The Cursed Melodies - Connie Glynn - E-Book

The Cursed Melodies E-Book

Connie Glynn

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Beschreibung

Düster, bildgewaltig, emotional und voller wilder Magie: Ein atmosphärischer Fantasy-Roman für die dunkle Jahreszeit Die Zwillinge Astrid und Jonas teilen ein magisches Geheimnis: Blumen flüstern ihnen Anweisungen zu, Bäume singen von ihrer Geschichte. Aber was es damit auf sich hat, verstehen sie nicht. Gwen hingegen weiß alles über die magischen Melodien und die Gesellschaft für Magische Studien und den Erhalt der Magischen Welt. Nur mit ihrer eigenen Magie will es nicht klappen. Als ein mysteriöses Übel das magische Gleichgewicht stört, treffen Gwen und die Zwillinge aufeinander, und ihre einzigartigen Fähigkeiten offenbaren sich. Doch werden ihre vereinten Kräfte ausreichen, um das aufzuhalten, was aus den Schatten emporsteigt? Der neue Roman von Connie Glynn (»Prinzessin undercover«)! - Ein Dark-Fantasy-Abenteuer voller Romantik und Magie – unvergleichlich und ungewöhnlich - Mit den Tropes Chosen Family und Slow Burn

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Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Connie Glynn

The Cursed Melodies

 

Aus dem Englischen von Marlene Frucht und Maren Illinger

 

Über dieses Buch

 

 

Die Magie der drei

Die Zwillinge Astrid und Jonas teilen ein magisches Geheimnis: Blumen flüstern ihnen Anweisungen zu, Bäume singen von ihrer Geschichte. Aber was es damit auf sich hat, verstehen sie nicht. Gwen hingegen weiß alles über die magischen Melodien und die Gesellschaft für Magische Studien und den Erhalt der Magischen Welt. Nur mit ihrer eigenen Magie will es einfach nicht klappen. Als ein mysteriöses Übel das magische Gleichgewicht stört, treffen Gwen und die Zwillinge aufeinander, und ihre einzigartigen Fähigkeiten offenbaren sich. Doch werden ihre vereinten Kräfte ausreichen, um das aufzuhalten, was aus den Schatten emporsteigt?

Der neue Roman von Connie Glynn (»Prinzessin undercover«) – düster, bildgewaltig, emotional und voller wilder und unbezähmbarer Magie

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de

Biografie

 

 

Connie Glynn lebt mit drei süßen, aber frechen Katzen in London, England. Sie studierte Film an der University of Sussex, wo sie ihren YouTube-Kanal Noodlerella startete, der über eine Million Follower ansammelte. Inzwischen hat sie sich von ihrem pinkhaarigen Alter Ego verabschiedet, aber ihre extravagante Lebenseinstellung und die Suche nach Magie im Alltag beibehalten. In ihrer Freizeit sieht sie sich meist Disney-Filmklassiker an oder macht lange Nickerchen im Freien mit einem Buch auf dem Gesicht. Ihre fünfbändige Serie Prinzessin undercover erschien in über fünfzehn Ländern und machte Connie Glynn 2017 zur meistverkauften Jugendbuchautorin im Vereinigten Königreich.

Impressum

 

 

Erschienen bei Fischer Sauerländer E-Book

 

Die englische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel

The Cursed Melodies bei Penguin Books,

einem Imprint von Penguin Random House Children’s Books

in der Penguin Random House Verlagsgruppe, London

Copyright Text © Connie Glynn, 2025

Copyright Notenblatt © Thomas Clarke, 2024

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2025, Fischer Sauerländer GmbH,

Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main

Lektorat: Carla Felgentreff

Covergestaltung: Dahlhaus & Blommel Media Design, Vreden, nach einem Entwurf von Penguin Random House UK und unter Verwendung einer Illustration von Fernanda Suarez

Coverabbildung: Fernanda Suarez

ISBN 978-3-7336-0953-5

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

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Inhalt

[Widmung]

[Motto]

Bevor diese Geschichte begann

1 Die Zwillinge

2 Komische Zähne

3 Gwen

4 Dr. Harris

5 Wonach wir gesucht haben

6 Schatten im Wasser

7 Der Orden von Pendragon

8 Alte Magie

9 Gefährliche Musik

10 Kleines Biest

11 Ich sehe dich

12 Die Botschafter

13 Irrationales Verhalten

14 Unwesen

15 Das Gelöbnis

16 Etwas Böses

17 Der Grimm

18 Schlawiner

19 Tot und begraben

20 Der Sturm

21 Ein wertvoller Besitz

22 Ans Licht

23 Der Palast

24 In der Falle

25 Käfige

26 Weggezaubert

27 Das Böse nimmt Gestalt an

28 Schattenherz

29 Verloren und gefunden

Nach dem Sturm … ein Olivenzweig

[Hinweis]

[Auszug]

Dank

Für alle, die ein bisschen anders sind. Irgendwann findet jede:r seinen Platz.

Ich fand Ihn im Glanz der Sterne,

Erkannte Ihn in der Blüte Seiner Felder,

Doch bei den Menschen finde ich Ihn nicht.

Ich führte Seine Kriege, und nun vergehe ich und sterbe.

Idylls of the King, Alfred Lord Tennyson

»Wir leben schließlich nur einmal … hoffe ich jedenfalls.«

Daria Morgendorffer

Bevor diese Geschichte begann

In einer nicht allzu fernen Vergangenheit, die sich gar nicht so sehr von unserer Gegenwart unterscheidet, brannte ein ganz besonderes Buch lichterloh.

Ein junger Mann beugte sich über die Seiten und redete den lila und bläulich züngelnden Flammen gut zu, wie ein Schäfer, der über seine Herde wacht. Das Feuer würde das Buch nicht vollständig vernichten, es sollte es aber unschädlich machen. Das tun, was Feuer am besten kann – verändern. Allerdings war dieses Feuer eines, das ohne Hitze auskam, und um es zu entzünden, war auch kein Funken nötig gewesen. Denn dieses Feuer entstammte der Quelle, der alle Magie entspringt: Musik.

Während der Zauber seine Wirkung entfaltete, erklang eine leise summende Melodie, eine uralte Beschwörung, mächtig genug, um den Lauf der Geschichte zu beeinflussen. Das zumindest erhoffte sich der Mann.

Aus dem Erdgeschoss drang Lärm herauf, Holz schlug gegen Holz, Möbelstücke wurden quietschend über Dielenbretter geschoben. Stimmen riefen etwas die Treppe hinauf.

Sie waren da.

Der Mann lugte durch den Spalt im Vorhang, durch den ein einzelner Strahl Mondlicht fiel, der den Raum in zwei Hälften teilte. Das Buch brannte weiter.

Ein paar Gestalten in pflaumenfarbenen Gewändern liefen den Waldweg entlang auf das Haus zu, begleitet von leisem Gesang. Sie schritten langsam, aber stetig voran, wie die Schatten von ziehenden Wolken. Er wusste, zu wem sie wollten – und was sie wollten. Es waren Aufseher aus der Schattenbibliothek, und sie waren gekommen, um sie vor den König zu bringen und vor den Rat der Magister und Magistrae.

Es war an der Zeit, dass der Mann und seine Mitstreiter sich für ihre Vergehen verantworteten.

Aber bevor sie ihre Gruppe von hier fortbringen würden, damit der Zirkel der Erhabenen in der Schattenbibliothek ein Urteil über sie fällen würde – an jenem Ort, wo verlorenes Wissen, Zauberformeln und Geschichten bewahrt wurden –, musste er den Zauber vollenden.

Alles hing davon ab. Das Schicksal der Welt hing davon ab.

Es klopfte just in dem Moment an der Tür, als das Feuer mit einem letzten leisen Seufzen erlosch. Und mit einem Zischen war der Inhalt des Buches verschwunden. Die flüsternde Tinte auf den Seiten war nur noch eine dunkle Erinnerung. Eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten, als Rupert Faymore sich grübelnd über die halb verblassten Symbole und Zeichen gebeugt hatte, Monster, Drachen und Magie, allesamt wundersamer als in seinen wildesten Träumen. Damals, als er sich nervös gefragt hatte:

Was kann schon groß passieren, nur weil jemand ein Buch liest?

1Die Zwillinge

Vierzig Jahre später …

Schon als die Welt zum ersten Mal auf Astrid und Jonas aufmerksam geworden war, hatte sich abgezeichnet, wie sie auch in den folgenden Jahren durchs Leben gehen würden: immer im Zweierpack, immer irgendwie andersartig.

