The Ivy Years - Bis wir uns finden - Sarina Bowen - E-Book

The Ivy Years - Bis wir uns finden E-Book

Sarina Bowen

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Beschreibung

Bist du bereit, die Liebe für ein Geheimnis aufs Spiel zu setzen?

Die junge Schauspielerin Lianne Challice hofft, dass sie am Harkness College endlich ein ganz normales Leben abseits des Presserummels führen kann. Sie will das erste Mal in ihrem Leben richtige Freunde finden, Spaß haben und sich verlieben. Und als sie Daniel "DJ" Trevi kennenlernt, erlebt sie, wie es sich anfühlt, Schmetterlinge im Bauch zu haben. Doch obwohl DJ ihre Gefühle erwidert, versucht er, Lianne auf Abstand zu halten. Denn er hat ein Geheimnis, das er nicht nur vor ihr, sondern vor allem auch vor der Öffentlichkeit verbergen will ...

"Eine Liebesgeschichte voller Emotionen und Zärtlichkeit. Lest sie und verliebt euch, wie es mir passiert ist." KRISTEN CALLIHAN, SPIEGEL-Bestseller-Autorin

Band 5 der IVY-YEARS-Reihe von USA-TODAY-Bestseller-Autorin Sarina Bowen

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Seitenzahl: 476

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

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Die Autorin

Die Romane von Sarina Bowen bei LYX

Impressum

SARINA BOWEN

The Ivy Years

BIS WIR UNS FINDEN

Roman

Ins Deutsche übertragen von Ralf Schmitz

Zu diesem Buch

Die bekannte Schauspielerin Lianne Challice hofft, dass sie am Harkness College endlich ein normales Leben führen kann. Wegen ihres Jobs wurde sie zu Hause unterrichtet und hat deshalb viel verpasst: Sie hatte noch nie Freunde, die sie nicht nur wegen ihrer Berühmtheit mochten. Sie ist noch nie zu einer Party gegangen, die ihr Agent nicht vorher ausgesucht hat. Sie hat noch nie einen Jungen geküsst, ohne dass ein Foto davon in den Medien erschienen ist – und sie war noch nie wirklich verliebt. Doch als sie Daniel »DJ« Trevi kennenlernt, erlebt sie zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, Schmetterlinge im Bauch zu haben. DJ behandelt sie nicht nur ganz normal, sondern er mag vor allem den Menschen, der sich hinter der Maske der berühmten Schauspielerin verbirgt. Bei ihm kann sie endlich sie selbst sein. Doch obwohl DJ Liannes tiefe Gefühle erwidert, stößt er sie immer wieder von sich und versucht, die unsichtbare Mauer, die ihn von den anderen Studenten zu trennen scheint, auch zwischen sich und Lianne aufrecht zu erhalten. Denn DJ hat ein Geheimnis, das er nicht nur vor Lianne, sondern insbesondere auch vor der Öffentlichkeit verbergen will …

Für Keyanna, die weiß, dass es vor allem auf Humor ankommt

1

Mein persönlicher Darth Vader

Komme, was kommen mag,

die Stund und Zeit durchläuft den rausten Tag

Shakespeare: Macbeth

Lianne

Ich habe mir vorgenommen, mich im zweiten Semester nicht nur in meinem Zimmer zu vergraben und DragonFire zu spielen. Also friere ich meinen Avatar widerwillig ein und lege den Controller weg, obwohl ich gerade mit fünfzig goldenen Lebenspunkten und brandneuen magischen Nunchakos das Dunkle Portal geknackt habe.

Klar, dass mein Bildschirm sofort von Nachrichten anderer Spieler geflutet wird: »He, Vindikator, wo willst du hin?«, »Hau jetzt nicht ab, wir stehen kurz vorm Diamantpalast!«

Ich antworte knapp, aber wahrheitsgemäß: »Ich hab ein Seminar.« Ich greife nach meiner treuen Baseballkappe und ziehe sie mir tief in die Stirn. Dann schlüpfe ich in die Jacke, hebe meine Tasche auf und stürme aus meiner Studentenbude.

Über die Feiertage habe ich überlegt, DragonFire von einem Tag auf den anderen ganz aufzugeben. Aber weil ich nur beim Spielen runterkomme, scheint mir das doch ein bisschen zu krass zu sein. Stattdessen beschränke ich mich auf nicht mehr als neunzig Minuten pro Tag. Damit bleibt mir heute Abend noch fast eine Stunde, um meine Drachen zu füttern und ein paar der Gänge zu erkunden, die ich heute früh entdeckt habe.

Das muss reichen.

Aber als ich die Treppe hinuntertrabe und den prächtig gepflasterten Hof betrete, frage ich mich bereits, ob neunzig Minuten wirklich reichen. Schließlich geht es von meiner Zeit ab, wenn mir meine Cyber-Kumpel endlos Nachrichten schicken …

Das Semester ist erst ein paar Stunden alt, und ich zerbreche mir jetzt schon den Kopf.

Da ich spät dran bin, flitze ich über die College Street und nehme die Abkürzung durch das Gebäude der Anglistik-Fakultät. Der Ziegelbau des Fachbereichs Theater liegt gleich dahinter. Ich liebe die altertümliche Architektur hier – die Wasserspeier und die gotischen Gewölbebögen. Allerdings habe ich mich nicht für das Harkness-College entschieden, weil es hier aussieht wie auf einem grandiosen Filmset. Sondern weil ich eine richtige College-Studentin sein wollte. Weil ich das Komplettpaket wollte, mit staubtrockenen Professoren, dicken Wälzern, Partys und Abhängen mit Freunden im Wohnheim.

Ich wollte mich im ersten Semester nicht auf meinem Zimmer verstecken, aber leider ist es viel schwerer als gedacht, sich hier einzugewöhnen und anzupassen.

Doch seit der Vorweihnachtszeit läuft es allmählich etwas besser. Ich habe inzwischen zwei gute Freunde, auch wenn ich irgendwie nur das Reserverad für die beiden bin. Und ich habe mich sozusagen vertraglich verpflichtet, in Zukunft mehr Zeit mit richtigen Menschen zu verbringen statt nur vor dem Bildschirm.

Obwohl Bildschirme schon echt geil sind. Und ich stehe auf mein anderes Ich – Vindikator. Kein Mensch im Internet ahnt, dass ich in Wahrheit Schauspielerin bin und mit einem Zauberstab Millionen verdient habe. Dort vergehen Tage, ohne dass irgendwer Witze über Prinzessin Vindi reißt.

Ich bin fast am Ziel, als mein Handy wie eine kaputte Türklingel zu scheppern beginnt; mit jedem Signal rasselt eine neue Nachricht meines Managers herein. Ich ziehe das Handy aus der Tasche und gehe die Nachrichten durch. »Lianne, antworte gefälligst!«, »Wo steckst du?«, »Ruf mich so schnell wie möglich an!«

Als ich mit neunzehn beschloss, wie ein ganz normales Mädchen aufs College zu gehen, musste ich mit meinem Manager ein paar Regeln vereinbaren. Zum Beispiel sollte er während der Unterrichtszeit wenigstens versuchen, meinen Stundenplan zu berücksichtigen.

Was er aber nicht tut.

Im nächsten Moment stimmt mein Handy den »Imperial March« aus Star Wars an. Ich würde meinen persönlichen Darth Vader ja nur zu gerne ignorieren, aber da ich gerade auf dem Weg zu einem Seminar bin, möchte ich das Handy auch nicht komplett abschalten müssen, um seine auf mich einstürmenden Nachrichten zu unterdrücken.

Also bleibe ich auf den Schieferplatten stehen und gehe ran. »Bob? Ich habe ein Seminar! Was ist denn so wichtig?«

»Ich habe dir ein Drehbuch geschickt, das heute Nachmittag bei dir ankommen müsste.«

Ich muss zugeben, dass ich ein Kribbeln spüre, als ich ihn das sagen höre. Obwohl die nächsten beiden Jahre bereits verplant sind, gefällt es mir wie allen anderen Menschen auch, begehrt zu sein. Mein Herz schlägt wie mit Schmetterlingsflügeln. »Was ist es denn?«

»Dein nächster Einsatz als Prinzessin Vindi.«

Knirsch! Der Schmetterling verendet auf dem Gehweg. »Und worin besteht die Neuigkeit?«, frage ich, schon weniger freundlich. So laufen die Gespräche mit Bob immer: Ich nehme mir vor, nett zu ihm zu sein, und dreißig Sekunden später schreie ich ihn an. »Wir drehen erst ab Mai. Warum soll ich das Drehbuch dann schon im Januar lesen?« Abgesehen davon mache ich den Film sowieso, ob es mir passt oder nicht. Dazu bin ich vertraglich verpflichtet.

Aber zum Glück wird das der letzte Sorcerer-Teil. Wenn der Sommer vorbei ist, werde ich nie wieder Prinzessin Vindi sein müssen. Nie wieder werde ich das Näschen krausziehen und irgendwen in einen Frosch verwandeln oder mein Zepter schwingen müssen, um den Teufel persönlich auszutreiben.

