Tödliche Ferien - Matthias P. Gibert - E-Book

Tödliche Ferien E-Book

Matthias P. Gibert

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Beschreibung

Während der documenta wird im Bereich der Fuldaaue eine Frau von ihrem Fahrrad gerissen, in ein Gebüsch gezerrt und brutal ermordet. Hauptkommissar Thilo Hain und seine neue Kollegin Pia Ritter übernehmen den Fall. Die Tote hieß Evelyn Schürmann und war als Lehrerin bei Kollegen und Schülern sowie Eltern verhasst. Als Hain und Ritter Schürmanns Mutter aufsuchen, um ihr die Nachricht über den Tod ihrer Tochter zu übermitteln, finden sie auch diese ermordet auf. Schwieriger könnte sich der erste Fall für Hain und Ritter kaum gestalten.

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Seitenzahl: 382

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Matthias P. Gibert

Tödliche Ferien

Kriminalroman

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Unkrautkiller (2016), Paketbombe (2016),

Halbgötter (2015), Müllhalde (2014),

Bruchlandung (2014), Pechsträhne (2013),

Höllenqual (2012), Menschenopfer (2012),

Zeitbombe (2011), Rechtsdruck (2011),

Schmuddelkinder (2010), Bullenhitze (2010),

Eiszeit (2009), Zirkusluft (2009),

Kammerflimmern (2008), Nervenflattern (2007)

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Sven Lang

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Markus Kothe / fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5476-9

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1. Kapitel

Hauptkommissar Thilo Hain ließ das kleine Mazda-Cabriolet in der Parklücke ausrollen, stellte den Motor ab und sah hinauf in den perfekt wolkenlosen, azurblauen Sommerhimmel. Der Kloß in seinem Hals wollte einfach nicht verschwinden, und seine Hände fühlten sich schwitzig und verklebt an. Eine Minute später stand er am Klingelbrett, legte den Finger auf den Taster und betrat nach dem Ertönen des bekannten Tons den angenehm kühlen Hausflur. Im dritten Stock wurde er von einer rothaarigen, etwa 55-jährigen Frau empfangen, die ihm wie immer die Hand entgegenstreckte, ihn freundlich begrüßte und dann vorausging. Der Hauptkommissar streifte sich die Schuhe von den Füßen und folgte ihr. Über eine geschwungene Treppe gingen sie in das Obergeschoss der großzügig geschnittenen Wohnung, und kurz darauf saßen sich die beiden, getrennt durch einen niedrigen Holztisch, in bequemen Sesseln gegenüber.

»Wie geht es Ihnen, Herr Hain?«, wollte die Frau wissen.

»Na ja, ging schon besser«, erwiderte der Polizist ein wenig gedrückt.

»Woran liegt es?«

Er schüttelte entrüstet den Kopf und riss dabei die Augen auf. »Sie fragen mich das nicht wirklich ernsthaft, oder?«

Die Frau fing sanft an zu lächeln. »Also konstatiere ich, dass es damit zusammenhängt, dass wir uns hier und heute zum zunächst letzten Mal sehen? Liege ich damit richtig?«

Nun fing auch Hain an zu grinsen. »Damit liegen Sie aber so was von richtig, Frau Schmers.«

»Und ich konstatiere weiter, dass Ihre Trauer und Ihre Wehmut mehr gespielt sind als den Tatsachen geschuldet.«

»Die Wahrheit liegt, wie immer, wahrscheinlich in der Mitte.«

Er wurde ernst.

»Klar geht es mir auf den Keks, dass ich mich in Zukunft nicht mehr bei Ihnen ausheulen kann. Dass ich ab jetzt mit meinem bescheuerten Boss allein klarkommen muss. Und dass ich mich über den Kollegen, den er mir heute als neuen Partner vor die Nase setzen wird, und der vermutlich der letzte Vollidiot sein dürfte, nicht mal bei Ihnen beschweren kann.«

»Vielleicht ist der neue Kollege ja jemand, mit dem Sie, ganz entgegen Ihrer jetzigen Erwartungshaltung, sehr entspannt und professionell zusammenarbeiten können«, gab sie zu bedenken.

»Ja, genau, so wie die letzten beiden auch, oder was?«

Er holte tief Luft.

»Ich weiß, Frau Schmers, dass wir nicht ewig und drei Tage mit diesen Sitzungen weitermachen können, aber wenigstens noch bis zum Ende des Jahres. Wollen Sie nicht noch einmal darüber nachdenken? Mir wäre es echt wichtig. Ehrlich.«

Die Psychotherapeutin sah ihn lange an.

»Wir haben eine Vereinbarung, Herr Hain. Ich habe Ihnen sehr klar auseinandergesetzt, dass wir am vorläufigen Ende Ihrer Psychotherapie angekommen sind. Wir haben ausführlich darüber gesprochen, dass auch eine Psychotherapie zu einer Abhängigkeit führen kann und dass wir dieses Risiko nicht eingehen sollten. Außerdem …« Sie griff zum vor ihr auf dem Tisch stehenden Wasserglas und trank einen Schluck. »Außerdem waren wir uns darüber einig, dass wir alle Sie belastenden Aspekte, die mit dem Tod Ihres Kollegen zu tun haben, bearbeitet haben.«

»Es fühlt sich trotzdem an, als würde ich von Ihnen ziemlich brutal ins kalte Wasser geworfen. Brutal und herzlos.«

Wieder huschte ein leichtes Grinsen über ihr Gesicht. »Auch wenn es sich im Augenblick für Sie so anfühlt, was ich Ihnen allerdings nicht wirklich glaube, so wissen Sie, dass Sie sich im Fall einer Krise auch in Zukunft an mich wenden können.«

Ich kann die Krise praktisch schon fühlen, hätte Thilo Hain am liebsten erwidert, doch ein Blick über den Tisch und in ihre Augen brachte ihn davon ab.

Eine Stunde darauf saß er in seinem Büro und erledigte den Papierkram zu jenem Fall, der ihn in den letzten zwei Monaten vorrangig beschäftigt hatte. Gerade als er sich den abschließenden Sätzen widmen wollte, klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch.

»Ja, Hain«, meldete er sich.

»Ich bin’s, Herbert.«

Hain freute sich, die Stimme von Kriminalrat Herbert Schiller, dem Leiter der Kriminalinspektion, zu hören.

»Klasse. Ich dachte schon, es sei der von mir so geliebte erste Hauptkommissar Vogler, der mir den neuen Kollegen aufs Auge drücken will.«

»Der von dir so geliebte erste Hauptkommissar Vogler ist wegen einer Familiensache heute Vormittag abwesend, weswegen wir beide uns mit der Sache beschäftigen müssen, Thilo.«

»Der Kollege Vogler ist erstens ein Arschloch, wie ich schon des Öfteren zu Protokoll gegeben habe, und zweitens hat er vermutlich keine Lust, sich schon wieder mit mir rumärgern zu müssen, weswegen er eine Familiensache vorschiebt. Oder vortäuscht, was weiß ich.«

»Und drittens ist er der Erste Hauptkommissar der Mordkommission, und damit dein direkter Vorgesetzter. Und wenn du noch einmal in der Form von gerade erwähnst, was du von ihm hältst, lass ich dich abmahnen.«

Hain lachte laut auf. »Erzähl keinen Scheiß, Herbert. Du willst ihn doch lieber heute als morgen loswerden, weil du ihn selbst für die größte Flachpfeife unter der Sonne hältst. Also erzähl mir nichts vom Pferd.«

»Ich werde nie mehr in meinem Leben mit dir einen trinken gehen, Thilo. Nie mehr. Und jetzt setz deinen Arsch in Bewegung und schaff ihn hier her, es gibt Neuigkeiten im Fall deines neuen … Partners.«

»Wie du das sagst, haben sie mir vermutlich einen ganz jungen Frischling direkt nach der Ausbildung aufs Auge gedrückt. Muss das wirklich sein, Herbert.«

»Nun hör auf, mir die Ohren vollzuheulen, und trab hier an.«

Es knackte und das Gespräch war beendet.