In jener bitterkalten Februarnacht hatte Schwester Theresa nicht ein Baby auf der Schwelle des Klosters gefunden, sondern gleich zwei. Zwillinge.

Sie waren aber nicht etwa dick in Decken gehüllt, noch lagen sie wimmernd in einem Weidenkorb. Als man Astrid und Jonas fand, waren die Köpfe der Babys mit nichts als einem daunenweichen, blonden Haarschopf bedeckt, und neben ihnen lagen zwei zusammengehörende Bruchteile von einer Art Medaillon aus hellem Metall. Sie hielten einander an den Händen, schliefen tief und fest und lagen komplett nackt und schutzlos auf einem Bett auf Moos.

Was würde wohl aus solch sonderbaren Findelkindern werden? Wie würde die Gesellschaft auf sie reagieren? Nun, sie reagierte so, wie sie es immer tut, wenn sie sich mit etwas Fremdartigem, Ungewohntem konfrontiert sieht.

Sie wurden weggeschlossen.

Unabhängig von den wohl eher suboptimalen Umständen ihres Aufwachsens gelangten sie irgendwann an jenen Zeitpunkt, an dem ihre eigentliche Geschichte ihren Anfang nahm: Eines Tages verspürte Astrid in einem stickigen Klassenzimmer plötzlich ein vertrautes Kribbeln im Rücken, das ihr verriet, dass sie mal wieder kurz davor war, etwas zu tun, das sie definitiv lieber nicht tun sollte.

Am anderen Ende des Raumes tuschelten drei Mädchen kichernd miteinander.

»Ein Geist?«, stieß ein viertes Mädchen spöttisch hervor. »Wer’s glaubt …«

Astrid versuchte, sich auf die Spielkarten in ihrer Hand zu konzentrieren, konnte aber nicht anders, als ihre Mitschülerinnen zu belauschen.

Obwohl es noch nicht einmal zehn Minuten her war, dass der Lehrer sie in dem schäbigen Klassenzimmer allein gelassen hatte, ließen sich die Schüler bereits einiges einfallen, um sich nicht von der dumpfen Eintönigkeit des Nachsitzens niederdrücken zu lassen.

Astrid und zwei von den Jungs spielten Karten um einen Haufen Plunder. Astrids Hauptgegner war Greg, ein großer Junge aus der Klasse über ihr, der soeben nichts ahnend seinen Einsatz mit eben dem Gegenstand erhöht hatte, hinter dem sie heimlich her waren. Ein mattschwarzes, herzförmiges Feuerzeug. Es war nichts weiter als ein billiger Vivienne-Westwood-Abklatsch, aber Jonas hatte ihr ausführlich erklärt, dass es die perfekte Kopie des Gegenstands war, den Prinz Theodore neulich in einem Interview um den Hals getragen hatte – was zur Folge hatte, dass jeder zweite Teenie im Königreich sich jetzt die Finger danach leckte.

Astrid konnte zwar nicht nachvollziehen, was ihr Bruder (und alle anderen) so toll am Prinzen fanden – in ihren Augen waren die Mitglieder der königlichen Familie nichts weiter als die übermäßig hochgejubelten Stars einer weiteren Realityshow. Trotzdem war sie fest entschlossen, ihrem Bruder dieses Feuerzeug zu besorgen. Die Geschwister gegen den Rest der Welt, das war schon immer ihr Motto gewesen. Sie taten alles füreinander.

»Nicht dein Ernst, oder?«, fragte ein Mädchen, das Astrid vom Sehen kannte. Esther. Obwohl die Zwillinge nach einem weiteren unfreiwilligen Schulwechsel erst seit Kurzem auf die Priory Park Secondary School gingen, wussten sie schon, dass Esther und ihre Crew so was wie Stammgäste beim Nachsitzen waren. Meistens wurden sie fürs Schwänzen verwarnt oder weil sie sich nicht an die Kleiderordnung gehalten hatten. Während die anderen Mädchen nur selten etwas laut sagten, sondern lieber leise miteinander flüsterten, war Esthers nasale Stimme nur schwer auszublenden. »Hast du von der Geschichte wirklich noch nichts gehört?«

Astrid biss sich auf die Zunge. Natürlich hatte das Mädchen davon gehört – so wie vermutlich jede und jeder im Einzugsbereich der Schule.

Monster, Mysterien.

Geister womöglich.

Und das unglückselige Mädchen, das behauptete, die Kreatur mit ihren eigenen Augen gesehen zu haben.

Astrid ermahnte sich im Stillen, nicht weiter zuzuhören, denn sie ahnte bereits, dass diese Geschichte sie und ihren Bruder zu etwas verleiten würde, das sie lieber nicht tun sollten.

»Ist eigentlich auch egal«, brummte das andere Mädchen. »Ich glaub sowieso nicht dran.«

Während Astrid mit ihrem Teil des zerbrochenen Medaillons spielte, das an einer Kette um ihren Hals hing, ließ sie den Blick schweifen. Obwohl der Sommer schon fast vorüber war, war es stickig hier drinnen. Sie waren zu acht in dem mit Arbeitstischen ausgestatteten Raum, dessen einziges Fenster durch den anhaltenden Regen draußen allmählich beschlug. Die billige Plastikuhr in Form eines Smileys zählte langsam die Minuten der Strafstunde herunter, zu der sie alle verdonnert worden waren.

Ihr Bruder Jonas fläzte sich auf dem Boden, knabberte an einem Stift und betrachtete nachdenklich die grauen Wolkengebilde draußen, während er so tat, als würde er seine Mathehausaufgaben erledigen. In Wirklichkeit nutzte er die Fensterscheibe als Spiegel, um Greg in die Karten zu schauen, und klopfte sich einmal auf die Tasche für »wahr«, zweimal für »Lüge«.

Das Schuljahr hatte vor zwei Wochen begonnen, und die Zwillinge mussten schon zum zweiten Mal nachsitzen. Beim ersten Mal war es um einen recht lukrativen Hausaufgabenservice gegangen, den sie aufgezogen hatten (und der aus unerfindlichen Gründen nicht überall auf Begeisterung gestoßen war), und diesmal hatten sie sich eine Verwarnung eingefangen, weil sie ein paar Oblaten aus der Kirche stibitzt hatten. (»Aber wir haben das doch nur gemacht, weil die Eichhörnchen auf dem Campus Hunger hatten«, hatte Jonas im Schulleiterbüro protestiert – ohne Erfolg.)

An der Wand hing eine Sammlung von Postern mit »motivierenden« Sprüchen darauf, die ganz leicht vom Wind aus der kaputten Belüftungsanlage bewegt wurden:

Sag öfter Ich kann als Ich kann nicht.

Anstatt dir dein Scheitern vorzustellen, male dir lieber deinen Sieg aus.

Irgendwer hatte an einem der Sprüche eine Korrektur vorgenommen, sodass dort nun statt Liebe dich selbst stand: Töte dich selbst.

»Aber es ist wahr«, beharrte Esther. »Lizzy hat ihn wirklich gesehen! Deswegen hat sie auch im Unterricht gefehlt. Sie hat erzählt, dass er sie zu diesem verlassenen U-Bahnhof gelockt hat, der überflutete, wo in den Neunzigern das Mädchen ertrunken ist. Ihr wisst schon.« Ihr war deutlich anzumerken, wie faszinierend sie die Geschichte fand, ihre Stimme wurde vor lauter Aufregung immer schriller. »Erst hörte es sich an wie ein sterbendes Tier, hat sie gesagt, aber dann war da diese unheimliche Melodie, die einem die Tränen in die Augen treibt und von der man Zahnschmerzen kriegt.«

Astrid warf einen verstohlenen Blick zu ihrem Bruder hinüber und sah, wie seine Nasenlöcher sich verengten, als würde er wie sie die Witterung jenes betörenden Duftes aufnehmen, der von sonderbaren Dingen kündet, die nicht von dieser Welt sind. Aber sie sollten das nicht tun, niemals, und heute erst recht nicht. Die Mutter Oberin hatte ihnen mehrmals eingeschärft, dass sie heute Abend um jeden Preis superpünktlich wieder im Wohnheim zu sein hatten, weil sie nämlich heute einen Termin mit ihrer Sozialarbeiterin hatten. Falls sie dazu zu spät kamen oder irgendwelche »beunruhigenden« Dinge von sich gaben, konnte ihnen das eine Unterredung mit Dr. Harris einbringen. Und eine Unterredung mit Dr. Harris konnte dazu führen, dass sie voneinander getrennt und in karge Räume gebracht wurden. Das war nämlich die bewährte »Spezialbehandlung« des guten Arztes: Isolation.

