Verlag: Saga Egmont Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Tinser - Hans Leip

Tinser ist der Anführer einer kleinen Gruppe abgerissener Menschen, die, einst deutsche Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs, nach den Wirren der Revolution ihren Lebensunterhalt im fernen Sibirien als Platinschürfer fristen. Als sie die Rückkehr nach Deutschland beschießen, ahnen sie nicht, welche Abenteuer und Strapazen vor ihnen liegen … Für Tinser beginnt eine lange Reise über viele Stationen in etlichen Ländern hinweg. „Tinser" war Leips erste Romanveröffentlichung, nachdem ihm mit seinem Erfolgsroman „Godekes Knecht" der spektakuläre Durchbruch gelungen war, und er steht dem großen Vorgänger in nichts nach!

Meinungen über das E-Book Tinser - Hans Leip

E-Book-Leseprobe Tinser - Hans Leip

Hans Leip

Tinser

Roman einer Heimkehr

Saga

Ebook Kolophon

Hans Leip: Tinser. © 1926 Hans Leip. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711467572

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

1

Die Schurfjäger

Es ist dort im Ural, fern aller guten Welt, wo sich die Reste gesammelt haben. Deutsche Gefangene, durch die russische Revolution befreit, von der Koltschakarmee neu gepresst und bewaffnet, in den Taglaisümpfen verziert und zermergelt, von den roten Soldaten gehetzt, zerrieben, verschlagen in die gottleeren Öden, bis weit hinter den Töllpos und dahin, wo schon die Tundren ihre giftgrün vereisten Zungen an die Felsstürze lehnen.

An dreissig Mann, das ist der Rest, der arme Rest der ungeheuren Läger von Wostronoi, ja von damals, als noch der sibirische Sommer so warm und feldergrün über den toten Tagen lag.

Aber hier ist ein anderer Sommer. Hoch unter den Kämmen bettet sich eine Senke, ein Moostal, mager und nass. Am Südhang etwas Knieholz, davor ein unregelmässiges, heftiges Bachgeriesel, Wollgras an den Rändern, im Norden milchig schillernde Sumpflöcher, das ist alles. Und im Norden hebt sich die Wand steil in den Himmeldunst, ein wenig den Atem des Eismeeres dämpfend, der unversehens in die grausamen Nächte schneidet.

Dort hausen sie in ihren Bretterzelten, dürr, zäh, vom Schicksal gegerbt, wie Wogulen dumpf und bedürfnislos. Einige Weiber sind dabei, tatarisch, wotjakisch, und Kinder, fremdartig verzerrt, aus dem Abfall der Jahre dazu geworfen.

Platingräber sind sie. Schurfjäger. Seit sie im Taglaigrund das graue Metall kennengelernt haben, hat sie das Sucherfieber nicht verlassen, die Platinkrätze, die teuflische Benommenheit, und sie wühlen und kratzen, sieben und wäschern, und in ihren brandigen Augenhöhlen brennt das Fieber bei Tag und Nacht. Im grossen Hungerjahr haben sie den letzten Vorstoss zur Rückkehr gewagt, als sie noch weit über zweihundert waren. Was wiederkam und den Winter in den Ruinen des Syrjänendorfes am Talfuss verbrachte, das hatte das starre Unbewusstsein von Tieren um den Mund. Den Sommer sind sie wieder hinaufgezogen durch die endlosen Birkenwälder, von der roten Knute und vom Platinfieber getrieben, von dem Bericht des wogulischen Jägers verlockt, höher und nördlicher hinauf, und er hat nicht gelogen.

Die moorige Senke enthält das begehrte, so irrsinnig wertvolle Metall. Aber ihre Werkzeuge sind lächerlich, und einige ziehen vor, mit den Händen in der widerlich feuchten Erde zu wühlen.

Wolken scheuern über die Kämme, rauchen triefend über das Tal. Nur mit Mühe kreiselt die Sonne gegen Mittag durch den Dunst. Wie ein weisslicher Platinklumpen hängt sie da, aber sie rollt eilig und höhnisch über den Südkamm davon.

Und sie hocken in den Schurfen wie in offenen Gräbern, hinter den trübe wachsenden Schuttkegeln, wortlos, hüstelnd, gichtig, verstruppt und verlaust. Der winzige Ertrag stachelt sie immer wieder an. Wenn sie genug haben, wollen sie in die Ebene, Pferde kaufen und auf und davon und herrlich leben. Denn einmal wird wieder Friede sein da unten, wo es warm und feldergrün ist. Und sie wollen die Flüsse hinab zu den Ansiedlungen, wo Menschen im trockenen wohnen, und wollen bis an die Eisenbahn reiten oder auch zu Fuss, und wollen nach Deutschland zurück und in die Heimat.

Stoi und Tinser, das sind ihre Führer, Stoi, weil er ein fabelhafter Kletterer und Elchjäger ist und für manchen Braten sorgt. Einstmals war er der bayrische Hauptmann Staudelhofer. Tinser jedoch hat ihnen die Schmiede eingerichtet und die Feinwage aus dem Nichts hergestellt, und er hat durch die Jahre ein Notizbuch gerettet, das zur Hälfte noch frei ist und in welchem eines jeden Anteil vermerkt wird. Sie machen sich beide nicht soviel aus dem Platin, vielleicht nicht ohne Grund, und haben auch keine Schurfen.

Da ist auch noch Brammer, der früher Schlosser war; er hat aus einem guten, harten Kochgeschirr eine verschliessbare Sache gemacht, und Tinser hat den Schlüssel dazu, und wenn einer ein Körnchen gefunden hat, so wird es gewogen, aufgeschrieben, und Tinser legt es in das vormalige Kochgeschirr, welches sie das Kompaniespint nennen. Es ist eine kindlich einfache Behandlungsweise, den Umständen angemessen. Aber sie vertrauen Tinser, er hat jahrelang bewiesen, dass er ein rechter Kerl ist, und in seiner Hütte werden auch die Waffen aufbewahrt. Von den Gewehren sind nur fünf noch brauchbar, ausserdem haben sie nur wenig Patronen. Wenn einer darum auf die Jagd will, so muss er mit Stoi gehen, und bei ihrer Rückkunft werden die Gewehre wieder in Tinsers Hütte gestellt. So hat man es aus guten Gründen beschlossen.

Aber selten findet einer Zeit, mit Stoi zu gehen, denn man darf nur schiessen, wenn man etwas trifft, und es pflegt immer beschwerlich zu sein. Das Tal wimmelt von Hasen, es ist wie eine grosse Gnade das Jahr, und man fängt sie besser in Schlingen vor den kleinen Haferflecken, die an der Halde gepflanzt sind.

