Toter Mann - Åke Edwardson - E-Book

Toter Mann E-Book

Åke Edwardson

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Beschreibung

Ein verlassener Wagen im nächtlichen Göteborg, Schüsse auf einen bekannten Autor – nichts scheint zusammenzupassen. Doch Kommissar Erik Winter spürt, dass ein mächtiger Gegner ihn belauert. Sind diese Vorfälle Köder, die ihn auf eine bestimmte Spur locken? Oder geniale Ablenkungsmanöver? Immer tiefer gerät Winter in ein verzweigtes Netz aus Lügen und Intrigen, das ihn weit in die Vergangenheit zurückführt. Dann geschieht ein Mord, und Winter muss von vorn anfangen. Noch längst hat er nicht überall Licht ins Dunkel gebracht, da fordert ihn sein Gegner zum Showdown.

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Åke Edwardson

Toter Mann

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

Ullstein

Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel Nästan död man bei Norstedts, Stockholm.

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen,wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oderÜbertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

ISBN 978-3-550-92006-6

© 2007 by Åke Edwardson © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten Satz und e-book: LVD GmbH, Berlin Printed in Germany

Für Rita

ERSTER TEIL

1

Das Auto stand da mit laufendem Motor und offenen Türen, die Scheinwerfer auf die Festung am Südufer gerichtet. Eine unwirkliche Szene in der Nacht. Die Fahrbahnen der Brücke gähnten leer. Der Himmel im Westen schien sich endlos auszudehnen. Er schimmerte noch immer rot von der Abenddämmerung, als wollte der gestrige Tag den morgigen Tag nicht loslassen.

Von Norden näherte sich ein anderes Auto. Der Fahrer musste dem stehenden Auto ausweichen. Zwanzig Meter entfernt hielt er an und stieg aus. Er hörte eine Möwe schreien. Es roch nach Öl und Salz und war ganz still, als schwebte die Brücke in einer eigenen Welt. Nur das Geräusch der beiden Motoren war zu hören. Der Mann näherte sich dem Auto. Es schien verlassen, niemand saß darin. Der Fahrersitz war leer. Alle vier Türen standen offen. Sie sahen aus wie Flügel, als wäre das Auto im Begriff, sich in einen Vogel zu verwandeln und von der Brücke abzuheben. Oder in ein riesiges Insekt, schwarz und glänzend. Der Mann sah den Lack aufblitzen, als hätte ein plötzlicher Windstoß die Veränderung bewirkt. Er hörte ein Schiff tuten, vielleicht auch ein Nebelhorn. Unten auf dem Fluss war Leben. Der Nebel war dünn wie Glas. Da ist einer gesprungen, dachte der Mann. Jemand, der unglücklich war und genug hatte, ist hierhergefahren und gesprungen. Das geschah wahrhaftig nicht zum ersten Mal. Die Älvsborgsbrücke ist die Selbstmörderbrücke Nummer eins im ganzen Land. Der Weg hinunter ist weit oder erfolgt von hoch oben, je nachdem, wie man es sieht. Wenn man auf der Wasseroberfläche aufschlägt, ist es, als würde man auf Beton krachen. Von der Brücke zu springen ist eine endgültige Entscheidung. Das ist kein Hilferuf mehr.

Der Mann wählte die Nummer der Zentrale des Landeskriminalamtes. Er erkannte Namen und Stimme des Diensthabenden.

»Hallo, hier ist Lars Bergenhem.«

»Hallo, Lars. Du bist aber früh auf.«

»Ich bin auf der Älvsborgsbrücke, bei einem Lexus, leer, der Motor läuft noch, die Türen stehen offen. Ich glaube, da ist einer gesprungen.«

»Wir schicken eine Funkstreife. Wo steht er?«

»In südlicher Richtung, hinter dem Buckel.«

»Okay, die Streife ist schon unterwegs.«

Kriminalinspektor Lars Bergenhem trat näher an das verlassene Auto heran. Er war nicht im Dienst und nur zufällig in der Morgendämmerung vorbeigekommen. Es war nicht notwendig, eine Erklärung abzugeben. Er wünschte, es wäre so einfach gewesen.

