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Theo ist Witwer. Theo ist über 80 Jahre alt. Theo hat keine Lust auf der Couch zu sitzen und auf den Tod zu warten. Ihn plagt eine tiefe Sehnsucht und bevor diese nicht gestillt ist, soll sich der Tod zum Teufel scheren. Am Anfang war es nur eine verrückte Idee und alle, denen er davon erzählte, schüttelten mitleidig den Kopf und sagten ihm, er wäre zu alt für sowas. Wenn ihr wüsstet! Ihr könnt` mich mal! Wenn nicht jetzt, wann dann? Er packt heimlich seinen kleinen Koffer, setzt sich spontan in seinen alten Opel Corsa und fährt einfach mal so nach Italien. Normalerweise ist er ein Kopfmensch, der alles akribisch plant, aber diesmal folgt er nur seinem Herzen. Nur gut, dass er vorher nicht wusste, was ihn erwartet. Er will unbedingt nochmal all die schönen Orte sehen, die er mit seiner Familie vor über 50 Jahren besucht hat. Diese Reise wird zum hochemotionalen Seelentrip in die dunkelsten Ecken seiner Vergangenheit, aber er musste es einfach tun...
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2026
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„Das Alter schenkt uns die Freiheit, die Dinge zu tun, die wir schon immer tun wollten.“
Zitat: Paulo Coelho
„Die reinste Form des Wahnsinns ist es,
alles beim Alten zu lassen und zu hoffen,
dass sich etwas ändert.“
Zitat: Albert Einstein
„Jeder, der sich die Fähigkeit erhält,
Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“
Zitat: Franz Kafka
„Der einzige Mensch, der sich vernünftig verhält,
ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal Maß,
wenn er mich sieht, während alle anderen
immer wieder die alten Maßstäbe anlegen.“
Zitat: Mark Twain
„Viele möchten leben, ohne zu altern, und sie altern in Wirklichkeit, ohne zu leben.“
Zitat: Alexander Mitscherlich
„Je älter ich werde, desto weniger Zeit habe ich, sachlich zu bleiben.“
Zitat: Dieter Hildebrandt
„Alternde Menschen sind wie Museen:
Nicht auf die Fassade kommt es an,
sondern auf die Schätze im Innern.“
Zitat: Jeanne Moreau
„Wenn man genug Erfahrungen gesammelt hat, ist man zu alt, sie auszunutzen.“
Zitat: William Somerset Maugham
„Das Alter spielt keine Rolle,
außer du bist ein Käse.“
Zitat: Luis Buñuel
„Der zweite Frühling
kommt mit den dritten Zähnen.“
Zitat: Walter Matthau
„Das Alter hat zwei große Vorteile: Die Zähne tun nicht mehr weh und man hört nicht mehr all das dumme Zeug, das ringsum gesagt wird.“
Zitat: George Bernard Shaw
„Andere in meinem Alter gehen auf Kur, ich gehe auf Tour.“
Zitat: James Last
„Die Jugend ist die Zeit, die Weisheit zu lernen.
Das Alter ist die Zeit, sie auszuüben.“
Zitat: Jean Jacques Rousseau
„Wer im Alter noch herzhaft lacht,
macht sich bei seinen Erben unbeliebt.“
Zitat: Aristoteles Onassis
„Einen Menschen lieben, heißt einzuwilligen mit ihm alt zu werden.“
Zitat: Albert Camus
„Vor nichts muss sich das Alter eher hüten als sich der Lässigkeit und Untätigkeit zu ergeben.“
Zitat: Marcus Tullius Cicero
„Altern ist ein hochinteressanter Vorgang:
Man denkt und denkt und denkt und plötzlich kann man sich an nichts mehr erinnern.“
Zitat: Ephraim Kishon
„Schön, dass du da warst.“
Zitat: Theo
Theo
Prolog
Unruhe
Gewissensbisse
Morgendämmerung
Gipfelstürmer
Romeo und Julia
Verpasste Gelegenheiten
Ernüchterung
Schmutzige Gedanken
Die Stadt der bunten Steine
Menschenmassen
Im Auto
Signoras
Klassentreffen
Straßenkampf
Im Rausch der Sinne
Rendezvous mit Gott
Glaubensfragen
Belastungssteuerung
Schwitzende Leiber
Abgehängt
Brot und Spiele
Carabinieri
Asche über mein Haupt
Höllenschlund
Blau
Geschwisterliebe
Lotto
Auf und ab
Grottig
Die Qual der Wahl
Falscher Stolz
Viel Rauch um nichts
Drama
Griechische Mythologie
Die Welt in Trümmern
Der Pate
Amore
Abschied
Ich hätte es vorher nicht rumerzählen sollen. Fast alle haben mir gesagt, du spinnst. Für sowas bist du zu alt. Das wäre unverantwortlich. Ihr könnt` mich mal. Ich mach das jetzt und wenn ihr glaubt, ich wäre zu alt für sowas, dann werde ich euch beweisen, dass man sich mit fast 80 Jahren ganz bestimmt noch nicht auf die Couch setzen muss, um auf den Tod zu warten. Ich weiß, ihr meint es nur gut mit mir, aber ich lasse mir ungern etwas verbieten. Das spornt mich nur an. Nennt mich trotzig, nennt mich stur, aber behauptet bloß nicht, ich wäre zu alt. Man ist so alt, wie man sich fühlt und wenn ich an Italien denke, fühle ich mich jung und lebendig. Lasst mich das noch einmal genießen…
„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen; drum nahm ich meinen Stock und Hut, und thät das Reisen wählen“
