Theodor v. Bismarck - Kriegstagebuch 1813/14 - Robert Oldach - E-Book

Theodor v. Bismarck - Kriegstagebuch 1813/14 E-Book

Robert Oldach

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Beschreibung

Theodor v. Bismarck (1790-1873) hat über seine Teilnahme an den Befreiungskriegen ein Tagebuch geführt. Die gesammelten Tagebuchblätter wurden von ihm aus dem Feld in unregelmäßigen Abständen an seinen Vater geschickt, der sie sammelte und aufbewahrte. So entstand ein Selbstzeugnis, das aufgrund seiner Authentizität seinesgleichen sucht. Das E-Book enthält das Tagebuch in unkommentierter Fassung [siehe dazu Robert Oldach, Theodor von Bismarck (1790-1873): Leben und Taten eines preußischen Gardeoffiziers in den Befreiungskriegen (Forum Moderne Militärgeschichte), Berlin 2021].

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Vorwort

Theodor v. Bismarck: Kriegstagebuch 1813/14

1 Kriegsvorbereitungen

2 Frühjahrsfeldzug

3 Waffenstillstand

4 Herbstfeldzug

5 Winterfeldzug in Frankreich

6 Aufenthalt in Paris

7 Rückmarsch

Impressum

Robert Oldach

Baustraße 16, 17109 Demmin

[email protected]

Vorwort

Dieses Buch ist kein Roman, kein Erinnerungsbericht, keine Memoirenliteratur. Es ist auch keine Erzählung über längst vergangene Zeiten, in der sich unser heutiger Blick widerspiegelt. Es ist ein Tagebuch im wahrsten Sinne des Wortes: Theodor v. Bismarck hat zwischen Januar 1813 und August 1814 seine Erlebnisse und Deutungen in diesen aufwühlenden Zeiten niedergeschrieben. Sie geben uns heute einen Einblick in die Lebenswelt eines jungen Mannes, der Augenzeuge blutiger, epochaler Ereignisse wurde.

Theodor v. Bismarck wurde am 11. Juni 1790 in Schönhausen geboren. Sein Vater hieß Ernst Friedrich Alexander v. Bismarck (geb. 1763, gest. 1820) und der Großvater Karl Alexander v. Bismarck (geb. 1727, gest. 1797). Dieser hatte einen weiteren Sohn, Karl Wilhelm Ferdinand, dem im Jahr 1815 ein Sohn geboren wurde, den er auf den Namen Otto taufen ließ. Theodor und Otto v. Bismarck waren demnach Cousins, wenngleich zwischen ihrer Geburt 25 Jahre lagen.

Diese 25 Jahre waren ein Wendepunkt der preußischen und deutschen Geschichte. Sie sahen nicht nur das schmachvolle Ende des alten Preußens auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt 1806, sondern auch die Preußischen Reformen und die Befreiungskriege. Das Preußen, in das Otto v. Bismarck hineingeboren wurde, unterschiedlich sich erheblich von jenem, in dem Theodor v. Bismarck das Licht der Welt erblickte.

Beide aber waren durch die Gedankenwelt eines sozialen Standes verbunden, für den die Niederlage 1806 nicht nur ein politischer Einschnitt darstellte, die mit nationaler Demütigung einherging; es war eine zutiefst empfundene persönlich Schmach. Umso mehr, da Theodor v. Bismarcks erste kriegerische Erlebnisse mit der Niederlage in der Schlacht bei Auerstedt und der Kapitulation bei Pasewalk verbunden sind. In diesem Geist beschloss Theodor v. Bismarck seine Autobiografie mit folgenden Worten:

„Nachdem ich mit 17 Jahren unser geliebtes Vaterland unter der Faust des Würgers fast völlig in Trümmer zerfallen sah, hat Gott mich seine völlige Wiederherstellung sehen lassen und mich gewürdigt, in den ruhmvollen Kämpfen darum auch Blut zu vergießen und meine Schuldigkeit zu thun, endlich aber meine Tage so lang gefristet, um noch im verflossenen Jahr den heldenmüthigen, siegreichen Kampf Preußens gegen Deutschland und den erhöhten Glanz des Vaterlandes und die Einigkeit des größeren Theiles Deutschlands zu sehen.“

Als er also im Jahre 1867 seine Autobiografie beendete, war ihm der tiefe Einschnitt in seiner Jugend bedeutsam genug, um ihn als Zäsur im Lauf seines Lebens zu verstehen und zu deuten.

Diese Beurteilung wirkte auch auf den jungen Otto v. Bismarck ein. Wenn er in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ (hier S. 17-18) über seine erste Rede im Preußischen Landtag berichtet, dass er dabei seine Abneigung gegenüber der Vorstellung zum Ausdruck brachte, die Preußen seien 1813 in den Krieg gezogen, um von der Krone eine Verfassung zu erzwingen, so sprach er nicht nur für sich, sondern höchstwahrscheinlich auch von einer Vorstellungswelt, die ihm durch Vater und Onkel in Fleisch und Blut übergegangen war. Achtzehnhundertsechs sollte sich nie wiederholen. Dies mag der Antrieb dafür gewesen sein, die deutschen Staaten unter preußischer Fahne zu versammeln, um dem Zentrum Europas Einigkeit, Frieden und Wohlstand zu bringen.

Theodor v. Bismarck konnte 1871 den Höhepunkt des Wirkens seines Cousins noch miterleben. Er starb am 1. Mai 1873 in Karlsburg/Vorpommern. Durch seine Ehe mit Gräfin Caroline v. Bohlen begründete er das Geschlecht der Grafen von Bismarck-Bohlen.

Auf den folgenden Seiten kommt Bismarck selbst zu Wort. Er berichtet über die Erfahrungen, die er während der Kriegsjahre 1813 und 1814 gemacht hat. Es ist ein einmaliges Zeugnis vom Leben und Kämpfen einer Generation, die uns sonst nur ihre Erfahrungen in Form von Erinnerungen überliefert hat.

Bismarcks Tagebuch und seine Autobiografie wurden von mir erstmals 2021 publiziert (Theodor v. Bismarck. Leben und Taten eines preußischen Gardeoffiziers in den Befreiungskriegen). Es war der zweite Teil einer Edition von Quellen, die aus der Feder zweier Offiziere des Garderegiments stammen. Neben der Edition und Kommentierung der Quellen ging es darum zu analysieren, wie die unterschiedlichen Charaktere, hier der Lebemann Theodor v. Bismarck, dort der Grübler Wilhelm v. Below, als Regimentskameraden ähnliches erlebten, aber unterschiedlich wahrnahmen und verarbeiteten (siehe: Als Gardeoffizier in den Befreiungskriegen. Die Briefe des Capitains Wilhelm v. Below). Das Schicksal wollte es, dass sich beide Gardeoffiziere in späteren Jahren nicht nur als Kriegskameraden wiedersahen, sondern auch als Eltern von Kindern, die durch Heirat ihre Familien miteinander verbanden. Beide Bücher, erschienen im Verlag Köster, lege ich interessierten Lesern ans Herz. Sie enthalten neben Bismarcks Autobiografie, die das hier abgedruckte Tagebuch einrahmt, auch umfangreiche Kommentare zu den geschilderten Ereignissen, Menschen und Beschreibungen. Auf diese habe ich in dieser elektronischen Herausgabe ganz verzichtet, damit sich der Leser allein auf Bismarcks lebhafte Erzählung konzentrieren kann. Ich danke Herrn Dr. Köster für die freundliche Genehmigung, einen Teil beider Bücher auch über dieses Medium publizieren zu dürfen.