Das Schmiedefeuer übrigens darf niemals erlöschen. Die Tatarenweiber suchen auch die Quellflechte, die eine glasige Masse ergibt, wenn man sie kocht, und sie haben eine Feldküche durch alle Fährnisse hindurchgezogen, aber die Pferde, die einst dazu gehörten, sowie auch die letzten Hunde haben sie längst gegessen. Bald sind die Moosbeeren reif, dann werden die Weiber einen Schnaps brauen, und alle freuen sich darauf.

Wenn Tinser mit Stoi geht, dann gibt er den Schlüssel an Brammer. Er gibt ihm auch ohne Bedenken das Notizbuch, denn die Aufzeichnungen von früher sind in Kurzschrift geschehen.

*

Wieder einmal sind sie unterwegs, einer Bärenfährte nach. Sie überschreiten den niedrigen Westpass, wandern durch das mit Krüppelkiefern bestandene Tal den langen Bogen nach Süden hinab in die Richtung des Jenga-Passes und beginnen in einer Geröllhalde den Gebirgsstock hinanzuklettern, der die Moossenke im Osten und Norden so steil und unzugänglich abschliesst. Den Mantel schräg um Schulter und Hüfte gerollt, die Flinte quer hindurchgesteckt, so steigen sie höher und höher, das Seil am Koppel, die Beine in Pelz verschnürt, urbärtig, und das Haar krault ihnen unter der Fellmütze über den Nacken.

Die Halde verengt sich zur Schlucht. Stoi behauptet, die Spur zu kennen. Graurostig und nass verschwinden die Wände in den hängenden Nebeln. Die Luft fällt kalt und moorig herab. Sie steigen hinein in den tropfenden Dunst, und auf Händen und Füssen nehmen sie eine Seitenrinne an, die bald den Abhang überschwingt, so dass zu ihrer Rechten die Felslehne schauerlich glatt in die Nebeltiefe stürzt. Eine ausgewaschene Kalkader gewährt ihnen mageren Halt. Schnee liegt körnig in den Ritzen, ab und zu in durchsichtiges Eis übergehend. Vorsichtig schieben sie sich aufwärts. Als sie an der schlüpfrigen Kuppe wiederum einen Einstieg gewinnen, der kaminartig und vereist in die Höhe führt, kann Tinser es nicht lassen, etwas von ‚Bären aufgebunden‘ zu murmeln.

„Etwas anderes!“ antwortet Stoi.

Und er klettert vorauf, das aus Sehnen geflochtene Seil abrollend, blasser und blasser im Milchigen aufgesogen. Nach einer Weile dringt ein Jodler von oben herab. Tinser befestigt die Mäntel und Flinten am Seil, die nach seinem Pfiff in die Höhe gehen, von seinem eigenen Seil gegengehalten, welches wiederum in sein Koppel verknotet ist. Dann klettert er nach. Er stammt von der Küste, er kann es nicht mit dem Bayer aufnehmen.

Auf dem Grat, den sie nun erreichen, wetzt der Wind seine eisigen Messer. Aber sie stehen auf einmal über den Nebeln. Unendlich blaut der Himmel über ihnen, und die Sonne verdampft ihren Stirnschweiss, um ihn sogleich aufs neue hervorzuglühen. Der Grat, beiderseitig steil auf die Wolkenkissen stossend, aber unvereist, endet auf einem plattförmigen Gipfel, der wie ein ungeheuerliches, verschliffen glattes Gebiss, altersgelb und bogenförmig sich nach Nordosten erstreckt.

Erst als sie den breiten Felsgrund unter den Füssen haben und die Mäntel überwerfen, drehen sie den Blick nach allen Seiten. Ein unerhörtes, stumm brandendes Wolkenmeer liegt unter ihnen. Nur gegen Süden ragen einige runde Buckel heraus. Auf den höchsten deutend sagt Stoi:

„Der Tollpatsch.“

Dann wirft er sich auf den nackten Boden und blinzt verzückt in die Sonne. Tinser beobachtet ihn misstrauisch, denn er empfindet eine seltsame Rührung.

„Ja, ja, die Sonne!“ sagt er beschämt, lässt sich auch nieder, und sie essen von dem mitgenommenen Röstfleisch.

Aber bald springt der Bayer auf, sichtlich erregt, und auf einmal holt er einen rohen Lederbeutel aus der Tasche, öffnet ihn und hält ihn unter Tinsers Augen.

Der Beutel ist voll von flachen Platinkörnern. Und Tinser wägt ihn in der Hand und murmelt bestürzt, er wäre mindestens das gleiche wie das im Kompaniespint.

Sie gehen weiter, den Gipfelbogen entlang. Fünfhundert Meter tiefer zur Linken liegt die Senke, im ewigen Nebeldach verborgen. Die Hochfläche sattelt sich ein wenig, eine Tundranarbe schiebt sich über das Gestein, ein flacher Krater muldet sich hinab, sumpfig vereist. Der Bayer stürzt hinunter, fällt auf die Knie und wühlt, wühlt mit den Fingern im Eisschlamm.

„Hier! Hier!“ schreit er, wie irr emporspringend.

Zwischen Dreck und Nässe blinken eisengrau die platten Körner.

Und auch Tinser erwacht aus seinem Gleichmut, der Taumel überrennt ihn. Sie brüllen beide in den sengend blauen Himmel, in die unsägliche, schneidend durchwimmerte Einsamkeit, in die im Endlosen verschäumende Wolkenflut, brüllen wie Tiere, trappeln umher, klatschen bis über die Knie in den Moorkessel, der Froststarre ungeachtet, und wühlen, wühlen in unersättlicher Gier, bis sie erschöpft an den Rand torkeln und hinschlagen, plötzlich von einer unfasslichen Qual und Scham durchdämmert, und daliegen unter der Ewigkeit des Himmels, unter dem eisigen Wind, unter der brennenden Sonne und den Namen ihres Vaterlandes in den Stein schluchzen.

2

Der Aufbruch

Manchmal steigt der wogulische Jäger über den Westpass. Er ist klein, schwarzsträhnig und pfiffig, sein Gesicht ist mondgross und blank gebeizt wie eine alte Truhe; denn er wäscht sich mit jenem Wasser, das Gott ihm verliehen hat. Er ist gern gesehen, weil er meistens Tabak mitbringt, den ihm einige mit purem Platin aufwiegen, während andere ihm durch die Taternweiber etwas abzuschwänzeln suchen. Die meisten jedoch haben sich längst an getrocknetes und zerbröckeltes Birkenlaub gewöhnt, in das sie etwas Steinklee mischen, und das Platin ist ihnen wahrhaft zu schade. Sie begnügen sich mit seinen Nachrichten, die kostenlos sind. Aber er berichtet immer dasselbe. Schon das drittemal ist er da, und immer noch ist ‚das Gras nass von Männerblut‘. Und immer noch ‚pfeift die Nagaika in das Fleisch der Länder‘.

Der Wogule sagt auch, es lebten noch einige der ‚goldenen Haare‘ in den Ruinen der Ansiedlung im Tal. Er meint die Kranken, die damals im Frühling zurückgeblieben sind.