so heißt es in einem Gedicht aus dem 18. Jahrhundert vom deutschen Schriftsteller Matthias Claudius. Dieses Buch hat jedoch viel mehr zu erzählen, als nur die spannende und bewegende Geschichte eines lebensbejahenden weißhaarigen Witwers, der nicht bereit ist, seinen Traum aufzugeben und mutig genug ist, sich nochmal so richtig ins Leben zu stürzen. Es wird für ihn nicht nur eine beeindruckende Reise zu den schönsten Flecken Italiens, sondern eine sehr emotionale Reise in die dunkelsten Ecken seiner Vergangenheit…
So, wie früher! So dachte ich mir das, aber es war verrückt zu glauben, es würde sich genauso anfühlen. Im Nachhinein war es unverantwortlich, vor allem der Familie gegenüber. Was musste ich mir alles anhören. Aber musste ich das nicht schon mein ganzes Leben? Dieses Mal habe ich es ganz allein für mich getan und ich bin alt und erfahren genug, so etwas zu tun. Nun ja, vielleicht sogar etwas zu alt. Früher, als ich noch ein junger Kerl war, hörte ich oft von meinem Vater, ich wäre für dieses oder jenes noch zu jung und jetzt, nachdem ich stramm auf die Achtzig zugehe, sagen mir meine eigenen Kinder, ich wäre für so etwas zu alt. Verdammt noch mal, entweder ist man zu jung oder zu alt. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es in der Zeit dazwischen war? Ehrlich gesagt, hatte ich niemals Zeit, mich mit solchen philosophischen Fragen zu beschäftigen. Meine Eltern haben mich zu einem pflichtbewussten, verantwortungsvollen und immer gut funktionierenden Schaffer erzogen. Ja, einen Schaffer! Ich habe mich selbst nie als einen normalen Arbeiter oder einen Angestellten gesehen. Ich war und bin ein Schaffer, wie er im Buche steht. Ein Schaffer muss immer schaffen, weil er was schaffen muss. Egal, ob im Beruf oder zuhause. Wie gerne würde ich jetzt behaupten, dass ich das meiste davon nicht schaffen musste, sondern es aus eigener Überzeugung und mit einer großen Portion Vorfreude selbst schaffen wollte, aber dann müsste ich mich anlügen.
Meine Flausen wurden mir bereits in meiner Kindheit ausgetrieben. Später musste ich immer schaffen und deswegen hatte ich keine Zeit mehr, irgendwelchen Träumen nachzueifern. Jetzt bin ich 79 Jahre alt und traue mich zum ersten Mal in meinem Leben etwas nur für mich zu tun. Etwas, was man annähernd als Erfüllung eines Traums bezeichnen könnte. Wie heißt es so schön: „Nimm dich vor alten Menschen in Acht, denn sie haben nichts zu verlieren“. Ich habe mein ganzes Leben lang Rücksicht auf andere genommen, aber diesmal werde ich das nicht tun. Dieses Mal werde ich das tun, was ich will und nicht das, was die anderen von mir erwarten. Die Generation meiner Eltern und Großeltern hat sich ihr Leben lang darüber Sorgen gemacht, was die anderen Leute über sie denken. Was hatten sie davon? Nichts! Wisst ihr was: Mir ist das zwischenzeitlich scheiß egal und ihr glaubt nicht, wie stolz mich das macht. Endlich, nach einer so langen Leidenszeit, in der ich mir den Kopf zermartert habe, werde ich aus meinem Käfig ausbrechen. Ohne Wenn und Aber. Ich will nicht eines Tages auf meinem Sterbebett liegen und mir Vorwürfe machen, dass ich mein ganzes Leben immer nur auf die anderen gehört habe. Auf wen sollte ich denn jetzt noch Rücksicht nehmen? Meine Frau ist viel zu früh gestorben, meine Söhne sind selbst erwachsene Männer, die sich um ihre Familien und um ihre Jobs kümmern müssen und die meisten meiner alten Freunde und Weggefährten habe ich schon längst mit zu Grabe getragen.
Wenn ich darüber nachdenke, wie viele von ihnen ihre unerfüllten Träume mit ins Grab genommen haben, macht mich das sehr traurig. Wenn ich manchmal auf dem Friedhof planlos umherstreune und in alten Erinnerungen schwelge, treffe ich hin und wieder die Kinder oder die Enkelkinder meiner alten Weggefährten. Ich kenne sie schon als Hosenscheißer, aber für die meisten bin ich nur ein alter weißhaariger Mann der traurig auf dem Friedhof rumgammelt. Die jungen Leute lassen sich alle paar Monate am Grab blicken und pflanzen dann pflichtbewusst was Blühendes aufs Grab oder zupfen das Unkraut raus. Das hätte ihren Eltern oder Großeltern sicherlich gut gefallen. Was denken denn sonst die Leute. Manchmal lässt sich jahrelang niemand blicken und die Gräber verwildern mit der Zeit Dann kümmere ich mich darum. Ich kann nicht anders. Ich frage mich, was meine Freunde über meinen Traum und meine Pläne sagen würden, wenn sie noch am Leben wären. Vermutlich würden sie es mir ausreden wollen: „Hör doch auf mit so einem Blödsinn, du bist doch viel zu alt für sowas“, oder etwas in dieser Art. Einige wären sicherlich neidisch und wütend, weil sie es sich selbst nie getraut haben.
