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Das hellste Licht braucht die dunkelsten Schatten »The Dark Is Descending« ist das explosive Finale von Chloe C. Peñarandas spicy New Adult Fantasy-Trilogie »Nytefall«: Star-Crossed Lovers in einer düsteren Welt voll blutrünstiger Vampire, tödlicher Drachen und hasserfüllter Götter. Nach einem bitteren Verrat kämpft Astraea gegen die Zeit selbst, um den Fluch zu brechen, der Nyte gefangen hält. Sie muss entscheiden, welche unheilige Allianz ihn eher retten wird: ein Pakt mit der Dunkelheit – oder mit ihrem Feind? Das Tageslicht verlässt die Welt, Drachen erheben sich in die Lüfte und ergreifen Partei für Freund oder Feind. Während sie dem Ende der Welt entgegensehen, kämpfen Götter gegen Götter und Väter gegen Söhne. Denn das Blut, das Astraea und Nyte in unsterblicher Liebe verbindet, ist zu einer Waffe geworden, die alles vernichten kann. Jetzt müssen sie sich endgültig ihrem unausweichlichen Schicksal beugen. Oder das größte denkbare Opfer bringen … Herzzerreißender Romantasy-Pageturner für die Fans von Nisha J. Tuli, Rebecca Yarros, Carissa Broadbent und Sarah A. Parker »Eine verbotene Liebe, für die es sich zu sterben lohnt, in einer komplexen Welt voller überraschender Wendungen.« Genova Dimova, Autorin von »Tage einer Hexe« »Ein poetisches und fantastisches Abenteuer voller Figuren, die unsere Herzen im Sturm erobern.« Elizabeth Helen, Autorin von »Bonded by Thorns« »Peñarandas fesselnde Erzählkunst zieht Leser*innen bis zur letzten Seite in ihren Bann.« Rina Vasquez, Autorin von »City of Flames« Bestseller-Autorin Chloe C. Peñaranda verbindet die Lieblingstropes der New Adult Fantasy zu einem Epos voller Magie, Verrat und unsterblicher Liebe: - Villain gets the Girl - Star-Crossed Lovers - Forbidden Love - Who Did This To You - Slow Burn Romance - Deadly Trials - Lost Memories - Morally Grey Characters Die Romantasy-Trilogie »Nytefall« ist in folgender Reihenfolge erschienen: - The Stars are Dying - The Night is Defying - The Dark Is Descending
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Seitenzahl: 800
Veröffentlichungsjahr: 2026
Chloe C. Peñaranda
Das stärkste Licht braucht die tiefsten Schatten
Aus dem Englischen von Johanna Ruhl und Anna Kuntze
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
»The Dark Is Descending« ist das explosive Finale von Chloe C. Peñarandas spicy New Adult Fantasy-Trilogie »Nytefall«: Star-Crossed Lovers in einer düsteren Welt voll blutrünstiger Vampire, tödlicher Drachen und hasserfüllter Götter.
Nach einem bitteren Verrat kämpft Astraea gegen die Zeit selbst, um den Fluch zu brechen, der Nyte gefangen hält. Sie muss entscheiden, welche unheilige Allianz ihn eher retten wird: ein Pakt mit der Dunkelheit – oder mit ihrem Feind?
Das Tageslicht verlässt die Welt, Drachen erheben sich in die Lüfte und ergreifen Partei für Freund oder Feind. Während sie dem Ende der Welt entgegensehen, kämpfen Götter gegen Götter und Väter gegen Söhne. Denn das Blut, das Astraea und Nyte in unsterblicher Liebe verbindet, ist zu einer Waffe geworden, die alles vernichten kann. Jetzt müssen sie sich endgültig ihrem unausweichlichen Schicksal beugen. Oder das größte denkbare Opfer bringen …
Herzzerreißender Romantasy-Pageturner für die Fans von Nisha J. Tuli, Rebecca Yarros, Carissa Broadbent und Sarah A. Parker
Die Romantasy-Trilogie »Nytefall« ist in folgender Reihenfolge erschienen:
The Stars are Dying
The Night is Defying
The Dark Is Descending
Weitere Informationen finden Sie unter: www.bramblebooks.de
Widmung
Anmerkung der Autorin
TEIL EINS
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
TEIL ZWEI
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
TEIL DREI
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
TEIL VIER
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
TEIL FÜNF
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
Epilog
Aussprachehilfe
Danksagung
Für alle, die träumend in die Sterne schauen – mögt ihr stets Licht in der Dunkelheit und Mut in der Unendlichkeit finden.
Anmerkung der Autorin
Liebe*r Leser*in, ich bin aus tiefstem Herzen Fantasynerd, und die Idee eines Multiversums hat mich schon immer fasziniert. Bereits in den vorherigen Büchern wurde erwähnt, dass Nyte nicht in der Welt ist, in der er sein sollte, und die Idee zur Nytefall-Trilogie kam mir beim Schreiben meiner Fantasy-Serie »An Heir Comes to Rise«, die in einer anderen Welt spielt. In The Dark Is Descending werden einige Personen am Rande erwähnt, die potenziell die Serie »An Heir Comes to Rise« für euch spoilern könnten. Wenn ihr also beide Serien lesen wollt, würde ich euch die folgende Publikationsreihenfolge empfehlen:
An Heir Comes to Rise, A Queen Comes to Power, A Throne from the Ashes, A Clash of Three Courts, A Sword from the Embers, The Stars Are Dying, The Night Is Defying, A Flame of the Phoenix, The Dark Is Descending.
Wenn ihr mich allerdings durch die Nytefall-Trilogie entdeckt habt, wird folgende Reihenfolge genauso gut funktionieren:
The Stars Are Dying, The Night Is Defying, die ganze »An Heir Comes to Rise«-Serie, dann The Dark Is Descending.
Wobei ich auch betonen will, dass man die »An Heir Comes to Rise«-Serie nicht gelesen haben muss, um die Nytefall-Trilogie zu verstehen und zu genießen. Sie kann komplett eigenständig gelesen werden, ohne dass man etwas verpasst.
Viel Spaß beim Lesen!
Nytes dunkelste Stunde
Astraea – Vergangenheit
Wie eine Sternschnuppe stieß Astraea Lightborne vom Himmel herab, ein blendender Lichtbogen aus silbern gefiederten Flügeln, der die dunklen Wolken über der Stadt Vesitire durchschnitt. Der Schlüssel in ihrer Hand pulsierte vor Energie, genau wie die verschlungenen Zeichnungen auf ihrer Haut – uralte wie Kohlen glühende Symbole, die Sekunde um Sekunde an Strahlkraft gewannen. Sie spürte, wie das Gewicht der Bestimmung in ihrer Brust resonierte und sie erdete, während sie mit sachter, tödlicher Eleganz auf dem Dach eines einfachen Wohnhauses landete.
Um sie herum ragte die Stadt auf, ein filigranes Netz aus steinernen Brücken und spitzen Türmen. Vampire hatten Vesitire am Abend angegriffen. Astraea sah überall um sich herum wilde rote Augen und lederne Flügel. Aber die Nachtwandler, dazu verdammt, in der Dunkelheit umherzustreifen, waren nicht die einzige Vampirart, die hier gegen Astraeas Volk, die Celestials, kämpfte. Manche warfen keinen Schatten, während sie ihre Fänge in den Hälsen panischer Menschen versenkten. Andere blieben in den Spiegelungen der umliegenden Schaufenster unsichtbar, während sie den unschuldigen Opfern in ihren Armen mit einem tödlichen Kuss das Leben aussaugten.
So war es nicht immer gewesen. Einst hatten die Vampire so friedlich wie die Fae mit den Menschen zusammengelebt. Bis jemand ihre Welt betreten hatte, der nicht hierhergehörte, und versucht hatte, Astraea, die Sternenmaid, Herrscherin über Solanis, zu stürzen, indem er ihrem Volk und den herrschenden Celestials giftige Gedanken einflüsterte. Nytes Vater war Anstifter und Führer des brutalen Aufstands, auch wenn alle wussten, dass er ohne Nyte – Nightsdeath, den Albtraum des Reiches – machtlos wäre.
Astraea sprang vom Dach. Eine schnelle Handbewegung, schon hielt sie den Schlüssel in die Höhe und sah zu, wie er als Antwort auf ihre erwachende Magie hell erstrahlte, ein Leuchtfeuer im Dunkeln. Sofort stürmten die Vampire auf das weit sichtbare Ziel zu. Schnell und mörderisch stürzten sie in ihre Richtung, mit gebleckten Zähnen und ausgefahrenen Krallen.
Astraea nahm einen tiefen Atemzug und war bereit.
»Wir haben das unter Kontrolle«, rief Auster ihr zu, der mit jedem seiner blauen Blitze mehrere Gegner gleichzeitig erledigte.
Wie immer wollte er sie am liebsten wegschicken, aber sie würde nicht tatenlos zusehen. Auster und die anderen High Celestials hätten sie gerne unter einer schützenden Glasglocke verwahrt, während sie selbst an vorderster Front des Krieges kämpften. Auch wenn es sie jedes Mal ärgerte, wenn er vorschlug, dass sie sich heraushalten sollte, konnte sie seine Sorge nachvollziehen. Auch in Astraeas Brust pochte im Angesicht des Feindes die Angst um seine Sicherheit. Sie waren schon ein Leben lang befreundet, und er war ihr Gegenstück.
In ihrem Herzen hatten sich Schuldgefühle festgesetzt, weil sie ihm noch nicht gesagt hatte, dass sie den Bund nun niemals mehr vollständig schließen konnten. Denn sie hatte sich bereits an einen anderen gebunden: den Albtraum des Reiches und Austers größten Feind.