»Du musst es jetzt lesen, weil es eine Vertragsklausel gibt, die wir nachverhandeln müssen. Nacktszenen betreffend, Schatz. Die Prinzessin soll es im nächsten Film nämlich mit Valdor treiben.«

»Was?«, quieke ich entsetzt. »Das stand aber nicht im Exposé!«

»Das Techtelmechtel schon. Den Rest haben dann die Autoren reingeschrieben.«

Das dreht mir den Magen um. »Eine Sexszene? Wirklich?«

»Allzu pikant wird es nicht werden. Wegen der Jugendfreigabe. Lies das Drehbuch, dann verhandeln wir, wie weit du gehen willst. Außerdem versuchen wir, mehr herauszuschlagen.«

Scheiße! Ich kann Bob förmlich anhören, wie sehr ihm diese Vorstellung behagt. Der Kerl würde mich bedenkenlos in die Sklaverei verkaufen, wenn er damit sein Einkommen aufbessern könnte.

»Ich muss jetzt mit Sony telefonieren«, sagt er nun. »Sorg dafür, dass du mein Päckchen bekommst.«

»Warte!«, schreie ich. »Was ist mit dem Schottendrama? Hast du was von dem Regisseur gehört?«

»Darüber reden wir später.«

»Bob! Ich weiß, du hörst mir nicht gern zu, wenn ich was sage, aber die Rolle bedeutet mir alles. Du hast gesagt, du würdest …«

»Ich muss los«, sagt er noch, dann bricht die Verbindung ab.

Verdammt. Verdammt. Verdammt!

Jetzt bin ich nicht nur von der Rolle, sondern komme auch noch zu spät zum Seminar. Ich schiebe das Handy zurück in die Tasche, sprinte die Stufen hinauf, haste ins Gebäude und laufe den Korridor zum Hörsaal hinunter, in dem mein Seminar über das Theater des 20. Jahrhunderts stattfindet.

Ich komme gerne rechtzeitig zu meinen Lehrveranstaltungen und mag es, in der ersten Reihe zu sitzen. Nicht weil ich eine Streberin bin. Ich stehe bloß nicht auf große Auftritte. Heute bleibt mir jedoch nichts anderes übrig. Als ich endlich ankomme, ist es genau eine Minute nach elf. Und die Tür zu Raum 201 quietscht auch noch.

Das war so klar.

Als ich mich hineinstehlen will, drehen sich mindestens ein Dutzend Köpfe in meine Richtung. Der Professor – die typische Bohnenstange mit einem Stapel Arbeitsblättern unterm Arm – verstummt mitten im Satz und beobachtet mein Erscheinen.

In dem Moment höre ich das erste Kichern und sehe die ersten Brauen amüsiert in die Höhe fahren. Von irgendwoher dringt ein Zischen an mein Ohr: »Prinzessin Vindi.« Gefolgt von Glucksen.

Ich sehe mich nicht nach der Quelle des Gelächters um, weil es besser ist, nicht zu wissen, welcher Idiot sich schon jetzt über mich lustig macht. Außerdem suche ich gerade einen freien Platz.

Zu meinem Pech verfügt dieser Hörsaal statt Sitzreihen über einen riesigen Konferenztisch in der Mitte. Panisch stelle ich fest, dass es dort keinen freien Platz mehr gibt. Die noch nicht besetzten massiven Holzstühle stehen an der Wand aufgereiht. Ich packe einen und wuchte ihn an den Tisch. Je eher ich mich hinsetze, desto eher richten sich die Blicke aller wieder auf den Prof. Doch der Stuhl schrammt laut protestierend über den Holzfußboden, und wenn ich überhaupt Platz am Tisch finden will, müssen zwei Kommilitonen auseinanderrücken, damit ich mich zwischen sie quetschen kann.

Während ich darauf warte, dass irgendwer das kapiert und Platz macht, entsteht eine quälend lange Pause.

Kann mich bitte jemand erschießen!

Da rückt der Professor seufzend mit seinem Stuhl zur Seite. Der Student neben ihm greift die Idee auf und macht nun seinerseits Platz. Ich schleppe mein Monstrum von Stuhl an drei Kommilitonen vorbei und dränge mich in die einzig verfügbare Lücke.

Eine halbe Ewigkeit später habe ich Platz genommen, wobei mir die Tischkante fast bis ans Kinn reicht. Habe ich schon erwähnt, dass ich höhenmäßig benachteiligt bin? Wenn ich noch einen blöden Witz darüber höre, sterbe ich auf der Stelle.

»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragt der Prof. »Ach ja, notieren Sie sich in Ihrem Lehrplan bitte die auf Seite zwei aufgeführten Abgabetermine. Sie finden das Seminar nicht im Internet. Ich bin in der Hinsicht altmodisch.«

Die Leseliste ist lang, aber damit habe ich kein Problem. Deshalb bin ich ja nach Harkness gekommen – um tief ins Meer der Gelehrsamkeit einzutauchen. Um Hollywood mal den Rücken zu kehren und eine stinknormale Studentin zu sein. Ich habe mir Harkness ausgesucht, weil es hier recht streng zugeht und nicht, um die Annehmlichkeiten studentischer Geselligkeit zu genießen.

Gut so, ich kenne hier sowieso kaum jemanden.

Ich habe nicht damit gerechnet, an einem Ort wie Harkness auf Fans zu treffen. Die Studierenden hier haben alle Hände voll zu tun, sich die Welt untertan zu machen, da bleibt für Interesse an meiner Person keine Zeit. Aber dass man mich wegen meiner komischen kleinen Filmkarriere verspotten würde, hatte ich auch nicht erwartet. Als ich mich an meinem ersten Tag bei einem älteren Semester nach einem Buchladen erkundigte, antwortete er nur: »Du musst nur auf deinem Besen in die Richtung fliegen, alles klar?«

Das wiehernde Gelächter, das er für seinen kleinen Witz erntete, verfolgte mich tagelang.

Ich würde es niemals laut aussprechen, aber es ist ganz schön schräg, mich an einem Ort wiederzufinden, an dem ich als total uncool gelte. Ein paar Meilen von hier entfernt, auf den Gängen der hiesigen Mittelschule zum Beispiel, würde mein Auftauchen eher einen Menschenauflauf bewirken. Dort würde man mich um so viele Autogramme bitten, dass die Filzstifte, die ich immer bei mir trage, garantiert im Handumdrehen aufgebraucht wären.

Und hier? Hier bin ich eine Ausgestoßene. Das Mädchen, das es nur dank seiner Berühmtheit nach Harkness geschafft hat und nicht etwa, weil es sich auf der Highschool den Hintern im Mathe-Team oder dem Debattierclub aufreißen musste. Aber ich habe es kapiert. Wirklich. Wenn man im Lexikon »privilegiert« nachschlägt, stößt man auf ein Foto von mir. Mein Vater spielte vor seinem Tod in der Oberliga von Hollywood. Und meine Mutter ist eine allseits bekannte Diva und ein Playgirl. Ich war vier, als ich zum ersten Mal auf einer Motorjacht zum Filmfestival in Cannes schipperte.

Aber da ich schon, seit ich sieben war, mein eigenes Geld auf der Leinwand verdiente, kümmerte das bisher keinen. In Harkness jedoch wird das alles gegen mich verwendet. Mir war nicht klar, dass meine Entscheidung für ein Elite-College mich an den einzigen Ort der Welt führen würde, an dem man mich offensichtlich nicht respektiert. Wo sich meine Hollywood-Coolness in nichts auflöst.

Man lernt nie aus.

Nur gut, dass ich nicht hier bin, um beliebt zu sein. Ich bin hier, um meinen Abschluss zu machen – weil ich, wenn ich irgendwann mal die Geduld mit dem ganzen Film-Business-Bullshit verliere, womöglich schon zu alt bin, um aufs College zu gehen.

»Gut, dann machen wir uns erst mal miteinander bekannt«, sagt der Prof jetzt. »Nennen Sie bitte Ihren Namen, Ihr Studienjahr und welches der Stücke in diesem Semester Sie am interessantesten finden.«

Nichts leichter als das. Auf der Suche nach einer Antwort gehe ich den Lehrplan durch. Jede Menge Stücke von toten weißen Männern, aber das war wohl zu erwarten.

Der Student neben dem Prof ist ein Junior namens Bill. Er teilt uns mit, wie sehr er sich darauf freut, mit uns Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht zu lesen.

Auweia. Ich schätze mal, Bill und ich werden niemals Freunde. Ich hasse Brecht.

Aber komischerweise wählen fünf der nächsten acht Studierenden dasselbe Drama. Dann geht dem mageren Typen mit der Baskenmütze neben mir förmlich einer ab, als er uns erklärt, wie sehr er Brecht liebt. »Wie er Korruption behandelt, ist einfach bahnbrechend«, meint Mr Baskenmütze. »Das 20. Jahrhundert wäre ohne seinen Arturo Ui nicht dasselbe gewesen. Das Stück ist nicht von dieser Welt.«

Echt jetzt, Alter?

