Thinking Environment - Marion Miketta - E-Book

Thinking Environment E-Book

Marion Miketta

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Beschreibung

Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selber handeln (Bettina von Arnim) Marion Miketta stellt in ihrem Buch das Prinzip des Thinking Environment vor: einer speziellen "Denk-Umgebung", basierend auf zehn Komponenten, mit deren Hilfe Menschen klar, kreativ und eigenständig denken können – unabhängig von Konventionen oder Rollenerwartungen. Überall dort, wo Menschen (allein oder in Gruppen) Entscheidungen treffen, Lösungen suchen oder Veränderungen anstoßen wollen, schafft diese spezielle Atmosphäre die idealen Voraussetzung dafür. Das Konzept des Thinking Environment stammt ursprünglich von der US-amerikanischen Kommunikationsexpertin Nancy Kline. Nach jahrelanger Beobachtung und Analyse der Coachingprozesse mit Führungskräften, Privatpersonen und Gruppen beschrieb sie Bedingungen für erfolgreiche Denkprozesse. Marion Miketta, eine Schülerin von Nancy Kline, entwickelt in ihrem Buch verständliche Konzepte für die pragmatische Umsetzung in Coaching und Beratung. Praxisnah und anhand vieler Fallbeispiele macht sie deutlich: Die Qualität des Denkens hängt weniger davon ab, wie gebildet jemand ist, sondern vielmehr davon, wie von dem Ausmaß, in dem er unterstützt wird, eigenständig zu denken.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Marion MikettaThinking Environment®Denkräume schaffen in Coaching und Beratung

Über dieses Buch

Es kommt anders, wenn man denkt … 

Immer mehr Coaches, Facilitators und Führungskräfte entdecken das Konzept des Thinking Environment für sich: eine spezielle „Denk-Umgebung“, basierend auf zehn Komponenten, mit deren Hilfe Menschen klar, kreativ und eigenständig denken können – unabhängig von Konventionen oder Rollenerwartungen. Überall dort, wo Menschen (allein oder in Gruppen) Entscheidungen treffen, Lösungen suchen oder Veränderungen anstoßen wollen, schafft dieser Ansatz die ideale Voraussetzung. 

Das Konzept des Thinking Environment stammt ursprünglich von der US-amerikanischen Kommunikationsexpertin Nancy Kline. Auf der Grundlage jahrelanger Beobachtung und Analyse der Coachingprozesse mit Führungskräften, Privatpersonen und Gruppen beschrieb sie Bedingungen für erfolgreiche Denkprozesse. Marion Miketta, Schülerin von Nancy Kline, entwickelt in ihrem Buch leicht zugängliche Konzepte für die pragmatische Umsetzung in Coaching und Beratung. Praxisnah und anhand vieler Fallbeispiele macht sie deutlich: Die Qualität des Denkens hängt weniger davon ab, wie gebildet jemand ist, sondern vielmehr von dem Ausmaß, in dem er unterstützt wird, eigenständig zu denken.

© Karoline Wolf

Marion Miketta lebt in Berlin und arbeitet als Time-To-Think-Coach, -Facilitator und -Ausbilderin. Die Qualität des tiefen Zuhörens hat sie durch den vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh erfahren. 

http://www.merckerundmiketta.dehttp://www.timetothink.com 

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2018

Coverfoto: © caracterdesign – istockphoto.com

Abbildungen Seite 12 und 144: © Anne Lehmann, http://annelehmann.de

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2018

ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-759-9

ISBN dieses E-Books: 978-3-95571-760-5 (EPUB), 978-3-95571-762-9 (PDF), 978-3-95571-761-2 (MOBI).

Für Julian & Luise

Vorwort

Die Zeit ist reif. Mehr als jemals zuvor sind die Menschen heute dazu aufgerufen, eigenständig zu denken. Wir müssen einander dabei helfen, dies zu tun. Und wir müssen die Menschen würdigen, die dies tun.

Eigenständig zu denken erfordert jedoch beachtlichen Mut. In dem Moment, in dem wir beginnen, für uns selbst zu denken, in dem wir die gewohnten Pfade verlassen, Fragen stellen, unheilvolle unwahre Annahmen, denen wir bisher Glauben geschenkt haben, entlarven, Licht ins Dunkel bringen – in diesem Moment ergreift uns auch ein Schauer. Er kann von allen Seiten kommen: von oben, wenn Vorgesetzte uns kritisieren, von der Seite, wenn unsere Freunde sich von uns abwenden; von vorne, wenn der Coach das Denken für uns übernimmt. Und manchmal auch von innen: Wurden wir als Kinder dafür bestraft, wenn wir selbstständig gedacht haben, erschaudern wir auch heute als Erwachsene wieder. Eigenständiges Denken ist so wichtig und zugleich so selten.

Sogar im Bereich des professionellen Coachings ist unabhängiges Denken rar. Das sollte nicht so sein. Coaching als die moderne Form der Unterstützung menschlicher Weiterentwicklung sollte einen Weg aufzeigen für dringend notwendige neuen Ideen, für unverbrauchte, gut realisierbare Systeme, beispiellos intelligente Führung und für Leben voller Bedeutung, voller Musik – kurzum: für eine Welt, die tatsächlich funktioniert. Und das will Coaching auch. Jeder Coach hat diese Intention. Aber dann geschieht etwas.

Die Routine übernimmt. Coaches scheitern unvermeidlich an derselben Einschätzung, der die meisten „Zuhör-Experten“ aufsitzen: Wir gehen davon aus zu helfen, indem wir reden. Wir meinen zu helfen, indem wir das Denken für unsere Klienten übernehmen. Wir glauben, wir müssten nur lange genug zuhören, um selbst mit einem cleveren Input aufwarten zu können. Wir formulieren unseren Input natürlich üblicherweise in Form einer strategischen Frage. Aber dennoch: Es ist und bleibt Input. Und fast immer ist dieser viel zu früh, und oft nicht mal notwendig. Was dabei auf der Strecke bleibt, das sind die noch nicht gedachten Gedanken unserer Klienten; auf diese Weise kann nichts Neues entstehen.