Eigentlich sollte Nyte auch ihr Feind sein. Doch sie waren ein riskantes Bündnis eingegangen, um herauszufinden, was den Erdboden zum Beben und die Sterne zum Erlöschen brachte, und irgendwo auf dem Weg war die Grenze zwischen Verlangen und Hass verwischt, verbrannt und schließlich vollständig aufgelöst worden.
Als sie nun mit einer Sichel aus Licht einen ganzen Schwarm Nachtwandler niedermähte, wusste sie, dass Nyte dabei zusah. Sie spürte seine Anwesenheit immer, das Gefühl war gleichzeitig angenehm und beruhigend und ein ärgerlicher Störfaktor für ihre Konzentration. In diesen Kampf konnte er sich nicht einmischen, und sie spürte seinen Ärger, unbeteiligt zusehen zu müssen, mit jeder Faser ihres Körpers.
»Du bist viel besser als er«, murrte Nyte in ihren Gedanken, als Antwort auf Austers Sorge. »Hinter dir.«
Sie wirbelte herum und verwandelte den Schlüssel dabei in eine Klinge, die sie in der Brust eines Schattenlosen versenkte. Zwar waren sie im Moment ihre Feinde, aber Astraea hasste es, das Blut all derer zu vergießen, deren Geschichten sie nicht einmal kannte. Wie verzweifelt musste dieser Mann gewesen sein, dass er sich Nytes Vater angeschlossen hatte, im Glauben, nur so Gleichberechtigung für sein Volk erlangen zu können?
Astraea war entschlossen, den Frieden wiederherzustellen, dem sie ihr Leben gewidmet hatte. Ihr Goldenes Zeitalter bröckelte, und ihr blieb nicht mehr viel Zeit, es vor dem Einsturz zu bewahren.
»Ohne deine Kommentare könnte ich mich besser konzentrieren«, antwortete sie Nyte.
»Und ich könnte mich an deiner Seite besser konzentrieren.«
»Du wirst hier nicht gebraucht.«
»Du verletzt mich.«
Sie antwortete nicht, obwohl sie sich – entgegen ihrer Behauptung – dank des Gespräches mit Nyte viel besser auf das Töten ihrer Gegner konzentrieren konnte.
»Wusstest du von diesem Angriff?«, fragte sie. Gerne hätte sie Nytes Versteck ausfindig gemacht, aber die Flut der Vampire riss einfach nicht ab.
»Nein«, antwortete er mit beunruhigtem Unterton.
»Wenn du helfen willst, dann finde mehr dazu heraus.«
»Ich kann dich nicht in Gefahr zurücklassen.«
»Du hast es selbst gesagt: Ich bin hier die beste Kämpferin von allen. Und ich habe schon viel Schlimmeres ohne dich überlebt.«
»Du kannst doch nicht einfach ohne mich so viel Spaß haben.«
»Das mache ich später wieder gut.«
Ein Schauer überlief sie, als Nyte ihre Sinne streichelte. Unter den Umständen völlig unangebracht. Sie zog ihre Klinge aus dem Rücken eines Vampirs.
»Und wie?«, fragte er neckend.
»Vielleicht mit einem Bad. Schließlich wurden wir unterbrochen.«
Zwei Vampire kamen aus unterschiedlichen Richtungen auf sie zugerannt. Astraea warf einen Blick über die Schulter und grinste die Schatten neben einem aufragenden Schornstein an. Nyte versteckte sich vielleicht gut, aber nicht gut genug für sie.
»Wie arrogant«, kommentierte Nyte amüsiert.
Mit arrogant meinte er, dass sie sich die Zeit genommen hatte, zu ihm hinüberzusehen, während die Vampire ihr gefährlich nah kamen. Im letzten Moment warf sie ihren Sturmsteindolch und traf den einen mitten ins Herz, dann duckte sie sich unter den Armen des anderen weg, als er sie gerade packen wollte, und durchschnitt ihm gleichzeitig mit dem Schlüssel die Beine. Noch im Aufstehen drehte sie sich um und durchtrennte ihm mit der nächsten Bewegung den Hals, sodass sein Körper zu einem Haufen von Gliedmaßen zusammensackte.
»Du bist eine absolut außerordentlich begabte Vampirtöterin.«
»Die Show ist gleich vorbei«, sagte sie. »Kannst du jetzt bitte die Beweggründe deines Vaters herausfinden, ehe ich das übernehmen muss?«
»Wenn du mich schon so anflehst …«
»Das kannst du dann später wiedergutmachen.«
»Ich werde dich anflehen, Starlight. Und als Antwort wirst du vor Verlangen nach mir schreien.«
Mit diesen Worten verabschiedete er sich. Als Astraea ihre Sturmsteinklinge aus der Brust des Vampirs zog, warf sie trotzdem einen Blick nach oben, enttäuscht, dass er nicht länger zusah. Auch wenn sie ihn selbst weggeschickt hatte, verschlechterte sich ihre Laune, jetzt, da er gegangen war.
Dass sie sich in ihren größten Feind verliebt hatte, war ein Geheimnis, das den gesamten Kontinent erschüttern würde. Aber sie wollte nichts lieber, als es herauszulassen. Sie wollte, dass die Welt es erfuhr und – wie in den Märchen, die sie sich selbst erzählte – akzeptierte. Eines Tages mochte das Volk es sogar feiern. Viele würden es nicht verstehen, aber sie schätzte an Nyte, dass er nie vorgab, etwas anderes zu sein, als er war. Er stand zu jeder seiner dunklen und blutigen Beichten. Für sie war er nicht verloren.
Astraea war die Göttin der Gerechtigkeit in dieser Welt, mit der Herrschaft betraut, um Frieden, Harmonie und Gleichberechtigung zu garantieren. Sie konnte nur hoffen, dass man ihr Urteil nicht anzweifeln würde, wenn es um ihn ging.
Ihr Bund war zwar aus der Not heraus geschlossen worden, weil es keine andere Möglichkeit gegeben hatte, sie von einer tödlichen Wunde zu heilen – aber ein Teil von ihr war froh darüber. Sie wusste, dass ihre Verbindung zu ihm, ihr Verlangen nach ihm, über die vielen Jahre, die sie bereits miteinander verbracht hatten, tiefe Wurzeln geschlagen hatte. Nyte hatte sich in ihre Gedanken, ihren Körper und ihre Seele eingeschlichen. So langsam, dass wohl keiner von ihnen erkannt hatte oder sich hatte eingestehen wollen, was sie von Anfang an miteinander verbunden hatte.
Jäh wurde Astraea aus ihren Gedanken gerissen, als ein Vampir aus der Luft auf sie herabstürzte. Jetzt verfluchte sie Nyte für die Ablenkung. Den Angreifer hätte sie eigentlich längst wahrnehmen müssen. Sie wurde auf den Rücken geworfen, und scharfe Fangzähne schnappten vor ihrem Gesicht zu. Die Hände gegen seine Schultern gestemmt, hielt sie ihn sich vom Leib. Gerade wollte sie ihn mit ihrer Magie von innen heraus verbrennen, als ein blauer Blitz den Vampir traf und sie ihn nur noch von sich stoßen musste. Sofort durchbohrte Austers gewaltiges Sturmsteinschwert die Brust des Nachtwandlers.
Während sie noch um Atem rang, blickte Auster mit missbilligendem und gleichzeitig sorgenvollem Stirnrunzeln auf sie herab.
»Ich habe wohl geträumt«, gab sie kleinlaut zu.
»Das sieht dir aber nicht ähnlich«, sagte er skeptisch. »Vor allem nicht im Kampf.«
Astraea schenkte ihm ein süßes Lächeln, ergriff seine ausgestreckte Hand und klopfte sich den Staub von der Kleidung.
Die anderen High Celestials – Notus, Aquilo und Zephyr – kümmerten sich um die letzten vereinzelten Angreifer.
»Was wollten sie damit bloß bezwecken?«, fragte Zephyr nachdenklich und wischte seine Klinge am Mantel eines toten Nachtwandlers ab.
Nyte würde es herausfinden und Astraea mitteilen.
»Drecksviecher.« Notus spuckte auf den Boden.
Das gefiel ihr nicht. Wie konnte er eine ganze Spezies so einfach für die Taten einiger weniger verdammen? Drei von Astraeas sechs Hütern – von ihren Schöpfern Abendrot und Morgengrauen aus jeder der Arten ausgewählt – waren Vampire gewesen. Sie alle hatten sie gemeinsam zu einer gerechten, unvoreingenommenen Herrscherin erzogen. Nachdem sie ihre heilige Pflicht erfüllt hatten, waren ihre Hüter schon vor Jahrzehnten in ihre friedliche Anderswelt übergetreten. Jetzt musste Astraea ganz auf sich allein gestellt die Welt anführen und entdecken.
Weitere Celestialsoldaten eilten herbei, und Astraea erteilte ihnen Befehle. »Sucht Verwundete, und räumt die Straßen frei.«
Sie stieg über die Leichen, um in den umliegenden Häusern nach Zivilisten zu sehen.
»Du solltest ins Schloss zurückkehren«, sagte Auster hinter ihr.
»Wieso?«
»Weil es sicherer ist. Überlass es uns, die Ursache für den Angriff herauszufinden und um die Stadt herum nach weiteren Feinden Ausschau zu halten.«
Immer wollte er sie hinter dicken Mauern verstecken. Das hatte sie ihm gegenüber zwar nie zugegeben, aber einer der wichtigsten Gründe, warum sie von Vesitire und nicht von Althenia aus regierte, war, um den erdrückenden Schutzmaßnahmen zu entkommen, die Auster und seine Brüder ihr auferlegen wollten.