Sie gaben sich also alle Mühe, ihrem inneren Drang, ganz genau zuzuhören, nicht nachzugeben und sich stattdessen aufs Kartenspielen zu konzentrieren.

»Das Schlimmste aber sollen die Zähne von dem Biest sein«, fuhr Esther fort. »Es will dich nicht fressen, das nicht. Aber es will einen Abdruck hinterlassen, damit du für immer verflucht bist.« Grinsend fuhr sie mit dem Finger über eine der Linien in ihrer Handfläche. »Zwei gebogene Zahnreihen, fast wie beim Menschen, aber scharf wie Rasierklingen – so scharf, dass sie den Fußball zerbeißen konnten, mit dem die Mannschaft von dem Mädchen trainiert hatte.«

»Also, ich glaub nicht dran«, sagte die Skeptische genervt. Auch sie musste offenbar öfter nachsitzen, und die Zwillinge kannten sie schon vom Sehen, konnten sich aber nicht an ihren Namen erinnern, sondern nur an ihr stets extra dick aufgetragenes Make-up und die schwarz gefärbten Haare.

»Willst du damit sagen, dass Lizzy lügt?«, wollte Esther wissen.

»Ja, das glaube ich. Ich meine, wie will sie dem Biest denn zum Beispiel entkommen sein, wenn es ihr nahe genug gekommen ist, um ihr den Fußball wegzunehmen? Außerdem behauptet sie doch, dass sie sich eigentlich an fast nichts mehr erinnern kann.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Entweder du denkst dir das alles aus oder Lizzy.«

»Zwei Königinnen.« Astrid legte die Königin und die Zehn mit der Rückseite nach oben vor Greg auf die Tischplatte. Der Streit um Lizzys und Esthers Ehre würde warten müssen. Sie hatte zwar alle vier Königinnen, aber es war besser, sie sich noch aufzusparen und darauf zu setzen, dass jemand ihr ihre Ansage später nicht glaubte, wenn mehr auf dem Spiel stand.

»Eine Königin.«

Bingo.

Astrid grinste. »Gelogen!«

Greg stand auf und schlug mit den Händen auf den Tisch. »Ihr beide seid doch die, die hier betrügen!«, rief er heiser. Greg war ein weiterer Nachsitzen-Stammgast, hatte schöne blaue Augen, wunderbar kastanienbraunes Haar – und verlor schnell die Nerven.

»Das stimmt, denn darauf beruht das Spiel ja schließlich«, erklang Jonas’ spöttische Stimme vom Boden.

»Nein, ihr legt uns nicht mehr rein. Ihr betrügt so richtig!«, gab Greg zurück.

Astrid hatte das unangenehme Gefühl, als würde der ganze Raum auf ihre nächste Reaktion lauern.

»Ich lasse nicht zu, dass du mich wie einen Idioten dastehen lässt.«

»Ach komm, Gregory, so was würde ich doch niemals tun«, versuchte sie, ihn zu beruhigen.

Jonas nickte, stellte sich neben seine Schwester und sagte mit einem höhnischen Lächeln um die Lippen: »Nee, das kriegst du ja auch wunderbar ohne uns hin.«

Schnaubend griff Greg sich die Karten vom Tisch und schleuderte sie wütend durch den ganzen Raum.

Astrid ließ sich nicht verunsichern. »Ich habe gewonnen, also gehören die Einsätze uns.«

»Gar nichts hier gehört euch«, knurrte Greg.

»Ich hätte da eine Idee, wie ihr euch einig werden könnt«, war in dem Moment die Skeptische aus ihrer Zimmerecke zu hören, von wo sie unter ihrem schimmernden Lidschatten zu ihnen hinüberblickte.

Vollkommene Stille breitete sich im Raum aus, sogar die Zwillinge verharrten abwartend. Sie hätten sich die Sachen auch einfach schnappen können, aber irgendwas an den Worten des Mädchens, am stärker werdenden Regen draußen vor dem Fenster, am Kribbeln unter ihrer Haut ließ sie innehalten. Astrid und Jonas spürten ganz deutlich, heute war kein Tag wie jeder andere.

»Wir hören«, sagten die Zwillinge schließlich wie aus einem Munde.

»Wir treffen uns nach dem Nachsitzen im Priory Park, bei der Lücke im Zaun«, verkündete die Namenlose. »Wer von euch sich traut, zum verlassenen Bahnhof zu gehen und Lizzys Fußball zurückzuholen, hat gewonnen. Ganz einfach.«

Das allgemeine Raunen und die Uh- und Ah-Rufe aus allen Ecken des Raumes machten Greg unmissverständlich klar, wie enttäuscht alle von ihm wären, wenn er sich nicht auf die Sache einließ.

»Hm, der Vorschlag gefällt mir«, flunkerte er. Die Zwillinge sahen jedoch, wie seine Finger sich nervös ineinander verkrampften. »Aber wenn ich gewinne, will ich etwas, das genauso wertvoll ist.«

Die Zwillinge tauschten einen raschen Blick aus. »Lass hören.«

Ein hämisches Grinsen breitete sich auf Gregs Gesicht aus. »Dann gebt ihr mir eine von euren Ketten.«

Astrid musste sich beherrschen, um nicht unwillkürlich die Hand um ihren Anhänger zu legen. Sie wusste, dass in solchen Situationen die Person gewann, die den stärksten Willen hatte, und würde sich hüten, jetzt Schwäche zu zeigen. Sie musste daran denken, was Dr. Harris in ihrer Akte in Bezug auf die Anhänger notiert hatte:

Die Zwillinge sind im Besitz von zwei Bruchstücken eines Medaillons, die beide an einem Faden um den Hals tragen. Darauf ist so etwas wie eine spiralförmige Gravur und eine Art Schwert zu erkennen. Sie glauben, dass sie aus Weißgold bestünden, obwohl die gezackten Ränder der beiden zertrennten Hälften beweisen, dass es sich bei dem Material nicht um ein Edelmetall handeln kann. Außerdem sind sie der festen Überzeugung, dass das Symbol entweder zum Wappen ihrer Familie oder zu irgendeiner geheimen Vereinigung gehören würde, aber alle Begutachtungen des Gegenstands haben gezeigt, dass es sich dabei um ein frei erfundenes Emblem handelt, das sich in keiner historischen Quelle wiederfinden lässt. Obwohl den Kindern diese Fakten mitgeteilt wurden, hängen beide nach wie vor auf ungesunde Weise an dem Medaillon. Des Weiteren deutet ihr stures Beharren auf der Bedeutung des Medaillons auf eine schwere Ausprägung von Größenwahn hin. Auch wenn es uns rechtlich nicht erlaubt ist, den Patienten Gegenstände abzunehmen, außer wenn sie eine ernst zu nehmende Gefahr für deren Gesundheit und Sicherheit darstellen, ist meine professionelle Einschätzung, dass es besser wäre, wenn sie die Ketten nicht mehr hätten.

Es war glasklar, was Greg erreichen wollte; er spekulierte darauf, dass sie klein beigeben würden. Ihm war nicht klar, dass es längst um mehr als ums Gewinnen ging. Denn da war der süße Geschmack des Unbekannten und der verführerische Duft von etwas, das sie lieber nicht tun sollten.

»Seid ihr einverstanden?«, wollte das namenlose Mädchen wissen.

Es gab da allerdings ein kleines Problem …

»Die Kuckuckskinder dürfen sich nicht unbeaufsichtigt in der Natur aufhalten«, verkündete Esther Kaugummi kauend. »Zwar sind ja alle Kinder, die im Wohnheim bei den Sisters of Mercy leben, ein bisschen seltsam, aber die zwei Kuckuckskinder hier, die sind … einfach so richtig merkwürdig. Anscheinend sind sie allergisch gegen Gras oder so. Das bringt ihre Gedanken durcheinander. Deswegen kann man auch nie nach der Schule mit ihnen rumhängen. Die müssen immer pünktlich zu Hause sein, sonst gibt’s Ärger.«

»Was redest du denn da von Kuckuckskindern?«, erkundigte sich das andere Mädchen schlecht gelaunt, und die Art, wie sie Esther dabei ansah, verriet Astrid, dass das Verhältnis der beiden wahrscheinlich schon länger angespannt war.