Aus meiner Sicht verstehen viele Coaches dieses Phänomen nicht in seiner ganzen Dimension. Sie haben noch keine Erfahrung gemacht mit der verborgenen Fähigkeit ihrer Klienten, selbst die ausgezeichnetsten Erkenntnisse zu generieren – weil diese Coaches die Bedingungen dafür nicht hergestellt haben. Die meisten Coaches haben auch selbst noch nicht ihre eigene aufkeimende Fähigkeit zu ganz unabhängigem und fabelhaft reichem Denken erfahren. Tatsächlich ist es aber diese Umgebung, die „einfach richtig ist für brillantes unabhängiges Denken“, die das Coaching völlig umkrempelt. Umkrempelt, weil eine Denkumgebung, ein Thinking Environment, mit einer beunruhigenden Prämisse beginnt: Wenn die Bedingungen richtig sind, wird der Klient fast immer besser denken können, als es der Coach für ihn hätte tun können. Und ich bin davon überzeugt, dass es die Aufgabe des Coaches ist, dieses hervorragende Denken im Klienten anzuregen. Seine Aufgabe ist nicht, dieses hervorragende Denken selbst zu generieren.

Diese Prämisse erschüttert uns bis ins Mark, aber sie befreit uns auch und macht uns zur begehrtesten Unterstützung für unsere Klienten. Sie verleiht uns einen unermesslichen Wert, denn wir haben die wichtigste Ressource unserer Klienten wiederhergestellt: das erstaunliche Vermögen ihres eigenen Geistes.

Coaches auf der ganzen Welt, die dieses Phänomen begreifen, gestalten sowohl ihre Profession neu als auch die Gesellschaft. Sie sorgen nicht nur für Ideen und Taten einzigartiger Qualität, sondern auch für zunehmend „hochwertigere“ Denker sowie eine Welt, die das Potenzial hat, aus menschlichem Leben ein Kunstwerk zu machen.

Marion Miketta ist solch ein Coach und solch eine Denkerin. Mit diesem Buch hat sie das Tor zur Welt des unabhängigen Denkens aufgestoßen. Sie zeigt uns, wie wir die fruchtbaren Bedingungen schaffen, unter denen Menschen für sich selbst denken können – mit Genauigkeit, Einfallsreichtum, Mut und Anmut. Und sie tut dies mit Fachwissen und Eloquenz.

Dieses Buch bestätigt mich in meinem Glauben daran, dass die Welt im Allgemeinen und die Welt des Coachings im Besonderen offen und bereit dafür ist, dieses fehlende Stück des Weges in Richtung auf unsere wunderbare Denkfähigkeit zu gehen. Wir alle wissen, dass dies längst überfällig ist.

Wie verheißungsvoll!

Oxfordshire, England, im Frühjahr 2018Nancy Kline

Einleitung

An einem sonnigen, aber kalten Tag Ende Januar stehen wir – eine Gruppe aus 13 Personen – auf dem Alexanderplatz in Berlin. Gemeinsam suchen wir nach Antworten auf die Frage, wie wir auf die zunehmende gesellschaftliche Spaltung reagieren und welchen Beitrag wir für mehr Verbundenheit leisten können. Wir halten Pappschilder in die Höhe, auf denen steht: „Was bewegt Sie? Ich höre zu.“ Die Kunst des Zuhörens „auf die Straße“ zu bringen und jedem vorurteilsfrei ein offenes Ohr zu schenken, erscheint uns lohnenswert. Und offenbar sind wir damit nicht alleine: „Is dit geil“, ruft uns eine Frau zu, „wenn ich damit anfange, dann höre ich gar nicht mehr auf!“ Allein die Vorstellung, dass ihr zugehört wird, bereitet ihr gute Laune. Andere bleiben stehen. Sie erzählen uns von gestiegenen Mietpreisen, ihrer Obdachlosigkeit, Diskriminierungserfahrungen als Roma oder auch der Sorge vor Überfremdung. Uns wird Wohlwollen und Neugier entgegengebracht. Der Wunsch, sich auszutauschen, einander zu begegnen und miteinander in Kontakt zu treten, ist deutlich spürbar.

Nur unsere Schilder und der Blickkontakt laden die Passanten ein, auf uns zuzukommen. Sie werden nicht aktiv von uns angesprochen. In keinem Fall unterbrechen wir sie oder drängen unsere eigenen Sichtweisen auf.

Das Ergebnis dieses Experimentes ist verblüffend: Nicht nur durch die Gespräche selbst, sondern schon allein durch unsere einladende Präsenz verändert sich die Atmosphäre. Es kommt uns vor, als würden wir mit unserer Haltung den Raum um uns herum gestalten. Als würden wir ein Gegengewicht bilden zu all dem „Senden“ der Werbeindustrie rings um uns herum: Wir sind auf „Empfangen“ eingestellt.

* * *

Das Thinking Environment basiert auf einer Beobachtung und einer sich daran anschließenden Frage: Die Qualität all dessen, was wir tun und entscheiden, ist abhängig von der Qualität des vorangegangenen Denkens. Was aber brauchen wir, um frei und eigenständig denken zu können?

Es ist die Kultur des aufmerksamen Zuhörens, die ein Umfeld schafft, in dem Menschen Zugang zu sich selbst und ihrem eigenen Denken bekommen können. Sie begegnen dabei nicht nur einem wohlwollenden, interessierten Gegenüber, sondern auch sich selbst: Eigene Gedanken und Gefühle, die weit über plakative Meinungen und vor sich her getragene Positionen hinausgehen, bekommen Raum und dürfen gezeigt, dürfen geäußert werden. Viele Menschen erleben das als wohltuend und erhellend.