Auster seufzte, als sie seinen Vorschlag ignorierte und an einer Tür klopfte. Niemand antwortete, also trat sie vorsichtig ein. Ein Blick ins Innere genügte – alle Bewohner waren ermordet worden. Vier Menschen.
»Wir können nicht länger zulassen, dass er unsere Leute einen nach dem anderen ausschaltet«, fauchte Auster.
Astraea versteifte sich. Zwar war Nytes Vater der Anführer des Vampiraufstands, aber Auster und seine Brüder wussten, dass nicht er selbst es war, der die feindliche Armee kontrollierte.
»Wir müssen Nightsdeath töten.«
Das hatte sie schon Hunderte Male gehört. Verdammt, lange war das ihr eigenes wichtigstes Ziel gewesen. Aber jetzt waren sie verbunden … und alles war anders.
Die Vorstellung, ihn sterben zu sehen, brachte ihre Seele zum Weinen.
Aber dann fiel ihr die entscheidende Tatsache ein. »Er kann nicht getötet werden«, murmelte Astraea.
Austers bohrender Blick verursachte ihr eine Gänsehaut. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Blutpfützen, die langsam in den Holzboden des hübschen kleinen Häuschens sickerten.
»Natürlich kann er sterben«, erwiderte Auster.
»Streng genommen … ist er ein Gott. Er kann nur durch etwas getötet werden, woraus er besteht.«
Nytes Schwäche Auster gegenüber zu enthüllen, verursachte ihr Bauchschmerzen. Doch Nyte stammte nicht aus dieser Welt, also konnte Auster ihn auch mit dieser Information nicht umbringen, was ihr Herz beruhigte.
»Woher weißt du das?«, fragte er.
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich ihn jage. Dabei habe ich das herausgefunden.«
Die Notlüge brachte Astraeas Gesicht zum Glühen. Auster musterte sie. Ihr ganzer Körper kribbelte schuldbewusst. Sie befürchtete, wenn er sie nur lange genug anstarrte, könnte er ihr die Verbindung ansehen, die sie mit dem größten Bösewicht des Reiches eingegangen war. Würde er sie als Verräterin abstempeln? Sie redete sich ein, dass Auster ihre Erklärungen anhören würde. Nach allem, was sie bereits zusammen durchgemacht hatten, würde er sicher an ihr gutes Herz glauben, auch wenn es eine dunkle Wahl getroffen hatte.
Auster seufzte. »Gehen wir. Hier ist niemandem mehr zu helfen.«
Sie verbrachten den Tag damit, das Chaos zu beseitigen, Überlebende zu bergen und stärkere Schutzmaßnahmen um Vesitire zu errichten. Je länger Astraea mit ihren eigenen Gedanken und Schlüssen zum Angriff allein blieb und mit ansehen musste, wie das Blut Unschuldiger von den Straßen gespült wurde, desto mehr steigerte sie sich in einen heftigen Zorn hinein.
Dass sie keinen Moment der Ruhe von den High Celestials und ihren hasserfüllten Reden über die Vampire und besonders Nyte bekam, war auch nicht hilfreich. Vor allem Letzterer war der ständige Mittelpunkt ihrer Tiraden. Sie konnte nichts tun, außer die Hände zu Fäusten zu ballen, wenn sie ihm jede einzelne barbarische Tat persönlich zuschrieben.
»Du wirkst angespannt«, bemerkte Zephyr und trat näher an sie heran. Die anderen waren im Thronsaal in ein Gespräch vertieft.
»Es war ein langer Tag«, sagte sie.
Zephyr drehte sich um, sodass er ihr wie ein Schutzschirm für mehr Privatsphäre die Sicht auf seine Brüder nahm.
»Was weißt du?«, fragte er vorsichtig.
»Worüber?«
»Den Angriff.«
»Genauso viel wie ihr.«
Das war die Wahrheit. Allerdings wusste Zephyr auch über ihre versteckten Aktivitäten Bescheid, für die sie sich aus dem Schloss schlich. Sie vertraute ihm. Als Astraea erfahren hatte, dass Celestials, denen von Wilderern die Flügel abgeschnitten worden waren, von Auster und den anderen verstoßen wurden, hatte sie ihre Empörung sehr deutlich gemacht. Aber selbst als Sternenmaid konnte sie die vier Brüder, die göttergegebenen Herrscher über das Volk der Celestials, was das anging, nicht überstimmen. Nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch ihre Aufgaben und Pflichten waren die Brüder aneinandergebunden.
»Du warst in letzter Zeit oft abwesend. Auster schöpft langsam Verdacht«, sagte Zephyr mahnend.
»Ich brauche keinen Aufpasser«, grummelte sie.
Zephyr zuckte zusammen und verzog das Gesicht zu einer entschuldigenden Miene. »Du musst den Bund mit Auster ablehnen«, flüsterte er kaum hörbar.
Sie wusste, dass er recht hatte. Nie hatte sie eine derart ungute Vorahnung verspürt wie in dem Moment, als sie Auster nach ihrem Bund mit Nyte zum ersten Mal gegenübergestanden hatte. Doch zu ihrer Erleichterung hatte Auster die Veränderung nicht gespürt.
»Ich weiß. Aber ich will ihn nicht verletzen.«
»Du verletzt ihn umso mehr, je länger du ihn im Glauben lässt, dass er noch eine Chance hat.«
Astraea blickte Zephyr flehend an. Das Geständnis drückte ihr von innen gegen die Brust, so sehr wollte sie ihm vom Bund mit Nyte erzählen. Er würde ihr Geheimnis bewahren, aber trotz ihrer engen Freundschaft fürchtete sie, von ihm verurteilt zu werden.
Zephyr erkannte ihr Zögern und legte ihr die Hände auf die Oberarme. »Du kannst mir alles sagen.«
Sie nickte, aber ihre Lippen blieben verschlossen.
Bald würde sie den Mut aufbringen, es ihm zu beichten. Doch jetzt konnte sie nur an eine Person denken, während sie unbemerkt aus dem Schloss schlüpfte.
Astraea wartete im Glockenturm auf Nyte. An dem Ort, der ihr geheimes Zuhause hoch über dem Rest der Welt geworden war. Sie spürte seine Nähe, aber er hielt sich versteckt, wollte sie erschrecken, während sie die in Mondschein getauchte Stadt betrachtete. Astraea wirbelte herum und verpasste ihm mit der Hand einen Magiestoß gegen die Brust. Nyte versteifte sich, ergriff aber, ohne zurückzuweichen, ihr Handgelenk und zog sie mit einem Ruck zu sich heran.
»Immer so gewalttätig«, sagte er leise.
Sie atmeten gemeinsam und tauschten glühende Blicke aus.
»Warum haben die Vampire angegriffen?«, fragte sie.
»Ich habe dich vermisst«, sagte er und strich ihr eine Strähne hinters Ohr.
Sie entriss ihm den Arm und versuchte erneut, ihn anzugreifen. Ihre Lichtkugel wurde von sternenglänzender Dunkelheit verschluckt. Hinter den sich auflösenden Schatten kam Nytes belustigtes Grinsen zum Vorschein.
»Sag mir, dass du damit nichts zu tun hattest«, forderte sie und funkelte ihn an.
Der amüsierte Ausdruck verschwand aus seinem Gesicht. »Glaubst du etwa, ich würde dich anlügen?«
»Ich weiß es nicht.«
Aber ihr Herz wusste es. Es hämmerte gegen ihre Rippen, begehrte gegen die Unsicherheit ihres Verstandes auf.
Nyte schloss die kleine Lücke zwischen ihnen und drückte sie neben einem der Bogenfenster gegen die Wand.
»Dann war ich wohl noch nicht offen genug, damit du ohne jeden Zweifel weißt, dass es nichts gibt, was ich nicht töten, keine Welt, die ich nicht zerstören, und keinen Gott, dem ich nicht abschwören würde, wenn es um dich geht.«
Er legte ihr eine Hand um die Kehle und funkelte sie so intensiv an, dass seine bernsteinfarbenen Augen geradezu leuchteten.
»Blut ist dicker als Wasser«, sagte sie.
»Als mein Gegenstück bist du von meinem Blut. Wenn ich meine Herkunft ausbluten könnte, würde ich das für dich tun. Sag mir, woher deine Zweifel kommen.«
Er ließ seine Hand in ihren Nacken wandern und beugte ihren Kopf nach hinten, sodass ihr Mund im idealen Winkel angehoben wurde, perfekt für einen Kuss.
»Du bist meine Verdammnis«, flüsterte er an ihren Lippen. »O Starlight, unser Aufeinandertreffen wurde vielleicht wie von Meisterhand für die Hölle erschaffen, aber selbst wenn wir uns dort als Nächstes begegnen sollten, würdest du die Unterwelt siegreich regieren.«
Er küsste sie, und sie verlor sich in seiner Berührung. Fand sich in ihm. Sie war auf ewig sein, und gerade das machte ihr Angst.
Sie legte ihm die Hände auf die Brust, und Nyte ließ sich von ihr wegschieben, dann schlüpfte sie aus seinen Armen. Ihr ganzes Leben hatte aus Verpflichtungen bestanden. Ihrem Volk gegenüber. Auster gegenüber. Bevor sie Nyte kennengelernt hatte, hatte sie sich bereits damit abgefunden, mit Auster so gut wie verlobt zu sein.
»Mein Vater behauptet, der Angriff sei nur ein Test eurer Ressourcen und Strategien gewesen. Seine Spione haben sich das Gemetzel angesehen«, sagte Nyte.
