Tödliche Hallig - Hendrik Berg - E-Book

Tödliche Hallig E-Book

Hendrik Berg

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Beschreibung

Tief ist die Nordsee – und mörderisch ...

Als vor der Hallig Süderoog im nordfriesischen Wattenmeer eine Leiche gefunden wird, nehmen Kommissar Theo Krumme und seine Kollegin Pat die Ermittlungen auf. Der Tote gibt ihnen Rätsel auf: Wer ist der Mann? Wurde sein Leichnam von Bord eines Schiffs im nahen Heverstrom geworfen und hier angespült? Was wissen die Bewohner der Hallig – ein junges Paar und eine Gruppe Archäologiestudenten, die nach alten Schiffsspuren sucht? Und welche Rolle spielt eine Legende, nach der in dunklen Nächten ein Mörder das Watt heimsuchen soll? Krumme und Pat suchen in der kleinen Gemeinschaft nach Antworten, während über der Nordsee eine neue Gefahr heraufzieht …

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

Zehn Fragen an Kommissar Theo Krumme, Kripo Husum

Sie waren früher bei der Kripo in Berlin. Langweilt man sich als Großstadtcop nicht im friedlichen Nordfriesland?

Niemals. Das Böse versteckt sich überall.

Und wie unterscheidet sich die Polizeiarbeit in Berlin und Nordfriesland?

Die Verfolgungsjagden durchs Wattenmeer sind viel gefährlicher.

So viele Jahre im Norden. Sind Sie schon ein echter Nordfriese geworden?

Ich finde, ja. Obwohl alle anderen immer nur den Berliner in mir sehen.

Wohin sind Sie zuletzt in Urlaub gefahren?

Wieso wegfahren? Schöner als hier an der Nordsee kann es nirgends sein.

Wann haben Sie das letzte Mal geweint?

Vor Glück. Als ich am Flughafen meine Enkelin endlich wieder in die Arme schließen konnte.

Wenn Sie zwischen heißem Grog oder einem Cocktail wählen müssen …

…nehme ich Friesentee.

Naschen Sie beim Fernsehen lieber Erdnüsse oder Schokolade?

Am liebsten Krabbenchips.

Wollen Sie uns Ihren Lieblingsort in Nordfriesland verraten?

Jeden Ort, an dem man den Sonnenuntergang über der Nordsee sehen kann.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Dass mein Hund Sonny manchmal sogar auf mich hört und nicht nur auf meine Freundin Marianne.

Haben Sie Angst vorm Älterwerden?

Ein Klassiker wird nicht älter, sondern wertvoller.

Weitere Informationen zu Hendrik Berg

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Hendrik Berg

Tödliche Hallig

Ein Nordsee-Krimi

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe März 2026

Copyright © by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Vermittelt durch die Literarische Agentur Kossack

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotive: © Calidris Fotografie / Alamy; © Alexandrite, OR Images / Getty Images; © Thomas Schäffer / imageBROKER / Getty Images; © Regina Hachmeister / mauritius images; © FinePic®, München

Redaktion: Lisa Caroline Wolf

KS · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-34288-3V001

www.goldmann-verlag.de

Für meine leider viel zu früh verstorbenen Eltern Sigi und Klaus

Leven kummt, wenn Leven geiht.(Leben kommt, wenn Leben geht.)

Plattdeutsches Sprichwort

1

Ungläubig starrte er auf das Blut an seiner Hand, rieb Daumen und Zeigefinger aneinander und beobachtete, wie es langsam auf den Schnee tropfte, der den grauen Strand in weiten Teilen bedeckte.

Was passierte hier?

Was passierte mit ihm?

Vor ihm drehte sich alles. Obwohl er schon auf den Knien war, drohte er komplett das Gleichgewicht zu verlieren.

Atme! Beruhig dich! Komm runter und atme endlich wieder!

War das real? Er stöhnte leise, schaute nach oben zum hellen Mond. Spürte die sanfte Brandung an seinen schmerzenden Knien, den Sand, das eisige Wasser, als er versuchte, die blutige Hand abzuspülen.

All das war echt! Trotzdem fühlte sich sein Leben an, als wäre er plötzlich in einen Albtraum geschleudert worden, in einen alles verschlingenden Strudel. Sein Verstand hatte sich von einer völlig neuen, auch für ihn absolut dunklen Seite gezeigt.

Er hatte eine Grenze überschritten, nichts würde von nun an mehr sein wie zuvor.

Blut, überall Blut!

Aber keine Schmerzen.

Sondern eine neue Gewissheit, die trotz der Kälte wie heißes Feuer durch seinen Körper strömte. Er war nicht zurückgewichen. Er hatte gekämpft. Klare Kante gezeigt, zum ersten Mal in seinem Leben. Und es war verrückt. Egal, was die Konsequenzen waren, es fühlte sich gut an.

Sehr gut.

Er war kein Waschlappen, kein Feigling mehr.

Auf dem Wasser glitten Lichter lautlos durch die Nacht, dahinter ein gewaltiger Schatten. Ein riesiges Schiff, doch ohne feste Konturen.

So nah und doch so fern, während hier am Strand kein Mensch zu sehen war. Was für ein Glück.

Das wirkliche Leben war da draußen. Doch er hockte hier in der Dunkelheit und würde ab diesem Moment vielleicht immer auf der dunklen Seite bleiben.

Wie hatte es nur so weit kommen können?

Es fühlte sich an, als würde er seinen Körper verlassen, neben sich stehen, über sich durch die Nacht schweben, sich selbst an seinem Abgrund sehen, der sein Leben von nun sein würde.

Ein leises Röcheln zeigte, dass er nicht allein war.

Natürlich nicht.

Der Mann lag vor ihm, umspült von der plätschernden Brandung. Ächzend hielt er sich die Hand an den Hals, zwischen seinen Fingern quoll im Mondlicht der kalten Winternacht schwarz glänzendes Blut auf den Schnee.

»Verdammt, du Scheißkerl! Guck nicht so bescheuert. Hol Hilfe! Mach schon!«

Nur noch ein heiseres Flüstern und Husten.

Er würde sterben. Nichts konnte daran etwas ändern. Auch er nicht, für Hilfe war es zu spät.

Reglos starrte er auf den Mann herab. Wie schwach und wehrlos er auf einmal war. Dabei hatte er sich eben noch so stark gegeben. Ihn beleidigt und verhöhnt. Gedroht, ihn abzustechen.

Aber er hatte sich mit dem Falschen angelegt.

Eine Überraschung, auch für ihn selbst.

»He, Arschloch, hast du nicht gehört? Ich verrecke hier!«, hustete der andere. Blut floss aus seinen Mundwinkeln.

Er betrachtete ihn ohne Mitleid. Selbst so kurz vor seinem Ende steckte nur Böses in dem Kerl.

»Nein«, erwiderte er.

Der Mann, der vor ihm am Boden lag, erstarrte, sah ihn ungläubig an. Und grinste dann, riss dabei den Mund auf. Seine weißen, jetzt von rotem Schleim beschmierten Zähne leuchteten in der Nacht.