Der Mann versuchte die größten Wasserlachen zu umgehen. Überall waren Pfützen, Tümpel, fast Seen. Er machte einen großen Bogen um eine Pfütze, die tief wirkte. Im Augenblick war kein Verkehr auf der Straße. Seit Stunden lag die Nacht über der Stadt, drückte auf sie nieder. Er überquerte die Fahrbahn. Er war auf dem Weg, einen Mann umzubringen. Die Vergangenheit ist wie ein Mantel, der schwer auf den Schultern lastet. Man musste ihn in jeder Wetterlage tragen. Er warf einen Blick zum Himmel hinauf. Da oben war eine schwarze Hölle, die die ganze Erde bedeckte. Im Augenblick glaubte er nicht daran, dass es dämmerte oder Morgen war, auf der anderen Seite des Erdballs. Überall war Nacht, seine Nacht. Die Nacht eines anderen. Er spürte die Pistole in seiner Tasche. Die Pistole eines anderen. Warum werfe ich sie nicht in eine der Pfützen? Bei diesem miesen Wetter wird sie erst nächsten Sommer entdeckt, vielleicht nicht einmal dann. Es wird weiterregnen. Die Stadt wird ins Meer hinaustreiben. Bis zum Meer ist es nicht weit, es fängt gewissermaßen schon hier an. Der Fluss ist breiter denn je. Ich gehe über den Fluss, er hat die Dämme durchbrochen. Ich gehe über das Wasser. Meine Schuhe haben keine Löcher, trotzdem dringt Wasser ein. Ich fühle doch, wie nass meine Füße sind. Er ist von Westen nach Osten durch das ganze Zentrum gegangen. Ist ihm ein Auto gefolgt? Anfangs. Als er von zu Hause wegging. Über den Kanal. Er hatte das Auto in der Allén gesehen, er war ganz sicher. Bei der Statue war er in eine der Gassen abgebogen. Als er zurückkam, war das Auto weg gewesen. Diese Idioten. Aber es war sinnlos, darüber nachzudenken, reine Energieverschwendung. Er ging weiter zwischen den schwarzen Gebäuden unterhalb der alten Universitätsanlage entlang. Einmal vor langer Zeit hatte er sie voller Hoffnung betreten. Er hatte sich so angestrengt in seinem Studium. Herr im Himmel, was für eine Energieverschwendung. Die Pistole in seiner Tasche fühlte sich gleich leichter an, wenn er an sie dachte. Unterwegs hatte er ständig an sie gedacht. Und an den Mann, den er erschießen würde. Gestern hatte er ihn zum ersten Mal gesehen. Ein Gesicht. Er ist fast tot, so wie ich. Ich bin ein toter Mann, der durch die Straßen geht. In den USA sagen sie dead man walking. Ich bin auf dem Weg zur Hinrichtung eines anderen. Es ist aber auch meine eigene. Die Hinrichtung des Henkers, bald. Es wird bald geschehen. E-ner-gie-ver-schwen-dung. Wieder tauchte das Wort in seinem Kopf auf. Fast murmelte er es, wenn ihm jemand begegnet wäre, hätte er es hören können. Aber ihm begegnete niemand. Der Regen war stärker geworden. Jetzt stand er vor dem Hauseingang. Er drehte sich um, das Auto war nicht da, oder besser gesagt: Er sah es nicht. Es war da, natürlich war es da. Er schaute an der Hausfassade hinauf. Die meisten Fenster waren erleuchtet. Auch die im dritten Stock. Die Wohnung besaß einen Balkon. Gestern hatte er ihn gesehen. Der Mann hatte auf seinem Balkon gestanden, den Blick in die Ferne über die Hausdächer gerichtet. Er sah seine eigene Hand vor sich. Er gab den Türcode ein, den er gestern unter anderem von ihnen bekommen hatte. Auch das. Es summte in der Tür, wie ein kleiner Bienenschwarm. Er drückte die Tür auf.

Bergenhem stand vor dem verlassenen Auto. Der Motor lief nun schon lange im Leerlauf. Wenn er länger als eine Minute lief, war das in Göteborg ein Verstoß gegen die Verkehrsordnung. Bergenhem zog Handschuhe an, beugte sich vor und schaltete den Motor ab. Im Zündschloss steckte kein Schlüsselbund, nur ein einzelner Schlüssel. Bergenhem stand nach Süden gewandt und sah das flackernde Blaulicht des geparkten Streifenwagens. Es mischte sich mit dem blauroten Himmel. Er hörte eine langgezogene Sirene wie einen Gruß. Er hatte seine Taschenlampe angeknipst und leuchtete den Innenraum des Autos ab. Die Sitze waren mit hellem beigem Leder bezogen. In der Rückenlehne des Beifahrersitzes entdeckte er ein Loch. Es sah aus wie das Loch von einem Geschoss. Er beugte sich weiter nach vorn und richtete den Lichtstrahl darauf. Im Auto blitzte etwas auf. Er beugte sich noch weiter vor. Es war eine Kugel, eine Kugel aus einer Pistole oder einem Revolver. Die weiche Polsterung hatte sie abgefangen, die Kugel sah ziemlich unbeschädigt aus, ja, zum Teufel, es war eine Kugel. Er leuchtete noch einmal alles ab, konnte aber keine weiteren Löcher entdecken. Dann schob er sich rückwärts aus dem Auto und rief die Leitzentrale an.

Die Leute von der Spurensicherung waren gekommen. Erika Djurberg fotografierte. Die Blitze hatten jetzt keine Leuchtkraft mehr. Über Meer und Land zog der Morgen herauf. Erika Djurbergs Kollege hatte einen Blick ins Auto geworfen und untersuchte nun die Umgebung. Der Fundort war genauso wichtig wie der Gegenstand. Warum hier? Warum nicht dort hinten? Warum auf der Brücke? Warum nicht an Land?

