Tierliebe - Pascal Eitler - E-Book

Tierliebe E-Book

Pascal Eitler

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Beschreibung

Die dritte Ausgabe von Tierstudien widmet sich dem Thema Tierliebe. Es wird gezeigt, wie sich verschiedene Formen von Tierliebe äußern und welche Rituale, Texte, Bilder oder Kunstwerke Fragen zur Liebe zu Tieren, zur Liebe von Tieren oder zur Liebe zwischen Tieren stellen oder beantworten.

Die Autor/innen beobachten dabei die historischen, kulturellen, psychologischen, biologischen, juristischen, politischen oder philosophischen Folgen unterschiedlicher Konzepte von Tierliebe. Sie beschäftigen sich u. a. mit Tierliebe als sozialem Dispositiv bzw. mit Emotionalisierungsprozessen seit dem 19. Jahrhundert in Mensch-Tier-Verhältnissen. Es werden literarische Dokumente von Tierliebe im Mittelalter vorgestellt, das Konzept der Mutterliebe als instinkthafter, quasi animalischer Trieb diskutiert, Repräsentationen von Artengrenzen überschreitender Sexualität in der Bildenden Kunst analysiert sowie frühneuzeitliche Gerichtsverfahren wegen Sodomie reflektiert. Ein Text erkundet Möglichkeiten und Grenzen speziesüberschreitender Emotionalität zwischen Pferden und Menschen, ein anderer widmet sich fotografischen Aufnahmen, in denen sich Tierliebe auf überraschende Weise manifestiert, ein weiterer beleuchtet die Soziologie von Tierliebe als Verarbeitungsstrategie von Gewalt im Schlachthof.

In einem künstlerischen Beitrag wird die Möglichkeit tierlicher Homosexualität befragt, in einem anderen die schon sprichwörtliche Schwärmerei junger Mädchen für Pferde ausgestellt.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Tierstudien 03/2013

Tierliebe

Tierstudien

03/2013

Tierliebe

Herausgegeben von Jessica Ullrich und Friedrich Weltzien

Neofelis Verlag

Tierstudien

03/2013: Tierliebe

Hrsg. v. Jessica Ullrich / Friedrich Weltzien

Wissenschaftlicher Beirat

Petra Lange-Berndt (London), Roland Borgards (Würzburg),

Dorothee Brantz (Berlin), Thomas Macho (Berlin), Sabine Nessel (Berlin),

Martin Ullrich (Nürnberg), Markus Wild (Fribourg).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2013 Neofelis Verlag UG (haftungsbeschränkt), Berlin

www.neofelis-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Marija Skara

E-Book-Format: epub, Version 2.0

ISSN: 2193-8504

ISBN: 978-3-943414-23-3

Erscheinungsweise: zweimal jährlich

Jahresabonnement E-Journal 18 €, Einzelheft 11 €

Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder direkt beim Neofelis Verlag unter:

[email protected]

Ein Abonnement verlängert sich automatisch um ein Jahr, wenn die Kündigung nicht mindestens drei Monate vor Ende des Kalenderjahrs erfolgt ist.

Inhalt

Editorial

Große Emotionen

Gabriela Kompatscher-Gufler

„… nicht, um es zu töten, sondern um es zu streicheln.“ (Herbert von Clairvaux, 12. Jh.):

Literarische Dokumente der Tierliebe im Mittelalter

Marion Thomas

Sind Frauen von Natur aus aufopfernd?

Über den animalischen Mutterinstinkt im Frankreich der Dritten Republik

Pascal Eitler

Tierliebe und Menschenführung.

Eine genealogische Perspektive auf das 19. und 20. Jahrhundert

Gegen die Natur

Jose Cáceres Mardones

Böse Gedanken, teuflischer Mutwillen und Liebe.

Ehepaare und Tiere in Gerichtsverfahren gegen Bestialität

Massimo Perinelli

Die Lust auf das Tier.

Zoophilie, Film und der zoophobe Reflex

Anna Vrublevska

Tierliebe bei Oleg Kulik.

Zwischen Sexualität und Humanität

Unerwartete Formen der Tierliebe

Katrin Joost

Übersehene Spuren.

Der philosophisch paradoxe Begriff der Tierliebe als photographisch verstanden

Marcel Sebastian

Tierliebe im Schlachthof?

Das Interesse am Wohl der Tiere als Verarbeitungsstrategie von Gewalt im Schlachthof

Marion Mangelsdorf

,Liebesgeflüster‘ zwischen Menschen und Pferden?