Die Tatarinnen, die ihn zu nichts verlocken können, schlagen die Karten über ihn und hetzen die Männer auf, indem sie verkünden, er würde Unglück bringen. Und dies drittemal nehmen die Männer den Tabak und wollen ihm nichts dafür bezahlen, sie veralbern ihn, und da er nicht gehen will, laufen sie zu Tinsers Zelt, um ihn mit den Waffen zu ängstigen. Dadurch merkt Tinser es, der gerade dabei ist, den Kindern, die ihn wie schmutzige Äffchen umkreischen, ein mützengrosses Pferd zu schnitzen. Und er macht der Sache ein Ende, indem er dem Wogulen gibt, was ihm zukommt.

Stoi war gerade auf der Jagd, so gut es ging, denn er hat sich damals den Fuss verstaucht, als sie von jenem Gipfel herabgeklettert sind. Er ist sehr erbost, als er zurückkommt, und meint, nun würde ihnen der Jäger wohl tatsächlich Unglück bringen und das aus Rache.

Weil Stoi noch immer humpelt, können sie vorerst nicht wieder hinauf. Aber sie können schweigen. Was würde es auch nützen, das Fieber der anderen auf den gefahrvollen Gipfel zu hetzen. Wenn es auch allen dienen sollte, so reden sie sich ein, man muss es doch schlauer anfangen. Sie schweigen auch voreinander, aber in ihren abgestumpften Gehirnen brüten die Pläne, sieden die Unüberwindlichkeiten, ihre Nächte sind mit betörenden Träumen gefüllt, und wenn sie aus dem flackernden Schlaf aufschrecken, sind sie betroffen, nicht das Heulen und Knirschen der Bagger zu vernehmen.

Ein Seil, man kann es hinauftragen, damit beginnt es. Man lässt es hinunter über die steile Wand, fünfhundert Meter und mehr, man zieht damit eine dünne Stahltrosse herauf, mit dieser eine stärkere, mit dieser einen kleinen Krahn, mit diesem wiederum einen grösseren, und dann die Kabel und so fort, bis man die Baracken heraufwindet, die elektrisch heizbar sind; denn die Nächte müssen furchtbar sein da oben. Und dann kommen die tollen Maschinen, die Sauger, die Bagger, die Felsmühlen, die Spülsieber, Angelegenheiten hoch wie Häuser, welche nun zu toben beginnen auf einen kleinen Schalterdruck hin, um die faule Zahnstelle dort oben heilsam auszubohren und die ausgeschlemmten Häufchen der Millionenwerte blank auf die Reinplatte zu schütteln.

In der Senke selbst aber wird das Kraftwerk stehen, angetrieben vom aufgestauten Wildbach.

Es lässt Tinser keine Ruhe mehr. Er zeichnet die Skizze für ein Stauwerk auf ein Blatt in seinem Notizbuch, und auch für eine Holzturbine, die sie probeweise gebrauchen wollen. Aber es ist schwierig genug, Leute von den Schurfen zu locken, um wenigstens das Stauwehr in Angriff zu nehmen.

Da erscheint plötzlich eines Tages ein fremder Mann im Westpass, begleitet von dem Wogulenjäger und von einem der Kranken, die im Frühling in der zerstörten Talsiedlung zurückgeblieben sind. Es ist ein gutgekleideter Mann, ein Kommissar, ein Vertreter der Syrjänischen Republik.

Die Leute besetzen den Eingang des Tales, und da sich keine Soldaten zeigen, rotten sie sich drohend zusammen. Aber der Mann geht furchtlos unter sie und fragt nach ihrem Anführer. Nur Tinser ist da, Stoi ist, wie gewöhnlich, auf der Jagd. Der Genesene erzählt, es läge unten eine ganze Eskadron Ulanen, wie sie die Roten nennen, aber sie wären ganz friedlich, überall wäre jetzt Frieden in Russland, die Ansiedlungen würden wieder aufgebaut, und er wollte nur seinen Anteil hier oben abholen, ehe er sich da unten ein Rittergut kaufte.

Tinser spricht mit dem Syrjänen. Wenn auch alle gelernt haben, mit dem Russischen einigermassen umzugehen, Tinser kann es doch noch besser, und es scheint auch hierin so zu sein, als wäre es nicht bloss gemeine Schiebung, dass einer Offizier wird. Wenngleich es auch darunter Hunde gegeben hat. Tinser selbst jedoch hustet auf alles, was sogenannte Bildung heisst, und schätzt jeden nach seiner Menschlichkeit ein; das merkt jedes Kind, und es ist anzuerkennen, obschon es nicht immer behaglich ist, einfach als Mensch wie jeweder andere behandelt zu werden. Tinser kennt auch diese Überlegungen und weiss, eines Tages wird es allen überdrüssig sein. Sie würden schon wieder liebend gern Herr Leutnant zu ihm sagen, weil sie davon träumen, dass jemand sie mit Herr Bahnwärter, Herr Kanzlist oder Herr Maurermeister angeredet hätte. Nun, da er mit dem Syrjänen spricht, sind sie halbwegs froh, dass er ihnen die Mühe abnimmt, halbwegs aber mäkeln sie schon, dass er es ist, der verhandelt, als stünde er über ihnen, es kribbelt ihnen allerorts, ihm zuzuzwinkern: Vorsichtiger! Sag das nicht! Gib es ihm! Nicht so! Schärfer! Gleichgültiger! Hau ihn an! Linkes Ohr tiefer! Hierher die Hand! Diese Bewegung! — Tinser fühlt das alles wohl, aber er kümmert sich nicht darum und sagt dem Syrjänen, er könnte ihm leider keinen Tee anbieten. Aber der Genesene zieht einen Ziegel Tee hervor, und alle blicken weniger erfreut auf den kostbaren Tee als vielmehr empört auf Tinser!

Der Kommissar erklärt kurz und höflich, alles Land und die Bodenschätze darin gehörten dem Staate.

Die Leute murren: „Wir gehören also wieder mal an den Galgen! Hört ihrs!“

Der Syrjäne lächelt fein und geringschätzig.

Der Wogule hat es vorgezogen zu verschwinden.

Tinser lässt die Männer zurücktreten und fragt nach den Bedingungen, zugleich darauf hinweisend, dass es nicht leicht sein würde, mit Gewalt in die Senke einzudringen.

Der Kommissar gibt das zu, und es wäre seine Absicht auch nicht. Sie sollten den Sommer über noch geruhig dem Ertrag ihrer Schurfen obliegen und ihn auch ungekürzt behalten als Entgelt für die Entdeckung und Räumung. Denn vor nächstem Sommer wären die Bagger nicht zur Stelle, sie könnten gerne auch als Arbeiter bleiben. Und er lässt seinen Blick über die armseligen Werkzeuge und über die trübe Gräberstadt der Schuttkegel streifen.