»Ich hab kein Blut gesehen«, sagte Bergenhem.

Lars Östensson antwortete nicht.

»Aber jemand hat einen Schuss abgegeben«, fuhr Bergenhem fort.

»Das sehe ich«, sagte Östensson und schaute auf. »Könnte ein Neun-Millimeter-Geschoss sein.«

Bergenhem nickte.

»Aber wenn wir Glück haben, ist es auch etwas Ungewöhnlicheres«, sagte Östensson. »Das erfahren wir in der Untersuchungshalle.«

Er hatte einen Bergungswagen angefordert, der das Auto in die Untersuchungshalle der Kriminaltechnik in Mölndal bringen sollte.

»Hast du schon den Besitzer erreicht?«, fragte Östensson.

»Nein.«

Bergenhem hatte sich sofort bei der Zulassungsstelle erkundigt, nachdem er aus seinem eigenen Auto gestiegen war. Als Halter war Roger Edwards, Eckragatan 44, Västra Frölunda registriert. Eckragatan, das war in Långedrag, ein Stück weiter westlich. Bergenhem sah den Stadtteil von dem Platz, wo er stand, jedenfalls konnte er ihn sich vorstellen. Er sah die Neue Werft und Stora Billingen vor sich, die Basis der Kriegsmarine vor Hästevik, sowie Tångudden und Långedrag.

Bergenhem trat näher an die Brüstung und schaute hinunter. Es war beängstigend hoch. Ein Abgrund. Von Westen näherte sich ein blauweißes Schiff. Es war die Wasserschutzpolizei von der Neuen Werft. Wenn es dort unten eine Leiche gab, würden sie sie finden. Würde es dann Roger Edwards sein? Am Ende allzu lebensmüde. Hatte er versucht, sich zu erschießen, aber die Hand hatte zu sehr gezittert, und darum hatte er einen sichereren Ausweg gewählt?

»Das Auto ist nicht gestohlen gemeldet«, sagte Bergenhem.

Er sah Erika Djurbergs Kamera blitzen. Sie stand einige Meter von ihm entfernt und schien jetzt das Polizeiboot da unten und die Morgendämmerung über Göteborgs Hafeneinfahrt zu fotografieren. Hinter ihnen im Osten ging die Sonne auf. Den Sonnenaufgang hatte sie sicher auch fotografiert. Sie hatten einige verregnete Wochen gehabt. Einen frühen Herbst. Der Prolog, auf den wieder einmal sechs Monate Dunkelheit folgten. Das konnte manche Leute dazu bringen, sich im freien Fall über das Geländer auf die Betonfläche des Flusses zu stürzen.

»Ich fahr zur Eckran«, sagte Bergenhem ins Leere.

Noch staute sich der Verkehr nicht vor dem Gnistängstunnel. Bergenhem bog von der Westumgehung ab und fuhr weiter auf der Torgny Segerstedtsgatan. Der Nebel glitt in Schwaden vor ihm her und mischte sich mit dem Licht der Morgendämmerung. Die Kirche von Älvsborg zeigte wie eine Speerspitze in den grauen Himmel. Bergenhem hatte plötzlich eine überraschende sexuelle Phantasie: das Tier mit den zwei Rücken. Er schob den Gedanken beiseite, indem er eine CD vom Beifahrersitz nahm und sie in den Spieler steckte. Lucinda Williams’ berauschende Stimme fragte, ob er alright war. »Are you alright?« Nein, er war nicht alright. In der Kurve bei Hinsholmen kam ihm die erste Straßenbahn mit einer Geschwindigkeit entgegen, als wäre sie die letzte an diesem Tag oder die letzte in diesem Dasein. Bergenhem war unaufmerksam. Er schlingerte auf Henkes Bar & Grill zu und bekam den Wagen erst in Höhe der Kreuzung zum alten Långedragsvägen wieder unter Kontrolle. Bei der Palmsundsgatan bog er nach rechts ab und fuhr weiter zur Eckragatan.

Nummer 44 war ein Neubau im Willa-Nordic-Stil. Gerade Linien, weißer Putz, rote und blaue Details, einige runde Fenster, ein Hauch von Meer. Im Licht der Morgendämmerung traten die Farben besonders hervor. Bergenhem stieg aus dem Auto und ging die wenigen Schritte auf die Tür zu. Das Grundstück war klein. In Långedrag gab es keine großen Grundstücke, auf denen man neue Häuser bauen konnte, es gab überhaupt keine Grundstücke. Edwards musste Glück und viel Geld gehabt haben. Die Tür war blau und hatte ein rundes Fenster. Vielleicht war Edwards’ Glückssträhne jetzt zu Ende, vielleicht trieb er im schweren Wasser des Flusses. Vielleicht hatte er es so gewollt, und es war kein Unglück.

