The Blocksize War - Jonathan Bier - E-Book

The Blocksize War E-Book

Jonathan Bier

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Beschreibung

Als sich 2015 zwei verfeindete Lager in der Bitcoin-Community formieren, beginnt ein beispielloser Machtkampf, der die Kryptowährung für immer verändern sollte. Vordergründig geht es um eine technische Frage: Wie groß darf ein Bitcoin-Block sein? Doch der wahre Konflikt reicht viel tiefer – es ist ein Ringen um die fundamentale Kontrolle über das Bitcoin-Protokoll. Erstmals gewährt dieses Buch einen exklusiven Einblick in die dramatischen Ereignisse des Blocksize War von 2015 bis 2017. Basierend auf Gesprächen mit den Schlüsselfiguren beider Seiten enthüllt es die verborgenen Motive, geheimen Strategien und intensiven Auseinandersetzungen, die sich sowohl öffentlich als auch hinter verschlossenen Türen abspielten. Eine fesselnde Chronik der entscheidenden Momente dieses Konflikts, der die Zukunft von Bitcoin prägte und grundlegende Fragen aufwarf: Wer hat die Macht, die Regeln zu ändern? Und wer sollte sie haben?

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2025

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THEBLOCKSIZEWAR

Offizielle Übersetzung des englischen Originaltitels:

The Blocksize War: The battle over who controls Bitcoin’s protocol rules von Jonathan Bier

Erstveröffentlichung durch: Jonathan Bier, Eigenverlag

Copyright © 2025 Jonathan Bier. Alle Rechte vorbehalten.

Copyright © 2025 Aprycot Media (deutsche Ausgabe).

Alle Rechte vorbehalten. Diese Übersetzung wurde von Aprycot Media – Held & Tröndle GbR unter Lizenz von Jonathan Bier veröffentlicht.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen elektronischen oder mechanischen Mitteln, einschließlich Informationsspeicher- und Informationsabfragesystemen, ohne schriftliche Genehmigung des Autors/Herausgebers reproduziert werden, mit Ausnahme der Verwendung von kurzen Zitaten in einer Buchrezension. Haftungsbeschränkung/Ausschluss von Garantien: Obwohl Autor und Verlag bei der Erstellung dieses Buches alle Anstrengungen unternommen haben, geben sie keine Zusicherungen oder Gewährleistungen in Bezug auf die Richtigkeit oder Vollständigkeit des Inhalts dieses Buches und lehnen insbesondere alle stillschweigenden Gewährleistungen der Marktgängigkeit oder Eignung für einen bestimmten Zweck ab. Es kann keine Gewährleistung durch Handelsvertreter oder schriftliche Verkaufsunterlagen geschaffen oder erweitert werden. Weder der Verlag noch der Autor haften für entgangene Gewinne oder andere kommerzielle Schäden, einschließlich aber nicht beschränkt auf besondere, zufällige, Folge- oder sonstige Schäden.

ISBN 978-3-949098-57-4 (Print)

ISBN 978-3-949098-58-1 (eBook)

Übersetzung: Sindy Heinrich

Korrektorat/Lektorat: Tanja Giese

Cover Design & Layout: Michi Nussbaumer

Layout & Satz: Michi Nussbaumer

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Verlag: Aprycot Media – Held & Tröndle GbR – Muldenweg 8 – 79618 Rheinfelden– Deutschland

Mail: [email protected]

1. Auflage 2025

Aprycot Media – Der Bitcoin Verlag – www.aprycot.media

X & Instagram: @aprycotmedia

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THEBLOCKSIZEWAR

Der Kampf um die Kontrolle des Bitcoin-Protokolls

JONATHAN BIER

EINLEITUNG

Dieses Buch handelt vom sogenannten Blocksize War, der von August 2015 bis November 2017 stattfand. Vordergründig drehte sich dieser Konflikt um die Datenmenge, die in jedem Bitcoin-Block enthalten sein darf. Allerdings wurden auch viel tiefgründigere Fragen aufgeworfen, z. B. wer die Regeln des Bitcoin-Protokolls kontrolliert. Es ist nicht möglich, jeden Twist und jede Wendung oder alle Argumente in diesem verworrenen Konflikt zu beleuchten, aber ich habe eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse erstellt. In diesem Buch werden einige der Hauptfiguren des Konflikts vorgestellt und über einige der intensivsten Phasen des Kriegs berichtet, sowohl von der Front als auch von hinter den Kulissen. Das Buch enthält Diskussionen mit den Hauptakteuren beider Seiten des Kriegs und beleuchtet ihre Beweggründe, Strategien und Gedankengänge, während der aufreibende Kampf sich entwickelte und voranschritt.

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Buches, Anfang 2021, scheint der Kampf über die Bitcoin-Blockgröße (engl. blocksize – Anm. d. Hrsg.) längst Geschichte zu sein. Jedoch sind sich Anfänger in diesem Space vielleicht nicht bewusst, wie intensiv der Kampf geführt wurde und wie feindselig sich beide Seiten schließlich gegenüberstanden. Das Ausmaß an Unerbittlichkeit und Beharrlichkeit, das die Kriegsparteien in dieser Zeit an den Tag legten, war bemerkenswert und zeigte, wie wichtig Bitcoin für sie war und wie relevant es war, sicherzustellen, dass sich Bitcoin so entwickelte, wie sie es für notwendig hielten. Es mag jetzt schwer sein, sich das vorzustellen, aber Bitcoin stand ziemlich nah an einem katastrophalen Scheitern.