Astraea bemerkte das Zögern in seiner Erklärung. »Du glaubst ihm nicht?«
»Ich bin mir nicht sicher. Keine Ahnung, warum er mich anlügen sollte, aber er hat noch nie einen Angriff ohne mein Wissen befohlen. Er behauptet, es liege daran, dass ich so oft abwesend bin, während ich so fleißig versuche, dich zu fangen.«
»Du darfst sein Vertrauen nicht verlieren.«
»Lass meinen Vater meine Sorge sein.«
Astraea wusste, dass das nicht der eigentliche Grund für die Wirbelstürme in ihrem Kopf und ihrem Herzen war.
»Sag schon, was los ist«, bat Nyte sanft, in einem Tonfall, den sie selten bei ihm hörte.
»Ich liebe dich«, stieß sie hervor, immer noch mit dem Rücken zu ihm.
Das Geständnis rutschte ihr einfach heraus. Nachdem sie den Bund geschlossen hatten, hatte er ihr diese wunderschönen Worte geschenkt, doch sie war nicht in der Lage gewesen, sie ebenfalls auszusprechen. Sie waren da – schon lange –, steckten in ihrer Brust fest, kratzten manchmal sogar von innen an ihrer Kehle. Bereits seit Monaten erstickte sie fast daran, traute sich aber nicht, sie rauszulassen. Doch jetzt … erkannte sie, wie viel stärker sie sich mit ihm an ihrer Seite fühlte, selbst wenn er nicht physisch anwesend sein konnte. Jetzt wollte sie nichts mehr, als der Welt zu beweisen, dass Nyte nicht Terror bedeutete, sondern Hoffnung – die Hoffnung, den Krieg mit seinem Vater zu beenden.
Nyte trat von hinten an sie heran, und ihre Haut begann zu kribbeln. Als er sich an ihren Rücken presste, spürte sie, wie sämtliche Anspannung von ihr wich, und er schmiegte sich an sie wie ein Schild, der sie von all ihren Lasten abschirmte.
»Sag das noch mal«, murmelte er an ihrem Hals. Mit den Lippen strich er über die Haut hinter ihrem Ohr.
Sie schloss die Augen. »Ich liebe dich«, wiederholte sie.
Jedes Wort ließ ihr Herz weiter anschwellen und machte ihr Mut. Alles würde gut werden. Zusammen konnten sie jedes Hindernis überwinden.
Nyte stöhnte. Die Vibrationen breiteten sich wie weicher Sand und hüpfende Steinchen auf ihrer Brust aus.
»Sosehr ich mich auch danach gesehnt habe, das zu hören. Warum bereitet dir das Sorgen?«
»Weil ich das nicht sollte. Weil ich Angst habe, diese Wahl nicht treffen zu können. Dass dich zu lieben bedeutet, dass ich meine Bestimmung nicht lieben kann. Aufstände werden ausbrechen, ehe wir die Leute überzeugen können. Auster wird am Boden zerstört sein. Und vielleicht bricht dann noch ein anderer Krieg aus.«
Er drehte sie zu sich um und schob sie nach hinten, bis sie mit den Waden ans Bett stieß. Er beugte sich weiter vor, bis sie sich hinlegen musste, und dann brachten seine langsamen, aufreizenden Bewegungen über ihr und sein Gewicht, das sie auf die Matratze drückte, ihre Haut vor Lust zum Glühen.
»Was brauchst du von mir?«, fragte er mit unendlicher Ruhe, offensichtlich bereit, die Welt für sie zu ändern oder zu zerstören. »Jetzt gehörst du nämlich mir, egal was ich tun muss, damit es so bleibt. Ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, dass du alles bekommst, was du willst.«
Nyte wurde von allen für einen Albtraum gehalten. Sie glaubten, dass er böse und kalt und grausam war … doch Astraea hatte entdeckt, wie warm seine Dunkelheit sein konnte, wenn man sich nur weit genug hineinbegab. Nyte hatte sich ihr angeboten, als er sie genauso gut hätte töten können. Seine Wünsche hatten bisher nie ihm selbst gehört – bis zu ihrem Bund. Für sie war er zu allem bereit, und der Gedanke zerriss etwas in ihr.
Er verdiente es, geliebt zu werden. Die gleiche Hingabe zu erfahren, die er anbot.
»Hab Geduld mit mir«, sagte sie leise. Mit den Beinen umklammerte sie seine Hüfte, als er sich zu ihr absenkte.
Nyte hörte auf, Küsse auf ihrem Schlüsselbein zu verteilen. Stattdessen presste er besitzergreifend die Lippen auf ihre, und sie vergrub die Finger in seinen Haaren. Nur einen ausgedehnten, verheißungsvollen Kuss lang.
»Für dich bin ich so geduldig wie die Nacht, die auf den Vollmond wartet. So ruhig wie die Sterne, die auf die Nacht warten. Für dich, Astraea Lightborne, würde ich jedes unendliche Leben lang warten.« Er lächelte, und sein Lächeln war ein wertvollerer Schatz als jeder Diamant. »Also gut«, raunte er. »Soweit ich weiß, muss jetzt zur Versöhnung noch ein bisschen gebettelt werden.«
Astraea – Gegenwart
Der Mond blutete und tauchte die Welt in einen roten Schein, als laste der Zorn der Götter auf uns. Sein Licht verwandelte den blutbefleckten Schnee um mich herum in einen noch unheilvolleren Anblick.
Jegliches Moralgefühl hatte mich bereits verlassen, als meine lilafarbene Klinge von purpurrotem Blut aus dem Hals eines weiteren Celestials überströmt wurde.
Wer nicht auf meiner Seite steht, ist mein Gegner.
Das Mantra begleitete jeden Tod von meiner Hand, aber die Worte reichten nicht aus, um die dunklen Gedanken aufzuhalten, die sich mit jeder Leiche höher in mir auftürmten.
Nicht alle Gegner waren Celestials. Auch Vampire, Fae und selbst Menschen waren begierig, das Kopfgeld einzuheimsen, das Auster auf meine Freunde und mich angesetzt hatte. Manche griffen uns auf heimtückische und unnachgiebige Weise an – woraufhin meine Rache keine Gnade kannte.
Als ich von den Sternen zurückgekehrt war, hatten sie mich gejagt. Jetzt war ich nicht nur selbst die Jägerin: Ich war die Botin des Todes. Seine Maid.
Kein Morgen dämmerte mehr, und nie wieder würde das Abendrot erstrahlen. Doch noch viel schlimmer war, dass meine Seele von ihrer anderen Hälfte getrennt blieb. Nyte hatte mich in dieser Welt voller Chaos und Anarchie zurückgelassen, aber ich war entschlossen, ihn zurückzuholen.
Zwei Wochen waren bereits vergangen, und wir hatten noch nicht einmal einen Anhaltspunkt für ein Gegenmittel gegen den Fluch, der ihn in einen todesgleichen Schlaf versetzt hatte.
»Statt dich selbst an den Rand der Erschöpfung zu bringen, könntest du uns einfach ein paar übrig lassen«, merkte Nadia an und riss mich damit aus meinen Gedanken. Zusammen mit Davina trat sie vorsichtig näher. Die beiden behandelten mich so behutsam, als könnte ein Wort allein mich zum Explodieren bringen.
»Ihr seid zu langsam«, sagte ich und wischte meine Klinge am marineblauen Mantel eines toten Celestials ab. Beim Anblick des Abzeichens mit Austers Konstellation verwandelten sich meine Schuldgefühle, dieses Leben genommen zu haben, in Verbitterung.
Wer nicht auf meiner Seite steht, ist mein Gegner.
Am meisten hasste ich Auster für das, wozu er mich gemacht hatte. Es war über dreihundert Jahre her, dass er mich getötet hatte, aber ich konnte noch immer spüren, wie seine kalte Hand den Schlüssel in meiner Brust umgedreht hatte, so intensiv, als wäre es erst vor wenigen Wochen geschehen.
Streng genommen war es das auch – als er die Geschichte wiederholt hatte, um Nyte erneut zum Abschluss unseres Bundes zu zwingen. Jetzt konnte Nytes Blut mich heilen, wenn ich es trank. Oder mich töten, wenn jemand mir eine damit benetzte Waffe ins Herz stieß. Welch kranke, unfassbare Ironie.
Wie ich Auster doch hasste.
Und gleichzeitig trauerte ich um ihn.
Ich hasse es, dass ich um ihn trauere.
Dieses mentale Tauziehen erschöpfte mich. Es war einfach nur unfair. Als würde Auster mich beobachten und selbstgefällig in sich hineingrinsen, weil er immer noch Macht über mich besaß, wie ein Schatten, der sich über jeden meiner Gedanken legte. Ja, ich war wütend auf ihn, aber noch wütender war ich auf mich selbst, weil ich ihn nicht loswerden konnte. Weil ich immer wieder die langsam zurückkehrenden Erinnerungen an Gespräche durchging, wie um den genauen Moment festzustellen, in dem er entschieden haben musste, dass ich seine Feindin war. Den Moment, in dem er wusste, dass er mich umbringen würde. Während ich von alldem nichts ahnte.
Als ich mich umdrehte, blickte ich direkt in Davinas besorgtes Gesicht.
Wir standen am Rande von Vesitires Hauptstadt, kamen öfter hierher, um ihre Verteidigungsmaßnahmen in Augenschein zu nehmen. Ich konnte nicht tatenlos herumsitzen. Wenn ich nicht gerade mit Drystan jede noch so weit hergeholte Theorie diskutierte, wie wir Nyte zurückholen könnten, schmiedete ich Rettungspläne.
Auster hatte Eltanin. Meinen Drachen.