Bergenhem drückte auf den Klingelknopf. Er hörte, wie sich das Klingeln wie ein Echo im Haus fortsetzte. Er versuchte es noch einmal und lauschte auf die verhallenden Töne. Das Haus schien genauso verlassen zu sein wie das Auto auf der Älvsborgsbrücke. Drinnen ging kein Licht an. Bergenhem sah keine Nachbarn. Die Eckragatan schlief, Långedrag schlief. Die Menschen lagen noch in ihren Betten. Bergenhem war so lange in seinem Bett liegen geblieben, wie er es ausgehalten hatte. Dann war er aufgestanden, hatte sich ins Auto gesetzt und war von Torslanda in die Stadt gefahren. Martina war nicht zu ihm in die Küche gekommen, wo er eine Weile gesessen hatte. Sie war ihm nicht nachgelaufen, als er mit dem Auto vom Reihenhaus losfuhr. Sie traut sich nicht, hatte er gedacht, als er in den Rückspiegel sah.

Dieses Haus war still. Bergenhem ging zurück zum Auto. Er war nicht müde. Er startete den Motor und fuhr in östlicher Richtung. Nach einigen hundert Metern begegnete er einem Mann, der auf dem Bürgersteig gegenüber in westlicher Richtung ging. Er hielt den Kopf gesenkt und vermied es, Bergenhem anzuschauen. Damit war die Sache entschieden. Bergenhem hielt an und stieg aus. Der Mann ging weiter, ohne sich umzudrehen. Bergenhem gab einem Impuls zu rufen nicht nach. Der Mann überquerte die Straße. Jetzt drehte er sich um. Bergenhem blieb stehen und hob die Hand zum Gruß. Der Mann begann zu laufen. Er lief an Edwards’ Haus vorbei, weiter in Richtung der Schule von Långedrag und verschwand hinter dem größten Schulgebäude, ehe Bergenhem rufen konnte. Was sollte er rufen? Seinen Namen? Edwards’ Namen? Bergenhem sprang ins Auto, fuhr auf die Garageneinfahrt gegenüber zu, setzte zurück und folgte dem Flüchtenden. Er sah ihn auf dem Saltholmsvägen. Jetzt hatte er seinen Schritt verlangsamt, als wäre Flucht sinnlos. Er bog zum Rugbyplatz ab. Über Hinsholmskilen zeigte sich ein heller Lichtstreifen. Der Mann näherte sich dem Segelboothafen. Sein Umriss war ein Relief in der Morgensonne. Bergenhem war wieder aus dem Auto gestiegen und nahm den Geruch von Salz und Tang wahr.

»Hallo!«, rief er.

Der Mann reagierte nicht und drehte sich auch nicht um.

»Hallo, warten Sie!«, rief Bergenhem und rannte wieder los. Der Mann ging den Fußweg am Wasser entlang. Er drehte sich um, sah Bergenhem und begann auch zu laufen.

»Hallo, warten Sie! Edwards! Roger Edwards! Polizei!«

Ohne sich umzudrehen, lief der Mann zwischen den Booten entlang, die vor kurzem an Land gezogen worden waren. Die Segelsaison war vorbei. Einige lagen noch im Wasser. Bergenhem konnte die Beine des Mannes unter den Kielen sehen. Jetzt blieben sie stehen. Bergenhem umrundete das große Segelboot, hinter dem der Mann stand. Er hob die Hände, als würde er aufgeben. Was aufgeben? Bergenhem blieb vor ihm stehen. Der Mann starrte ihn mit einer Mischung aus Schrecken und Aggression an. Beide

atmeten heftig. Bergenhem holte seinen Dienstausweis hervor.

»Bergenhem«, keuchte er. »Polizei.«

»Wa … was ist los?« Der Mann starrte auf den Ausweis.

»Roger Edwards?«, fragte Bergenhem. »Sind Sie Roger Edwards?«

Der Mann schien zu zögern, als hätte er seinen Namen vergessen.

»Es geht um ein Auto«, sagte Bergenhem, »um das Auto von Roger Edwards.«

Der Mann nickte.

»Sind Sie Edwards?«

»Ja … was ist mit dem Auto? Haben Sie es gefunden?«

»Gefunden? Wie meinen Sie das?«

»Es ist gestern gestohlen worden.«

»Warum haben Sie den Diebstahl nicht gemeldet?«

»Ich bin noch nicht dazu gekommen.«

Edwards sah Bergenhem nicht an, als er das sagte. Es war natürlich eine verdammte Lüge.

»Warum soll ich das glauben?«, fragte Bergenhem.

»Wo haben Sie das Auto gefunden?«

»Wo wurde es gestohlen?«

»Äh … am Käringberget. Vorm Supermarkt.«

»Und wann?«

»Gestern Abend, das hab ich doch gesagt. Am späten Abend, kurz vor zehn. Um zehn machen die zu. Ich hatte es eilig, bin schnell rein und hab eingekauft, und als ich zurückkam, war das Auto weg.«

»War das Auto abgeschlossen?«, fragte Bergenhem.