Warum mehr Denkraum nötig ist

Leider bietet der Alltag erstaunlich wenige Gelegenheiten zum bewussten Nachdenken (und Zuhören). Ständig haben wir Wichtigeres zu tun. Immer häufiger stehen wir immer komplexeren Herausforderungen gegenüber. Der Druck wächst und wir reagieren darauf, indem wir mehrere Dinge gleichzeitig tun, um den Anforderungen gerecht werden zu können.

Die Aufmerksamkeit für das, was wir jeweils gerade tun, oder auch für die Person, mit der wir gerade interagieren, ist eingeschränkt. Zudem geraten wir leicht in einen Modus des Funktionierens: Jede freie Minute muss effektiv genutzt, To-do-Listen abgearbeitet, Nachrichten beantwortet werden. Muße und ruhige Momente des Nichtstuns erscheinen wie Zeitverschwendung und werden mit einem schlechten Gewissen quittiert.

Die Folgen davon sind u. a. das Gefühl von permanentem Getriebensein, eine Leere und die Sehnsucht nach mehr Sinn. Auch das Gespür für die eigenen Bedürfnisse, Klarheit über die eigenen Perspektiven oder auch das eigene Potenzial gehen verloren, solange alles darangesetzt wird, im System zu funktionieren. Die Qualität unseres Denkens ist beeinträchtigt: Die Weisheit, die aus freiem, eigenständigem Denken resultieren kann und jedem von uns eigentlich zur Verfügung stünde, wird nicht ausgeschöpft; die Kreativität leidet. Der Denkprozess ist blockiert oder die Gedanken drehen sich im Kreis. Viele Menschen bleiben unter ihren Möglichkeiten und leiden unter den äußeren Umständen, die ihnen nicht erlauben, ihre (gedankliche) Freiheit stärker auszuleben.

Wie das Thinking Environment helfen kann

Die Amerikanerin Nancy Kline befasst sich seit den 70er-Jahren mit der Frage, in welchem Umfeld wir Menschen am besten denken können – im Sinne von: klar, unabhängig, kreativ – und was genau passiert, wenn wir zu einer Einsicht gelangen. Sie hat herausgefunden, dass für die Qualität des Denkens das Verhalten anderer Menschen, die dabei sind, während wir denken, entscheidend ist. Paradoxerweise können Menschen nämlich v. a. dann gut eigenständig und unabhängig denken, wenn andere Interesse an ihnen zeigen, sie ermutigen und ohne Bewertung zuhören. Von den anderen hängt es also ab, wie gut wir denken können.

In zehn Komponenten beschreibt sie die Bedingungen für eine Denkumgebung, die mutiges, freies, einfallsreiches und eigenständiges Denken ermöglicht, und erläutert, wie wir diesen Raum bewusst kreieren können.

Das Thinking Environment ist weit mehr als ein Coaching-Ansatz oder ein Instrumentarium für die Gruppenarbeit. Es ist eine grundlegende Haltung, mit der Menschen einander begegnen – Einzelpersonen oder Gruppen – und die es erlaubt, dass jeder Einzelne mit sich selbst und seinem ureigenen Denken und Fühlen in Kontakt kommt. Eigene hinderliche Annahmen oder Glaubenssätze können erkannt und aufgelöst werden. Dadurch entstehen neue Freiheiten im Denken, die in praktisches Handeln umgesetzt werden, welches den Werten der denkenden Person entspricht und daher stimmig und wirkungsvoll ist.

Die Arbeit in einem Thinking Environment bewirkt eine „Aufrichtung“ der denkenden Person: Sich des eigenen Denkens zu ermächtigen ist ein Akt der Autonomie und führt zu Selbstrespekt, Selbstbestimmung, Souveränität und Würde.

In ihrer Arbeit wurde Nancy Kline durch andere Denker und Autoren inspiriert und beeinflusst, wie z. B. von Carl Rogers, George Fox, Peter Kline, Alice Miller, Humberto Maturana, Nassim Taleb und Margaret Heffernan. Besonders deutlich ist der Bezug zu Carl Rogers klientenzentrierter Gesprächspsychotherapie: Auch er beschreibt für den Erfolg einer Psychotherapie die Beziehung zwischen Klient und Therapeut, die von Wärme und Akzeptanz geprägt ist. Seiner Erfahrung nach haben Menschen eine grundsätzlich positive Entwicklungsausrichtung, sie sind prinzipiell konstruktiv, rational und sozial und selbst am besten in der Lage, ihre eigenen Probleme zu lösen. Es ist die bedingungslose Akzeptanz und Wertschätzung, die sie darin unterstützt, ihre eigenen Möglichkeiten zu entfalten.

Bei der Entwicklung des Ansatzes war es Nancy Kline aber ein Anliegen, v. a. ihre eigenen Beobachtungen und Erfahrungen damit zu beschreiben, unter welchen Bedingungen Menschen offensichtlich klar, kreativ und eigenständig denken können. (Wobei sie auch dadurch etwas mit Rogers gemein hat, der einmal formulierte: „Erfahrung ist für mich die höchste Autorität“ [Rogers 1976, S. 39]). Ihre Beobachtungen und Erfahrungen hat sie in praxisorientierte, leicht nachvollziehbare und handhabbare Methoden und konkrete Verhaltensweisen übersetzt. Manches daran mag vertraut erscheinen und auch sehr einfach. Aber: „The simple is not always easy!“ – Leicht verständlich zwar in der Theorie, aber die konkrete Umsetzung birgt einige Stolperfallen und erfordert Übung.

Was erwartet Sie in diesem Buch?