Der Einfachheit halber werden die beiden Seiten in diesem Buch als Big-Blocker („große Blocker“) und Small-Blocker („Small-Blocker“) bezeichnet, obwohl dies eine starke Vereinfachung der Realität ist und die Gruppen nicht homogen waren. Die Schilderungen in diesem Buch sind aus dem Gedächtnis wiedergegeben. Ich entschuldige mich im Voraus für Ungenauigkeiten in meinen Erinnerungen.

INHALT

EINLEITUNG

KAPITEL 1 ERSTSCHLAG

KAPITEL 2 MARSCH IN DEN KRIEG

KAPITEL 3 SKALIERUNG I – MONTREAL

KAPITEL 4 SKALIERUNG II – HONGKONG

KAPITEL 5 SEGWIT

KAPITEL 6 LIGHTNING-NETZWERK

KAPITEL 7 BITCOIN CLASSIC

KAPITEL 8 RUNDER TISCH HONGKONG

KAPITEL 9 FAKETOSHI

KAPITEL 10 DIE DAO

KAPITEL 11 SKALIERUNG III – MAILAND

KAPITEL 12 BITCOIN UNLIMITED

KAPITEL 13 BÖRSEN

KAPITEL 14 ASICBOOST

KAPITEL 15 HÖHLE DER LÖWEN

KAPITEL 16 LITECOIN

KAPITEL 17 NUTZERAKTIVIERTE SOFT-FORK

KAPITEL 18 NEW YORKER ABKOMMEN

KAPITEL 19 BITCOIN CASH

KAPITEL 20 SEGWIT2X

KAPITEL 21 SIEG

KAPITEL 1ERSTSCHLAG

Es war Samstag, der 15. August 2015, als ein Ereignis stattfand, das viele im Bitcoin-Space überrumpelte und die Community in ihren Grundfesten erschütterte. Zwei der prominentesten und am meisten respektierten Bitcoin-Entwickler zu dieser Zeit, Mike Hearn und Gavin Andresen, haben jeweils eine inkompatible Version von Bitcoin veröffentlicht und unterstützt. Diese neue Client-Software wurde Bitcoin XT genannt. Bitcoin hat so vielen Hoffnung gespendet, Euphorie beschert und Chancen geboten, und nun schien es, als ob dieser Schritt das System in Chaos, Gefahr und eine potenzielle Katastrophe stürzen würde. Wie der Guardian am darauffolgenden Montag schrieb:

Die Bitcoin-Kriege haben begonnen.1

Oberflächlich betrachtet, schien sich der Krieg auf ein relativ überschaubares Anliegen zu fokussieren: die Maximalgröße für die Blöcke, aus denen die Bitcoin-Blockchain besteht. Bitcoin XT war ein Vorschlag, um den Speicherplatz in den Blöcken zu erhöhen. Im Jahr 2015 betrug die Blockgröße 1 MB. Bitcoin XT sollte diese Maximalblockgröße auf 8 MB erhöhen und dann alle zwei Jahre verdoppeln, bis die Maximalblockgröße im Jahr 2036 circa 8.000 MB erreichen würde. Der Grund hierfür war, dass durch die wachsende Popularität die Blockgröße stetig anstieg und das Erreichen des Limits kurz bevorstand. Dies hätte volle Blöcke zur Folge gehabt. Befürworter der Vergrößerung argumentierten, dass eine höhere Kapazität nötig war, um sicherzustellen, dass Bitcoin skalieren und ein günstiges globales Zahlungsnetzwerk werden konnte. Sie waren besorgt, dass das System zu teuer und benutzerunfreundlich werden würde, sollte das Limit regulär erreicht werden. Das würde sich wiederum negativ auf das Wachstumspotenzial auswirken. Gavin und Mike nahmen an, dass wir auf eine Krise zusteuerten und Handlungsbedarf bestand, da Nutzer sich sonst von dem Netzwerk abwenden könnten. Gavin und Mikes Gegner waren über die Veröffentlichung der inkompatiblen Client-Software besorgt und fürchteten, dass diese das Netzwerk teilen und Chaos und Verwirrung stiften könnte.

Dieser Blocksize-Krieg sollte das Ökosystem in den nächsten zwei Jahren spalten und zerrütten. Je länger der Krieg andauerte, desto deutlicher wurde, dass es um mehr ging als die Blockgröße: Dieser Kampf drehte sich um den Kern der Bitcoin-DNA. Die Auseinandersetzung konzentrierte sich hauptsächlich auf vier teilweise zusammenhängende Punkte:

1.Wie viel Blockspace (Speicherplatz im Block – Anm. d. Hrsg.) in jedem Bitcoin-Block vorhanden ist – ob in den Blöcken zukünftig eine zusätzliche Blockspace-Kapazität zur Verfügung steht oder ob die Blöcke ständig voll sein sollen.

2.Wie man die Regeln des Bitcoin-Protokolls modifizieren kann – ob die Regeln der Validität von Bitcoin-Blöcken relativ einfach geändert werden können oder ob sie robuster sein sollen und nur im absoluten Notfall mit breiter Zustimmung aller involvierten Parteien geändert werden sollten.

3. Die Bedeutung von Nodes für normale Nutzer – inwieweit, wenn überhaupt, die Full-Nodes der Nutzer über die Bitcoin-Protokollregeln mitbestimmen dürfen.

