ihm beschriebene Eiserne Vorhang in Europa nahm langsam deutlichere Formen an. So wie Jean das verstand, arbeitete Isaac an Gegenmaßnahmen zu dieser Spaltung Europas.
Hin und wieder führten Rosenzweig seine geheimen dienstlichen Geschäfte zu den Briten nach Köln. Er legte die Fahrt stets so, dass er bei Jean in der Bitburger Kaserne vorbeischauen konnte. Es artete meistens in eine feuchtfröhliche Runde mit viel Whiskey und Cognac aus.
Rosenzweig hatte sich bereits am Abend von Jean verabschiedet und war am frühen Morgen weitergefahren. Die Information, dass Isaac auf dem Rückweg Mitte der Woche erneut in Bitburg vorbeischauen und weiteren guten schottischen Whiskey von den Engländern mitbringen werde, hatte Jean mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Isaac war beim Saufen wesentlich ausdauernder als er.
Um seinen Kater halbwegs auszukurieren, hatte Jean sich nach dem Mittagessen etwas hingelegt. Nun räusperte sich jemand draußen im Flur, und Jean war endgültig wach. Sekunden später klopfte es energisch an der Tür. Genau genommen wäre das nicht nötig gewesen, sie ließ sich nämlich nicht abschließen. Dass dennoch geklopft wurde, lag an Jeans Position als Kompaniechef. Als solcher war man immer im Dienst, der Sonntag blieb selbst nach einem solch anstrengenden Abend nicht heilig.
Die meisten seiner Offizierskollegen zogen es vor, in Bitburg zu wohnen. In der Stadt hatte sich an der Wohnsituation nach den schweren Zerstörungen der letzten Kriegsmonate noch wenig gebessert. Es gab genügend Familien, die kein Dach über dem Kopf hatten, Jean brauchte keine Wohnung für sich allein.
Das Klopfen wiederholte sich energischer.
»Capitaine?« Die Stimme war ihm vertraut.
Jean setzte sich auf. Das Brennen der Augen wurde vom Reiben nicht besser. »Moment!«
Er schlüpfte in die Uniformhose, die auf einem Stuhl neben dem Bett bereitlag. Das Bauen eines sogenannten »Alarmstuhles« war ihm dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass er das wohl nie wieder ablegen konnte. Beim Aufstehen zog er die Hosenträger über die Schulter. Die Jacke ließ er vorläufig über der Lehne hängen. Der Blick in den Spiegel neben der Tür bestätigte ihm, dass von einem korrekten Auftreten keine Rede sein konnte. Das Unterhemd zeigte Schweißflecke, die Haare standen wegen der nicht ausgewaschenen Pomade in wilden Strähnen vom Kopf ab.
Jean öffnete die Tür. »Ja, was ist denn?«
Sergeant Heinzen, sein Kompaniefeldwebel, verzog den Mund. »Bonjour, mon Capitaine. Sie hatten eine schwere Nacht?«
Natürlich wusste der Sergeant, dass, wenn Major Rosenzweig zu Besuch kam, sein Vorgesetzter sich anschließend für ein, zwei Tage mit den Nachwirkungen herumzuschlagen hatte.
»Ja, geschenkt. Was ist denn, Sergeant? Falls es nichts Ernstes ist, würde ich gerne weiterschlafen.«
Heinzens Gesichtsausdruck machte Jeans Hoffnung auf weitere Augenpflege zunichte. »Es ist leider etwas Ernstes.«
»Sergeant, bitte keine Rätsel, mein Kopf.«
Heinzen hob die Schultern so, als müsste er auf Schläge von Jean gefasst sein. »Es tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu müssen. Caporal Mertens ist tot.«
Jean war zwar nicht sofort wieder nüchtern, jedoch auf der Stelle wesentlich wacher.
»Was sagen Sie da, Sergeant? Wie kann das sein? Ein Unfall?«
Die Schultern wanderten weiter in die Höhe. »Er ist wohl gestern an der Grenze bei einem Einsatz der deutschen Polizei ums Leben gekommen.«
Jean strich sich ohne viel Erfolg die Haare zurück. Was redete der Mann da? Mertens tot? An der Grenze? Und die deutsche Polizei hatte die Finger im Spiel?
Heinzen sah ihn an. »Es tut mir wirklich leid. Sie kannten Mertens von früher?«
Jean nickte.
»Sergeant Heinzen, geben Sie mir ein paar Minuten. Ich stecke den Kopf kurz unter Wasser, dann komme ich. Ach ja, setzen Sie bitte eine Kanne starken Kaffees auf.«
Den würde er garantiert brauchen. Mertens war tot, wie sollte er das dessen Mutter beibringen?