»Du feige Sau! Hast Angst, dass die Bullen dich in den Knast stecken! Ja, jetzt fühlst du dich stark. Aber eigentlich bist du nichts anderes als ein jämmerlicher Hosenscheißer! Eins verspreche ich dir, ich komme zurück, ich werde dich holen und mit in die Hölle reißen.« Er lachte, hustete wieder, verschluckte sich an seinem eigenen Blut. Aber lachte trotzdem immer weiter, immer lauter, wollte sich nicht beruhigen.

Schluss, das musste aufhören!

Er spürte, wie die Glut in ihm wieder nach oben stieg, wie glühendes Magma in einem Vulkan. Das Messer, es lag im Sand, das Wasser hatte das Blut abgespült. Es funkelte und glänzte im Mondlicht, wie ein Versprechen.

Ein Gefühl der Unbesiegbarkeit durchströmte ihn. Er war keine feige Sau. Und ein Hosenscheißer schon gar nicht. Wie konnte dieser Kerl es nur wagen, ihn immer noch zu beleidigen?

Er packte das Messer, stieß es dem Mann in den Bauch, in die Brust, immer und immer wieder. Er riss seinen Körper auf. Tränen liefen ihm übers Gesicht, während er sich im Mondlicht lächelnd in einem Nebel einer alles überstrahlenden Wut verlor.

2

Er war allein auf der Welt.

Kein Mensch oder Tier war unter den tief hängenden Wolken zu sehen. Nicht mal ein schwaches Glimmen, das verriet, wo die Sonne sich hinter dem endlos grauen Nichts versteckte. In welcher Richtung befand sich die Küste? Er hatte nicht die geringste Ahnung.

Und diese Stille. Bis auf sein pochendes Herz konnte er nichts hören.

Keine Möwe, kein Windrauschen, obwohl er im Wasser sah, wie eine Brise eine Spur in die glatte Oberfläche zog.

Erst als er die nackten Füße, mit denen er knöcheltief in den dunklen Fluten steckte, ein Stück weit hob, hallte ein leises Plätschern durch seine einsame Welt.

Als hätte er mit dieser kleinen Bewegung die Elemente geweckt, erklang auf einmal ein Gurgeln wie ein vielstimmiges Flüstern über dem Meer.

Die Flut kam zurück.

Er wusste, was das bedeutete.

Er würde hier sterben. Schon bald.

Von einer plötzlichen Verzweiflung gepackt, wandte er sich in eine Richtung, von der er annahm, dass sich dort die Küste befand. Er stapfte durchs Wasser, das so kalt war, dass es ihm wie ein Messer in die immer tauberen Füße schnitt.

Schon reichte ihm das eisige Meer bis zu den Knien. Nur mit großer Mühe gelang es ihm, sich gegen die Wellen zu stemmen. Einmal rutschte er dabei auf dem Grund aus, tauchte für einen kurzen, schrecklichen Moment mit dem Kopf unter Wasser.

Die Erkenntnis, dass es keine Rettung gab.

Hilflos drehte er sich um, blickte zum fernen Horizont. Was jetzt?

Schon stand die Flut so hoch, dass das Wasser gegen seine Brust drückte und kleine Wellen in sein Gesicht klatschten.

Er würde sterben, es gab keine Chance mehr auf Rettung. Stöhnend legte er seine Hände auf die Augen. Tränen liefen ihm über die Wangen.

Sollte es so enden?

Was wurde aus den Menschen, die er liebte?

Die ihn liebten? Seiner Familie? Ganz bestimmt würde sein Tod ihnen das Herz brechen.

Er hätte niemals nach Nordfriesland kommen dürfen.

Er schüttelte den Kopf, stöhnte.

Schluss mit dem Gejammer, rief eine Stimme in seinem Kopf.

Nein, er durfte nicht aufgeben. Noch nicht.

Aber was zum Teufel sollte er tun?

Wie hatte er nur in diese Lage geraten können?

Warum nur hatte er die Spur verloren, die ihn sicher durch das Watt und seine tiefen Priele geführt hatte? Warum nur hatte er sich ablenken lassen?

In einer Mischung aus Wut und Verzweiflung schrie er seine Ratlosigkeit hinaus auf das Meer. Und wunderte sich, wie hohl und fremd seine Stimme klang. So als würde er sich nicht mitten in den Weiten der Nordsee, sondern in einem geschlossenen Raum befinden. Einer Kammer, die seinen Schrei wieder auf ihn zurückwarf.

Schon musste er sich auf die Zehenspitzen stellen und den Hals strecken, um das Gesicht über das Wasser zu halten.

Das Meer stieg unerbittlich und mit immer größerer Geschwindigkeit. Ächzend stieß er sich vom Boden ab, wollte schwimmen, aber ein Sog zog ihn wieder nach unten. Mit aller Kraft zappelte er in der Kälte, versuchte, sich an die Oberfläche zu kämpfen. Doch durch den langen Marsch in den eisigen Fluten waren seine Muskeln müde und taub.

Es hat keinen Sinn. Lass los, sagte eine sanfte Stimme.

Und das tat er. Er gab auf, öffnete den Mund, ließ kaltes Wasser in seinen Körper strömen.

Und sank langsam nach unten, weg vom Licht, immer tiefer bis zum dunklen Grund.

3

Mit einem leisen Stöhnen schreckte Krumme aus dem Schlaf. Aufrecht im Bett sitzend, versuchte er, seinen Puls zu beruhigen.

Ohne Erfolg, zu real fühlte sich der Moment seines Todes an. Fast meinte er, das Salz der Nordsee immer noch zu schmecken. Und er musste nur die Augen schließen, schon trieb er wieder durch die eisigen Wellen.

Nur ein Traum, verdammt, nur ein Traum!

Mit offenem Mund atmete er tief ein und aus, sog die frische Luft ein, die durch das weit aufstehende Fenster ins Schlafzimmer strömte.

Es dauerte ein paar Minuten, bis er es schaffte, sich aus der hämmernden Erinnerung zu lösen.

Alles gut, sagte er sich, du bist nicht mehr draußen in der Nordsee, sondern liegst in deinem weichen Bett in deiner gemütlichen Wohnung in Husum.

Völlig erschöpft wischte er sich den Schweiß aus dem Gesicht. Dieser Traum, dieses erschreckend körperhafte Gefühl, in den dunklen Fluten zu ertrinken, würde ihn sein Leben lang verfolgen.

Nicht einfach nur ein Albtraum, sondern die Erinnerung an das, was ihm vor über zehn Jahren im endlosen Watt vor der Hallig Hooge passiert war. Im plötzlich aufziehenden Seenebel hatte er bei einer Wattwanderung den Kontakt zu seiner Gruppe verloren und wäre beinahe in der auflaufenden Flut gestorben.

Nicht die einzige Erinnerung, die ihn zuweilen bis in seine Träume verfolgte, obwohl er grundsätzlich einen tiefen und gesunden Schlaf hatte.

