The IONE Evolution - Stephan Lasser - E-Book
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The IONE Evolution E-Book

Stephan Lasser

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Beschreibung

Im Jahr 2658 pulsiert NewTokyo zwischen Neonträumen und dunklen Gassen. Bruce Rylon, einst Kopfgeldjäger und nun auf der Flucht, steht vor den Trümmern seines alten Lebens: pleite, ohne Heimat, und mit einer beschädigten KI, die mehr als nur eine Maschine war. Inmitten von Yakuza-Clans, Megakonzernen und skrupellosen Machtspielen muss Bruce sich neu definieren – und entscheiden, wem er vertrauen kann.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Stephan Lasser

The IONE Evolution

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Table of Contents

Vorwort

1. Lonely, i´m so lonely

2. Yuki stellt sich vor

3. Alte und neue Feinde

4. Eine Nacht im Hotel

5. Eine teuflische Flucht

6. IONE is back

7. Flucht (mal wieder)

9. Solo- Nummer

10. Abflug…ohne Plan

Epilog

Impressum neobooks

Table of Contents

Die IONE Evolution

Band 4: Uriwatashi – Der Ausverkauf

Science Fiction

Von Stephan Lasser

Jede Ähnlichkeit mit Personen, die gelebt haben, jede Übereinstimmung der Namen, Orte kann bloß auf zufälligem Zusammentreffen beruhen, und der Verfasser lehnt dafür im Namen unveräußerlicher Rechte der Einbildungskraft die Verantwortung ab.

Copyright © 2025 Stephan Lasser

Alle Rechte vorbehalten.

Bild wurde KI-generiert

Vorwort

Diese Geschichte beginnt nicht mit einer Heldentat, sondern mit einem Schritt zur Seite. Mit dem Moment, in dem ein vertrauter Weg endet und ein neuer sich öffnet – unsicher, gefährlich, unwiderruflich. Uriwatashi – Der Ausverkauf erzählt von genau diesen Übergängen: von dem, was wir zurücklassen müssen, um voranzukommen, und von dem Preis, den Veränderung immer fordert.

Im Kern ist dieser Roman eine Geschichte über Freundschaft. Nicht über die bequeme, selbstverständliche Art, sondern über jene Verbindungen, die im Druck entstehen: zwischen Menschen, die sich nicht gesucht haben, aber aufeinander angewiesen sind. Freundschaft als Entscheidung, nicht als Zufall. Als stilles Versprechen, auch dann zu bleiben, wenn Flucht einfacher wäre.

Zugleich geht es um neue Wege im Leben – und um den Mut, sie tatsächlich zu gehen. Um das Verlassen alter Rollen, Erwartungen und Sicherheiten. Um das Risiko, sich selbst neu zu definieren, obwohl die Welt um einen herum versucht, alles beim Alten zu halten. In einer Umgebung, in der Macht, Loyalität und Verrat alltägliche Währungen sind, wird jede persönliche Entscheidung politisch, jede Nähe gefährlich.

Der Begriff Uriwatashi – der Ausverkauf – steht dabei nicht nur für einen brutalen Machtwechsel oder den Verrat an alten Strukturen. Er steht auch für das Loslassen: von Illusionen, von falschen Sicherheiten, von dem Menschen, der man einmal war. Manchmal ist der Ausverkauf kein Zeichen von Schwäche, sondern der einzige Weg, Platz für etwas Neues zu schaffen.

Dieser Roman lädt dazu ein, sich genau diesen Momenten zu stellen. Den leisen ebenso wie den gewaltsamen. Und sich zu fragen, was es wirklich bedeutet, seinen eigenen Weg zu wählen – und wer bereit ist, ihn mitzugehen.

Viel Vergnügen.