»Ach Steph«, – ha, das war ihr Name! –, »kennst du diesen alten Horrorfilm nicht, mit den unheimlichen Kindern? Das Dorf der Verdammten oder so. Da werden die doch Kuckuckskinder genannt. Ich mein, guck dir die beiden doch bloß mal an.«

Trotz ihrer herablassenden Art mussten die Zwillinge zugeben, dass Esther mit ihrer Beobachtung ziemlich ins Schwarze traf: die weißblonden Haare, dazu ihre Puppengesichter …

Alle im Raum blickten die Zwillinge erwartungsvoll an und musterten sie – ihre auffallend helle Haut, das weißblonde Haar, ihre stets verstörend akkurat sitzenden Schulblazer mit den weißen Hemden darunter sowie die beiden zusammengehörenden Bruchstücke des Medaillons, die sie um den Hals trugen. Und alle fanden Astrid und Jonas ebenfalls merkwürdig, so wie eigentlich alle, die sie kannten – und das, obwohl niemand auch nur den blassesten Schimmer hatte, was wirklich mit ihnen los war.

Esther hatte nämlich tatsächlich nicht unrecht, was die strengen Ausgangsregeln für die beiden anging, allerdings hatte das nichts mit irgendeiner Allergie zu tun, sondern mit etwas weitaus Beunruhigenderem. Einer Besonderheit, von der niemand in der Schule erfahren durfte.

Wer verstehen möchte, was es mit Astrid und Jonas auf sich hatte, muss wissen, dass sie tatsächlich merkwürdig waren – mehr noch, als irgendwer in dem Klassenraum sich das vorstellen konnte. Es ging dabei gar nicht um ihr spezielles Äußeres oder ihre nervtötende Altklugheit, und das waren auch nicht die Gründe dafür, dass man sie wegsperrte, seit sie Kinder waren. Es ging darum, was sie hörten. Denn Astrid und Jonas hatten schon als kleine Kinder behauptet, dass das gesamte Universum – jede Pflanze, jeder Baum und jedes Geschöpf – unaufhörlich sang.

Sie waren die Einzigen, die es hören konnten. Lauter Botschaften und Geheimnisse, nur für sie bestimmt. Ein endloses Meer aus Melodien, in dem sie baden konnten.

Nach einer gewissen Anzahl von Vorfällen, als sie noch sehr klein gewesen waren, hatten Astrid und Jonas Jahre in der Obhut von Dr. Harris verbracht, jenem Arzt, der anscheinend sein ganzes Leben dem Ziel verschrieben hatte, die Zwillinge und ihren verqueren Verstand zu heilen. Sie hatten seine Stimme noch im Ohr: »Denkt daran, es ist nur in eurem Kopf«, pflegte er stets zu sagen, während zugleich die Bäume sie aufforderten, doch näher zu kommen.

Und das hier – zu spät nach Hause kommen, in einen verlassenen U-Bahnhof einbrechen, Geister jagen? Alles Dinge, die sie nicht tun sollten. Selbst wenn sie dabei nicht mit dem geringsten Grashalm in Berührung kämen.

Astrid griff nach der Scherbe an ihrem Hals und befühlte jede Kerbe, als würde sie über ihre eigene Haut streichen. Ein Blick auf Jonas verriet ihr, dass er genau das Gleiche tat.

Sie hätten auf ihre Ausbeute vom Kartenspiel bestehen können, schließlich stand das Zeug ihnen zu. Nur dass sie mittlerweile beide das Interesse an dem herzförmigen Feuerzeug verloren hatten. Es ging längst um so viel mehr. Dies war eine einmalige Gelegenheit, dem Locken der wispernden Erde nachzugeben und hinterher einfach behaupten zu können, dass der Gruppenzwang sie dazu getrieben hatte. Wie konnten sie dem widerstehen?

Astrid spürte, wie sich ihr eigenes Gesicht und das ihres Bruders zeitgleich zu einem Lächeln verzogen.

»Wir sind dabei«, sagte Jonas.

»Was?«, stammelte Greg, überrumpelt.

Ihre Sozialarbeiterin würde warten müssen, denn die Zwillinge hatten unerlaubte Dinge zu erledigen.

Astrid grinste und streckte Greg die Hand hin. »Wir treffen dich nach dem Nachsitzen, um fünf am verlassenen Bahnhof. Wer als Erstes mit dem Ball wieder draußen ankommt, hat gewonnen.«

 

Als Astrid und Jonas den Park in der Nähe der Schule erreichten, wurde ihnen sofort klar, dass ihr kleiner Wettstreit sich herumgesprochen hatte. Ein Grüppchen Neugieriger wartete bereits am Rand des vom Priory Park mit einem Zaun abgetrennten Geländes. Jenseits der Lücke im Drahtzaun, hinter der Brombeerbüsche und Sommerflieder wuchsen, lag der stillgelegte Bahnhof. Die Zwillinge wurden von aufgeregtem Gemurmel begleitet, als sie an dem Grüppchen vorbeigingen.

Greg turnte angeberisch herum, rannte auf der Stelle und machte Dehnübungen – allerdings nicht korrekt, wie Jonas bemerkte, der Astrid zuraunte: »Wenn er so weitermacht, ist er schon verletzt, bevor wir überhaupt anfangen.«

Astrid schmiss ihre Tasche zu den anderen auf den Haufen, der sich neben einem der wuchernden Büsche gebildet hatte.

»Wie kann jemand gleichzeitig so attraktiv und so dumm sein?«

»Ach Jonas, ich fürchte eher, es ist genau seine Dummheit, die ihn für dich so anziehend macht.«

Jonas schlenderte hinüber zum Zaun, zog die Ärmel nach unten, um seine Hände zu schützen, und hob dann, ganz Gentleman, vorsichtig den Stacheldraht an, damit Greg darunter durchschlüpfen konnte. »Nicht, dass du dir dein hübsches Gesicht zerkratzt«, sagte er.

Greg reagierte allerdings nicht so freudig auf das Kompliment. »Freak«, brummte er und ging auf die Knie, um unter dem Zaun durchzukrabbeln.

»Ich bleibe hier stehen und überwache, wer von euch gewinnt«, verkündete Esther, kritzelte etwas auf die letzte Seite eines Schulbuchs und steckte sich den Stift dann hinters Ohr.

Nun mussten die Zwillinge nur noch Greg folgen, und der Wettkampf konnte beginnen – aber leider mussten sie dazu erst auf die andere Seite dieser dicht wuchernden, dornigen Büsche gelangen. Und Büsche gehörten doch zu den Dingen, in deren Nähe sie sich nicht aufhalten durften, geschweige denn, sie zu berühren. Astrid merkte, dass ihre Handflächen schwitzten.

Jonas wandte sich schulterzuckend zu ihr um: »Es wird schon nichts passieren.«

Es war offensichtlich, dass er selbst nicht glaubte, was er sagte, und Astrid spürte ein Kribbeln an den Schulterblättern, als hätte nicht er gelogen, sondern sie. Trotzdem gingen sie auf die Knie und krabbelten ins Gebüsch.

Da es allmählich Herbst wurde, brachte der von den London Docks her wehende Wind schon angenehme Kühle mit sich. Die triste graue Uniform der Zwillinge hatte der Kälte nicht viel entgegenzusetzen, und an den Knien war der Stoff sogleich vom Matsch durchnässt. Unabhängig davon merkten beide, wie sie ruhiger wurden, als sie durch das Gestrüpp krabbelten. Die Dornen kratzten sie nicht, und Brennnesseln schienen bei ihrer Berührung unschädlich zu werden. Die Natur hieß sie willkommen.

»Es ist so wie früher«, flüsterte Jonas und schaute seine Schwester über die Schulter hinweg an.

Astrid brummte zustimmend. Sie rochen den Boden, süßlich und lebendig, und er sang vor sich hin, so leise jedoch, dass sie sich erst nicht sicher waren, ob sie es wirklich hörten. Es war eher ein Schnurren, das sich anfühlte wie kühlende Salbe auf einer Wunde.

Als sie auf der anderen Seite aus dem Gebüsch krochen, standen sie in einer kleinen Höhle. In den Rissen zwischen den Steinen wuchsen Vergissmeinnicht und Moos. Weißdorn und Erlen schwankten wispernd in der Brise.

Alles kam ihnen verlangsamt und verschwommen vor, wie wenn man unter Wasser die Augen öffnet. Der Wind wehte plötzlich sanfter, der Geruch der Erde war noch intensiver, und das Blätterdach der Bäume spendete ihnen Schatten. Der Himmel dahinter war kaum zu sehen.

Es war ein seltsamer Ort. Seltsam wie sie.

»Hörst du das auch?«, flüsterte Jonas.