Nach einem einleitenden Blick auf die Fragen, was eigenständiges Denken hier meint und wofür wir ein Thinking Environment überhaupt brauchen, beschreibe ich im ersten Kapitel die Herkunft und die theoretische Grundlage des Ansatzes. Das Modell der zwei Denkwelten (die Welt des Denkens im Austausch und die Welt des unabhängigen Denkens) veranschaulicht in diesem Zusammenhang, inwiefern sich das Thinking Environment von üblichen Kommunikationsmustern unterscheidet. Sie bekommen einen Einblick, wie und in welchen verschiedenen Kontexten sich das Thinking Environment einsetzen lässt.

Das Zusammenwirken der zehn Bedingungen oder Komponenten, die eigenständiges Denken ermöglichen und die der zentrale Orientierungsrahmen für jegliche Arbeit mit diesem Ansatz sind, werden ausführlich im zweiten Kapitel beschrieben.

Das dritte Kapitel widmet sich der Wirkung, die ein Leben und Arbeiten mit dem Thinking Environment auf individueller sowie auf zwischenmenschlicher Ebene entfaltet. Ein Exkurs in die Hirnforschung erklärt neuropsychologisch, warum und wie die Denkumgebung wirkt.

Der zweite Teil des Buches widmet sich der praktischen Umsetzung des Thinking Environment mit Einzelpersonen und Gruppen. Ich stelle meine Erfahrungen anhand praktischer Beispiele vor und thematisiere dabei auch Widerstände, die auftreten können, sowie den Umgang damit.

Zunächst blicke ich im vierten Kapitel auf Einzelsitzungen und kläre, welche Anforderungen der Coach in diesem Ansatz zu erfüllen hat: Welche Haltung ist erforderlich, um anderen Menschen ein Thinking Environment zu sein? Inwiefern unterstützen Prinzipien der Achtsamkeit diese Arbeit?

Sie erfahren, wie ein Vorgespräch für eine Denksitzung aussehen könnte, und lernen den genauen Ablauf und die verschiedenen Arten von Sitzungszielen kennen.

Mehrere Beispiele illustrieren dabei den Prozess und die Wirkungsweise.

Im fünften Kapitel werden andere Einsatzmöglichkeiten des Thinking Environment in Zweierkontexten beschrieben wie die Supervision und das Mentoring.

Im zweiten Abschnitt des praktischen Teils gehe ich auf die Arbeit mit dem Thinking Environment in verschiedenen Gruppenkontexten ein: Wie wirkt sich die Denkumgebung auf die Zusammenarbeit und die Ergebnisse eines Teams oder einer Gruppe aus? Und welcher Art von Widerständen begegnet man in diesem Kontext?

Zentrales Augenmerk bezüglich der Arbeit in Gruppen lege ich dabei auf Meetings (sechstes Kapitel). Was ist erforderlich, um zu einer neuen Meetingkultur zu gelangen? Welche Rolle spielt dabei der sogenannte Facilitator? Wie wirkt es sich auf die einzelnen Personen, aber auch auf eine Organisationskultur aus, Meetings in einem Thinking Environment durchzuführen? Und welche Herausforderungen gilt es zu überwinden?

Im siebten Kapitel beschreibe ich weitere Möglichkeiten für die Anwendung des Thinking Environment in Gruppen und worauf jeweils zu achten ist. Wie hilft das Thinking Environment beispielsweise dabei, während Präsentationen das gemeinsame Denken aufrechtzuerhalten?

Im achten Kapitel werden schließlich das Selberdenken und tiefe Zuhören als Kompetenzen für eine Zukunft dargestellt, in der vieles unsicher ist und permanenter Disruption begegnet werden muss. Anhand von Beispielen und konkreten Übungen gebe ich Anregungen, wie Sie sich selbst dem eigenständigen Denken weiter annähern und eine Routine im Thinking Environment entwickeln können, um diese wertvolle Ressource zum selbstverständlichen Teil Ihres Alltags werden zu lassen.

Für wen ist dieses Buch?

Das Buch wendet sich an alle, die lernen möchten, anderen – und sich selbst – (noch) besser zuzuhören; die sich wahrhaftigere Begegnungen auf Augenhöhe jenseits funktionaler Hierarchien wünschen und die statt auf Gehorsamkeit auf Kooperation setzen; Menschen, die eigenständiges Denken eher als Bereicherung denn als Bedrohung erfahren und nicht nervös werden, wenn ihren eigenen Ansichten widersprochen wird.

Dieses Buch richtet sich an all jene Coaches und Facilitators, die ihren Klienten mit größtem Respekt, Anerkennung und Offenheit begegnen möchten; die es durch ehrliches Interesse und Vertrauen in die Intelligenz ihrer Kunden ermöglichen möchten, dass diese für sich selbst denken können.

Es richtet sich an Menschen, die als Vorbilder einen Einfluss auf andere ausüben, wie Führungskräfte, Lehrer und Eltern, und die Denkräume für Mitarbeiter, Schüler oder die eigenen Kinder eröffnen möchten.

Es möchte diejenigen ansprechen, die spüren, dass etwas in unserem Zusammenleben und -arbeiten, sei es in Organisationen, Institutionen oder Firmen, zu kurz kommt.

Wenn Sie wissen möchten, ob dieses Buch etwas für Sie ist, dann stellen Sie sich zuerst die folgenden Fragen:

Möchten Sie

wirklich,

dass andere für sich selbst und eigenständig denken? Auch wenn das bedeuten kann, Ihr über Jahre angeeignetes Wissen, von dem andere profitieren könnten, zunächst hintanzustellen?

Können Sie es aushalten, auch den für Sie nicht nachvollziehbaren oder scheinbar zusammenhanglosen Gedanken Ihres Gegenübers zu folgen?

Sind Sie bereit, sich auf Momente des Nichtwissens einzulassen und mit Anfängergeist zuzuhören? (Der Begriff Anfängergeist stammt aus dem Zen-Buddhismus und meint eine grundlegend offene Geisteshaltung.)