Das Tagebuch befindet sich im Landesarchiv Greifswald, Rep 38 d (Karlsburg), Nr. 1346. Wo Ergänzungen zum besseren Leseverständnis nötig waren, wurden die hinzugefügten Buchstaben in kursiver Schrift eingefügt. Die Seitenzahlen des Originals befinden sich im Text in eckigen Klammern. Diese kommen auch bei Erklärungen zum Einsatz, für die es keine Fußnote bedurfte. Orthografische Eingriffe wurden nicht vorgenommen.

Theodor v. Bismarck: Kriegstagebuch 1813/14

1 Kriegsvorbereitungen

[1] Den 23ten Jan. 1813. Heute Morgen um 8 Uhr gescheht unser Abmarsch von Potsdam. Fast jedermann, Abgehende sowohl als die meisten Zurückbleibenden, waren voller Freude, vor allem aber ich, der ich noch außer den Motiven, welche die andren zur Fröhligkeit stimmten, in Potsdam verschiedene Gläubiger zurückließ, deren Befriedigung mich für jetzt in größter Verlegenheit gesetzt haben würde und welche sich jetzt mit einer Anerkennung ihrer Forderungen begnügen musten. Gewiss soll aber, wenn mich der Himmel wieder nach Potsdam führt, die Bezahlung dieser ehrlichen Leute meine erste Pflicht seyn. Übrigens wurde mir der Abschied von niemand in Potsdam sehr schwer, da keiner von meinen Angehörigen dort war, von welchen allen ich in einem Briefe an meinen guten Vater Abschied genommen habe. Ich marschirte also sehr zufrieden und leicht aus (leicht in jeder Hinsicht, da mein ganzes Vermögen in etwa 8 Fr d’or bestand); viele von den anwesenden Zuschauern fanden es zwar, wie [2] ich während dem Vorbeymaschiren vernahm, sehr unrecht, daß ich so fröhlich aussähe, allein dies waren warscheinlich zurückbleibende Soldatenweiber oder Kinder, denen dies nicht zu verdenken war. Meine Freude wurde indessen bald etwas getrübt, da mein treuer Mineur, den ich schon seit mehreren Jahren hatte, es vorzog, nach Potsdam zurückzukehren; auch erfuhren wir, daß unsere Companie nicht, wie sie erst sollte, nach Schulzendorf, sondern nach Woltersdorff in Quartier käme, welches wir alle sehr beklagten, da in ersterm Orte ein Herr von Piper ist, welcher eine sehr liebenswürdige Tochter, die ich aus Berlin kenne, hat. - Der Marsch war für den ersten ziemlich stark, da er 5 starke Meilen betrug und die Glätte des Weges machte ihn noch beschwerlicher, dennoch legte ich ihn ganz zu Fuße zurück und kam um ½ 5 Uhr in Woltersdorff an, wo ich mit dem Obrister, dem Capitain Bülow, Hohendorff und Wallbrunn und den Leutnants Zieten und Maltitz bey einem Oberamtmann, [3] welcher, wenn ich nicht irre, Streich hieß, einquartirt wurde. Wir lagen unserer 5 auf einer großen Stube, hatten aber vortreffliche Betten und wurden mit einem sehr guten Mittagsbrodt bewirthet, welches uns allen, vorzüglich aber mir, sehr gut behagte, auch war ein recht hübsches Mädchen, die Tochter des Amtmanns, dort, aus welcher aber fast kein Wort herauszubringen war.

Selchow, den 24ten. Nachdem wir heute um 7 Uhr von Woltersdorff aufgebrochen waren, langten wir um 2 Uhr nach einem Marsch von etwa 4 Meilen hier an. Wir gingen durch Königs Wusterhausen, wo mir die Freude zutheil wurde, meinen Freund Menken und das allerliebste Babettchen zu sehen. Da mir der Capitain Bülow, der krankeitshalber fuhr, seine Pferde dort lies, so hielt ich mich 1 ½ Stunde da auf und nahm während dieser Zeit ein sehr gutes Dejeuner nebst einer Bouteille vortrefflichen alten Rheinwein ein, wobey ich auch auf eine so angenehme Weise mit Babettchen unterhielt, daß mir die Zeit wie [4] Augenblick dahinschwand. Zugleich machte ich dort die Bekanntschaft einer Demoiselle Guichard, eines sehr niedlichen Mädchens, und ich hätte recht sehr gewünscht, daß es mir vergönnt gewesen wäre, mich noch länger dort aufzuhalten. Hier liege ich mit dem Capitain Wallbrunn zusammen bey dem Pastor. Zum Mittag sind wir alle bey dem Major Löschebrand gebeten gewesen. Dieser Ehrenmann kommandirte in der letzten Campagne das Regiment Gens d’armes! In seinem Hause, wo es übrigens recht gut zuging, fanden wir einen General Hertzberg nebst seinem Sohn und 2 sehr kokette Töchter, welche aber bis auf sehr feurige Augen eben nicht hübsch zu nennen waren. Der Wirth vom Hause sowohl als seine Frau Gemahlin stanken aber beyde so bestialisch, daß es in ihrer Nähe fast nicht auszuhalten war. Wie es schien, muste hier wohl eine Brau- und Brennerey seyn, denn während wir an einer sehr eleganten Tafel speiseten, wurde in demselben Haus [5] Bier und Brandwein verkauft, weshalb denn alle Augenblick ein Bauer oder Herr. mit der Flasche hereintrat und seine paar Dreier auch zählte. Der Obrist lag nebst seinen Adjutanten auf dem Gute und wir anderen sonsten, obgleich Frau von Löschebrand die entsetzlichsten Gesichter zog. Auch wie die Kletten bis um 10 Uhr dort, da wir uns in unserm Quartier sehr gelangweilt hätten. Es sollte hier ein französisches Battaillon mit uns zusammen in Quartier kommen, da wir aber eher anlangten, so musten sie ½ Meile weiter nach Storkow maschiren, wo sie bis auf weiter Ordre stehen geblieben sind.