4. Zeitpräferenzen – ob Bitcoin, ähnlich einem Tech-Start-up, Marktanteile schnell gewinnen soll oder ob man Bitcoin als neues globales Geld und somit als Langzeitprojekt betrachtet, das man Jahrzehnte im Voraus plant.

Zu diesem Zeitpunkt lag jedoch das Hauptaugenmerk auf der Frage der Maximalblockgröße. Es herrschte die fast einhellige Meinung in der Community, dass das 1-MB-Limit zu klein war. Jedoch gab es keinen Konsens, wie hoch es sein sollte oder wie es geändert werden könnte. Die meisten Leute schienen darin übereinzustimmen, dass die vorgeschlagene Anhebung in Bitcoin XT zu extrem war und eine moderatere Lösung gefunden werden sollte.

Die Initialzündung zu diesem Krieg stammte von Mike und Gavin, Mitglieder im sogenannten „große Blöcke“-Lager in diesem Konflikt. Sie mussten den ersten Schritt machen, schließlich waren ihre Gegner zufrieden mit dem Status quo. Mike und Gavin haben den Vorschlag einige Monate vorher unterbreitet. Es sollte jedoch bis zum August 2015 dauern, bis der Vorschlag in die Tat umgesetzt wurde. Sie veröffentlichten den Client offiziell und motivierten die Bitcoiner, das neue Protokoll herunterzuladen. Wir definieren also diesen Moment als den formellen Beginn der Auseinandersetzungen. Das heißt jedoch nicht, dass Mike und Gavin ihren Vorschlag als feindselig verstanden haben oder niederträchtig handelten. Ich habe mich nur dazu entschlossen, die Vorgänge in diesem Buch als Krieg zu bezeichnen.

Bitcoin XT war eine Software-Implementation des Bitcoin-Verbesserungsvorschlags 101 (BIP 101), einer der vielen in einer langen Reihe von Vorschlägen zur Erhöhung der Maximalblockgröße. Formell wurde dieser Vorschlag erstmals ein paar Monate vorher, am 22. Juni 2015, von Gavin Andresen veröffentlicht. Die Software konnte nicht einfach nur die Blockgröße erhöhen; es brauchte eine Aktivierungsmethodik, ein System, das testet und sicherstellt, dass das Bitcoin-Netzwerk selbst die neuen Regeln implementiert. In diesem Fall bestand die ausgewählte Aktivierungsmethodik aus einem „Signal-Tag“ und einer Miner-Signalisierungsschwelle. Der erstmögliche Aktivierungszeitpunkt war der 11. Januar 2016, also etwa fünf Monate später. Zusätzlich benötigte die Aktivierung ein Votum der Bitcoin-Miner. Dafür ist es erforderlich, dass die Miner das durchgeführte BIP 101-Upgrade in ihren produzierten Blöcken signalisieren. Wenn 750 Blöcke die Unterstützung in einem beliebigen, über 1.000-Blöcke fortlaufenden Zeitfenster signalisieren, bedeutet dies die Aktivierung des Upgrades. Nach einer zweiwöchigen Übergangsfrist wäre die neue Regel in Kraft getreten und die Blockgröße final erhöht worden. Wenn weniger als 75 Prozent der Miner zustimmen, gilt der Vorschlag als gescheitert.

Die Bitcoin-XT-Software wurde sehr kontrovers im sogenannten „kleine Blöcke“-Lager diskutiert, vor allem weil es sich um ein inkompatibles Upgrade des Netzwerks handelte. Das bedeutet, dass jeder, der einen Bitcoin-Node hat, der die Regeln validiert, eine neue Version der Software herunterladen muss. Wenn nicht alle dem Upgrade zustimmen, könnte dies eine Spaltung von Bitcoin in zwei verschiedene Coins verursachen, so fürchteten die „Small-Blocker“. Dieser Upgrade-Typ heißt Hard-Fork und beschreibt die radikalste Form einer Veränderung. Ein solches Upgrade kann Bitcoin fundamental in jeder erdenklichen Weise verändern, von der Erhöhung der Bitcoin-Geldmenge auf über 21 Millionen bis zur Wegnahme von Coins von einem beliebigen Halter zur Weitergabe an irgendjemand anderen. Viele Bitcoiner hegten Vorbehalte, eine Hard-Fork ohne eine breite Zustimmung aller Nutzer des Netzwerks durchzuführen. Diese Eigenschaften machten das Netzwerk für sie resilient; keiner konnte ihnen so ihre Coins wegnehmen und die maximale Menge von 21 Millionen war sichergestellt. Das war für sie der Sinn und Zweck von Bitcoin. Eine Hard-Fork ohne einen Konsens voranzutreiben, wurde von einigen daher als eine Netzwerkattacke angesehen. Andere waren klar dagegen. Sie dachten, dass Bitcoin flexibel sein müsse, um erfolgreich zu wachsen. Die Veränderung der Maximalblockgröße war für sie in dem Sinne keine große Sache. Sie waren der Ansicht, dass die Erwähnung der Obergrenze von 21 Millionen lediglich ein Beispiel für den Trugschluss des Dammbrucharguments und ein Ablenkungsmanöver sei.

Die Spannungen über diese Frage brodelten in der Community schon seit Jahren tief unter der Oberfläche. Jetzt lagen die Karten offen auf dem Tisch und der entscheidende ideologische Gegensatz war für alle klar erkennbar. In einem offenen System ist es unmöglich, Meinungsverschiedenheiten vor der Öffentlichkeit versteckt zu halten.