In den vielen Jahren, die er jetzt hier in Nordfriesland bei der Kripo in Husum arbeitete, hatte er schon einiges überstanden. Er war nicht nur fast im Meer ertrunken, sondern auch beinahe in einem zusammenstürzenden Haus verbrannt, von einem Irren erstochen und von einem anderen Psychopathen erschossen worden.

Das und vieles mehr war ihm hier im Norden passiert. Seinen brutal schmerzhaften Hexenschuss, der ihn vor einem Jahr außer Gefecht gesetzt hatte, zählte er auch zu seinen Grenzerfahrungen, selbst wenn der nur seinem Alter und seiner fehlenden Hingabe für sportliche Aktivitäten geschuldet war. Das schreckliche Gefühl, wehrlos und schreiend vor Schmerzen auf dem Boden zu liegen, würde er nie vergessen.

Dazu kamen die ebenfalls dunklen Erinnerungen an seine Zeit bei der Berliner Sitte, wo er es mit den seltsamsten Typen zu tun gehabt hatte.

Trotzdem, aktuell gab es überhaupt keinen Grund, dass seine Albträume ihn wieder quälten. Sein Leben war angenehm, zum ersten Mal hatte er selbst als geborener Berliner nichts zu meckern.

Vielleicht war das der Grund, warum ihn einer seiner schlimmsten Momente wieder einmal heimgesucht hatte: um ihm zu zeigen, dass die dunkle Seite immer noch lauerte und er nicht zu übermütig werden durfte.

Neidisch blickte er zu Marianne, seiner Lebensgefährtin, die neben ihm im Bett selig schlummerte und sich von ihm und seinen Qualen nicht im Mindesten stören ließ.

Krumme schaute auf die im Dunklen leuchtende LED-Anzeige seines Weckers. Erst kurz nach drei. Ob er diese Nacht noch mal einschlafen würde?

Mit einem leisen, traurigen Seufzer zupfte er sein Kissen zurecht, legte sich wieder unter die Decke und lauschte den nächtlichen Geräuschen, die von draußen zu ihm hereindrangen.

Ein Auto, das in der Nähe durch die verlassene Straße fuhr. Das Kreischen einer Möwe, die oben an Husums Himmel ihre einsamen Runden flog. Der von der Nordsee im Westen kommende schläfrige Wind, der einzelne Wolken über den klaren Sternenhimmel Richtung Festland schob.

Krumme atmete tief durch und entspannte sich langsam. Vielleicht fand er in dieser Nacht ja doch noch Ruhe.

Ein leises Knirschen ließ ihn aufhorchen.

Die Holzdielen, draußen im Flur.

Jemand kam die Treppe hinauf.

Ein Quietschen. Krumme blickte zum Türknauf, beobachtete, wie er sich langsam drehte. Er hielt die Luft an. Das war kein Traum. Das passierte wirklich.

Dann wurde die Tür aufgeschoben.

Krumme setzte sich ruckartig auf.

Und sah, wie ein kleines Wesen mit im Mondlicht leuchtenden, blonden Haaren das Zimmer betrat. Gefolgt von einem fast kalbsgroßen, struppigen Ungetüm, das lautlos ebenfalls zu ihm ans Bett trat.

»Opa?«, sagte das kleine Mädchen.

»Was?«, flüsterte Krumme verblüfft.

»Darf ich bei dir schlafen?«

»Aber … wieso?«

»Ich hab Angst«, sagte das kleine Mädchen mit leichtem englischem Akzent.

»Aber was ist passiert?«, fragte Krumme immer noch überfordert.

Ein Rascheln. Marianne war aufgewacht. »Emma, Engelchen. Hast du schlecht geträumt?«

Die Kleine nickte verlegen.

Krumme spürte einen Stoß. »Theo, was ist denn mit dir?«, hörte er Mariannes vorwurfsvolle Stimme hinter sich.

Endlich erwachte er aus seiner Starre und hob die Decke ein Stück. Sofort sprang seine Enkeltochter zu ihm ins Bett, zusammen mit ihrem kleinen Kuschelkrümelmonster, und schmiegte sich an ihn.

Krumme lächelte gerührt. »So gut?«

Emma nickte nur.

»Siehst du? Jetzt musst du keine Angst mehr haben«, flüsterte Krumme, aber die Kleine war schon eingeschlafen und hielt sich dabei mit einem ihrer Händchen an seinem Arm fest.

Krumme drehte seinen Kopf überrascht nach rechts, blickte in Mariannes blaue Augen. Sie lächelte zufrieden und kuschelte sich von der anderen Seite ebenfalls eng an ihn.

Krumme starrte wieder an die Decke, bemüht, absolut still zu liegen, um Emma auf keinen Fall zu wecken.

Und war dabei so glücklich wie noch nie in seinem Leben.

Alle seine Lieben in seiner Nähe. Gut, alle bis auf Hannah, seine Tochter, die unten im Gästezimmer schlief. Lange Zeit hatten sie praktisch keinen Kontakt gehabt, nachdem sie nach Australien gezogen und dort geheiratet hatte. Erst vor ein paar Jahren hatte sich ihr Verhältnis wieder entspannt. Schließlich, vor vier Jahren, hatte Krumme sie zusammen mit Marianne und seiner Exfrau in Canberra besucht. Der Anlass: Emmas Geburt. Krumme hatte sich sofort in seine Enkeltochter verliebt. Nun besuchte Hannah ihn zum ersten Mal gemeinsam mit der Kleinen. Einen ganzen Monat wollten sie in Husum bleiben.

Ein Traum, fand Krumme. Er erinnerte sich an die Jahre nach der Scheidung, als er allein in einer winzigen Wohnung in Berlin Neukölln verbracht hatte, unglücklich, verbittert und fast gebrochen von seiner zermürbenden Arbeit bei der Sitte.

Wie sein Leben sich doch seit seinem Umzug nach Nordfriesland verändert hatte.

Er hatte wieder eine richtige Familie um sich. Auf der einen Seite Marianne, seine neue Liebe. Auf der anderen die kleine Emma. Er achtete darauf, so ruhig wie möglich zu liegen, um sie nicht aufzuwecken. Dass sie nach ihrem Albtraum ausgerechnet seine und nicht die Nähe ihrer Mutter gesucht hatte, berührte ihn sehr.

Dabei hatte sie ja den perfekten Beschützer. Sonny, seinen Hund, eine flauschige Mischung aus Bernhardiner und Hütehund. Genau wie bei Krumme war es auch bei ihm und Emma Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sonny blieb immer in ihrer Nähe und passte auf sie auf.

Sein Schnarchen verriet, dass er sich neben das Bett gelegt hatte, ganz in Emmas Nähe, obwohl er unten im Wohnzimmer sein eigenes Schlafkissen hatte.

Marianne seufzte leise im Schlaf, worauf Emmas kleine Hand auf seiner anderen Seite etwas fester zupackte.

Er lächelte. Konnte es noch besser kommen?

Auf einmal war er sehr sicher, dass er nun gut schlafen würde. Ohne Albträume.

4

»Ach Hans, das ist alles so seltsam, ich fühle mich gar nicht wohl.« Inge nippte an ihrem Kräuterlikör und sah zu ihrem Mann, der direkt neben ihr spätabends auf der Terrasse saß.