Als ich an der Reihe bin, rufe ich mir ins Gedächtnis, dass ich mir vorgenommen habe, mich in diesem Semester häufiger zu Wort zu melden. »Ich spiele mal Advocatus Diaboli«, beginne ich, als sich mir sämtliche Blicke zuwenden. »Brecht ist schlau, aber nicht subtil. Ich verliere mich manchmal lieber in einer Bühnenhandlung, ohne dabei dermaßen brutal belehrt zu werden. Deshalb freue ich mich darauf, mit euch allen Wendy Wasserstein zu lesen.«

Die Stille, die darauf folgt, ist so furchtbar, dass ich in Panik gerate. War ich zu vorlaut? Wirklich?

Mr Baskenmütze schnaubt hörbar. »Nicht jeder ist für Brechts Genie empfänglich.«

Kaum hat er das ausgesprochen, beginnt mein Nacken zu kribbeln. Ich bin es nicht gewohnt, dass man mir ins Gesicht sagt, ich sei dumm. Ich muss mich höllisch zusammenreißen, um nicht mit ihm zu streiten. Ich meine, ich habe Al Pacino als Arturo Ui gesehen, da war ich sechs. Vermutlich habe ich mehr Bühnengenies gesehen als alle anderen hier zusammen. Zehnmal so viele!

Aber anstatt mich zu wehren, sitze ich nur da und knirsche mit den Zähnen.

»Sie haben uns noch nicht Ihren Namen und Ihre Jahrgangsstufe genannt«, sagt der streberhaft wirkende Professor leise.

In dem Moment möchte ich im Boden versinken, denn er hat recht. Ich war so erpicht darauf, das Wort zu ergreifen, dass ich seine Anweisungen vergessen habe. Schlimmer noch, es ist eine typische Hollywood-Unsitte, davon auszugehen, dass alle Welt deinen Namen kennt. »Oh, Verzeihung«, antworte ich rasch. »Ich heiße Lianne und bin Studienanfängerin.«

Die tödliche Stille hält noch einen Moment an, bis sich das Mädchen rechts von mir meldet. »Hosanna. Zweites Studienjahr. Mir gefällt, dass ernste und weniger ernste Stücke auf dem Lehrplan stehen. Und ich freue mich auf Neil Simon.«

Der Junge mit der Baskenmütze stöhnt, während ich meiner Nachbarin dafür danke, dass sie diesem Laden voller wild entschlossener intellektueller Snobs eine lange Nase gedreht hat.

Dann spricht wieder der Prof und fordert uns auf, uns das erste Stück auf der Liste vorzunehmen: Private Lives von Noël Coward. Nun glotzt mich niemand mehr an, trotzdem steht mir noch der kalte Schweiß auf der Stirn, weil ich das Gefühl habe, mich zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben. Am liebsten würde ich mich auf meine Bude verziehen und noch eine Runde DragonFire spielen. Und was bitte wäre falsch dran?

Ich schreibe meinen Namen oben auf den Lehrplan und lese die nächste Seite. Anstelle der Zwischenprüfung stehen eine Hausarbeit und eine Prüfung am Ende des Semesters an. Schön. Allerdings macht die Mitarbeit im Seminar ein Drittel der Note aus. Halleluja!

Aber so richtig entsetzt mich erst, was ich am Fuß der Seite lesen muss. Die Kurzbiografie des Profs verkündet:Dr. Harlan Overstein ist zuletzt mit Veröffentlichungen in American Arts and Letters hervorgetreten und gilt als herausragender Experte auf dem Gebiet der Dramen Bertolt Brechts.

Toll, da habe ich wieder ein großes Fettnäpfchen gefunden und mich voll reingesetzt! Ich habe gerade eben die Vorliebe unseres Profs für das Theater des 20. Jahrhunderts samt seiner kompletten Karriere beleidigt.

Erschieß mich auf der Stelle!

Irgendwie überstehe ich die folgenden neunzig Minuten, ohne mich noch mal zu blamieren. Als ich endlich in die grelle Januarsonne blinzle, ist es schon nach Mittag. Im letzten Jahr hätte ich mir einen Salat mit auf mein Zimmer genommen und mutterseelenallein gegessen. Aber da ich mir vorgenommen habe, mehr Blätter aufzuwirbeln als ein Hurrikan im Regenwald, mache ich mich stattdessen auf den Weg zum Beaumont-Speisesaal.

Mein Anfall von Tapferkeit wird belohnt, als ich an einem Tisch hinter dem Eingang meine Nachbarin Bella entdecke (die auch einer meiner beiden Freunde ist). Sie sitzt dort mit Bridger, einem ihrer lachhaft gut aussehenden Eishockeyfreunde. »Hi, Zwerg«, ruft Bella. »Wie läuft es an deinem ersten Tag so?«

Ich lasse ihr den Scherz durchgehen, weil Bella mich noch nie gefragt hat, wo ich meinen Zauberstab aufbewahre, oder mich aufgefordert hat, unser Gemeinschaftsbad mit einem Zauberspruch zu putzen. »War bisher ziemlich qualvoll. Darf ich mich setzen?«

»Na klar.«

Ich hänge meine Tasche über die Stuhllehne. Nachdem ich mir eine Schüssel Suppe und einen Salat geholt habe, lasse ich mich auf den Stuhl fallen. »Mein Vormittag war echt bescheuert. Und deiner?«

»Verflucht furchterregend. Eine Naturwissenschaftsvorlesung nach der anderen. Ich drehe noch durch.« Sie deutet mit einer Neigung des Kopfs auf den rothaarigen Burschen neben ihr. »Aber Bridger geht da nur zum Spaß hin.«

»Ich gebe dir gerne Einzelstunden«, bemerkt er über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg. »Geld nehme ich allerdings nicht. Du müsstest dich als Babysitterin verdingen. Stundenweise.« Bridger hat das Sorgerecht für seine zehnjährige Schwester.

»Verstehe«, nickt Bella. »Damit du abends mal mit Scarlett allein ausgehen kannst?«

»Genau.«

Bella zwinkert. »Okay. Abgemacht. Wie geht es Lucy eigentlich? Ich hab sie lange nicht gesehen.«

Bridger stellt die Kaffeetasse hin. »Sie macht eine schwierige Zeit durch. Es ist gerade ein Jahr her, seit unsere Mutter gestorben ist. Das war echt übel. Und dann ist Lucys beste Freundin weggezogen, deshalb ist sie im Moment zu Tode betrübt.«

»Armer Schatz«, sagt Bella mitfühlend.

»Wir hatten schon bessere Zeiten.«

Ich komme mir wie eine Idiotin vor, weil ich mich seit einer halben Stunde über Baskenmützen und übereifrige Arschkriecher aufrege. In Wahrheit geht es mir gar nicht mal schlecht.

»Da ist wohl ein Abend bei Capri’s fällig«, sagt Bella. »Heute Abend solltest du Lucy mit Pizza füttern, Bridge.«

»Ja, wenn sie nicht zu viele Hausaufgaben hat, könnten wir uns da eigentlich mal blicken lassen«, antwortet Bridger.

»Und du auch, Lianne.«

»Ja?« Man hört es mir vielleicht nicht an, aber die Aussicht auf einen Abend mit der Eishockeymannschaft lässt mich innerlich jauchzen.

»Du hast Bock, das weiß ich.« Bella lächelt jetzt ein bisschen durchtrieben. »DJ kommt wahrscheinlich auch.«

Ich war mein ganzes Leben Schauspielerin. Daher erröte ich weder, noch wende ich den Blick ab, als Bella DJ erwähnt. Ganz falsch liegt sie aber nicht mit ihrer Vermutung, dass ich was für ihn übrighabe. Ich habe ihn vor den Weihnachtsferien in der Pizzeria kennengelernt, als Bella und ihre Eishockeyfreunde mich dorthin mitgeschleift hatten. Das war vor einem Monat. Seitdem ertappe ich mich immer wieder dabei, alle Wege auf dem College-Gelände nach dem heißen Kerl abzusuchen, den ich an jenem Abend neben einer Jukebox kennengelernt habe.

Will ich ihn wiedersehen? Scheiße, ja!

»Tja«, sage ich. »Ich versuche tatsächlich, häufiger vor die Tür zu kommen. Aber dieses Mal werde ich nicht so unmäßig viel trinken.«

»Guter Plan«, pflichtet Bella mir bei. »Ich wollte eigentlich kein Wort darüber verlieren. Aber es ist leichter, einem Typen die Telefonnummer abzuschwatzen, wenn man am Ende des Abends noch geradeaus gucken kann.«

Ich stöhne, weil Bella mir den Abend auf ewig vorhalten wird. »Danke für den Tipp.«

»Gern geschehen. Dann also um sieben.«

Nach dem Mittagessen habe ich Kunstgeschichte. Aber als das abgehakt ist, kann ich endlich auf mein Zimmer zurück und mich der Freude über ein Wiedersehen mit DJ hingeben.