»Familiensache«, presste Hain kaum hörbar heraus. »Am Arsch hängt der Hammer.«

Herbert Schiller empfing den Hauptkommissar hinter seinem Schreibtisch sitzend, wie immer mit einem Bleistift zwischen den Zähnen, auf dem er genussvoll herumkaute.

»Irgendwann wirst du an einer verdammten Bleivergiftung sterben«, brummte Hain.

»Quatsch«, winkte der Kriminalrat ab. »Das, was auf jeden Fall nicht in modernen Bleistiften drin ist, ist Blei.«

»Egal. Gesund wird es trotzdem nicht sein.«

»Aber es beruhigt. Speziell, wenn man mit Menschen wie dir zu tun hat.«

Der junge Polizist sah sich in dem Zimmer um. »Ich dachte, du willst mir meinen neuen Schatten vorstellen. Wo ist er denn?«

Schiller lehnte sich in seinem Stuhl zurück, kippelte ein wenig und grinste feist. »Zuerst wollte ich dir eigentlich einen 120-Kilo-Frischling vom Land zuweisen, aber dazu mag ich dich doch ein bisschen zu sehr. Also bin ich in mich gegangen.«

»Mann, Mann, du willst es heute aber spannend machen, Herbert.«

»Notwendigerweise, ja. Viel mehr Chancen haben wir nicht mehr, Thilo, nachdem die letzten beiden Versuche ja mit Pauken und Trompeten gescheitert sind.«

»Was nun wirklich nicht allein an mir lag«, startete Hain einen hoffnungslosen Versuch der Rechtfertigung.

»Geschenkt«, winkte Schiller ab. »Dieses Thema diskutiere ich nun wirklich nicht mehr mit dir, mein Lieber.«

Es klopfte. Die beiden Männer drehten den Kopf und starrten Richtung Tür.

»Einen kleinen Moment noch, bitte«, rief Schiller und wandte sich wieder Thilo Hain zu. »Ich hab getan, was ich konnte, um dich aus der Schusslinie zu holen, Thilo. Aber das jetzt darfst du nicht wieder versauen. Jetzt musst du liefern. Hab ich mich klar und deutlich ausgedrückt?«

Hain nickte demütig. »Hast du, ja.«

»Das heißt, dass du diesem neuen Kollegen nicht wieder eine schmieren wirst?«

Ein erneutes Nicken.

»Und du lässt ihn auch nicht wieder im Winter nachts allein im Wald stehen? Dort, wo man mit seinem Super-Hightech-Smartphone nicht mal telefonieren kann?«

»Mach ich nicht mehr, versprochen.«

»Wir alle wissen, was du nach Pauls Tod durchgemacht hast, aber so langsam musst du wieder in die Spur kommen, Thilo. Sonst kriegen wir ernsthaft Probleme miteinander.«

»Ich verspreche dir, dass ich mich wirklich anstrengen werde.«

Schiller holte tief Luft und ließ seinen Stuhl nach vorn kippen. »Wenn du davon sprichst, dass du dich anstrengen willst, klingt das irgendwie wie eine Drohung.«

Damit wandte er sich zur Tür.

»Kommen Sie jetzt bitte herein, Frau Ritter.«

Die Tür wurde geöffnet und eine junge Frau betrat den Raum. Sie nickte dem völlig perplex dastehenden Hain im Vorübergehen zu und schüttelte dem Kriminalrat die Hand.

»Kriminaloberkommissarin Pia Ritter meldet sich zum Dienst«, sagte sie förmlich.

»Schön«, erwiderte Herbert Schiller mit einem matten Lächeln.

Thilo Hain war der Szene ebenso erstaunt wie schweigend gefolgt. »Ich will mich jetzt wirklich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber vielleicht gibt es ja doch einen Gott«, brummte er kopfschüttelnd.

*

Hain hielt seiner neuen Kollegin die Tür auf und bat sie in das ab sofort gemeinsame und ein wenig stickige Büro.

»Wusstest du eigentlich schon länger, dass wir beide in Zukunft zusammenarbeiten werden?«, wollte er noch immer überrascht von den Ereignissen wissen, während er die Kaffeemaschine in Gang setzte.

»Seit ungefähr einer Woche, ja«, erwiderte sie grinsend. »Aber Schiller hat mich dringend davor gewarnt, dir etwas davon zu erzählen.«

»Was für eine Kumpelsau.«

»Quatsch. Er wollte nur verhindern, dass du etwas dagegen sagen kannst.«

»Was sollte ich denn dagegen sagen?«, echauffierte sich der Hauptkommissar ein wenig zu deutlich gekünstelt. »Wenn ich hätte wählen können und du in der Verlosung gewesen wärst, hätte ich garantiert bei dir zugegriffen.«

Er holte tief Luft.

»Außerdem wusste ich doch überhaupt nicht, dass du die Uniform an den Nagel hängen und zur Kripo gehen willst. Ich habe mich zwar gewundert, dass ich dich nirgendwo mehr zu Gesicht gekriegt hab, aber das soll in diesen Zeiten nichts heißen. Hätte ja auch sein können, dass du in den Innendienst oder ganz woanders hin versetzt worden bist.«

»Nein, nein. Ich wusste schon länger, dass ich zur Kripo will. Aber wie du weißt, kann der Weg letztlich ein wenig länger sein als geplant.«

»Aber nun hat es ja geklappt, und ich freue mich wirklich, dass du es bist.«

Die junge Polizistin sah ihn ein wenig zweifelnd an. »Wie man hört, haben die letzten Versuche mit deinen neuen Partnern nicht so wirklich gut geklappt.«

Hain zog die Schultern hoch. »Natürlich sagen im Nachhinein alle, dass es nur an mir gelegen haben kann, aber das ist immer eine Sache der Betrachtung. Ich würde es nicht ganz so sehen.«

»Natürlich nicht«, erwiderte Pia Ritter süffisant.

»He, ehrlich. Der eine war ein Volltrottel und der andere eine begriffsstutzige Fressmaschine.«

»Und welcher von beiden hatte das Vergnügen, von dir nachts im Wald stehen gelassen zu werden?«

»Verdient hätten sie es beide gehabt, aber getroffen hat es nur die Fressmaschine.«

»Dann hat er also was auf die Mütze gekriegt?«

Der Hauptkommissar riss mit gespieltem Erschrecken die Augen auf. »Das hat sich bis zu dir herumgesprochen? Verdammt, dann ist mein guter Ruf jetzt vermutlich komplett ruiniert.«

»Bei mir nicht«, erwiderte die junge Polizistin gut gelaunt, während sie es sich in ihrem neuen Bürodrehstuhl gemütlich machte und eine Tasse Kaffee entgegennahm.

»Aber ich sag dir besser gleich, dass du weder das eine noch das andere jemals mit mir versuchen solltest. Vorher erschieße ich dich im Wald oder füge dir große Schmerzen zu.«

»Na, dann weiß ich wenigstens, woran ich bin.«

Die beiden lachten laut auf.

