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ALLES MAGISCHE BEGINNT MIT EINEM FUNKEN … Seit den Hexenprozessen von Salem ist eines klar: Hexen gibt es wirklich! Logan Mordrake ist einer von ihnen, ein Hexer, um korrekt zu sein, der gerne mit seiner kühlen Art seine Unsicherheit und Gefühle überspielt. Doch das ändert sich alles, als er mit seinem Zirkel Gast am Schwarzen Ball wird und zwischen die dunklen Machenschaften der Solomon Schwestern gerät. Durch verbotene Feuermagie aus der Vergangenheit zurückgeholt, verfolgen diese den finsteren Plan, ihren dämonischen Gebieter wieder zu erwecken. Dabei begegnet Logan unerwartet dem mysteriösen und gutaussehenden Noah, der ihn vor einer verheerenden Explosion rettet und damit eine Welle aus unbekannter Leidenschaft auslöst, die in Logan alles zu verändern droht …
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2023
Adam Bogs
The Prevalent Witches
Gefährlicher Funke
Band 1
Dies ist ein Fantasieroman.
Handlungen und Personen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Adam Bogs
The Prevalent WitchesGefährlicher Funke
Band 1
Fantasieroman
1. Auflage
Vicon-Verlag
Niederhasli 2016
Adam Bogs ist 1989 in der Schweiz geboren. Die Welt der Fantasiegeschichten hat ihn schon immer sehr interessiert. Nachdem er in der Schule auf das kreative Schreiben aufmerksam wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis sein Debütroman erscheinen sollte. Zuerst schrieb er an einer Geschichte, mit der er seine Lieblingsfilme fortsetzte, bis er sich an etwas Eigenem versuchte. Jetzt ist es soweit. Der erste Band „Gefährlicher Funke“ der Urban-Fantasy Reihe: The Prevalent Witches ist publiziert.
Privat reist er oft durch die Weltgeschichte und lernt gerne neue Menschen, Kulturen und ihre Geheimnisse kennen.
Adam Bogs: The Prevalent Witches – Gefährlicher Funke, Band 1
© Urheberrecht und Copyright: ViCON-Verlag
1. Auflage 2016
Lektorat: das Buch - der Text
Verlag: ViCON-Verlag, Heiselstrasse 105, CH-8155 Niederhasli
Internet: www.vicon-verlag.ch
E-Mail: [email protected]
ISBN: 978-3-9524442-6-9
ISBN E-Book: 978-3-9525294-9-2
Satz und Layout: LP Copy Center Wettingen
Coverdesign: Design Resort, Bülach
Druck: Frick Kreativbüro & Onlinedruckerei e.K.
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Die Mordrakes
Rotes Haar
Der Fremde
Auf hohen Schuhen läuft es sich besser
Château Versailles
Nicht die einzigen Jäger
An der Rue Royale
Der Tag danach
Moulin Rouge auf Hexenart
Das Hexenhaus
Der Schwarze Ball
Blutige Kerzenständer sind praktisch
Knackende Knochen
Wer ist Ronan Tars
Alles Gute kommt nicht immer von oben
Zurück in die Vergangenheit
Söhne der Finsternis
Weiss ist das neue Schwarz
Tantalos Hilfe
Der Käfig der Unsterblichen
Die Rückkehr
Die Forderung
Einfach fallen lassen
Der Zirkel des letzten Mondes
Ein Besen mit Flügeln
Epilog
The Prevalent Witches
BAND 1
Prolog
Wir sind mächtig. Wir sind klug. Wir sind unvergleichlich schön. Und wir leben schon mehr als zweitausend Jahre unter den Menschen.
Alles begann, als unsere Tarnung 1692 in Salem aufgedeckt wurde und viele von uns verhaftet, angeklagt oder hingerichtet wurden. Doch wenn man glaubt, es sei bei diesem einen Spektakel geblieben, dann irrt man sich gewaltig. Wir mussten mehr erleiden und erdulden als es je ein Volk zuvor getan hatte. Es waren nicht nur die Scheiterhaufen, auf denen wehrlose Frauen, Männer und Kinder zu Asche wurden. Viele von uns wurden an Ketten gefesselt ohne Hoffnung zu überleben oder zu entkommen, während religiöse und grausame Männer an ihnen herumbastelten, als wären sie Scherenschnitte. Dazu kamen die Wasserproben und viele weitere und schreckliche Dinge. Doch das Schlimmste, das all diese lange Zeit überlebt hat, noch immer in dieser Welt lauert und damit uns seit jeher bedroht – ist der abgrundtiefe Hass. Der widerliche und unaufhaltsame Hass, der uns stets und in all diesen Jahren entgegengebracht wurde und wird. Keine Gnade, kein Mitgefühl und keine Hoffnung auf ein Ende.
Der Hass ist etwas, das die Welt bis heute nicht verloren hat. Noch immer wuchert er in den Schatten, ernährt sich vom Blut jener, den der Hasser als teuflisch, unwürdig und verdorbenabstempelt. Daher leben wir verborgen im Hintergrund und agieren ohne das Wissen der Menschen, stets in Wachsamkeit vor denen, die uns nach dem Leben trachten.
Ja, uns gibt es immer noch und ich bin ein Teil davon. Besser gesagt, ich bin ein gutaussehender Spross unserer unvergleichlichen Macht.
Mein Name ist Logan Christopher Mordrake und ich bin eine Hexe …, ich korrigiere mich, ein Hexer. Seit ich drei bin, weiss ich es. Schon damals begann ich mit meinen Kräften herumzuspielen, was eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Bei normalen jungen Hexen und Hexern treten die Kräfte erst im Alter zwischen neun und zehn auf. Gut, dass ich meine Mutter bei mir hatte. Sie hatte alles vor unserem Zirkel vertuscht, geheim gehalten und nur deswegen, damit ich überleben konnte. Denn Hexen und Hexer, die ihre Kräfte vor ihrem neunten Lebensjahr erhalten, sieht man innerhalb unserer Gesellschaft als gefährlich an. Also, wie gesagt, gut, dass ich meine Mutter bei mir hatte. Sie ist die Oberste und die Anführerin unseres Zirkels. Ihr Name ist Maxim Mordrake.
Beginnen wir aber jetzt mit meiner Geschichte, die viel interessanter und unterhaltsamer ist. Und ich kann euch eins versprechen … sie wird euch umhauen.
Die Mordrakes
Zuerst war es nur ein undeutliches Geräusch, das Logan von seinem Zimmer aus hörte. Ein Klappern auf nacktem Boden, das sich hektisch näherte und Übles prophezeite. Logan ahnte bereits, wer da auf dem Vormarsch war, obwohl er nicht wusste, weswegen sie kam. Aber auch wenn er es gewusst hätte, seine Reaktion wäre nicht anders gewesen. Daher konnte er nur eines tun: Und zwar weiter zuhören, wie sich ihm High Heels näherten. Bereits im nächsten Augenblick tauchte Maxim an Logans Türschwelle auf.