Das Komische bei mir ist, dass ich mich nie fragen muss: »Wird er sich noch an meinen Namen erinnern?« Absolut jeder unter dreißig kennt meinen Namen. Es ist nicht eingebildet von mir, das zu sagen – es ist schlicht und ergreifend eine Tatsache. Aber nicht, weil ich so umwerfend bin. Sondern weil die Sentry-Sorcerer-Filme so beliebt sind. Der erste kam vor zehn Jahren heraus, als ich neun war. Das Drehbuch, das mich heute Nachmittag aus Bobs Büro erreichte, ist für Teil fünf.

Ich habe noch nicht hineingesehen, weil ich mich vor der pikanten Szene fürchte. Die Vorstellung, mich im Studio vor vierzig Mitarbeitern nackt ausziehen zu müssen, jagt mir Angst ein. Da wäre es schön, das vorher vor einem Menschen zu tun, der kein Geld dafür bekommt, mich zu betatschen.

Klingt einfach. Aber in meinem Leben ist überhaupt nichts einfach.

Ich schminke mich für mein Pizzeria-Abenteuer in einem Stil, den ich auf den Namen »Monday Casual« taufe. Braune Wimperntusche, aber null Lidstrich. Golden hingehauchter Lidschatten. Ich will hübsch aussehen, ohne allzu bemüht zu wirken.

Als Bella den Kopf durch die Tür zu dem kleinen Bad streckt, das unsere Zimmer verbindet, verleihe ich gerade meinen Lippen den letzten Schliff – Lippenstift von Stila und mein Lieblingslipgloss aus dem Drogeriemarkt. Meine Lippen schmecken jetzt nach Kirschen, aber es sind zwei Jahre vergangen, seit ich einem Jungen so nahe gekommen bin, dass ich ihn daran teilhaben lassen konnte.

Traurig, aber wahr.

»Los geht’s«, ruft Bella.

Mein Magen geht vor Schreck auf Tauchstation, doch ich schnappe mir meine treue Baseballkappe und folge ihr.

Am Montag ist es bei Capri’s nicht übermäßig voll. Bella platziert uns am Lieblingstisch ihrer Eishockeymannschaft. »Wir teilen uns eine Pizza«, verkündet sie.

»Gut. Ich nehme ein Stück.«

»Wow! Wer bist du, und was hast du mit Lianne angestellt?«

Bevor ich nach dem Bier greife, das sie mir eingeschenkt hat, zeige ich ihr den Mittelfinger.

Im letzten Semester habe ich mich noch streng an die Regeln meines Diktatoren-Managers gehalten: keine Kohlehydrate, kein Bier (Kohlehydrate). Aber für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen, nicht mehr auf die ganzen Idioten in meinem Leben zu hören, die mich kontrollieren. Meine Karriere wird schon nicht vorbei sein, wenn ich mal ein paar Pfunde zulege, oder?

Jedenfalls hoffe ich das.

Bella geht Pizza ordern. »Wo ist denn Rafe heute Abend?«, erkundige ich mich, als sie wieder auftaucht.

»Er macht Catering im Büro des Direktors. Er kriegt den anderthalbfachen Stundenlohn, wenn er sich eine Krawatte umbindet. Aber er kommt vielleicht nachher noch.«

Allmählich trudelt die Mannschaft ein, immer zwei oder drei Jungs auf einmal. »Hey, Bella!«, begrüßen sie meine Freundin und lassen ihre muskulösen Körper auf die Stühle rings um unseren Tisch fallen. Trevi, der Mannschaftskapitän, landet neben mir. Er windet sich aus seiner Teamjacke und grinst mich freundlich an. Dann knallt er seine Brieftasche auf den Tisch und verkündet, dass er die nächste Runde ausgibt.

»Hi, Lianne«, begrüßt mich Bellas Freund Orsen. (Es ist mir eine Riesenhilfe, dass die Jungs ihre Namen auf den Jacken tragen. So verwechsle ich nie jemanden.) »Darf ich hier sitzen?«

»Klar«, antworte ich eine Spur zu strahlend, während ich versuche, nicht ständig auf DJs Erscheinen zu lauern. Seit ich die Weihnachtsfeiertage in New York City bei Bella verbracht habe, hüte ich die eine oder andere Information über die Eishockeymannschaft wie in einem Sparstrumpf. Daher weiß ich auch, dass DJ Trevis kleiner Bruder ist. Und dass DJ mit dem Torhüter Orsen in einem Haus außerhalb des Campus wohnt.

Aber Trevi und Orsen sind bereits hier, und so langsam sorge ich mich, ob DJ überhaupt noch auftaucht.

Als neue Leute eintrudeln, mustere ich hoffnungsvoll ihre Gesichter. Bridger kommt mit seiner süßen kleinen Schwester, die mit dem Rücken zur Wand in eine Nische rutscht, und seiner Freundin Scarlet, die für die Eishockeyfrauen im Tor steht.

Seltsam, ich bin total aufgedreht, während ich auf DJ warte, was echt verrückt ist. Es wimmelt hier nur so von gut aussehenden Jungs, aber keiner hat eine solche Wirkung auf mich wie DJ an jenem Abend im Dezember. Was zum Teil an seinen Grübchen liegt und daran, wie sich um seine Augen, wenn er grinst, lustige kleine Fältchen bilden. Aber es ist nicht nur sein Aussehen. Sein Lächeln wärmt mich innerlich. Und als wir uns damals unterhielten, schaute er mich an, wie Jungs es tun, wenn sie ein Mädchen näher kennenlernen wollen – nicht wie ein Fan oder als hielte er mich für leichte Promibeute. Außerdem kennt er sich mit Musik aus, also hatten wir jede Menge Gesprächsstoff. An unserem ersten Abend redeten wir wie Nerds über den Aufstieg elektronischer Tanzmusik im letzten Jahrzehnt.

In Erinnerungen versunken, stoße ich versehentlich meinen Plastikbecher um. »Verflixt«, fluche ich und springe auf, damit das Bier nicht über die Tischkante auf meine Jeans rinnt. Ruhig, Lianne. Ganz ruhig.

Trevi reagiert wie der Blitz und klatscht einen kleinen Stapel Servietten auf die Pfütze. »Ich hole noch welche«, sagt er dann.

»Nee, ich mach das«, beharre ich und sause los, ehe er mir zuvorkommen kann.

Als ich zurückkomme, sitzt ein anderes Mädchen auf meinem Platz. Sie ist sehr hübsch. Fast würde ich sagen umwerfend, wenn ihr Lächeln in meine Richtung nicht so spitz wäre.

»Hi.« Ich werfe die Servietten auf die Überbleibsel der Bierlache und mache mich auf einen Witz über Prinzessin Vindi gefasst.

Der hübsche Eindringling grinst. »Kannst du das nicht mit deinem Zauberstab wegmachen?«

Jawoll! Voll ins Schwarze. Die klassische Prinzessin-Vindi-Stichelei. Außerdem hat sie mir den Platz weggenommen.

»Echt jetzt, Amy?«, platzt es aus Bella neben mir heraus. »Du sitzt auf ihrem Stuhl.«

Das Mädel legt eine Hand auf Trevis Arm. »Ich muss bei meinem Kerl sein. Du hast doch nichts dagegen, oder?« Sie greift nach dem feuchten Serviettenstapel und fegt die restliche Nässe auf den Fußboden.

Orsen zwinkert mir von der anderen Tischseite aus zu. Dann rutscht er einen Stuhl weiter und macht mir so neben Bella Platz.

Ich wähle den Weg des geringsten Widerstands und verziehe mich. Davon abgesehen sitzt Amy an einem klebrig-feuchten Platz, aber das ist jetzt ihr Problem. Trotzdem würde ich ihr am liebsten eine langen. Aber sie kehrt mir den Rücken zu und wirft sich förmlich über Trevi.

Mir ist schon aufgefallen, dass einige Leute in Harkness mich entschlossen ignorieren. Als hätten sie entschieden, dass ich bereits mehr als genug Aufmerksamkeit genieße und dass es deshalb an ihnen ist, für den nötigen Ausgleich zu sorgen.

Aber im Großen und Ganzen war die Eishockeymannschaft bisher sehr nett zu mir. Was daran liegt, dass sie die Stars am Harkness-College sind. Das Team hat es letztes Jahr unter die Frozen Four geschafft, und da die meisten Spieler noch dabei sind, wird damit gerechnet, dass sie sich auch dieses Jahr wacker schlagen werden.

Trevi schenkt zuerst mir Bier nach und dann seiner bösen Freundin. Er hat ihre Zicken nicht mitbekommen, weil er sich mit einem anderen Spieler über die Winnipeg Jets streitet.

Ich will gerade fragen: Spielen die Jets nicht für New York? Dann fällt mir noch rechtzeitig ein, dass die Jets ein Footballteam sind, und ich verkneife mir die Peinlichkeit. Meine Ignoranz in Sachen Sport ist grenzenlos. Die Gespräche hier langweilen mich, auch wenn ich mir wünsche, es wäre nicht so. Schließlich kann niemand etwas dafür, dass ich unter Menschen groß geworden bin, die statt auf den Stanley Cup auf die Preisträger der Tony Awards wetten.

Ich würde gerne dazugehören – ich spreche bloß nicht dieselbe Sprache.