»Und jetzt genieß deinen Begrüßungskaffee. Danach mache ich dich mit der Abteilung und mit den Sachen vertraut, die bei mir auf dem Schreibtisch liegen.«

»Gute Idee. Allerdings würde ich zunächst gern ein paar Dinge über Ortwin Vogler, unseren Boss, erfahren. Stimmt es, was man sich über ihn erzählt?«

»Was erzählt man sich denn über ihn?«

Pia Ritter holte tief Luft, sah ihren Kollegen dabei mit hochgezogenen Augenbrauen an, sagte jedoch nichts.

»Also gut«, erklärte Hain nach ein paar Sekunden des Wartens. »Es stimmt alles, aber nur wenn es negativ, beleidigend, demütigend und herabwürdigend ist. Außerdem ist er ein komplett hirnrissiger, unglaublicher Vollspacken.«

Sie lachte laut auf. »Bei dem, was ich gehört habe, kommt er noch schlechter weg als bei dir. Doch ich vertraue da mal deiner Menschenkenntnis. Es stimmt also, dass er nur auf die Stelle des Ersten Hauptkommissars von K11 gesegelt ist, weil er in Wiesbaden über absolut perfekte Kontakte verfügt?«

»Dem würde ich auf keinen Fall widersprechen.«

»Ich habe gehört, ein Onkel von ihm soll ein hohes Tier im Innenministerium sein.«

»Um der Wahrheit die Ehre zu geben, er ist Voglers Patenonkel.«

»Wow.«

»Genau. Das macht ihn allerdings so gut wie unantastbar. Er kann sich hier in Kassel praktisch jeden Fehltritt leisten, was er auch weidlich ausnutzt, und nichts wird ihm schaden.«

»Dein Verhältnis zu ihm?«

»Er weiß, dass ich ihn für einen kompletten Idioten halte, aber irgendwie scheine ich so etwas wie Narrenfreiheit bei ihm zu genießen. Zumindest bis jetzt.«

Thilo bereitete für sich und Pia einen weiteren Kaffee zu und ließ sich mit der Tasse in der Hand auf seinem Stuhl nieder.

»Was aber nicht so bleiben muss. Ich habe auf einem Seminar mit einem Kollegen aus Gießen gesprochen, der gemeint hat, dass Vogler am Anfang seiner Zeit bei denen im PP ein ganz umgänglicher Typ gewesen sei, sich mit den Monaten jedoch immer mehr verändert habe.« Er seufzte. »Und als es richtig schlimm wurde, hat man ihn zu uns versetzt.«

»Mischt er sich ins Tagesgeschäft ein?«, wollte Pia wissen. »Ich meine, in deine … unsere aktuellen Fälle und so?«

»Zunehmend, ja. Neulich hat er davon gesponnen, jeden Abend über die aktuelle Lage informiert werden zu wollen.«

»Was heißt das genau?«

»Das hat er noch nicht ausgeführt, weil er so gut wie unsichtbar ist. Eigentlich sollte der Leitende Hauptkommissar deutlich sichtbar an der Spitze des Kommissariats stehen, aber das kannst du im Fall unseres guten Ortwin glatt vergessen.«

Pia Ritter fing an zu kichern. »Wer nennt sein Kind denn heutzutage noch Ortwin? Ich meine, auch wenn er nicht mehr unbedingt in meinem Alter ist.«

»Er ist nur ein paar Jahre älter als ich, falls du das meinst. Und über seinen Namen hab ich mir auch schon so meine Gedanken gemacht und mich gefragt, ob seine Eltern ihn schon vor der Taufe genau so blöd fanden wie ich ihn heute.«

»Eltern lieben ihre Kinder, Thilo, da kann kommen, was will.«

Hain lachte laut auf. »Echt? Wie viele hast du denn?«

»He, du weißt doch, wie ich das meine. Oder liebst du deine Jungs etwa nicht?«

Er dachte eine Weile nach. »Nicht immer im gleichen Maß und auf gar keinen Fall jeden Tag. Die beiden gehen mir nämlich manchmal so auf den Senkel, dass ich am liebsten aus der Hose hüpfen würde.«

Er nahm einen Schluck Kaffee, atmete tief durch und erzählte seiner neuen Kollegin anschließend sehr ausführlich, was genau ihn an seinen Zwillingen am meisten nervte.

Den Rest des Vormittags brachten die beiden damit zu, Pia Ritter in die aktuellen Fälle einzuarbeiten. Nach dem Mittagessen besuchten sie gemeinsam eine vom Polizeipräsidenten höchstpersönlich anberaumte Fortbildungsveranstaltung zum Thema ›Angemessenes Verhalten bei Großeinsätzen‹. Danach fuhren sie in Hains kleinem japanischem Cabriolet zu einer Baustelle am Stadtrand, auf der angeblich ein Zeuge in einem lang zurückliegenden Mordfall zu finden sein würde. Leider stellte sich die Information als Blödsinn heraus, und nachdem sie auf der Leipziger Straße in einem Café noch etwas getrunken hatten, beschlossen sie ihren ersten gemeinsamen Arbeitstag.

2. Kapitel

Evelyn Schürmann verließ das kleine indische Restaurant in der Kasseler Innenstadt, öffnete das Schloss ihres Fahrrades, zwängte ihre Handtasche in den Korb auf dem Gepäckträger und trat in die Pedale. Doch während sie mit einem kräftigen Tritt beschleunigen wollte, wurde ihr klar, dass mit dem Rad etwas nicht stimmte. Sie bremste und stieg ab.

»So ein Mist«, murmelte die 44-jährige Frau. Die Ursache war der fehlende Druck in ihrem Hinterradreifen, in dem ein rostiger Nagel steckte. Sie wog kurz ab und entschied sich dann gegen eine Reparatur vor Ort, obwohl sie Flickzeug dabeihatte. Aber um diese Uhrzeit, hier, im matten Licht der schwachen Straßenlaterne? Nein, dann lieber eine halbe Stunde nach Hause schieben und morgen früh eine schnelle Reparatur in der bestens ausgestatteten Garage.

Sie sog die warme Abendluft ein, zuckte kurz mit den Schultern und machte sich auf den Weg.

Die ersten 500 Meter auf dem Weg in die Karlsaue, dem großen innerstädtischen Park Kassels, ging es meist bergab, doch als es zunehmend ebener wurde, bemerkte sie jedes Kilo ihres hochwertigen Pedelecs. Und auf den unebenen, mit kleinen und kleinsten Steinchen übersäten Wegen innerhalb des Parks schob es sich gleich noch einmal etwas schwerer. Wieder dachte sie über eine Reparatur nach. Doch hier, in dieser nächtlichen Einsamkeit, wollte sie nicht länger verweilen als nötig. Ihr Blick fiel auf die Uhr an ihrem Handgelenk.

Halb eins. Komm, stell dich nicht so an, das ist doch nicht das erste Mal, dass du einen Platten hast.

Links von ihr wackelte eine erschrockene Ente Richtung Teich davon, ließ sich ins Wasser fallen und warf ihr schließlich aus sicherer Entfernung noch einen bösen Blick hinterher. Evelyn Schürmann musste unwillkürlich lächeln, schob ihr Rad weiter und betrachtete noch einmal das langsam davonschwimmende Federvieh.