Tinser teilt den Leuten das Gesagte mit. Sie sind einverstanden, aber als Arbeiter wollen sie nicht bleiben. Sie wollten im Herbst nach Hause.

Da stünde nichts im Wege, antwortet der Syrjäne. Und er beschreibt den Weg, den sie nach Koshwa zu machen haben.

Danach nimmt er eine Holzbüchse aus seinem mit gefärbtem Leder besetzten Pelzkittel. Die Runde erstarrt in Andacht. Er bietet wahrhaftig wie ein Gentleman in Berlin oder weiss der Teufel wo Tinser eine fertige Zigarette an, nimmt selber eine, zieht eine Streichholzschachtel, entzündet ein Streichholz und gibt es an Tinser. Aber Tinser sieht die Augen der anderen, er tut nur einen Zug, dann gibt er die winzige Lustrolle an Brammer weiter. Wie der Syrjäne das sieht, schüttet er ihnen lachend den Inhalt seiner Büchse hin. Er verspricht auch, in einiger Zeit Tabak, Tee und Konserven heraufzuschicken.

Als der Mann wieder weg ist, kommt Stoi. Tinser ahnt, dass er vergebens einen Aufstieg an der Geröllhalde versucht hat. Nur ein bescheidener Stummel ist noch für ihn übriggeblieben.

„Eine englische Marke!“ sagt er bestürzt und geniesst es kaum.

Danach beschliessen Tinser und er und schlagen es auch den Leuten vor, es sollte jemand hinuntergehen, um sich bei den betreffenden Stellen zu versichern, damit sie wirklich im Herbst ungehindert nach Deutschland kämen.

Aber der Genesene quengelt dazwischen, in Deutschland wäre gar kein Platz für sie. Alles, was aus Russland käme, würde an der Grenze niedergeschossen, solche Angst hätte man dort vor den Bolschewikis, hätten die Soldaten gesagt. Es wäre besser in der Mandschurei, da gäbe es ein angenehmes Leben und jeden Tag zwei Tscherwonzen Löhnung, und das wäre mehr als zwanzig Mark.

Stoi brüllt ihn heftig an, er sollte das erstunkene Gewäsch sein lassen. Aber Tinser fordert sie auf, besorgt um ihr Schicksal, alle gemeinsam und sofort den andern Tag aufzubrechen, er wollte sie führen, wie er sie oft geführt hätte. Er sieht ihre Hände, ihre Gesichter, ihre zerschabte Kleidung, ihre verkrümmten Gestalten, ihre armen Geräte, die gottverlassene Einöde, die ewige Nässe, ihre Gier, ihr menschenunwürdiges Dasein. Sie sollen nach Hause kommen, kein Haar soll ihnen gekrümmt werden, jedermann müsste sich erbarmen über sie und ihr Los.

Aber er redet nicht überzeugend. Denn er fängt einen Blick Stois auf, und da muss er an die morsche Stelle in jenem Berggipfel denken, der hoch über seinem Haupte und über den Wolken lauert. Sie sind noch nicht wieder oben gewesen.

Sein Vorschlag wird auch überstimmt. Sie wären genugsam mit Feuer gewaschen, nun wollten sie erst mal ein wenig ernten, solange das Wetter reichte. Nun, wo sie Konserven und Tabak heraufbekommen sollten.

„Geh hin!“ sagen sie, „geht beide hin und seht vorerst selber nach, ob das Blut schon trocken ist im Gras!“ Und sie sagen auch: „Haltet uns nun nicht länger von der Arbeit ab, denn wir haben keine Zeit, uns umherzutreiben oder Pferdchen zu basteln!“

„Gut!“ brüllt Stoi. „Wir gehen!“

Da gibt Tinser den Schlüssel zum Kompaniespint an Brammer ab, gibt ihm auch das Verzeichnis, das er aus seinem Notizbuch reisst; die Summe wird nachgewogen und verglichen, und alle starren schweigend auf den zarten Haufen in der Schale. Tinser und Stoi haben keinen Schurfanteil daran, und auf das, was ihnen für gemeindienliche Arbeit nach früherem Beschluss zusteht, verzichten sie. Aber man dankt es ihnen nicht gross, man hält sie für grossspurig, und sie hören nur Anweisungen, was sie da unten zu tun hätten, und kaum ein Wort des Bedauerns humpelt ihnen nach.

Brammer und der Genesene, die werden nun ihre Führer und Jäger sein.

3

Segnungen der Kultur

Sie überlegen, dass es nach Paromesch sechs Tage, nach Kosljansk zehn Tage dauern wird. Und wer weiss, ob sie nicht sicherer sich an die Sowjets wenden. Sie warten die Geschenke nicht ab, die der Syrjäne schicken wird. Eine Flinte und ein halbes Dutzend Patronen, ein Kochgeschirr, einen Becher und zwei zerrissene Zeltbahnen hat man ihnen zugestanden, dazu Röstfleisch für einige Tage. Sie legen es mit auf den kleinen Schlitten, den sie abwechselnd hinter sich herziehen und auf dem sich ein guter Posten Felle befindet, die müssen ihr Reisegeld sein.

Sie klettern abwärts durch die endlosen Wälder, die schlüpfrigen Rinnen hinab. Nach einem halben Tag treffen sie auf Hufspuren. Bis hierher hat der Syrjäne heraufreiten können; der Genesene hat auch ein Pferd gehabt, aber der Wogule ist zu Fuss nebenher gelaufen.

Nach zwei Tagen erreichen sie die Ansiedlung. Der Boden ist zertrampelt, es sind viele Soldaten dagewesen, aber niemand ist zurückgeblieben. Es ist auch nicht viel mehr aufgebaut, als sie sich vom Frühling her erinnern. Fleisch- und Gemüsebüchsen liegen überall verstreut. Sie schnüffeln wie Hunde an den Resten. Abseits, an der mit Steinen eingefassten, umgitterten Stelle finden sie zwei frische Kreuze neben den beiden Dutzend alten. Die drei Kranken, die somit noch übriggeblieben sind, werden also bestenfalls mit den Soldaten davongezogen sein, nach Süden.

Als sie ihr Nachtfeuer entfacht haben, kommt der Wogule. Er ist nicht erstaunt, die beiden zu finden. Er ist verschlagen und gutmütig, seine verkniffenen Augen wissen soviel, wie Raubtiere wissen, die in der Steppe eine Herde beobachten; wer sich absondern wird und allein weiden, wer stark und wer schwach ist, das wittern sie.

Stoi fürchtet Verrat. Tinser jedoch merkt, dass er sich erkenntlich zeigen will von der Tabaksache her, dennoch ist es unleugbar, dass er den Syrjänen geführt hat. Daher ist Stoi wütend und setzt ihm die Flinte auf die Brust und ersucht ihn, ihnen ein anderes Platinlager zu nennen.