Wenn der Pfarrer bei der Beerdigung sagt: „Ruhe in Frieden“, dann kann er damit nur die leblosen Körper meinen, denn die Träume werden niemals sterben.
Deswegen muss ich das tun. Nein, ich will das tun!
Diese Nacht war ich schon so oft auf der Toilette, dass ich aufgehört habe zu zählen. Für jeden Blödsinn gibt es irgendwelche Pillen, aber gegen Blasenschwäche scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Als ob das nicht schlimm genug wäre, liege ich seit Stunden hellwach im Bett und bekomme diesen bescheuerten Gedanken nicht mehr aus meinem Kopf. Warum musste ich gestern Abend auch diese Reise-Dokumentation im Fernsehen schauen. Ausgerechnet Italien! Italien habe ich in meinem Leben definitiv schon häufiger besucht als die Kloschüssel heute Nacht. In Italien ist es aber deutlich wärmer und viel schöner. Bella Italia! Mit diesem Land verbinden mich so viele wunderbare Erinnerungen. Die Sehnsucht schmerzt gerade so sehr, dass ich aufstehe und voller Vorfreude direkt ins Wohnzimmer zum Bücherregal laufe. Ich muss nicht lange suchen, denn dieses Fotoalbum steht immer sehr nah am Rand, weil ich es sehr oft herausziehe und anschaue.
Meine erste Begegnung mit Bella Italia. Es war im Sommer 1964. Die Fotos waren damals noch nicht farbig, sondern schwarz-weiß. Das ist aber nicht schlimm, denn in meiner Erinnerung ist alles kunterbunt. Der Himmel und das Meer azurblau, der Pinienwald hinter dem Strand leuchtend grün und unser Steilwandzelt auf dem Campingplatz orange-hellblau mit einem grasgrünen Vordach.
Gleich auf dem ersten Foto sitzt die ganze Familie vor dem Zelt beim Abendessen. Natürlich gibt`s Spaghetti mit Tomatensauce. Was sonst. Den Namen unseres Campingplatzes werde ich nie vergessen: Camping Ramazotti in Lido di Dante, einem verschlafenen kleinen Kaff südlich von Ravenna. Dieser Campingplatz wurde für viele Jahre unser sommerlicher Zufluchtsort. Wie gerne erinnere ich mich an diese Zeit. Mir klingt das Lachen der Kinder in den Ohren und ich blicke in die glücklichen Augen meiner Frau, als ob es gestern gewesen wäre. Eigentlich konnten wir uns damals solche Urlaube nicht leisten, aber was willst du machen, wenn deine Frau ständig von Italien träumt und die Kinder sich das ganze Jahr so sehr darauf freuen. Dann muss der Schaffer eben ein bisschen mehr schaffen und wenn genügend Geld im Sparschwein ist, wird es geplündert und alle sind glücklich. Manchmal hat mir das etwas Bauchschmerzen bereitet, denn mit diesem Geld hätten wir auch die Hypotheken für unser Haus schneller zurückzahlen können. Meine Frau hat es mir zwar nie offen gesagt, aber ich glaube schon, dass ich ihr manchmal zu vernünftig war. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich das Sparschwein lieber zur Bank getragen. Es ging aber nicht nach mir und wenn ich jetzt die Fotos von damals anschaue, war es sicherlich die richtige Entscheidung. Ich kann mich noch gut an die vielen Abende vor den Abreisen erinnern. Sie waren nicht nur sehr hektisch, sondern sie hatten ihre ganz besondere Magie.
Jeder wuselte aufgeregt durch das Haus und stopfte irgendwas in Taschen, Koffer oder Säcke. Meine Aufgabe war es, das Zelt, die Luftmatratzen, die Schlafsäcke, Klappstühle, den Tisch und den winzigen Camping-Gas-Brenner zum Kochen einzupacken. Für die Klamotten der ganzen Familie musste ein einziger großer Koffer ausreichen. Wir brauchten den restlichen Platz im Auto für all die Konserven, die wir vom Supermarkt aus Deutschland mitnahmen, nur um ein paar Mark zu sparen. Die Kinder haben dann noch ihre Sandschaufeln, Eimerchen und ihr heißgeliebtes Boccia Spiele-Set in die letzten freien Ecken des Kofferraums gestopft und dann konnte es losgehen. Man glaubt nicht, was alles in einen so kleinen Opel Kadett hineinpasst. Natürlich konnten wir vor lauter Anspannung und Vorfreude nicht einschlafen. Deswegen sind wir immer mitten in der Nacht losgefahren, weil nachts weniger Verkehr war und wir daher leichter durchgekommen sind. Ich frage mich heute noch, wie ich das damals geschafft habe, fast 14 Stunden am Stück am Lenkrad zu sitzen, ohne einzuschlafen. Die erste Frühstücks-Rast war meistens vor München. Ich werde den Geschmack der Frikadellen und dem Kartoffelsalat vermutlich nie vergessen. Anschließend ging es nach Österreich, über den Brenner-Pass, quer durch die Alpen, vorbei am Gardasee, hinter Verona links ab und dann schnurstracks an die Adria. Normalerweise hätte ich nach so einer langen Fahrt meinen Kopf auf das Armaturenbrett fallen lassen und wäre auf der Stelle eingeschlafen, aber ich musste funktionieren.