Beeskow, den 25. Heute sind wir nach einem mäßigen Marsch hier eingerückt und haben morgen Ruhetag. Auch hier waren 400 Mann Württemberger im Begriff sich einzuquartieren, weshalb eine Esquadron Garde du Corps und 1 Companie vom Normal-Bataillon alles bis zu unsrer Ankunft besetzt behielt. Die Württemberger kamen von der Armee und war die beau restes von 14.000 Mann.

Beeskow, den 26ten. Morgen gehen 1 Major, 1 Capitain, 4 Offiziere und 8 Unteroff. nebst einen Chirurg nach Crossen voraus, um [6] Rekruten dort auszuheben; leider bin ich nicht dazu gekommen, welches mir sehr angenehm gewesen wäre, da ich große Schmerzen am Fuß halber nur mit vieler Mühe marschire und die Commandirten auf Wagens fortgeschaft werden. Es werden hier eine Menge Pferde ausgehoben, welche wir mit nach Breslau nehmen. Mit den plaisirs sieht übrigens hier nur sehr mittelmäßig aus. Gestern Abend waren wir bey einem Off. zusammen, wo das Buch der 4 Könige etwas studirt wurde, welches mir 1 rthlr. kostete. Heute nach der Parol ging alles in die Apotheke, wo die Erfrischungen aber auch nur sehr schlecht waren. Leopolds Haus habe ich mir heute auch in Augenschein genommen; es liegt am Markt und sieht ganz gut aus. Morgen früh um 7 Uhr marschieren wir von hier nach dem 4 Meilen entfernten Frankfurt und werden erst nach 4 Märschen in der Gegend von Grüneberg Ruhetag haben. Das Wetter hat uns bis jetzt sehr begünstigt, indem immer ein gelinder Frost gewesen ist. Wir sollten erst nicht auf Frankfurt, sondern von hier gerade nach Sagan gehen, allein da wir mit unsren Wagens und Geschütze die zugefrorene Oder nicht passieren können, so sind [7] wir genöthigt, bey ersteren Orte die Brücke zu passiren.

Den 27', Frankfurt. Nach einem 5-stündigen Marsch sind wir hier eben nicht sehr ermüdet angelangt. Ich bin mit Grevenitz bey einem Policeicommissar Schäffer einquartirt, welcher uns, so gut es ihm möglich ist, aufgenommen hat. In diesem Augenblick aber (abends 9 Uhr) wird noch ein Garde du Corps-Off. angesagt; ich weiß aber noch nicht wer und es soll mir auch sehr gleichgültig seyn, da ich niemahls das beste Bette in Beschlag genommen habe. Vor unserm Einmarsch wurde wie gewöhnlich noch sehr lange getrödelt. Heute Abend sind wir unserer sehr viele in Ehrenbergs Weinkeller gewesen, wo wir tapfer gezecht haben. Morgen kömmt die 4, 5, 6te Comp. nach Ziebingen bey dem Grafen Finck, 3 Meilen von hier. Übrigens ist die Stadt jetzt sehr todt gegen damahls, als wir vor 3 Jahren mit dem Reg. hier standen. Heute haben wir mehrere französische und Bundestruppen einzeln begegnet, deren Anblick wirklich bejammernswürdig war.

[8] Den 28t, Ziebingen. Nach einem der langweiligsten Märsche, durch lauter Wiese, Wald, ohne ein Dorf zu berühren, sind wir glücklich hier angelangt. Hier ist eine ganz besondere Wirthschaft. Das Dorf und Schloß, welches letztere ein im neusten Geschmack erbautes sehr weitleufiges Gebäude ist, gehört dem Grafen Finck, allein ein Herr von Burgsdorff, welcher das Haus erbaut hat, wohnt mit seiner Familie im 2ten Stock und bey diesem bin ich mit dem Lt. Crety in einer sehr kleinen Stube, welche nur einen Daumenbreit höher ist wie ich, einquartirt. Den Mittag haben wir nebst dem Major Tippelskirch, der auch hier oben wohnt, mit der Familie sehr steif und mittelmäßig gespeiset. Es war außer uns eine alte und junge Fr. v. Burgsdorff, ein wie es schien etwas gestörter Herr v. Burgsdorff, 2 Kinder und ein Professor, dessen Nahmen ich nicht weiß, der aber sehr gut sprach, bey Tische. - Heute Nachmittag um 5 Uhr haben wir hier einen französischen Obristen Nahmens Blancet, Cheff de l’etat major des 4ten Corps, begraben. Dieser arme Teufel war bey dem Überfall von Marienwerder [9] verwundet worden, von seinen beyden Leuten nach Küstrin gebracht und dort abgewiesen worden, da die Festung im Belagerungszustand war. Von dort hatten ihn die Leute nach Frankfurt gebracht und da mann ihn dort auch nicht hatte aufnehmen wollen, so waren sie mit ihm auf dem Wagen nach Glogau, allein schon hier war er im Kruge verschieden. Es wurde von den hier stehenden 3 Comp. 12 Unteroff. kommandirt, welche den mit Degen, Orden und Czacot verzierten Sarg trugen und der Obrist an der Spitze sämtlicher Off. folgte. Seine 2 zerlumpten Bedienten und ein hier durchkommender fr. Krüppel waren die Leidtragenden und folgten unmittelbar dem Sarge. Der Verstorbene war ein sehr reicher Mann gewesen und hatte bloß aus Lust zum Kriege diesen verderblichen Feldzug mitgemacht. Nach Aussage der Bedienten war sein Körper auch durch Hunger, Frost und Beschwerden gänzlich aufgerieben worden. Er hinterläßt eine Frau mit 3 Kindern, welche sein trauriges Ende wohl noch nicht ahnden. - Morgen kommen wir nach Crossen, 3 ½ Meilen von hier.

[10] Den 29ten, Crossen. Nachdem wir 3 ½ Meilen zurückgelegt, sind wir um ½ 2 Uhr hier glücklich angelangt. Wir kamen durch mehrere große Dörfer, in welchen sehr schöne adliche Güter waren. Fast alle Bauernhäuser waren schon mit Schindeln gedeckt. Es liegen 2 Battaillone von uns in der Stadt, welche gar nicht so sehr unbedeutend ist und eine sehr hübsche Lage am linken Ufer der Oder hat, über welche eine Brücke führt. Ich bin mit Zieten bey einem Zimmermannsmeister in Quartier, wo wir recht gute Betten haben, auch hat uns unser Wirth außer ein gutes Mittagsmahl eine Flasche hiesigen Weines vorgesetzt, welchen ich mir noch viel schlechter vorgestellt habe, das Quart kostet 6 gr. Münze. Da außer uns noch eine Menge Franzosen in der Stadt sind, so ist es sehr lebhaft auf den Straßen. Auch heute haben wir eine Menge Fr. in dem kläglichsten Zustande begegnet. Morgen betreten wir die schlesische Grenze und kommen nach Grüneberg, 4 starke Meilen von hier. Heute Abend sind wir in einem Gasthoff vor dem Oderthor gewesen und haben dort cardinal vom hiesigen Wein getrunken, welcher aber höchst elend war und ganz trübe und dunkel wie schlechtes Braubier aussahe. Das Marschiren wird mir immer noch sehr sauer, [11] da ich einen empfindlichen Schmerz am Knöchel des rechten Fußes habe, welches nach der Meinung des Chirurgen rheumatische Ursachen hat und noch 8 Wochen dauern kann. Wirklich eine fürstliche Aussicht! 8 Meilen von hier sind vorgestern Cosacken gesehen.