Als ich diesen Gedanken vollende, verdunkelt ein weiterer massiger Körper die Türöffnung.

Ich muss nicht erst hinsehen, um zu wissen, dass es DJ ist. Ich habe so lange darauf gewartet, ihn wiederzusehen, dass ich es einfach weiß. Er steht am Rand meines Blickfelds, die Hände in den Jackentaschen vergraben, und lehnt, während er sich mit einem anderen Spieler unterhält, lässig im Türrahmen. Seine muskulösen Schultern sind genauso breit, wie ich es im Gedächtnis abgespeichert habe. Seine selbstsichere Haltung zieht mich magisch an.

Auf einmal schlägt mein Herz schneller, und mir wird ein bisschen schwindlig. Als würde ich an den Rand eines Sprungbretts treten, das unter meinen Schritten federnd wippt. Werde ich mich heute Abend wieder mit ihm unterhalten? Macht mir das womöglich genauso viel Spaß wie beim letzten Mal? Und worüber soll ich überhaupt mit ihm reden?

Die traurige Wahrheit ist, dass ich mit einem Drehbuch besser klarkomme.

Ich sitze minutenlang reglos da, im Bann verwirrender Gedanken an Jets, die nicht Football spielen. DJ bleibt, wo er ist, und ich tue es ihm gleich. In meiner Nähe gibt es sowieso keine freien Plätze. Wenn ich mich mit ihm unterhalten will, muss ich mich wohl auf mein Glück verlassen.

Ich stehe auf und fische ein paar Vierteldollar aus meiner Tasche. Ich gehe nicht direkt zu DJ, so mutig bin ich nicht; stattdessen marschiere ich zu der Jukebox in der Ecke. Ich werfe die Münzen ein und schaue mir die Auswahl an. Offenbar wurde dieses Schätzchen zuletzt in den Neunzigern auf den neusten Stand gebracht. Was ein Problem ist, weil ich etwas brauche, in dem sich das Mädchen zeigt, das ich gerne wäre – locker, lässig, ein bisschen hip.

Nicht ganz einfach angesichts von Titeln wie Madonnas »Vogue« (ein perfekter Song, keine Frage, aber nicht gerade aktuell) oder »Achy Breaky Heart«.

Doch im nächsten Moment, als ich spüre, dass er auf mich zukommt, legt mein Herz noch einen Zahn zu. Ich würde mich nur zu gerne umdrehen, stattdessen zwinge ich mich, mir ein Lied auszusuchen. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass ich ihm keinen Blick gönne, ehe ich den Code meiner Wahl eingetippt habe.

Erst danach richte ich mich auf und drehe mich zu ihm um. Und, wow, meine Erinnerung ist ihm nicht annähernd gerecht geworden. Ich habe mich an sein dunkles Haar und das von Bartstoppeln überschattete Grübchen erinnert. Aber seine Wimpern sind noch dunkler und umwerfender als in meinem Gedächtnis. Und waren seine Lippen immer schon so voll und sündhaft?

Verflucht, ich glotze ihn an.

»Na du«, sagt er und parkt eine Hüfte an der mit Kratzern übersäten Holztäfelung. »Kennst du mich noch?«

»DJ, stimmt’s?« Es klingt wie ein Krächzen. Ich bin ja so cool.

Gott, steh mir bei – sein Lächeln ist träge und sexy. »Stimmt. Ich wundere mich, dass du dich erinnerst.«

Ich räuspere mich und versuche es noch einmal. »Weil wir uns erst einmal begegnet sind? Oder weil ich an dem Abend voll war wie auf einem Abschlussball?« Ich war zwar noch auf keinem Abschlussball, aber ich hab mal gehört, wie eine andere Schauspielerin das sagte, und fand es irgendwie nett.

Er belohnt mich mit einem noch breiteren Lächeln. »Das hast du gesagt.« Dann fällt sein Blick auf die Jukebox. »Hast du was Gutes ausgesucht?«

»Leicht war’s nicht.«

»Ja? Ich mag das alte Ding trotzdem.« Er streicht über die glänzende Oberfläche der Musikbox, und ich kann den Blick nicht von seiner großen, maskulinen Hand wenden. Wie gerne würde ich ihre Größe mit der meiner Hand vergleichen. Und wüsste gerne, ob seine Haut rau oder weich ist.

Doch dann bemerke ich, welche Scheußlichkeit aus der Jukebox dröhnt: ein Electro-Beat, den ich mir im Leben nicht ausgesucht habe, dazu lächerlich hohe Männerstimmen …

»Interessante Wahl«, bemerkt DJ mit zuckenden Mundwinkeln.

»Verdammt!« Ich beuge mich über die Jukebox und sehe mir die Codes noch mal genauer an. »Wie kann das sein?« Ich wollte MC Hammers »Can’t Touch This« abspielen.

DJ gluckst vergnügt. »Und stattdessen hast du …«

Da setzt der Refrain des lange vergessenen Color-Me-Badd-Hits »I Wanna Sex You Up« ein.

NEIN! Entweder hat mein Unterbewusstsein mich verraten, oder die Maschine ist falsch eingestellt. Es ist wahrscheinlich zwecklos, trotzdem muss ich wenigstens versuchen, mich von diesem Fehler zu distanzieren. »Du solltest wissen, dass ich mir nie ein Stück von jemandem aussuchen würde, der nicht mal weiß, wie man ›bad‹ buchstabiert.«

»Tatsache?« Er grinst. »Trotzdem wolltest du MC Hammer, der ›mother‹ mit ›u‹ und am Ende mit ›a‹ schreibt.«

Hilfe! Wenn meine DragonFly-Dolche echt wären, würde ich jetzt damit Hand an mich legen. »DJ, deine Kenntnis von Hits aus den Neunzigern ist …«

»Beeindruckend?« Er setzt ein freches Grinsen auf, und ich muss mich beherrschen, um es nicht mit den Fingerspitzen auszumessen.

»Ich wollte eigentlich sagen: umfassend, aber nutzlos.«

Er legt eine seiner Pranken auf sein Herz. »Hüte deine Zunge, Weib. Schließlich werde ich dafür bezahlt, mich mit den Hits der Neunziger auszukennen. Und einen besseren Job hatte ich noch nicht.«

»Oh, der Gig im Eisstadion, richtig? Deshalb nennen dich alle DJ.« Jetzt fällt es mir wieder ein. Zum hundertsten Mal verfluche ich mich, weil ich mir an dem Abend, an dem mir DJ zum ersten Mal begegnete, dermaßen die Kante gegeben habe. Aber ich hatte mich auf Anhieb so zu ihm hingezogen gefühlt, dass ich die Nerven verloren habe. Ungefähr so wie im Moment.

Als er wieder lächelt, starre ich ihn an. Wer hätte gedacht, dass ich auf Grübchen stehe. »Genau«, sagt er, und ich versuche mich zu erinnern, worüber wir sprechen. »Ein paar Neunziger-Hits würden ohne Eishockey wohl nie mehr gespielt.«

»Echt? Zum Beispiel.«

»›Ice Ice Baby‹ von –«

»Vanilla Ice«, beende ich den Satz. »Ja, okay, das sehe ich ein.«

»›Cold As Ice‹ von Foreigner«, ergänzt er.

»Der Song ist aber nicht aus den Neunzigern«, widerspreche ich. »Sondern von 1977.«

DJ wirft lachend den Kopf in den Nacken »Deine Kenntnis von Hits aus den Siebzigern ist …«

»Beeindruckend«, sage ich. »›Cold As Ice‹ war zuerst eine B-Seite, bevor der Song als Single herauskam.«

Er macht Augen. »Heirate mich«, sagt er im nächsten Moment.

Ich kichere wie ein Schulmädchen. (Nebenbei bemerkt war ich nie ein Schulmädchen. Aber wenn man den Hollywood-Drehbüchern glauben darf, kichern Schulmädchen ohne Unterlass.)

»Bist du Foreigner-Fan oder was?«, will er wissen. »Oder bist du bei Siebziger-Musik eine wandelnde Enzyklopädie?«

Ich schüttle achselzuckend den Kopf. Die Wahrheit ist, dass mein Vater mit Lou Gramm befreundet war. Eigentlich weiß ich nur deshalb so viel über Musik, weil mein Vater so gerne darüber gesprochen hat. Nun ist er nicht mehr da. Aber wenn ich meinen iPod einschalte, ist er mir wieder nah.

DJ sage ich aus zwei Gründen nichts davon. Weil ich es nicht leiden kann, mit berühmten Namen um mich zu werfen. Aber auch, weil mich so viele Harkness-Studierende für dumm halten und es mir nicht das Geringste ausmacht, dass DJ mich klug findet. Eine schöne Abwechslung.

»Welche Songs werden noch durch Eishockey am Leben gehalten?«

Als er wieder zu sprechen beginnt, gebe ich mir alle Mühe, ihm zu folgen. Aber die Bewegungen seiner vollen Lippen und der Bartschatten ums Kinn lenken mich ab. Sein Flanellhemd sieht samtweich aus. Und das v-förmig entblößte Stück Brust macht mich verrückt. Ich erhasche einen Blick auf dunkel gekräuseltes Brusthaar auf olivfarbener Haut.