Also nach der Ankunft alles auspacken, Zelt aufbauen und erst dann, wenn alles fertig war und die anderen zum Strand rannten, habe ich mich unter einen schattigen Baum gelegt und bin sofort eingeschlafen. Wenn ich nur daran denke, fange ich an zu Gähnen. Seit meine Frau vor ein paar Jahren gestorben ist, überkommt mich ziemlich oft die Müdigkeit. Es ist seitdem so still im Haus und wenn ich mal wieder nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll, fallen mir eben die Augen zu. Vielleicht will auch nur die Augen verschließen, damit ich nicht alles sehen muss, was um mich herum geschieht. Mein Leben empfinde ich immer mehr als Belastung. Nicht, weil ich so viel tun muss, sondern, weil ich so wenig zu tun habe. In der Zeit, in der ich von einer Aufgabe zur nächsten gehechelt bin, habe ich gut funktioniert. Immer müde, aber erfüllt. Ich habe bewusst den Begriff „glücklich“ vermieden. Er passt nicht. Ist das nicht verrückt? Selbst in meinem fortgeschrittenen Alter fühle ich mich noch verantwortungslos, wenn ich etwas nur für mich tue. Ausnahmsweise mal nicht für meinen Arbeitgeber und nicht für meine Familie. Sonst musste ich immer auf irgendjemanden Rücksicht nehmen und diesmal bin ich vogelfrei! Warum dann diese Schuldgefühle? Ich frage mich, was das Leben nur aus mir gemacht hat.
Ein Schaffer muss eben immer schaffen! Ich habe heute noch den strengen Blick meines Vaters vor meinen Augen. Hätte er wenigstens nur gesagt: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“!
Dann wäre mein Leben vermutlich anders verlaufen. Ich hasse mich dafür, dass ich dieses schlechte Gewissen all die Jahre nie ganz ablegen konnte. Jetzt gehe ich stramm auf die Achtzig zu und denke immer noch, ich müsste wie ein Zwanzigjähriger funktionieren. Fällt das noch unter die Rubrik „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“ oder ist das schon Altersstarrsinn?
Die jungen Leute um mich herum behaupten, es wäre nie zu spät sein Leben zu verändern und ich sollte mich nicht so anstellen. Chill doch mal Alter. Was immer sie mir damit auch sagen wollen, aber es klingt irgendwie vorwurfsvoll. Auch, wenn es keiner von den jungen Leuten hören will, aber kommt ihr erst einmal in mein Alter. Wenn du mehr als sechs oder sieben Jahrzehnte immer nach den gleichen anerzogenen Wertvorstellungen und Überzeugungen gelebt hast, fällt es dir ab einem gewissen Zeitpunkt verdammt schwer, sie in Frage zu stellen. Dann müsstest du ja zugeben, dein Leben lang nicht das Richtige getan zu haben. Das fühlt sich extrem ungut an! Da waren sie wieder, die Zweifel und die Schuldgefühle.
Jetzt sitze ich mit geschlossenen Augen auf meiner Couch und schwelge in Erinnerungen. Ich brauche mir keines der Fotos anzuschauen, denn es ist alles in meinem Kopf. Es fühlt sich gut an. Ich will dieses Gefühl wieder zurückhaben, aber ich kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen.
Meine Frau liegt seit fünf Jahren unter der Erde, meine Kinder sind erwachsen und haben sicherlich anderes im Sinn, als sich um diese bescheuerten Schuldgefühle ihres Vaters zu kümmern und meine alten Weggefährten sind entweder schon tot oder haben längst aufgegeben. Wenn ich mit denen über mein Vorhaben spreche, schütteln die nur den Kopf und sagen mir, ich sollte mich zu ihnen auf die Couch setzen und auf den Tod warten. Blöde Idee!
Schon wieder so eine unruhige Nacht, doch diesmal war es nicht meine Blase, die mich genervt hat. Ich hätte dieses Fotoalbum nicht in die Hand nehmen sollen. Zuerst diese Dokumentation über Italien im Fernsehen, dann die schönen Fotos mit all diesen wunderbaren Erinnerungen und dann noch diese unbändige Wut in mir, die mich fast die ganze Nacht wachgehalten hat. Ja, ich bin wütend auf mich, weil ich offensichtlich nicht auf mein Herz hören kann. Alles in mir schreit, dass es höchste Zeit ist, endlich mal was nur für mich zu tun, aber der Schaffer in mir redet mir ununterbrochen ein, das dürfte ich nicht machen. Dieser Schaffer in mir nervt gewaltig. Der macht mir unentwegt Vorwürfe und ein schlechtes Gewissen. Der will mir doch tatsächlich verbieten, mein Sparschwein zu plündern. Ich sollte das Geld besser für Notfälle zurücklegen. Sieht der Trottel nicht, dass das hier bereits ein Notfall ist! Ich hasse diesen Schaffer in mir! Wie gerne würde ich diesen Typen endlich loswerden, aber der hat sich wohl auf ewig in mir eingenistet.