Der Arme winselt und fleht, es wäre der einzige Ort bis zum Kap. Tinser schiebt den Gewehrlauf an die Seite, er hätte gehört, dass sie wegen ihrer Götter niemals auf die Berggipfel stiegen. Und Stoi lässt sich die Flinte willenlos aus der Hand nehmen, und Tinser trägt sie von da an.

Der Wogule zeigt ihnen den Weg durch die Steppe, durch das rauhe Grossland. Stoi schiesst einen Fasan und einen grauen Fuchs, und sie verzehren beides. Sie erreichen den Waldstreifen und den Fluss. Der Jäger zieht ein Rindenboot aus einem Krattbusch. Unter den Wäldern gleiten sie dahin, schlafen am hügeligen Ufer. Schon treffen sie Fischerzelte, in denen zerfurchte Komimänner hausen. Sie kreuzen die Petschora, ziehen stromauf, lenken in einen Nebenarm, rollen das Boot auf runden Ästen über einen Hügelwall, setzen auf der anderen Seite wieder ins Wasser und gleiten mit der Strömung. Sie weichen von dem geraden Wege ab.

„Rote Reiter!“ sagt der Wogule.

Nachts unter den spitzen, durchscheinenden Rindendächern hört Tinser den Bayer im Schlaf murmeln: „Sie finden es net! Sie finden es net!“

Wieder geht es aufwärts, und immer wieder nach Westen. Sie müssen waten und treideln. So gelangen sie bis auf den sanften Rücken des Timan. Sie sehen fern die Hütten von Paromesch, aber der Wogule rät ab.

Stundenlang tragen sie das Boot durch den lichten Föhrenwald. Und wieder erreichen sie ein Wasser, einen gerölligen, schäumenden Bach, den jungen Mesen. Das flache Boot gleitet über die Strudel. An den stillen Krümmungsbuchten springen die Fische. In der Dämmerung, morgens und abends, zwitschern die Beerendrosseln in dem dünnen Laubgezelt.

Stoi ist oft in finsteres Nachdenken versunken. Engländer oder Amerikaner hätten die Senke gekauft, behauptet er, es wären so diese Unternehmer, die auf gut Glück Platingruben kauften und ruhig warteten, bis man eine entdeckt hätte. Sie trösten sich mit dem weit wertvolleren Gipfel und beraten, wie man es klug drehen soll. Tinser muss manchen Vorwurf hinnehmen, er wäre kein Kaufmann, er wäre womöglich schon froh, wenn sie ihn bloss nach Deutschland liessen. Manchmal ist er gänzlich verzweifelt, der Bayer.

„Der Mongole wird mirs verderben!“ brummt er vor sich hin.

Er meint den Wogulen nicht. Tinser weiss, was er meint. Denn es ist damals vor Jahren eine verfluchte und grausige Geschichte mit einem Mongolen geschehen, die ab und an noch in ihnen nachspukt.

Eines Mittags öffnen sich links und rechts die Waldufer, die Sonne bricht frei herein, feste Hütten stehen in der Steppe, blau und rot bemalt, und dort weiden Schafherden und Pferde. Der Fluss schwingt im Kreis, ein grosses Dorf liegt am Wasser, bunte Kähne dümpeln am Schilfrand, der Wind riecht nach Herdrauch. Eine goldene Kirchenzwiebel spiegelt sich heiter in den Kräuselwellen.

„Der Reiter dort!“ sagt Stoi, auf das Ufer deutend.

„Man könnte ihn für ein Mädchen halten“, meint Tinser.

Sie sind beide seltsam erregt. Der Wogule lenkt an einen Steg, und damit landen sie in Kosljansk.

Richtige Hütten und Stuben, Ställe, Vieh, Ordnung und gekochte Speisen. Sie erleben den Aufgang der Zivilisation wie Knaben ein Weihnachtsmärchen, die sich etwas ihrer Rührung schämen und etwas Verachtung heucheln. Jedes Stück Geschirr erweckt ihre Neigung. Sie messen die Dächer, die Zäune mit Kennerblicken. Sie melden sich beim Ortsvorsteher, von der Bevölkerung umringt. Beim Dorfjuden tauschen sie ihre Felle ein und erhalten nagelneue Rubelscheine. Sie kleiden sich neu, und Tinser erhält Benzin für sein altes Feuerzeug, das er blank putzt, als wollte er sich spiegeln. Sie widmen auf einmal ihrem Äusseren eine ungewohnte Beachtung, sie lassen ihr Haar kürzen und sich von dem Vollbart befreien. Denn es wohnt ein Fräulein im Dorf, eine Dame aus der Stadt, die zu Besuch weilt oder die vielmehr wohl eine Art dieser neuen Kommissarinnen ist, welche die Schulangelegenheiten selbst in dieser weltfernen Gegend prüfen soll. Sie hat sich gleich mit ihnen unterhalten, als sie landeten. Später ist sie ein Stück neben dem Wogulen hergeritten, diese kecke Reiterin, als er über die Steppe ging, einen der Hirten zu besuchen.

Sie haben sich inzwischen an Dielenbretter und Tongeschirr gewöhnt und an den Umgang mit Tür und Fenster.

„Die Segnungen der Kultur!“ sagt Staudelhofer mit stolpernder Zunge, und er trägt Verlangen nach einer Zahnbürste.

Sie richten die Augen auf die Strasse am Fluss, wo das Fräulein heranreitet, dieses gebildete Frauenzimmer, das im russischen Staatsdienst steht, die Moskau kennt und die nach Moskau zurück will. Der Bezirksvorsteher, der sie beide lange ausfragt, er weiss nichts von Rücktransport und dergleichen. Das wäre Angelegenheit der Sowjets. Der Jude meint, das Fräulein würde es wissen, und sie wagen, sie bescheiden und in aller Hochachtung um Auskunft zu bitten. Sie zuckt die Achseln unter dem feinen Pelz.

„Wologda“, sagt sie. „Oder wahrscheinlich Moskau.“

Die ganzen Männer und Frauen des Dorfes wiegen sich hin und her, die Hände in den Hüften, und singen es in Ehrfurcht nach, diese beiden Namen der fernen, grossen Städte.

Das Fräulein veranlasst den Wolostmann, ihnen eine Art Pass auszustellen, was auf einem richtig vorgedruckten Stück Papier bewerkstelligt wird, auf einem richtigen Formular.

Sie schlafen die Nacht in einem Schafstall, unruhig vor Glück und voller Träume der Zukunft, trotzdem das Kräuterbrot und der geschmorte, uralte Speck, sowie etwas Schnaps ungewohnt in ihnen rumoren.

Tinser spricht weit nach Mitternacht die zögernde Vermutung aus, dass dies ‚merkwürdige Wesen‘ — so nennt er die Kommissarin, um eine kleine Glut nicht einzugestehen — womöglich in einem regelrechten blaukarierten Bauernbett schliefe. Stoi kann es sich gut vorstellen.