„Pack deine Sachen Logan“, sagte sie, als er sich für die Uni bereitmachte. „Wir fliegen nach Frankreich.“
„Was!“, rief er geschockt, als er sich gerade einen dunkelblauen Pullover überstülpte. „Du weisst schon, dass ich zur Uni muss? Es ist Montag, um genau zu sein. Ich habe noch eine lange Fahrt bis dorthin. Ich kann jetzt nicht einfach nach Frankreich. Ein Test steht bevor. Auch wenn man die heutige Jugend als faul, undiszipliniert und vorlaut bezeichnet, ich bin es nicht … weil ich Letzteres nicht verhindern kann, oder will.“
Maxim betrat Logans aufgeräumtes und sauberes Zimmer, das sie umgehend ins Visier nahm. Sie wirkte wie ein Gepard, der sich auf die Lauer legt und nach seiner Beute Ausschau hält. Noch bevor Maxim aber etwas sagen konnte, und das hätte sie bestimmt getan, ging ihr Logan blitzschnell dazwischen. „Wehe du sagst etwas über mein Zimmer.“ Er funkelte sie mit seinen eisblauen Augen herausfordernd an. Das musste er tun. Sonst müsste er sich eine Rede anhören, warum er nicht ein wenig wie die anderen sein konnte, die alles in ihren Zimmern herumliegen lassen. Und darauf konnte er heute echt verzichten, wenn nicht sogar immer. Er war nun mal jemand, der alles geordnet haben wollte. Egal, ob es sein Zimmer betraf, seine Studentenwohnung an der Princeton oder seine Haare, die noch zerzaust auf seinem Kopf warteten, gestylt zu werden.
„Und erklär mir bitte, warum wir noch heute nach Frankreich fliegen müssen.“
Maxim machte ein verächtliches Geräusch und schüttelte dabei ihren blondgefärbten Schopf, den sie heute mit viel Haarspray festgesprüht hatte. „Ich weiss, dass ich keine gute Mutter bin … Oh Gott, nein, das bin ich wirklich nicht. Nicht im Geringsten. Dennoch verlange ich als Oberste und von dem Sohn einer solchen zu wissen, was uns bevorsteht. Wie kannst du das vergessen. Es ist Teil deiner ewigen Pflicht innerhalb unserer Gesellschaft, solche Dinge niemals zu vergessen.“
Jetzt dämmerte es Logan. Das war also der Grund, dachte er, als er in seine Jeans schlüpfte und daraufhin übertrieben seine Augenbrauen verzog. „Du meinst den Sabbat, oder?“
„Nein!“, zischte seine Mutter und fuhr wieder normal fort, als wäre Logan nicht gerade ein Fehler unterlaufen. „Der Schwarze Ball, mein Liebling. Wie oft muss ich dir das noch sagen. Er hiess Hexensabbat. Und sag es nicht so plump, wie gerade eben. Klingt ja scheusslich aus deinem Mund.“
Typisch Maxim.
„Na klar“, kommentierte Logan seine Mutter und machte sich weiter daran, sich fertig zu machen. Seine kurz geschnittenen braunen Haare und Lederstiefel waren dran. Es war ihm nicht bewusst, dass bald der 31. Oktober war. Wie alle sechs Jahre trifft sich an diesem Tag die geheime Gesellschaft der Hexen und Hexer aus allen Territorien der Welt, um ihr allerheiligstes Fest, den Schwarzen Ball, zu feiern, der den früheren und veralteten Hexensabbat ablöste. Der Schwarze Ball von Versailles gehörte zu den grössten und schönsten, das war allgemein bekannt. Alles wurde dort eine Nummer grösser gemacht, egal ob es den Tisch, die Stühle oder die Dekoration betraf und alles war bis ins letzte Detail geplant. Daher war es eine Ehre und ein Privileg, dass der New Jersey Hexenzirkel, zu dem Logan und seine Mutter gehörten, zum diesjährigen Ball als Ehrengäste eingeladen worden waren. Das hatte Logan nicht vergessen, obwohl er versucht hatte, es zu ignorieren. Einmal ein Hexer, immer ein Hexer.
„Was willst du jetzt eigentlich von mir?“, warf er Maxim zu, da sie nicht den Anschein machte zu verschwinden. „Muss ich jetzt echt mitkommen? Kannst du nicht allein dorthin gehen – ohne mich? Wenn du dir Sorgen machst, dass ich ohne dich nicht zurechtkommen würde, das brauchst du nicht. Wirklich nicht. Geh du ruhig hin. Francine ist ja da.“
Maxim stellte sich zu ihrem neunzehnjährigen Sohn, als dieser sich endgültig herausgeputzt im Spiegel betrachtete. Er hatte seine Barthaare etwas wachsen lassen, was ihm unheimlich gut stand. Das wusste Logan natürlich.
„Du kommst mit“, sagte sie über seine trainierten Schultern, die sie mit ihren perfekt manikürten Fingernägeln berührte, „als Teil der Familie, Logan.“
Er betrachtete sie kurz im Spiegel. „Du weisst schon, dass unsere Familie, unsere nette, kleine Familie, nur aus dir und mir besteht, oder?“
„Und unserem Zirkel“, fügte Maxim stolz mit erhobenem Kinn hinzu, als wäre es ein Verbrechen, es nicht zu erwähnen. „Die kommen auch alle mit. So sind wir eine richtig grosse Familie.“
Logan verdrehte angewidert die Augen.
„Hör sofort damit auf!“, schimpfte Maxim, als sie sich von ihm löste. Noch vor einer Sekunde hatte sie ihn mit ihrem faltenlosen Gesicht warm angelächelt, doch davon war jetzt nichts mehr zu spüren. „Du wirst mitkommen, Schluss-aus-Ende. Pack alles was du brauchst, wir fliegen noch heute Mittag. Das Taxi sollte jeden Moment eintreffen. Also los.“ Noch bevor Logan etwas dagegenhalten konnte, verschwand sie fluchtartig und liess einen genervten Sohn zurück.
Um ihr nicht wütend nachzurennen und ihr eine Liste an Schimpfwörtern entgegenzuschleudern, atmete Logan kurz ein und wieder aus, als er seine Umhängetasche auf das Bett zurücklegte. Aber auch das half nichts. Einmal mehr musste er das machen, was ihm Maxim befohlen hatte.
Am liebsten würde ich sie verschwinden lassen.
Er lebte gemeinsam mit seiner Mutter in einer beachtlichen und barockangelehnten Villa, die ihnen Christopher Mordrake, Maxims Ex und Logans Vater, der bei einem schrecklichen Unfall umgekommen war, vermacht hatte. Das Anwesen, das bei den Nachbarn in Newark und in der Umgebung als Haus Mordrake bekannt war, besass neunzehn Zimmer, sechs Bäder, zwei Esszimmer, ein riesiges Wohnzimmer mit einem Kamin und eine Küche. Obwohl sich Logan hier nie wirklich zuhause fühlte – und er wusste nicht, an was es lag – gefiel es ihm, wie er und seine Mutter lebten. Sie hatten eine eigene Köchin, die auch als Haushälterin arbeitete, zwei Putzfrauen und drei Butler, alias Bodyguards, die ihnen stets zur Verfügung standen.