Am 24. August 2015, nur neun Tage nach der ersten Veröffentlichung von Bitcoin XT, erschien ein Unterstützerbrief von einigen der größten und wichtigsten Firmen der Industrie:

Unsere Community steht vor einem Scheideweg. Im Großen und Ganzen war die Debatte darüber, welchen Weg wir einschlagen sollen, eine gesunde, und wir haben unsere eigenen Positionen nicht eingebracht oder uns in den Diskurs eingemischt. Bis heute besteht unser Part aus Zuhören, Forschen und Testen.

Wir denken, dass diese Arbeit nun abgeschlossen ist und es an der Zeit ist, unsere Sichtweise klar und transparent zu kommunizieren. Nach langen Gesprächen mit Core-Entwicklern, Minern, unseren eigenen technischen Teams und anderen Industrieteilnehmern glauben wir, dass wir den Erfolg durch die Anhebung der Maximalblockgröße unbedingt planen müssen.

Wir unterstützen die Implementierung von BIP101. Gavins Argumente zu sowohl der Notwendigkeit von größeren Blöcken als auch der Umsetzbarkeit ihrer Implementierung — bei gleichzeitiger Wahrung der Dezentralität Bitcoins – haben uns überzeugt. BIP101 und 8-MB-Blöcke werden bereits von der Mehrheit der Miner unterstützt und wir finden, dass es Zeit ist, dass unsere Industrie sich geschlossen hinter den Vorschlag stellt.

Unsere Firmen werden bis zum Dezember 2015 für größere Blöcke vorbereitet sein und wir werden den Code laufen lassen, der diese unterstützt. Während unsere Community wächst, ist es unerlässlich, dass wir — mehr denn je – einen starken Konsens anstreben, um die Netzwerkzuverlässigkeit zu gewährleisten. Wir verpflichten uns, BIP101 in unserer Software und unseren Systemen bis Dezember 2015 zu unterstützen und ermutigen andere, sich uns anzuschließen.2

Dieser Brief wurde von den CEOs von BitPay, Blockchain. info, Circle, Kncminer, itBit, Bitnet, Xapo und BitGo unterzeichnet. Diese Firmen waren nicht nur einige der wichtigsten in der Branche, viele von ihnen verfügten auch über maßgebliche finanzielle Ressourcen, die durch eine beträchtliche Unterstützung von Risikokapitalgebern gedeckt wurden. BitPay war einer der größten Zahlungsdienstleister für Händler und Blockchain. info stellte eine der beliebtesten Bitcoin-Wallets bereit. Der Brief heizte die Situation weiter an. Auf der einen Seite war es für die Industrie von entscheidender Bedeutung, sich mit neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen und Dinge voranzubringen, während einige auf der anderen Seite dies genau als den falschen Ansatz betrachteten. Bitcoin war als nutzerorientierte Basisbewegung gedacht. Diesen Bitcoin-Grundgedanken hat die Lobbyarbeit großer Konzerne ad absurdum geführt. Laut den Small-Blockern hätte sich Gavin zuerst lieber darauf konzentrieren sollen, die Bitcoin-User für die größeren Blöcke ins Boot zu holen, bevor er die Industrie bittet, den neuen, inkompatiblen Client zu nutzen. Ihrer Ansicht nach wäre dies voraussichtlich ethischer und vor allem effektiver gewesen.

Man kann auch erwägen, dass Gavin eventuell von seinem Ego getrieben war. Nach vielen Jahren der frustrierenden Auseinandersetzungen war er vielleicht bereit, anderen Entwicklern seine Macht und seinen Einfluss zu zeigen. Er warb erfolgreich um die Unterstützung der Einflussreichsten der Branche. Das war seine Gelegenheit, die praktische Bedeutungslosigkeit der Entwickler, die eine andere Meinung vertraten, zu demonstrieren. Zusätzlich waren die anderen Entwickler den Unternehmen unbekannt. Dies machte seine Gegner zweifelsohne noch wütender. Im Gegenzug behaupteten sie, dass die Player der Industrie keine Rolle spielen würden.

Jetzt ist wahrscheinlich der richtige Zeitpunkt, um mehr über Gavin Andresen zu erfahren. Natürlich wurde Bitcoin von Satoshi Nakamoto erfunden. Präziser ausgedrückt hat Satoshi die initiale, noch fehlerbehaftete Bitcoin–Referenzimplementierung designt und veröffentlicht sowie ein Whitepaper verfasst. Nach knapp zwei Jahren wurde das Netzwerk gelauncht. Im Dezember 2010 verließ Satoshi das Projekt. Von diesem Zeitpunkt an hörte Satoshi auf, zu programmieren und Forum-Kommentare zu schreiben. Gavin erklärt, wie er die Leitung des Projekts laut seiner Erinnerung übernahm:

Mit der Zeit hat [Satoshi] meinem Urteil über den von mir geschriebenen Code vertraut. Und irgendwann hat er mich reingelegt, indem er mich gefragt hat, ob es okay wäre, wenn er meine E-Mail-Adresse auf der Bitcoin-Homepage angibt. Und ich habe Ja gesagt, ohne zu realisieren, dass er gleichzeitig seine E-Mail-Adresse löscht. Ich war der Ansprechpartner, dem alle gemailt haben, wenn sie etwas über Bitcoin wissen wollten. Satoshi hat sich langsam aus dem Projekt zurückgezogen und mich als den Leader vorgeschoben.3