Ich muss mich echt anstrengen, nicht zu glotzen, während ich mich frage, wie er wohl ohne Hemd aussieht.

Darum also geht es, wenn die Leute von Anziehung reden. Er ist der Magnet, und ich spüre den Sog. In meinem Bauch kribbelt es. Wenn er lacht, vibriert es in meiner Brust. Hoffentlich nicke ich beifällig an den richtigen Stellen. Denn jedes Mal, wenn er lächelt, ist es um meine Körperbeherrschung geschehen. Letztes Mal war das Bier schuld, dieses Mal ist es nur er selbst.

Der Lautsprecher erwacht knisternd zum Leben. »Pizza siebenunddreißig, achtunddreißig und vierzig.«

DJ deutet mit dem Daumen über die Schulter. »Da muss ich hin. Bin gleich wieder hier.«

Als er geht, wende ich mich wieder der Jukebox zu. Mit klopfendem Herzen und schweißnassen Handflächen. Mit ihm zu reden ist so anregend wie Furcht einflößend.

Wenn es auf der Welt eine Neunzehnjährige mit weniger Traute gibt als mich, dann hat sie mein Mitgefühl.

2

Pizza ist wie ein Hit aus den Neunzigern

DJ

Lianne Challice flirtet mit mir.

Als ich die georderte Pizza entgegennehme, frage ich mich, ob ich den Verstand verliere oder nicht. Womöglich hat mein stressiges Leben mich endgültig fertiggemacht.

Aber nein. Als ich die Pizza auf dem Tisch abstelle, sehe ich, wie ihre großen Augen mich von der Jukebox aus fixieren und sich dann schnell abwenden. Sie ist so verflucht hübsch und so feminin, dass ich durchdrehen könnte. Ihr Mund ist eine kleine rote Süßigkeit, die ich nur zu gerne probieren würde. Und wer hat dermaßen perfekte Zähne? Wenn ich ehrlich bin, jagt sie mir eine Heidenagst ein.

Ich gehe noch mal zur Essensausgabe, um Pappteller und Servietten zu holen. Sonst essen wir die Stücke einfach wie die Tiere vom Tablett. Aber heute versuche ich es mal mit Klasse. Bei dem Gedanken muss ich in mich hineinkichern. Alsob. Es ist mir nicht gegeben, Lianne Challice zu beeindrucken. Aber der Versuch macht mir Spaß. Und allzu viel Spaß habe ich in diesem Jahr noch nicht gehabt. Also ist das jetzt immerhin etwas.

In ein paar Jahren werde ich lachend an diesen Abend zurückdenken. Hab ich euch mal erzählt, wie ich mit einem Filmstar angebandelt habe, Leute? Ich meine, mein Vater schwärmt immer noch davon, wie bei Nobu mal am Tisch nebenan Tina Fey gesessen hat.

Als Lianne mir wieder einen Blick zuwirft, winke ich ihr, damit sie rüberkommt. »Auch ein Stück?« Wenn sie Ja sagt, gilt es zuzuschlagen. In einer Minute werden mein Bruder und seine Mannschaftskameraden über die Pizza herfallen wie eine Schar Seemöwen.

»Danke. Besser wäre es. Ich hab es heute Abend nicht in die Mensa geschafft.«

»Deine Begeisterung für Capri’s Pizza überwältigt mich«, ziehe ich sie auf. »Du bist wohl kein Fan?«

Sie schiebt ein Stück auf einen Pappteller »Pizza ist wie ein Hit aus den Neunzigern. Ganz nett, vor allem, wenn es nichts anderes gibt und man Hunger hat.«

Ich muss lachen, und mein Stück Pizza stoppt auf halbem Weg zum Mund. »Echt?«

»Was?«

»Ich weiß echt nicht, ob wir Freunde sein können«, sage ich, bevor ich abbeiße.

»Weil ich nicht auf Pizza stehe?«

Ich schüttle den Kopf. »Wer steht denn nicht auf Pizza? Pizza befriedigt sozusagen ein menschliches Grundbedürfnis.« Zur Bekräftigung stopfe ich mir ein Stück in den Mund. Lässig, oder?

Als sie sich auf die Lippe beißt, wird mir klar, dass ich jetzt lieber daran knabbern würde. »Geht so. Aber eigentlich isst man so was doch nur, wenn man es eilig hat oder einen Haufen Leute füttern will, ohne viel Geld ausgeben zu müssen.«

»Ah, verstehe«, erwidere ich, als ich wieder sprechen kann. »Dann liegt es wohl daran, dass du noch nie eine wirklich gute Pizza gegessen hast. Du bist hier noch neu, oder? Warst du schon mal bei Gino’s Appizza?«

Lianne schüttelt den Kopf. »Ich glaube nicht.«

»Sie glaubt nicht«, gebe ich spöttisch zurück. »Baby, wenn du da gegessen hättest, würdest du dich daran erinnern.« Ich höre mich schon richtig abgedreht an, aber als Lianne Challice mich anlächelt und mich mit ihren großen Rehaugen betrachtet, wirkt es auf mich wie eine Droge. »Da wird alles frisch zubereitet. Sogar die Wurst. Wir gehen da mal zusammen hin, damit du weißt, was ich meine.«

Auweia, ich fürchte, ich habe gerade einen Filmstar aufgefordert, mit mir auszugehen. Achtung, jetzt falle ich gewaltig auf die Nase.

Zuerst werden ihre Augen nur ein bisschen größer. Dann erscheinen zwei rosige Flecken in ihrem Gesicht. Einer pro Wange. »Okay, es wäre doch eine Schande, in dieser Stadt zu leben, ohne die tollste Pizza hier probiert zu haben.«

Ich spule den Satz im Kopf noch mal zurück, und ich begreife, dass sie mir keinen Korb gegeben hat. »Stimmt.« Ich nicke. »Wie wäre es dann am Donnerstag mit einem Ausflug ins Pizza-Nirvana?« Jetzt verkaufe ich Gino’s Appizza doch etwas zu teuer, aber egal, es läuft gerade gut für mich.

Als sie mich mit gerunzelter Stirn anschaut, hoffe ich inständig, dass sie am Donnerstag noch nichts vorhat – weil ich am Freitag und Samstag ein paar Eishockeypartien beschallen muss. »Dann also Donnerstag. Und ich bereite mich darauf vor, Bauklötze zu staunen.«

Ich stehe nur noch da und grinse sie breit an, weil ich mir anders nicht zu helfen weiß. Zum Glück klopft mir Orsen auf die Schulter. »Krieg ich auch ein Stück, Alter?«

»Nur zu.« Der Junge kriegt von mir alles, was sein Herz begehrt. Ich schulde ihm eine Menge, weil er mir letztes Jahr ein Zimmer in dem Haus vermietet hat, das seine Eltern sich als Geldanlage zugelegt haben. Die anderen Studenten dort sind allesamt schon höhere Semester. Im Sommer brauchte ich unversehens eine neue Bleibe, doch als mein Bruder Orsen anrief, war das Unterkunftsproblem im Nu gelöst. Nun lebe ich in einem Zimmerchen, das niemand der Vermietung für wert befunden hatte, aber für mich reicht es. Orsen hat mir einen Rettungsring zugeworfen, als mir das Wasser bis zum Hals stand und ich verzweifelt versuchte, meinen Studienplatz nicht zu verlieren.

Er hat es für meinen Bruder getan, seinen Mannschaftskapitän, doch ich bin ihm trotzdem dankbar dafür.

»Orsen ist ein guter Kerl«, sagt Lianne, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

»Stimmt.«

»Aber dein Bruder auch. Allerdings bin ich mir, was seinen Frauengeschmack angeht, nicht so sicher.«

Ich muss so lachen, dass ich mich fast an einem Stück Käse verschlucke. »Das ist dir aufgefallen?«, frage ich, als ich wieder sprechen kann.

»Das lässt sich schwerlich übersehen.«

»Kann man wohl sagen.« Ich verdrücke mein Stück Pizza und wische mir die Hände an einem Papiertaschentuch ab. Dann lehne ich mich neben Lianne gegen die Wand und lasse den Blick schweifen. Alles ist wie immer: Eishockeyspieler, die nach dem Training auftanken, und ihre Groupies, die in Scharen hier einfallen, um den Jungs nahe zu sein.

Amy weicht meinem Bruder nicht von der Seite, weil sie weiß, dass noch andere Haie ihn umkreisen. Auch wenn mein Bruder durch nichts zu erkennen gegeben hat, dass er Amy gern gegen ein neueres Modell eintauschen würde, wünsche ich mir insgeheim, es wäre so. »Lass mich dir eine Geschichte erzählen«, höre ich mich sagen.