Beim Gedanken an Austers Dreistigkeit, Eltanin gefangen zu nehmen, stieg Wut in mir auf. Doch noch mehr fürchtete ich, was er dem jungen Drachen antun könnte, je näher das Ende seines zweiten Mondzyklus rückte, an dem er ein weiteres Stück wachsen würde.
Nur weil Auster die Stadt vollständig kontrollierte, marschierte ich nicht waghalsig hinein, um ihn zum Kampf herauszufordern. Überall patrouillierten Celestials. Die meisten Zivilisten würden sofort versuchen, mich gefangen zu nehmen, um das enorme Kopfgeld einzusacken, das Auster ausgeschrieben hatte. Und sobald ich Lightsdeath entfesselte, um ohne Rücksicht auf andere zu bekommen, was ich wollte, würde ich die gesamte Stadt in Schutt und Asche legen.
Das durfte ich nicht tun, auch wenn ich die Macht dazu besaß. Allerdings konnte ich nicht leugnen, dass ein kleiner Vorgeschmack von Triumph durchaus verlockend gewesen wäre, nach all den Niederlagen der letzten Zeit.
Lightsdeath schlummerte in meinem Inneren – das tödliche Geschenk des Ursprünglichen, das die Welt vernichten würde, wenn ich es entfesselte, ohne die Kontrolle zu besitzen. Als Preis für Drystans Leben hatte der Tod selbst getan, was wir erhofft hatten, und mir diesen Vorteil verschafft – eine Macht, die Götter töten konnte.
Was er wollte, war das Ende von Abendrot und Morgengrauen, meinen Schöpfern. Nach allem, was sie getan hatten, und weil sie mir Nyte genommen hatten, war es nun auch mein eigenes düsteres Verlangen, sie auszulöschen.
Ich befürchtete, dass ich mich in Lightsdeath verlieren und nicht mehr in der Lage sein würde, Freund und Feind zu unterscheiden. Ich wusste von Nytes früheren Kämpfen mit Nightsdeath – jetzt brauchte ich seine Hilfe mehr denn je, um meine neue Gabe einsetzen zu können.
»Ist dir die Lücke auf der Westmauer schon aufgefallen? Die Wachen stehen da weit genug auseinander, dass wir versuchen könnten, hineinzukommen«, sagte Davina nachdenklich.
Ich blickte in die Richtung, in die sie deutete. Die Lücke war schmal, aber wir konnten es hindurchschaffen. Auster hatte einen magischen Schleier um die Mauern errichten lassen, um mich daran zu hindern, durch die Leere zu reisen und seine Wachen so einfach zu umgehen.
»Und dann?«, gab Nadia zurück und verschränkte die Arme. Wie so oft hatte sie eine Braue skeptisch gehoben, als ob sie sich selbst dafür hasste, ein Teil von alldem hier sein zu wollen. »Auf der anderen Seite der Mauer sind wir ihnen doch ausgeliefert.«
»Wir müssen es bloß zu Eltanin schaffen. Mit ihm können wir schnell fliehen«, antwortete Davina. »Ist er schon groß genug, um drei zu tragen?«
»Das wird knapp«, sagte ich.
Von Drystan, mit dem ich ein weiteres wackeliges Bündnis geschlossen hatte, um ein Gegenmittel für seinen Bruder zu finden, hatte ich gelernt, dass Eltanin noch keinen Drachenbund mit mir als Reiterin geschlossen hatte. Anders verhielt es sich bei Drystan und seinem großen roten Drachen Athebyne, den er aus dem Hütertempel befreit hatte, dem Tempel, den wir vor Monaten besucht hatten. Nach dem zweiten Mondzyklus waren Drachen groß genug, einen gebundenen Reiter in Erwägung zu ziehen. Somit wurde es noch dringender, Eltanin zu uns zurückzuholen, da Auster ihn sonst womöglich zwingen konnte, sich mit ihm zu verbinden. Das wäre zwar eine außergewöhnliche und grausame Vorgehensweise, aber möglich. Zwangsbindungen waren seit dem Zeitalter der Drachen verboten, aber in seiner Entschlossenheit, mich zu besiegen, fühlte Auster sich vermutlich keinerlei Gesetz und Moral verpflichtet.
»Gehen wir«, sagte ich. »Für heute haben wir genug Blut vergossen.«
Was ich brauchte, hatte ich gefunden. Ich hatte nicht in Erfahrung bringen wollen, wo ich eindringen sollte, sondern wann. Jene, die sich auf der Suche nach mir aus der Stadt wagten, lieferten mir entscheidende Informationen, die ich mit ihrem letzten Atemzug aus ihnen herauspresste. Daher wusste ich, dass Auster alle Bürgerinnen und Bürger von Vesitire aufgerufen hatte, sich in wenigen Tagen vor dem Schloss zu versammeln.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie schwarze Federspitzen den Schnee streiften, als ich meine Flügel hervorholte. Ihre auffällige Farbe war ein Mal des Todes – ein düsteres Omen für mein Volk, die Celestials, deren Flügel normalerweise in Silbertönen schimmerten. Und doch hatte ich mich noch nie selbstbewusster gefühlt als mit diesem Hauch von Dunkelheit.
Ohne länger zu warten, stieg ich in die Lüfte und flog zurück zu Nadirs Haus, in dem wir die letzten Wochen über Unterschlupf gefunden hatten. Nadir konnte Magie wirken und lebte in einer hoch aufragenden und wackelig anmutenden Holzturmkonstruktion, durch einen magischen Schleier geschützt und verborgen, und hatte großzügigerweise angeboten, unsere Truppe Gesuchter zu verstecken.
Den Schild zu durchschreiten, brachte meine Haut zum Kribbeln und ließ meine silbernen Tattoos aufglimmen. Nadia und Davina würden zu Fuß noch länger zurück brauchen.
Ohne Nadir groß Beachtung zu schenken – wie üblich hielt sier eine Pfeife in der Hand –, marschierte ich durch das Wohnzimmer. Die Pflanze, die Nadir rauchte, hatte offenbar eine entspannende Wirkung, wie ich mittlerweile gelernt hatte. Sier versuchte wohl, den Eindruck zu erwecken, dass wir hier nicht den Frieden störten.
Zwei Stockwerke weiter oben verlangsamte ich kurz vor Zathrians Zimmer meine Schritte. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Egal, wie oft ich ihn dort im Bett liegen sah, Rose an seiner Seite sitzend, mein Herz wurde jedes Mal schwer. Die Enthüllung, dass Zath ein Nephilim war – halb Celestial, halb Mensch –, hatte mich mehr als überrascht. Aber da der Schwertstich durch seinen Bauch ihn sonst getötet hätte, war ich froh darüber. Seit Austers Angriff war er bewusstlos. Doch sein Herzschlag war stark und ließ auf eine baldige Genesung hoffen – Nytes hingegen war schwach wie ein sanfter Trommelschlag in der Ferne.
Ich ging an Zaths Zimmer vorbei und stieg zwei weitere Stockwerke hinauf.
Jedes Mal, bevor ich die Tür öffnete, hinter der Nyte lag, flackerte ein Fünkchen Hoffnung in meiner Brust auf, dass er überraschend aufgewacht sein könnte. Dass er im Bett saß und seine Bernsteinaugen bei meinem Anblick heller aufleuchteten als jede Morgendämmerung, die unsere Welt verloren hatte.
Schon unzählige Male war dieser Funke jetzt wieder erloschen, sobald ich ihn totenstill im Bett liegen sah. Es würde sich wohl immer, wenn ich ihn erblickte, so anfühlen, als hätte eine Faust meinen Brustkorb durchstoßen und mein Herz eisern im Griff.
Ich legte Waffen, Umhang und Stiefel ab und kletterte zu ihm ins Bett, schob mein Bein über seine und presste mich an seine Seite. Er fühlte sich kühl an, aber in meiner Handfläche glühte die Magie und wärmte uns beide. Vorsichtig spürte ich nach der schwachen Melodie seines Herzens. Als ich sie fand, durchströmte mich Erleichterung, und ich schloss die Augen.
Kaum mehr als eine kurze Minute des Friedens war mir vergönnt, bis ich Schritte im Flur hörte und die Tür ohne Klopfen aufgestoßen wurde. Ich schlug die Augen auf und funkelte Drystan an. Das aufgeregte Leuchten in seinem Blick ging mir angesichts meiner gereizten Stimmung gehörig gegen den Strich.
»Drachenbünde«, sagte er grinsend.
So fröhlich hatte seit Wochen niemand in diesem Haus ausgesehen.
»Erklär, was du meinst, bevor ich dich rausschmeiße, ohne mich auch nur zu bewegen«, sagte ich warnend.
Die Stimmung zwischen uns war weiterhin angespannt. Zwar hatten wir uns zusammengetan, um die Macht von Lightsdeath zu erlangen, aber da hätte unser Bündnis auch enden sollen. Er gab mir dafür die Schuld, vor langer Zeit gegangen – gestorben – zu sein und ihm seinen Bruder geraubt zu haben, weil Nyte sich daraufhin von allen abgekapselt hatte. Und jetzt war Nyte wieder meinetwegen fort. Ich war mir nicht sicher, ob meine Freundschaft mit Drystan sich noch flicken ließ, falls er mir jemals vergeben sollte. Aber ich gab die Hoffnung nicht auf, auch wenn ich es momentan nicht zeigen konnte.
»Dein Bund mit Nyte bestand bereits, als der Fluch ihn uns genommen hat«, fuhr er fort. »Aber was, wenn er noch nicht abgeschlossen gewesen wäre? Wenn du jetzt deinen Bund mit ihm verkünden würdest und er antworten müsste? Was, wenn das reichen würde, um ihn wieder aufzuwecken?«
»Du hast es selbst gesagt. Der Bund ist geschlossen, also ist das keine Option mehr.«
»Was, wenn es auch mit einem anderen Bund funktionieren könnte?«
Ich setzte mich auf und dachte stirnrunzelnd nach. »Ein Drache?«, fragte ich schließlich.