Kurz hinter der Brücke über den Küchengraben bemerkte sie, dass zwei der Lampen, die den Weg beleuchten sollten, ausgefallen waren. Das kam immer wieder mal vor, und wenn sie mit gut 30 Stundenkilometern und ihrem eigenen, hellen Frontlicht unterwegs war, machte ihr das nicht wirklich viel aus. Nun aber sah sich die Frau ängstlich nach rechts und nach links um.

Mist.

Der Umweg um die dunkle Zone herum würde mindestens fünf Minuten mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Darauf habe ich nicht die geringste Lust.

Ihr Nacken fühlte sich feucht an, sie schwitzte, während ihr Mund immer trockener wurde. Die 200 Meter Dunkelheit würde sie dennoch überbrücken. Sie verfiel in ein leichtes Joggen, verfluchte innerlich die blöde Panne und tauchte kurz darauf in den deutlich dunkleren Bereich der beiden defekten Leuchten. Auf einmal kam ihr eine Idee: Ich habe doch einen Akku! Ich mache einfach das Licht an und …

Evelyn fuhr erschrocken herum. Ein paar Meter rechts von ihr, in einem Gebüsch, hatte es ein Geräusch gegeben. Ein Knacken.

»Hallo!«, rief sie mit demonstrativ zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein, während sie um das Hinterrad herumging, um es wie eine Mauer zwischen sich und die Quelle des Geräusches zu schieben.

Keine Reaktion.

Evelyn drückte hektisch auf dem Display am Lenker herum in dem Versuch, die akkugespeiste Beleuchtung in Gang zu setzen, wobei ihr Kopf immer wieder in Richtung des Gebüschs herum flog.

Verdammt!

In diesem Moment wurde sie mitsamt ihrem Rad brutal von hinten umgetreten. Sie spürte einen heftigen Stoß im Rücken und wunderte sich noch im Sturz, aus welcher Richtung der Angriff kam. Die Mathematiklehrerin breitete instinktiv die Arme aus und versuchte, den unvermeidlichen Aufprall auf dem Kies so gut wie möglich abzufangen. Einen Wimpernschlag später schlug ihre Brust auf den hochkant stehenden Lenker, während ihr rechtes Knie mit voller Wucht gegen die linke Pedale krachte. Sie schrie wimmernd auf und versuchte, sich von dem unter ihr liegenden Rad zu befreien, als sich zwei starke Arme um ihren Oberkörper schlangen, sie anhoben und Richtung Gebüsch schleiften. In Evelyn Schürmanns Gedanken mischte sich nun nackte Panik mit schlagartig aufkommender, grenzenloser Wut. Sie spürte weder die Schmerzen in der Brust, noch nahm sie die glatt in der Mitte gebrochene Kniescheibe wahr. Was sie jedoch wahrnahm, war das Parfüm oder Rasierwasser des Mannes, der sie unter Ächzen und Stöhnen ins Gebüsch bugsierte. In diesem Moment öffnete Evelyn instinktiv den Mund und begann, so laut wie möglich um Hilfe zu schreien. Der Griff löste sich und eine Hand legte sich um ihren Mund, doch sie hörte nicht auf zu brüllen. Dann wurde die Hand zurückgezogen und nahezu im gleichen Moment spürte Evelyn einen Schmerz, wie sie ihn noch nie in ihrem gesamten Leben verspürt hatte. Ihr Schreien verstummte zu einem Brabbeln, ihr gesamter Kopf schien zu explodieren und sie wäre nur zu gern bewusstlos geworden, was jedoch nicht geschah.

Soll er mich doch vergewaltigen. Ich werde mich nicht wehren. Wenn er mich nur am Leben lässt, wird schon wieder alles gut werden.

Der Griff um ihre Brust lockerte sich und sie wurde auf dem trockenen Boden im Gebüsch abgelegt. Wie in Trance nahm sie wahr, dass der Angreifer sich entfernte.

Er geht weg! Vielleicht hat das Brüllen etwas gebracht? Hab ich ihn verscheucht?

Die bei diesen Gedanken aufkommende Hoffnung zerplatzte nur eine Sekunde darauf wie eine Seifenblase. Sie nahm verschwommen wahr, dass der Mann, den sie nun von hinten sah, sich ihr Fahrrad schnappte und es ebenfalls ins Gebüsch zerrte. Dann herrschte für ein paar Sekunden Stille.

»Was … wollen … Sie von mir?«, stöhnte Evelyn Schürmann in die Dunkelheit.

3. Kapitel

Am nächsten Morgen fand Thilo Hain einen Zettel auf seinem Schreibtisch mit der Aufforderung, sich zusammen mit seiner neuen Kollegin bitte in Ortwin Voglers Büro einzufinden. Er knüllte das Papier zusammen und warf es aus drei Metern Entfernung in den Papierkorb.

»Wenn der Tag mit so einer Einladung losgeht, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, was meinst du? Wollen wir ihn noch etwas warten lassen oder sollen wir gleich los?«, fragte er seine verschlafen aussehende Kollegin.

Pia Ritter gähnte. »Ich bin, obwohl es vermutlich ganz und gar nicht so aussieht, schon ziemlich wach, Thilo, deshalb wäre es mir ganz recht, wenn wir die Sache möglichst bald hinter uns bringen würden.«

»Du Glückliche.«

Er trank seinen Kaffee aus, stellte die Tasse auf dem Tisch ab und wollte sich langsam auf den Weg zur Tür machen, als das Telefon auf dem Tisch sich meldete.

»Ja«, sagte er, weil der Klingelton auf ein internes Gespräch hinwies.

»Wo genau ist das?«, fragte er nach einer Weile des Zuhörens und zog dabei einen kleinen Notizblock aus der Innentasche seines Sakkos.

»Kann man da hinfahren oder muss man den Wagen irgendwo außerhalb stehen lassen?«

Die Antwort auf seine Frage schien ihn zu erfreuen.

»Gut, wenigstens etwas. Wir sind in zehn Minuten da.«

Damit legte er das Mobilteil in die Ladeschale und fing an zu grinsen.

»Das wird nichts mit unserem Antrittsbesuch bei dem geschätzten Ersten Kriminalhauptkommissar Vogler«, erklärte er der fragend dreinschauenden Pia Ritter. »Wir haben eine Leiche in der Karlsaue, und die ist allemal wichtiger als dieser Idiot.«

Die Oberkommissarin war schon an der Tür.

»Der zweite Morgen, und schon geht es richtig los. Eigentlich hatte ich mir meine erste Zeit etwas ruhiger vorgestellt, Thilo.«

»Da hättest du vor einem halben Jahr kommen müssen, da war es deutlich ruhiger. Aber immerhin mit der Gefahr verbunden, nachts allein im Wald rumstehen zu müssen.«

»Dann doch lieber so«, konstatierte sie gelassen. »Aber du rufst unseren Boss an und stornierst das Gespräch mit ihm.«

»Nichts lieber als das.«

*

»Lemmi« Lehmann vom Kriminaldauerdienst erwartete die beiden etwa 50 Meter vom großflächig abgesperrten Tatort entfernt.

»Moin«, begrüßte er Hain und reichte dann Pia Ritter die Hand. »Hallo, Pia. Wie macht er sich denn?«

»Geht so.«

Hain blickte den Kollegen vom KDD forschend an. »Sag bloß, du hast das gewusst?«

»Was denn gewusst?«, gab sich Lehmann unwissend.