»Sicher?«

»Mein Bruder hatte auf der Highschool eine Freundin. Georgia. Sie war Captain des Tennisteams, er Captain der Eishockeymannschaft –«

»Ein Traumpaar«, sagt sie, und ich nicke. »War sie netter als Amy?«

»Viel netter. Ich war sechzehn, als die beiden Senior-Studenten waren, und ich stand total auf Georgia. Und das habe ich auch bei jeder Gelegenheit gesagt.« Ich muss lächeln, als ich daran denke. »Leo hat es gehasst. Aber das war ein Runninggag zwischen uns. Sie war einfach umwerfend. Die zwei waren jahrelang zusammen, und ich dachte schon, sie blieben ewig ein Paar, auch wenn er auf ein anderes College gehen würde als sie.«

»Aber es kam anders?«

Ich schüttle den Kopf. »Sie war während der Winterferien in einem Trainingslager in Florida. Und eines Abends, auf dem Rückweg von einem Studierendenwohnheim, wo sie sich mit einer Kommilitonin getroffen hatte …« Zu spät bemerke ich, dass meine Geschichte für einen Abend mit Pizza und Musik aus der Jukebox viel zu schrecklich ist. »… wurde sie überfallen.«

»Oh mein Gott!« Lianne macht jetzt ein entsetztes Gesicht. »Ist ihr was passiert?«

Was bin ich doch für ein Schwachkopf, ihr so etwas Düsteres zu erzählen. Andererseits ist es lange her, dass mir jemand so aufmerksam zugehört hat wie Lianne. Ich weiß offenbar gar nicht mehr, wie man eine lockere Unterhaltung führt. »Nein, letztendlich ist ihr nichts Schlimmes passiert. Ich meine, sie war traumatisiert und musste eine Menge Unterricht ausfallen lassen, aber mein Bruder war super. Monatelang ist er nach der Schule jeden Tag zu ihr gegangen und hat sich mit ihr Filme angesehen. Er hat Hausaufgaben mit ihr gemacht, ihr Cupcakes mitgebracht und lustige Videos aufgenommen, um sie aufzuheitern. Er war immer für sie da, obwohl sie total durch den Wind war.«

»Wow.« Ihr Blick fliegt zu Leo und dann zurück zu mir. »Und dann?«

»Georgia bekam professionelle Hilfe und ging irgendwann wieder zur Schule. Leo hat ihr auf dem Weg dorthin und wieder nach Hause die Hand gehalten, und damit sie sich sicher fühlen konnte, hat er sie bis zu ihrem Abschluss überall hingefahren.«

»Alter Schwede.«

»Ja. Er hat Georgia geliebt. Sehr. Aber dann hat sie am Tag nach dem Schulabschluss mit ihm Schluss gemacht. Sie meinte, sie bräuchte einen kompletten Neuanfang.«

»Autsch.« Lianne macht immer noch große Augen. »So hatte ich mir das Ende der Geschichte eigentlich nicht vorgestellt.«

»Ich auch nicht.« Meine ganze Familie war wie vor den Kopf gestoßen, als sie ihm den Laufpass gab. »Egal, Amy ist die Letzte in einer langen Reihe zickiger Freundinnen. Ich glaube, er sucht sich immer welche aus, die ein besonders dickes Fell haben. Kann sein, dass er sie nicht wirklich liebt, aber so kann er auch nicht wieder verletzt werden.«

»Wie deprimierend.«

Ja. Super gemacht, DJ. »Ich weiß. Tut mir leid. Ich wollte dir nur erklären, warum mein Bruder so tickt, wie er tickt. Zum Teil verstehe ich ihn, auch wenn ich mir manchmal wünsche, ich könnte Amy den Mund mit Isolierband zukleben.«

Himmel, Leo hatte geheult, als Georgia ihn verließ. Ich glaube, bis dahin hatte er seit der dritten Klasse nicht mehr geweint.

»Und was wurde aus Georgia?«, erkundigt sich Lianne. »Weißt du was über sie?«

Ich wünschte, ich wüsste etwas. »Sie ging aufs College, und Freunde haben uns erzählt, dass es ihr sehr gut geht. Ich habe in letzter Zeit häufig an sie gedacht. Ich frage mich oft, wie es bei ihr läuft.«

Aber es ist höchste Zeit, um unser beider willen, das Thema zu wechseln. Als Lianne mit spitzen Fingern ihr Stück Pizza aufisst, biete ich ihr Nachschub an.

»Nein, danke«, erwidert sie. »Ich muss jetzt auch los. Ich hab noch zu tun.«

»Aber du weißt schon, dass heute der erste Tag des Semesters ist, oder?« Ich möchte sie echt noch nicht ziehen lassen.

Sie greift nach ihrem Bier und leert es. »Ja, aber ich muss …« Sie verstummt stirnrunzelnd.

»Was?«

»… noch was lesen, äh, für die Arbeit.« Dann redet sie plötzlich wie ein Wasserfall. »Nichts Wichtiges, aber ich geh jetzt besser, ist ja schon spät.« Damit greift sie nach ihrer Tasche und hängt sie sich über die Schulter. Lianne tritt den Rückzug an, dabei habe ich nicht mal ihre Nummer.

Als sie sich an mir vorbeidrücken will, nehme ich ihre Hand. »Sekunde. Eines hast du vergessen.«

Ihre langen Wimpern heben sich, und sie schaut mir tief in die Augen. Sie wirkt … nervös. Aber das kann unmöglich sein. Kein Mädchen wird nervös, weil es mit mir flirtet. »Ja?«, fragt sie.

»Ja. Wenn wir am Donnerstag essen gehen wollen, muss ich dich irgendwie kontaktieren können.«

»Oh«, haucht sie. »Ja, gut. Moment.« Hoffnungsvoll kramt sie in ihrer Tasche nach ihrem Handy.

»Hey, Deej.« Plötzlich taucht mein Bruder Leo – oder Trevi, wie ihn alle anderen hier nennen, als hätte er als Einziger ein Anrecht auf unseren Nachnamen – neben mir auf.

»Nimm dir Pizza«, zische ich. Und dann verpiss dich! Sein Timing hätte nicht schlimmer sein können.

»Du solltest heute Abend noch Dad anrufen«, sagt Leo. »Er meint, du gehst nicht ran, wenn er anruft.«

»Gut«, antworte ich, ohne Lianne aus den Augen zu lassen. Ihre schmalen Hände umklammern jetzt ihr Telefon, dann tippt sie mit glänzenden rosa Fingernägeln, die mich an Bonbons denken lassen, ihren Code auf das Display.

Sieht mein Bruder denn den Zaunpfahl nicht?

»Okay, fertig?« Lianne blickt auf und strahlt mich an.

Ich drücke meinem Bruder alle fünf Finger meiner Hand ins Gesicht und schiebe ihn von mir, bis er zwischen den Gästen der Pizzeria verschwindet. Dann ziehe ich mein Handy aus der Tasche. »Bereit, schieß los.« Sie rasselt ihre Telefonnummer herunter, und ich wähle sie zur Probe, damit wir auf der sicheren Seite sind. Alles richtig. Dabei erinnert mich das Handy daran, dass ich einen weiteren Anruf meines Vaters versäumt habe. Überraschung!

»Ich geh dann mal«, sagt Lianne.

»Warte, ich begleite dich raus«, gebe ich zurück.

Lianne gibt einen Laut von sich, den ich nicht recht deuten kann. Es klingt fast wie ein Quieken. Trotzdem wartet sie auf mich. Also greife ich nach ihrem Ellbogen und führe sie zum Seitenausgang.

»Ich wusste gar nicht, dass es hier noch eine Tür gibt«, plappert sie.

Wir gehen hinaus. In der Seitenstraße ist es wie immer ruhig. Ihre Augen wirken im Schein der Straßenlampen so groß, dass ich grundlos lächeln muss.

»Ach, und danke für die Pizza«, sagt sie.

Ich zucke die Achseln. »Dank mir noch nicht, Kleines. Spar dir das für den Abend bei Gino auf.«

Ihre Augen werden schmal. »Echt jetzt? Sind wir jetzt bei Witzen über Kleine?«

»Hey.« Ich hebe abwehrend die Hände. »Ich dachte, das haben wir gemeinsam.«

Darauf legt sie den Kopf schief. »Wieso das?«

Ernsthaft? »Ich überrage den Rest der Welt auch nicht gerade.« Wobei es echt nett von ihr ist, das geflissentlich zu übersehen.

Lianne reckt das Kinn und schaut mir in die Augen. »Ja, aber mich überragt absolut jeder.«

Das trifft es tatsächlich. Ich muss regelrecht den Blick senken, wenn ich sie richtig ansehen will. Dabei fällt mir auf, dass sie nun irgendwie verträumt dreinschaut. Ich fühle etwas in meiner Brust, das ich sehr lange nicht gefühlt habe. Was nicht daran liegt, dass die Frau, die zu mit hochschaut, eine Berühmtheit ist. Ich sehe nicht Lianne Challice, den Film- und Bühnenstar, sondern ein Mädchen, das nicht viel von Pizza versteht, aber eine Granate ist, wenn es um Popmusik geht.

Und das offenbar geküsst werden will.