Ich bekomme diese Gedanken allerdings nicht mehr aus meinem Kopf. Wie wäre es denn, wenn ich mich, einfach in mein Auto setze und zu all den schönen Orten in Italien fahre, die ich mit meiner Familie in den Sechziger und Siebziger Jahren besucht habe? Wird dann alles Erlebte nochmal so richtig lebendig?
Möglicherweise schwelge ich auch nur in alten, muffigen Erinnerungen und es macht mich traurig, dass ich diesmal nur allein dort bin? Noch einmal Eis essen auf der Piazza San Marco in Venedig und die herrlichen Mosaiken in Ravennas Kirchen bestaunen. Sich im feinkörnigen Sand der Adria nach jeder noch so kleinen Muschel bücken und dabei den Duft der harzigen Pinienwälder einsaugen. Je mehr ich darüber nachdenke, umso größer wird meine Sehnsucht. Im gleichen Maße bäumt sich mein schlechtes Gewissen vor mir auf und überschüttet mich mit Schuldgefühlen, Zweifeln und allem, was man selbst seinen ärgsten Feinden nicht wünscht. Kann ich diesen inneren Kampf überhaupt gewinnen? Wenn mir jemand aus meinem Umfeld mein Vorhaben ausreden wollte, könnte ich ihn wenigstens in Grund und Boden argumentieren oder dieser Person einfach sagen, du kannst mich mal kreuzweise. Bei anderen mag das funktionieren, aber mach das mal mit dir selbst. Das wird mehr als nur eine schwierige Mission.
Ich gucke unheimlich gerne James Bond Filme und natürlich auch diese Mission Impossible Blockbuster. Wenn ich meinen Traum tatsächlich realisieren will, wird das ebenfalls eine Mission Impossible und bei dieser Mission bekomme ich es mit dem schlimmsten Gegner zu tun, den es auf dieser Welt gibt: Mich selbst! Mein Gott, was spricht denn dagegen, wenn ich einfach mal für zwei Wochen durch Italien fahre? Was soll da schon schiefgehen?
Dummerweise fallen mir in diesem Moment eine ganze Menge Dinge ein, die schiefgehen können und die sind wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs. Meine Kinder würden mir vermutlich zustimmen, dass es keine schlechte Idee wäre, nach dem Tod meiner Frau mal wieder auf Reisen zu gehen. Am besten mit dem Bus in einer geführten Gruppe oder mit dem Fluss-Kreuzfahrtschiff auf der Donau. Das klingt mir aber zu sehr nach betreutem Seniorenausflug. Mein Gott, sowas kann ich immer noch machen, wenn ich alt bin.
Ich will genau zu all den wunderbaren Orten, wo meine schönen Erinnerungen auf mich warten und nicht im Pulk mit x-beliebigen Menschen zu irgendwelchen Sehenswürdigkeiten gezerrt werden, die ein gelangweilter Reiseverkehrskaufmann mit auf die Liste geschrieben hat. Kein Reiseveranstalter dieser Welt bringt mich zur Parkbank auf der Raststätte Holledau bei München und serviert mir selbstgemachte Frikadellen mit scharfem Senf und Kartoffelsalat mit Essig und Speckwürfel oder lässt mich ein Zelt auf meinem heißgeliebten Campingplatz Ramazotti aufbauen. Das muss ich dann schon selbst machen und genau darin liegt das Problem. Es lässt sich bei allem Optimismus nicht wegdiskutieren, dass ich zwischenzeitlich ein Alter erreicht habe, in dem mir so einiges nicht mehr leichtfällt und wenn ich daran denke, was ich mir mit so einer Italien-Tour zumute, fällt mir die Entscheidung ausgesprochen schwer. Es fängt doch schon mit Kleinigkeiten an.
Soll ich mir auf meine alten Tage tatsächlich nochmal ein Zelt kaufen, nur um es für ein oder zwei Tage aufzubauen? Für den Aufbau eines Zeltes braucht es erfahrungsgemäß mehr als nur zwei Hände und die werde ich diesmal nicht dabeihaben. Kann ich überhaupt noch so lange Strecken mit dem Auto fahren? In den letzten Jahren bin ich meistens nur zwischen den Supermärkten im Ort gependelt oder bin alle zwei Jahre mit dem Auto nach Bad Füssen zur Bäderkur gefahren. Selbst diese Strecke ist mir schon schwergefallen, und jetzt will ich mir über 3.000 Kilometer in zwei Wochen zumuten? Ich müsste dann auf eigene Faust Hotels buchen. Meine Kinder erzählen mir ständig, sowas macht man alles ganz einfach online im Internet. Verdammt nochmal, ich habe weder einen Computer noch ein Handy.