Inhalt

Vorwort

1. Lonely, i´m so lonely

2. Yuki stellt sich vor

3. Alte und neue Feinde

4. Eine Nacht im Hotel

5. Eine teuflische Flucht

6. IONE is back

7. Flucht (mal wieder)

9. Solo- Nummer

10. Abflug…ohne Plan

Epilog

1. Lonely, i´m so lonely

31.Juni 2658, 14.40 Uhr – NewTokyo auf der Erde, Bunkyō:

NewTokyo wirkt auf den ersten Blick wie eine Stadt, die niemals schläft — aber in Wahrheit träumt sie, und jeder Traum ist aus Neon gebaut. „Wo fahren wir hin“, frage ich Hayate, der mir bei meinem letzten Job helfend zur Seite stand und nun den Cameo fährt. Haruto “Hayate“ Kai, gesucht wegen schweren Einbruch, Diebstahl und Hehlerei, trägt einen schwarzen Ledermantel und ist gut in dem, was er tut. Nur er kennt sich hier aus und ich muss ihm bedingungslos vertrauen. „Zu meinem Onkel. Wirst schon sehen.“

Ich sitze daneben, den Blick an der Fensterscheibe festgeklebt, während wir uns durch die schimmernden Ebenen von NewTokyo schieben. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie gut ich aus HyperCity 017 gelernt habe – und ob ich wieder bei null anfangen kann. Die unteren Bezirke verschwimmen unter uns wie ein chaotisches, pulsierendes Organ – über uns streifen Drohnen die Nacht, ziehen helle Linien in den Himmel. „Little Neon“, meint Hayate und deutet zu einer Ausfahrt, die zum oberen Teil führt und sogar eine Passkontrolle hat. „Die Reichen leben in den oberen Etagen, wo künstliche Gärten zwischen metallenen Brücken hängen und der Regen nie den Boden berührt, sondern bereits in ionisierten Wolken gereinigt wird. „Einmal dort oben sein“, schwärmt er mir vor, „und du hast es geschafft…“ Er erzählt weiter: Augmentierte in teuren Körpermodellen flanieren dort mit der Selbstverständlichkeit von Halbgöttern: Splitterchrom-Haut, retinale Goldringe, Stimmenfilter, die klingen, als wären sie für Opernhallen gebaut.

„Da fahren wir nicht hin, was?“

Er lenkt den Wagen auf die mittlere Autobahnspur und ich erkenne, dass NewTokyo eine Stadt der Kontraste ist. Technologisch überdreht, kulturell tief verwurzelt. „Hier schlägt NewTokyos Herz. Die Mittlere Ebene -Datenhafen Süd.“ Alte Tradition mischt sich mit glitzernder Dekadenz. Ein Ort, an dem ein Schwert neben einem Multitool existiert, ein Teehaus neben einer Plasmawerkstatt. Dicht gedrängte Gassen, so eng, dass die Neonreklamen sich gegenseitig überstrahlen. Stromkabel hängen wie Lianen von den Gebäuden, während Händler ihre Stände zwischen holografischen Bannern aufbauen, die nie richtig funktionieren.

Wir fahren durch einen Stau und es riecht nach Öl, metallischem Regen und gegrilltem Straßenessen. Hier leben die, die die Stadt tragen: Mechaniker, Datenkuriere, Straßendoktoren, Gangs, Familien, die ihren Glauben zwischen Kabeln aufgehängt haben.

„Wir suchen für dich Arbeit“, beginnt er an einer roten Ampel zu sprechen an, „es gibt Dauerschichten, vier oder auch fünf Tätigkeiten und die Aussicht auf eine Matratze allein für dich. Beweg dich nicht von deinem Platz fort - hier kann jeder verloren gehen. Oder gefunden werden. Manchmal gleichzeitig.“

„Du machst mir Mut – besten Dank. Was ist mit der Unteren Ebene?“

„Die Schirmgasse. Davon solltest du dich fernhalten. Wenn man in NewTokyo nach unten geht, wird es nicht dunkler – sondern anders hell. Die Lichtquellen kommen nicht mehr aus Werbetafeln, sondern aus alten Röhren, offenen Serverschächten, modifizierten Motorrädern und illegalen Implantatwerkstätten. Bruce, ich mein das ernst: sei höflich und arbeite hart. Ist ja nicht für lange.“

Er hat recht. Ich habe gerade einem Professor für Kognitive Robotik zehn Millionen DAHL gezahlt, damit er meine KI IONE repariert und bin jetzt so pleite wie die sprichwörtliche Kirchenmaus. Draußen im All haben wir gegen eine teuflische KI gekämpft und mehr verloren als wir verdauen konnten: über die Hälfte des Teams, und meine hochfunktionale und besonders liebenswürdige KI ein fettes Trauma verpasst. Das Gewicht der Entscheidungen der letzten Stunden liegt auf mir, drückt auf meine Schultern, während Hayate mich beobachtet. Kein Lächeln, kein Urteil — nur diese nüchterne Abfrage, die mehr über mich aussagt als alles andere.