„Sie ist schlank wie eine Wölfin, weiss dieser und jener, ich will nicht fluchen, aber sie sieht meiner Frau ähnlich, der Peppi!“

Stoi hat auf einmal eine schwunghafte Sprache an sich, er ist kühn in manchen Vergleichen, als wäre er noch der alte forsche Kerl von damals. Tinser fühlt fast einen kleinen Neid aufkeimen, tut es aber gutmütig ab, wird hingegen, als es zu tagen beginnt und sie etwas geschlafen haben, ein wenig besorgt. Er hat verwirrt geträumt. Sie hat einen Mund wie die Schwester im Tscherno-Hospiz, denkt er, aber er teilt seine dumpfen Befürchtungen dem Freunde nicht mit, um ihn in seiner Arglosigkeit und heiteren Laune nicht zu stören.

Es stellt sich nun am Morgen heraus, dass die schöne Kommissarin mit ihnen zusammen abzureisen gedenkt. Der Zweck ihrer Inspektionsreise wäre sowieso beendet.

Da es ein weiter Weg bis zur Bahn ist, werden ihnen Pferde zur Verfügung gestellt, sie übernimmt die Bürgschaft dafür. Sobald sie die Station erreicht haben werden, sollen sie die Pferde an den dortigen Gemeindevorsteher abgeben, so ist die einfache Bedingung in diesem freien Land.

Sie reiten von dannen voll Zuversicht und Freude, ohne Furcht vor dem weiten Weg. Auch Tinser schiebt seine düsteren Gedanken in den tiefsten Grund seiner Seele zurück, und sie halten sich wie Kavaliere ein Stück hinter dem angenehmen Fräulein, das sie mit ‚Towarisch‘, mit Genosse angeredet hat und das sich viel besser im Sattel hält als sie, denen es seit so langer Zeit ungewohnt ist.

4

Die Baryschnja

Die Sonne ist dahin. Der Himmel, wolkenlos seit Anbruch des Tages, scheint die Bläue von den Rändern aufzuschlürfen, am gierigsten im Nordwesten, so dass der Zenit mit dunkelm Blau volläuft und, zugleich sich schrägauf höher wölbend, wie eine ungeheure Eischale über das Land gestülpt ist.

Das Land ist flach, eine tonlose Ebene, kreisrund und ohne Licht. Nur der Duft welkender Kräuter geht im Windzug träge umher.

Nun beginnt auch der Horizont im Osten zu glimmen, das Perlmutterfarbene rötet sich vom Widerschein. Auf einmal entsteht dort am Erdrand ein dunkler Punkt, ein winziges Loch, das sich gleichsam in den Himmel sengt. Es wird grösser, zackiger, es teilt sich. Nun kann man es erkennen:

Drei Reiter kommen über die Ebene.

Als ritten sie auf grossen Hunden, so klein sind ihre Pferde. Sie kommen aus der Richtung, wo Kosljansk liegt, und könnte man sich erheben wie ein Vogel, so müsste man noch die blauen Rücken des Timan über die Ferne krempen sehen.

Sie sind alle drei gleich wie Bauern gekleidet, in Schafskitteln, in langen Stiefeln und die Lammfellmütze auf dem Ohr. Der eine ist lang, der andere untersetzt, der dritte, man sieht es am Anheben aus den Hüften und an den bunteren Stiefeln, ist ein Weib.

Bei einer Krüppelkiefer treffen sie auf etwas Dahingestrecktes. Sie halten und beugen sich ein wenig aus dem Sattel. Da liegt sauber und friedlich ein wohlerhaltenes menschliches Skelett, von den Gräsern durchwachsen. Ein verrostetes Seitengewehr steckt daneben, einen alten Bindfaden am Schaft; aber der Zettel, der daran gehangen haben wird, ist längst über die Steppe dahingeweht. Es mag Jahre her sein.

„Man sollte die Bauern anhalten, dergleichen zu begraben!“ sagt Tinser hoch über den Pferdehals herab.

Stoi blickt ihn unbehaglich an. Eine gemeinsame Erinnerung steht dunkel in beider Augen, und Stoi, der jetzt einen Schnurrbart trägt, stösst unversehens einen lästerlichen Fluch aus.

Der dritte Reiter, die russische Kommissarin, spricht, als schriebe sie die Worte auf die fahlen Rippenzeilen: „Andenken sind gut.“

Und damit reiten sie weiter.

„Towarischin,“ wendet nach einer Weile Tinser sich an das Mädchen, und es bedeutet Genossin. Er hält sich rechter Hand, gerade und lang ragt er aus dem Sattel empor, die Schafmütze schräg auf den steilen Hinterschädel geschoben. „Wie weit noch —“

Das Mädchen unterbricht ihn: „Rede mich ruhig mit Baryschnja an, Towarisch Tinser!“

„Verzeihung, selbstverständlich, also denn, gnädiges Fräulein!“ Sein Ton wird preussisch.

Stoi lacht auf, so dass es trocken in die Dämmerung knattert.

„Aber ich, Hauptmann Staudelhofer, werde es nicht tun!“ lacht er.

„Jeder neigt etwas zur Eitelkeit, das ist Menschenlos!“ sagt Tinser auf Deutsch und wirft einen mahnenden Blick zu dem Bayer hinüber.

Die Baryschnja wiegt sich gut in Hosen und mit buntem Leder besetzten Filzstiefeln dahin. Sie trägt seidene Strümpfe und Lackschuhe darunter, die beiden Männer wissen es; denn sie hat bei der Mittagsrast die Botiki ausgezogen. Magere Wege fädeln sich durch die Steppennarbe, es wird schon unsichtig. Das Mädchen sagt, nicht sehr laut, da man die Hufe kaum hört:

„Die Anrede mag für eine Bolschewistin etwas eitel sein, aber wir tragen keinen Schmuck mehr als uns selber. Vielmehr dieser arme Boden hier, er trägt uns als Schmuck. Ich möchte mich mit den Füssen an diesen Gäulchenschweif binden und, den Mund auf dieser Erde, mich im Galopp zu Tode küssen! Ich kann mir keinen Bart wachsen lassen, ich kann mir nicht helfen, ich liebe dies Land, wie ein Weib liebt.“

„Schön!“ antwortet Tinser. „Hauptsache, dass Sie die Gegend kennen und wir uns nicht verlaufen.“

Ihre Stimme hebt sich an, fast singend, ihr Atem ist vom Ritt unverbraucht, ihre Hand weist in die Runde.