Sie hörte es. Sie waren von einem feinen Dunst umgeben, der in der Luft schwebte und hell wie Glockengeläut zu ihnen sang. Es klang so zart und wunderschön, dass sie die Melodie am liebsten in einer Flasche eingefangen hätten.

Es ist alles nur in eurem Kopf. Astrid hörte wieder die Worte des Arztes, die wie eine Warnung klangen, und fragte sich, ob Jonas auch daran dachte, aber im nächsten Augenblick sahen sie einander an und mussten lachen.

Die Zwillinge wollten noch mehr hören und gingen rasch weiter, aber da blieb Astrid mit dem Fuß an etwas hängen: ein zerbrochenes Ornament aus Ton, das sich erst bei näherem Hinsehen als ein aus Blättern und Ranken zusammengesetztes Gesicht entpuppte, das ihnen aus den angedeuteten Augen entgegenstarrte.

»Ist ja merkwürdig«, befand Jonas und beugte sich über das halb verwitterte Gesicht.

»Was ist das?«

»Hey!« Gregs Stimme riss sie abrupt aus ihrem Staunen.

Als sie sich umdrehten, fingen die umstehenden Bäume an zu schwanken, und ein Windstoß blies die Blätter in das große, gähnende Loch hinter Greg – der düstere Eingang zu dem stillgelegten U-Bahnhof. Kriechende Ranken wanden sich um die Treppe, und ein paar besonders zähe Pflanzen und Fliegenpilze füllten die Risse in den steinernen Stufen, die hinab in die Dunkelheit führten.

Ein Hexenring? Die Zwillinge hatten beinahe das Gefühl, vor einer Art Portal zu stehen, und sie waren sich ganz sicher, dass ein melancholisches, gedämpftes Summen davon ausging.

»Oh!«, Astrid lächelte erfreut und klopfte ihre Kleidung ab. Sie wollte sich diesen Ort genauer ansehen, mit den Fingern im Staub wühlen und ihr Ohr an jedes einzelne Blatt halten, um von ihnen die Wahrheit über diese außergewöhnliche, dunkle Höhle zu erfahren.

»Sind wir dann alle so weit?«, fragte Jonas laut.

In der Lücke zwischen den Büschen erschien Esthers Gesicht. Sie streckte ihnen eine Hand mit hochgerecktem Daumen entgegen. »Der Countdown geht gleich los.«

»Los, bringen wir es hinter uns«, murmelte Greg schaudernd. »Dieser Ort ist irgendwie unheimlich.«

Die Zwillinge stellten sich neben Greg am Fuß der Treppe auf und warteten mit pochenden Herzen.

»Drei!«

Als man Astrid und Jonas fünfzehn Jahre zuvor in jener bitterkalten Februarnacht auf der Treppe vor dem Kloster Saint Joan’s gefunden hatte, hatten die Kinder Hand in Hand auf einem Bett aus Moos gelegen und tief und fest geschlafen.

»Zwei!«

Ihr Aufwachsen war geprägt von den drei Dingen, die sie besaßen: die zueinander passenden Bruchstücke eines Medaillons, die sie immer bei sich trugen, die unerschütterliche Verbindung zwischen ihnen und die tiefe Sehnsucht danach, das Geheimnis ihrer Abstammung zu ergründen.

»Eins!«

Jonas griff nach Astrids Hand. Sie richteten ihre Blicke fest auf den singenden Schlund, und im nächsten Augenblick rannten sie los.

2Komische Zähne

Erst jetzt bemerkten sie das viele Wasser hier unten, das die Dunkelheit zuvor verborgen hatte, offenbar die Reste der früheren Überflutung, die nirgends abfließen konnten. Es schimmerte grünlich, und ein modriger Geruch stieg davon auf. Die Schritte der drei Teenager platschten durch das Wasser, und Ringe breiteten sich auf der Oberfläche aus.

»Puh, ist das kalt!«, stieß Greg hervor, als er merkte, wie klamm es hier drin war.

Die Zwillinge, die ihm nur wenige Schritte voraus waren, erkannten, dass der Tunnel sich in zwei Röhren aufteilte, in denen ebenfalls fauliges Wasser stand.

Dummerweise konnten die Zwillinge nicht schwimmen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, es ihnen beizubringen.

»Wenn es zu tief wird …«, begann Jonas.

»… dann drehen wir um«, vollendete Astrid seinen Satz, während ihnen beiden das Herz bis zum Hals klopfte.

Je weiter sie sich vorwagten, umso dunkler und nasser wurde es. Beim verfallenen Ticketschalter gab es so gut wie kein Licht mehr. Dennoch setzten sie weiter einen Fuß vor den anderen.

»Nach links«, vernahm Astrid Jonas’ leise Stimme.

Das Vertrauen in ihren Bruder war unerschütterlich. Nebenbei bemerkt war er auch der einzige Mensch, dem sie überhaupt vertraute.

Als Astrid und Jonas abbogen, ertönte Gregs Stimme: »Wartet! Wo geht ihr hin?« Seine Worte wurden von den feuchten Wänden zurückgeworfen. »So weit ist der Fußball bestimmt nicht gerollt.«

Die Zwillinge blieben an der Abzweigung in den linken Tunnel stehen und stießen Atemwolken hervor, die in dem schwachen Licht allerdings kaum noch zu sehen waren.

»Sieh mal«, flüsterte Astrid.

An den Wänden wurde leuchtendes Moos sichtbar, das zu glimmen schien wie im Erlöschen begriffene Glut. Als sie weitergingen, wanderte auch das Leuchten auf wundersame Weise weiter, von einem Moosbüschel zum nächsten, und blauer und goldener Staub zeigte ihnen den Weg.

Nach und nach, wie wenn man einen alten, lange nicht benutzten Muskel ausstreckt, konnten sie es nun immer deutlicher hören, ein leises Läuten wie von längst verklungenem Gelächter oder einem uralten Lied.

»Ich fühle mich komisch«, murmelte Jonas. Astrid nickte nur, sie spürte ein Ziehen in den Zähnen.

Da die kleinen Lichtflecken nicht besonders hell waren, mussten sie die Augen zusammenkneifen, aber auch so konnten sie in dem Glimmen wenig mehr erkennen als das helle Blau der Augen des jeweils anderen und die vor Aufregung geweiteten schwarzen Pupillen wie schwarze Löcher darin.

»Kommt zurück!«, rief Greg ihnen hinterher, und seine Stimme klang beunruhigt und weit weg.

Die Zwillinge vermuteten, dass Greg das Lied zwar nicht hören konnte, aber dennoch mitbekam, dass etwas vor sich ging. Aber sie konnten sich jetzt nicht um ihn kümmern, weil diese neue Empfindung ihre ganze Aufmerksamkeit in Beschlag nahm. Also wandten sie sich wieder dem Leuchten zu und setzten ihren Weg fort, obwohl das eiskalte Wasser ihnen mittlerweile bis zu den Oberschenkeln reichte.

»Kommt zurück, das ist doch viel zu dunkel da drin!« So langsam schwang in Gregs Stimme echte Angst mit, die zunehmend in Verzweiflung umschlug, bis sie ein letztes, sehr entferntes Flehen vernahmen: »Das ist überhaupt nicht lustig!«

Er hat recht, dachte Astrid. Aber sie konnte dem Sog des Liedes einfach nicht widerstehen.

»Hoffen wir mal, dass sich das hier lohnt«, sagte sie laut. Sie zitterte und klapperte mit den Zähnen. Das Wasser war wirklich eisig und reichte ihnen schon bis zu den Hüften.

Der Fußball und der Wettkampf waren längst egal. Es ging um mehr, auch wenn sie nicht hätten sagen können, worum eigentlich. Das Wasser barg irgendein Geheimnis, das darauf wartete, von ihnen entdeckt zu werden.

»Hier.« Jonas zog an Astrids Hand, damit sie stehen blieb. Vorsichtig rückten die beiden enger zusammen, um sich gegenseitig ein wenig vor der Kälte zu schützen.

In dem Tunnel, der sie umgab, herrschte Totenstille, das Einzige, was sie hörten, waren Wassertropfen, die ab und zu von der feuchten Decke herabfielen.

»Hast du Angst?«, wollte Jonas wissen und tastete an Astrids Handgelenk nach ihrem Puls.

»Noch nicht.«

Neugierig hoben die Zwillinge die Hände und legten ihre Handflächen an die moosbewachsene Tunnelwand. Unter ihren Fingerspitzen verstärkte sich das blaue Leuchten, als würde es durch ihre Berührung zum Leben erweckt. Die Melodie, die jetzt an ihre Ohren drang, klang wunderschön und zuversichtlich, wie eine Fanfare, um sie zu begrüßen.