„Na gut“, sagte Logan zu sich selbst, als er sich damit abgefunden hatte, nach Frankreich zu fliegen. Er holte seinen Koffer hervor, in den er einige Hemden, ein paar Pullover, Hosen, Unterwäsche und Socken hineinlegte. Als er fertig und unterwegs zur Küche war, dachte er darüber nach, dass sein Ausfallen an der Uni sicher schon geregelt war. Er kannte seine Mutter. Ein Anruf reichte und ihre unvergleichliche Stimme konnte bewirken, dass ihr Gegenüber wie ein Sklave nach ihrer Pfeife tanzte. Auch wenn das keine grosse Sache war und die Menschen eh gerne schnell an alles glaubten, so war es manchmal dennoch eine Herausforderung, da man nie wusste, wie hartnäckig diejenige Person war, die man dazu bringen wollte, das zu glauben oder das zu tun, was man wollte. Doch Logan wusste, dass seine Mutter nicht zu denjenigen Hexen gehörte, denen so etwas misslang.
Nein, zu diesen gehörte Maxim gewiss nicht. Daher war Logan klar, als er die grosse Küche betrat, dass sie den Anruf bereits getätigt hatte, noch bevor sie sein Zimmer aufgesucht hatte. Ja, da war sich Logan ganz sicher, was ihm überraschend ein Lächeln ins Gesicht zauberte.
„Na, schon wach?“, fragte Francine über die Küchentheke aus weissem Marmor, als sie einen Pfannkuchen in die Höhe schleuderte und gekonnt wieder auffing. Wie jeden Morgen bereitete sie Logans Lieblingsfrühstück zu, bei dem er ihr immer gerne zusah. Mit einem herzlichen Lächeln begrüsste sie ihn, ohne ihr gut riechendes Werk aus den Augen zu verlieren.
Ohne auf ihre Frage einzugehen setzte sich Logan an die Theke, wo er ihr selbst eine Frage stellte. „Schon gehört?“
„Was denn, Logan?“, fragte sie sogleich mit ihrer typisch, neugierigen Stimme, die sie immer dann hervorholte, wenn er etwas Neues oder Spannendes zu berichten hatte. Und genau das gefiel Logan an ihr so sehr, wenn sie ihm zuhörte und wirkliches Interesse zeigte. Etwas, was seiner Mutter deutlich fehlte.
„Wir fliegen noch heute nach Frankreich.“
Die ältere Francine mit ihren hageren Schultern legte eine zugleich begeisterte wie zweifelnde Miene auf. „Heute noch?“ Ihre grauen Haare hatte sie nach oben gesteckt, sodass es aussah, als hätte sie ein Vogelnest auf dem Kopf.
Logan zog seine Brauen hoch. „Jepp.“
„Na, und hast du schon alles gepackt? Brauchst du noch Hilfe bei irgendetwas? Muss ich dir etwas bügeln? Wie sieht es mit deinen Pullovern und Hemden aus?“ Gleich darauf überprüfte sie wie ein Spion die Lage, um sicher zu gehen, dass sie beide alleine waren. „Zauberstab eingepackt?“
Logan musste ausgiebig lachen. Francine wusste natürlich, dass sie in einem Haus von Hexen arbeitete. Das hatte sie bereits, als sie die Stelle bekommen hatte, erfahren. „Solange ich nicht verhext werde“, hatte sie scherzhaft gesagt, „spielt es keine Rolle, für wen ich arbeite.“ Und das schätzten die Mordrakes, mehr als alles andere.
„Francine, du weisst doch, wir brauchen keine Zauberstäbe wie bei Harry Potter. Und nein, ich benötige keine Hilfe. Aber danke für dein Angebot. Es ist alles gepackt.“
„Schön. Iss jetzt deine Pfannkuchen auf, sonst werden sie noch kalt vom vielen Plappern. Nicht dass du mir halb verhungert davonfliegst. Apropos fliegen; hast du deinen Besen bereit?“, fragte sie mit einem lustigen Augenzwinkern.
Ein breites Grinsen nahm Logans Gesicht wieder ein, als er den ersten Pfannkuchen von sechs hinunterschlang. „Zum Glück gibt es heutzutage Flugzeuge mit First Class. Die machen alles bequemer.“
Francine nickte ihm zu. „Das glaub ich dir, mein Lieber.“
Dann begann sie mit dem Abwasch, während Logan die restlichen Pfannkuchen genüsslich auffutterte. Dadurch merkte keiner von ihnen, wie Maxim in ihrem enganliegenden Kleid, welches ihr halbwegs bis an die Knie reichte, die Küche betrat.
„Francine, weisst du bereits die Neuigkeit?“
„Ja“, sagte die anständige Haushälterin und Köchin höflich mit einem Nicken, das einer Verbeugung gleichkam, „Ihr Sohn hat es mir soeben voller Euphorie berichtet.“
Mutter und Sohn schauten sich an.
„Gut“, sagte Maxim, „dann überlasse ich dir das Kommando, solange wir weg sind.“
Francine nickte erneut. „Und wie lange denken Sie, wird Ihr Aufenthalt in Frankreich dauern, Misses Mordrake?“
Logan sah, wie seine Mutter Francine unter die Lupe nahm. Das machte sie öfters, wenn ihr etwas nicht gefiel. Logan fand das unmöglich und hätte zu dieser Situation gerne etwas gesagt. Doch damit hätte er Francine keinen Gefallen getan, es würde die Situation nur noch schlimmer machen. Daher schluckte er seine Bemerkungen hinunter.
„Nicht lange“, antwortete Maxim matt. „Aber rechnen Sie nicht vor nächsten Montag mit uns.“
Da bin ich anderer Meinung.
Francine nickte ein weiteres Mal, als es an der Haustür klingelte.
„Los“, sagte Maxim zum Butler hinter ihr, „hol die Koffer.“
Wie ein Zombie schoss der Mann aus der Küche, den Logan gar nicht bemerkt hatte.
„Komm schon Logan, wir haben keine Zeit, um fertig zu frühstücken. Wir haben einen langen Flug vor uns. Da kannst du genug essen, was aus wahrlich erstklassiger Küche kommt. Mach schon!“
Noch bevor Logan etwas sagen konnte, und er hätte Maxim liebend gerne etwas an den Kopf geworfen, verliess sie die grosse Küche.
„Sie hat es bestimmt nicht so gemeint“, sagte er mit schlechtem Gewissen zu Francine.