Haben Sie Vertrauen in die Fähigkeit Ihres Gegenübers, eigenständig zu denken?

Und vertrauen Sie selbst darauf, „genug zu sein“ und einen wichtigen Beitrag im Denkprozess der anderen Person zu leisten, indem Sie mitunter einfach schweigen, also eben

nicht

das Denken für sie übernehmen und unmittelbar Lösungen anbieten?

Erst dann, wenn Sie diese Fragen mit Ja beantworten können, lohnt es sich, im Sinne des Thinking Environment und im Sinne dieses Buches weiterzufragen: Und wie lassen sich andere Menschen darin unterstützen, frei und eigenständig zu denken?

Der Thinking-Environment-Ansatz wird stetig weiter verfeinert, angepasst und verändert – begleitet von der Bereitschaft, auch einmal falschzuliegen, und der Offenheit, neue und frische Impulse mit einzubeziehen. In diesem Sinne ist dieses Buch auch eine Einladung, den Ansatz zu hinterfragen, ihn mit- und weiterzudenken.

Die Wirksamkeit des Ansatzes, die sich in Form klarer Gedanken oder dem Gefühl tiefer Verbundenheit äußert, ist meines Erachtens nur erfahrbar, indem Sie das Thinking Environment selbst anwenden und so die Komplexität und Tiefe dieser Haltung in der Praxis erleben.

Wofür brauchen wir – gerade jetzt und hier – eigenständiges Denken überhaupt? (Und machen wir das nicht ohnehin?)

„Wir fahren doch ganz gut mit unserer bisherigen Art zu denken und zu kommunizieren. Wozu brauchen wir etwas anderes?“, wurde ich in einem Thinking-Environment-Workshop in einem großen Unternehmen gefragt.

Die meisten unserer Denkprozesse sind „in überwältigendem Maße diffus, ziellos, zerstreut, versprengt und unbeobachtet“ (Steiner 2006, S. 40). Wirkliche Originalität im Denken, ganz eigenständige Gedanken, sind äußerst selten. Das Thinking Environment beleuchtet diese Denkprozesse und holt sie ins Bewusstsein.

In einer Zeit immer komplexer werdender Herausforderungen, die immer enger getaktet auftreten, greifen althergebrachte Herangehens- und Denkweisen oft nicht mehr. Auch ist die Zeit der einsamen richtungsweisenden „Helden“ an der Spitze einer Organisation vorbei. Vernetztes Denken, flachere Hierarchien, laterale Führung und Selbstführung sind stattdessen gefragt.

Das Thinking Environment erfährt in diesen Tagen auch deswegen zunehmende Popularität, weil es diesem Paradigmenwechsel Rechnung trägt: Nach und nach wird immer deutlicher und sichtbarer, wie verwoben wir miteinander und wie abhängig wir voneinander sind. Der Zen-Meister Thich Nhat Hanh bezeichnet dies mit seiner Wortschöpfung „Intersein“ so treffend (1998). Das Vernachlässigen oder Ignorieren dieser Tatsache ist kurzsichtig und Ursache mannigfaltiger Krisen, denen wir heute gegenüberstehen.

Auf individueller Ebene (wenn Menschen z. B. auf der Suche nach ihrer eigenen Stimme sind und nach dem Ausdruck ihres Potenzials) und auch auf gesellschaftlicher Ebene ist das Trainieren des eigenständigen Denkens von Bedeutung: In Zeiten starker globaler Veränderungen und grenzenloser digitaler Vernetzung verbreiten sich populistische Meinungen und Falschmeldungen rasend schnell. Die Verführungskraft ist groß und die Gefahr, manipuliert zu werden, ebenso. „Anstrengungen, das Denken zu rationieren, es auf erlaubte, fest umrissene Kanäle zu begrenzen, bilden das Herzstück jeder Tyrannei. Anarchisches, spielerisches, verschwenderisches Denken ist das, was totalitäre Regime am meisten fürchten“ (Steiner 2006, S. 42). Die einzige Möglichkeit, sich gegen Bevormundung, Suggestion und Panikmache zu immunisieren, ist eigenständiges Denken. Nur ein ständiges Training, ein In-Kontakt-Treten mit der Frage: „Was denke und fühle ich dazu?“, unabhängig von den Erwartungen anderer, von Denkkonventionen und Tabus, führt dazu, sich selbst immer mehr zu vertrauen, authentisch zu artikulieren, um was es einem geht, und so nicht nur mündig(er), sondern auch frei zu werden.

Der Grundsatz „Kooperation statt Konkurrenz“ wird im Thinking Environment konkret umgesetzt, die Bedeutung des vernetzten Denkens und der kollektiven Intelligenz wurde erkannt und soll für ein besseres Miteinander stärker berücksichtigt werden.

Es gibt kaum Räume, wo Menschen dazu eingeladen und ermutigt werden, wirklich für sich selbst, frei und unabhängig, zu denken. Selbst in Schul- und universitären Einrichtungen gilt es, sich anzupassen und zu funktionieren. Daher haben wir unabhängiges Denken oft gar nicht gelernt.

Darin besteht die eigentliche Herausforderung: Sich das wirklich eigenständige Denken wieder anzueignen. Und die Lust und Freude an der eigenen Klugheit und den eigenen Möglichkeiten zu erfahren. Aus der Sicht der denkenden Person kann es sich nicht nur ungewohnt, sondern auch unbequem anfühlen, Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen. Es ist so vertraut, dass andere – vielleicht Personen mit mehr Expertise – den Ton angeben und das Denken für uns übernehmen. Eigenständiges Denken kann sich dann anfühlen, als würde man untrainierte Muskeln ungewohnt belasten.