„Sieh, wie es sich verzweigt! Jeder Weg hat seine Heimat, und überall ist es die Lust, auf und ab im Schwung dahinzutraben. Spiel, was du willst, die Liebe oder die Balalaika, schufte oder diniere mit bedeutenden Geistern: das gute Auf und Ab, das macht es, das ist die Lust. Das Ziel? Das Ziel ist immer schnell herbei. Es wird fast langweilig, wenn man zu gut im Sattel sitzt.“

Tinser sieht ernst zu ihr nieder. Seine Gehirnrinnen sind für solche Überlegungen in langen Jahren zu sehr verschlickt. Er weiss nichts zu antworten. Ein mühsames Bild quält sich in ihm auf, ein heller Strom voller Schiffe, ein Haus auf der Uferhöhe, ein helles Mädchen, das da oben steht. Die ungeheure Einsamkeit ringsum stimmt ihn auf einmal traurig. Er blickt zurück. Das Gebein, diesseits eines Grasbuckels gelegen, ist noch zu erkennen. Das Mädchen fängt seinen Blick auf. Sie neigt kurz ihr von Entbehrung und Erlebnis vor der Zeit geschärftes Profil. Ihr grosser schöner Mund hebt sich danach gegen ihn, als schwebte er. Nun trällert sie ein wenig mit etwas gläserner Stimme:

„Seht das Haus, dort seht in der Lubjanka,

Der Tod verspritzt mein Blut, mein rotes Blut.

Es ist ein Lied, das man in Moskau singt, es ist das letzte Ziel, wie das dort hinter uns,“ sagt sie leise. „Vielleicht hat man ihn umgebracht wegen eines geringen Zwiespalts der Gedanken. Vielleicht war seine Zeit dahin, vielleicht hat man ihn essen müssen in der bitteren Not. Ach, er war ohne Schuld und seine Mörder auch; denn ist das Opfer nicht süss um des Todes willen? Ursachen sind verzwickte Knäuel, wie soll ein Mensch sie rasch entwirren! In uns, o Lieber, wohnt die grosse Bestie, und der arme Christus steht immer vor der Tür. Und wenn es wahr ist, dass geschrieben steht, es werde das Lamm das Tier verschlingen, so muss es doch selber zur Bestie werden, wie solches sie denn auch in Jesu Namen mehr als im Namen des Teufels bewiesen haben. Schwimmt die Erde nicht heute wie ein dunkler Dotter im Himmel? Vielleicht war dieser Mensch der Same aus Gott. Nun brütet die Ewigkeit daraus eine neue Welt. Ach ja. Lass ihn gesegnet sein! Das Mütterchen hat ihn in ihre morgenrote Schürze gefaltet, wann nimmt sie auch uns ans letzte Gängelband?“

Stoi, der ab und zu finster herübergeblickt hat, nestelt die Flasche vom Gurt und trinkt. Er knurrt etwas Dumpfes und schlägt die Hacken in seinen Gaul.

Die beiden traben gleichfalls an.

So geht die Zeit dahin. Die lange Dämmerung wird zur Nacht. Der Mond steigt strichdünn in den grünen Himmel. Die Nachtzikaden beginnen zu lärmen. Der Geruch der abgeblühten Gräser ist dick wie süsses Brot. Tinser nimmt eine Bodenschwellung wahr und sieht nach den ersten Sternen, um die Richtung zu prüfen. Sein Sinn ist voller Verwirrung.

Als er wieder hinterherkommt, wendet sich das Mädchen mit bedeutungsvoller Betonung nach ihm um.

„Die Sterne sind oben, aber hier unten sind Lichter!“

Wirklich tauchen in grosser Ferne Lichter vor ihnen auf. Tinser sinkt etwas in sich hinein. Bei dem niedrigen Gaul reichen die Bügel schlecht für seine Beine. Er ist hundemüde und dennoch seltsam erregt. Aber jetzt wird Stoi aufgeräumt.

„Hast du keine Angst?“ hört er ihn zu dem Fräulein sagen.

„Die Tscheka ist tot!“ antwortet sie.

„Mir ist so eine kleine Taschenkanone, wie du sie hast, sicherer.“

„Man schiesst besser mit der Zunge, aber man muss sich auf das Sichern verstehen!“

Ihre Stimme hört sich schnippisch an. Tinser lenkt sein Pferd so, dass er Stoi einen heimlichen Blick zuwerfen kann. Stoi scheint es nicht sehen zu wollen. Aber das Mädchen merkt es.

„Glaubst du, dass ich eine Agentin bin?“ fragt sie unverblümt.

„Ja!“ antwortet Tinser, so sorglos es heraus will. Sie lächelt, er fühlt es mehr, als dass er es sieht. Sie heisst Stasja Antonowna, denkt er.

„Dsershinski, der rote Henker, er macht jetzt Eisenbahnen, und ich bin nicht als Kavalierpüppchen entsandt, sondern um das Gelände zu prüfen.“

„Er macht auch Kinderheime für die ganz Vorsichtigen!“ fügt der Bayer hinzu.

Was mag in ihn gefahren sein! Tinser steigt es beklommen auf.

„Ja, wir,“ sagt Stoi, „die wir abgesandt sind —“

Die Reiterin unterbricht ihn, ein kurzes Gurren in der Kehle, sie verdreht das Wort, ihre Stimme klingt spielerisch und lauernd:

„Weggesandt! Auch mich will man los sein!“

Tinser fühlt, wie sie ihn schräg von unten ansieht.

Was soll das, denkt er. Die Gurgel ist ihm eng. Er drückt den Kopf ins Genick. Er fühlt die Narbe und die Erinnerung an jene unheimliche Schwester, die Jahre zurückliegt. Da reitet ein Weib zwischen ihnen, zwischen ihm und einem guten Kameraden. Oh, diesmal sind sie misstrauisch und ahnen beklommen, dass es unnötig ist, misstrauisch zu sein, in dieser Beziehung wenigstens. Und es ist nach langer Zeit wieder ein gebildeter Mensch. Vielleicht sogar ein ausserordentlicher Mensch. Verdammt, dass es dazu ein Weib ist!

Stoi hat von Mittag an gänzlich verschleierte Augen gehabt, man muss befürchten, dass er vor Fieber plapperhaft wird.

Nun erzählt er sogar die Geschichte von dem Mongolen, den sie in den Bagger geworfen haben mit eigner Hand.

Tinser prescht vor, um es nicht mit anhören zu müssen.

5

Die Fratze im Nacken

Nach einer Weile bezwingt Tinser seinen Unwillen, er pfeift vor sich hin, lächelt sich gleichsam zu.

Was soll ihm ankommen? Es gibt zwischen Himmel und Hölle nichts, was sie nicht erlebt hätten. Und hier zumal, im Frieden der Steppe, ist die rechte Zeit gekommen, endlich ein wenig sorglos zu sein. Stoi hat recht! Die Jahre haben sie gegerbt wie ein unverwüstliches Hosenleder. Und nun ist es soweit, und sie reiten in die Sonne und in die Heimat.