Drystan nickte, dann ging er zu seinem Bücherstapel auf der anderen Seite des Raums. Die meiste Zeit verbrachte er mit seinen Studien allein in seinem Zimmer, aber manchmal kam er mit seinen Büchern und Notizen hierher. Selbst schweigend war es eine Erleichterung, die Last eine Weile gemeinsam zu tragen.
»Eltanin hat noch keinen gebundenen Reiter. Wenn wir ihn vor Abschluss seines zweiten Zyklus zurückholen, können wir ihn vielleicht überzeugen, Nyte zu wählen. Der Bund erreicht womöglich einen Teil von Nytes Unterbewusstsein, der ihn aus seinem Schlaf reißt«, fuhr Drystan fort, während er durch ein Buch blätterte.
Auf der Bettkante sitzend, stützte ich mich auf die Oberschenkel und überlegte.
Je länger ich über diese Theorie nachdachte, desto heller glühte ein Hoffnungsfunken in mir auf. Ich hatte immer schon eine Art von Vertrautheit zwischen Nyte und Eltanin gespürt. Es war also nicht weit hergeholt, dass der schwarze Celestiale Drache Nyte als Reiter wählen könnte.
Drystan schlug das Buch wieder zu, als er die verzauberte Karte gefunden hatte, mit der er sich offenbar irgendwann mal die Seite gemerkt hatte. Ich erinnerte mich, dass unter seinen Besitztümern schon immer völliges Chaos geherrscht hatte. Das hatte sich nicht geändert. Und doch wusste er stets genau, wo alles war, wenn er es brauchte.
»Das Konzept Lesezeichen sagt dir wohl immer noch nichts«, sagte ich amüsiert.
Es sollte ein Versuch von Normalität und neckischer Freundlichkeit zwischen uns sein, aber selbst das fühlte sich merkwürdig an. Ich hasste diese Kluft, die ich einfach nicht zu überbrücken wusste.
Drystan warf mir einen Blick zu und schien zu überlegen, ob er mit mir über die Vergangenheit reden wollte. Mit fest zusammengepressten Zähnen wandte er sich wieder einem Papierstapel zu. »Erinnerst du dich wieder an alles aus der Vergangenheit?«
»Nicht wirklich. Meistens fallen mir in bestimmten Momenten Dinge wieder ein, wie gerade zum Beispiel dein Unvermögen, Ordnung zu halten.«
»Ich habe meine eigene Ordnung.«
Das brachte mich zum Lächeln. »Es tut mir leid«, flüsterte ich. Drystans Schultern verkrampften sich. »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.«
»Dann lass es. Lass die Vergangenheit ruhen.«
»Das kann ich nicht«, sagte ich verzweifelt und stand auf. »Du warst mein Freund. Mein erster Freund außerhalb meines erdrückenden Lebens mit den High Celestials und all meinen Pflichten.«
»Und dann hast du mich verlassen. Ihr beide habt mich verlassen. Ich hatte niemanden. Du kannst es mir nicht übel nehmen, dass ich diese Wunde die letzten Jahrhunderte über habe heilen lassen und dir jetzt nicht wieder die Waffe in die Hand drücke, mir das Gleiche noch mal anzutun.«
Seine Worte schmerzten so sehr, dass es mir lieber gewesen wäre, wenn er mir eine körperliche Wunde verpasst hätte. Die wäre leichter zu ertragen gewesen.
»Ich werde diesen Krieg gewinnen. Nyte wird aufwachen. Und dann bleiben wir bis ans Ende unserer Tage bei dir.«
Drystans Blick blieb kalt, aber seine Augen verengten sich leicht. Statt zu antworten, widmete er sich wieder seinen Notizbüchern. Er breitete die verzauberte Karte, die er mir während des Libertatems geliehen hatte, auf dem Tisch aus und legte ein neues durchsichtiges Blatt darauf.
Ich ging zu ihm, um es mir anzusehen.
»Es gibt noch sechzehn weitere Tempel mit Drachenbildern in Solanis. Also sechzehn Drachen, die wir so wie Athebyne befreien können – das hoffe ich zumindest. Du meintest zu Nyte, er soll mir sagen, dass der Schlüssel bei den Drachen ist. Als du ihn zerbrochen hast, hast du die Einzelteile zu den Tempeln geschickt, nicht wahr?«
»Ja. Deinem Vater wurde von meinen Schöpfern die Fähigkeit verliehen, ihn zu verwenden, ohne Schaden zu nehmen. Anscheinend wollen sie mich genau wie Auster tot sehen. Ich konnte nicht riskieren, dass die Waffe ihnen in die Hände fällt, und dort im Tempel hatten sie uns umzingelt. Also habe ich den Schlüssel zerbrochen. Ich wusste, falls ich Auster nicht entkommen konnte, würdest du verstehen, was ich damit gemeint habe, und ihn ohne mich zurückholen.«
»Clever. Aber brauchen wir den Schlüssel überhaupt noch?«
»Lightsdeath zu sein ist nur die eine Hälfte dessen, was ich benötige, um Abendrot und Morgengrauen zu töten. Der Schlüssel ist die andere.«
Im Schlaf hatte ich manchmal das Gefühl, den Schmerz des Schlüssels zu spüren. Dann hörte ich die Schreie gebrochener Macht, wie der Klang einer schlecht gestimmten Geige. Schrille Forderungen, jemand möge das Instrument wieder in seinen ursprünglichen, makellosen Zustand versetzen. Ich fragte mich, ob es noch ernstere Auswirkungen auf mich haben würde als gelegentliche Kopfschmerzen und ein paar schlaflose Nächte, wenn ich das Verlangen des Schlüssels, wieder zusammengesetzt zu werden, weiterhin ignorierte.
»Es könnte Monate dauern«, sagte ich und spürte unsere geteilte Verzweiflung. »Aber falls Eltanin sich nicht für einen Bund mit Nyte entscheidet, haben wir dann immerhin noch sechzehn weitere Drachen, mit denen wir es versuchen können.« Das ließ meine Hoffnung gegen meinen Willen zu einer größeren Flamme auflodern. »Glaubst du wirklich, das könnte klappen?«, flüsterte ich.
Drystan blickte auf und sah mich zum ersten Mal wirklich teilnahmsvoll an. Nach mehreren Wochen hatte ich mich daran gewöhnt, dass er mir ständig nur die kalte Schulter zeigte. Nachdem wir keine Lösungen gefunden und immer wieder nur auf Sackgassen gestoßen waren, konnte ich nachvollziehen, dass er meine Gegenwart schwer ertragen konnte.
»Das hoffe ich wirklich«, sagte er, bevor er das Thema wechselte. »Da du meinen Vater erwähnt hast: Hast du ihn beim Auskundschaften der Stadt irgendwann mal gesehen?«
»Nein«, sagte ich. Tatsächlich hatte ich überhaupt nicht mehr an ihn gedacht, da meine Rachepläne um Auster kreisten.
Drystan wandte sich von mir ab und ging zur Tür, blieb aber mit der Hand auf der Klinke noch einmal stehen. »Vielleicht hat Auster ihn schon aus dem Weg geräumt. Schade. Ich hatte mich schon so darauf gefreut, das selbst zu erledigen.«
Seine Worte waren eiskalt und völlig emotionslos. Doch seine Gleichgültigkeit war nur eine Maske, hinter der er sich vor dem Schmerz versteckte. Er verdiente es zwar, das Monster, das sein Vater war, zu konfrontieren und ihm ein Ende zu setzen – genau wie Nyte –, aber ich war mir auch sicher, dass es für beide das Schwerste wäre, was sie je tun würden.
Gerade wollte ich zurück ins Bett schlüpfen, da tauchte ein vertrauter pinker Haarschopf im Türrahmen auf. Ich öffnete den Mund, doch mir kamen keine Worte über die Lippen. Noch nie hatte ich Rose so müde und ängstlich gesehen wie in den letzten Wochen. Sie aß kaum und sprach fast nie. Bei all dem Chaos in meinem eigenen Leben hatte ich übersehen, wie nah sie Zath mittlerweile gestanden hatte. Doch jetzt war etwas an ihr anders. In ihren Augen strahlte ein Licht, das ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich richtete mich auf und spürte, wie mein Herz einen Schlag aussetzte, noch ehe sie etwas gesagt hatte.
»Er ist wach.«
Astraea
Ich wusste auch nicht, warum es mich so nervös machte, zu Zathrian zu gehen. Er war immer noch derselbe, egal, was er war. Und doch bekam ich jetzt schwitzige Hände und Herzklopfen. Als ich eintrat und ihn sah, blieb ich wie angewurzelt stehen. Gegen einen Berg aus Kissen gelehnt, saß er aufrecht da und lächelte.
Als wäre er nicht gerade erst dem Tod von der Schippe gesprungen. Als müsste seine bandagierte Wunde nicht noch heilen. Er war einfach … Zath. Strahlend blaue Augen und ein charmantes Grinsen. Als er zu mir herübersah, entwich mir ein Wimmern.
»Sehe ich so schlimm aus?«, fragte er, mit vom langen Schlaf belegter Stimme. »Schön, dich zu sehen, Stray.«
Bei dem Spitznamen hob ich die Augenbrauen. Er erinnerte mich daran, was für ein guter Freund er für mich gewesen war, als ich meinen Weg noch finden musste.
Ich lachte heiser auf, und je näher ich herantrat, desto mehr trübten aufsteigende Tränen meine Sicht.