»Äh … nein.«

»Warum denn nicht?«

»Ich hatte es eilig, wie gesagt. Ich hab genau vor dem Eingang geparkt. Wer kommt denn auf die Idee, dass das Auto ausgerechnet dort geklaut wird?«

»Warum nicht dort?«

»Hier passiert so was doch nicht, oder? In diesem Teil der Stadt wohnen nur gesetzestreue Leute.«

»Dann war es wohl jemand von außerhalb«, sagte Bergenhem.

»Äh … wa … ja.«

»Wo sind die Schlüssel?«

»Die hab ich stecken lassen, fürchte ich.«

»Was haben Sie eingekauft?«

»Wie bitte?«

»Was haben Sie im Supermarkt gekauft?«

»Zigaretten.«

»Okay, und als Sie wieder rauskamen, war das Auto weg. Was haben Sie dann gemacht?«

»Ich bin nach Hause gegangen.«

»Sie sind nach Hause gegangen? Ihr Lexus ist soeben gestohlen worden, und Sie gehen einfach nach Hause?«

»Ich hatte es eilig.«

»Aus welchem Grund?«

»Das ist meine Sache.«

»Diese Geschichte ist alles andere als allein Ihre Sache«, sagte Bergenhem.

»Worum geht es eigentlich?«, fragte Edwards. »Okay, ich bin nicht dazu gekommen, den Diebstahl zu melden. Ich wollte es heute Morgen machen. Wo ist das Auto?«

Bergenhem dachte eine Sekunde nach. Möwen kreisten neugierig über ihnen. Wohin würde diese Geschichte führen? Bergenhem schaute auf seine Armbanduhr.

»Wahrscheinlich in der Untersuchungshalle der Polizei«, sagte er.

»Warum?«

»In Ihrem Auto sind Schüsse abgegeben worden.«

»Schüsse?«

Bergenhem antwortete nicht.

»Ich war das nicht«, sagte Edwards.

2

Kriminalkommissar Erik Winter stand an seinem Bürofenster mit Aussicht auf den Fattighusån. Er wusste, dass der Fluss da war, konnte ihn in der Dunkelheit aber nicht sehen. Die Regentropfen an der Fensterscheibe waren von der Beleuchtung des Abends unterschiedlich gefärbt, wie ein Muster aus Perlen. Vielleicht konnte man es sogar als hübsch bezeichnen. Er trug seinen Regenmantel, bereit, in die Dunkelheit hinauszugehen. Das Einzige, was ihn noch zurückhielt, waren die Gedanken an einige der Angelegenheiten, die in zwei flachen Papierstapeln auf seinem Schreibtisch lagen. Bei der einen handelte es sich um ein Auto, das mit einem Einschussloch im Beifahrersitz verlassen auf der Älvsborgsbrücke gefunden worden war, bei der anderen ging es um verdächtige Aktivitäten auf der Hisingsseite, die vermutlich mit Rauschgiftschmuggel zusammenhingen. Das Fahndungsdezernat konnte nicht alles dem Rauschgiftdezernat aufladen.

Sein Telefon klingelte. Winter ging zum Tisch und hob den Hörer ab. »Ja?«

Ihm wurde sein abweisender Tonfall bewusst. Er gefiel ihm selber nicht.

»Vielleicht sollte ich ein andermal anrufen«, sagte die Stimme am anderen Ende.

»Entschuldige, Angela, ich dachte, es sei jemand anders.«

»Wer denn?«

»Irgendein blöder Kollege mit schlechten Neuigkeiten, die mich daran hindern würden, nach Hause zu gehen.«

»Ich tue genau das Gegenteil, Erik.«

»Danke.«

»Jetzt kannst du getrost nach Hause kommen.«

»Das sind doch gute Nachrichten.«

»Es ist ein bisschen später geworden, als ich dachte.«

»Schläft Lilly?«

»Bald.«

»Erzähl ihr, dass ich mein Bestes getan habe.«

»Das wird sie auch bestimmt begreifen.«

»Und morgen steh ich mit dem Hahn auf.«

»Mit welchem Hahn?«

»Das ist eine schwedische Redensart, Angela.«

»Aha, in Deutschland steht man mit den Hühnern auf.«

»Ich werde mit dem Hahn aufstehen, obwohl die ganze Woche Samstag ist.«

»Genau das hat Elsa heute auch gesagt. Wahrscheinlich haben sie das Lied im Kindergarten gesungen. Die ganze Woche Samstag.«

Angela war in Leipzig und Berlin aufgewachsen, bevor es Familie Hoffmann gelang, in den Westen in die Freiheit zu fliehen. Damals war Angela ein kleines Mädchen gewesen. Jetzt war sie eine noch relativ junge Allgemeinärztin am Sahlgrenska-Universitätskrankenhaus. Winter war allgemeinpraktizierender Kommissar beim Landeskriminalamt, immer noch relativ jung, um Kommissar zu sein, aber er war schon seit neunzehn Jahren Polizist. Bald hatte er sein zwanzigjähriges Jubiläum, noch bevor er fünfzig wurde. Jubiläum, Fest. Wahrhaftig, das Leben erschien ihm, als wäre die ganze Woche Samstag.