Den 30ten, Grüneberg. Nachdem wir eine Meile von Crossen die neumärksche Grenze überschritten, sind wir nun auf schlesischem Gebiet angelangt. Es ist das erste Mahl, dass ich diese Provinz sehe. Auf der Grenze fängt eine sehr gute Chaussee an, welche bis hierher führt. Jetzt, da alles mit Schnee bedeckt war, konnte man eben keinen Unterschied zwischen der Mark und Schlesien sehen, allein zu einer andern Jahreszeit soll derselbe an der bessren Kultur der Felder auf dem Schlesischen sehr bemerkbar seyn. Crossen, welches wir um 8 Uhr heute Morgen verließen, scheint eine recht hübsche Stadt zu seyn, welche einen großen, mit ziemlich ansehnlichen Häusern umgebenen Marktplatz hat. Heute Morgen rückten etwa 3 Comp. von den fr. Grenadiers der Garde, welche die Nacht dort gelegen hatten, mit uns zusammen aus. Es waren wahrscheinlich die Reste von mehreren Reg., da wenigstens 70 Off. dabey waren. Im Übrigen waren es sehr schöne Leute, welche mit ihren [12] großen Bärenmützen sehr kriegerisch und gut aussahen. Auch hatte die Nacht ein General mit 200 Mann der Garde auf den umliegenden Dörfern gelegen, sämtlich von der Armee kommend und auf dem Wege nach Mainz begriffen. - Hier hat mich mein Unstern gleich nach unserm Einmarsch auf Wache ziehen lassen, weshalb ich denn mein Quartier, welches bey einem Prediger ist und sehr gut seyn soll, noch gar nicht gesehen habe. Ich bin in einer kleinen Wachtstube, worinn nichts als 2 Schemels und ein großer Tisch steht, welcher letztere mir denn wohl die Nacht zur Ruhestätte dienen wird. Die Stadt an sich ist nur sehr klein, hat aber sehr weitläufige Vorstädte und ist ganz von Weinbergen umgeben, auf welchen denn der edle Grüneberger gezogen wird. Heute Mittag und Abend hat mir mein Wirth 2 Bout. dieses vortrefflichen Gewächses geschickt und da ich sehr durstig war, so schmeckte er noch ganz leidlich. Er ist durchaus nicht sauer, sehr rein, aber auch sehr schwach. Hier ist schon die Sprache und Sitten ganz schlesisch, der Markt heißt Ring u. s. w. Morgen ist Ruhetag. Wie es heißt, wird morgen ein Ball hier seyn, auf den ich mich schon im voraus freue.

[13] Den 31ten. Nachdem ich denn richtig eine Nacht auf dem Tisch zugebracht habe, erwarte ich jetzt bald meine Ablösung. Alle Häuser stehen hier schon mit dem Giebel nach der Straße. Gestern begegneten wir wieder einer großen Menge Fr. und andere Bundestruppen, welche in dem elendesten Zustande, gröstentheils ohne Waffen und fürchterlich zerlumpt von der Armee zurückkehrten. Aufallend schlecht ist hier das Bier, welches in ganz Schlesien der Fall seyn soll und für mich, der ich mich an dies Getränk sehr gewöhnt habe, höchst unangenehm ist. Morgen kommen wir mit dem ganzen Battaillon nach Freistadt, 3 Meilen von hier.

Der Ball, von dem gestern die Rede war, ist denn heute richtig gewesen. Mein Wirth, ein Prediger Wegener, hatte die Güte, mich dort einzuführen. Um 7 Uhr kam die Gesellschaft zusammen, wo wir denn schon den Tisch gedeckt fanden und ½ Stunde darauf nahm das Souper, bestehend in Grünen- und Sauerkohl mit Wurst und gekochten Schinken, auf welches ein Hasenbraten und Kalbsbraten nebst Pfannkuchen, welche [14] bey einer ansehnlichen Größe mit einen Stückchen Kirschmus einer Erbse groß gefüllt waren, seinen Anfang. Man sprach während dem Essen dem Grüneburger häfftig zu und um 9 Uhr wurde die Tafel aufgehoben, worauf denn der Ball seinen Anfang nahm. Die lächerlichen Figuren der Tänzer zu schildern wäre eine vergebliche Mühe, da man so etwas selbst sehen muß. Unter allen den Damen war auch nicht eine einzige hübsch zu nennen, ein kleines Mädchen von etwa 13 Jahren ausgenommen, welche noch erträglich aussahe. Man nannte mir ihren Nahmen, den ich wieder vergessen habe, mit dem Bemerken, daß sie eine sehr gute Parthie von circa 50.000 rt. [Reichstaler] sey, allein sie war so einfältig, daß es unmöglich war, mit ihr in ein Gespräch zu kommen. Nachdem ich bis 12 Uhr tüchtig getanzt habe, ging ich nach Hause. - Mein Wirth hat heute Mittag die Ehre des Grüneberger Weines bey mir gerettet, indem er mir pour la [15] bonne bouche ein Glas hiesigen Burgunders von 1811 vorsetzte, den ich wirklich von dem ächten Burgunder durchaus nicht hätte unterscheiden können, so hatte er dieselbe Farbe sowohl als den gewürzhaften Geschmack, auch hing er sich am Glase. Imgleichen setzte er mir eine Flasche selbst gewonnenen Rheinwein von 1811 vor, welcher eben den Geschmack und Farbe des jungen Rheinweins hatte. Alle diese guten Sorten werden aber nicht verkauft, sondern nur die schlechtren. Ein Kaufmann aus Potsdam hat dies Jahr für 7.000 rthlr. Wein von hier gekauft. Mein Quartier ist ganz vortrefflich und der Wirth, ein Pastor Wegner, hat die Rhein-Campagne als Feldprediger bey dem Regiment Zastrow, wenn ich nicht irre, mitgemacht und ist ein recht gescheiter und muntrer Mann, mit dem es sich sehr gut spricht.