»Meine liebe Inge, mach dir nicht so viele Gedanken.«

»Er ist wieder da! Der dunkle Nickels ist aus seinem feuchten Grab gestiegen.«

»Nein, das kann nicht sein.«

»Aber ich habe ihn gesehen!«

Hans beugte sich nach vorne. »Wirklich? Nickels?«

Sie zögerte, versuchte, die schwindende Erinnerung zu greifen. »So richtig habe ich ihn nicht erkannt. Aber ich habe gesehen, wie er aus dem Watt kam.«

Hans betrachtete sie voller Sorge. »Bist du ganz sicher?«

»Ja, er war es. So glaub mir doch.«

»Aber Liebes, das ist nicht möglich. Nickels liegt auf dem tiefen Grund der See. Seit vielen Jahrhunderten schon.«

Sie seufzte, schaute nachdenklich hinaus in den Abend. Hans hatte ja recht, aber …

»Diese jungen Leute haben ihn geweckt«, sagte sie. »Jetzt kommt der Fluch über uns alle. Wir werden sterben.«

»Du wirst nicht sterben, Inge. Noch lange nicht. Ich passe auf dich auf.«

»Aber die Zeichen, ich habe sie gesehen. Der Vollmond. Das Leuchten über dem Watt. Nickels Ruf aus der Tiefe.« Fröstelnd schlug sie die Arme um ihren Oberkörper.

Hans schüttelte den Kopf. »Niemand hat dich gerufen.«

»Warum spüre ich dann diese Last auf meiner Brust? So schwer, dass es mir die Luft zum Atmen nimmt?«

Hans nahm ihre Hand in seine und drückte sie zärtlich. »Inge, liebe Inge. Aber wenn ich bei dir bin, dann ist es nicht so schlimm, oder?«

Sie blickte in seine blauen, immer jungen Augen, mit den frechen Falten, die sie so liebte. »Nein, dann ist alles gut«, sagte sie leise.

»Dann hast du keine Angst mehr, nicht wahr, mein Liebling?«

Inge schloss die Augen, konzentrierte sich auf die Wärme seiner Hand, auf das Streicheln seiner Finger. Auf das Hier und Jetzt.

Sie lächelte. Stellte sich vor, wie Hans sie mit seinem breiten Rücken schützte. Wie andere Menschen durch ihn erkannten, dass sie sich all die Jahre in ihr getäuscht hatten.

Sie hörte, wie ein kleiner Spatz auf die Terrasse flog und aufgeregt fiepte.

Doch als sie die Augen langsam öffnete, war alles anders.

Sie saß in ihrem Sessel, in diesem Zimmer, das sich immer noch fremd anfühlte. Und selbst wenn sie von draußen Spatzen hörte, so war sie hier drinnen doch völlig allein.

Von Hans keine Spur.

Vor dem aufgeklappten Fenster stand im jetzt strahlend hellen Tageslicht nur sein leerer Sessel. Der Sessel, den sie als einziges Möbelstück unbedingt hatte mitnehmen wollen, weil Hans in ihm jeden Morgen seine Zeitung las.

Oder gelesen hatte?

Ihr schwindelte. Vor ein paar Jahren, gestern, heute und morgen, Tag und Nacht – die Grenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft verschwammen jeden Tag mehr.

Was passierte mit ihr?

Erneut schloss sie die Augen, hoffte, wieder auf die abendliche Terrasse zurückzukehren. Zurück in ihr wahres Leben, raus aus diesem unheimlichen Traum, der sich mit jedem Tag und vor allem nach dieser Nacht immer bedrohlicher anfühlte.

»Hans, Liebling«, rief sie leise in den Nebel, der sich um ihren Verstand legte. Aber obwohl sie seine Gegenwart so eindeutig spürte wie die Lehne des Sessels, in dem sie saß, konnte sie ihn nicht sehen.

»Wo bin ich?«, fragte sie voller Angst, fühlte wie so oft in den letzten Tagen eine unheilvolle Beklommenheit.

Sie stand auf, blickte aus dem Fenster, wollte ihre Nachbarn um Hilfe rufen, Gustav, Berta und Gisa, ihre engsten Freunde.

Mit einem erschrockenen Seufzer zuckte sie zurück. Die vertrauten Häuser waren verschwunden. Genau wie die Werkstatt ihres Vaters und der Kräutergarten ihrer Mutter. Stattdessen lag vor ihr eine grüne, sich bis zum Horizont erstreckende Wiese.

Verzweifelt rüttelte sie an dem Fenster, wollte es ganz aufreißen, nach ihren Freunden und ihrer Familie schauen. Nach Jan. Nach Paulchen, ihrem süßen Paulchen. Doch das Fenster ließ sich nur ankippen, aber nicht öffnen, so sehr sie auch daran zerrte.

Auf einmal bekam Inge keine Luft mehr. Sie stöhnte, rief laut nach Hilfe, drückte das Gesicht an die Scheibe des nur halboffenen Fensters, schnappte mit dem Mund wie ein auf dem Trockenen liegender Fisch.

Was passiert nur mit mir?

Plötzlich hörte sie wieder die Spatzen, vernahm ihr fröhliches Zwitschern von der anderen Seite der Scheibe. Verwirrt schüttelte sie den Kopf.

Auch die Weide kam ihr auf einmal auf seltsame Weise bekannt vor. Natürlich, dämmerte es ihr, als die Bilder des Hier und Jetzt auf einmal fest Konturen annahmen, das war ihr Zuhause. Ihr neues Zuhause.

Reiß dich zusammen, rief eine strenge Stimme. Ihre Stimme. Du bist nicht verrückt. Lass dir nichts anderes einreden.

Inge versuchte, ihre Atmung zu beruhigen. Es fühlte sich an, als würde sie auftauchen und den Kopf endlich wieder über die Wasseroberfläche halten.

Auf einmal war alles klar und deutlich zu verstehen.

Benommen schaute sie sich um, schwankte, presste sich beide Hände an die Schläfen, als könnte sie so ihre herumwirbelnden Gedanken zurück in geordnete Bahnen pressen.

Hatte sie sich Nickels nur eingebildet?

Nein, hatte sie nicht.

In der funkelnden Watte, zu der sich ihr Verstand entwickelt hatte, dämmerte ihr, dass sie Teil eines echten Albtraums war, aus dem es kein Entkommen gab.

Schluchzend lief sie zur Tür. Sie wollte Hilfe holen, den anderen verraten, was sie gesehen hatte. Sie mussten Nickels aufhalten, sonst würde seine schreckliche Rache sie alle vernichten.

Langsam öffnete sie die Tür.

Und blickte in einen langen, dunklen Gang.

Wo war sie?

Sie hatte keine Ahnung.

Zitternd überlegte sie, ob sie wirklich ihr vertrautes Zimmer verlassen sollte, um hinaus in die Dunkelheit zu laufen.

Was würde sie dort erwarten?