Zur Zeit der vermeintlichen Übergabe wurde die Bitcoin-Software auf Sourceforge veröffentlicht und im Januar 2011 waren Satoshi und Gavin als die zwei Instandhalter gelistet. Gavins Version der Geschehnisse ist natürlich umstritten und seine Gegner behaupten, dass es keinen Beweis durch Satoshi gibt, der die vermeintliche Übergabe bestätigt. Besonders die Behauptung, dass er „Leiter des Projektes“ gewesen sei, scheint unwahrscheinlich zu sein und kann nicht belegt werden. Bitcoin hat keinen Chef. Gavin hatte die Kontrolle über das Bitcoin-Software-Repository auf Sourceforge, und danach auf GitHub, bis er sie einige Jahre später, im April 2014, an Wladimir Van der Laan weitergab. Die Kontrolle über ein Software-Repository kann natürlich nicht mit der Kontrolle über Bitcoin gleichgesetzt werden, da Bitcoin-User jede beliebige Software von jedem beliebigen Software-Repository nutzen können. Dieses Missverständnis blieb über mehrere Jahre bestehen. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass Gavins Behauptung über einen Wechsel von Satoshi zu ihm halbwegs wahr ist, auch wenn die Leadership-Behauptungen etwas übertrieben sind.

Allerdings verfehlt die Fokussierung auf den umstrittenen Führungswechsel von Satoshi zu Gavin oder Gavins technische Rolle und Macht in Bezug auf das Bitcoin-Software-Repository das Thema komplett. Menschen auf beiden Seiten wiederholten diese Argumente ständig, aber es spielte überhaupt keine Rolle. Der unermessliche Einfluss von Gavin auf den Space erschöpfte sich aus seiner Persönlichkeit und seinen Führungsqualitäten. Jedoch war dieser Einfluss schwieriger in Worte zu fassen, sodass sich die Leute lieber darauf konzentrierten, ob und wie Satoshi das Projekt nun an ihn übergeben hatte oder nicht. Der Schlüssel, um Gavins damalige Rolle in der Community zu verstehen, ist seine Persönlichkeit. Auf Veranstaltungen und in seinen Posts im öffentlichen Forum machte er einen geduldigen, bedachten, ruhigen und pragmatischen Eindruck. Es sind diese Persönlichkeitsmerkmale und Führungsqualitäten, die ihn von anderen Entwicklern abhoben. Wenn Gavin erzählte, hörten ihm die Leute zu; er klang vernünftig und nahm sich die Zeit, Sachverhalte zu erklären. Das war ein starker Gegensatz zu anderen Entwicklern, die manchmal intolerant auf Menschen wirkten, die ein weniger ausgeprägtes technisches Wissen besaßen. Wiederum andere Entwickler blieben lieber im Hintergrund. Gavin verfügte also über diesen großen Einfluss in der technischen Szene, weil er Gavin war und nicht weil Satoshi ihm die Verantwortung übergeben hatte.

Gavin hat maßgeblich zu der Bitcoin-Entwicklung in den ersten paar Jahren beigetragen. 2010 kaufte Gavin 20,000 Bitcoin für 50 US-Dollar. Danach entwickelte er einen Bitcoin-Faucet, eine Website, auf der Bitcoin verschenkt werden. Die Leute mussten nur einen Captcha ausfüllen, dann wurden ihnen ungefähr fünf BTC zugeschickt. Dies hat maßgeblich zu dem Erfolg des Netzwerks beigetragen, indem die Coins an viele Menschen verteilt wurden. Viele haben Bitcoin damals nicht wirklich verstanden und wären nicht bereit gewesen, echtes Geld irgendwohin zu schicken, um Coins in einem noch nicht bewährten System zu kaufen. Ein Captcha zu lösen, war hingegen ein einfacherer erster Schritt. Gavin hat auch die Bitcoin-Stiftung im Jahr 2012 mitgegründet, bei der er ein Vorstandsmitglied war. Gavins Arbeit in der Bitcoin-Entwicklung zu bezahlen, war neben einigen anderen Aufgaben ein Hauptzweck der Stiftung. Gavin gilt deswegen als der erste bezahlte Bitcoin-Entwickler. Bis Mitte 2017 blieb er mit dem Titel des Chef-Wissenschaftlers in der Stiftung.

Es kann kaum genug betont werden, wie viel Respekt Gavin von vielen Mitgliedern der Bitcoin-Community entgegengebracht wurde. Die meisten sahen in ihm die Schlüsselfigur. Es gab diese tiefen, brodelnden Auseinandersetzungen in der technischen Community, die für außenstehende Beobachter der Szene jedoch nicht offensichtlich waren. Für viele war Gavin der Hauptakteur im Space. In diesem Kontext sollte Gavins Entscheidung beurteilt werden, Mikes Bitcoin XT zu unterstützen und User zu überzeugen, es zu benutzen. Es war ein einschneidender Moment, da Gavin war, wie er war. Hätte irgendjemand anders das getan, wären die Auswirkungen nicht so signifikant gewesen und die folgenden Ereignisse hätten nie stattgefunden.