Den 1ten Febr., Freystadt. Den Weg von Grüneberg bis hier 3 Meilen haben wir in einem ganz abscheulichen Schneewetter zurückgelegt und ich bin um 2 Uhr ganz durchnäßt und sehr ermüdet in mein Quartier, welches bey einen Fleischer in der Glogauer [16] Vorstadt ist, angekommen. Soeben komme ich hier aus dem Theater, wo ich eine Bande Schauspieler ihr Wesen habe treiben sehen, die wirklich zu den Schlechtesten, welche man sich denken kann, gehört, ich wenigstens habe noch nie etwas Ähnliches gesehen. Der Obrist und der Major Tippelskirch waren auch dort und wir sind vor Lachen beynahe gestorben. Der Preis war sehr mäßig, 8 gr. [Groschen] á Mann auf den ersten Platz. Die Einnahme wird sogleich getheilt und gewöhnlich kommt auf den Mann 3 gr. á Mann, doch sprachen sie noch immer mit Entzücken von Sprottau, wo einmahl jeder 24 gr. bekommen hatte. Heute sind wir schon durch mehrere ½ Meilen lange Dörfer gekommen; die Stücken oder Bete, wie man sie hier nennt, sind alle nur etwa 2 Schritt breit. Freistadt ist recht hübsch gebaut und besonders sind am Markt viel schöne große Häuser. Hier stehen 370 fr. Cuirassir, der Rest von 5 Reg.

[17] Morgen kommen wir mit 4 Comp. nach Waltersdorf, welches ein sehr großes Dorf seyn soll. Der Weg bis dahin beträgt 3 Meilen. Gott gebe nur, daß nicht wieder so ein Mordwetter wie heute ist.

Den 2ten, Waltersdorf. Der heutige Marsch war mit Recht unter die sehr beschwerlichen zu rechnen, da es die Nacht sehr stark geschneit hatte, wodurch alle Bahn verschwunden war und wir oft bis an die Waden im Schnee spatziren musten, dazu kam noch, daß ein sehr kalter Wind ging und es den ganzen Tag noch unaufhörlich schneite. Die 3 Meilen von Freistadt hierher scheint der Fuchs gemessen zu haben, welches daher kömmt, daß man nur immer die Entfernung zwischen den Dörfern rechnet und die Länge der Dörfer nach oben eingiebt. Heut haben wir 2 große Dörfer passirt, worunter ein Langheinersdorf sehr starke ¾ Meilen lang ist, denn wir marschirten 1 ½ Stunde ununterbrochen darinn. Waltersdorf, [18] wo wir heute liegen, ist wo möglich noch länger. Ich liege mit Wallbrunn u. Crety, 3 von unsern Leuten und der aus 5 Personen bestehenden Familie des Wirths in einer kleinen höchst unreinlichen Stube. Heute Abend bin ich eine halbe Meile von hier zum Major Rose hingefahren, der auch hier liegt, wo wir eine Parthie L’hombre gespielt haben und mit sehr guten Bischoff tracttirt sind. Die Bauergüter scheinen hier nur sehr unbedeutend zu seyn, denn der Viehstand unsres Wirths, welcher ein ganzer Bauer ist, besteht nur in 3 Ochsen und 3 Kühen nebst einigen Schweinen. Im ganzen Dorfe sind nur 17 Pferde. Hier ist schon alles katholisch.

Der 3te, Groß Kotzenau. Der heutige Marsch war noch schlimmer wie gestern, denn er betrug 4 ½ Meilen, und da es die Nacht wieder sehr stark geschneit hatte, so war an den meisten Orten auch keine Spur der Bahn zu sehen und wir wateten oft bis über die Knie im Schnee; zum Glück war das Wetter sehr schön. Wir kamen durch einen kleinen Flecken, [19] Primkenau, wo ich mir durch meinen Bedienten Wein, Zucker und ½ Dutzend Citronen kaufen ließ, Thee habe ich bey mir und so will ich mich denn hier wohl pflegen. Ich liege hier wieder bey einem Bauern in einer noch viel schmutzigern Stube wie gestern. Der Wirth mit seiner 7 Köpfe starken, ganz unbeschreiblich unreinlichen Familie theilt dieselbe mit mir und meinem Bedienten. Überhaupt scheint hier in der Gegend die Schweinrey sich schon der polnischen zu nähern und vor allen zeichnet sich hierin das schöne Geschlecht aus, welches bey einer durchgängig häßlichen Gesichts- und Körperbildung im höchsten Grade schmutzig gekleidet geht. Heute Abend sind 3 meiner Kammeraden bey mir gewesen, wir haben erst Thee und nachher meinen Punsch getrunken, welches freylich von den 6 Citronen nicht sehr viel wurde und uns die Zeit mit Tvhist spielen vertrieben. Obgleich wir in einem Dorfe liegen, so ist es doch nicht möglich, einander zu Fuß zu besuchen, sondern wir müssen unsere Visiten immer auf Schlitten abmachen, da wir über ¼ Meilen einer zum andern haben.

[20] Der 4te, Groß Kotzenau. Heute ist Ruhetag. Ich habe die Nacht in meinem ziemlichen Bette sehr gut geschlafen und heute morgen die Bemerkung gemacht, daß ich doch gestern über die hiesigen Damen zu hart geurtheilt haben mochte, denn sie wuschen sich heute morgen sämmtlich; meine Beschuldigung in Hinsicht der unreinlichen Kleidung kann ich aber unmöglich zurücknehmen. Die Männer sind hier alle in Schafspelzen gekleidet. Hier ist wieder alles lutherisch. Dies Dorf gehört einem Grafen Dohna, welchen sich in Klein Kotzenau, einem Flecken, welchen wir gestern passirten, aufhält. Ich bemerkte dort ein sehr großes, aber wie es schien auch sehr verfallenes Schloß, mit einem großen Thurm geziert. Der General Tauentzien liegt dort im Quartier. Hier befindet sich außer 3 Comp. von uns und 2 Comp. Artillerie noch ein fr. Reg., welches von der Armee zurückkehrt und 11 Off., 13 Unteroff. und 57 Mann stark ist, es ist das 109 leichte Reg. Gestern gingen hier viele Fr. von Liegnitz kommend durch, allein ich bemerkte nur etwa 15-20, welche [21] Gewehre hatten. Liegnitz sind 3, Glogau 3 1/2 und Breslau 10 Meilen von hier. Der Obrist ist auch hier und liegt in einem alten, halb verfallenen mit Graben und Zugbrücke versehnen Schloß, wo ein Amtmann wohnt. Es stehen hier im Dorfe 125 Pferde vom Trakehner Gestüt, welches im Ganzen mit 6.000 Pferde heut in der Gegend Ruhetag hat. Doch scheint mir die Zahl der Pferde wohl etwas zu stark angenommen zu seyn. Sie sind durch Pommern kommend auf dem Wege nach Breslau begriffen und werden wahrscheinlich nach der Gegend von Glatz gehen. 25 junge Pferde, welche sich nicht fortbringen ließen, sind im Gestüt geblieben. Ich habe aber noch keins der Pferde gesehen. Heute Mittag habe ich auf dem Amt bey dem Obristen gegessen. Der Amtmann schien uns einige fabelhafte Geschichten erzählen zu wollen, allein da zufälliger Weise das Gespräch auf die Jagd kam, so wartete ich ihm mit etlichen Historien auf, daß ihm die Augen übergingen. Der Graf Dohna, welcher hier eine ordentliche Herrschaft hat, muß ein sehr reicher Mann seyn, da er seiner Mutter jährlich 9.000 [22] Thaler geben muß. Sein Bruder, welcher den andern Theil der Güter hat, giebt der Mutter ebenso viel. Er hat viele Jagden und bey Klein Kotzenau einen Thiergarten, worin 250 Stück Dammwild, auch besitzt er sehr große Waldungen, in welchen er vor 7 Jahren so viel Raupenschaden gehabt hat, daß er 4 Jahre lang jedes Jahr für 180.000 rtl. Holz verkauft hat und doch war er genöthigt gewesen, dasselbe für 2/3 des Werths loszuschlagen. In der Zahl der hier stehenden Gestüt-Pferde habe ich mich übrigens geirrt, indem es nur etwas über 2.000 sind.