»Hallo? Darf ich annehmen, dass der Herr noch anwesend ist und ich nicht nur eine entrückte, leere Hülle betrachte?« Fräulein Schneebach hatte die Hand erhoben und ließ sie leicht hin und her pendeln.
Karl fand endgültig ins Hier und Jetzt zurück. Was bedeutete, dass er den Hintern auf der Fläche seines großen Ambosses zurechtrückte. Wie gewohnt hatte er darauf Platz genommen.
Das Fräulein saß auf dem Stuhl, der stets für ihre Besuche neben der unaufgeräumten Werkbank bereitstand, und musterte ihn mit ihren eisblauen Augen. Die braunen Haare, in die sich zusehends graue Strähnen verirrten, hatte sie zu einem Knoten im Nacken gebunden. Zur Feier des Sonntags trug sie ihr rotes Winterkleid, das am Hals und den Ärmeln mit Rüschen versehen war. Dieses gute Kleid hatte bereits vor dem Krieg zu ihrer Sonn- und Feiertagsausstattung in der kalten Jahreszeit gehört. Mit neuer Kleidung verhielt es sich ähnlich wie mit den anderen Neuanschaffungen, es war schwierig.
Neben der Lehrerin dampfte eine Tasse Kaffee vor sich hin. Der Luxus, den Karl sich von Karins Geld gönnte, bestand aus frischen Kaffeebohnen. Kaffee war in der Nachkriegszeit für Normalsterbliche praktisch unerschwinglich und nur auf dem Schwarzmarkt in Bitburg erhältlich. Unter der Woche gab es Tee aus dem, was der Kräutergarten von Karls Mutter so an Grünzeug und Blüten hergab. Für den Genuss am Wochenende – oder für eine Visite des Fräuleins – investierte Karl etwas von Karins Geld. Die Lehrerin liebte starken schwarzen Kaffee ebenfalls und steuerte einen Obolus bei.
Das Fräulein erschien dann, wenn ihr der Kopf danach stand oder wenn es ihrer Meinung nach etwas gab, das mit Karl erörtert werden musste. Da derzeit so einiges in der Welt geschah, hatte es in letzter Zeit öfter die Gelegenheit zum Kaffeekränzchen gegeben.
Thema des Tages war diesmal die geplante Zusammenführung der britisch-amerikanischen Bi-Zone mit dem französischen Besatzungsanteil Deutschlands gewesen. Im Einklang mit dieser neuen Tri-Zone sollte so schnell wie möglich eine neue Währung in den drei westlichen Zonen eingeführt werden. Sämtliche Ansätze, die Ostzone in dieses anstehende Währungssystem einzubeziehen, waren bisher gescheitert. Die Russen hatten nicht die Absicht, ihren Teil von Deutschland an irgendetwas zu beteiligen, das möglicherweise ihren Einfluss schmälern könnte.
»Falls ich dich langweile, kann ich zurück zur Schule gehen und im Klassenraum vor mich hin monologisieren. Die Schulbänke können ihrerseits ganz hervorragend schweigen.«
»Jaja, tun Sie das.« Karl spukte gerade durch den Kopf, wo er den Druckluftkompressor einbauen sollte. Der Motor verursachte einen solchen Radau, dass man einen gesonderten Raum dafür benötigte, wollte man sich in der Schmiede unterhalten können.
»Fräulein Globkow!«, sagte das Fräulein laut und deutlich.
Karl schrak hoch. »Wie bitte, was ist mit Pauline?«
»Wusste ich es doch, bei dir benötigt man kein Simsalabim, der Name funktioniert immer, um dich von deinen Wolken herzuzaubern.«
Karl verdrehte die Augen. Er musste sich besser auf ihr Gespräch konzentrieren, das Fräulein stand kurz davor einzuschnappen. Sie tippte mit dem Zeigefinger so energisch neben der Kaffeetasse auf, dass die auf der Untertasse leise klirrte.
»Karl, manchmal sieht ein Schatten sehr groß und dunkel aus, und es wirkt, als stünde man vor einem abgrundtiefen Loch. Wenn man sich dann traut zu springen und nicht komplett über den dunklen Bereich hinausgelangt, stellt sich gerne heraus, es war halt nur ein Schatten und kein Loch. Man braucht nur einen weiteren Schritt zu machen und ist wieder im Licht. Vielleicht solltest du Fräulein Globkow zu irgendetwas einladen.«
»Ein Loch zum drin Verschwinden kann hin und wieder ganz nützlich sein«, brummte Karl.
»Du bräuchtest ein sehr tiefes Loch.« Das Fräulein sah harmlos aus der Wäsche. »Du weißt, dass ich mich regelmäßig mit Paulines Vater treffe. Wir müssen die Belange der Kinder aus dem Lager abstimmen.«
»Was möchten Sie mir damit sagen?«