»Dass Pia meine neue Partnerin wird, was denn sonst?«

»Ja, ich muss zugeben, dass ich das eine oder andere in dieser Richtung gehört hatte. Es gab ein paar Kollegen, die mich darauf angesprochen haben, um genau zu sein.«

»Ein paar Kollegen …? Scheinbar wusste jeder im PP davon, nur ich nicht«, brummte der Hauptkommissar.

»Ganz so würde ich es nicht darstellen, aber es nähert sich der Wahrheit schon ziemlich deutlich an.«

»Verdammtes Pack.«

Lehmann lachte laut auf. »Ich dich auch, Thilo.«

Damit wandte er sich um und bedeutete seinen Kollegen, ihm zu folgen.

»Wir haben die Leiche einer Frau. Gefunden wurde sie von einem Jogger, der ihr Fahrrad im Gebüsch hat liegen sehen. Und im Näherkommen dann auch die Frau.«

»Wann war das?«, wollte Hain wissen.

»Vor etwas mehr als einer Stunde, deshalb sind wir ja hier und nicht ihr.«

Der übergewichtige Mann vom KDD blieb abrupt stehen.

»Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass es wirklich kein schöner Anblick ist, der uns da erwartet.«

»Wenn das in meine Richtung geht«, beschied Pia Ritter ihm, »dann muss ich dir sagen, dass ich seit mehr als zehn Jahren dabei bin und schon die eine oder andere Leiche gesehen habe.«

Lehmann sah sie an und nickte. »Soll nur hinterher keiner sagen, ich hätte ihn nicht gewarnt. Und jetzt die Füßlinge angezogen, Freunde, sonst gibt es wieder einen Höllentanz mit der Spurensicherung.«

Hain und Ritter folgten seiner Anweisung. Danach hielten die drei auf das Gebüsch zu, bückten sich unter dem Trassierband durch und hatten kurz darauf den Fundort der Leiche erreicht. Die Tote selbst wurde von Dr. Franz, dem am Boden kauernden Rechtsmediziner, verdeckt.

»Morgen, Doc«, begrüßte Hain den Arzt.

Franz drehte sich um und stand auf. »Ach, der Herr Hain. Morgen auch.« Dann nahm er die auf die tote Frau starrende Pia Ritter wahr. »Und das ist, wenn ich recht informiert bin, Ihre neue Kollegin.«

»Sie also auch«, brummelte Hain ein wenig genervt und schob ein leises »Richtig, ja, das ist meine neue Kollegin« hinterher.

»Guten Morgen, Frau Ritter«, wurde nun auch die Oberkommissarin von Dr. Franz begrüßt.

»Guten Morgen, Herr Doktor«, erwiderte Pia Ritter, ohne den Blick zu heben.

»Nun lassen Sie mal los und tun sich das bitte nicht länger an als notwendig, Frau Ritter.«

Die Polizistin schluckte. »Man hat ihr die Kehle durchgeschnitten«, kommentierte sie die sich ihr bietende Szenerie.

Hain trat einen Schritt auf sie zu, sodass er sich zwischen ihr und dem sie deutlich verstörenden Anblick bewegte.

»Lass gut sein, Pia.«

»Das ist richtig, ja«, bestätigte Dr. Franz ihre These. »Wobei ich noch nicht sicher bin, ob das letztlich auch die Todesursache war. Meiner Meinung nach könnte sie auch schon an den vielen äußerst brutal ausgeführten Schlägen gestorben sein, die der oder die Täter ihr versetzt haben. Wenn ich sie bei mir auf dem Tisch hatte, wissen wir Genaueres.«

»Wie lange liegt sie hier?«, wollte Hain wissen.

»Sie meinen, wie lange sie tot ist, oder?«

»Ja, von mir aus auch das.«

»Der Tod trat zwischen Mitternacht und 2 Uhr ein.«

»Wurde sie vergewaltigt?«

»Nein, nach menschlichem Ermessen kann ich das zu diesem Zeitpunkt ausschließen.«

Der Hauptkommissar warf einen Blick auf die immer größer werdende Menschenmenge rund um das Absperrband. Offenbar waren bereits viele Besucher der Kunstausstellung documenta 14 unterwegs, um die auch in der Karlsaue verstreuten Exponate zu bewundern. Im Augenblick interessierte sie jedoch offenbar der Anblick des Tatorts deutlich mehr als jede Form zeitgenössischer Kunst.

Ein wenig angewidert zog er ein Paar Einweghandschuhe aus der Sakkotasche und streifte sie über. Mit bedachten Bewegungen ging er in die Knie und betrachtete eingehend das Gesicht und den Körper der Toten.

»Sieht aus wie mit einem Rasiermesser oder etwas ähnlich Scharfem«, bemerkte er mit Blick auf den Hals in Richtung des Rechtsmediziners.

»Gut erkannt, Herr Hain, meine Hochachtung. Einen solch sauberen Schnitt sieht man, wenn ich das mal so anmerken darf, nicht jeden Tag.«

Pia Ritter streifte sich ebenfalls Einweghandschuhe über. »Was bedeutet, dass er ihr hier aufgelauert haben könnte.« Sie kehrte der Fundstelle den Rücken und bewegte sich in Richtung Weg. »Ich denke, er hat sie hier an dieser Stelle erwischt und erst sie und dann ihr Rad rüber ins Gebüsch geschleift. So jedenfalls würde ich die Schleifspuren deuten.«

»Was ganz gut zu den Abschürfungen an ihren Knien und Knöcheln passen würde«, stimmte Hain ihr zu.

»Nach einem Kampf sieht es allerdings ganz und gar nicht aus, Thilo.«

Ihr Blick bewegte sich ein paar Meter nach links.

»Ich sehe hier zwar jede Menge Reifenabdrücke von Fahrrädern, aber die sollten alle schon ein paar Wochen alt sein und aus einer Zeit stammen, als es noch ab und zu geregnet hat in Kassel.«

Ihre Aussage bezog sich auf die schon seit mehr als fünf Wochen anhaltende Trockenperiode in Hessen.

»Komisch ist die Tatsache, dass es hier nicht die geringsten Kampfspuren gibt.«

»Vielleicht«, gab Hain zu bedenken, »ist er ihr einfach zu Fuß entgegengekommen, hat sie angehalten und dann niedergeschlagen.«

»Das glaube ich nicht«, widersprach Pia. »Schau dir mal ihr Fahrrad an, das ist ein Pedelec, was bedeutet, dass sie vermutlich mit ungefähr 30 Sachen unterwegs war; das wäre ich zumindest nach Einbruch der Dunkelheit in dieser gottverlassenen Gegend. Mit so einem Ding kannst du halt auch mal einen erwachsenen Mann ausbeschleunigen, wenn es wirklich darauf ankommt.«

»Du meinst, sie hat ihn vielleicht gekannt? Und wenn es ganz dumm läuft, war sie sogar mit ihm gemeinsam unterwegs?«

»Könnte schon sein, ja.«

»Habt ihr irgendwas Persönliches bei ihr gefunden, Lemmi?«, wandte sie sich an den Mann vom KDD. »Einen Ausweis oder irgendein anderes Dokument?«

»Nein, nichts dergleichen.«

»Ein Schlüsselbund? Ein Mobiltelefon?«

»Nein, auch nicht.«

»Du denkst an eine Beziehungstat?«, wollte Hain wissen.

Sie schüttelte den Kopf.