In Astrid weckte sie das gleiche beruhigende Gefühl, wie wenn sie die Hand um die Scherbe an ihrer Halskette legte. Sich den Klängen dieser seltsamen unterirdischen Höhle hinzugeben, fühlte sich richtig an, als wäre ihre Anwesenheit an diesem Ort vorherbestimmt. Aus irgendeinem Grund sollten sie hier sein, dessen war sich Astrid ganz sicher.

Und das alles hier war auch keine Einbildung oder Wahnvorstellung. Das hier war echt.

Gemeinsam versuchten die Zwillinge, zu ergründen, welche Botschaft die Musik enthielt, was es mit diesem geheimnisvollen Ort auf sich hatte. Es war reiner Klang, ohne Worte – Worte gab es nie –, aber trotzdem verstanden sie die Musik, wie eine Geheimsprache. Und hier unten war die Musik kraftvoller, als sie sie je zuvor vernommen hatten.

Sie hätten noch Stunden damit verbringen können, die Töne zu ergründen, in der unbeschwerten Melodie zu schwelgen und zu versuchen, hinter ihre Bedeutung zu gelangen. Das alles hier war so real, kein Streich, den ihr Verstand ihnen spielte. So real und so nah … Aber zugleich war da auch noch etwas anderes, ein Missklang, der von irgendwoher in das schöne Lied hineinsickerte wie eine Krankheit. Oder nein, eher eine Warnung.

Irgendwas stimmte nicht.

Achtung!

Die Geschwister ließen abrupt von der Mauer ab, als sie ein Platschen hörten. Das Geräusch kam näher. Etwas kam durch das Wasser auf sie zu.

Astrid musste an das Mädchen denken, das vor Jahren in diesem Wasser hier ertrunken war und dessen Schicksal anschließend zu einer Gruselgeschichte geworden war, die in den Schulen der Umgebung die Runde machte. Sie fragte sich, was sie in dem Augenblick wohl gefühlt hatte. Der Augenblick, als ihr klar wurde, dass sie sterben würde.

Etwas kam auf sie zu.

Als sie das ängstliche Kribbeln am unteren Ende ihrer Wirbelsäule nicht länger ertrug, machte Astrid einen Schritt in die Richtung des Dings, das sich da bewegte, riss sich zusammen und fragte: »Was bist du?«

Eine Ratte.

Das kleine Tier starrte sie einen Moment lang auf sonderbare Weise an, dann quiekte es mit zuckenden Tasthaaren ein paarmal, wandte sich schließlich ab und schwamm davon.

»Spinn ich, oder hat sich die Ratte da gerade über uns lustig gemacht?«, fragte Jonas.

Trotz dieser absurden Begegnung wurde Astrid das ungute Gefühl in der Magengegend nicht los. So fühlte sie sich immer, wenn ein Wetterumschwung bevorstand. Und schon im nächsten Augenblick änderte sich die Atmosphäre schlagartig, als würde in ihren Köpfen etwas zerreißen.

Es war schrecklich, ein dumpfes Dröhnen, eine grausige Melodie, vollkommen verzerrt. Sie hielten sich die Ohren zu, aber es hörte nicht auf, sondern schwoll zu einem Heulen an.

Ihr Atem ging stoßweise.

»Ist das real?«, flüsterte Astrid. »Oder nur in unseren Köpfen?«

Bevor Jonas etwas erwidern konnte, tauchte spritzend etwas aus dem Wasser auf, sodass sie einen Satz nach hinten machten.

»Jonas!«, schrie Astrid, als das Ding an die Oberfläche ploppte, und watete rückwärts, bis sie seine Hand gefunden hatte.

Ihre Herzen klopften wie wild, und sie waren drauf und dran, an der nächstgelegenen vom Moos erleuchteten Wand emporzuklettern. Ängstlich klammerten sie sich aneinander und blickten auf den Gegenstand.

»Oh.« Astrid musste lachen. Der Fußball schwamm langsam auf sie zu, sodass sie ihn packen konnte. »Wir haben dich gesucht«, flüsterte sie, und die feuchten Backsteinmauern vervielfältigten ihre Worte.

Sie drehte den platten Ball um und nahm seinen Zustand in Augenschein. Zwei gebogene Linien schnitten durch das Leder. Waren das etwa … Bissspuren?

Außerdem musste irgendwer den Ball zu ihnen geworfen haben … aber wer und von wo?

Jonas war komplett erstarrt.

»Was ist los?«, fragte Astrid.

»Wenn das der Ball ist …«, Jonas schluckte und deutete mit dem Finger in die Dunkelheit vor ihnen. »Was ist dann das da?«

Als Astrid seinem Finger mit dem Blick folgte, wich schlagartig jegliche Wärme aus ihrem Körper.

Zwei runde Augäpfel starrten ihnen aus den Schatten heraus kalt entgegen. Und unterhalb der gelblichen Augenhöhlen klaffte ein breit grinsender Mund. Oberhalb dieser Fratze krochen lange teerschwarze Ranken aus dem Kopf, die bedrohlich auf der Wasseroberfläche schwammen. Was für Astrid aber das Schlimmste war, war die schrille Melodie, die ihr in den Ohren klingelte, so dissonant, dass ihre Augen davon tränten.

Dann verdichtete sich der Klang zu einem einzigen, panischen Ton, der eine eindeutige Botschaft transportierte:

Rennt!

Als sie das hörten, schüttelten die Zwillinge ihre Erstarrung ab und taten, was ihnen geraten wurde.

Astrid war vollkommen außer sich, sie zerrte an Jonas und zog ihn exakt in dem Augenblick fort, als das Ungetüm einen grellen Schrei ausstieß und zum Angriff übergehen wollte.

Hastig traten sie durch das aufgewühlte Wasser den Rückzug an, sodass es um sie herum nur so spritzte und sie schon bald völlig durchnässt waren.

Das Kreischen schien ihnen auf den Fersen zu sein, es hallte von den unterirdischen Wänden wider wie ein unheimliches Schlaflied. Erst klang es wie Gelächter, dann wie Geschrei und dann, als sie sich allmählich davon entfernten, wie das Weinen einer Frau.

»Was zur Hölle ist das?«, stieß Jonas hervor, als die beiden wieder in flacheres Wasser gelangten und endlich richtig losrennen konnten.

»Ich weiß es nicht, aber dreh dich nicht noch mal um!«, rief Astrid und zog wieder an ihm, damit er sich beeilte.

Hand in Hand rannten sie zurück zur Treppe. Als sie aus dem Tunnel traten, nass und dreckig wie ertrunkene Ratten, hörten sie hinter den Büschen Stimmen.

»Da sind sie ja!«, rief jemand auf der anderen Seite des Zauns.

Dann raschelte Laub, und zwischen den Zweigen eines Busches tauchte ein Gesicht auf: Es war Greg, und – konnte es sein, dass er erleichtert wirkte?

Gleich darauf schufen von der anderen Seite aus mehrere Hände einen Durchgang, damit die Geschwister hindurchschlüpfen konnten.

Während sie sich noch auf allen vieren den Weg zurück in den Park bahnten, fragte irgendwer: »Was ist da drin passiert?«

Erst jetzt erlaubten sie sich, kurz innezuhalten und zu lauschen. Sie hörten nichts mehr, keine Musik, kein Monster. Ihre Herzen rasten immer noch so sehr, dass es einen Augenblick dauerte, bis Astrid und Jonas begriffen, dass die Gefahr vorüber war.

Sie waren in Sicherheit.

Und: Sie hatten gewonnen.

Astrid ließ den Fußball mit einem dumpfen Geräusch zu Boden plumpsen.

»Wir haben gewonnen«, stieß Jonas atemlos hervor.

Dann ließen die Zwillinge sich auf den Boden fallen, hitzig und erleichtert wie Füchse, die soeben eine Hetzjagd überlebt hatten. Obwohl sie immer noch nach Luft rangen, registrierten sie zufrieden, wie die anderen den platten Ball beäugten.

Als sie dann aber zu den Gesichtern der umstehenden Schülerinnen und Schüler hochblickten, spürten sie, dass irgendwas komisch war. Und es waren auch nicht mehr so viele Leute wie am Anfang: Nur noch Greg, Esther, Steph und zwei andere waren da.

»Wo sind denn alle hin?«, fragte Jonas japsend und blickte sich um.