Ich sehe mich schon mit meinem Auto ziellos durch chaotische italienische Innenstädte fahren und nach Hotels Ausschau halten, von denen ich weder weiß, wo ich sie finden könnte, geschweige denn, ob sie ein freies Zimmer für mich haben. Wenn ich dann tatsächlich mal ein passendes Hotel gefunden habe, gibt es sicherlich keinen Parkplatz vor dem Haus. Das ist doch immer so. Wenn ich es dennoch bis zur Rezeption schaffen sollte, sprechen die Leute am Tresen nur Italienisch oder Englisch. Ich kann beides nicht. Ich hätte auch keine Ahnung, ob der Preis für das Hotelzimmer normal oder viel zu hoch wäre. Ich wäre denen vollkommen ausgeliefert.
Ich kenne diese Navigationssysteme, Buchungsplattformen und Vergleichsportale nur vom Hörensagen. Was für junge Menschen „easy“ ist, wird für mich zum Höllentrip. Soll ich mir das tatsächlich zumuten? Was mache ich denn, wenn ich unterwegs krank werden sollte oder mitten auf einer Piazza in der Mittagssonne einen Hitzschlag bekomme und einfach umfalle? Dann ist doch niemand da, der sich um mich kümmert. Ich wäre in solchen Situationen vermutlich ganz allein und das macht mir Angst.
Sag mal, geht`s noch? Soll ich mir jetzt ernsthaft Sorgen darüber machen, dass ich auf dem Piazza San Marco oder auf dem Petersplatz in Rom sterben könnte? Sterben kann ich in meinem Alter auch jeden Tag auf meiner Couch und wenn ich so darüber nachdenke, ist ein schöner historischer Fleck in einer italienischen Altstadt der deutlich reizvollere Ort für meinen letzten Atemzug. Lieber noch ein letzter Blick auf eine hübsche Signora, die in ihrem kurzen Sommerkleid vor der Eisdiele steht als sabbernd auf die hässliche Tapete und die Schrankwand in meinem Wohnzimmer starren.
Ich will mir nicht vorstellen, was meine Kinder zu meinem Vorhaben sagen. Dann wäre es wohl am besten, ich frage sie erst überhaupt nicht. Meine Enkel wären vermutlich begeistert und würden rufen: „Voll cool Opa, nimmst du uns mit?“ oder sowas in dieser Art. Also besser erst gar keine Erwartungen schüren.
In diesem Alter denkst du vogelfrei, bist unbekümmert und hast nicht die dutzenden Schreckensszenarien im Kopf, die bei so einer Reise Realität werden können. Wenn ich meinen Enkeln zuhöre, klingt das Leben immer so einfach. Ich muss jetzt aufpassen. Wenn ich meinen Bedenken und Sorgen zu viel Raum gebe, wird mein Traum auch unter meinem Grabstein begraben werden. Das darf ich nicht zulassen. Morgen gehe ich zur Sparkasse und werde mir ein paar Tausend Euro in bar abheben. Dann lasse ich mir erklären, wie das mit der Kreditkarte funktioniert, die schon seit etlichen Jahren unbenutzt in meiner Nachttischschublade liegt. Am Nachmittag bringe ich meinen Opel Corsa in die Werkstatt und lasse nochmal alles durchchecken. Dann werde ich meinen Koffer packen und übermorgen einfach losfahren. Wenn ich das jetzt nicht sofort mache, werden mich meine Zweifel wieder an die Couch fesseln und das war`s dann.
Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt, wo ich landen werde und was das Schicksal für mich bereithält. Irgendwie macht mich das sehr unruhig, aber genau das fühlt sich gerade richtig gut an!
Manchmal frage ich mich, warum ich dermaßen stur bin. Nur, weil ich damals immer vor dem Sonnenaufgang losgefahren bin, sitze ich jetzt wieder um 3 Uhr morgens hinter meinem Lenkrad und starre mit übermüdeten Augen auf die leere Straße vor mir. Es hat mich doch keiner getrieben oder dazu überredet. Diesmal fahre ich sechs Wochen vor dem Beginn der Schulferien und deswegen muss ich auch auf mögliche Staugefahren keine Rücksicht nehmen. Warum um Gottes Willen tue ich mir das an? Nur, weil ich versuche, alles möglichst so zu machen wie früher, heißt es noch lange nicht, dass es sich auch genauso anfühlen wird. Diesmal sitze ich ganz allein in meinem Auto und es fühlt sich nicht besonders gut an. Kein aufgeregtes Gewusel meiner Jungs auf der Rückbank und keine Frau neben mir, die mich sehnsuchtsvoll bittet, endlich loszufahren. Diesmal habe ich sogar alle meine Sachen in einen kleinen Koffer hineingepackt. Das Auto wirkt gespenstisch leer. Ich denke die ganze Zeit, ich habe irgendwas Wichtiges zuhause liegen lassen. Früher haben wir den Fußraum vor der Rückbank mit Konserven zugestellt und unsere vier Schlafsäcke darübergelegt, damit die Kinder hinten schlafen konnten. Heute wäre das aus Gründen der Sicherheit undenkbar, doch damals musste sich hinten tatsächlich niemand anschnallen. Womit auch, es gab damals noch keine Gurte.