Möglichkeiten und Grenzen speziesüberschreitender Emotionalität

Künstlerische Positionen

Ines Lechleitner

Fotografien aus dem Projekt H like Horses (2012)

Marion Porten

Wunderwelt Verhaltensforschung

2001–2003, multimediale Skulptur

Alexandra Vogt

Fotografien 2006–2009

Rezensionen

André Krebber

Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies (Hg.): Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen, 2012

Sulgi Lie

Sabine Nessel / Winfried Pauleit / Christine Rüffert / Alfred Tews / Karl-Heinz Schmidt (Hrsg): Der Film und das Tier. Klassifizierungen, Cinephilien und Philosophien des Filmtiers, 2012

Susanne Karr

Anat Pick: Creaturely Poetics. Animality and Vulnerability in Literature and Film, 2011

Alexandra Böhm

Kari Weil: Thinking Animals. Why Animal Studies Now?, 2012

Abbildungsnachweise

Call for Papers: Tiere und Tod

Weitere Titel im Neofelis Verlag

Editorial

Tierliebe scheint ein klarer und unverfänglicher Terminus zu sein. Nichts spricht dagegen, tierlieb zu sein. Und der Vorwurf, es nicht zu sein, kann leicht als Argument der Ausgrenzung aus sozialen Gefügen benutzt werden.

Beschäftigt man sich aber aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit den Spielarten des tatsächlichen Phänomens „Tierliebe“, eröffnen sich mitunter Abgründe. Der moralische Anspruch, Tiere nicht unnötig zu quälen, erweist sich als ziemlich kompliziert. Allein die Definition von „unnötig“ kann zu unversöhnlichen Frontenstellungen führen. Und die Frage, was Liebe sei, ist schon kaum zu beantworten, wenn man sie für einen Modus zwischenmenschlicher Beziehung hält. Was also könnte Liebe dann bedeuten, wenn sie die Grenze zwischen den Spezies überspringt?

Die Beiträge in diesem Band von Tierstudien stellen sich dieser Herausforderung von ganz unterschiedlichen Ausgangspunkten aus. Die Eröffnung macht ein historischer Blick von Gabriela Kompatscher-Gufler ins abendländische Mittelalter, der mit dem Vorurteil aufräumt, der Anspruch, „human“ mit Tieren umgehen zu sollen, sei eine Errungenschaft der Aufklärungszeit. Marion Thomas macht deutlich, wie sehr Konzepte von Liebe geschichtlich bedingt sind. Vermeintlich natürliche Verhaltensformen, wie die der Mutterliebe, erweisen sich in ihrer Analyse als interessegeleitete Konstruktionen. Den dritten Aufsatz zur Historizität von Tierliebe steuert Pascal Eitler bei, der die Tierliebe in eine moderne Geschichte der Gefühle einbettet. In diesen Beiträgen der ersten Abteilung geht es in der Tat um große Gefühle, deren Verständnis auch unser aller Verhalten nach wie vor regiert.

Der folgende Dreipass von Aufsätzen kreist hingegen eher um juristische Problemfälle. Jose Cáceres Mardones rollt Gerichtsakten aus dem barocken Zürich auf, um sich zu fragen, ob bei sodomitischen Handlungen im Kuhstall Begriffe von Liebe berührt sind. Eher aktuelle Konzeptionen von tierlicher Würde versus Sittenwidrigkeit im menschlichen Verhalten in der jüngsten Gesetzgebung klopft Massimo Perinelli ab. Die künstlerische Aneignung der sexuellen Vereinigung von Mensch und Tier ist hingegen Thema bei Anna Vrublevskas Darstellung des russischen Performancekünstlers Oleg Kulik. Liebe ist in diesem Abschnitt ganz körperlich verstanden, was das Problemfeld eröffnet, ob es eine naturgemäße (und demzufolge auch eine naturwidrige) Form von sinnlicher Liebe gibt.

Der dritte Abschnitt umfasst wiederum drei Texte, die eine ganz andere Form der Nähe zwischen Mensch und Tier untersuchen. Aus einem philosophischen Diskurs des Blicks heraus lassen sich Fotografien nach dem Verständnis von Katrin Joost als Zeugnisse der Tierliebe lesen, und wenn diese auch Hundekot zeigen. Die eigentümliche Paradoxie der Argumentation von Schlachthofmitarbeitern, die sich im industriellen Tötungsbetrieb als tierlieb wahrnehmen können, zeigt Marcel Sebastian überzeugend auf. Marion Mangelsdorf schließlich schildert die Beziehung zwischen Mensch und Reitpferd als eine Gefühlsbindung, die mit dem Begriff der Liebe adäquat benannt werden kann. Ob es sich bei Haustieren nicht letztlich auch um eine Art „emotionale Nutztiere“ handelt, ob nicht unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen gar ähnlichen Mechaniken unterworfen sind, das mag eine berechtigte Frage sein.