»Soll das ein Witz sein?«, rief Steph. »Ihr wart über zwei Stunden da unten. Wir haben schon überlegt, ob wir nicht besser Hilfe holen sollen!«

Astrid konnte es nicht glauben. Aber als sie sich umsah, bemerkte sie, dass es schon dämmerte. Eigentlich hätte es nicht später als halb sechs sein dürfen, aber die Sonne ging offenbar bereits unter.

»Hast du es gesehen?«, wollte Jonas von Greg wissen.

»Was gesehen?«, fragte Greg zurück. »Ich bin umgekehrt, als ihr beide angefangen habt, so seltsam zu singen. Das war echt spooky, vielen Dank auch«, fügte er hinzu.

Astrid blickte ihren Zwillingsbruder an. Keiner von ihnen hatte gesungen. Greg hatte es also auch gehört – das Monster, das da unten lauerte. Dann war es real. Keine Einbildung.

Astrid starrte Jonas mit aufgerissenen Augen an, als ihnen beiden klar wurde, wie ernst die Angelegenheit damit plötzlich geworden war. Sie merkte, wie der Adrenalinschub grundloses Lachen in ihr aufsteigen ließ.

Aber bevor sie irgendetwas sagen konnten, deutete Greg über die Wiese und fragte: »Wer ist das denn?«

Alle drehten sich um und nahmen die beiden Gestalten in Augenschein, die durch den Park auf sie zukamen.

»Oje«, seufzte Astrid. Dann zog sie Jonas auf die Füße.

Sie klopften sich den Dreck von den Uniformen, und Jonas half seiner Schwester, schmutzig-graues Wasser aus ihren durchnässten Haaren zu wringen. Dann streckte er mit einem Räuspern die Hand aus, um das schwarze Herz-Feuerzeug in Empfang zu nehmen, aber Greg schüttelte nur betrübt den Kopf.

»Ich … Ich hab’s da unten verloren«, gab er zu und hob in einer Geste der Verzweiflung die Hände an den Kopf. »Ich wollte mir damit Licht machen, und da ist es mir ins Wasser gefallen.«

Jonas sah den Jungen grimmig an. »Dein Glück, dass wir jetzt erst mal andere Sorgen haben.«

Astrid nickte düster, denn ihr Bruder hatte leider recht. Schwer zu sagen, was schlimmer war: die beiden Gestalten, die da schnellen Schrittes auf sie zueilten, oder das Böse, das in dem verlassenen U-Bahnhof hauste.

Dort kam ihre Sozialarbeiterin, in Begleitung ihres Erzfeinds.

Dr. Harris.

3Gwen

Wenige Stunden zuvor …

Gwen war nicht gut drauf, und wer immer ihr heute in die Quere kam, würde es bereuen.

»Okay, noch ein Versuch«, sagte sie genervt und platzierte so behutsam, wie es ihr mit ihrer schlechten Laune möglich war, eine kleine weiße Feder auf einem Bücherstapel.

Gwen war allein in ihrem Zimmer und hatte sich zu der einen Sache hinreißen lassen, die sie eigentlich nicht tun sollte: Sie versuchte, sich selbst eine Zauberformel beizubringen. Überall auf ihrem lilafarbenen Bettüberwurf lagen die Überbleibsel ihrer Bemühungen verstreut: Zettel, Federn, Blumen und natürlich ihre Geige.

Über dem Kopfteil ihres Bettes war der Quintenzirkel mit Nadeln an der Wand befestigt sowie die handschriftlich notierte Zauberformel, mit der sie sich gerade beschäftigte. Es war eine Seite aus dem alten Lehrbuch ihrer Schwester, jede Note elegant geschwungen und förmlich vor dekorativer Zierlichkeit triefend. Genau diese Art von Geduld war es, die man zum Spielen der Instrumente brauchte. Nur dass Gwens Verhältnis zu den Zauberformeln leider alles andere als entspannt war.

Magnus Faymore sagte immer: »Lauscht auf die Magie des Blooms.« Das war die erste Lektion eines jeden Gelöblings. Gwen war jedoch kein Gelöbling, sie besuchte noch nicht einmal irgendeine magische Schule.

Sie hatte eine starke Kraft in sich, das wusste sie, das spürte sie. Wie Wasser, das jederzeit überkochen kann, simmerte diese Kraft vor sich hin … Gwen müsste bloß ihr kleines Problem überwinden.

Sie griff nach ihrer Geige und legte die Finger um den Bogen. Wenn man die Magischen Melodien erst einmal beherrschte, genügte der Wille, um sie heraufzubeschwören, aber bis dahin brauchte sie ihr Instrument.

»Ich kann das!«

Sie zwang sich, ganz langsam auszuatmen, und setzte zu einem erneuten Versuch an.

Die Melodie des Windes, eine sich erst windende, dann zielgerichtet wie eine Böe klingende Abfolge von Tönen, war eine der zwölf Melodien, die man nach dem Gelöbnis gleich zu Beginn der magischen Ausbildung lernte. Das kleine Liedchen war für eine talentierte Musikerin wie Gwen nicht schwer zu spielen, auf jede richtige Note folgte fast automatisch die nächste.

Beim Zaubern geht es immer um Haltung und Willenskraft, würde ihre Schwester sagen. Lerne die Formeln und du kannst alles tun, wonach dir der Sinn steht. In Gwens Fall ging es gerade schlicht darum, den Wind herbeizurufen, damit er die Feder über ihr schweben ließ. Ganz einfach also, und ganz sicher nicht Furcht einflößend. Im Gegenteil.

Dank der Melodie und ihrer Konzentration gelang es ihr, die Bloom-Energie in ihrem Innern zu wecken, sie spürte es in ihrem Hals und in den Fingern.

»Okay, ganz ruhig«, beschwor sie sich selbst und achtete auf eine gleichmäßige Atmung.

Als die Magie sich wie ein Leuchten weiter auf ihrer Haut ausbreitete, war sie sich einen Moment lang ganz sicher, diesmal würde alles gut gehen!

An dieser Stelle nahm der Zauber normalerweise Form an und entfaltete seine Wirkung. Stattdessen brach Gwen der kalte Schweiß aus, und ihre Finger begannen zu zittern.

Sie hätte wissen können, dass es wieder mal schiefgehen würde.

Was dann folgte, war ihr so vertraut wie ein ständig wiederkehrender Albtraum – stachlige Schatten der Angst krochen auf sie zu und ließen das Leuchten ihres Blooms erlöschen. Dann kamen die Erinnerungen.

Der Sturm.

Die Schreie.

Es fühlte sich alles so echt an, dass sie am ganzen Körper bebte, als würde etwas Dunkles, Bedrohliches ihr direkt ins Ohr flüstern: Nutzlos, dumm, verflucht.

Hilflos pfefferte sie die Geige zu Boden. Die Zauberformel reagierte auf ihren verängstigten Zustand und verwandelte sich in etwas Chaotisches, einen abrupten Windstoß, der Gwens dunkle Zöpfe wie Peitschen umherwirbelte und ihr ins Gesicht schlagen ließ.

Es hieß, sie litte an einer unheilbaren magischen Phobie, gegen die es kein Mittel gab. Seit ihre Eltern gestorben waren, machten die eigenen Kräfte ihr nur noch Angst.

»Hey!«, blaffte sie den Wind an und zuckte zusammen, als es im selben Augenblick an der Tür klopfte.

Panisch beeilte sie sich, ihr Übungsmaterial und die geliehenen Seiten mit den Zauberformeln unter dem Bett zu verstecken wie ein sündiges Geheimnis.

Zu dem höflichen Pochen an der Tür gesellte sich eine wohlwollende Stimme. »Gwen, Liebes, bist du da?«

Gwen ließ die Tür so abrupt aufschwingen, dass der Mann dahinter vor Schreck beinahe nach hinten fiel.

»Was willst du, Elijah?« Gwen wusste ganz genau, dass ihr Tonfall absolut unangebracht war und das nicht zum ersten Mal, aber sie konnte eben nicht aus ihrer Haut.