Winter nahm den Weg über Heden nach Hause. Die Abenddämmerung war vorbei, war im Schotter versickert und von Dunkelheit zugedeckt worden. Eine Amateurmannschaft spielte in schwacher Beleuchtung Fußball. Nach wenigen Sekunden verhallten die Rufe. Winter war als Jugendlicher ein guter Mittelfeldspieler gewesen, er hätte eine glänzende Karriere machen können, wenn er sich nicht Ende der siebziger Jahre bei einem Spiel auf dem Slottsskogsvallen ernsthaft an der Kniescheibe verletzt hätte. Ein Jahr später musste der Sandarna Klub sich einen neuen Mann mit vielversprechender Zukunft suchen. Er traute sich nicht mehr so viel zu, obwohl er mit der Clique vom Dezernat gespielt hatte, bis Halders eines schönen Abends für ihren Rausschmiss sorgte, indem er den Schiedsrichter mehr oder weniger tottrat. An einem schönen Abend wie diesem. Der Himmel hatte sich nach Einbruch der Dunkelheit gelichtet, und die Stadt hatte einen blauen Glorienschein bekommen, der zur Jahreszeit passte. Von Nordwesten kam ein frischer Wind auf, und Winter zog seinen Mantel fester um sich. Der Wind kam immer noch von vorn, als er vom Södra vägen in die Vasagatan einbog und dann die Avenyn überquerte. In den Wartehäuschen gegenüber vom Zeitungskiosk warteten Leute auf Busse und Bahnen, es waren nur noch siebenhundert Meter bis nach Hause.

Elsa zog ihm den zweiten Schuh aus.

»Danke, meine Dienerin.«

»Ich bin nicht deine Dienerin.«

»Was bist du denn?«

»Ich bin eine Königin!« Elsa ließ den Schuh auf den Holzfußboden plumpsen.

»Schh, weck deine kleine Schwester nicht auf. Weck nicht die Prinzessin.«

»Och, die schläft doch dauernd.«

»Da habe ich aber etwas anderes gehört.«

»Sie ist eine Siebenschläferin.«

Winter hielt seinen Arm mit der Uhr hoch.

»Das stimmt. Es ist gerade sieben.«

»Ha, ha, ha.«

»Wenn du eine Königin bist, dann finde ich, solltest du mir was zu trinken holen. Ich setze mich schon mal in den Salon.«

»Was ist der Salon?«

»Unser Wohnzimmer, vornehmere Familien nennen das Salon.«

»Aber wir haben früher doch nie Salon gesagt?«

»Nicht?«

»Nein. Dann sind wir also keine vornehmere Familie?«

»Klar sind wir das, Schätzchen. Eine der vornehmsten.«

»Sind wir nicht die allervornehmste?«

Winter hörte ein kurzes Lachen. Er schaute auf.

»Wie willst du da wieder rauskommen?« Angela lächelte. »Wie vornehm sind wir, Erik?«

»Genauso vornehm wie alle anderen, die auch vornehm sind.« Er richtete sich auf. »Kann eine der Königinnen dem König etwas Vornehmes zu trinken holen? Wir treffen uns dann im Salon.«

*

Bergenhem bemerkte, dass er auf seinem Bürostuhl saß. Er erinnerte sich, dass er über die Älvsborgsbrücke und weiter in die Stadt gefahren war, doch danach erinnerte er sich an nichts mehr. Als hätte er sein Gehirn ausgeschaltet, als er durchs Zentrum gefahren war, vor dem Präsidium geparkt hatte und hinauf in sein Zimmer gegangen war. Bewusstlos, als hätte er einen Blackout gehabt. Herr im Himmel, es war nicht das erste Mal. Er hätte irgendein armes Schwein überfahren können. Ist irgendwas mit meinem Kopf? Der Schlag, den ich vor zehn, vielleicht dreizehn Jahren abbekommen habe. Ja, dreizehn. Das ist keine gute Zahl. Sie haben geglaubt, ich sei tot. Vielleicht war ich das auch für einen Moment. Aber ich habe mich nicht geopfert, damals nicht. Es war Dummheit. Oder etwas anderes. Gestern bin ich über die Brücke gefahren und hab das Auto entdeckt. Daran kann ich mich erinnern. An Roger Edwards kann ich mich auch erinnern. Er ist nicht gesprungen, hat den Diebstahl nicht angezeigt. Und hat behauptet, er habe nicht geschossen. Da gibt es noch viele Fragen.