Die künstlerischen Beiträge von Ines Lechleitner, Marion Porten und Alexandra Vogt nehmen auf verschiedene Aspekte der Tierliebe Bezug, die auch in den Textbeiträgen auftauchen. Wenn Homosexualität bei Tieren nachweisbar ist, wie weit her ist es dann mit der angeblichen Natürlichkeit von Liebe als einem Garanten der Fortpflanzung und dem Arterhalt? Oder sind vielleicht die Beobachtungen von gleichgeschlechtlicher Liebe durch Verhaltensforschung selbst nur ein Resultat bestimmter diskursabhängiger Konstrukte? Die Naturwissenschaften jedenfalls bieten auf der Suche nach der Tierliebe nichts weniger als objektive Aussagen – das stellt Marion Porten in ihrer Installation kritisch fest.

Die Fotoserie von Alexandra Vogt folgt eher einem phänomenologischen als einem kritischen Pfad. Sie beobachtet – ebenso wie Ines Lechleitner in ihren Fotografien – Spiele zwischen Menschen und Pferden. Alexandra Vogt aber benutzt Verkleidungen und vorgeblendete Bilder, um spürbar zu machen, dass es doch eine Unmittelbarkeit des Erlebens gibt, die vielleicht nicht zum Eigentlichen, zur Tierliebe an sich vorzudringen vermag (noch nicht einmal behauptet, es gäbe tatsächlich so etwas). Aber dieses Erleben selbst ist als ephemeres Empfinden real und erzeugt eine Gestalt der Schönheit.

Was hat es also nun auf sich mit der Tierliebe? Ist es uns gelungen, ein großes Rätsel zu entschlüsseln, einen Mythos zu entschleiern? Wohl kaum. Aber es hat sich gezeigt, dass Liebe kein Phänomen ist, das sich beschreiben lässt, indem man nur auf zwischenmenschliche Beziehungen blickt. Vielleicht ist es das Problem eines Wortes: Liebe. Vielleicht ist es ein menschliches Problem, weil wir Menschen so unterschiedliche und divergente Tatsachen mit diesem Wort zu fassen suchen, die letztlich alle lebendigen Wesen miteinander teilen und die uns alle miteinander verbinden.

Jessica Ullrich / Friedrich Weltzien

Große Emotionen

„… nicht, um es zu töten, sondern um es zu streicheln.“ (Herbert von Clairvaux, 12. Jh.)

Literarische Dokumente der Tierliebe im Mittelalter1

Gabriela Kompatscher-Gufler

Einleitung

Das Zitat im Titel entstammt einer Heiligenerzählung aus dem 12. Jh. (Liber miraculorum)2: Ein Eremit erzählt, wie er einmal in seiner Einöde den Wunsch verspürt habe, ein Häschen mit seinen Händen zu packen, aber: nicht um es zu töten, sondern um es zu streicheln. Für mich war diese Textstelle sehr überraschend: Im Mittelalter gab es also offensichtlich schon das Bedürfnis, Tiere zu streicheln, so wie wir es auch kennen.

Doch auch Belege für die Abstraktion und Verdichtung dieser instinktiv interessierten Haltung gegenüber nichtmenschlichen Tieren zu ethischen Überlegungen sind erhalten, wie etwa folgende Ansicht, die von Professoren der Universität Paris im 13. Jh. vertreten und gelehrt worden sein soll und später als Irrlehre verurteilt wurde: „Quod lex naturalis prohibet interfectionem animalium irrationalium sicut rationalium, licet non tantum.“ („Dass das natürliche Gesetz es ebenso verbietet, Tiere zu töten, wie Menschen, wenn auch nicht mit gleicher Strenge.“)3

Dieser Satz war ein Anreiz, nach weiteren Autoren und Texten zu suchen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Tier in Antike und Mittelalter beleuchten oder sogar konkret thematisieren. Und die waren auch zu finden: Aristoteles (4. Jh. v. Chr.), Theophrast (4. / 3. Jh.), Plutarch (gest. um 125 n. Chr.), Porphyrius (3. / 4. Jh.), Varro, Lukrez (beide 1. Jh. v. Chr.), Ovid (gest. um 17 n. Chr.), Martial (gest. ca. 104 n. Chr., Columella (1. Jh. n. Chr.), Seneca d. J. (gest. 65 n. Chr.), Plinius d. Ä. (gest. 79 n. Chr.), Albertus Magnus (13. Jh.), Thomas v. Aquin (13. Jh.), um nur einige wenige zu nennen. Sie alle haben sich mit dem fremden Gegenüber befasst, naturwissenschaftlich, literarisch, religiös, moralisierend oder philosophisch.