»Wie geht’s ihm?«, fragte ich Lilith, seine Retterin. Ihre Kenntnisse natürlicher Heilmittel und ihre Magie hatten ihn am Leben gehalten.
»Die Wunde heilt gut«, antwortete Lilith und richtete sich auf, nachdem sie die Verbände um seinen nackten Oberkörper überprüft hatte.
»Fühlt sich aber gar nicht mal so gut an«, sagte Zath und begutachtete sich selbst. Statt seiner üblichen gesunden Bräune hatte er jetzt einen fahlen Teint und vor Schweißperlen glänzende Haut. Seine Augen glitzerten zwar fröhlich, waren aber von dunklen Ringen unterlegt.
»Ich hole dir etwas Wasser«, sagte Lilith.
»Ja, ich weiß, ich sehe sehr gut aus. Aber ich bin schon versprochen. Du kannst also aufhören, mich so anzustarren«, sagte Zath.
Ich warf Rose einen kurzen Blick zu. Sie errötete und fixierte Zath mit ihrem üblichen mürrischen Blick. Er zwinkerte ihr zu. Zu sehen, dass ihr Temperament langsam zurückkehrte, ließ mich aufatmen.
»Ich verspreche dir gleich was. Pass bloß auf«, gab sie zurück.
»Komm schon, Dornröschen. Lass mir nach der Rückkehr von der Schwelle des Todes doch meine Tagträume.«
»Du hast geschummelt«, entgegnete Rose.
»Freust du dich gar nicht, dass sich herausgestellt hat, dass ich ein übernatürliches Wesen bin und deshalb überlebt habe?«
»Doch, natürlich«, sagte sie zerknirscht und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Nephilim«, sagte ich.
Zath sah wieder zu mir und warf mir ein schuldbewusstes Lächeln zu. »Überraschung?«
Ungläubig schüttelte ich den Kopf. »Warum hast du mir nichts gesagt?«
»Wie denn? Du musstest ja erst mal damit klarkommen, dass du selbst kein Mensch bist.«
»So hätte ich mich vielleicht weniger allein gefühlt.«
Es sollte nicht wie ein Vorwurf klingen, aber ich war verletzt, weil er ein so entscheidendes Geheimnis für sich behalten und ganz allein mit sich herumgetragen hatte. Die Celestials hatten sich lange Zeit hinter dem Schleier verborgen. Doch jetzt, da sie zurückgekehrt waren, mussten Zath und alle seiner Art sich genauso verstecken wie die Fae vor nicht allzu langer Zeit vor den Truppen des Königs. Die Abscheu, mit der Auster Zath betrachtet hatte, brachte mein Blut jetzt noch in Wallung. Die Nephilim wurden gejagt und entweder getötet oder verstoßen.
»Tut mir leid«, sagte er. »Ehrlich gesagt habe ich selbst lange versucht, zu leugnen, was ich bin. Ich wollte nicht glauben, dass ich anders bin.«
»Was bedeutet es, ein Nephilim zu sein?«, fragte Rose.
»Dass ich noch bezaubernder bin, als du je gedacht hättest.«
»Pah, bezaubernd. Nervtötend würde ich das nennen.«
Zath fing an zu lachen, musste sich jedoch sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch halten.
Rose schnaubte, rückte seine Kissen zurecht und brachte ihn dazu, sich zurückzulehnen. Bei ihrer Fürsorglichkeit, wenn auch von einer mürrischen Miene begleitet, wurde mir ganz warm ums Herz.
»Was ist der Plan, Sternenmaid?«, fragte Zath.
»Dein Plan lautet Bettruhe. Du bist noch nicht über den Berg.«
»Jaja. Ich habe mich schon viel zu viel ausgeruht. Aber darin muss der dunkle Albtraum-Arsch mich ja unbedingt auch noch übertrumpfen, was?«
Über seine Bemerkung zu Nytes Zustand konnte ich nicht lachen.
Zaths Miene wurde ernst. »Ist er …?«
»Er wird sich wieder erholen«, sagte ich schnell, eher um meine eigene plötzlich aufsteigende Panik zu unterdrücken, als um Zath zu beruhigen. »Aber ihm würde ich genau dasselbe sagen, wenn er jetzt aufwachen würde: Du gehst nirgendwohin, solange du keinen Nahkampf ohne Wimmern durchstehst.«
Zath stöhnte, als er versuchte, sich weiter aufzurichten. Ein Schwert würde er offensichtlich nicht so bald in die Hand nehmen, geschweige denn schwingen.
»Die Herausforderung nehme ich an«, presste er hervor und versuchte, sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen.
»Jetzt sei nicht so dickköpfig«, wies Rose ihn an.
»Wir haben wohl die Rollen getauscht«, bemerkte Zath.
Roses Kiefer mahlte, und unter anderen Umständen hätte sie ihn wohl genervt sitzen lassen, aber sie blieb da. Erst jetzt, als sie wieder Platz nahm, bemerkte ich ihr Strickzeug und einen halb fertigen, überraschend säuberlich gearbeiteten Schal.
Ich kam nicht dazu, Fragen über ihr unerwartetes Hobby zu stellen, da sie mir zuvorkam: »Was ist denn jetzt der Plan? Ich habe gehört, du hast die Stadt ausgekundschaftet?«
»Wir beobachten Austers Verteidigungsmaßnahmen, um Lücken darin zu finden und Eltanin zu befreien.«
»Eli?«, fragte Zath mit erst besorgtem, dann wütendem Gesichtsausdruck. »Der Arsch hat Eli?«
Meine traurige Miene bestätigte es ihm.
Die Neuigkeit war anscheinend Anlass genug für Zath, alle Anweisungen seiner Heilerin zu ignorieren, denn er schlug die Decke zurück und schaffte es, die Füße auf den Boden zu stellen. Dann musste er jedoch innehalten, um zu Atem zu kommen, und verriet damit seine Schwäche.
»Ich muss mich erst noch ein bisschen dehnen und vollständig aufwachen, aber wenn ihr ihn holen geht, komme ich mit.«
Seine Haut glänzte vor Schweiß, und er atmete unregelmäßig. Ich verzichtete darauf, gegen seine Entschlossenheit anzureden. Das würde den Sturkopf womöglich noch zu weiteren Anstrengungen anstacheln und seine Heilung verzögern.
»Vom Tod erholt man sich nicht so schnell«, sagte ich leise.
Er blickte auf und schien zu verstehen. »Sieht so aus, als ob wir langsam eine Bande vom Tod Berührter bilden.« Dann sah er mit einer Spur von Angst im Blick zu Rose hinüber. »Aber ich werde dafür sorgen, dass du kein Mitglied wirst.«
»Pass du lieber auf dich selbst auf«, sagte sie, doch ihr Blick schien bei seinen fürsorglichen Worten etwas weicher zu werden. Eine solche Behandlung war sie nicht gewohnt.
»Sie hat recht«, sagte ich. »Ich bin längst nicht mehr das ängstliche, verletzliche Mädchen aus dem Herrenhaus. Jetzt … erinnere ich mich wieder an vieles von dem, was ich mal war. Wozu ich fähig bin.«
Ich hätte die Veränderung in mir gerne besser erklärt, aber Lightsdeath kam mir weiterhin unvorstellbar vor, ein Teil von mir, den ich selbst noch nicht verstand.
»Das merkt man«, sagte er sanft. »Du bist merkwürdig einschüchternd.«
Ich schnaubte. »Du brauchst mir nicht so zu schmeicheln.«
Er lächelte und vertrieb damit ein paar der dunklen Wolken, die über mir zu hängen schienen. »Es ist dein ganzes Auftreten. Du wirkst wie die Anführerin, zu der du geboren wurdest. Selbst die selbstbewusste Art, wie du sprichst. Das ist … Ich bin stolz auf dich.«
Meine Augen brannten, und ich beugte mich zu ihm herab und ergriff seine Hände.
»Aber egal, was du bist oder welche Macht du besitzt: Du bist immer noch meine Freundin, und ich möchte dir zur Seite stehen«, fügte er hinzu.
»Bald«, versprach ich.
Ich war unglaublich dankbar, Zath in meinem Leben zu haben. Er war kein Schild, der mich beschützte, sondern ein Grundpfeiler der Stärke für mich – und das nicht nur auf dem Schlachtfeld. Aber ich konnte nicht erst seine Genesung abwarten, bis ich Eltanin zurückholte.
»Wie geht’s ihm?«, fragte Rose leise. In ihrer Frage schwang eine Spur von Schuldgefühlen mit, dass sie sich erst jetzt, nach Wochen, nach Nyte erkundigte. Auch wenn sie seine Gegenwart kaum ertragen konnte, wenn er bei Bewusstsein war.
»Den Umständen entsprechend«, sagte ich.
»Zath kann vielleicht nicht helfen, aber ich schon. Wenn ihr das nächste Mal auskundschaften geht, möchte ich mitkommen.«
»Ich sag dir dann Bescheid«, versprach ich, auch wenn mir die Lüge in der Kehle brannte.
Seit Wochen sehnte ich mich danach, die beiden im Kampf wieder an meiner Seite zu haben, und doch würde ich jetzt ohne sie handeln. Ich hatte Auster lange genug dabei zugesehen, wie er sich mein Reich unter den Nagel riss und in der Bewunderung meines manipulierten Volks badete.
Ich wünschte den beiden eine gute Nacht – auch wenn ich mir nicht sicher war, ob es zur Tageszeit passte, da der Blutmond ununterbrochen den Himmel erleuchtete. Dann ging ich nach unten, wo ich die Stimmen von Davina und Nadia hörte. Im Erdgeschoss sprachen sie gerade mit Nadir. Ihre Wangen waren vom Fußmarsch durch die Kälte zurück noch gerötet.