Ein leises Knarren ließ sie zusammenfahren. Schnell schloss sie die Tür wieder und rutschte schluchzend langsam herunter auf den Boden. Sie war verflucht. Niemand würde ihr beistehen.

Von unten auf den Holzdielen sitzend blickte sie hinaus aus dem Fenster. Sie beobachtete, wie einsame Wolken sich langsam, ganz langsam über den blauen Himmel schoben. Wie Möwen elegant Richtung Meer segelten. Sah, wie ein Bussard in der Luft zu stehen schien.

Warum bin ich denn hier auf dem Fußboden, fragte sie sich. Langsam zog sie sich an der Sessellehne nach oben und setzte sich wieder.

Sie blinzelte, fragte sich, was gerade passiert war.

Du musst mehr trinken, hörte sie seine Stimme wie ein fernes Echo. Sie griff nach einem Wasserglas, das auf einer kleinen Anrichte neben ihrem Sessel stand.

Tränen liefen ihr über die Wange, als ihr klar wurde, dass es eine Sache gab, die sie auf keinen Fall vergessen durfte. Aber ihr schwindender Verstand wusste nicht mehr, was.

Nur eines stand fest: Etwas Schlimmes war geschehen. Und es würde wieder passieren.

5

Diese klare, frische Luft.

Der Himmel, der nirgends so hoch emporragte wie hier an der Nordseeküste. Die Wolken, die sie jeden Morgen wie die Kulissen in einem gewaltigen Theater begrüßten.

Die blühende, lebenssatte Natur, die sie überall umgab. Die Nordsee, die hinter dem Watt bis zum fernen Horizont im morgendlichen Licht dieses hellen Sommertages wie ein Meer aus Kristallen in den verschiedensten Blautönen funkelte.

Kristin war auch heute Morgen in einem Traum erwacht. Mit verklärtem Lächeln schaute sie sich um, atmete tief ein und aus. Fühlte, wie sich ihre Lunge mit der Kraft des Nordens füllte. Ein Schwarm Gänse zog in einem endlosen Pfeil über den Himmel. Sie blickte nach oben, wurde von der Sonne geblendet, als die Vögel in ihrem warmen Licht zu verschwinden schienen.

Sie stand im nassen Gras, allein in dieser nordfriesischen Zauberwelt. Beim Anblick dieser vollkommenen Schönheit kamen ihr fast die Tränen.

Nur das Telefonnetz war hier komplett beschissen.

Jeden Morgen dasselbe. Wenn Kristin ihrem Freund Tobias in Hamburg einen schönen Tag wünschen wollte, musste sie eine Ewigkeit in alle Richtungen herumlatschen, nur um mit viel Glück eine Stelle zu finden, an der ihr Handy wenigstens einen Balken anzeigte. WLAN gab es natürlich auch nicht, zumindest nicht hier draußen bei ihren Zelten. Ludwig, ihr Professor, hatte auf seinem Rechner einen Hotspot eingerichtet, der jedoch nicht richtig funktionierte. Für eine kurze E-Mail oder Nachricht reichte es, aber für einen Anruf mit ihrem Freund über WhatsApp konnte sie sich ja schlecht neben das Zelt ihres Professors hocken. Vor allem, weil es dieses Mal nicht nur um den Austausch von süßen Worten ging. Im Gegenteil: Sie hatte den Verdacht, dass Janina, eine Psychologiestudentin aus Lübeck, Kristins dreiwöchige Abwesenheit ausnutzen wollte, um sich an ihren Freund ranzumachen.

Also hatte sie sich schon um halb sieben aus dem Schlafsack gequält, ein paar Gummilatschen übergezogen und das Camp so leise wie möglich verlassen.

Es war zum Verrücktwerden, nun war sie schon eine halbe Stunde an diesem kalten Morgen unterwegs und hatte immer noch keine Stelle gefunden, an der sie eine Verbindung hatte.

Fröstelnd legte sie sich die Arme um die Brust. Am Tag kam sie hier draußen bei der Arbeit immer ins Schwitzen. Doch jetzt war es früh, und sie trug nur ein T-Shirt und ihre kurze Schlafhose über den nackten Beinen. Nachdenklich schaute sie hinaus zum Heverstrom, als sie einen Schrei aus dem Hof hörte, klagend, verzweifelt, voller Einsamkeit. Und irgendwie unheimlich. Auch wenn Kristin wusste, woher er kam, lief ihr doch eine Gänsehaut über den Rücken.

Sie schüttelte den Kopf, hatte ihre eigenen Sorgen und wollte sich nicht mit den Problemen anderer belasten. Als würde das Leben sie für diese Erkenntnis belohnen wollen, erhob sich ein Schwarm Stare vor ihr wie eine lebendige Wolke in die Luft, formte leise rauschend immer neue Figuren vor dem jetzt fast komplett klaren Himmel.

Ein weiteres Wunder in dieser an Wundern so reichen Landschaft.

Konnte es sein, dass sie sich zu viele Gedanken machte? Sollte sie Tobias wirklich anrufen und mit misstrauischen Fragen nerven?

Sie waren jetzt schon vier Jahre zusammen, und ihr Freund hatte sie in dieser Hinsicht noch nie enttäuscht. Am Ende würde er ihr nur böse sein, weil sie ihm nicht vertraute.

Doch neulich in der Mensa hatte er die Augen nicht von Janina lassen können.

Kristin stöhnte. Erneut hielt sie ihr Handy nach oben in die Luft, schwenkte es ungeduldig hin und her. Ohne Erfolg, immer noch keine Verbindung.

Sie beschloss, dichter an den flachen Seedeich zu gehen. Vorgestern hatte sie dort schon mal Glück gehabt.

Und tatsächlich: Sie musste wieder auf den schwarzen Steinen der Uferbefestigung balancieren. Aber auf einmal blinkte auf dem Display ihres Handys doch ein kleiner Balken auf.

Sie wollte gerade Tobias’ Nummer anklicken, als sie aus den Augenwinkeln ein Blinken wahrnahm, draußen auf dem Watt.

Die Flut war vorbei, es war Ebbe, und das Wasser zog sich immer mehr zurück. Vor ihr lag die weite Ebene des Watts, nur durchzogen von einzelnen, in der Morgensonne funkelnden Prielen.

Aber was war das? Rund hundert Meter von der mit scharfen Steinen befestigen Uferböschung flatterten zwei Möwen am Rand eines Priels aufgeregt herum. Es wirkte, als würden sie heftig miteinander streiten.

Kristin kniff die Augen zusammen, konnte gegen die noch tief stehende Sonne kaum etwas erkennen. Außerdem war sie kurzsichtig und hatte ihre Brille im Zelt gelassen. Doch dann wurde ihr klar, dass die beiden Vögel nicht kämpften, sondern auf etwas herumhackten, was dort draußen im Schlamm steckte.

Aber auf was?

Kristin beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie hatte keine Möglichkeit, das Telefon in ihre taschenlosen Shorts zu stecken. Also behielt sie es in der Hand und kletterte vorsichtig über die Steine hinunter ins Watt.