»Das hieße, sie war mit einem Kerl unterwegs, der nur so aus Spaß eine rasiermesserscharfe Klinge dabeihat. Kann ich mir nicht vorstellen.«

Die Polizistin ging an Hain vorbei und beugte sich zu dem auf dem Boden liegenden Pedelec hinab. Mit Handgriffen, die aussahen, als hätte sie nicht zum ersten Mal ein Elektrorad vor sich, untersuchte sie das Fahrrad. Zum Schluss drehte sie das Hinterrad ein wenig, tastete dabei das Profil ab, drehte weiter, tastete weiter und kam schließlich wieder hoch.

»Sie hat einen Plattfuß am Hinterrad«, stellte sie fest.

Hain, Lehmann und auch Dr. Franz unterbrachen ihre Arbeit und bewegten sich auf sie zu.

»Hier«, deutete Pia Ritter auf den rostigen Nagel im Reifen. »Bleibt nur die Frage zu klären, wo sie sich den eingefangen hat.«

»Also ist deine Pedelec-Hochgeschwindigkeits-Theorie gerade beerdigt worden.«

»Möglicherweise, ja.«

»Scheiße.«

Ritter trat auf den Leichnam zu, beugte sich wieder hinunter und untersuchte sämtliche Taschen.

»Das hab ich schon gemacht, Pia«, bemerkte Hain.

»Ja. Aber mit den Augen und den Händen eines Mannes.«

»Hmm.«

Nachdem die junge Kommissarin alles oberflächlich untersucht hatte, ließ sie ihre Finger in jede Öffnung der Kleidung gleiten.

»Hilf mir mal, sie ein wenig auf die Seite zu drehen, damit ich an die hinteren Hosentaschen komme«, bat sie ihren Kollegen.

»Hab ich auch schon gemacht«, erwiderte Hain mit dem Anflug eines Grinsens. »Aber, wie du so treffend bemerkt hast, natürlich mit den Augen und den Händen eines Mannes.«

»Fühl dich nicht gleich angepisst«, meinte sie, während ihr rechter Daumen und ihr rechter Zeigefinger mit einem kleinen weißen Zettel dazwischen zum Vorschein kamen.

»Du kannst sie wieder loslassen.«

»Gern. Wenn du mir im Gegenzug erklärst, woher du wusstest, dass ich das Ding da übersehen habe.«

»Besser nicht.«

Die beiden kamen in die Vertikale und betrachteten das Papier zwischen Pias Fingern.

»Ein Abholschein«, stellte Hain ein wenig überrascht fest, nachdem seine Kollegin ihn aufgeklappt hatte.

»Das ist aber noch nicht alles, Thilo«, erwiderte sie. »Das ist ein Abholschein mitsamt der Adresse der dazugehörigen Änderungsschneiderei. Wenn das mal kein Volltreffer ist.«

Hain nickte.

»Trotzdem. Woher wusstest du, dass ich etwas übersehen habe?«

»Ich wusste es natürlich nicht, Thilo. Aber es wandelt nun mal keine Frau auf dieser Erde, die nicht in irgendeiner Jacken- oder Hosentasche irgendetwas vergessen hat. Manchmal ist es nur ein Geldschein, aber manchmal hat man bei der Suche eben auch so viel Glück wie wir beide jetzt.«

Eine knappe halbe Stunde später ließ Hain den Mazda auf einem Haltestreifen neben der oberen Ihringshäuser Straße ausrollen.

Ivana Semjonow, Schneidermeisterin, alle Arten von Änderungen an Stoff und Pelzen stand auf dem ein wenig verblichenen, ehemals weißen Schild über dem kleinen Ladengeschäft.

»Guten Morgen«, wurden die Polizisten von einer kugelrunden Frau mit herrlich rollendem R begrüßt, die hinter einer Pfaff-Nähmaschine saß.

»Guten Morgen«, erwiderten beide.

Hain hielt seinen Dienstausweis hoch und stellte sich und seine Kollegin vor.

»Polizei?«, ertönte es hinter der Maschine, die schlagartig verstummte.

»Ja. Kriminalpolizei, um genau zu sein.«

Pia Ritter zog den in einer Klarsichthülle steckenden Abholschein aus der Jackentasche und hielt ihn der Frau hin. »Wir sind auf der Suche nach einer Kundin von Ihnen. Sie hat hier vermutlich etwas zum Ändern abgegeben.«

Die Schneiderin stand auf und betrachtete das Papier. »Ja, natürlich, ich erinnere gut. War gestern. Ist ein Hose. Warum wollen Sie wissen?«

»Die Hose ist nicht wichtig. Uns würde vielmehr interessieren, ob Sie die Frau kennen, die sie hergebracht hat.«

»Nein, leider, kenne ich nicht. War ein paarmal hier zum Reparatur, aber weiß ich nicht, wie sie heißt.«

Pia verzog enttäuscht das Gesicht. »Aber sie war schon ein paarmal hier, sagen Sie?«

»Ja, bestimmt. War ein paarmal hier wegen Hosen und Jacken und, ich glaube, habe ich auch einen Bademantel repariert für sie.«

»Kam sie mit dem Auto oder zu Fuß? Können Sie sich daran erinnern?«

»Nein, nix Auto und nix Fuß. Immer Fahrrad, immer. Auch wenn draußen Regen, immer mit Fahrrad.«

»Tja, dann können Sie uns leider nicht helfen, Frau …?«

»Semjonow. Semjonow Ivana«, erwiderte sie schulterzuckend.

»Bestimmt«, rief sie, als Ritter und Hain schon die Tür erreicht hatten, »wissen Leute von Schule drüben, wie Frau heißt. Ist Lehrerin dort, weiß ich genau. Hat mir einmal erzählt, weil immer kommt in Pause. Großes Pause am Morgen.«

4. Kapitel

Peter Hattenbach knallte wutschnaubend das Mobilteil seines Telefons auf den Tisch und sah erneut auf die große Übersichtskarte gegenüber an der Wand.

Es geht nicht, dachte er resigniert. Es geht heute einfach nicht.

Nach einem leisen, einzelnen Klopfen wurde die Tür zu seinem Büro geöffnet und seine Sekretärin betrat unaufgefordert den Raum.

»Nein«, erklärte die in einem dunkelblauen Rock und einer weißen Bluse steckende Frau mit rauchiger Stimme, »auch im Lehrerzimmer weiß niemand aus dem Kollegium, wo Frau Schürmann bleibt.«

Sie zog affektiert die linke Augenbraue hoch.

»Was mich, offen gesagt, nicht wirklich wundert.«

Hattenbach, der Leiter des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums, lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Gut. Oder, besser gesagt, ganz und gar nicht gut. Ich habe sie auch noch nicht erreicht, und jetzt machen wir Nägeln mit Köpfen.«

Sein Blick ging zurück zur Übersicht.

»Da wir niemanden haben, der einspringen könnte, werden wir die 9a nach Hause schicken. Die hätten nach der fünften und sechsten Deutsch bei Frau Sobner, was ja wegen deren Unwohlseins von heute Morgen auch nicht stattfinden kann.«

Er seufzte.