Diese winkte sogleich ab. „Alles gut, Logan.“
Logan wusste, dass überhaupt nichts gut war. Dennoch erhob er sich, um nicht noch mehr Trubel ins Haus Mordrake zu bringen. „Danke für die Pfannkuchen. Die waren wie immer köstlich. Soll ich dir etwas aus Frankreich mitbringen? Ein Souvenir oder so?“
Francine schaute ihn liebevoll an und schüttelte den Kopf. „Lieb von dir. Aber, nein danke. Nur dich … heil und unverhext.“
Logan nickte ihr lächelnd zu. „Geht klar. Bis bald Francine.“
Rotes Haar
Es war längst Mitternacht vorbei, als die Mordrakes im edlen Hotel Cortaléz eintrafen. Maxim hatte dieses ausgewählt, da es eines der berühmtesten Hotels der Hexenwelt war und eine Geschichte hatte, die weit in die Vergangenheit reichte. Das hatte Maxim Logan während der Fahrt zum Hotel erzählt. Hauptsächlich waren darin Hexen und Hexer anzutreffen, nur manchmal kam es vor, dass sich Menschen hineinverirrten. Denn durch den Zauber, der über dem Hotel lag, wirkte es auf Menschen unattraktiv und diese überlegten es sich zweimal, ob sie darin übernachten wollten.
Erbaut wurde es laut Maxims Geschichte, mit der sie versuchte Logan zu beeindrucken, von einem spanischen Hexer, der angeblich fast tausend Jahre in der verborgenen Welt gelebt haben soll. Und es war berühmt, weil es nicht nur schon seit Jahrzehnten zum Schutz der Hexen und Hexer da war, sondern auch, weil dieser Hexer als Mythos galt. Als Logan dies mitgeteilt wurde, woran er nur schwer glauben konnte, erreichten sie das Hotel.
Endlich sind wir da.
Müde von der Geschichtenstunde und dem langen Flug, trotz First Class, legte sich Logan ausgestreckt auf sein Bett. Wie immer, ohne vorher anzuklopfen und ihr Erscheinen anzukündigen, platzte Maxim in Logans Apartment.
Zum Glück habe ich wenigstens zwischendurch mein eigenes Apartment.
„Morgen um neun Uhr werden wir bei den Devoncharés erwartet. Also komm ja nicht auf die Idee zu verschlafen.“ Maxim war ebenfalls müde, das sah Logan an ihren Augenringen. Sie hatte ebenfalls eisblaue Augen, die perfekt zu ihren gefärbten Haaren passten. Ursprünglich hatte sie braune Haare wie er. „Sei vorzeigbar und zieh dir einen deiner dunklen Anzüge an. Ronny wird dich abholen.“ Ronny war einer ihrer Bodyguards.
„Natürlich Mutter, wie immer“, sagte Logan, ohne sich von seinem Bett zu rühren. Er schaute sie nicht einmal an.
„Dann schlaf gut.“
Logan wollte noch etwas Cooles sagen, als Maxim auch schon hinter der schweren Apartmenttür verschwunden war. Eine Minute später schlief er ein, ohne zu ahnen, dass in 24 Stunden etwas passieren würde, das sein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde.
Logan stand inmitten lauter Hexen und Hexer aus den verschiedensten Rängen, Zirkeln und Regionen, die sich alle im Haus der hochangesehenen Familie Devoncharé zusammengefunden hatten. Seine Mutter hatte er schon längst unter den edel angezogenen Gästen verloren. Daher machte er sich schleunigst in Richtung Bar auf. Dort entdeckte er einen gleichaltrigen Jungen in einem dunkelblauen Anzug, der ihn beim Näherkommen beobachtete.
„Auch hier?“, fragte der Junge mit überraschtem und zugleich freundlichem Blick, als hätte er nicht damit gerechnet, dass Logan hier auftauchen würde. Logan setzte sich neben ihn und bestellte eine Cola Zero. Am liebsten hätte er sich etwas anderes bestellt, das ihn all das vergessen liess. Aber wenn ihn seine Mutter dabei erwischen würde, wie er Alkohol trank … uh, das wollte niemand erleben. Denn wie bei den gewöhnlichen Menschen aus den USA, galt auch bei den Hexen und Hexern: kein Alkohol unter 21. Da spielte es keine Rolle, dass sie sich in Frankreich aufhielten, wo man bereits ab 16 Jahren Bier trinken durfte.
„Du kennst doch meine Mutter, eins auf Familie machen und so. Ich wäre sonst nicht hierhergekommen“, sagte Logan.
Der Junge nickte ihm zu. „Willkommen im Club.“ Er hatte hellbraune Haare, die an der Seite kurzgeschnitten und oben lang und stilvoll nach hinten gegelt waren. „Wie läuft es an der Princeton?“
„Wie immer und bei dir Emmet? Wie läuft es an der Akademie? Nicht dass es mich wirklich interessieren würde, was dort abgeht.“
„Na, wie es halt so ist an der Akademie“, erzählte Emmet gelangweilt. „Hat sich nicht viel verändert. Immer noch das gleiche Chaos.“
„Schön zu hören.“
Emmet wartete einen Moment. „Was ist eigentlich damals genau passiert? Weswegen wurdest du von der Akademie verwiesen? Bis heute weiss ich nicht, was geschehen ist.“
Logan wollte nicht darüber reden und starrte Emmet daher eine Weile mit abwesendem Blick an. Auch wenn er ihn von Kindsbeinen an kannte, so war Logan das, was damals geschehen war, zu persönlich, um es Emmet anzuvertrauen.
Emmet war ein bulliger, aber dennoch gutaussehender junger Hexer, der schon als kleines Baby jedes Hexenherz für sich gewinnen konnte. Das war auch jetzt noch so, wenn Logan über seine Schulter schaute und den Blicken der jüngeren Gäste folgte, wie diese flüchtig auf Emmet landeten. Da waren Blicke von jungen wie auch älteren Männern keine Ausnahme.
Solche Blicke wurden auch Logan zugeworfen, doch er schenk-te denen noch weniger Beachtung als jenen seiner Mutter.
„Spielt doch keine Rolle“, antwortete Logan schliesslich und wechselte sofort zu einer anderen Frage. „Weisst du schon, wer alles von der Akademie am Fest teilnehmen wird?“
„Na, eigentlich alle“, antwortete Emmet. „Du weisst doch, der Ball ist obligatorisch … für alle von uns.“
Im selben Moment tauchte eine neue Stimme auf. „Nein, weiss er nicht.“
Als sich Logan und Emmet umdrehten, stand vor ihnen ein rothaariges Mädchen in einem engen, ebenfalls roten Cocktailkleid, das seine zarte Figur reizvoll umhüllte. „Emmet, du weisst doch, davon erfährt man erst im zweiten Magiesemester. Und wie man ja weiss, hat Logan die Akademie davor bereits verlassen.“
„Ah, stimmt“, sagte Emmet und schlug sich dabei gegen die Stirn. „Logan, darf ich vorstellen, Adelinor Bones.“ Emmet wies mit der Hand auf die junge Hexe.