»Das mit den Flügeln ist echt unfair«, grummelte Nadia, als sie mich sah, und fegte sich den Schnee von den Schultern.
Sie warf einen Blick auf die Erfindung über dem Feuer, die uns die Zeit anzeigte. Nadir hatte ein Talent für ungewöhnliche Tüfteleien. Diese ähnelte einer Sanduhr, gab uns aber den ganzen Tag über Orientierung, indem der Sand in einer langsamen Spirale zu Stundenmarkierungen hinabrieselte. Wir steckten längst mitten im bitterkalten Winter, aber zu so später Stunde wie jetzt, kurz vor Mitternacht, fielen die Temperaturen auf neue, lebensgefährliche Tiefpunkte.
»Wärmt euch auf«, sagte ich an die beiden gewandt.
Davina schien meine Niedergeschlagenheit zu bemerken. Sie kam zu mir herüber und legte mir die Hände auf die Oberarme. »Morgen wird ein besserer Tag«, sagte sie, stets optimistisch.
Ihre und Liliths Gegenwart waren oft das Einzige, was uns alle davor bewahrte, vollends die Hoffnung zu verlieren.
Ich rang mir ein Lächeln ab, auch wenn es wohl niemanden überzeugte. Morgen … tja. Nicht einmal Davinas Wärme konnte die düsteren Vorahnungen vertreiben, die mir Schauer den Rücken hinabjagten.
Sie gingen auf ihre Zimmer, um sich im Warmen auszuruhen, sodass ich mit Nadir allein zurückblieb. In sies Gesellschaft fühlte ich mich oft gleichzeitig auf merkwürdige Art entspannt und unruhig. Sier saß zurückgelehnt in einem Sessel am Feuer, die nackten Füße auf einem Holzschemel aus der Küche. Sies smaragdgrünes, filigran verziertes Hemd steckte in der schwarzen Hose, die meisten Knöpfe waren jedoch offen und entblößten sies braune Brust.
Nadir rauchte vor sich hin und schwenkte dabei mit der anderen Hand gedankenversunken eine Teetasse. Sies wortlose Blicke gaben mir oft das Gefühl, keins meiner Geheimnisse sei sicher. Nicht einmal die, von denen ich selbst noch nichts wusste.
»Selbstaufopferung liegt in deiner Natur«, sagte Nadir in singendem Ton und ließ den Blick träge umherwandern – wohl eine Auswirkung von was auch immer in dieser Pfeife steckte.
»Wenn es um unsere Liebsten geht, gilt das doch für uns alle.«
»Nein, nicht für alle. Das Monster der Selbstsucht triumphiert allzu oft.«
Über Nadir hatte ich schon einige Vermutungen angestellt. Konnte sier in die Zukunft sehen? Übertrafen sies Fähigkeiten die üblichen Grenzen menschlicher Magie? Oder verlieh das Kraut in der Pfeife siem einfach nur eine besonders überzeugende Aura der Weisheit?
Ich setzte mich dazu. Irgendetwas an Nadirs Art verschaffte mir Erleichterung, selbst wenn sier nur unzusammenhängendes Gerede von sich zu geben schien, in dem ich selbst einen Sinn finden musste.
Nadir blies einen weiteren Schwall Rauch in die Luft und lächelte mich schief an. Als ich sien zum ersten Mal getroffen hatte, waren sies Augen gelb mit senkrechten Pupillen gewesen. Jetzt benutzte Nadir offenbar eine andere Sternenstaubverzauberung. Diese Substanz wurde aus gefallenen Sternen hergestellt und mit Zaubern für die verschiedensten kosmetischen und praktischen Anwendungen versehen. Jedenfalls waren sies Augen jetzt leuchtend grün mit runden Pupillen.
Mein Blick fiel auf die fluoreszierenden blauen Blüten der hochgewachsenen, dornigen Pflanze vor dem Fenster. Eine schöne, harmlos wirkende Blume, die für meine Art allerdings giftig war. Je nach Verwendung und Dosierung konnten damit die magischen Fähigkeiten und körperliche Stärke von Celestials geschwächt werden.
Nadir folgte meinem Blick. »Beunruhigt dich die Nebulora?«
»Warum baust du diese Pflanze an?«
Sier zuckte unbekümmert mit den Schultern. »Das ist nichts Persönliches gegen dein Volk. Ich besitze Obsidian, das Celestials ebenfalls schaden kann, und Sturmstein, der für Vampire tödlich ist. All diese Materialien verstecken sich hier in für dich unerkennbarer Form.«
Verwirrt runzelte ich die Stirn. »In unerkennbarer Form?«
»Es geht nicht immer darum, die Waffe zu besitzen, sondern sie auf unerwartete Art einsetzen zu können.«
Nadir sprach gerne in Rätseln. Normalerweise würde ich mitspielen, aber dazu war ich heute zu angespannt.
»Die Nebulora ist ziemlich offensichtlich.«
»Jetzt ist sie fast vollständig aufgeblüht. Danach wirst du sie womöglich nie wieder sehen.«
Unwillkürlich überlief mich ein Schauer, als ich die kosmische Pflanze noch einmal ansah, die aus der vom weißen Schnee unberührten Erde wuchs. Wenn ich an Waffen dachte, kamen mir scharfe Klingen und magische Kräfte in den Sinn. Aber hier sah ich etwas so Stilles und Wunderschönes vor mir, von dem ich doch wusste, dass es mich auf viel listigere Weise töten konnte.
»In deinem Zimmer wartet ein Geschenk auf dich«, sagte Nadir.
Das kam überraschend. Ich wollte Nadirs Freundlichkeit nicht infrage stellen, aber es war unerwartet, jetzt etwas zu bekommen, nachdem wir bereits wochenlang hier wohnten.
»Was ist es?«, fragte ich argwöhnisch.
»Ich kann doch nicht zulassen, dass du sowohl unbegleitet als auch schlecht ausgerüstet bist.« In Nadirs Blick lag ein stummer Vorwurf.
Ein weiteres Mal fragte ich mich, ob Nadir irgendeine Art hellseherischer Gabe besaß. Ich bestätigte nicht, dass ich vorhatte, allein loszuziehen. Das war auch gar nicht nötig.
»Danke«, sagte ich.
»Unbegleitet wohin?«, fragte Drystan, als er eintrat. Er umrundete den Kamin, griff sich Nadirs Pfeife und nahm einen langen, tiefen Zug.
So entspannt, wie er wirkte, sobald er den Rauch wieder ausgeatmet hatte, regte sich doch langsam Interesse in mir, das Kraut auch zu probieren, oder zumindest herauszufinden, worum es sich handelte.
»Ich wollte morgen trainieren, aber offenbar wird mein Gegner irgendein kräftiger Baum sein müssen«, log ich, ohne zu zögern.
Drystan zog eine Augenbraue hoch und machte es sich auf dem Kaminvorleger bequem. Ein Bein aufgestellt, saß er entspannter da, als ich ihn seit Langem gesehen hatte. Vielleicht lag es an unserer neuen, vielversprechenden Theorie dazu, wie wir Nyte wecken könnten. Falls es nicht funktionierte, hoffte ich bloß, dass die zerstörte Hoffnung ihn nicht noch niedergeschlagener zurücklassen würde.
»In dir steckt unbegrenzte Macht, und du willst mit Fechttraining deine Zeit verschwenden?«
»Sie kann sich nicht auf eine Fähigkeit verlassen, die ihr genommen werden könnte.«
Erneut blieb mein Blick an der leuchtend blau blühenden Nebulora hängen, und ich bekam eine Gänsehaut. Sie war eine Mahnung, dass keine Macht unaufhaltsam war.
»Beeinflussen die herabstürzenden Sterne deine Magie?«, fragte Drystan mich neugierig, als wäre ich ein Forschungsobjekt, zu dem er sich Notizen machte.
Die Sterne verursachten mehr Zerstörung als je zuvor. Schon früher waren die Lücken zwischen ihnen immer weitergewachsen, aber jetzt rauschten sie zum ersten Mal in Form von katastrophalen, brennenden Felsbrocken auf die Erde zu.
»Nein. Das kosmische Ungleichgewicht scheint mich nicht so sehr zu beeinflussen wie andere Celestials.«
»Wenn wir Eltanin zurückhaben, sollten wir vielleicht einfach abwarten, bis die celestiale Magie so sehr geschwächt ist, dass wir einen Vorteil haben«, überlegte Drystan laut.
Ich schüttelte den Kopf. »Meinen Krieg habe ich mit Auster und deinem Vater auszutragen, sonst niemandem. Ich will so viele aus meinem Volk verschonen wie möglich. Je länger wir warten, desto mehr Unschuldige können sie gegen mich aufstacheln.«
»Außerdem«, warf Nadir ein, »würde es Jahrzehnte dauern, bis sie merklich geschwächt sind, und ihre Fähigkeiten mit den Waffen Normalsterblicher werden dadurch nicht beeinflusst.«
Drystan brummte und nahm einen weiteren tiefen Zug aus der Pfeife, bevor er sie Nadir zurückgab. Dann zog er ein kleines Notizbuch aus der Gesäßtasche. Ich ließ ihn in Ruhe, während er gedankenversunken seine Aufzeichnungen durchblätterte.
»Ich gehe mich jetzt hinlegen«, murmelte ich.
Drystan blickte nicht auf. Doch Nadir schenkte mir die Andeutung eines Lächelns, begleitet von einem Kopfnicken und einem unausgesprochenen, zärtlichen Abschied in den hellgrünen Augen.