»Können wir uns kurz unterhalten?«

»Ich habe zu tun«, gab Gwen schroff zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Na gut, ich sehe schon, dass du nicht in der allerbesten Verfassung bist.« Als Elijah sich abwandte, bemerkte sie den frisch gebackenen Scone auf dem Tablett in seinen Händen, und gegen ihren Willen lief ihr das Wasser im Mund zusammen. »Dann nehme ich das mal wieder mit nach unten …«

»Warte!«, rief Gwen ihm hinterher. »Ich komme mit.« Und während sie hinter ihm auf die knarrende alte Treppe trat, murmelte sie halblaut: »Wollte mir sowieso was zu trinken holen.«

Elijah brachte ein Geräusch hervor, das eine Mischung aus Lachen und Summen war, und seine breiten Wangen wurden durch ein Lächeln noch runder. »Wunderbar, ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.«

Schon lange bevor Gwens Eltern sich dem Bund von Faymore angeschlossen hatten, zu einer Zeit, als Hexenzirkel bei den Bloomblütern noch üblich waren, waren die namensgebenden Faymores nach Windyside Cottage gezogen, ein hübsches, kleines Haus, das man erreichte, wenn man ein Stückchen den Waldweg hinaufging. Das große Herrenhaus Faymore Manor sollte den anderen Familien des Bundes als Unterkunft dienen, damit die Kinder und Gelöblinge ausreichend Platz hatten, um ihre Magie zu üben. Mittlerweile stand es größtenteils leer, mit seinen elf Schlafzimmern, zwei Wohnzimmern, einem Unterrichtsraum, einer Bibliothek, einer Apotheke im Keller, einem Arbeitszimmer, einem Speisezimmer und dem eigentlichen Herzen des Hauses – der Küche.

Als sie dort ankamen, brodelte es bereits leise im Kessel, und Elijah fing an, Schüsseln, Becher und Teller für Thomas und Gwens Schwester Jan bereitzustellen, die gleich vom Unterricht zurückkehren würden.

Von draußen konnte Gwen noch das Ausklingen einer Zauberformel hören, gefolgt von einem lauten Knall, der den Staub in den Zimmerecken aufwirbelte und die an Haken baumelnden Töpfe und Pfannen scheppern ließ, als wollten sie die Flucht ergreifen. So etwas gehörte in diesem Haushalt zum Alltag. Eilig schlitterte Elijah über die Terrakottafliesen, um sein Geschirr vorm Abstürzen zu bewahren, während Gwen sich seelenruhig der buttrigen Wärme des frisch von ihm gebackenen Teilchens widmete und sich mental auf das mit Sicherheit als Aufmunterung geplante Gespräch einstellte.

Elijah Ackerman, der jetzt Elijah Faymore hieß, war seit Jahrzehnten mit Magnus Faymore verheiratet. Mittlerweile ging er auf die siebzig zu, wäre von einem Rotblüter aber für nicht älter als vierzig gehalten worden, obwohl sich im Braun seiner Augen schon rote Pünktchen zeigten – das erste Anzeichen des Älterwerdens bei Bloomblütern. Gwen musste bei seinem Anblick irgendwie immer an Honigkuchen denken: Er war ziemlich rund und stämmig, hatte ein liebenswertes, manchmal etwas hektisches Temperament, und seine Haare und sein Bart hatten die Farbe von Herbstblättern.

Mit vollem Mund nuschelte Gwen mürrisch: »Wo’an arbeitensieheute?«

»Du sollst doch nicht immer so schlingen, irgendwann erstickst du noch daran«, tadelte Elijah sie und griff nach dem Kessel, der soeben zu pfeifen begonnen hatte.

Gwen verdrehte die Augen, schluckte schwer und klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust, um einen Hustenanfall abzuwenden. »Ich habe gefragt, woran arbeiten sie heute?«

In dem Augenblick schien irgendetwas sehr Großes mit dem Haus zusammenzustoßen, sodass die Wände erzitterten und eine Teetasse vom Küchentresen aus Granit geschubst wurde. Elijah konnte sie gerade noch mit dem Fuß auffangen.

»Heute übt Lorelei mit ihnen. Sie hat ihnen einen Grunztroll mitgebracht, damit sie lernen, mit ihren Savonnettes umzugehen und damit magische Geschöpfe zu bannen und an ihren rechtmäßigen Ort zurückzubringen.« Elijah setzte die Teetasse ab und goss kochendes Wasser hinein. »Allerdings wäre es mir lieber, wenn sie das etwas weiter weg vom Haus üben würden.«

Ach ja, die Savonnettes – eine Art verzauberte Taschenuhren. Nach ihrer Prüfung, die sie von Gelöblingen zu Anwärtern machte, hatten Jan und Thomas welche aus Silber erhalten, und nächstes Jahr, wenn sie zu Hütern würden, bekämen sie goldene.

Damit hätte dann jede Person in Faymore Manor eine Savonnette aus Gold … während Gwen noch nicht mal eine aus Bronze besaß.

»Wo ist Magnus?«, wollte Gwen wissen und griff durstig nach der heißen Tasse.

»Er ist zu einem Termin mit der Königin aufgebrochen –« Hier unterbrach Elijah sich selbst. »Entschuldige bitte, der Magistra, um mit ihr die Liste der anstehenden Aufgaben durchzugehen – was ihm im Übrigen ziemlich schwerfallen dürfte, nachdem er die entsprechenden Notizen in seinem Büro vergessen hat.«

Gwen hörte kurz auf, ihren Tee anzupusten – die soeben vernommenen Worte zogen an ihr, zogen sie in Richtung Cottage, in dem das nun unbewachte Büro wartete.

»Ach nein, hat er das tatsächlich?«, erwiderte sie nachdenklich und versuchte, ihr Grinsen hinter ihrer Teetasse zu verstecken.

Mit einem resignierten Seufzen ließ Elijah sich auf den Stuhl gegenüber von Gwen sinken, und Gwen sah neidisch dabei zu, wie er ganz beiläufig mit tiefer, warmer Stimme die Zaubermelodie des Feuers zu summen begann, um die Bloom-Energie durch seine Handflächen fließen zu lassen und die Unterseite seiner Teetasse damit zu wärmen.

Solche einfachen Anwendungen der zwölf Zaubermelodien – etwa ein Getränk mit Feuer aufzuwärmen oder mit Eis zu kühlen – waren den Hütern des Ordens in Fleisch und Blut übergegangen. Gwen wagte davon nicht mal zu träumen, weil sie wusste, dass ihre Panikattacken ihr stets einen Strich durch die Rechnung machten. Sie war eine Löwin, die Angst vor dem eigenen Gebrüll hatte, eine einzige Enttäuschung, das Peinlichste, was die gesamte Magische Gesellschaft je gesehen hatte.

»Hör mal, Gwen«, begann Elijah und nahm seine Brille ab, um einen kleinen Fleck wegzuputzen. »Wir wissen ja, dass es nach wie vor dein Wunsch ist, das Gelöbnis abzulegen und an der Fountains-Abbey-Academy zu studieren, und wir versprechen, dass wir alles Erdenkliche tun, um mit den Zuständigen dort zu einer Einigung in Bezug auf deine … besonderen Umstände zu kommen …«

Gwen wollte das alles nicht hören. Es war einfach immer dasselbe. Weil die Tatsachen immer noch dieselben waren: Fountains Abbey war die einzige Schule des Ordens in Westeuropa, und wenn sie es nicht schaffte, dort aufgenommen zu werden, konnte sie einpacken.

»Trotzdem haben wir uns gefragt, ob du nicht alternativ mal über eine Ausbildung in der Bibliothek nachdenken möchtest. Die Arbeit des Ordens besteht schließlich nicht nur aus Magie und Abenteuern, weißt du? Sie brauchen dort auch immer neue Bibliothekarinnen und Leute fürs Archiv. Stell dir vor, vielleicht arbeitest du dann sogar eines Tages in der Schattenbibliothek.« Während Elijah redete, geriet sein Körper immer mehr in Bewegung, und er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, sodass die goldene Taschenuhr, die auf seiner Brust ruhte, verführerisch aufblitzte, als würde sie Gwen zuzwinkern.

Am liebsten hätte sie einfach nach dem verlockenden Gegenstand gegriffen; sie fühlte sich regelrecht provoziert von der Savonnette.

»Ich will aber nicht Archivarin werden«, maulte sie und kam sich erbärmlich vor, weil sie merkte, dass sie den Tränen nah war. »Ich will Gelöbling sein und in Fountains Abbey lernen und die Welt bereisen wie meine Eltern. Und ich will mit anderen Bloomblütern zusammen studieren.« Gwen wünschte sich nichts mehr, als von ihrer Anomalie geheilt zu werden. Sie wollte endlich zu etwas nutze sein. Außerdem stellte sie sich das Leben einer Archivarin einsam vor, und sie hatte das Alleinsein satt.

Elijah warf ihr einen mitleidigen Blick zu, bei dem Gwen sich am liebsten in ihr T-Shirt verkrochen hätte, um laut zu schreien.