Der 5te, Groß Reichen. Der heutige Marsch, welcher etwa 3 Meilen betrug, war eben nicht sehr ermüdend, nur war das Wetter sehr übel, indem es beständig schneite u. regnete. Ich liege hier mit dem Capitain zusammen bey einem Amtmann Breitzer, welcher uns sehr gut aufgenommen hat und uns recht gute Ofner vorsetzte. Er bot uns eine Parthie L'hombre an, um 24 Marken einen schlechten Böhmen, 15 Böhmen machen 4 Groschen. [23] Da uns dies aber denn doch zu arg war, so mußte er 12 Marken einen guten Böhmen spielen, wobey man sich eben auch noch nicht zu Grunde richten konnte. Das Unglück des Herrn Wirths war aber so arg, daß er doch 3 rt. Courant verlohr, welches ihn sehr aus der Fassung zu bringen schien.

Der 6ten, Nieder Stephansdorff. Unser heutiger Marsch war sehr stark und betrug wenigstens 4 gute Meilen, wozu noch ein gröstentheils sehr schlechter Weg kam, weshalb ich denn auch ganz außerordentlich müde bin. Wir passirten Parchwitz, ein kleines an der Katzbach gelegenes Städchen, wo ich sehr viel hübsche Mädchen bemerkte. Auch kamen wir durch Neumarckt, wo die 2 Esquadronen der Brandburgischen Husaren stehen, deren Anblick sehr traurige Empfindungen bey mir erregte; die Stadt ist nur klein und schlecht gebaut. Vorher sehr schöne Kiefer-Wälder, durch welche wir kamen, erregten in mir den Wunsch, daß die Kiefer-Raupen nicht auch hier ihre Verheerungen anrichten [24] mögten. Unser heutiges Quartier ist bey einem Amtmann, welcher uns sehr guten Unger-Wein vorgesetzt hat, die Bout. 30 Böhmen schlecht Geld oder 24 gr. Von hier sind noch 4 Meilen bis Breslau, bis Liegnitz 4, bis Jauer 4. Morgen kommen wir in der Gegend von Lissa 2 ½ Meilen von hier oder 10/4 Wegs wie man hier sagt. Das Schlachtfeld von Leuthen bleibt uns ½ Stunde rechts liegen. Heute haben wir zuerst den Zobtenberg erblickt, auch ist uns während unserem ganzen heutigen Marsch das Riesengebirge immer wie eine schwache Wolke zur rechten Seite im Gesicht geblieben.

Den 7ten, Goldschmieden. Nach einem sehr kleinen Marsch von 2 ½ Meilen, sind wir schon um 12 Uhr hier eingerückt und werden morgen Ruhetag haben, um übermorgen in das 1 ½ Meilen von hier entfernten Breslau einzurücken.

Der Flecken Lissa blieb uns hart links liegen und von hier bis dahin beträgt nur ½ Stunde, weshalb ich auf jeden Fall morgen [25] dahin fahren würde, wenn ich nicht in Abwesenheit des Capitains allerley zu unserm Einmarsch bey der Comp. zu besorgen hätte, aus eben diesem Grunde ist es mir auch unmöglich, das ½ Meilen von hier gelegne Schlachtfeld von Leuthen zu besehen. Hier ist ein des sehr guten Biers wegen sehr häufig besuchter Vergnügungsort der Breslauer. Unglücklicher Weise sind wir alle in einer erstaunlich kleinen Stube im Wirthshause einquartiert, welche als Flur einen Tanzsaal hat, wo die durch den Genuss des edlen Gerstensafts erhitzten Gemüther sich jetzt (abends 9 Uhr) noch sehr stark mit Tanzen verlustiren; in einer halben Stunde aber wollen wir doch dem Dinge ein Ende zu machen suchen. Das Bier ist aber auch wirklich ganz vortrefflich, welches man sonst dem schleßischen Biere nicht nachsagen kann. Auch haben wir heut Mittag 2 Bout. ganz vortrefflichen Ungerwein getrunken, der 1 rtlr. kostet.

Der 8te, Goldschmieden. Gestern und heute Nachmittag war viel beau monde aus Breslau [26] hier, doch aber nur, wie es scheint, von der geringren Klasse. Besonders gestern, wo Sonntag war; es standen einmahl 37 Wagen und Schlitten vor dem Hause. Ich liege hier mit dem Capitain Wallbrunn und Lt. Crety zusammen; mit erstrem bin ich auf dem ganzen Marsch fast immer im Quartier gewesen und wir haben uns sehr gut zusammen vertragen, da es ein ganz vortrefflicher Mann ist. Von hier kann man aus dem Fenster den 6 Meilen entfernten Zobtenberg sehr deutlich sehen, der, wie es scheint, gar nicht unbeträchtlich seyn muß, da er wie ein blauer Riese daliegt. Dahinter entdeckte ich heute in weiter Ferne durch Hülfe meines Fernrohrs einen Arm des Riesengebirges oder des Mährischen Gebirges, welches aber doch viel höher seyn muß, wie der Zobten. Sollten wir in Breslau, was zwar nicht zu vermuthen ist, Zeit übrig haben und ich eine Parthie finden, so besuche ich gewiss den Zobten, welches nicht sehr theuer [27] seyn kann, da er nur 5 Meilen von dort entfernt ist. - Bis jetzt haben wir bey der ganzen Comp. nur einen einzigen Kranken gehabt, welcher sich den Fuss verrenkt hatte, die Leute sind vortrefflich und immer lustig und guter Dinge, kurz es ist bey jedem der beste Wille. In Breslau hoffen wir gewiss, daß sich alles entscheiden wird. Meine Schmerzen in den Füßen dauern noch immer fort, besonders sind sie nach dem vorgestrigen starken Marsch sehr hefftig geworden. Sonst habe ich mich, dank sey es den guten Tangermünder Stiefeln, noch nicht ein einziges Mahl wund gelaufen.