»Also, lassen Sie die 9a wissen, dass ihr Schultag für heute zu Ende ist. Und wenn ich die Schürmann bis, sagen wir mal, 11 Uhr nicht erreicht hab, gilt das auch für die 11b. Dann muss deren Matheunterricht auch ausfallen.«

Elke Hommel, die Sekretärin, zog nun beide Augenbrauen hoch. »Es ist schon ein starkes Stück von Frau Schürmann, dass sie sich überhaupt nicht meldet. Ich kann mich nicht erinnern, dass so etwas überhaupt schon einmal an unserer Schule vorgekommen ist.«

»Vielleicht hatte sie ja einen Unfall oder einen Herzinfarkt oder irgendetwas in dieser Art und liegt im Koma. Dann wäre ihr Verhalten natürlich entschuldigt.«

»Ja, natürlich.«

»Aber so ist das nun einmal bei Menschen, die allein leben.«

»Was passiert denn auf ihrem Mobiltelefon? Geht wenigstens die Mailbox dran?«

Hattenbach winkte ab. »Sie hat uns doch nie eine mobile Nummer gegeben, schon vergessen? ›Entweder Sie erreichen mich zu Hause, oder Sie erreichen mich eben nicht‹, war ihre Einstellung dazu.«

»Stimmt genau, ich erinnere mich wieder.«

Der Schulleiter machte sich ein paar Notizen. »Wir können an der Tatsache leider nichts ändern. Also gehen Sie bitte rüber und schicken die 9a nach Hause. Der Rest muss sich im Lauf des Tages finden.«

Es folgte ein wütendes Schnauben.

»Aber das lass ich ihr diesmal nicht durchgehen, das können Sie mir glauben. Ich habe immer auf ihre schrullige und leicht weltfremde Art Rücksicht genommen, aber ein Mindestmaß an Verlässlichkeit und auch Höflichkeit muss sein. Und dazu gehört einfach, dass man die Schule darüber informiert, wenn man dem Unterricht, aus welchen Gründen auch immer, fernbleibt.«

»Selbstverständlich. Ich werde dann mal die 9a informieren.« Damit schloss Frau Hommel die Tür hinter sich.

Was für ein Kindergarten, dachte der Schulleiter gereizt. Was für ein absurder Kindergarten.

Er hatte etwa 15 Sekunden bewegungslos dagesessen, als es erneut an der Tür klopfte. Für einen Moment war er drauf und dran Jetzt nicht, verdammt noch mal zu brüllen, doch aus seinem Mund kam nur ein leises »Herein«.

»Na, mal wieder Grande Casino?«, wollte sein Besucher Werner Motte, Fachbereichsleiter Naturwissenschaften und Mitglied des Schulleitungsteams, in der Tür stehend wissen.

Hattenbachs Gesicht hellte sich etwas auf. »Komm rein und setz dich, Werner. An einem Tag wie diesem ist selbst das Auftauchen einer temporären Nervensäge wie dir eine wirklich positive Erscheinung.«

»Oh je. So schlimm?«

»Schlimmer. Wir haben vier Krankmeldungen und ein unentschuldigtes Fernbleiben.«

»Vermutlich die Schürmann, wenn ich das Auftauchen und die Fragen von Frau Hommel eben im Lehrerzimmer richtig einordne.«

Der Schulleiter nickte matt. »Ist eigentlich so ganz und gar nicht ihre Art, oder? Normal ist sie doch eine von den ganz Genauen, die sehr, eigentlich zu sehr, auf die Einhaltung von Regeln bedacht ist.«

»Was ist in der heutigen Zeit schon normal, Werner? Jeder der Kolleginnen und Kollegen weiß, wie dünn wir personell besetzt sind. Und trotzdem melden sie sich reihenweise krank. Das Einstehen für das Kollegium und die Solidarität, die hier mal geherrscht haben, sind längst komplett Schnee von gestern. Wir sind eine Horde von Egoisten geworden, in der jeder nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und versucht, mit so wenig Einsatz wie möglich bis zur Pension durchzuhalten.«

Motte, der immer noch in der Tür stand, kam nun langsam und etwas widerstrebend der Einladung seines Rektors nach und ließ sich in einen der beiden Besucherstühle vor dem Schreibtisch gleiten.

»Na, na, nun mal die Dinge mal nicht schwärzer an die Wand, als sie in Wirklichkeit sind. Klar machen wir gerade eine schwere Zeit durch, was die Ausfallzeiten angeht, aber es ist definitiv nicht der von dir gerade proklamierte Werteverfall innerhalb der Lehrerschaft. Das ist mir wirklich etwas zu plakativ.«

Hattenbach schloss die Augen.

»Vielleicht hast du recht, ja, aber an einem Morgen wie diesem kann man schon mal ein bisschen schwarzmalerisch werden, oder?«

»Musst du welche nach Hause schicken?«

Der Schulleiter nickte. »Mindestens eine, vielleicht sogar zwei Klassen. Und wenn es ganz schlecht läuft, auch vier.«

»Das ist Mist.«

»Ja, das ist durchaus Mist; aber es ist immer noch besser, als sie unbetreut hier herumsitzen zu lassen und uns hinterher das Geschrei der versammelten Elternschaft anhören zu müssen. Und so kurz vor den Ferien haben wir vielleicht Glück und es geht irgendwie in den Urlaubsvorbereitungen unter.«

»Auf jeden Fall, ja.«

»Hat dein Besuch eigentlich einen bestimmten Grund, oder wolltest du nur mal nach mir sehen?«

Motte lachte laut auf. »Nein, ich mag dich zwar gut leiden, aber deswegen einfach so mal nach dir zu sehen, käme mir trotzdem nicht in den Sinn.«

Er holte tief Luft.

»Ich habe gerade durch ein Gespräch mit ihr erfahren, dass Sandra Wills aus der 11c schwanger ist. Und dass sie das Kind auf jeden Fall bekommen will.«

Der Rektor sackte in seinem Stuhl zusammen. »Oh Gott, das kann doch nicht dein Ernst sein. Von mir aus jede andere aus der Elften, aber bitte nicht die Tochter von Landrat Sören Wills. Weiß man schon etwas über den Kindsvater? Ein Mitschüler am Ende?«

»Nein. Da hält sie sich komplett bedeckt.«

»Na, dieses Detail wird ihr Herr Papa schon aus ihr herausprügeln.«

»Das steht zu befü…«

Er brach ab, weil es an der Tür klopfte und Elke Hommel den Kopf herein steckte. »Oh, Entschuldigung, ich wusste nicht, dass …«

»Nein, lassen Sie mal, Frau Hommel«, beschied Motte ihr mit einem Kopfnicken zur Begrüßung. »Wir haben alles Notwendige besprochen. Oder, Peter?«

»Ja klar. Und danke, dass du mich so zeitnah informiert hast.«

Der Fachbereichsleiter sprang aus dem Stuhl auf und war kurz darauf verschwunden. Elke Hommel kam einen Schritt auf ihren Chef zu. »Hier sind zwei Polizisten, die Sie gern sprechen würden, Herr Hattenbach«, erklärte sie mit einer Handbewegung in Richtung Vorzimmer, aus dem nun Pia Ritter und Thilo Hain eintraten und sich vorstellten.

Der Schulleiter stand mit deutlich erkennbarer Verwunderung auf, bedeutete seiner Sekretärin, sie allein zu lassen, und reichte den beiden Beamten die Hand. »Guten Morgen. Ich bin Peter Hattenbach, der Leiter des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums.«

Er stockte einen Moment.

»Also, um es ganz präzise auszudrücken, haben wir ein Schulleitungsteam und dessen Direktor bin ich. Und demzufolge derjenige, der den Hut aufhat, wenn es um die wirklich großen Probleme geht. Was … kann ich für Sie tun?«

»Wir haben ein paar Fragen an Sie, wobei wir noch überhaupt nicht sicher sind, ob Sie überhaupt der richtige Ansprechpartner für uns sind«, schwurbelte Hain ein wenig herum.