Das Telefon auf dem Tisch riss ihn aus seinen Gedanken an Leben und Tod, Hoffnung, Verzweiflung und Dummheit.

Er hob ab, ohne sich zu melden, und lauschte einer aufgeregten Stimme.

»Nicht hierher«, sagte er. »Nicht hier.«

Die kleine Königin hatte ihm ein kleines Glas Whisky gebracht. Sie hatte es getragen, als wäre es eine Kanne aus Gold, was es ja auch war, jedenfalls sah es so aus.

»Wie kannst du das bloß trinken, Papa? Bäh!«

Er nahm den Duft von Heide, Torf, Meer und Himmel wahr.

»Dazu muss ich dir eine lange Geschichte erzählen, Mäuschen.«

»Erzähl!«

Er nahm einen Schluck. Es schmeckte fast so, wie es roch.

»Erzähl, Papa!«

»Vor langer, langer Zeit haben in einem Land, das Schottland heißt, ein alter Mann und eine alte Frau in einer Grotte am Meer gelebt.«

Elsa lächelte. Die Geschichte hatte sie schon öfter gehört, jedenfalls eine Version davon. Winter konnte sich nicht erinnern, wie viele Versionen er im Lauf der Jahre erzählt hatte.

»Die beiden hießen MacGregor«, fuhr er fort.

»Das bedeutet Sohn«, sagte Elsa. »Mac bedeutet Sohn.«

»Genau.«

»So wie wenn jemand Eriksson heißt.«

»Ja.«

»Dann könnte ich mich Eriksson nennen, wenn ich groß bin.«

»Wenn du willst.«

»Aber ich bin ja kein Sohn! Ich bin eine Tochter, dann muss ich eben Eriksdotter heißen!«

Winter nickte.

»Aber dann heiße ich nicht mehr Winter.«

»Nein, das wäre vielleicht doch schade.«

»Woher kommt das, Papa? Woher kommt unser Nachname?«

»Ich weiß es nicht genau, Mäuschen. Dein Großvater hieß Winter … deshalb heißen Tante Lotta und ich auch Winter.«

»Kommt das vom Winter?«

»Na, klar.«

»Aber als ich den Namen an die Tafel geschrieben habe, hat die Lehrerin gesagt, ich hab ihn falsch geschrieben! Winter schreibt man auf Schwedisch mit v.«

»Mit w schreibt man es auf Englisch«, sagte Winter. »In Göteborg gibt es einige Leute mit englischen Namen. Früher kamen viele Menschen aus Schottland und England zum Arbeiten hierher. Und dann sind ihre Namen erhalten geblieben.«

»Also kommen wir vielleicht von dort«, sagte Elsa.

»Vielleicht.«

»Vielleicht kommen wir aus Schottland!«

»Vielleicht ist das so.«

»Können wir das nicht rausfinden?«

»Ja, möglicherweise.«

»Mama kommt aus Deutschland! Und du kommst vielleicht aus Schottland. Echt geil!«

»Hat sie das wirklich gesagt?«

»Yes.«

»Das Wort hab ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört, geil. Ich dachte, das sei out.«

»Alles kommt wieder.«

»Hoffentlich passiert bald was Geiles«, sagte Angela.

»Warum sollen wir darauf warten? Wir können doch jetzt was Geiles unternehmen?«

»Was zum Beispiel?«

»Tja, vielleicht eine Reise. Was hältst du von Schottland?«

»Es ist noch gar nicht lange her, seit wir dort waren, Erik. Und es ist nicht besonders gut ausgegangen. Daran möchte ich nicht mehr denken.«

»Jetzt würden wir ausschließlich Urlaub machen, mit den Kindern natürlich. Elsa will die Grotte sehen, wo die alten MacGregors mit der Whiskyherstellung angefangen haben. Bevor die böse Hexe kam und alles zu zerstören versuchte.«

»Es ist ihr aber nicht gelungen, oder?«

»Nein, zum Glück nicht. Sie war böse, aber nicht besonders schlau. Elsa kann sie gar nicht böse genug sein.«

»Wo liegt diese Grotte eigentlich? Ich hab das nie richtig kapiert.«

»An der Westküste, Mallaig, in der Nähe von Skye. Es ist ein bisschen schwer zu erklären. Man muss hinfahren und die Grotte sehen.«

»Okay.«

»Lass uns im Frühling fahren, über London.«

»Ja, gut.«

»Es ist übrigens schon länger her, seit ich zuletzt mit Steve gesprochen habe.«

»Ich treffe mich gern mit ihnen«, sagte Angela. »Es ist auch schon länger her, dass ich zuletzt mit Susan gesprochen habe.«

»Dann machen wir das.«

»Aber die Klinik sitzt mir im Nacken.«

Angela war erneut ein Job von der Klinik in Marbella angeboten worden, nachdem sie das letzte Winterhalbjahr an der Costa del Sol verbracht hatten. Das Angebot war verlockend. Es könnte mehr als eine Gewohnheit werden.