Breslau, den 9ten Febr. Wir brachen heute Morgen um ½ 8 Uhr von unserm Nachtquartier auf, um mit dem Schlage 10 auf unserm Rendezvous, welches bey dem Wirthshause »Zum letzten Heller« war, einzutreffen. Gewiss hatten wir geglaubt, unsern Einmarsch mit den lächerlichen russischen Federbüschen machen zu müssen, allein sehr verständig hatte der König befohlen, daß wir blos unsere Mäntel, welche wir während dem [28] Marsch immer angehabt, ausziehen sollten und zogen wir denn, nachdem natürlich die Gewehre sowohl wie das Riemzeug wieder im besten Stande gesetzt war, in Gottes Nahmen um 11 Uhr hier ein. Vor dem Thore ließ der König auf dem ehemahligen Glacis der Vestung das ganze Corps en parade vorbeymarschieren.

Die Stadt ist, soviel wie ich bis jetzt gesehen habe, sehr altfränkisch gebaut, lauter enge Gassen, an denen 8-9 Stock hohe, thurmähnliche Giebelhäuser liegen. Die Straßen sind durch das gestern eingefallene Thauwetter so kothig geworden, daß man oft bis halb an die Knie im Wasser und Schnee waten muß. Die Vestungswerke der Stadt sind bekanntlich durch die Fr. gesprengt. Mein Quartier, welches auf der Reuschen Gasse nicht weit vom Saltz-Ring liegt, ist unter aller Critick. Eine ganz kleine Stube im 5. Stock mit einem für meinen Burschen bestimmten Cabinett, welches keinen Ofen hat und dessen einziger Ausgang durch meine Stube führt. Das Meublement entspricht dem übrigen; ein Tisch von Kiefernholz, ein dito kleiner [29] Schrank, wie die Bauern haben, 3 Stühle, ein sehr elendes Bett und ein handgroßer Spiegel, voila tout. Heute Mittag lud mich mein Wirth ein, in den grade gegenüber liegenden Gasthof »Zu den 3 Mohren« zum Essen zu gehen, wo er, wie er sagte, einen Platz an der table d‘ hôte für mich bezahlt hätte. Natürlich schlug ich es ihm ab und aß dafür bey Lyncker, welcher schon seit 10 Monat mit einem Commando von uns hier steht. Den Abend gingen wir in das Theater, welches sehr klein ist und nur ein Parterre, eine Reihe Logen und die Gallerie hat, auch ist es inwendig nur sehr elend ausgemahlt und der Eingang so schlecht und niedrig, daß man ganz gebückt hineingehen muß und nicht glauben sollte, in einen Tempel Thaliens, sondern in eine Bude, wo wilde Thiere gezeigt werden, zu gelangen, welches mich wirklich in eine so volkreiche Stadt Wunder nimmt. Die Truppe soll recht gut seyn und heute spielte ein Herr Devrient, welcher der Liebling des Publikums zu seyn scheint, nebst eine Madame Kühne, [30] recht gut, indessen kömmt doch alles nicht gegen das Berliner Schauspiel. Der König war mit dem ganzen Hof da, auch der Prinz August, der fr. Gesandte u. a. m.

Der 10te Breslau. Noch immer bin ich durch den entsetzlichen Koth verhindert worden, mich etwas in der Stadt umzusehen. Die Parol wurde heut früh im Hofe des königl. Schlosses ausgegeben, welches sehr klein und schlecht aussiehet. Heute sah ich auf dem Salzring folgendes besondere Aushängeschild: »Niederlage von allen Sorten von Galanterie- und Mode-Waren sowie auch aller Arten von Fisch-Delicatessen von N. N.« Neulich sah ich bey dem Durchmarsch durch ein Dorf, dessen Nahmen mir entfallen ist, am Eingang eine Tafel, auf welcher mit großen Buchstaben geschrieben stand: »Hier ist das Betteln bey 16 gr. Courant Strafe verbothen.« Heute Abend bin ich auf der sogenannten Schlesischen Provincial-Ressource gewesen, wo man die angesehensten Personen der Stadt versammelt findet. Der General Blücher war auch dort. Das Local ist sehr groß und recht gut eingerichtet. Ich habe auch [31] schon zur Aufnahme während meines Hierseyns gemeldet. Des Abends versammeln wir uns gewöhnlich nach Tische bey einem Conditor nahmens Redlich.

Der 11te Breslau. Die hiesige Garnison ist jetzt ziemlich stark. Sie besteht aus 6 Battaillone Garde, 2 Grenadierbattaillone, 11 Esquadronen Cavallerie und 63 Stück bespanntes Geschütz. Das ganze Corps, welches in der Gegend versammelt ist, besteht in 21.000 Mann. Das westpreußische Grenadirbattaillon, welches Eugen Bornstedt hat, ist, um uns Platz zu machen, nach Strehlen, 6 Meilen von hier, marschirt; Eugens Frau und Töchter aber sind hier, und ich werde, wenn ich nur irgend Zeit habe, ihnen heute Abend meine Aufwartung machen. Wir haben jetzt sehr viel zu thun, weil unsere Comp. alle auf 200 Grenadiere gesetzt werden und wir dieserhalb eine Menge neuer Leute bekommen haben. Der Obrist Kessel hat vorgestern, so wie er uns in die Stadt geführt hatte, das Commando dem Major Tippelskirch übergeben; sehr schmerzhaft war für uns alle der Abschied von diesem rechtschafnen Mann, dem das Regiment doch gewiss die gute Verfassung, in der es sich befindet, zu verdanken hat. 2 Capitains von uns, Carlowitz und Hohendorff, sind als Majors zu Cheffs vom Reservebattaillon [32] ernannt worden.

Obgleich hier alles noch nach schlechtem Gelde gerechnet wird, so ist es doch sehr theuer und ich wünsche recht sehr, daß wir nicht lange hier stehen bleiben, weil ich sonst nicht weiß, wie es mit den Geldern werden soll. Die Stadt an sich ist etwa so groß wie Potsdam aber wenigstens 1-1 ½ Mahl so hoch und zählt über 160.000 Einwohner. In vielen Häusern wohnen 104-108 Menschen; so z. B. wohnen in dem Hause, wo die Ressource ist, 86 Menschen und doch ist das ganze aus 14 Zimmern und 2 großen Säalen bestehende Local der Ressource von niemand bewohnt, noch darinn. Dies rührt von der großen Tiefe und den weiläuftigen Hintergebäude der Häuser her; die meisten haben nach der Straße zu nur 2, 3, bis 4 Fenster Front. Zur Verschönerung der Stadt trägt dies natürlich nicht bey.