Bevor sie in den grauen Morast stieg, zog sie ihre Gummistiefel aus. Als Expertin für Arbeiten im Watt wusste sie, dass die Dinger im tiefen Schlamm eher hinderlich waren und ständig stecken blieben. Außerdem mochte sie das angenehme Gefühl des weichen Schlicks an ihren nackten Füßen, auch wenn er von der Nacht noch recht kühl war.

Dann stapfte sie los, kam sich wie immer auf dem offen liegenden Meeresgrund wie in einer fremden Welt vor. Aber dieses Mal hatte sie kein Auge für leise gurgelnde Priele, Sandwürmer und Krebse.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis sie zu den Möwen gelangte. Mit ein paar Handbewegungen vertrieb sie die großen Vögel. Was interessierte die Tiere so, dass sie hier draußen im Watt wie von Sinnen herumflatterten?

Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund. Sie stöhnte. Der warme Sommertag, er hatte so freundlich angefangen, doch nun stand sie mit weichen Knien vor einem dunklen Albtraum.

Das Glitzern, das sie vom Ufer aus gesehen hatte, stammte von einer silbernen Armbanduhr.

Der dazugehörende Arm war wie der damit verbundene Körper des Toten fast komplett vom Watt bedeckt. Nur etwas mehr als die Hand ragte neben einigen von Miesmuscheln überzogenen Felsen aus dem grauen Schlamm, die einzelnen Finger waren zu einer Kralle verkrampft.

Auch ein Großteil des Kopfes steckte im Watt.

Kristin zitterte am ganzen Körper, spürte auf einmal einen üblen Geschmack in ihrem Mund. Sie schwankte, konnte sich nur mit Mühe auf ihren Beinen halten.

Ein Mann, dachte sie, obwohl das Gesicht komplett zerschlagen war.

Die zu einem schrägen Grinsen verzogenen Lippen waren so grau, dass es wirkte, als wären sie bereits Teil des Schlicks.

Dann sah sie seine Augen und taumelte vor Schreck ein Stück zurück. Denn was sie zuerst für eine dunkle Pupille gehalten hatte, war ein kleiner Krebs, der jetzt aus der leeren Augenhöhle herauskroch und sich im grauen Schlamm vergrub.

6

»Wo steckt er denn, verdammt noch mal?«

Pat räusperte sich. »Theo ist auf dem Weg, er wird bald hier sein.« Sie versuchte, dem strengen Blick ihres Onkels auszuweichen, und tat, als würde sie konzentriert an ihrem Rechner arbeiten.

»Was soll das heißen? Bald?« Horst stemmte die Hände energisch in die Seite.

»Na ja, jeden Moment eben. Ich habe gerade mit ihm gesprochen.«

»Was zum Teufel treibt er denn?«

Pat holte tief Luft. »Recherche. Wegen dieser Drogensache in Schauendahl.«

Ihr Onkel musterte sie misstrauisch. »Allein?«

Wieder wich sie seinem Blick aus, sah auf ihren Bildschirm. »Ich habe hier zu tun. Aber jetzt hör endlich auf, dir Sorgen zu machen. Er wird schon gleich auftauchen.«

Horst streckte den Kopf mit einem leisen Knacken. »Das will ich hoffen. Wir haben nämlich keine Zeit.« Damit drehte er sich um und verließ ihr Büro.

Pat atmete aus, stöhnte. Sie hatte ihren Onkel, der als Polizeirat auch Leiter der Kripo Husum war, angelogen.

Sie hatte gar nicht mit ihrem Kollegen telefoniert. Versucht ja, aber Theo war nicht an sein Handy gegangen. Auch zu Hause hatte sie ihn nicht erreichen können.

Vielleicht hatte er wie so oft sein Telefon irgendwo liegen gelassen. Oder vergessen, den Akku aufzuladen – das kam bei ihm immer wieder vor.

Immerhin, eine kurze Nachricht hatte sie heute Morgen von ihm erhalten. »Komme einen Tick später«, hatte er ihr geschrieben. Aber warum hatte er ihr nicht gesagt, wo er war, und auf ihre Nachfragen nicht reagiert?

Erneut griff sie nach ihrem Handy. Wieder nahm er nicht ab, und wieder sprach sie ihm auf die Mailbox. »Theo, komm ins Büro, sofort! Es ist wichtig!«

Dann legte sie auf und schaute nachdenklich aus dem Fenster hinüber zu den Gleisen des Bahnhofs, der sich genau gegenüber der Poggenburgstraße befand. Es war ein heißer Sommertag. Aber nicht nur deshalb lief ihr der Schweiß den Nacken herunter.

Was, wenn herauskam, dass sie Horst angelogen hatte? Patenonkel oder nicht, das würde er ihr nicht durchgehen lassen.

Schritte auf dem Flur. Schnell sprang sie zur Tür, aber es war nur Friedrichs, ihr Kollege aus dem dritten Stock, der mit seinen dürren Beinen durch den Flur stakste und sich aus ihrer Küche einen Kaffee holte.

»Alles klar?«, erkundigte er sich mit seiner heiseren Raucherstimme, als er ihr enttäuschtes Gesicht sah.

Pat nickte nur und zog sich ins Büro zurück. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Horst hatte ja recht, sie mussten sich beeilen!

In dem Moment spazierte Theo zur Tür herein.

»Moin!«, rief er fröhlich und hielt eine Plüschrobbe wie eine Trophäe hoch. »Guck mal, was ich gekauft habe.«

Pat starrte ihn entgeistert an.

»Für Emma«, erklärte er lächelnd. »Damit sie was zum Kuscheln hat.«

»Bist du verrückt geworden?«

»Warum?«

»Wieso gehst du nicht ans Telefon? Ich versuche schon den ganzen Morgen, dich zu erreichen.«

Verwirrt zog er sein Handy aus der Tasche und blickte auf das Display. »Oh, hab dich gar nicht gehört.« Er wischte ohne erkennbares System auf dem Bildschirm herum. »Ich glaub, ich habe irgendwie aus Versehen den Ton ausgestellt, keine Ahnung, wie …«

»Da sind Sie ja endlich, Krumme! Wir suchen Sie schon die ganze Zeit!«

Theo drehte sich überrascht zu Horst um, der sich nun ebenfalls in ihr enges Büro drängte. Irritiert zeigte ihr Patenonkel auf die Plüschrobbe, die ihr Kollege immer noch in der Hand hielt. »Was soll das denn?«

Theo schaute sich verlegen lächelnd zu ihr um. Sollte er ausgerechnet seinem Chef von seiner Shoppingtour erzählen? Wohl nicht!

»Ein Beweisstück aus dem Drogenfall, von dem ich dir erzählt habe«, sagte sie schnell. Theo riss erstaunt die Augen auf.