Erfreut lächelte sie Logan an und reichte ihm anständig ihre Hand. „Und du bist also der berühmte Logan Mordrake.“ Sie schüttelten sich die Hände. Dabei nahm ihn Adelinor mit ihren grünen und neugierigen Augen genau unter die Lupe. „Wer kennt ihn nicht, den Sohn der legendären Maxim Mordrake. Sie war es doch, die das Geheimnis um den Jersey Devil lüftete, nicht? Durch ihre Hilfe konnte man diese scheussliche Kreatur nach mehr als zweihundert Jahren einsperren, in denen er für Chaos und Zerstörung in der Stadt gesorgt hatte.“
Logan tat verwirrter als zuvor. „Muss ich mir überlegen, wieder an die Akademie zurückzukehren?“ Natürlich wusste er von was Adelinor da gesprochen hatte. Und es stimmte. Maxim war estatsächlich gewesen. Und nur mit ihrer Hilfe konnte man diesem Mischwesen, wie es in den Medien damals gerne genannt wurde, das Handwerk legen. Doch die Erinnerung daran überlebte nur innerhalb der geheimen Gesellschaft der Hexen und Hexern. Jene Menschen, die dieses Spektakel miterlebt hatten, wurden durch eine Einheit des Obersten Rates unwissend gemacht.
„Lieber nicht“, entgegnete Adeline auf Logans Frage. „Hexenkrise und so … und bitte, nenne mich Adeline. Adelinor nennt mich nur meine Mutter, und die Akademie-Leiterin, Misses Arecott.“
„Stimmt“, sagte Logan zu Emmet, „deine Mutter ist ja die neue Schulleiterin an der Biltmore.“
„Ja, das höre ich ständig“, sagte Emmet, als wäre es eine Last und kein Ruhm.
„Sorry“, sagte Logan, da er nachfühlen konnte, wie das war. Auch er wäre nicht wirklich stolz darauf, wenn seine Mutter die Schulleiterin wäre. Logan war sich zum Glück sicher, dass so etwas niemals geschehen würde. Denn Maxim passte ebenso wenig zur Biltmore Akademie wie er selbst. Vielleicht war es ja das, was er von ihr geerbt hatte. Möglich wäre es jedenfalls, da er nicht wusste, was es sonst sein konnte.
„Und… “, riss ihn Adeline aus seinen Gedanken, „was habt ihr heute Abend noch so vor?“
Die beiden Jungs schauten sich kurz an.
„Warum?“, fragten Logan und Emmet wie aus der gleichen Pistole geschossen.
Die um sie herum anwesenden Gäste starrten einen Moment zu ihnen, bis ihre Gespräche wichtiger wurden und sie sich wieder umdrehten. Logan betrachtete sie einen Moment, in ihren teuren Mänteln und Kleidern, die ihn eher an ein Businessmeeting erinnerten als an eine geheime Hexenzusammenkunft in einem wirklich beachtlichen und grossen Anwesen. Noch ehe er sich der Architektur vertieft widmen konnte, wurde er wieder aus seinen Gedanken gerissen.
„Shit, als wärt ihr Zwillinge“, meinte Adeline ausser sich, „abgesehen vom Äusseren natürlich. Da bist du zu muskulös Emmet, das…“
„Komm, sag schon“, drängte Emmet, als er einen Schluck Apfelsaft nahm.
Adeline trat einen Schritt näher, während sie sich kurz umsah. Als sie mit ihrem Blick zu den Zweien zurückkehrte sagte sie: „Heute Abend findet eine geheime Party, ausserhalb von Versailles statt.“ Sie trat nochmals einen Schritt näher, um die Spannung noch grösser zu machen. „Und ich kann nur so viel verraten: Sie findet nicht grundlos ausserhalb von Versailles statt.“
„Adelinor, sprich Klartext!“, fauchte Emmet.
„Nenn mich nicht so, du … “ Sie wartete einen Moment. „Oh Mann, ihr seid aber auch zwei verhexte Dummköpfe. Dass ihr das nicht wisst. Vor etwa dreihundert Jahren sind in Florenz vier Hexen von Hexenjägern verbrannt worden. Niemand weiss etwas darüber, nicht einmal der Oberste Rat wusste davon, ausser ein paar Hexen, die es miterlebt hatten. Sie haben es in einem Buch niedergeschrieben und dieses in einer gewöhn-lichen Bibliothek versteckt. Und genau vor zwei Wochen stiess eine Hexe aus der Schweiz auf dieses Buch. Ihr könnt euch vorstellen, was das für einen Wirbel in der Hexenwelt ausgelöst hat. Seit zwei Wochen sprechen hier alle nur noch über diesen Vorfall. Laut dem Buch sollen sie die Ursprungshexen sein.“
„Und zu welchem Zweck ist die Party?“, fragte Emmet skeptisch. „Klingt eher nach etwas ...“
„Na, wir ehren sie, indem wir ein grosses Feuer anzünden und zu geiler Musik abtanzen. Und hallo, sie wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. Da muss man etwas Mitgefühl zeigen, findet ihr nicht?“
Logan konnte sich einen Lacher nicht verkneifen.
Nie im Leben werde ich an einer solchen Party teilnehmen.
„Wenn ihr nicht wollt, dann sagt es. Es ist ja nicht, als hätte ich euch einladen wollen oder so. Ich habe nur gedacht, vielleicht hättet ihr Lust darauf … wie eigentlich alle, die kommen.“
„Wir kommen“, sagte Emmet.
Logan dachte, sich verhört zu haben. „Was? Ich habe nicht vor, an irgendeine geheime oder verbotene was-weiss-ich Party zu gehen. Eigentlich wollte ich nicht einmal hierherkommen. Das kannst du also gleich vergessen. Und Emmet, was soll das?“
„Komm schon“, drängte ihn Adeline. „Sei kein Weichei, Mordrake. Besieg deinen inneren Dämon und komm mit. Ich sehe es in deinen Augen; du willst mitkommen. Du bist nur zu schüchtern, um Ja zu sagen. Stimmt doch, oder?“
„Ehm, nein. Und ich bin sicher nicht schüchtern“, antwortete Logan.
„Dann sag Ja!“ Adeline formte ihre schön schwarz geschminkten Lippen zu einem breiten Lächeln wie ein Kind, das um eine neue Puppe gebettelt hat und mit dem Lächeln versucht, seine Eltern zu bestechen.
Bei Logan brachte das nichts. „Warum sollte ich? Ich kenne wahrscheinlich nicht einmal jemanden dort.“
„Du kennst Emmet“, gab Adeline zurück, „und jetzt kennst du auch mich. Mit allen anderen wirst du dich schnell anfreunden, ganz bestimmt. Und wenn nicht, auch gut.“
Nein, ich habe keine Lust.
„Ne, lasst mal. Ich bleibe in meinem Apartment und schau mir irgendwas in der Kiste an.“
„Oh – mein – Gott! Bist du langweilig.“
Logan zuckte unbeeindruckt mit seinen Schultern.
„Emmet, sag auch mal was!“, sagte Adeline.
Logan hörte nicht, was dieser sagte, denn er spürte plötzlich etwas, so als würde ihn jemand aus der Menge anblicken. Sofort schaute er sich um, doch er sah keinen Blick auf sich. Alle waren in ihre eigenen Gespräche vertieft.
Merkwürdig.