Ich will mir nicht vorstellen, was damals alles hätte passieren können, wenn ich unterwegs einen Autounfall gehabt hätte. Meine Frau und ich haben damals an alles gedacht, nur nicht an die Risiken, die mit so einer Reise verbunden sind. Jetzt sitze ich allein im Auto und muss mich nicht um meine Familie sorgen, aber dennoch schwirren mir mehr Bedenken und angstvolle Gedanken durch den Kopf als bei allen Reisen der Vergangenheit zusammen.
Im Grunde genommen weiß ich genau, woran das liegt. Es ist tatsächlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas ganz allein mache. Ich bin das nicht gewohnt. Es war immer jemand an meiner Seite, der mir zumindest in diesen unruhigen Momenten das Gefühl gegeben hat, ich tue das Richtige. Auch, wenn ich das ungern zugebe, aber dieses Gefühl war mir schon immer sehr wichtig. Ich will keine Fehler machen! Wenn ich einen Fehler mache, dann kann was passieren und wenn was passiert, bin ich schuld. Manchmal quäle ich mich schon mit Schuldgefühlen, obwohl noch nicht das Geringste passiert ist. Alleine die Vorstellung, ich könnte etwas verschulden, macht mich bereits vollkommen fertig. Wenn jetzt plötzlich im Scheinwerferlicht eine Fee auftaucht, und sie würde mir drei Wünsche erfüllen wollen, dann wäre mein erster Wunsch: Mach, dass diese blöden Schuldgefühle für immer verschwinden! Hinsichtlich der verbleibenden zwei anderen Wünsche tue ich mir deutlich schwerer.
Ich schwanke zwischen meiner penetranten Blasenschwäche, meinen unangenehmen Gelenkschmerzen und dem aus meiner Sicht immer zu niedrigen Kontostand auf meinem Sparkonto. Wenn mich meine Blase drückt, kann ich sie entleeren. Wenn meine Gelenke wehtun, kann ich Salbe draufschmieren. Wenn mein Sparkonto leer ist, kann ich Bürgergeld beantragen. Doch was mache ich mit meinen bescheuerten Schuldgefühlen? Wie gerne würde ich die auch einfach so mit der Klospülung entsorgen.
Ich habe es nicht besonders eilig und deswegen fahre ich gemütlich auf dem rechten Fahrstreifen der Autobahn Richtung Würzburg. Um diese Zeit sind kaum LKWs unterwegs und das macht es deutlich entspannter. Während ich so dahingleite, denke ich an meine erste richtige Reise als junger Kerl. Die Handvoll Sonntagsausflüge mit meinen Eltern zählen nicht. Es war kurz nachdem ich offiziell aus der Schule entlassen wurde. Deutschland lag nach dem zweiten Weltkrieg in Trümmern, aber mein Freund Leo und ich wollten unbedingt mit dem Fahrrad an die Nordsee fahren. Sylt war unser erkorenes Traumziel. Wahrscheinlich wollten wir nur deswegen dorthin, damit wir beim Blick auf das weite Meer unser alltägliches Elend vergessen konnten. Damals hatten die Fahrräder weder eine vernünftige Gangschaltung noch einen halbwegs bequemen Sattel. Da konnte bereits eine einfache Tagestour zur körperlichen Qual werden.
Ich frage mich heute noch, wie ich diese lange Tour mit meinem knochigen Hintern ertragen habe. In jungen Jahren war ich ein drahtiger, fast schon dürrer, aber fescher Kerl. Wenigstens mein Knackarsch ist mir geblieben. Wenn man seinen Traum verwirklichen will, mobilisiert man alle seine Kräfte. Ich bin zwar mit den Jahren um einiges dicker geworden, aber diese Euphorie vor dem Antritt einer Reise spüre ich heute noch. Mal schauen, wie weit mich diese Euphorie trägt. Früher bin ich jeden Berg hochgewandert und heute gehe ich immer öfter am Stock.
Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir auf unserer Radtour nach Sylt nicht einmal ein richtiges Zelt dabeihatten. Es war lediglich eine lange schmale Zeltplane, die wir mit zwei kurzen Stangen und ein paar Seilen abspannen konnten. Meistens schliefen wir in irgendwelchen Scheunen, die uns die Bauern freundlicherweise zum Übernachten überlassen hatten. Nicht immer freiwillig, aber das ist heute nicht mehr wichtig. Manchmal mussten wir auch in den tiefen Furchen eines Ackers übernachten. Da konnten wir unser provisorisches Zeltdach mit den kurzen Stangen am besten nutzen. Es war weder bequem noch sauber, noch ungefährlich, aber was macht man nicht alles, wenn man so viele Flausen im Kopf hat. Ich vermisse meinen Freund Leo. Mit einem guten Freund an der Seite lässt sich so manches im Leben viel besser ertragen.