Genau wie Horst. »Ein Plüschtier?«

»Ja, richtig«, stammelte Theo, der langsam zu verstehen schien. »Muss noch genau untersucht werden.«

»Aber nicht jetzt«, unterbrach ihn Horst. »Sie haben Wichtigeres zu tun. Hat Pat Ihnen noch nichts erzählt?«

»Wollte ich gerade«, sagte Pat und sah wieder zu Theo. »Wir sollen einen Mordfall übernehmen.«

»Einen Mord?«

»Vor der Hallig Süderoog wurde eine Leiche im Watt gefunden«, erklärte Horst. »Sie müssen los. Sofort!«

»Sofort?«, echote Theo überfordert. »Ich müsste noch kurz was erledigen …«

Zu seiner und Pats Überraschung schnappte Horst sich die Plüschrobbe. »Ich kümmere mich um die Angelegenheit. Sie fahren zum Hafen. Die Kollegen warten schon auf Sie.«

»Aber …«

»Schluss mit dem Gequatsche. Sie müssen so schnell wie möglich nach Süderoog. Noch bevor die nächste Flut kommt.«

7

Nicht mal eine halbe Stunde nach ihrem Gespräch mit Krüger stieg Krumme mit Pat im Husumer Hafen in eine kleine, offene Barkasse. Bereits an Bord: Doktor Fleischer mit zwei jüngeren Kollegen aus der Gerichtsmedizin und Köhler mit seinem ebenfalls zweiköpfigen Team der Spurensicherung.

»Ah, unsere Freunde von der Kripo. Wie schön, dass Sie sich doch entschieden haben, uns auf die Hallig zu begleiten«, spottete Köhler, ein fast sechzigjähriger Mann mit geraden, strengen Gesichtszügen, hoher Stirn und buschigen Augenbrauen. Fischer, sein hagerer Kollege aus der Gerichtsmedizin, kicherte zustimmend. Wie nicht anders zu erwarten, nutzte er den freien Platz an der frischen Luft, um eine Zigarette zu rauchen.

»Tut uns leid«, brummte Krumme und quetschte sich mit Pat auf die schmale Bank zwischen die Kollegen. »War gerade viel los.« Was stimmte. So hatte er einige Mühe gehabt, Krüger zu überzeugen, ihm die Plüschrobbe zurückzugeben, ohne ihm zu verraten, dass sie nichts mit Drogen zu tun hatte. Dann hatte er Marianne angerufen, um ihr die Robbe auf halber Strecke zum Hafen diskret zu übergeben.

Endlich ging es ins Wattenmeer. Es war ein fast windstiller, wunderschöner sonniger Tag, und Krumme nutzte die Gelegenheit, durch die Fahrt auf dem Heverstrom mal eine neue Perspektive auf die ihm durch viele Spaziergänge gut bekannte Husumer Bucht zu bekommen.

Es ging nach Westen, vorbei an den Küsten der Halbinseln Eiderstedt im Süden und Nordstrand im Norden. Während Fleischer eine Zigarette nach der anderen paffte, Köhler mit seinen Leuten die Ausrüstung kontrollierte, schauten Krumme und Pat nur schweigend hinaus auf die überwältigende Natur des nordfriesischen Wattenmeeres, das langsam an ihnen vorbeiglitt. Noch war Ebbe. Krumme entdeckte Robben, die auf Sandbänken in der Sonne dösten, und staunte wieder einmal, in wie vielen schimmernden Farben sich das fast spiegelglatte Meer vor ihnen präsentierte.

Wie ein Echo meldete sich die Erinnerung an den Albtraum aus der letzten Nacht. Die dunkle Stimmung von Einsamkeit mitten im endlosen Watt, die Furcht vor der einlaufenden Flut. Krumme schüttelte den Kopf. Zu schön war das friedlich vor ihm liegende Wattenmeer. Die Beklemmung, die ihn letzte Nacht erfasst hatte, fühlte sich jetzt im Licht dieses klaren Tages nur absurd und lächerlich an.

»Schon hübsch, oder?«, durchbrach Fleischer krächzend die feierliche Stille. Hustend hielt er sich die Hand vor den Mund. »Da kann man sich kaum vorstellen, dass wir unterwegs zum Tatort eines bestialischen Mordes sind.« Er beugte sich nach vorne. »Der Tote soll ganz schrecklich aussehen. Hat praktisch kein Gesicht mehr«, ergänzte er mit breitem Grinsen vor allem an Pat gewandt. Er wusste von anderen Einsätzen, dass sie sich trotz ihrer mittlerweile zehn Jahre bei der Kripo wohl nie an den Anblick von Toten gewöhnen würde. Entsprechend nickte sie nur mit einem verkniffenen Lächeln.

Krumme musterte den Gerichtsmediziner. »Scheint, als wenn Sie es kaum abwarten können, den Toten zu sehen?«

»Mein lieber Krumme, Sie sollten mich eigentlich kennen.«

»Je blutiger, desto besser, oder nicht?«

Fleischer gab sich empört. »Denken Sie wirklich, hinter dieser Fassade knallharter Professionalität versteckt sich ein kaltes Herz?«, sagte er und wies dabei mit der Hand von seinem bleichen Gesicht abwärts über seine hagere Brust. »Nein, so ist es nicht. Ich bin ein sehr empfindsamer Mensch und freue mich, dass ich mit meiner Arbeit und meinem Wissen einen Teil dazu beitragen kann, das Böse zu enthüllen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.«

Er schwieg, zog an seiner Zigarette und blickte hinaus aufs Meer, wo sie gerade an Südfall, der anderen Hallig im Heverstrom, vorbeifuhren.

Krumme tauschte einen Blick mit seinen Kollegen, die von Fleischers Auftritt genauso irritiert waren wie er. Meinte der Doktor, der in Husumer Polizeikreisen der »Vampir« genannt wurde, das ernst? Doch Krumme erinnerte sich, dass Fleischer ein begeisterter Leser war und sich mit Marianne regelmäßig über Liebesromane austauschte. Vielleicht hatte er ja ein weicheres Herz, als die Kollegen dachten.

Schließlich erreichten sie die Hallig Süderoog, die am Ende des Heverstroms hinter der Insel Pellworm und vor der Sandbank Süderoogstrand praktisch vor der offenen Nordsee lag. Während sie sich langsam durch eine schmale Fahrrinne dem einzigen kleinen Anleger an der Südseite näherten, konnten sie alles Leben auf Süderoog mit ein paar Blicken erfassen. Wie die anderen Halligen, zum Beispiel Hooge, Gröde oder Langeness, war auch Süderoog keine Insel, sondern ein Stück Land, das nach einer verheerenden Flut, der »Groten Mandränke«, vor über siebenhundert Jahren von den untergegangenen Utlande übrig geblieben war.

Es gab keine Deiche. Bei Sturmflut herrschte Landunter. Die Halligen standen mit ihren Wiesen in solchen Stunden komplett unter Wasser, nur die auf Warften etwas höher stehenden Häuser ragten dann aus den Wellen.

Doch gerade war Ebbe, und Süderoog lag in ihrer ganzen grünen Pracht im Licht der sommerlichen Sonne vor ihnen. Krumme konnte den Hof in der Mitte der Hallig sehen, drumherum Schafe und einige Kühe. Er wusste, dass hier nur ein junges Paar lebte und ganz allein Hof und Felder bewirtschaftete. Aber aktuell schienen sie Gäste zu haben. Im Osten der Hallig entdeckte er ein Zeltlager und konnte an der westlichen Küste eine größere Ansammlung von Menschen ausmachen.