„Komm schon Logan“, hörte er Emmets Stimme, während Adeline gebannt auf eine Antwort wartete, „wie früher. Wir beide, weisst du …“
„Na schön, vor mir aus. Bin dabei.“
Mit überglücklicher Miene klatschte Adeline in die Hände, sichtlich erfreut, Logan überredet zu haben. „Ich werde euch mit meinem Fahrer abholen. Seid pünktlich vor eurem Hotel. Und kommt ja nicht zu spät, oder auf die dumme Idee, nicht aufzutauchen. Ich kenne Wege und Mittel euch herauszu- locken. Also lasst es nicht darauf ankommen.“
„Keine Sorge, ich werde pünktlich sein“, entgegnete Logan gespielt höflich und fügte scherzhaft an: „Das bin ich immer.“
„Das will ich für dich hoffen. Also, dann sehen wir uns später. Macht‘s gut.“
Es dauerte nicht einmal drei Sekunden und Adeline war zwischen den vielen Gästen verschwunden. Zurück liess sie zwei junge Hexer, die sich mit fragenden Gesichtern ansahen.
Mist, was hab ich mir da wieder eingebrockt?
Der Fremde
Um Punkt acht stand Logan frisch herausgeputzt, mit einem schicken weissen Hemd und seiner dunklen Lieblingslederjacke, vor dem Eingang des Hotels Cortaléz. Draussen war nicht viel los. Nur vereinzelte Autos fuhren vorbei und ein paar Menschen trotteten den Bürgersteig entlang. Während er die Treppen vor dem Hotel hinunterlief, hielt ein schwarzer Jeep davor an. Das hintere Fenster wurde heruntergefahren, aus dem Adeline und Emmet aufgeregt hinausblickten.
„Komm schon Ron Weasley“, rief Adeline Logan laut zu, „wir müssen los.“
Ohne lange zu überlegen, ging er auf den monsterartigen Jeep zu. Während er einstieg, fragte er: „Ron Weasley?“
Der Fahrer war durch eine schwarz getönte Trennwand nicht zu sehen.
„Tut mir leid“, sagte Adeline lächelnd, „ich weiss, ich schau zu viel Harry Potter. Aber ich kann nicht anders. Teil 3 ist der beste von allen acht Filmen.“
„Wer soll das sein?“, wollte Emmet wissen. Er trug einen ähnlichen Anzug wie heute Morgen, nur, dass dieser ein Stück jugendlicher und sportlicher wirkte. Wahrscheinlich hatte seine Mutter den heute Morgen ausgesucht.
Noch bevor Logan oder Adeline auf Emmets Frage antworten konnten, fuhr der Wagen los.
„Wer wird eigentlich alles dort sein?“, fragte Logan nach einer Weile, der eigentlich gar nicht darüber nachgedacht hatte, auf was er sich da einliess. Er hatte nicht einmal seiner Mutter Bescheid gegeben, wohin er ging. Er hatte ihr nur schnell „bis dann“ gesagt und weg war er.
„Alles Leute, die du nicht kennst“, antwortete Adeline, während sie sich ihr schwarzes Kleid zurecht glättete. Es sah schön an ihr aus. Doch bei ihr hatte es einen anderen Effekt als der neue Anzug bei Emmet. Das Kleid machte sie älter als sie eigentlich war. Logan schätzte sie auf siebzehn. Viele Hexen und Hexer verschleierten mittels ihrer Kräfte ihr wahres Alter. Einige gingen sogar so weit, dass sie danach nicht mehr so aussahen wie einst, und von vielen nicht mehr erkannt wurden.
Auf Adelines Antwort sagte Logan simpel: „Nett.“
„Es wir mehr als nur nett“, richtete sie sich aufgebracht an ihn, „wenn ihr mich fragt, wird es besser als jeder Schwarze Ball der Hexen oder jede Party, die die Menschen gerne veranstalten.“
Logan zuckte wie Emmet mit seinen Schultern.
Keine Ahnung.
Er konnte sich nur noch schwer an die bisherigen Bälle erinnern. Er war gegangen, ohne wirklich Lust darauf gehabt zu haben. Daher vergass er schnell, wie es war.
Nach einer Weile, während Logan hinaus sah, bemerkte er, wie immer weniger Häuser und Gebäude zu sehen waren. „Wo findet eigentlich diese, deiner Meinung nach, ultra-coole Party statt?“
„Wenn ich es euch jetzt schon verrate, ist es nicht mehr spannend“, entgegnete ihm Adeline und schaute kurz aus dem Fenster. Logan und Emmet sassen ihr gegenüber. „Sag mal, was hast du eigentlich getan, dass du aus der Akademie geschmissen wurdest? Das hat mir bisher noch nie jemand erzählt. Und ich brenne darauf –“
„Das weiss niemand!“, platzte Emmet dazwischen. „Niemand weiss es, ausser Logan selbstverständlich. Über die, die dabei gewesen sind oder die davon erfahren hatten, wurde ein Vergessens-Zauber gelegt. Das hat mir jemand erzählt.“
„Na dann“, drängte Adeline Logan weiter, „erzähl schon. Verrat uns dein grosses Geheimnis.“
Da war sie, die Situation, der Logan seit drei Jahren aus dem Weg ging. Seit er mit sechzehn die Akademie unfreiwillig verlassen musste, hatte ihn niemand mehr nach diesem Vorfall gefragt, wirklich niemand – bis jetzt. Nicht einmal seine Mutter wollte damals wissen, was er getan hatte. Trotzdem erfuhr sie es im Nachhinein, was aber überraschenderweise nie zu einem Mutter-Sohn-Gespräch führte. Diese Reaktion verstand Logan bis heute nicht. Doch er erinnerte sich gerne selbst daran, da es damals zum ersten Mal vorkam, dass Maxim etwas getan – oder eben nicht getan hatte – was Logan zugute kam.
„Bist du hier Logan?“, fragte Adeline.
Logan schob die nachdenklichen Erinnerungen beiseite. „Ja, ich bin hier, aber ich will nicht darüber reden. Ich hoffe, ihr versteht das.“
Adeline konnte ihre Enttäuschung gut überspielen, sodass keiner der Jungs etwas merkte.
„Schon okay“, sagte Adeline nach einem Moment, „ist bestimmt eine öde Geschichte.“
Logan sagte nichts, musste aber dennoch kurz darüber lachen. Irgendwie gefiel ihm die kleine rothaarige Hexe. Sie hatte den gleichen Humor wie er.
Nach etwa einer Stunde Fahrt hielt der dunkle Jeep an. Als Logan mit den anderen ausstieg, war das Erste, was er sah, die Feuerspitzen, die auf ein riesiges Feuer hindeuteten, inmitten des dichten Waldes, der sich vor ihnen majestätisch erhob. Für einen kurzen Moment vergass Logan wo er war, als er Adelines unüberhörbare Stimme hörte.
„Kommt schon Jungs“, rief sie ihnen zu, die noch immer dort standen, wo sie der Jeep abgeladen hatte. Danach war er sofort in eiligem Tempo verschwunden. „Die Party ist schon in vollem Gange. Beeilt euch!“
Gemeinsam eilten sie durch den Wald, bis sie eine riesige Lichtung erreichten, die von hohen Bäumen umsäumt wurde. Adeline schoss auf ein paar Mädchen zu, die in der Nähe standen und etwas aus Pappbechern tranken.