Vor uns öffnet sich das Unterhaltungsviertel, eine gigantische Schlucht aus bunten Papierschirmen, die wie schwimmende Inseln über den Gehsteigen hängen. Jeder Schirm beleuchtet ein kleines Stück Wirklichkeit: ein Barstand, ein Straßenkoch, ein Spieler, ein Cybergirl mit einer Stimme wie ein Synthesizerfehler.

Der Cameo rollt langsam aus. Der Motor hustet ein letztes Mal und verstummt.

Hayate knackt die Knöchel. „Kein Stress, Bruce. Machen wir uns bereit.“

Ich steige aus und stoße gleich mit einem Droschgenfahrer zusammen der mich wütend in einer fremden Sprache anbrüllt, dass ich verdutzt zusammenfahre. „Oriru mae ni, chanto miro yo!“

Hayate kontert: „Jibun de ki o tsukero yo, baka!“ Und ich verstehe nichts. „Was hat er gesagt?“

„Bleib da. Ich komme gleich wieder.“

Der Laden, in dem Hayate verschwindet, ist kaum größer als eine Besenkammer. Grelles Grün flackert über der Tür: USN-SUPPLY / LINGUAL MODS / NO REFUNDS.

Ein paar Minuten später schiebt er sich wieder heraus, ein breites Grinsen im Gesicht und eine kleine weiße Schachtel in der Hand. „Hier.“ Er drückt sie mir gegen die Brust. „Du nervst mit deinem Was hat er gesagt?“

Ich hebe eine Braue. „Was ist das?“

Hayate klappt die Schachtel auf, als hätte er einen seltenen Schatz entdeckt. Darin liegt ein flacher, dunkler Chip mit einer hauchdünnen Silberkante – kaum so groß wie ein Fingernagel. „USN-Chip. United Speech Nexus. Übersetzt dir alles Japanische direkt in deinen auditiven Nerv.“ Er tippt gegen seine Schläfe. „Ich bin Japaner- du nicht. Du wirst dich aber dran gewöhnen. Oder kotzen. Eins von beidem.“

„Wie… viel hat der gekostet?“

„Keine Sorge.“ Er winkt ab, als wär’s ein Kaugummi. „Hab’s mit meinem Gang-Konto bezahlt. Und bevor du fragst: Nein, das bedeutet nicht, dass du zu uns gehörst. Das bedeutet nur, dass ich keine Lust hab, dir ständig hinterher zu brüllen.“ Er tippt energisch auf den Chip. „Komm, mach schon. Hinterm Ohr, unter die Haut. Tut kaum weh.“

Ich zögere.

Hayate rollt die Augen, greift selbst nach dem Chip, hebt ihn wie eine Pinzette zwischen Daumen und Zeigefinger und knurrt: 「自分で気をつけろよ!」“Jibun de ki o tsukero yo!“

Dank des Chips, der sich gerade erst mit einem Klick an meiner Haut verankert hat, höre ich gleichzeitig die Übersetzung in meinem Kopf: „Pass doch selbst auf!“

Ich blinzele überrascht.

Hayate grinst zufrieden. „Na siehste. Funktioniert.“ Er schlägt die Tür des Cameo auf. „Willkommen in NewTokyo, Bruce. Jetzt verstehst du wenigstens, wenn dich jemand beleidigt.“

Hayato nennt es „Bürgen“.

Ich nenne es „in der Schuld eines Mannes stehen, der nicht einmal seinem eigenen Spiegelbild vertraut“.