Antike

Bereits in der Antike gab es die Einstellung, die Welt und somit auch die Tiere seien für den Menschen geschaffen; es herrschte also ein anthropozentrisches Weltbild, das schließlich auch von der stoischen Philosophie übernommen wurde und von dort ins Christentum gelangte. Die Menschen hätten keine moralische Verpflichtung den Tieren gegenüber, Tiere hätten auch keine Vernunft.

Daneben gab es aber auch philosophische und religiös motivierte Gegenströmungen, die Tiermord verurteilten.4 Theophrast (gest. 287 v. Chr.) z. B. übte Kritik an religiösen Tier-Opfern, er sagt, es bestehe eine Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier – ein Argument, das mittlerweile wissenschaftlich fundiert wieder im Rennen ist.

Zudem lassen sich dezidiert vegetarische Tendenzen beobachten, z. B. bei Pythagoras (6. Jh. v. Chr.). In einem Werk Ovids (gest. 17 n. Chr.), den Metamorphosen (15, 1ff.), gibt es eine fiktive Rede des Pythagoras, die ein Plädoyer für den Vegetarismus enthält; hier nur drei kurze Zitate daraus:

Hütet euch, ihr Sterblichen, euern Leib mit mörderischen Speisen zu entweihen! […]

Verschwenderisch schenkt die Erde ihren Reichtum, friedliche Nahrungsmittel, und bietet euch Speise ohne Mord und Blut. […]

Welch schwerer Frevel ist es, Leib in Leib zu bestatten, mit gierig hinabgeschlungenem Fleisch sein Fleisch zu mästen und als Lebewesen von eines anderen Lebewesens Tod zu leben!5

Auch der römische Philosoph Seneca (gest. 65 n. Chr.) war Vegetarier, gibt diese Ernährungsweise aber aus politischen Gründen wieder auf – unter Tiberius waren Vegetarier verdächtig, Vegetarismus galt als Indiz dafür, dass jemand einem ausländischen Aberglauben oder sonst einer Sekte anhing.

Plutarch (gest. um 125 n. Chr.) argumentiert ebenfalls für den Vegetarismus, und zwar sehr umfassend in seinem Werk De esu carnium (Über das Fleischessen). Verschiedene Argumente bringt er darin:

Die Erde bringe genug Essen hervor, man brauche kein Fleisch.Der menschliche Körper sei nicht für das Fleischessen geeignet.Fleisch könnten wir überhaupt erst essen, wenn wir den Blutgeschmack durch Braten, Würzen etc. kaschieren.Religiöse Gründe: Es sei zwar nicht sicher, dass es die Seelenwanderung überhaupt gebe – aber im Zweifelsfall solle man auf das Essen von Tieren verzichten (es könnte ja z. B. die Seele des verstorbenen Vaters in dem Tier stecken).

Laut Plutarch haben Tiere Gefühle und Vernunft, und sie müssen gerecht behandelt werden; daher dürfe man sie auch nicht töten, um sie zu verspeisen.6

Bereits in der Antike hat es also, wie in der Moderne, gesundheitliche, spirituelle und ethische Motive für Vegetarismus gegeben. Und die Diskussionen zwischen Fleischessern und Vegetariern bzw. ethisch motivierten und konservativen Personen wurden z. T. mit den gleichen Argumenten wie heute geführt. Ein Beispiel dafür möchte ich hier noch anführen:

Im 3. Jh. n. Chr. schrieb Origenes ein Werk mit dem Titel Contra Celsum (Gegen Celsus), welches sich gegen das Werk dieses Celsus über das Christentum richtete, das uns jedoch nicht überliefert ist. Wir können es aber z. T. aus Origenes rekonstruieren, da dieser es Punkt für Punkt zu widerlegen versucht. Was schrieb Celsus also so Ketzerisches, dass man eine Gegenschrift dazu verfassen musste?