Mike Hearn, der ebenfalls einer der ersten Bitcoin-Entwickler war, begann während seiner Zeit bei Google im Rahmen seines 20-Prozent-Projekts mit der Arbeit an Bitcoin. Jedoch war Mike nicht in demselben Ausmaß wie Gavin an der Main-Reference-Implementation involviert. Er galt, im Gegensatz zu Gavin, als Außenseiter und risikofreudiger. Gavin hingegen wurde konservativer, moderater und kompromissbereiter eingeschätzt. Mike hatte viel an Bitcoin gearbeitet, speziell an einer Java-Bibliothek für die Arbeit mit dem Bitcoin-Protokoll, durch die damals mobile Wallets benutzt werden konnten. Das war sicherlich ein wichtiger und beeindruckender Beitrag zum Space. Als sich der Krieg im August 2015 zuspitzte, wurde der Kampf nirgendwo intensiver und feindseliger als in den sozialen Medien geführt. Die beiden wichtigsten Plattformen für Diskussionen über Bitcoin waren damals das BitcoinTalk-Forum und der Bitcoin-Subreddit/r/bitcoin. Die Debatte auf Reddit und BitcoinTalk hatte sich schon seit einiger Zeit verschärft, aber mit der Einführung von Bitcoin XT nahm die Heftigkeit der Auseinandersetzung noch zu. Im Allgemeinen sprachen sich die meisten Beiträge für größere Blöcke aus. Die –Botschaft des „große Blöcke“-Lagers war klar und einfach: Bitcoin brauchte mehr Kapazität. Für den unbedarften Beobachter waren die Argumente, die dagegensprachen, meist sehr komplex und etwas verwirrend. Zusätzlich schien es sich bei 1 MB um eine kleine Zahl zu handeln und der Dreh- und Angelpunkt der Informatik-Geschichte ist nun mal die exponentiell wachsende Kapazität. Während bei vielen die Frustration im Sommer 2015 stieg, waren die Foren voll von Beiträgen, die größere Blöcke und inkompatible Clients unterstützen. Es gab so viele sich wiederholende Beiträge, dass es immer schwieriger wurde, andere Bitcoin-Nachrichten zu finden. Daraufhin wurde die Moderation in den Foren intensiviert. Die Moderation schien einige der Befürworter der größeren Blöcke jedoch nur noch mehr zu verärgern: Ihrer Meinung nach hinderte die Moderationspolitik, oder wie sie es nannten, die Zensur, Bitcoin an der Skalierung.

BitcoinTalk und /r/bitcoin wurden beide von derselben Person mit dem Benutzernamen Theymos kontrolliert. Sein richtiger Name ist Michael Marquardt. Theymos war ein früher Pionier in der Szene und managte sowohl bitcoin.it (das Bitcoin-Wiki) als auch die zwei größten Foren. Theymos hatte auch die erste Block-Explorer-Website erstellt, eine Seite, auf der man Informationen über Bitcoin-Transaktionen einsehen konnte. Dies war entscheidend für die frühe Entwicklung des Space und half den Menschen, mehr über die Funktionsweise von Bitcoin zu lernen. Seine Blockexplorer-Website blockexplorer.com wurde schließlich etwa 2011 von blockchain.info überholt, weil blockchain.info innovativer war und mit einer besseren Grafik aufwartete. Theymos schien größtenteils mit dem Lager der Small-Blocker zu sympathisieren, zumindest in Bezug auf den Aspekt, dass es sinnvoll ist, eine breite Zustimmung in der Community zu haben, bevor man inkompatible Clients nutzt.

Am 17. August 2015, zwei Tage nach dem offiziellen Start von Bitcoin XT, kündigte Theymos eine neue Reddit-Moderationspolitik an. Diese Politik erwies sich als äußerst kontrovers und spaltend. Die Veröffentlichung des Bitcoin-XT-Clients führte auch zu einem starken Anstieg der Anzahl der Beiträge und dann zu einer aggressiven Moderation dieser Posts, was eine Erklärung erforderte.

r/Bitcoin existiert, um Bitcoin zu dienen. XT wird sich, wenn die Hard-Fork aktiviert wird, von Bitcoin abspalten und ein eigenes Netzwerk / eine eigene Währung schaffen. Deshalb sollte es und die Dienste, die es unterstützen, nicht in r/Bitcoin zugelassen werden. In dem extrem unwahrscheinlichen Fall, dass die große Mehrheit der Bitcoin-Wirtschaft zu XT wechselt und es eine starke Wahrnehmung gibt, dass XT der wahre Bitcoin ist, wird sich die Situation ändern und wir sollten nur Beiträge zu XT zulassen. In diesem Fall wird sich die Definition von „Bitcoin“ geändert haben. Es macht keinen Sinn, zwei inkompatible Netzwerke/Währungen zu unterstützen – es gibt nur ein Bitcoin, und r/Bitcoin dient nur Bitcoin. Wenn eine Hard-Fork von den Bitcoin-Experten nahezu einstimmig befürwortet wird und auch die große Mehrheit der Bitcoin-Nutzer und -Unternehmen sie unterstützt, können wir mit hoher Genauigkeit vorhersagen, dass dieses neue Netzwerk / diese neue Währung die Wirtschaft übernehmen und die neue Definition von Bitcoin werden wird. (Die Miner spielen dabei keine Rolle, und es ist keine Abstimmung.) Diese Art einer Hard-Fork kann wahrscheinlich von r/Bitcoin übernommen werden, sobald feststeht, dass die Hard-Fork nicht absolut gegen den Grundgedanken von Bitcoin verstößt (z. B. Inflation außerhalb des Zeitplans). Im Moment wird jede Hard-Fork, welche die maximale Blockgröße erhöht, zu umstritten sein, aber das wird sich wahrscheinlich ändern, wenn mehr diskutiert und geforscht wird und wenn der Blockspace tatsächlich knapper wird. Ich könnte mir vorstellen, dass sich eine Erhöhung schon in 6 Monaten durchsetzen wird. Allerdings müsste sie viel kleiner sein als die Erhöhung von XT, damit sich alle schnell darauf einigen können.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Diskussion über eine vorgeschlagene Bitcoin-Hard-Fork (die hier bisher immer erlaubt war, obwohl ich mit vielen Dingen, die hier gepostet werden, absolut nicht einverstanden bin) und der Förderung von Software, die so programmiert ist, dass sie sich in ein konkurrierendes Netzwerk / eine konkurrierende Währung aufspaltet. Letzteres verstößt eindeutig gegen die etablierten Regeln von r/Bitcoin und obwohl die Bitcoin-Technologie weiterhin gut funktionieren wird, egal was die Leute tun, wird selbst der Versuch, Bitcoin so zu spalten, dem Bitcoin-Ökosystem und der Bitcoin-Wirtschaft schaden.