Aber ohne IONE bin ich blind, und ohne Arbeit bin ich tot. Also stehe ich jetzt hier – im Herz eines Bezirks, der mehr Neonlichter hat als Menschen mit Gewissen. Und dann sind da die Papierschirme, überall, sogar im künstlichen Wind der Ventilatoren. Rot, Blau, Jadegrün – manche mit Kalligraphin, manche mit alten Mustern. Sie flattern zwischen den Gassen, spenden Schatten, sammeln Regenwasser, markieren Treffpunkte von Gangs, Händlern oder Liebenden. Hier sieht man die Alltagsergänzten: provisorische Armprothesen, billige Netzhautlinsen, Stimmpatches, die kratzen. Menschen, die versuchen, mit der Geschwindigkeit der Stadt Schritt zu halten. „Hattest du je das Gefühl, du hättest viel Potenzial und versauerst als kleines Rädchen in einem Ausbeuterbetrieb? Tja, ich nicht. Hier rein.“ Der Copyshop wirkt von außen wie ein völlig harmloser Laden – ein Ort, an dem man theoretisch nur Dokumente drucken oder IDs laminieren lässt. In Wahrheit ist er ein dreistöckiges Biest, das sich wie ein Datenknoten in die Mittelschicht von NewTokyo gefressen hat. Der Eingangsraum ist eng, überfüllt mit: billigen Druckern, die aussehen, als stünden sie kurz vorm Zerbersten, stapelweise Papierpaketen, manche geöffnet, manche mit fremden Logos und Greetscreens, die freundlich flackern und in fünf Sprachen „WELCOME“ ausspucken. „Das ist der Laden meines Onkels. Hier arbeitest du.“ Plötzlich fasst er mich an die Schulter um meine ganze Aufmerksamkeit sicher zu sein. „Bruce, ich muss dich warnen: du wirst absonderliche Dinge sehen und grausige Dinge tun um die ich dich wahrlich nicht beneide.“ Dass er dabei mitfühlend mich anstarrt, lässt mich kurz erschauern. „Im Ernst, das wird kein Spaß…“

Ich spüre zum ersten Mal, wie klein ich in dieser Stadt bin. Und wie leicht man mich umschreiben könnte – wie ein Dokument, das jemand versehentlich doppelseitig druckt. „Machs nicht so spannend, Hayate! Ich war lange Zeit Zeitarbeiter auf vier Jobs – so schlimm wird es schon nicht sein!“ Hoffe ich.

„Ich gehe ihn suchen. Warte hier.“ Er geht fort.

Und warte.

Der alte Mann tritt aus dem schmalen Seitengang hervor, als hätte ihn der Laden selbst ausgespuckt. Die Neonröhren über ihm flackern und werfen ein hartes Licht auf seine Haut — eine blasse, dünne Leinwand, dicht übersät mit verblichenen Tattoos: alte Yakuza-Motive, Schutzgeister, Wellen, Schädel. Einige Linien verlaufen wie eingerissen, als hätte die Zeit selbst darin herumgekratzt. Er sieht mich prüfend an. „Wer ist die Sommersprossenvisage? Schon wieder ein westlicher Teufel, den wir durchfüttern müssen...?“ Er trägt ein ausgewaschenes Unterhemd, das an einer Schulter herunterhängt, und eine graue Jogginghose, die an den Knöcheln ausgebeult ist. Und er reicht mir bis zur Hüfte.

„Ziemlich aggressive Art jemanden so zu begrüßen…“

„Seht euch nur diese Bohnenstange an! Du bist nur Haut und Knochen, Kid. Du solltest mehr essen, neh?“ Die Augen dagegen sind scharf: milchig vom Alter, aber messerscharf im Ausdruck. Plötzlich kommt er heran und umarmt mich. Das bin ich nicht gewohnt, und das merkt er sofort. „Warum so angespannt? Ist nur eine Umarmung, kein Handjob. Warum lässt du dich von fremden Männern umarmen?“

Ich habe keinen Lust auf sowas. „Hör mal, Wurzelzwerg, ich hatte eine anstrengende Woche und komme gerade aus dem All wo wir nichts anderes als Schmerzen gefunden haben. Warum züchtest du nicht deine Demenz weiter, während ich versuche es ruhig angehen zu lassen…“

„Ich grüße euch, Vorsitzender“, sagt Hayate mit würdevoller Stimme und verbeugt sich vor ihm.