Meine erste Begegnung mit dem Thinking Environment fühlte sich an, als erhielte ich Antworten auf viele Fragen, die mich die Jahre zuvor umgetrieben hatten und die ich mir und anderen gestellt hatte:

Wie können Menschen in Stille sein

und

sich gleichzeitig begegnen, miteinander lernen? (Und geht das überhaupt?)

Was bedeutet es, sich

wirklich

auf Augenhöhe zu begegnen (z. B. in der internationalen Zusammenarbeit), und was bedeutet „Augenhöhe“, wenn z. B. sehr unterschiedliches technisches Know-how oder andere Ressourcen zur Verfügung stehen?

Wie lässt sich mehr Achtsamkeit ins Coaching integrieren und was heißt in diesem Zusammenhang „tiefes Zuhören“?

Wie können introvertierte Menschen eine Stimme bekommen und hörbar und sichtbar werden?

Wie kann jeder Einzelne, wie kann eine Gesellschaft „mündiger“ werden?

Auch die These, dass wir anderen weniger durch ein Tun, sondern vielmehr durch ein Sein ermöglichen, dass sie über sich selbst hinauswachsen können, fasziniert mich bis heute. Das Thinking Environment postuliert nicht nur, dass jeder Mensch seine Probleme am besten selbst lösen kann, sondern es ist auch erstaunlich konsequent (man könnte auch sagen radikal) in der Schlussfolgerung: An keiner Stelle wird das Denken für andere übernommen. Stattdessen werden der Raum und die Bedingungen aufrechterhalten, die es ermöglichen, für sich selbst und eigenständig zu denken.

Das Thinking Environment gibt viele Anhaltspunkte, wie wir einander grundsätzlich so begegnen können, dass jeder Einzelne Würde und Freiheit erfährt. Menschen, die einander ein Thinking Environment anbieten, erleben ein waches, inspiriertes und lebendiges gemeinsames Miteinander ohne jeglichen Dogmatismus.

Je intensiver man aber in die Praxis des Thinking Environment einsteigt, umso sensibler wird man für das Ausmaß, in dem wir andere Menschen für uns denken lassen. Das fängt damit an, dass unser Gegenüber einen angefangenen Satz vollendet in der Annahme, schon zu wissen, worauf wir hinauswollen. Schildert jemand ein Problem oder eine Herausforderung, sind wir schnell darin, Hilfe anzubieten in Form von Lösungsvorschlägen, zielführenden Fragen, eigenen Erfahrungen oder auch Trost. Es scheint auf den ersten Blick nicht sehr unterstützend zu sein, stattdessen „Was noch?“ zu fragen, wie es im Thinking Environment gehandhabt wird. Dafür aber steht dieser Ansatz: der Intelligenz des Gegenübers und dessen Kompetenz, die eigenen Fragestellungen selbst zu durchdenken, zu vertrauen. Und die eigene Perspektive – wenn überhaupt – erst dann anzubieten, wenn die andere Person danach fragt.

Und dies gilt auch für unsere Selbstermächtigung: Wer könnte besser Entscheidungen für mein Leben treffen als ich selbst? Wer könnte besser wissen, was für mich richtig ist, als ich selbst? Aufwachen – Licht an! Herrlich!

Was meint „Denken“ in einem Thinking Environment?

Es wurde hier bereits viel über eigenständiges Denken gesprochen. Die Art des Denkens, die im Thinking Environment gemeint ist, ist eine ganzheitliche und schließt explizit das Fühlen und den ganzen Körper mit ein. Es geht nicht allein um ein rein rationales Erforschen, sondern auch darum, welche zentrale Rolle Emotionen in unserem Denken spielen und wie sie sich auf Entscheidungen auswirken. Daher lädt das Thinking Environment dazu ein, auch die tieferen, unbekannteren und leiseren Bereiche des Selbst zu erkunden und über das Bekannte und Vertraute, Sichere, rein Kognitive hinauszudenken, nach innen zu spüren und zu lauschen.

Gefühle – eine der zehn Komponenten eines Thinking Environment – sollen nicht nur zugelassen werden und ihren Raum bekommen, ihre Wahrnehmung ist oft sogar Voraussetzung für kreatives, umfassendes und wirkungsvolles Denken. Sie sind eine Quelle, der Zugang zu tieferem Wissen.

Eigenständiges Denken bedeutet, unbeeinflusst denken und auf eigene Erfahrungen, Gefühle und die eigene Kreativität zugreifen zu können – ohne von außen gesteuert zu werden oder sich steuern zu lassen, etwa durch Meinungen oder Ansichten anderer. Das kann auch durch (im Wortsinne) „richtungsweisende“ Fragen anderer geschehen, die das Denken auf einen von außen bestimmten Fokus lenken und damit in den individuellen Denkprozess eingreifen. Eigenständig und für uns selbst zu denken bedeutet, die Aufmerksamkeit auf uns selbst zu lenken. Das Thinking Environment spricht jedem Menschen diese Fähigkeit zu – sofern die zehn Bedingungen gegeben sind, die ich im Folgenden genauer erläutern werde.

Die Aufgabe des Gegenübers (des Coaches, Mentors, Teamleiters etc.) besteht somit darin, den Coachee / den Mentee / das Teammitglied mit sich selbst in Kontakt zu bringen und dazu beizutragen, dass ein Feld zwischen den Anwesenden entsteht, die Denkumgebung.

Einige Hinweise in eigener Sache

An dieser Stelle möchte ich noch Begrifflichkeiten klären, die in diesem Buch häufig verwendet werden:

Ursprünglich hat Nancy Kline das Thinking Environment ganz allgemein für die Arbeit in Zweierkonstellationen entwickelt. Wie können sich zwei Personen gegenseitig die besten Bedingungen schaffen, unter denen sie frei und eigenständig denken können? Diese zwei Personen gehen eine Denkpartnerschaft (Thinking Partnership) ein. Ich verwende hier den Begriff Denkpartner und meine damit Personen, die – nicht notwendigerweise mit jahrelanger professioneller Ausbildung – anderen auf eine Art und Weise zuhören, wie sie hier beschrieben wird, die anderen also ein Thinking Environment zur Verfügung stellen. In der ebenbürtigen Denkpartnerschaft nimmt immer eine Person die Rolle des Denkpartners oder des Zuhörers ein und die andere die des Denkers oder der denkenden Person. Die Rollen sind dabei austauschbar.