Tiere seien intelligente, kommunikationsfähige, organisationsfähige Wesen;Tiere seien physisch stärker als Menschen;Tiere seien zur Ethik fähig, mehr noch als der Mensch;das Universum existiere nicht einzig für den Menschen.

Vor allem der letzte Punkt ist revolutionär für jene Zeit, ja sogar noch für unsere. Und natürlich muss Origenes kontern, indem er seine anthropozentrische Weltanschauung entgegenstellt: Tiere würden ausschließlich zum Nutzen des Menschen existieren!

Neben diesen philosophischen Strömungen, die mir hier erwähnenswert schienen, sind natürlich auch zahlreiche Texte überliefert, die freundschaftliche Beziehungen zwischen Tier und Mensch belegen, wie etwa zahlreiche Grabinschriften und Trauergedichte auf verstorbene Tiere. Ein Beispiel, die Grabinschrift in Marmor auf ein Hündchen namens Patrice aus dem 2. Jh. n. Chr. mag hier genügen:

Tränenbenetzt trug ich dich in meinen Armen, mein Hündchen;

damals, vor drei Jahren, hatte ich mehr Freude dabei empfunden.

So wirst du, Patrice, mir keine 1000 Küsse mehr geben

und wirst nicht mehr liebevoll an meinem Hals liegen können.

5   Traurig habe ich dich ins Grab gebettet, einen Marmorstein hast du dir verdient,

und so ich habe ich dich für immer meinen Manen verbunden, dich,

die du geübt warst, mit ausdrucksvollen Darbietungen Menschen nachzuahmen,

weh, was für einen Liebling habe ich verloren!

Du, süße Patrice, warst gewohnt, mit mir zu Tische zu liegen,

10  gern hast du schmeichelnd auf meinem Schoß um Futter gebettelt

und mit eifriger Zunge aus dem Kelch geschlabbert,

den dir meine Hände häufig hingehalten haben,

hast mich, wenn ich müde nach Hause kam, oft mit freudig wedelndem Schweif empfangen

und mich mit lauter freundlichen Gebärden begrüßt.7

Mittelalter

Man kann ganz pauschal sagen, dass das Mittelalter tierfeindlich, tierausbeutend und tierverachtend war. Tiere waren – wie heute, wenn auch in anderer Weise und anderem Ausmaß – Lieferanten von Kleidung und Nahrungsmitteln, sie waren Sportgeräte, Transportmittel, Arbeitsgeräte, Gebrauchsgegenstände.8 Es herrschte die Vorstellung, dass das Tier zum Nutzen des Menschen existiere.

Dementsprechend wird in den meisten mittelalterlichen Texten, die das Verhältnis Mensch-Tier dokumentieren, Gewalt an Tieren verharmlost oder sogar verherrlicht, werden die realiter Unterdrückten auch „textlich unterdrückt“, d.h. entindividualisiert.9

Theoretische Abhandlungen über Tierschonung und Tierschutz, wie wir sie aus der Antike kennen, ließen sich bisher keine finden, dafür aber umso mehr Belege dafür, wie einzelne Personen einen freundschaftlichen Umgang mit Tieren pflegten. Dabei handelt es sich um unterschiedlichste Literaturgattungen.

Hier möchte ich einige jener literarischen Gattungen nennen, in denen ich auf der Suche nach Textbeispielen fündig geworden bin und die sich dabei quer durch alle Traditionen ziehen, von der spätantiken Dichtertradition über die christliche Heiligenschreibung bis hin zur höfischen Welt.

Heiligenviten

Kaum eine andere literarische Tradition bietet eine derartige Fülle an Belegen für Tierbefreiungen, Tierrettungen, Wohngemeinschaften mit Tieren und freundschaftliche Beziehungen zu Tieren wie die Hagiographie, also die Lebensbeschreibungen von Heiligen.