„Oh, Mist.“

„Ich kann dich jetzt schon nicht leiden, Junge.“ An der linken Hand fehlen ihm zwei Finger. Am rechten Unterarm ist ein alter Barcode eintätowiert, über den schwarze Tinte grob geschmiert wurde, um ihn unlesbar zu machen. „Wie würde es dir gefallen, wenn wir dir die Daumen abschneiden und auf den Strich schicken!?“ Plötzlich lacht er, als sei nichts passiert: „Hah, komm runter, Gaijin. Hayate hat mir gesagt, dass du in Ordnung bist. Und ich glaube meinem Neffen. Fühlst du dich schlecht? Gut. Können wir nochmal anfangen?“

Ein Yakuza. Die Yakuza ist nicht irgendeine Gang. Sie ist der Boden unter allem, was hier passiert. Unsichtbar und gleichzeitig allgegenwärtig – wie die Stromkabel über den Straßen, die man erst sieht, wenn man hochschaut. Ich weiß das. Und ich weiß auch, dass jemand wie ich — Ausländer, nicht vernetzt, ohne Clan, ohne Geschichte, kurz ein Gaijin — hier normalerweise nicht überlebt, wenn er einen Fehler macht. „Entschuldigt bitte“, höre ich mich im makellosem Japanisch reden. „Ich war zu unhöflich.“

Hayate stößt mich von der Seite an. „Wir müssen uns vielleicht damit abfinden, dass das das Beste war, war er jemals abliefern wird, Onkel. Aber die Situation jetzt war auch nicht ideal. Im All hat er als Einziger loyal zu mir gestanden, und das, obwohl ein Meta-Hund vierzig Typen als Pinata aufgehängt und ihm seine Freundin weggeschnappt hat.“

„Wir haben alle unsere Probleme, Neffe.“

„Es tut mir leid…“

Ihm reicht meine Entschuldigung. „Hasegawa Genji von den Tetsukiba-gumi. Du darfst Onkel Genji zu mir sagen. Bruce, richtig?“ Er sieht mich prüfend an. Die Neonröhren über ihm flackern und werfen ein hartes Licht auf seine Haut — eine blasse, dünne Leinwand, dicht übersät mit verblichenen Tattoos: alte Yakuza-Motive, Schutzgeister, Wellen, Schädel. „Rede nie wieder darüber, Gaijin. Deine KI ist Milliarden wert – wenn die anderen davon erfahren, werden sie sie dir klauen. Ich würde es sogar machen“, fügt er kaltlächelnd hinzu, „sie dir abnehmen- nur um mir die Gunst von Helix Dominion zu sichern. Wer weiß, vielleicht würde ich sie dir kurz vorher sogar borgen, damit du ihr „Ich liebe dich“ sagen kannst, nur um dann dein verdutztes Gesicht zu sehen, wenn ich sie dir wieder abnehme. Geld kann man nie genug haben, eh?“ Er lacht leise auf.

„Onkel…,“

„…aber wir bei Tetsukiba-gumi haben Ehre, okay? Und das wird sich in Zukunft auch nicht ändern. So, was mache ich jetzt mit dir?“

„Rausschmisstag?“

Er schüttelt mit dem Kopf. „Zufällig habe ich eine Schwäche für hoffnungslose Fälle wie dich, Gaijin. Ich glaube, du könntest eine andere Perspektive gebrauchen. Du bist für mich da.“

Hayate zeigt auf den alten Mann. „DAS ist dein Job.“

Ich starre sie beide verdutzt an, und Hayate erklärt: „Rahmen holen, Zeitung besorgen, Zigaretten und den ganzen Mist.“

Onkle Genji – ab sofort nenne ich ihn so – lächelt breit und verschlagen: „Müll rausbringen wäre auch nicht schlecht, und wenn ich darüber nachdenke wie du dich hier eingeführt hast“, plötzlich zieht er die Hose runter, „…ich habe hier einen Pickel rechts neben meinem Sack…“

Hayate schaut peinlich berührt zur Seite. „Onkel…“

„Was!?“ Genji zieht die Hose wieder hoch. „Ich mach dich zu meiner bitch, okay? War nur Spaß, Bruce.“ Wir beide lachen fast synchron. Na bitte. Keine Probleme. Wir sind alle Freunde, oder? „Was hat ihr Neffe Ihnen noch gesagt?“

„Alles.“ Er grinst, dreht sich um und geht die Treppe hoch.

Ich werfe Hayate einen wütenden Blick zu. Er zuckt mit den Schultern und geht voraus.