Erst über die Jahre hinweg hat Nancy Kline daraus ein Konzept für Coaching und weitere Zweiersituationen sowie auch für Gruppen entwickelt.

Als Coach bezeichne ich hier jemanden, der sich vertieft in diesen Ansatz eingearbeitet hat und der andere Personen professionell durch einen Denkprozess begleitet. Sein Gegenüber ist der Coachee – oder eben die „denkende Person“ oder der „Denker“.

Die Begrifflichkeiten spiegeln sich auch in der formalen Ausbildung wider (siehe hier), die durch Time To Think Ltd. angeboten wird: Der Grundkurs für die Arbeit in Zweierkonstellationen ist der Thinking-Partnership-Kurs, in dem man lernt, Denkpartner zu werden und Denksitzungen (Thinking Partnership Session®) durchzuführen. Ihm schließt sich eine Coaching-Ausbildung zum Time-To-Think-Coach an, die den Ansatz für die professionelle Anwendung weiterführt.

Nancy Kline ist die Begründerin der Time To Think Ltd. in England, über die sie das Thinking Environment bekannt macht und Ausbildungskurse anbietet. Bei ihr habe ich diesen Ansatz kennengelernt. Von ihr habe ich nicht nur die konkrete Umsetzung und die Methoden gelernt, sondern ich habe auch erfahren, wie sie als Person – sehr eindrucksvoll – ein Thinking Environment verkörpern kann.

In großer Wertschätzung und Dankbarkeit für Nancy Kline und allem, was ich von ihr gelernt habe, möchte ich in diesem Buch primär meine Perspektive darauf beschreiben, wie ich diesen Ansatz umsetze und mit anderen Aspekten (wie Achtsamkeit) kombiniere. Es handelt sich also hier um meine Interpretation und um mein Verständnis: Anhand meiner eigenen praktischen Erfahrungen möchte ich die Wirkweise verdeutlichen und einen niedrigschwelligen Zugang zum unmittelbaren Ausprobieren und Erproben ermöglichen.

Sprache ist dabei essenziell. Die spezifische (ursprünglich englische) Formulierung einzelner Fragen, die in der Arbeit mit dem Thinking Environment eine Rolle spielen, wurde über Jahrzehnte weiterentwickelt und angepasst. Leider lassen sich diese Fragen nicht immer wortwörtlich ins Deutsche übersetzen, ohne dabei an Musik und impliziten Konnotationen zu verlieren. Dieses Buch ist somit auch ein Versuch, das Konzept des Thinking Environment kulturell zu übersetzen, sodass es im deutschsprachigen Raum aufgenommen werden kann. Die hier vorgestellten Übersetzungen der Fragen sind daher die bisher bestmögliche Annäherung.

Wissend, dass durch Sprache auch Wirklichkeiten konstruiert werden, bedauere ich, dass es in der deutschen Sprache keine geschlechterneutrale Schreibweise gibt, die ich für gut lesbar halte. Ich habe mich daher (mit etwas Unbehagen) auf die männliche Schreibweise reduziert oder neutrale Formen verwendet, wenn es möglich war. Gemeint sind natürlich immer beide Geschlechter.

TEIL I: THINKING ENVIRONMENT IN DER THEORIE

1. Was ist das Thinking Environment?

„Perhaps the most important thing we bring to another person is the silence in us. Not the sort of silence that is filled with unspoken criticism or hard withdrawal; the sort of silence that is a place of refuge, of rest, of acceptance of someone as they are. We are all hungry for this other silence. It is hard to find. In its presence we can remember something beyond the moment, a strength on which to build a life. Silence is a place of great power and healing.”

(Rachel Naomi Remen)

Was benötigen Menschen, damit ihr Denken zu neuen und kreativen Ergebnissen führt? Welche Art der Führung und Kommunikation unterstützt diese Denkprozesse – im beruflichen Rahmen, im Coaching oder Mentoring? Wie sollten beispielsweise Meetings gestaltet sein, in denen die Teilnehmenden gemeinsam und „frisch“ denken können und so effektiv nachhaltige Ergebnisse erarbeiten, statt gelangweilt die Zeit abzusitzen?

Die US-amerikanische Buchautorin Nancy Kline (Time to Think: Zehn einfache Regeln für eigenständiges Denken und gelungene Kommunikation, 2016) beschäftigt sich mit genau diesen Fragen. Sie konnte beobachten, dass die Qualität des Denkens weniger von unserem Bildungsstand oder unseren Erfahrungen abhängig ist, sondern vielmehr davon, wie sich andere Menschen uns gegenüber verhalten, während wir denken.

Zudem ist uns oftmals gar nicht bewusst, wir sehr wir in begrenzten (und begrenzenden) Denkmustern feststecken. Hinter dem Aufrechterhalten dieser Annahmen steht oft der Wunsch, sich sozial konform zu verhalten. Halten wir an solchen vermeintlichen Gewissheiten fest, kann jedoch nichts Neues entstehen.

Das von Nancy Kline entwickelte Thinking Environment beschreibt, welche Bedingungen das eigenständige Denken fördern und welche Sequenz an Fragen einen Durchbruch im Denken initiieren und begleiten können.