Bestimmt Alkohol, beschwipst wie die sind. Das sind wohl Adelines Freundinnen. Das kann ja was werden.
Es dauerte keine fünf Minuten und Adeline stand wieder bei Logan und Emmet. Im Schlepptau hatte sie ihre Freundinnen dabei, die allesamt ebenfalls schwarze Kleider trugen. Und natürlich hauteng, wodurch man deutlich ihre dürren Körper sehen konnte.
„Mädels, das ist Logan Mordrake“, sagte Adeline, wobei sie mit der flachen Hand auf ihn zeigte. „Und dieser protzige Kerl da“, jetzt zeigte sie auf Logans ehemaligen besten Freund, „ist Emmet Arecott.“
Die Mädchen winkten den beiden schüchtern zu. Bei Logan taten sie es länger, da sie ihn bisher noch nie gesehen hatten.
Logan wusste nicht, was er sagen sollte, also lächelte er gespielt. Die Umgebung war voller junger Hexen und Hexer, die zu dröhnender Musik um das Feuer tanzten. Woher die Musik kam, war Logan schleierhaft. Nirgends sah er Boxen. Aber warum machte er sich überhaupt die Mühe, danach Ausschau zu halten. Sie alle waren Hexen und Hexer. Jemand hatte bestimmt einen Zauber dafür benutzt.
Nachdem sie eine Weile dagestanden hatten, fragte Logan: „Und was passiert jetzt?“
„Na, wir amüsieren uns“, entgegneten ihm Adelines Freundinnen gleichzeitig. Gleich darauf packte Adeline die beiden Jungs und führte sie, ohne dass sie eine Wahl gehabt hätten, direkt ins riesige Getümmel.
Bitte nicht tanzen. Ich bin der mieseste Tänzer, den es gibt.
Doch da war es schon zu spät. Und auf Emmets Hilfe konnte er auch nicht bauen, denn dieser befand sich schon zwischen zwei tanzenden Mädchen, die sich eng an seinen muskulösen Körper schmiegten und ihm grosse Augen machten. Amüsiert schaute Logan zu, während er versuchte, die Beklommenheit von seinem Körper abzuschütteln. Je mehr er die betörende Umgebung und die dröhnende Musik auf sich wirken liess, desto tiefer fiel er in den Rausch der rhythmischen Bewegungen der Hexen und Hexer. Nach mehr als sechs Pappbechern Redbull Vodka war Logan im Reich der Unbeschwertheit angekommen.
So verliefen die weiteren Stunden, zwischen tanzenden Körpern, noch mehr Alkohol und der Wärme des gewaltigen Feuers. Als Logan flüchtig auf seine schwarze Diesel Uhr starrte, zeigte diese eine Minute vor Mitternacht an. Ohne dass er es kommen sah, stimmte die ganze Hexenmasse in einen Countdown ein.
Plötzlich tauchte eine Schar Jungs auf, die auf langen Spiessen vier Puppen aus weissem Stoff in die Höhe hielten. Sie steuerten betrunken auf das Feuer zu, wo sie, als der Countdown endete, die Puppen in das Feuer schmissen. Eine riesige Stichflamme erhob sich und erwärmte Logans Haut.
Und das soll Spass machen? Darunter verstehe ich etwas anderes.
Auch wenn er mehr als nur betrunken war, schaute er dem Treiben weiter zu, während alle in seiner Umgebung wieder anfingen zur dröhnenden Musik zu tanzen.
Dann geschah es.
Ohne dass jemand davon etwas mitbekam, weiteten sich Logans Augen vor Entsetzen, als er sah, wie aus einer weiteren Stichflamme vier lichterloh brennende Frauen hinaustraten. Das alles geschah so schnell, dass er nicht mehr viel mitbekam.
Aus dem Feuer entzündete sich eine riesige Explosion, die alle Körper der tanzenden Masse, die sich in der Nähe des Feuers befanden, in die Weite sprengte. Auch Logan war in der Menge und er landete nach einem Moment hart auf dem Waldboden. Er wollte sich erheben, als eine weitere Explosiondie Gegend einhüllte. Dabei bemerkte er nur schwach, wie sich plötzlich jemand über ihn legte und so die feurigen Funkenstücke, die in die Menge spickten, vor ihm fernhielt. Er brauchte einen Moment, bis er sich fangen konnte. Der Schock, als er realisierte, was soeben geschehen war, liess ihn schwer schlucken. Doch was ihn am meisten beschäftigte, war die Gestalt, die sich soeben von ihm löste.
Verwirrt schaute Logan auf, wobei er in ein fremdes Gesicht starrte. Wer bist du?, fragte sich Logan innerlich, bis er seine Stimme wiederfand und es laut aussprechen konnte. „Wer bist du?“ Seine Stimme klang kratzig, als wäre er ein Kettenraucher, der kein Leben ohne Zigaretten kannte.
Der Fremde antwortete ihm nicht. Stattdessen bot er ihm seine Hand an.
Logan schüttelte seinen Kopf und erhob sich nach einem Moment von selbst. „Wer bist du?“, fragte er erneut, als er eine Sekunde später besser sah, wer ihn vor der zweiten Explosion geschützt hatte.
„Ich bin Noah“, antwortete dieser kurz. Er trug einen lässigen Trenchcoat, unter dem ein schwarzes T-Shirt zum Vorschein kam. Überall war Dreck und Asche an ihm, ebenso in seinen aufgerichteten und welligen braunen Haaren. Sein Gesicht konnte Logan durch die rauchige Umgebung nicht so richtig erkennen.
„Was hast du getan?“, fragte Logan. Er verstand noch immer nicht, was gerade eben geschehen war. Währenddessen suchte er nach seinen Freunden, die nirgendwo zu sehen waren. Er sah nur lauter bewusstlose Körper, die wie ein Teppich ausgelegt vor seinen Füssen lagen. Dazu kamen hysterische Schreie, die Logans Körper erzittern liessen und die Kälte, die er langsam spürte.
„Wir haben jetzt keine Zeit“, sagte Noah rasch. „Komm schon, wir müssen weg von hier.“
Logan drehte sich zu ihm um. „Was?“ Er verstand kein einziges Wort. „Wohin? Und wer bist du eigentlich?“
Noch bevor Logan eine Antwort bekam, packte ihn Noah und rannte mit ihm los. Ohne sich wehren zu können, folgte er ihm wie in Trance, während er sich eine Frage nach der anderen stellte.
Was ist eben geschehen?
Wer ist dieser Noah?
Und wo zum Henker sind Emmet und Adeline?
Plötzlich entdeckte Logan seine Freunde, vor denen er und Noah anhielten, nachdem sie sich eilend durch den Wald gezwängt hatten. Und das war wortwörtlich gemeint.
Scheiss Äste!