Das Gras riecht im Dunkeln, es duftet wie lauter Feste, wie kleine lächelnde Erinnerungen. Oh, er hat den Namen nicht vergessen. Zu Hause im alten Schrank muss noch verborgen ein winziges Taschentuch liegen, und es duftet nach indischem Heu. Es fällt ihm aufs Herz, Ewigkeiten liegen zwischen den Zeiten, und noch immer klebt er hier in der unendlichen Ebene, eine kleine Russin hinter sich in bunten Stiefeln, die verteufelte Gedanken hat, dass einem die Augen übergehen, und der man eine alte elende Geschichte erzählt.

„Stoi! Verflucht!“ stöhnt er. „Halt auf!“

Sein Pferd dreht sich wie auf einem Teller. Es kommt ihm fast in den Sinn, zurückzureiten in das leise Gemurmel hinter seinem Rücken. Aber das Pferdchen wittert das Dorf, und Tinser lässt es gewähren. Er fühlt sein Herz schlagen und das des Tieres.

Überall ist Heimweh, wer hätte das geahnt, lächelt er. In der Moossenke war es friedlich, dumpf und friedlich wie Bären hausen sie da. Nun gibt es anderes zu denken und bedenken. Die Welt ist das, wohin sie reiten. Das ist zu bedenken. Ewig ist da zu denken. Klipp klapp, wie eine Mühle mahlt das Gehirn, und lässt man sich darauf ein, dann gibt es kein Halten mehr. Verfluchtes Spiel! Stoi sollte seine Stimme dämpfen. Denken ist Bilderjagd, Worte zünden es an, es brennt im Gehirn, ein brennender Film. Wie lange ist es her, dass er in einem Kino war! Vor Jahren gingen da schöne Frauen über die Leinwand. Der Apparat schnurrte, als hätten sie ein Uhrwerk in sich, zuzeiten aber überwog das Geschehen, dann rauschte es zwischen Geigengeflimmer und Harmonium, es ging ans Herz, wie sie lachten, Böses taten, heimliche Briefe öffneten und sich zu entkleiden begannen. Der Liebhaber, der Gatte stürzten herzu; aus einer Hüfttasche, überlebensgross, Detailbild, entschälte sich der Revolver. Oh, dies süss sterbende Lächeln, letzte Vergebung, Enthüllung und die Hetzjagd des gefolterten Mörders. He! He! Man dreht eine Kurbel, das ist das Ganze. Das Zimmer hat nur drei Wände, Einbildung ist alles! Schauspielerei! Und der Held reisst faule Zoten, wenn er dem Auge nach schmachtet. Ein Mensch, der durch Erkältung ertaubte und vom Mund lesen konnte, hat ihm das erzählt. Warum war er nicht stumm? Was soll man noch glauben? Verflucht, was hatte er so irrsinnig zu brüllen! Ein Hebel wird gedreht, dann schnurrt es los! Bagger he! Bagger he! —

Was denn? Wer denn? Schweben sie nicht friedlich dahin in einer schönen Nacht über die unschuldsvollste Steppe der Welt? Es ist nichts zu erkennen, die Lichter sind verdeckt oder erloschen. Es ist beinahe, als höbe sich das Flache, als stünde es wie eine steile Wand vornweg. Fünfhundert Meter und mehr. Da oben dröhnt es, oder sollte es dröhnen.

Der Schädel brummt ihm wohl, das ist alles. Dieser alberne Heuduft! Er benimmt den Atem. Verflucht, verflucht! Was brennt es ihm im Genick! Die Fratze, die gelbe Fratze grinst ihm im Nacken. Still, still! Was soll die Hölle hier im unschuldsvollen Schweigen! Er dreht seine Gedanken zur Vernunft, er hat wohl Fieber in den Ohren; nichts ist zu hören als nur das Janken und leise Geklirr am Sattel und im Riemenzeug, das Scheuern der Kleidung, das Schnaufen des Pferdchens. Haha, es ist die tote Stille der Nacht, welche diese kleinen Geräusche sozusagen unters Mikroskop legt, so dass sie lächerlicherweise an jene Bagger erinnern.

Tinser zuckt die Schulter. Ich zucke sie gleichmütig, sagt er sich und schnäuzt sich durch die Finger.

Das Gras ist welk, schreibt er in seinem Gehirn, es riecht nach Heuschnupfen, manche haben Fieber davon. Der Himmel dämmert wie ein Mädchentaschentuch vor ihm, die Steppe raschelt wie ein Mädchenrock.

Die Baryschnja hat sich nicht parfümiert, denkt er, es riecht etwas nach Lazarett.

Er windet sich im Sattel, zieht den Kopf gleichsam in die Brust, er sieht überdeutlich jene Schwester durch die Baracke gehen, damals, in der ‚Leichenkiste‘. Sein Gehirn wird willenlos, die Erinnerung hetzt den alten grausigen Film hindurch.

Die Baryschnja sieht ihr ähnlich, schreit er sich verzweifelt an, er schlägt die Sporen ein, rast wie wild in die bodenlose Nacht.

Bagger he! Bagger he! gellt es in seine Ohren.

Er landet, wie in manchem Fiebertraum vergangener Nächte, an dem alten Baggersumpf bei Taglai. Der Mongole winselt, sein Spiegelbild zuckt im Morast, er hat die Schwester, die keine war, ermordet, ihr Angesicht zerschossen und hat das Platin gefressen, der gelbe Hund, das rote Schwein, und Stoi gibt ihm den letzten Tritt. Wie ein schmutziger Klumpen rollt das Bündel Mensch im Sumpf, schon treibt er im Saugwirbel. Der Bagger tost, schluckt Erdreich, Schlamm, Fels und Gestrüpp, schluckt alles, was ihm vor den Rüssel kommt. Der Mongole hebt das überschlammte, kreiselnde Gesicht, so sieht kein Mensch aus. Schon packt ihn der Greifer. Er brüllt, er sieht Tinser an, ausgerechnet Tinser sieht er an und brüllt, dass es Himmel und Hölle übertönt.

„Schiess!“ brüllt er.

Und dann ist es vorbei. Der Bagger tut seine Schuldigkeit mit Mahlgang, Wäscherei und Sieber. Auf die Filzplatte in der Schleuse erbricht sich ein kleiner blutiger Haufen Metallschutt.

Tinser hält sich verkrampft im Bügel, reckt sich jäh hoch; schaurig lacht er auf.

„Ich wollte schiessen!“ schreit er in die Nacht.

Dann schüttert er dumpf in den Sattel zurück.

Stois Stimme und die der Baryschnja antworten hinter ihm, als hätte er etwas Ermunterndes gerufen. Ganz nahe schlagen Dorfköter an, und schon sind die Umrisse armseliger Höfe zu erkennen.

6

Feuer im Osten

In der Nacht wacht Tinser auf. Das Schnarchen der Bauernfamilie brandet durch das Dunkel. Gegen das Fenster erkennt er Stoi, der gebückt dasteht. Tinser räuspert sich. Stoi flüstert zurück, als bisse er die Zähne zusammen: „Ich geh!“