Wenn 90 % der r/Bitcoin-Nutzer dieses Regelwerk unerträglich finden, dann möchte ich, dass diese 90 % der r/Bitcoin-Nutzer gehen. Sowohl r/Bitcoin als auch diese Leute werden damit glücklicher sein. Ich möchte nicht, dass diese Leute Threads erstellen, in denen sie gegen die Regeln verstoßen, Änderungen fordern, Moderatoren persönlich angreifen usw. Ohne ein echtes Argument, wirst du niemanden mit Verstand überzeugen können – du verschwendest nur deine und unsere Zeit. Die vorübergehenden Regeln gegen Diskussionen über die Blockgröße und die Moderation sollen Leute, die r/Bitcoin besser verlassen, dazu ermutigen, dies auch tatsächlich zu tun, sodass in r/Bitcoin wieder in Frieden über Bitcoin-Nachrichten diskutiert werden kann.4

Die neuen Regeln für den Bitcoin-Subreddit waren ziemlich deutlich: Da Bitcoin XT keinen Konsens unter den Nutzern hatte und eine inkompatible Änderung war, die zu einem neuen Coin führen würde, wurde die Unterstützung für die Software im Subreddit verboten. Das verärgerte viele der sogenannten Big-Blocker. Das Bitcoin-Reddit war für sie das wichtigste Diskussionsforum in der Community und die Lobbyarbeit für die von ihnen gewünschte Änderung in diesem Forum war genau das, was sie sich unter einer solchen Änderung vorstellten. Die Argumente gegen die Zensur gewannen an Bedeutung und erwiesen sich als ziemlich überzeugend. Wenn man sich nicht für eine Änderung einsetzen konnte, weil es keinen Konsens gab, wie sollten wir dann jemals einen Konsens erreichen? Das war eine Zwickmühle! Wer ist dieser Theymos schon, dass er entscheiden konnte, wann wir einen Konsens erreichen? Bitcoin gehört mir genauso wie ihm! Wenn sie gute Argumente hätten, warum sollten sie dann zur Zensur greifen? Wenn Bitcoin so anfällig ist, dass es diese Zensur braucht, muss Bitcoin ziemlich schwach und nutzlos sein. Wenn sie Bitcoin XT verbieten wollen, muss es also gut sein ... Und so weiter ...

Um das Ausmaß der Wut gegen Theymos wirklich zu verstehen, sollte man bedenken, wer viele der Bitcoiner waren, zumindest diejenigen, die engagiert genug waren, diese Debatte zu verfolgen. Sie waren in der Regel Anarchokapitalisten oder Libertäre, die freie Meinungsäußerung stark befürworteten. Es war leicht zu verstehen, warum eine Anti-Zensur-Botschaft bei diesem Teil der Community Anklang finden würde. Gleichzeitig schlossen sich viele Menschen Bitcoin an, weil sie mit dem traditionellen Finanzsystem unzufrieden waren. Die Zentralbanken verfolgten eine Politik, mit der viele Bitcoiner nicht einverstanden waren, wie z. B. quantitative Lockerungspolitik oder andere expansive Geldprogramme. Bitcoiner hatten das Gefühl, dass ihre Stimme ignoriert oder als irrelevant betrachtet wurde, als sie sich gegen diese Politik aussprachen. Schließlich wurden viele von ihnen genau deshalb Bitcoiner: Sie hatten das Gefühl, dass es dieses Mal unser Geld ist, nicht ihres! Diesmal wird unsere Stimme zählen! Ihre Frustration und ihre Wut darüber, dass ihre Stimmen in Bitcoin zum Schweigen gebracht werden, waren daher riesig.

Das Ergebnis dieser Moderationspolitik war eine Spaltung der Bitcoin-Community. Big-Blocker wechselten nach und nach zu einem alternativen Bitcoin-Subreddit, /r/btc. Außerdem verließen sie nach und nach BitcoinTalk und wechselten zu anderen Foren wie Bitco.in. Der Austausch zwischen den Seiten nahm allmählich ab und die Leute verbrachten mehr Zeit damit, mit Gleichgesinnten zu reden. Die Community wurde dadurch sehr viel weniger gesund und die Voreingenommenheit wurde zu einem großen Problem.