1.1 Das Modell der zwei Denkwelten

Nancy Kline hat zur Veranschaulichung ihres Ansatzes das Modell der zwei Denkwelten entwickelt (unveröffentlichtes Manuskript 2013). Sie unterscheidet dabei zwischen

der Welt des Denkens im Austausch („World of Exchange Thinking“) und

der Welt des unabhängigen Denkens („World of Independent Thinking“).

Die Welt des Denkens im Austausch

Die meiste Zeit bewegen wir uns in der Welt des Denkens im Austausch. Sie ist uns vertraut, weil wir darin sozialisiert wurden und weil sie uns im Arbeitskontext, in der Schule und auch in privaten Beziehungen begegnet. Ausgetauscht werden hier Informationen oder Positionen, oder es werden Ratschläge erteilt. Auch subjektive Vorstellungen oder Ansichten werden manchmal als neutrale Information dargestellt.

Im täglichen Umgang miteinander lässt sich beobachten, wie tief verankert das „Denken für andere“ ist. Schildert jemand eine Herausforderung oder ein Problem, liegt es nahe, über Lösungsvorschläge für ihn oder sie nachzudenken und diese zu teilen.

Das Bildungssystem, wie wir es kennen, belohnt dafür, Antworten zu geben, und sanktioniert ggf. auch das Gegenteil. Der Zweck des Zuhörens besteht daher hauptsächlich darin, uns zügig eine Meinung zu bilden, zu antworten oder reagieren zu können. Die Antworten machen wir uns zu eigen und identifizieren uns damit.

Meistens ist dieser Austausch von vielen schnellen Interaktionen gekennzeichnet und die Beteiligten erleben ein Gefühl der Zeitknappheit. (Wie geläufig es ist, die Zeit anderer nicht übermäßig in Anspruch nehmen zu wollen, zeigt sich daran, wie häufig Wörtchen wie „kurz“ oder „schnell“ in Konversationen fallen: „Kann ich kurz was dazu sagen?“ oder „Ich will nur ganz schnell …“) In der Welt des Austauschs möchte man eigene Positionen durchsetzen und deswegen auch zu Wort kommen. Begegnen sich Menschen auf diese Weise, hören sie einander nur durch den „Schutzschild ihrer eigenen Gedanken“ (Bohm 2005, S. 28), die dann verteidigt werden müssen.

Introvertierte haben hier schlechte Karten, weil sie zögerlicher sind mit dem Einbringen eigener Beiträge. So bleiben ihre Ideen, ihre Gedanken nicht selten unausgesprochen und somit ungehört. Die gefühlte Zeitknappheit lädt auch dazu ein, Sätze von anderen zu beenden und damit lange Erklärungen oder ausschweifende Gedankengänge abzukürzen: „Ich weiß, was du sagen willst / worauf du hinauswillst.“ So kommt es, dass eine sprechende Person im Durchschnitt nach 20 Sekunden von anderen unterbrochen wird (McCarthy 2014).

Hinzu kommen heutzutage vermehrt die Unterbrechungen durch alle möglichen Signaltöne. Das Smartphone, das zwischen sprechenden Personen auf dem Tisch liegt, „darf“ jederzeit unterbrechen. Möglicherweise ist der Anruf ja wichtiger als das gerade stattfindende Gespräch.

Durch die virtuelle Kommunikation über SMS oder WhatsApp verkürzen wir den Denkprozess und beschränken uns auf wenige Zeichen. Diese Art der Kommunikation ersetzt mehr und mehr das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Wenn es um den puren Austausch von Informationen geht, mag so Zeit gespart und effektiver kommuniziert werden. Oft aber geht dabei die Tiefe der Aussagen und auch der zwischenmenschlichen Beziehung verloren. Die Qualität des Denkens kann gar nicht erst entfaltet werden. Wir hören uns selbst nicht mehr zu und nehmen uns weniger wahr. Die Konversationen werden zwangsläufig oberflächlicher und die Empathiefähigkeit nimmt ab. Und dennoch: Quantitativ scheint die virtuelle Kommunikation die „Gesprächsform“ der Zukunft zu sein.

Wenn unsere Denkspannen derart verkürzt sind, stellt sich die Frage, wie weit wir innerhalb dieser kurzen Zeit mit unserem Denken überhaupt kommen können. Inwiefern ist kreatives, freies Denken bis zur nächsten Unterbrechung oder in 140 Zeichen überhaupt möglich? Zumal wir uns ja nicht von der ersten Sekunde an auf neue Denkwege begeben, sondern erst einmal vertraute Pfade mit uns bekannten Denkmustern einschlagen, um aus diesen dann Neues zu entwickeln.

Aber diese Art des Austausches ist uns zutiefst vertraut. Nicht nur im Alltag und in privaten Kontexten kommunizieren wir so. Auch bei der Entwicklung neuer Ideen in Meetings und sogar im Coaching sind wir diesem Denkmuster verhaftet oder greifen schnell wieder darauf zu.

Dass Probleme jedoch niemals mit derselben Denkweise gelöst werden können, durch die sie entstanden sind, wusste bereits Einstein. Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass uns diese Denkweise nicht bewusst ist. „Das Denken tut etwas und sagt dann (…), daß es gar nichts getan hat“ (Bohm 2005, S. 63).

Das erinnert an den Betrunkenen, der nachts im Dunkeln seinen Haustürschlüssel verloren hat und nur im Licht der Straßenlaterne danach sucht, weil er nur dort etwas sehen kann. Sein Radius und seine Chancen, fündig zu werden, sind beschränkt. Vielleicht findet er dort seinen Schlüssel. Vielleicht aber auch nicht.

Aus dem Radius dieses Lichtkegels, aus dieser vertrauten Umgebung herauszutreten, bedeutet auch, sich ins Ungewisse, Unsichere und vielleicht auch Experimentelle zu begeben. So kann es sich anfühlen, wenn man die Welt des unabhängigen Denkens betritt, die das Thinking Environment beschreibt.

Die Welt des unabhängigen Denkens