Onkel Genji ist schnell für sein Alter. „Professor Hiroshi Takeda wird sich an der Abmachung halten. Er gehört zu uns, und sein Wort ist was wert. Du bist in vier Wochen wieder unterwegs… bis dahin will ich 130% Leistung sehen, klar? Du tust, was ich sage – oder das hier ähnelt einer ziemlich schlechten Folge von „Pfad der Toten“.“ Er rollt bedrohlich mit den Augen, während er die Treppe bis ins oberste Stock geht.

„Kenn ich die?“ frage ich Hayate.

„Trash-Serie, rührseliger Mist, bei der die Leute sich finden, sich mögen, gegen Zombies kämpfen und...sterben. Frag nicht weiter.“ Hayate winkt müde ab. „Ich mach uns Tee, ja?“

Ganz oben im dritten Stock angekommen ist es überraschend leise. Der obere Raum ist eine Mischung aus Archiv, Ritualkammer und illegalem Designstudio. Regale bis zur Decke: Festplatten alter Art, beschriftet mit Codes, Kassetten, Akten voller Menschen, die vielleicht existieren oder nie existiert haben und Server-Stelen, die unter einem blauen Licht glimmen. Drei Angestellte verbeugen sich vor Onkel Genji und verschwinden auf einen Fingerzeig von ihm. Während Hayate an einer Kochzeile den Tee zubereitet, führt er mich zu einem sauberen Platz, an dem wir uns gegenübersitzen. „Wir sind die Tetsukiba-gumi, eine kleine Familie mit rund 40 Familienmitgliedern und zweihundert Angestellten. Wir leben hier, seit der erste Japaner Tokyo errichtete. Wir gehören zu den einundsechzig Familien, die in Japan etwas zu sagen haben. Wir sind klein, verdienen mit Wetten und Glücksspiel im Mittleren Bereich unser Geld und konkurrieren nicht mit den anderen. Das nur zur Info – du wirst hier arbeiten, natürlich nichts Illegales, und dann wieder gehen… Deal?“

„Sehr gern, …Onkel.“

„Du kannst hier schlafen.“ Er deutet auf die Matratze neben dem eine langen Werkbank voller Mikrochips, Lichtleiter, Sprachmodule. „Und du vergisst besser, was du hier aufschnappst.“ Plötzlich wechselt er das Thema: „Hat er sich gut gemacht? Mmh? Mein Hayate?“

Ich nicke eifrig. „Er hat uns das Leben mehr als einmal gerettet.“

„Er ist ein Dieb – machen wir uns nichts vor. Aber ich habe ihn ausbilden lassen, weil er mich darum bat. Zufällig macht ihm sein Talent Spaß – wichtiger noch, dass er so für uns einen großen Nutzen hat. Wir denken da ganz pragmatisch“, sagt er grinsend. „Du kommst mir gerade sehr gelegen, denn meine wohl überdachte Freundlichkeit hat ihren Preis: einen Job. Ich werde in wenigen Tagen kommen und dich einweihen. Wollen wir beginnen?“

Ich habe schnell gelernt, was es bedeutet, für Onkel Genji zu arbeiten. Und nein, es hat nichts mit Respekt oder Ehre zu tun. Es hat etwas damit zu tun, dass man immer irgendwo hinten in der Nahrungskette steht — genau dort, wo man die Drecksarbeit macht, während andere lachen und essen.

Morgens schleppe ich die Zeitung in den dritten Stock auf den Boden. Jede Seite knistert, als würde sie mir ins Gesicht lachen, während ich die Werbeanzeigen wegfaltet und die Schlagzeilen an meine Stirn drücke, als könnte ich dadurch wenigstens ein bisschen Kontrolle gewinnen.

Dann kommt das Frühstück. Ich koche Reis, schneide Fisch, brate Eier und halte den Teller so, dass Genji nur einen Fingerbewegung braucht, um zuzugreifen.

Wenn ich einen Fehler mache, gibt es kein lautes Anschreien. Nein, er hebt nur die Augenbraue. Diese eine Augenbraue ist gefährlicher als jede Pistole, die ich je gesehen habe.

Toiletten putzen, Böden wischen, Keller aufräumen — alles Aufgaben, die mich glauben lassen, dass ich die Stadt neu ordne, während ich nur das Chaos verschiebe.

In der Küche riecht es nach altem Öl und Reinigungsmittel, draußen dröhnt NewTokyo wie ein wütendes Tier, und ich frage mich, ob es mich bemerkt, dass ich existiere.