Was war hier los?

Er würde es bald erfahren.

Der Hafen der Hallig bestand nur aus einem Steg, an dem bereits ein kleines Kabinenboot und zwei Motorboote mit Außenbordern festgemacht hatten. Eins gehörte Pellworms einzigem Polizisten Andy Dierksen, der neben der Insel auch für Süderoog zuständig war. Als erster Polizeibeamter war er zur benachbarten Hallig gefahren.

Der uniformierte Polizeihauptmeister, ein freundlich wirkender junger Mann in den frühen Dreißigern mit von der Sonne gebleichten blonden Haaren und gebräuntem Gesicht, erwartete sie auf dem Steg.

»Moin!«, rief er ihnen entgegen und fügte ein »Willkommen auf Süderoog!« hinzu. Dabei strahlte er, als wären Krumme und seine Kollegen Gäste auf seiner Geburtstagsfeier.

»Hatten Sie eine gute Überfahrt?«, fragte er, während er ihnen half, die Barkasse am Steg festzumachen und ihre Taschen auszupacken. »Ich hatte schon Sorge, Sie würden zu spät kommen.«

Was genau er damit meinte, zeigte sich, als er sie über die Hallig auf die südwestliche Seite führte. Vom Ufer konnten sie noch keine Details erkennen, die Leiche lag mindestens hundert Meter weit draußen im Watt. Ihr Pellwormer Kollege hatte den Fundort mit Holzstöcken und rot-weißem Flatterband abgesperrt. Auch auf der Hallig hatte er den entsprechenden Bereich am Ufer großflächig abgeriegelt.

»Ist natürlich nur provisorisch«, erklärte Dierksen. »Aber die Flut läuft schon wieder auf. Nicht mehr lange, und hier steht alles unter Wasser.«

»Gut gemacht«, sagte Krumme.

Dierksen lächelte stolz. »Muss ja, wegen der Spurensicherung.« Er nickte Köhler zu, der zusammen mit seinen Kollegen bereits die Schuhe und Socken auszog, um mit der Arbeit zu beginnen. »Ein paar Leute sind aber bereits durchs Watt gelatscht, als ich angekommen bin.«

Krumme zeigte zu einer rund zehnköpfigen Gruppe junger Männer und Frauen, die ihr Treiben am Ufer genau beobachtete. »Was sind denn das für Leute?«, fragte er. »Ich dachte, hier auf der Hallig lebt nur ein Paar?«

»Ja, Rieke und Jan. Jan ist noch mit seinem Kutter unterwegs, sollte aber bald zurück sein. Und Rieke ist die Frau mit den langen schwarzen Haaren und den Gummistiefeln auf der rechten Seite.«

»Und der Rest?«

»Das sind Archäologiestudenten mit ihrem Professor aus Hamburg.«

Krumme horchte auf. »Archäologie?«

Dierksen nickte. »Buddeln da hinten im Watt, auf der anderen Seite, bei den Zelten.«

»Wonach denn?«, fragte Köhler, der mit seinen Leuten startklar war.

»Keine Ahnung, nach irgendwelchen Scherben eben. Aus Rungholt, glaube ich.«

»Los geht’s«, unterbrach Fleischer. »Keine Zeit mehr für Smalltalk.« Seine Assistenten standen ebenfalls barfuß auf der grünen Wiese. Nur der Doktor hatte für sich Gummistiefel mitgebracht.

Krumme nickte. Gemeinsam kletterten sie über die steinige Uferbefestigung hinunter ins Watt. Sein Traum aus der letzten Nacht kam ihm wieder in den Sinn. Er zögerte einen Moment, als er den Fuß in den grauen Schlamm setzte.

»Alles klar?«, fragte Pat leise, die als Einzige wusste, dass er vor über zehn Jahren beinahe im Watt vor Hooge ertrunken war.

Krumme nickte nur. Das war hier eine völlig andere Situation. All die Kollegen an seiner Seite. Und der Fundort der Leiche befand sich in Sichtweite vom Ufer. Es dauerte nur ein paar Minuten, und sie standen am Rande eines tiefen, in die Fahrrinne des Heverstroms strömenden Priels, vor dem Dierksen ein im Wind sanft hin und her schwingendes Flatterband aufgestellt hatte.

»Wir haben Glück gehabt«, sagte der Inselpolizist. »Die Leiche ist an einem Felsen hängen geblieben. Sie wäre sonst womöglich von der Tide in den Heverstrom gespült worden und dann in der Nordsee verschwunden.«

Krumme schaute hinunter auf die Leiche und hielt das Wort Glück in diesem Zusammenhang eher für unangebracht.

»O mein Gott«, sagte Pat, und auch Krumme verzog den Mund. Fleischer hatte recht gehabt: Der Tote sah schrecklich aus. Das Gesicht war komplett zerstört, und in der leeren Augenhöhle glänzte das Meerwasser.

»Das nenne ich doch mal eine Herausforderung«, sagte der Gerichtsmediziner mit seiner heiseren Raucherstimme, in der aber keine Spur von Triumph zu erkennen war.

Krumme atmete tief durch und nickte. »Na, dann. Legen Sie los, Herr Doktor.«

8

Es war eine ziemliche Schweinerei, den Toten aus dem matschigen Watt zu befreien und an Land zu hieven, wo Fleischer am Ufer inzwischen einen Gartenpavillon und einen Tisch hatte aufstellen lassen. Während er dort mit seinen Kollegen einen ersten Blick auf die Leiche warf, standen Köhler und sein Team im Bereich um den Fundort knietief im Morast, um mögliche Spuren zu sichern. Die Zeit drängte: Höchstens noch eine Dreiviertelstunde, dann würde die Flut sie erreichen.

Krumme und Pat gingen zu Fleischer in den Pavillon. Krumme hatte Dierksen beauftragt, dafür zu sorgen, dass sich die Studenten und Rieke davor für ein erstes Gespräch bereithielten.

Fleischer konnte nicht glauben, was Krumme vorhatte.

»Sie wollen einen nach dem anderen hier durchführen?«

Er zeigte auf die auf dem Tisch liegende Leiche. Der Doktor und seine beiden jungen Assistenten hatten den Körper und den Kopf bereits vom Schlamm gesäubert. Krumme bemerkte, wie Pat sich abwandte. Und tatsächlich war der Anblick kaum zu ertragen. Überall auf dem Körper waren Totenflecke zu erkennen. Das Gesicht war komplett zertrümmert, die Reste bereits von diversen Tieren angenagt. Teile des Kieferknochens lagen frei, wodurch es auf unheimliche Weise schien, als würde der Tote grinsen. Auf der rechten Seite tat sich statt einem Auge eine dunkle, fleischige Höhle auf, während das abgestorbene linke Auge wie eine grau-matte Murmel schimmerte.

Krumme nickte. »Wir müssen unbedingt wissen, wer der Tote ist. Und da wir noch keine Papiere gefunden haben …«