Dass der Heilige gut zu Tieren ist, sie – „pietate motus“, aus Mitleid – beschützt oder aus Gefahren rettet, ist ein Topos, ein immer wiederkehrendes Motiv, sodass Tierrettungen und Tierbefreiungen im Mittelalter durchaus als charakteristische Handlungen von Heiligen galten. Reginald von Durham etwa beschreibt dies in seiner Biographie über den englischen Einsiedler Godric von Finchale (England, 12. Jh., Libellus de vita et miraculis S. Godrici) folgendermaßen:

Wenn ringsum alles im Frost erstarrte, ging er barfuß hinaus, und wenn er zufällig ein halberfrorenes Tier fand, nahm er es gewöhnlich unter seine Achseln oder wenigstens an seine Brust, um es zu erwärmen. Deshalb streifte der fromme Kundschafter oft auch durch Hecken und dunkle Dornensträucher; und wenn er zufällig ein Tier fand, das sich verirrt hatte oder dem das schlechte Wetter zusetzte, ermattet und dem Tode nahe, stellte er dessen Gesundheit mit all der Heilkraft, die ihm zur Verfügung stand, wieder her. […]

Wenn schließlich einer, der in seinem Dienst stand, einen Vogel oder ein Tierchen mit einer Schlinge oder einem Netz gefangen hatte, riss er es ihm sofort aus den Händen, sobald er es bemerkte, und entließ es frei in die Äcker oder Wälder.10

In vielen dieser Erzählungen ging es dabei aber nicht nur darum darzustellen, dass der Heilige tierlieb ist, sondern darum, dass sogar Tiere den Heiligen gehorchen, also um ein Zeichen göttlichen Willens. Dies soll sie von den normalen Menschen unterscheiden. Manche Handlungen sind auch symbolisch, z. B. wenn der irische Heilige Molua Wölfe als Gäste einlädt und ihnen die Pfoten wäscht oder wenn Franziskus von Assisi eine besondere Liebe zu Lämmchen empfindet, die für ihn die Demut Christi versinnbildlichen.11

Aber ich wage zu behaupten, dass nicht jede Episode ein Topos oder symbolisch zu verstehen ist, sondern dass es sich mitunter um die Schilderung tatsächlich erfolgter Tierschutzaktionen und wirklicher Tierliebe handelt, z. B. wenn geschildert wird, wie Franziskus ein Häslein zu sich heranruft und es „materno affectu“, mit mütterlicher Liebe, streichelt12 oder einem Fasan, den man ihm für ein kräftigendes Mahl geschenkt hat, die Autonomie der freien Entscheidung, Mitglied der Gruppe um Franziskus zu werden oder in die Freiheit zurückzukehren, zugesteht und ihm, da er sich partout nicht auswildern lässt, sondern stets flugs wieder zur Zelle des Heiligen zurückkehrt, ein gütiges und herzliches Miteinander anbietet:13

„Darauf befahl der Heilige, ihn fürsorglich zu füttern, umarmte ihn, streichelte ihn und redete zärtlich auf ihn ein.“ („Iussit proinde illum sanctus diligenter nutriri, amplexans illum et dulcibus verbis demulcens“).14

Und auch wo es sich wirklich um Topoi handelt, lassen sich diese Texte doch vielfach auch als Spiegelung realer Verhältnisse interpretieren.15

Gedichte

Beispielgebend kann hier das Trauergedicht des Abtes Theoderich auf seinen verstorbenen Hund Pitulus aus dem 11. Jh. genannt werden oder das Briefgedicht des Ermoldus Nigellus an König Pippin aus dem 9. Jh., in welchem er ihn ermahnt, seinen Hunden nicht so viel Sorge und Liebe angedeihen zu lassen – ein Hinweis auf den hohen Stellenwert von Hunden am Hof Pippins.

Oder jene Verse, die an der Schwelle zum Mittelalter stehen und doch auch 1500 Jahre später von jedem Tierfreund / jeder Tierfreundin nachvollzogen werden können:

Von seiner kleinen Hündin, die auf einen Wink ihres Herrn herbeilief

Die Gestalt meiner kleinen Hündin ist winzig, aber gerade deshalb bezaubernd,

weil sie als ganze in eine hohle Hand passt.

Wenn sie die Stimme ihres Herrn hört, läuft sie beflissen unter Gebell herbei

und springt mit menschlich wirkenden Bewegungen in die Höhe.

5   Und nichts Widernatürliches hat sie an ihren zierlichen Gliedern:

allen, die sie sehen, gefällt sie wegen ihres zarten Wuchses.

Sie bekommt weicheres Futter und darf auf weichem Lager schlafen;

den Mäusen ist sie feindlich gesinnt, grimmiger als eine Katze.

Ihre körperliche Schwäche macht sie mit bedrohlichem Gebell wett;

10  wenn es die Natur gewährte, könnte sie nach allen Regeln der Kunst sprechen.16

Versromane

Exemplarisch ist hierfür Ruodlieb, 11. Jh., in welchem der gleichnamige junge Adelige bei einer Tischgesellschaft die Kunststückchen und Fähigkeiten seines Hundes vorführt, woran sich zeigt, wie intensiv man sich mit Hunden befasst haben muss, um derartige Interaktionen möglich zu machen.