Es ist leicht, Theymos für diese Spaltung verantwortlich zu machen. Wenn man sich jedoch ansieht, wie sich andere Communitys in den sozialen Medien entwickeln, war das vielleicht irgendwie unvermeidlich. Menschen neigen dazu, Dinge zu lesen, denen sie zustimmen, und Menschen zu folgen, denen sie zustimmen. Die Voreingenommenheit ist auf Social-Media-Plattformen stark ausgeprägt und führt zu einer Polarisierung. Das vielleicht berühmteste Beispiel dafür ist die Politik, in der Rechte wie Linke auf der Plattform ihrer Wahl immer wieder wahre Geschichten lesen, die ihre ursprünglichen Annahmen und ihre Ideologie bestätigen. Die Menschen versteifen sich immer mehr in ihren Ansichten und haben begrenzten Kontakt mit den gegnerischen Argumenten. In diesem Stadium, in dem die Menschen auf beiden Seiten eines Konflikts Unmengen an unterstützendem Material lesen, können sie beinah nicht glauben, dass irgendjemand mit Fug und Recht eine gegenteilige Meinung haben könnte. Diejenigen, die eine gegenteilige Meinung vertreten, werden daher oft für dumm oder korrupt gehalten oder ihnen wird eine hinterhältige Agenda unterstellt. Diese Dynamik hat sich bei Bitcoin sicherlich sehr schnell gezeigt. In Anbetracht der Tatsache, dass diese Dynamik überall in den sozialen Medien aufzutreten schien, wäre es naiv, Theymos für dieses Phänomen verantwortlich zu machen, obwohl er natürlich seinen Teil zur Spaltung der Gemeinschaft beigetragen hat, genauso wie viele andere auf beiden Seiten des Konflikts.

Wenn man Theymos’ Post über die Moderationsregeln noch einmal liest, wird deutlich, dass er viele Nuancen enthält, die damals nicht allgemein anerkannt wurden. In vielerlei Hinsicht hat sich gezeigt, dass er Recht hatte und seiner Zeit voraus war. Bitcoin XT hätte aufgrund eines fehlenden Konsenses zu einem neuen konkurrierenden Coin führen können. Vielleicht war es richtig, den Upgrade-Prozess in zwei Schritte aufzuteilen: Zuerst sollte ein Konsens unter den Nutzern für die Änderung gefunden und erst dann der neue, inkompatible Client genutzt werden. Heute scheint der Upgrade-Prozess klarer zu sein: Wenn man einen inkompatiblen Client veröffentlichen will, gibt es zwei Optionen:

einen neuen alternativen Coin schaffen, der sich von Bitcoin unterscheidet und keine breite Zustimmung in der Community erfordert, oder

sich für einen Konsens einsetzen, bevor man dafür plädiert, dass alle den neuen Client benutzen. Nur wenn ein breiter Konsens erreicht wird, verwenden die Nutzer den neuen Client, und dann würde der neue Coin als Bitcoin anerkannt werden.

Heute ist allgemein bekannt, dass die Nichteinhaltung eines dieser beiden Wege zu einer schmutzigen und chaotischen Spaltung führen kann. Leider waren damals viele dieser Nuancen nicht bekannt oder wurden nicht berücksichtigt. Die Big-Blocker wählten aus Unsicherheit, ob es einen Konsens unter allen Beteiligten gibt, eher einen komplizierten Weg.

In dieser frühen Phase des Konflikts schien es klar, dass die Big-Blocker Fortschritte machen und den Krieg gewinnen werden. Offenbar hatten sie eine klare, einfache Botschaft und die Mehrheit der Nutzer auf ihrer Seite. Gleichzeitig gewann die Anti-Zensur-Botschaft immer mehr an Zugkraft.

Es wurde jedoch auch deutlich, dass viele der Befragten den Vorschlag der Bitcoin-XT-Blockgröße potenziell für zu aggressiv hielten, da er eine Erhöhung der Blockgröße auf 8.000 MB über die nächsten 20 Jahre nach einem festen Zeitplan vorsah. Wer war Mike Hearn schon, dass er das entscheiden konnte? Und woher sollte er wissen, was in der fernen Zukunft passiert, wenn doch der Space für schnelle und unvorhersehbare Veränderungen berüchtigt war? Für viele war eine einfachere und moderatere Erhöhung sinnvoller. Während fast alle eine Erhöhung des Limits bevorzugten, glaubten augenscheinlich viele, dass Bitcoin XT scheitern würde und ein anderer, moderaterer Vorschlag schließlich Erfolg haben würde. Für die meisten der Big-Blocker war Bitcoin XT ein notwendiger Schritt, um die Debatte in Gang zu bringen und als Katalysator für einen Gegenvorschlag zu dienen. Vielleicht war dies der erste von vielen kritischen Fehlern im Lager der Big-Blocker. Gewinnt man denn wirklich einen Krieg, indem man die erste Schlacht verliert?

  1https://www.theguardian.com/technology/2015/aug/17/bitcoin-xt-alternativecryptocurrency-chief-scientist

  2https://blog.bitmex.com/wp-content/uploads/2017/09/industry-letter.pdf

  3https://www.huffingtonpost.co.uk/entry/gavin-andresen-bitcoin_n_3093316

  4https://www.reddit.com/r/Bitcoin/comments/3h9cq4/its_time_for_a_break_about_the_recent_mess/