Breslau, den 12. Soeben komme ich vom Ball auf der Ressource, der recht anständig war. Der König und viele der anständigsten Männer der Stadt befanden sich dort. Es war erstaunlich voll, allein ich bemerkte nur etwa 3 Damen, die hübsch zu nennen waren, eine eigentliche brillante Schönheit habe ich in ganz Schlesien noch nicht gesehen; überhaupt scheint dies Land an diesem Artikel etwas [33] Mangel zu leiden, und so viel ich bemerkt habe, leben die meisten der hiesigen Damen auf einem sehr großen Fuß. Frl. Bornstaedt habe ich heute Abend auch gesehen, und sie war nach meinem Geschmack die hübschte unter allen den Damen auf dem Ball. Ich erhielt heute Morgen eine sehr freundschaftliche Einladung von der Noesfelt, der ehemaligen Louise Miltitz, zum Thee auf heute, allein da ich zu viele Geschäfte hatte und doch auch den Ball nicht gern versäumen wollte, so ließ ich mich entschuldigen, werde aber gewiss, sobald ich einen Augenblick frey habe, hingehen. Ich habe heute die kleine Mondirungs-Commission des Reg. bekommen, welches ein erstaunlich mühsames und verwickeltes Geschäft ist, dazu kömmt noch, daß 35 neue Leute bey der Comp. bekommen haben, welche fast ganz roh sind und Vor- und Nachmittag exerzirt werden, so daß ich kaum Zeit zum Essen habe. Es sind in der Stadt gewiss 20 Klöster, welche aber bis auf 2 aufgehoben sind. In dem Augustiner-Kloster, wo unsre Montirungs-Vorräthe liegen, sieht es sehr weltlich jetzt aus; alles ist voll Soldaten, die Christus-Bilder sind mit [34] Gewehren und Patrontaschen, Montirungen u. s. w. behangen und auf dem Hochaltar probirten sich heut ein Paar Rekruten Stiefeln an. Ein alter Mann ist noch der einzige Bewohner desselben, aber auch dieser muß seine Zelle räume, da wir sehr viel Platz zur Aufbewahrung unserer Vorräthe brauchen. – Die Stimmung ist hier vortrefflich; eine Menge junger Leute aus allen Ständen, haben sich schon theils als Volontaire bey uns, theils zu den 3 Jäger Comp. gemeldet, welche bey unserm Reg. errichtet werden; die meisten bewaffnen und kleiden sich selbst. Eben so ist es auch bey den Garde du Corps.

Breslau, d. 13ten. Ich werde wahrscheinlich nun ein andres Quartier bekommen, da ich es in diesem nicht länger aushalten kann, indem ich 73 Stufen zu steigen habe und des Tages mehrere Mahl genöthigt bin, diese Reise zu machen. Heute habe ich einen kleinen Gang in die Stadt gemacht. Ich ging vor das Sand-Thor, wo ein Arm der Oder in dem ehemaligen Hauptgraben der Vestung strömt. Dicht am Thor ist das Vinzent-Kloster, ein ungeheuer großes [35] unregelmäßiges Gebäude, welches sich aber mit vielen Thürmen recht mahlerisch ausnimmt. Um dahin zu gelangen passirte ich den neuen Markt, einen sehr großen Platz, wo alle Morgen ein gewaltiger Verkehr mit Botten getrieben wird, die nach Pohlen und Russland gehen. Der ganze Platz, in dessen Mitte ein recht geschmackvoller Wasserbehälter steht, ist wenigstens ½ Fuß hoch mit Pferdemist bedeckt, welches aber nicht sehr gut aussieht. Ich war heute Nachmittag bey Nösfelt, allein es war niemand zu Hause. Morgen als am Sontag haben die beyden Grenadierbattaillone von uns Kirchen- und unsre große Parade vor dem König.

Breslau, d. 15ten. Gestern Morgen nach der Parade bin ich bey Nösfelt gewesen; die Louise freute sich sehr, wieder einmahl einen von uns zu sehen und ich habe ihr recht viel erzählt. Sie hat sich aber erstaunlich verändert und natürlich eben nicht zu ihrem Vortheil; der Mann scheint recht gebildet und verständig zu seyn. Den Abend bin ich bey Bornstaedt, welcher auf einige Tage von Strehlen hier her gekommen [36] war, zum Thee gewesen, außer mir war noch Dannenberg und Dassel, welcher jetzt Generaladjutant bey General Bülow ist, da. Dannenberg wird wahrscheinlich die Lottchen heirathen, wenigstens scheinen sie sich beyde sehr zugethan zu seyn. Heute bin ich bey einem Majore Axthausen gewesen, den ich in Frankfurt kennen gelernt habe; seine unlängst verstorbene Frau, war eine Nichte des Vetters in Kniephoff. Er hat eine Pflegetochter bey sich, welche in der Zeit, daß ich sie nicht gesehen, sehr hübsch geworden ist. Sie ist wirklich ein außerordentlich gebildetes und liebenswürdiges Mädchen und keine ganz schlechte Parthie, da sie die einzige Erbin des Majors ist, welcher sehr wohlhabend seyn soll. Es ist mir ganz außerordentlich angenehm, dieses Haus hier gefunden zu haben, welches ich gewiss recht fleißig besuchen will. Gestern bin ich auch aus meinem Quartire ausgezogen und wohne jetzt auf der Inecker Gasse, in eine recht gute Stube im ersten Stock, wo ich mich [37] denn wie im Himmel befinde. Die vortreffliche Stimmung, welche hier herrscht, läßt sich nicht genug beschreiben. Nicht allein daß alle junge Leute sich zu den freywilligen Jägern gemeldet haben, sondern es gehen sogar Professoren der Universität mit. Ein Professor Stepfens, welcher Frau und Kind hat, gehet als gemeiner Jäger und von zwey andern der eine als Feldarzt und der andre als Feldprediger mit. Abends 10 Uhr. Diese Nacht marschiren 3 Battaillone und 1 reitende Batterie nach Milschau [?], 6 Meilen von hier an der polnischen Gränze, um einem Corps Sachsen und Pohlen, 4.000 Mann stark, welches unter den Befehlen des General Reigner steht, nöthigenfalls mit Gewalt das Eindringen in Schlesien zu verwähren. Gott gebe, daß unser Battaillon mit dabey ist, denn ich möchte sehr gern mit diesen verdammten Sachsen und Pohlen einmahl zusammenkommen. Der Graf August errichtet ein Husarenregiment auf seinen Kosten und der Major Lützow, welcher bey Schill stand, wird Commandeur. Der Graf Biron von Curland formirt auf eigne Kosten [38] aus den Kriegsgefangnen Russen 3 Battaillone leichter Infanterie. Wie man sagt wird auch die Stadt Berlin ein Reg. Cavallerie errichten.

Breslau, d. 16te. Heute Abend kam der Rittmeister Knobloch und der Lt. Kray von den Brandburgischen Husaren auf die Ressource. Sie kamen mit 5 Off., 7 Unter