Novellen

Hier möchte ich auf eine Erzählung aus einer französischen Sammlung des 15. Jh. (Les Cent Nouvelles Nouvelles) verweisen, welche die enge und liebevolle Beziehung eines Priesters zu seinem Hund bezeugt: Ein Priester hatte einen Hund aufgezogen, der sich zu einem äußerst klugen und geschickten Begleiter entwickelte, der eines Tages jedoch erkrankte und verstarb und – so der Autor – sofort in das Hundeparadies geführt wurde („et de ce siecle tout droit au paradis des chiens alla“). Der Priester war der Meinung, dieses kluge und gute Tier sollte nicht ohne Grabstätte bleiben, und so ließ er ihm ein heiliges Begräbnis zu Teil werden, indem er es nahe bei seinem Haus, das neben dem Friedhof stand, begrub. Diese Blasphemie konnte nicht ohne Folgen bleiben, der Bischof höchstpersönlich stellte den Priester zur Rede. Doch durch einen klugen Schachzug – der Priester erzählt ihm, der Hund habe dem Bischof in einem Testament viel Geld vermacht – entgeht er nicht nur einer Strafe, sondern bringt den Bischof sogar dazu, Lobgesänge auf das kluge Tier anzustimmen.

Epen

Erwähnenswert ist hier vor allem Gottfried von Straßburgs Tristan-Epos aus dem 13. Jh., in dem geschildert wird, welchen Kummer Herzog Gilan erleidet, als er sein innig geliebtes Hündchen Petitcrü hergeben muss.

Mirakel

Für diese Gattung steht etwa die Erzählung über eine französische Adelige aus dem 12. Jh. und die Beziehung zu ihrem geliebten Vogel (De miraculis S. Marie de Rupe Amatoris). Als er ihr eines Tages entfliegt, habe sie um ihn mehr geweint, heißt es, als wenn eines ihrer Kinder gestorben wäre!

Abenteuerromane

Ein sehr bemerkenswertes Beispiel bietet das Werk Partonopier und Meliur von Konrad von Würzburg (13. Jh.), in dem das sehr enge Verhältnis zwischen einem Mann, Anshelm, und seinem Hund Swam geschildert wird. Diesen hatte er aus einem sinkenden Schiff gerettet („Und als mein Auge sein Leid / erblickte und all seinen Jammer, / da zog ich meine Kleider aus / und sprang in das Meer“ [v. 17846–49]), und fortan gingen sie als Gefährten durchs Leben. Sie bestehen gemeinsam verschiedene Abenteuer und stehen sich gegenseitig loyal zur Seite. Bereits aus den Schilderungen von Anshelms Reaktionen auf die Verletzungen, die sich sein Hund in Kämpfen gegen einen Bär, einen Löwen und durch den Kaiser zuzieht,17 erahnt der / die LeserIn auf welches finale tristissimo die Erzählung zusteuert. Angestachelt durch eine Intrige ersticht der Kaiser Swam, Anshelm bricht nieder, Schock und Trauer überkommen ihn,18 dem Kaiser aber schwört er ewige Feindschaft. Der Schmerz über den Verlust des geliebten Tieres ist auch Jahre später noch präsent: „Mein Herz und meine Sinne / waren voller Schmerz. / Das kann ich wahrlich sagen: / wegen seiner großen Treue / versinkt bis heute mein Herz / in Jammer und Betrübnis, / wenn ich an ihn denke“ (v. 18638–44).19

Fazit

Ich habe bei der Arbeit an diesen Texten zwei erstaunliche Entdeckungen gemacht:

1. Tierschutz in seinen grundlegenden Erscheinungsformen ist kein modernes Phänomen: die ProtagonistInnen der entdeckten Erzählungen schützen verfolgte, retten gefangene, pflegen verletzte und füttern hungrige Tiere; Franziskus kauft sogar aus Mitleid Tiere frei – in den Biographien über den heiligen Franziskus ist das Mitleiden mit der Kreatur besonders häufig und eindrucksvoll beschrieben, wie z. B. in der Erzählung von den Lämmern: „Als der selige Franziskus die Lämmer blöken hörte, berührte ihn dies sehr; er näherte sich ihnen und streichelte sie, wie eine Mutter ein weinendes Kind, und zeigte tiefes Mitgefühl“20.