„Wo wart ihr?“, fragte Logan sofort, da er die ganze Situation merkwürdig fand und endlich Antworten haben wollte. „Was ist passiert?“ Als er ihren überraschten Blicken folgte, bemerkte er, dass er noch immer Noahs Hand hielt. Ruckartig liess er sie los und schaute verlegen zu seinen Freunden. „Das ist … nichts.“
„Nichts“, kommentiere Adeline die Szene mit einem schelmischen Lächeln, „ … aber egal. Ich habe nicht viel mitbekommen. Ich konnte nur sehen, wie vier Frauen aus dem Feuer traten, ohne sich an den Flammen zu verbrennen. Ich wollte schauen, wohin sie gehen, als die erste Explosion die Gegend erschütterte. Danach weiss ich nicht mehr, was passiert ist. Ich merkte nur noch, wie Emmet mich auf die Beine zog und wegzerrte, als es die zweite Explosion folgte, vor der wir uns in Sicherheit bringen konnten. Was ist bei dir passiert? Bist du verletzt?“
Logan wusste nicht, was er antworten sollte. Im Grossen und Ganzen war es gleich abgelaufen, nur dass ihm nicht Emmet zu Hilfe gekommen war, sondern dieser fremde Typ neben ihm. Als Logan etwas sagen wollte, hörte er Noahs Stimme. „Ich habe ihn vor der zweiten Explosion geschützt.“
Logan sah ihn an und sein Herz fing an zu rasen.
Was redet er da?
Sein Herz pumpte stetig laut weiter.
Was ist mit diesem Typen los?
Seine Hände fingen an zu zittern.
„Ehm … danke“, sagte Emmet genauso verwirrt wie Logan sich in diesem Moment fühlte. Warum Emmet das gesagt hatte, wusste er offenbar selber nicht.
Noah nickte ihm zu.
Plötzlich nahm Adelines Stimme die Umgebung ein. „Schluss mit dieser komischen Unterhaltung, ist ja nicht zum Aushalten. Am besten ist es, wenn wir so schnell wie möglich von hier verschwinden. Sobald unsere Eltern und der Oberste Rat erfahren, was hier geschehen ist und wer alles daran teilgenommen hat, sind wir geliefert. Also los, gehen wir …“
Nachdem sie eilig den Wald verlassen hatten, rannten sie gemeinsam den Hügel hinab, den sie mit dem Jeep hochgefahren waren. Sie steuerten direkt auf die Stelle zu, die sie mit dem Fahrer abgemacht hatten, dass er auf sie warten würde. Sicherheitshalber schauten sie sich nochmals um, um zu sehen, ob sie nicht verfolgt würden. Als sie nacheinander einstiegen, hoffte Logan, dass Noah verschwinden würde. Irgendwann musste ja der Spuk ein Ende finden. Aber wie er eine Sekunde später feststellen musste, war die Hoffnung für ihn verloren und tief unter der Erde begraben. Denn Adeline bat Noah ohne Grund und ohne zuerst nachzufragen, mit ihnen mitzukommen.
„Adeline!“, fauchte Logan sie heftig an. „Wir kennen ihn nicht einmal. Was tust du …“
„Na und“, gab diese zurück. „Sei ein wenig dankbar. Er hat dich vor einer Katastrophe bewahrt. Und jetzt halt die Klappe. Thierry, fahr los.“
Sogleich sprang der Motor an. Noch bevor Logan oder einer der anderen etwas sagen konnte, düste der Jeep Richtung Innenstadt.
Auf hohen Schuhen läuft es sich besser
Mit einem heftigen Ruck hielt der Wagen vor Adelines Hotel an. Während der Fahrt hatte kein Einziger ein Wort darüber verloren, was vorher geschehen war. Logan hätte gerne etwas gesagt, doch die Anwesenheit dieses Noah verwirrte ihn und brachte ihn dazu, dass er sich die Fragen selbst stellte, auf die er jedoch keine Antworten bekam. Daher war er froh, als Adeline als Erste ausstieg.
Endlich endet diese Horrornacht!
Doch Logan hatte sich zu früh gefreut. Adeline kehrte nochmals zurück und versperrte dadurch den anderen den Ausstieg. „Kommt ihr noch mit hoch? Meine Mutter schläft heute woanders und wir haben genug Platz. Was meint ihr?“
Logan wollte sogleich Nein sagen, als Emmet erneut über seinen Kopf hinweg für ihn entschied. Noch schlimmer war, dass er damit auch Noah dazu zählte.
„Wir kommen.“
„Was!“, zischte Logan hervor, als sie endlich aussteigen konnten. „Nein, ich komme auf keinen Fall mit hoch.“ Sein und Noahs Blick trafen sich. Er spürte sogleich, wie etwas Kribbelndes in ihm hochkroch, was ihn nervös machte.
„Logan, sei nicht so“, entgegnete ihm Adeline, als würde er ein Spiel mit seinem Nein verderben. Erst als sie seinen verlegenen Blick auffing, den Logan zu vertuschen versuchte, begriff sie, was Sache war. „Wir sollten besser zusammenbleiben – zumindest vorerst. In der Stadt wird es bald von Hexen und Hexern nur so wimmeln. Und wenn der Oberste Rat erst davon erfährt …“
„Na und, soll er doch.“
„Logan, bist du blöd!“, warf sie ihm sofort entgegen, sichtlich wütend. „Wenn der Oberste Rat davon erfährt, sind wir geliefert. Vor allem, wenn sie herausfinden, wer alles an der Party war. Du solltest es doch von uns allen am besten wissen, was geschieht, wenn man eine unserer Regeln bricht. Oder willst du erwischt werden und tust absichtlich so gleichgültig?“
Autsch. Das kam einer Ohrfeige gleich. Aber Adeline hatte recht. Auch wenn sie natürlich nicht wusste, weswegen er damals von der Akademie verwiesen worden war, war Logan klar, was sie damit meinte. Damals hatte der Oberste Rat nicht lange gefackelt und ihn ohne ein einziges Wort von der Schule verwiesen. Daher war ihm doppelt klar, auf was Adeline hinaus wollte.
„Na schön, von mir aus.“
Aber er soll verschwinden.
Noah folgte Adeline und Emmet. Ohne lange darüber nachzudenken, folgte auch Logan ihnen. Er behielt aber einen sicheren Abstand, während er sich den Kopf zerbrach, weshalb er nicht einfach von hier verschwand. Es dauerte nicht lange und sie betraten das gemütliche Apartment, das an Luxus nicht zu überbieten war. Überall war Gold angebracht: an der Decke, an den eingemeisselten Wandsäulen und am Mobiliar. Doch keiner verlor ein Wort darüber oder würdigte es eines längeren Blickes. Sie setzten sich schweigend ins Wohnzimmer, wo sich die Stille weiterzog. Erst als sich Adeline erhob, wurde die unangenehme Stille unterbrochen.
„Emmet, kannst du kurz mitkommen? Da ist etwas, bei dem ich deine Körperkraft gut gebrauchen könnte.“
Ohne zu fragen bei was, folgte Emmet ihr aus dem Wohnzimmer.
Na toll, das hat sie bestimmt mit Absicht gemacht.