Wir waren in jungen Jahren nicht immer einer Meinung, aber irgendwie haben wir uns über all die Jahrzehnte nicht nur immer besser vertragen, sondern wurden uns auch immer ähnlicher. Wenn man sich die Hörner erst einmal abgewetzt oder sogar abgestoßen hat, lebt es sich deutlich entspannter. Die letzten Jahre saßen wir gerne einfach auf einer Parkbank am Waldrand und haben über das Leben und die Politik philosophiert. Wie gerne hätte ich mit meinem Freund noch mehr Fahrradtouren unternommen, aber wir Beide mussten immer schaffen und funktionieren und deswegen blieb uns nur noch eine einzige weitere Fahrrad-Tour nach Berchtesgaden. Das ist schon so lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann, aber es war bestimmt sehr schön!
Ich habe keine Ahnung, wie es diesmal wird. Hoffentlich werde ich in zwei Wochen ebenfalls behaupten können, es wäre sehr schön gewesen. Im Gegensatz zu allen anderen Reisen, bin ich diesmal ganz allein unterwegs. Niemand an meiner Seite, mit dem ich über das gemeinsam erlebte sprechen kann. Da kann ich nach meiner Rückkehr den Leuten erzählen, was ich will. Das kann keiner überprüfen, was ich alles dazu gedichtet habe oder ob ich mir einfach alles nur schönrede. Da ist es schon wieder, dieses bescheuerte Gefühl: „Was denken denn die Leute?“. Mein Gott, es kann mir doch völlig egal sein, was andere Leute dazu sagen, Hauptsache, mir hat es Freude gemacht.
Ich hätte nicht mitten in der Nacht losfahren sollen. Mir fallen schon nach zwei Stunden regelmäßig die Augen zu und ich bin gerade mal hinter Nürnberg. Bevor ich durch einen Sekundenschlaf einen Unfall verursache, fahre ich lieber auf den nächstbesten Rastplatz. Es macht mich schon etwas traurig, dass ich meine erste Etappe zum Rastplatz Holledau nicht geschafft habe. Wahrscheinlich muss ich mich daran gewöhnen. Es wird in den nächsten Wochen ganz bestimmt öfter vorkommen, dass ich meine Etappenziele nicht planmäßig erreichen werde. Mir ist schon klar, dass im Leben nicht immer alles planmäßig funktionieren kann, aber wenn es dann nicht klappt, ärgere ich mich trotzdem viel zu sehr darüber. Warum habe ich Trottel nicht zwei Stunden länger geschlafen und bin etwas später losgefahren. Jetzt sitze ich nicht auf dieser harten Betonbank der Raststätte Holledau und picknicke in Gedanken mit meiner Familie im Freien, sondern hocke auf einem billigen Plastikstuhl im Neonlicht einer verwaisten Halle, die hier als Speisesaal ausgeschildert ist. Über dem Tresen hängen wenig einladende Schilder, die mich motivieren sollen, verrunzelte Würstchen mit fettigen Pommes oder einen unnatürlich giftgrünen Erbseneintopf mit Fleischeinlage zu bestellen. Soweit ich das sehen kann, bin ich zu dieser Zeit offensichtlich der einzige Gast, abgesehen von dem Fernfahrer in der Ecke, der stoisch an einem Becher Kaffee nippt und alle zehn Sekunden auf den roten Knopf des Glücksspiel-Automaten drückt. Ich frage mich, warum er das macht.
Lässt sich Glück etwa mit Geld erzwingen? Was nutzt es ihm denn, wenn er über Monate tausende Euros in solche Automaten reinwirft und er dann auf einen Schlag 500 Euro gewinnt? Kann er sich dann wirklich darüber freuen oder drücken ihn seine Schuldgefühle, weil er genau weiß, dass sein Einsatz für das vermeintliche Glück viel zu hoch war? Macht er das nur, um die Zeit totzuschlagen? Warum will er die Zeit totschlagen, wenn er doch sowieso viel zu wenig davon hat? Ist er glücklich, wenn er jeden Tag allein in seinem Führerhaus sitzt und auf niemanden Rücksicht nehmen muss?
Manchmal mache ich mir lieber über andere Menschen Gedanken als ständig über meinem eigenen Leben zu brüten. Ich spüre einen kurzen Reflex aufzustehen, zu ihm rüberzugehen und ein wenig mit ihm zu Plaudern. Ihm würde ein wenig Aufmerksamkeit und Verständnis sicherlich guttun. Mir auch. Endlich schleicht die Bedienung aus einer dunklen Ecke und schaut mich müde an. Unsere Blicke treffen sich und jeder von uns beiden wird sich wohl gerade fragen: Was macht der hier, mitten in der Nacht? Bevor wir ins Grübeln kommen, bestelle ich schnell einen großen Kaffee und nehme gleich noch eine Flasche Coca-Cola mit. Als die Bedienung meine Aufmerksamkeit mit einer ausladenden Geste zur Vitrine lenken will, in der ein grausig verkümmertes Rindswürstchen seit vielen Stunden auf einen hungrigen Abnehmer wartet, schüttele ich müde mit dem Kopf und damit war unsere Konversation beendet.
Das viele Koffein erfüllt seinen Zweck und ich komme gut voran. Mein Blick wandert nach links und ich sehe, wie der Horizont Minute um Minute heller wird. Die Sonne geht auf. Endlich! Noch eine Stunde bis München.