Erstaunlich ist auch der zärtliche Umgang der mittelalterlichen TierfreundInnen mit ihren Schutzbefohlenen und die in den Texten geschilderten Emotionen: Mitgefühl mit Tieren in Bedrängnis, Empathie, Trauer, Stolz auf die langjährigen Gefährten, auf ihre Fähigkeiten, ihre Treue und ihre Schönheit, Liebe und Zuneigung zu ihnen und der Wunsch, Tiere in die Arme zu nehmen und zu streicheln. Im Prinzip konnten fast alle Emotionen, die auch moderne TierfreundInnen kennen, nachgewiesen werden.

Und diese Emotionen sind nicht nur für das europäische Mittelalter belegt, sondern auch für andere Epochen wie etwa die Antike und natürlich erst recht für die Neuzeit, aber auch für andere Kulturen. Es scheint sich dabei also um eine anthropologische Konstante zu handeln.21

2. Bereits im Mittelalter haben genaue Beobachter festgestellt, dass auch Tiere Emotionen haben. Wofür moderne TierfreundInnen noch in den letzten Jahren belächelt wurden, nämlich dass sie ihren Schützlingen in Analogie zum Menschen Gefühle wie Trauer, Angst, Eifersucht und Freude zugestanden, wurde mittlerweile durch moderne VerhaltensforscherInnen und SoziobiologInnen wie Volker Sommer, Frans de Waal oder Marc Bekoff bestätigt.22

Dass etwa der Verlust eines Kindes auch bei Tiermüttern emotionale Reaktionen verursacht, wird in einer Erzählung über den heiligen Kevin geschildert (Vita S. Coemgeni IX), in welcher dieser aus Mitleid einer hungrigen Wölfin ein neugeborenes Kalb überlässt: Als die „pia mater“ („die liebevolle Mutter“, nämlich die Kuh!) sieht, wie die Wölfin das Kalb tötet und frisst, wurde sie sehr traurig („tristissima effecta est“) und läuft klagend zu ihrem Herrn, dem Eremiten Beoan, der Kevin rügend fragt: „Warum hast du das Herz der armen Mutter gebrochen?“, und ihm befiehlt, ihrer Traurigkeit abzuhelfen. Kevin ordnet daraufhin der Wölfin an, jeden Tag an Kindes statt zur Kuh zu kommen, bis diese das nächste Kalb gebären würde. Und tatsächlich gehorcht die Wölfin, und die Kuh fängt sofort an, sie wie ihren einzigen Sohn zu lieben, sie abzulecken und ihr zärtlich ihre Milch zu geben, heißt es im Text. Auch wenn diese Erzählung einmal mehr dazu dient, die Macht Gottes zu demonstrieren, die mittels der Heiligen wirksam wird, so liegen hiermit dennoch zwei eindrucksvolle Belege für Mitgefühl gegenüber Tieren vor: einmal mit Kevin, der eine hungrige Wölfin füttert, und auf der anderen Seite der Eremit Beoan, der die Trauer der Mutter um ihr Kind nachempfinden kann und Kevin dementsprechend befiehlt, Maßnahmen zu ergreifen, um diese zu lindern.23

Die von mir ausgeforschten und analysierten Texte sind nicht nur von literaturwissenschaftlicher, sprachhistorischer und mentalitätsgeschichtlicher Bedeutung, sondern bieten auch eine breite Basis für eine moderne Tiergeschichtsschreibung. Der anthropozentrische Blickwinkel ist natürlich schwer zu neutralisieren, zumal er doppelt wirkt: die Sichtweise der historischen Autoren wird gewöhnlich durch den Blick des modernen Forschenden verstärkt. Gelänge es, diese beiden Filter zu eliminieren – oder sich ihrer zumindest bewusst zu werden – böten die uns vorliegenden Dokumente durchaus auch die Möglichkeit einer Annäherung an eine speziesgerechte Geschichtsschreibung, welche eine Animal Agency, die Wirkungsmacht von Tieren anerkennt.24

Eine speziesgerechte wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Tierliebe wiederum kann zu einem speziesgerechten Umgang mit nichtmenschlichen Tieren beitragen.25

Anmerkungen

1 Dieser Aufsatz wurde inspiriert durch die höchst erfreulichen Rechercheergebnisse für das Buch, das ich mit Albrecht Classen (University of Arizona) und Peter Dinzelbacher (Salzburg) herausgegeben habe: Tiere als Freunde im Mittelalter. Eine Anthologie