»Äh. Ach so? Aber Sie kommen vermutlich nicht wegen einer unserer Schülerinnen, oder?«

»Nein«, übernahm Pia Ritter die Gesprächsführung, »wir kommen auf keinen Fall wegen einer Schülerin.«

An Hattenbachs Reaktion konnten die Polizisten deutlich seine Erleichterung ablesen.

»Nicht? Das ist ja schon mal was.«

Hain und Ritter tauschten einen schnellen Blick aus, der mit irritiert nur sehr unzureichend beschrieben wäre.

»Wir sind hier wegen einer Frau, von der wir vermuten, dass Sie Lehrerin an dieser Schule sein könnte.«

»Ach, so. Wie heißt die Dame denn?«

Ritter zögerte. »Genau das wissen wir eben nicht.«

»Ist vielleicht«, wollte Hain nun wissen, »eine ihrer Lehrerinnen heute Morgen nicht zum Unterricht erschienen? Eine schlanke Frau von etwa 45 Jahren, dunkelblond und vermutlich überzeugte Radfahrerin?«

Der Schulleiter schluckte. »Sie beschreiben sehr zutreffend und auch ebenso beängstigend die einzige Kollegin, die heute ohne Angabe von Gründen nicht zum Unterricht erschienen ist. Muss ich mir Sorgen um sie machen?«

Ritter zog ihr Mobiltelefon aus der Jackentasche, drückte ein paar Mal auf das Display und zeigte Hattenbach einen Ausschnitt des Gesichts der Leiche, das sie keine Stunde zuvor aufgenommen hatte.

»Oh mein Gott«, stöhnte der Rektor laut auf, wankte einen Schritt zurück und ließ sich auf seinen Drehstuhl fallen. »Das sieht ja schrecklich aus.«

Pia zog mit einer schnellen Bewegung das Telefon zurück und schob es in die Jacke. »Wir müssen Sie leider darüber informieren«, erklärte sie dem kalkweiß gewordenen Schulleiter, »dass Ihre Kollegin in der vergangenen Nacht einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Viel mehr können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings noch nicht sagen.«

Hain kramte seinen Notizblock aus der Innentasche des Sakkos und sah den Rektor an.

»Ja«, meinte der sichtlich erschüttert. »Es handelt … sich um unsere Kollegin Evelyn Schürmann.«

Der Hauptkommissar schrieb den Namen auf und auch die Adresse der Frau, die Hattenbach ihm im Anschluss nannte.

»Wie …? Wo … wo ist das denn geschehen?«

»In der Karlsaue«, antwortete Hain. »Und wenn ich mir ihre Adresse anschaue, könnte sie auf dem Heimweg aus der Innenstadt gewesen sein.«

»Können Sie uns vielleicht ein paar Dinge zu Ihrer Kollegin sagen?«, hakte Pia Ritter nach. »War sie verheiratet, hatte sie Kinder? Einen Freund?«

Der Mann hinter dem Schreibtisch benötigte ein paar Augenblicke, ehe er antworten konnte.

»Im ganzen Kollegium gibt es leider keinen Menschen, über den ich Ihnen weniger erzählen könnte als über Frau Schürmann«, erklärte er schließlich mit Bedauern. »Sie hat sich immer aus allen Dingen herausgehalten und war auch sonst nicht sonderlich gut vernetzt … ich meine, mit anderen Kollegen. Sie war mehr eine Einzelgängerin, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Nicht so richtig«, gab Pia zurück. »Wie genau müssen wir uns das vorstellen?«

»Nun ja«, wand sich Hattenbach ein wenig. »Ich will das jetzt nicht dramatisieren, aber Frau Schürmann stand hier in der Schule schon in dem Ruf, es sich gern mal mit allen und allem zu verscherzen. Sie konnte sehr hartleibig sein, wenn es darum ging, ihre Interessen durchzusetzen. Und sie hat eigentlich nur mit den Kolleginnen und Kollegen gesprochen, wenn es wirklich gar nicht anders ging.«

»Klingt ein wenig schrullig«, meinte Hain.

»Ja, als schrullig könnte man es bezeichnen, wenn man es wohlwollend ausdrücken möchte.«

»Und wie würden Sie es mit weniger Wohlwollen ausdrücken, wenn ich Sie darum bitten würde?«

»Sie hat hinter jedem und allem eine wie auch immer geartete Verschwörung gegen ihre Person gewittert und war deshalb bei jedem unbeliebt.« Er hob den Kopf und sah eine Weile aus dem Fenster. »Es tut mir wirklich sehr leid, was mit ihr passiert ist, aber im Grunde muss man sagen, dass niemand Frau Schürmann auch nur im Ansatz leiden konnte. Die Schüler kamen nicht mit ihr aus, die meisten Eltern haben sie gehasst, und im Kollegium konnte ich in den letzten Jahren wirklich niemanden mehr finden, der Stunden von ihr übernommen hätte, wenn sie mal wieder, wie so häufig, krank oder sonst wie unpässlich gewesen ist. Das klingt jetzt sicher hart, aber es beschreibt die Situation leider sehr präzise.«

»Also«, fasste Hain zusammen, der kaum mit dem Schreiben hinterhergekommen war. »Frau Schürmann war eine Einzelgängerin, wie sie im Buch steht, hatte mit Gott und der Welt Krach und glänzte innerhalb des Kollegiums mit deutlich über der Norm liegenden Ausfallzeiten. Sonst noch was?«

»Na ja, über allem stand nach meiner Meinung, dass sie in keiner Weise teamfähig war. Überhaupt nicht.« Wieder blickte er ein paar Sekunden in den makellos blauen Himmel. »Was haben wir nicht alles unternommen, um sie wenigstens halbwegs in den Lehrkörper zu integrieren. Jede Form von Gespräch, Drohungen, hilflose Versuche mit Abmahnungen und im letzten Jahr sogar eine außerordentlich umfangreiche und wirklich sehr kostspielige Mediation, die allerdings genauso wenig von Erfolg gekrönt war wie alle anderen Versuche. Nichts, wirklich nichts, was wir gemacht haben, hat zur Umkehr oder Einsicht geführt.«

Pia Ritter holte tief Luft. Sie bekam bei jedem Wort des Schulleiters mehr den Eindruck, dass er gerade dabei war, sich den Frust von vielen Jahren Umgang mit der Ermordeten von der Seele zu reden.

»Puh, Herr Hattenbach, das klingt ja ziemlich … schlimm. Warum haben Sie das denn so viele Jahre mitgemacht? Kann man sich denn nicht von so jemandem trennen?«

Der Rektor lachte laut auf. »Verehrte junge Frau, wir sind hier an einer hessischen Schule. Vielleicht könnte man so jemanden bei der hessischen Polizei loswerden, aber nicht an einer hessischen Schule.«

Er dachte kurz nach.

»Es ist jetzt zwei Jahre her, da haben wir Frau Schürmann sogar von einem Amtsarzt untersuchen lassen, der hinterher in seiner Beurteilung schrieb, dass sie möglicherweise Mobbing ausgesetzt sein könnte. Mobbing! Bei dieser Frau! Ich würde die Hälfte meiner Pensionsbezüge dafür geben, wenn ich die Aufzeichnung dieser Untersuchung sehen dürfte, und kann es bis heute nicht verstehen. Aber wenn sie wollte, konnte sie anscheinend sogar Menschen für sich einnehmen. Vielleicht aber auch nur dann, wenn es ihr genutzt hat, wie in diesem Fall«, setzte er mit vermutlich mehr Sarkasmus hinzu als gewollt.