Zum ersten Mal seit Monaten komme ich zur Ruhe. Ich hoffe, der Moment dauert an, denn diese Ruhe ist ebenso hinreißend wie der hoffnungsvolle Blick des Mädchens vor mir. Ich strecke die Hand nach ihrer Wange aus. Die Luft ist kalt, ihr Gesicht jedoch fühlt sich warm an. »Wir sehen uns am Donnerstag«, sage ich leise.

Sie nickt kaum wahrnehmbar. Sie ist still. Abwartend. Der Augenblick dehnt sich unendlich. Wir wissen beide, was als Nächstes kommen muss, doch ich zögere trotzdem. Nach allem, was geschehen ist, erinnere ich mich zwar noch an die einzelnen Schritte, traue mich aber nicht mehr zu tanzen.

Dann fahre ich mit dem Daumen über ihren perfekten Wangenknochen. Sie lehnt sich mir entgegen. Ein winziges, kaum wahrnehmbares Stück weit. Aber ich spüre es. Ein Zeichen!

Es ist nicht mehr weit bis zu ihrem Mund, doch ich schicke lieber ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte.

Beim ersten Anlauf halte ich mich noch zurück. Ich berühre ihre weichen Lippen kaum und küsse sie dann auf die Wange. Sie riecht nach Beeren, denke ich, nach etwas Süßem jedenfalls. Ich halte inne, drücke einen Kuss auf ihre Haut und fühle, wie sie erschauert. Dann übernimmt mein Unterbewusstsein. Ich lege ihr eine Hand in den Nacken und ziehe sie näher an mich heran. Als die Wärme ihres zierlichen Körpers auf mich übergeht, muss ich sie einfach richtig küssen. Ich drehe den Kopf ein Stück, dann findet mein hungriger Mund ihre weichen Lippen.

Der Laut, den sie nun von sich gibt, gleicht einem Wimmern. Ich ersticke ihn mit Küssen. Ihre Lippen schmecken so süß, wie sie aussehen. Ich neige den Kopf ein wenig, um den Kuss zu vertiefen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich schon lange kein Mädchen mehr geküsst habe, oder vielleicht daran, dass es Lianne Challice ist, die ich küsse – auf jeden Fall schlagen sämtliche meiner Sinne in den roten Bereich aus. Wo sie mich berührt, spüre ich ihren Körper ganz intensiv, und der liebliche Duft ihrer Haare raubt mir den Verstand. Ich bin wie ein knisterndes, summendes, elektrisiertes Stromkabel.

Doch ich bleibe vorsichtig. Diese Vorsicht fällt wohl nie mehr von mir ab.

Als ihre Lippen sich teilen, koste ich nur ganz kurz von ihr; für den Bruchteil einer Sekunde berühren sich unsere Zungen, dann ziehe ich mich zurück. Sie lehnt sich seufzend an mich. Es ist einer der Momente, in denen man entweder aufhört oder komplett die Kontrolle verliert.

Aber ich weiß, was ich tun muss.

Ich küsse sie noch einmal, genieße den perfekten Augenblick, dann ziehe ich mich behutsam zurück. Sie lässt mich widerstrebend los, ihr Kinn senkt sich, ihre Zähne beißen in ihre Unterlippe.

Ich greife nach ihrem Kinn und hebe ihren Kopf an. Sie sieht … beschämt aus. Warum, kann ich allerdings nicht erkennen. Ich küsse ihre vollkommene Stirn, und wieder hüllt mich ihr süßer Duft ein. »Bin ich froh, dass ich heute Abend in die Pizzeria gekommen bin«, flüstere ich.

»Ich auch«, haucht sie. »Ähm …« Sie schüttelt sich ein wenig. »Aber ich geh jetzt besser.«

»Kommst du von hier aus allein zurecht?« Meine Stimme klingt belegt. Wobei es keinen Anlass gibt, mir wegen ihr Sorgen zu machen. Schließlich befinden wir uns hier mitten auf dem Campus, und einen halben Block entfernt strömen Studierende aus der Konzerthalle, wo gerade irgendein Auftritt zu Ende gegangen ist.

»Ja«, antwortet sie leise. »Gute Nacht.«

Bevor sie über den Gehweg davonschwebt, schenkt sie mir noch ein schüchternes Lächeln.

Ich schaue ihr nach und fühle mich wie ein Schuft, weil ich sie nicht nach Hause gebracht habe. Aber ich will ihr nicht erklären müssen, dass das Dekanat mich aufgefordert hat, mich dieses Jahr besser in keinem Wohnheim blicken zu lassen. Was mir Probleme bereitet, ist so erschreckend wie beschämend.

Da wir gerade von Problemen sprechen.

Obwohl ich noch an Lianne und unseren umwerfenden Kuss denke, greife ich nach meinem Handy und rufe meinen Vater zurück. Wenn ich ihn weiterhin meide, wird er bloß wütend, was es für uns alle nur noch schlimmer machen würde. »Entschuldige«, sage ich, als er rangeht, »aber ich hatte wirklich einen anstrengenden Tag.« Das stimmt wenigstens so ungefähr.

»Daniel«, entgegnet er, seine Stimme klingt ernst. »Ich möchte, dass du morgen den neuen Anwalt anrufst, mein Junge. Er will sich endlich daranmachen, deinen Namen reinzuwaschen, aber er kann dir nicht helfen, wenn du dich nicht bei ihm meldest.«

»Okay«, verspreche ich. Dumm ist nur, dass ich dasselbe schon mal versprochen und dann nicht gehalten habe. Und Dad wird sich das nicht länger bieten lassen.

»Morgen, Daniel. Der Mann ist der Beste. Ein Spezialist. Und er ist auf deiner Seite. Ich verstehe nicht, wieso du ihn nicht anrufst.«

Warum fällt es mir so schwer, ihm das zu erklären? Es kommt mir vor, als müsste ich zu einem Onkologen gehen. Hey, der Krebsarzt ist auf deiner Seite. Warum freust du dich nicht auf den Termin? Allerdings versucht mich der Spezialist in diesem Fall nicht vor einem allzu frühen Grab zu bewahren. Sondern davor, dass ich vom College fliege.

»Ich rufe ihn nach meiner ersten Vorlesung an«, verspreche ich noch einmal. Und diesmal werde ich mich auch daran halten. Ich will mir das vom Hals schaffen, damit ich mich auf die Verabredung mit Lianne freuen kann. Meine erste Verabredung seit Monaten.

»Ja, mach das«, sagt er. »Du darfst den Kopf nicht hängen lassen.«

»Werde ich nicht.« Ein leeres Versprechen, denn um den Kopf nicht hängen zu lassen, muss man erst mal zuversichtlich sein.

Wir beenden das Gespräch. Ich lehne mich gegen die Ziegelmauer des Capri’s und frage mich zum hundertsten Mal, wieso mein Vater eigentlich an meine Unschuld glaubt. Jedenfalls behauptet er das. Aber bei meinem Vater geht es immer nur um Schadensbegrenzung. Er ist Buchhalter und gläubiger Katholik. Als er meine Mutter heiratete, waren beide erst einundzwanzig. Mein Bruder kam ein Jahr später zur Welt und begann gleich nach der Entbindung sämtliche Rekorde zu brechen. Sportskanone. Klassenbester. Und aller Wahrscheinlichkeit nach der größte Herzensbrecher am nördlichen Rand von Long Island.

Und dann kam ich. Der andere Bruder. Das Problemkind. Auch wenn sie es nicht aussprechen, kann ich meine Eltern förmlich denken hören: Warum kannst du nicht mehr wie dein Bruder sein? Und das war noch bevor mich das College eines verabscheuungswürdigen Verbrechens beschuldigte.

Aber es wird spät, und es ist arschkalt hier draußen. Also gehe ich wieder hinein, um meine Jacke zu holen und mich zu verabschieden.

Wenigstens etwas ist heute gut gelaufen. Während ich allein nach Hause gehe, summe ich »Cold As Ice« von Foreigner und erinnere mich daran, wie Liannes Lächeln aussah.

3

Sechs Sekunden Überblendung

Lianne

Am Dienstag werde ich schon vor dem Wecker langsam wach. Was daran liegt, dass auf der anderen Seite der Wand ein ganz besonderer Wecker lärmt.

Zwischen meinem und Bellas Zimmer liegen zwei Holztüren und das Bad. Das mag sich nach einer gut befestigten Grenze anhören, aber Akustik ist eine komische Sache. Das Bad scheint die Geräusche meiner beiden miteinander rummachenden besten Freunde eher zu verstärken.

Ich habe keinen Schimmer, wie viel Sex in einer Beziehung normal ist. Ich habe ja kaum einmal selbst Sex gehabt. Aber wo auch immer der Mittelwert liegen mag, ich bin mir sicher, dass Rafe und Bella ihn beträchtlich übertreffen. Fast jede Nacht schlafe ich zu einer Playlist ein, die ich zusammengestellt habe, um den Geräuschpegel ihrer Leidenschaft zu übertönen. (Sechs Sekunden Überblendung sind dringend erforderlich, um das Stöhnen und die Verbalerotik zu tilgen, die es am nächsten Morgen fast unmöglich machen, den beiden beim Brunch in die Augen zu schauen.)