»Ich weiß nicht«, sagte Winter. »Mir kommt es so vor, als müssten wir uns dann entscheiden, ob wir für immer dort bleiben wollen.«

»Ich weiß es auch nicht«, sagte Angela.

»Und ich bin hier noch nicht fertig.«

Sie schwieg.

»Du fragst dich, womit ich hier noch nicht fertig bin?« Winter nahm einen kleinen Schluck.

»Ich habe nichts gesagt.«

»Aber du möchtest es gerne wissen.«

»Vielleicht willst du es selbst gerne wissen, Erik.«

»Du meinst, ich frage mich, ob ich fertig bin?«

»Nein, aber womit du noch nicht fertig bist.«

»Ist das irgendeine deutsche Syntax, die ich nicht verstehe?«

»Versuch nicht, mir auszuweichen.«

»Das versuche ich doch gar nicht.«

Aber genau das tat er. Womit war er noch nicht fertig? Mit dem Tod eines Menschen, bald darauf gefolgt von einem neuen Todesfall? Mit einem weiteren Mörder, weiteren Opfern, Hinterbliebenen, neuen Wahrheiten, die auf einem Haufen alter Wahrheiten landeten. Alte Gräuel erschienen wie neu, genau wie alte Besäufnisse für einen Säufer wie neu wurden.

Vielleicht lag es ihm im Blut, das inzwischen zwar langsamer durch seine Adern floss, doch bald würde es an Kraft gewinnen, und diese Kraft speiste sich aus den Gräueln, die in Kürze eintreten würden. Alles kehrte wieder. Die Verbrechen in Göteborg hörten nicht auf. Sie würden sich wiederholen, trotzdem würde nichts wie vorher sein. Er konnte seine Erfahrung einsetzen, wenngleich nur einen Teil. Dann war wieder alles neu. Er würde allein sein, das Blut würde lautstark durch seinen Körper pulsieren, und genauso sollte es sein. Er war noch nicht fertig damit.

»Warum sollte jemand das Auto auf der Älvsborgsbrücke abstellen und dann verschwinden?«, sagte er.

»Ich würde das nicht tun«, sagte Angela.

»Jemand hat es getan und das Auto stehen lassen.«

»Ihr wisst nicht, wer es war?«

»Wir wissen nur, wem es gehört. Aber der Besitzer behauptet, das Auto sei gestohlen worden.«

»Und du glaubst ihm nicht?«

»Ich glaube gar nichts. Ich hab nur den Bericht gelesen. Bergenhem ist zufällig vorbeigekommen und hat das Auto entdeckt.«

»Aha?«

»Lars war nicht im Dienst. Er kam vorbei, hat das verlassene Auto auf der Brücke gesehen und Alarm geschlagen.«

»Er war nicht im Dienst?«

»Nein, er ist wohl nur nachts in der Gegend herumgefahren.«

»Das klingt nicht gut.«

»Nein.«

»Wie geht es ihm?«

»Ich weiß es wirklich nicht, Angela. Er weicht mir aus.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Noch nicht.«

»Das solltest du tun.«

»Das werde ich.«

»Das klingt wirklich nicht gut.«

Winter antwortete nicht. Er stellte sich das Auto, die Brücke und die Dämmerung vor und Lars mittendrin. Eine Szene.

Die Vergangenheit ist wie ein Mantel, der einem schwer auf den Schultern lastet. Man muss ihn bei jedem Wetter tragen. Es spielt keine Rolle, auf welche Art der Schrecken zu einem kommt. Man kann ihn selbst auslösen oder er geht von jemand anderem aus. Mein Gott, man konnte nichts rückgängig machen. Das Gute gehörte für allezeit der Vergangenheit an. Dass er so etwas überhaupt denken konnte. Er war von seinen Gedanken hin- und hergerissen. Wasser, jede Art von Wasseransammlung mied er. Es war eine Sache, wenn das Wasser aus der Leitung kam, aber es war etwas ganz anderes, wenn es sich in einer Pfütze, einer Lache, einem See, einem Bassin oder einem Teich sammelte … Unter der Oberfläche lauerte der Tod, fortwährend. Er war ein Teil seiner Erinnerung. Nein, der Tod gehörte nicht der Vergangenheit an, sondern war allgegenwärtig. Er wusste, was er getan hatte. Und er war nicht der Einzige. Jetzt gab es Leute, die mehr wussten als er. Woher bloß? Eins war auch ihm klar: Es konnte nur noch schlimmer werden, sogar für die Toten. Was für ein furchtbarer Gedanke.

Bertil Ringmar saß auf seinem Stuhl im Wohnzimmer und überlegte, ob er in die Küche gehen und sich ein Butterbrot mit Leberpastete und eventuell noch Bacon und Champignons machen sollte. Dazu könnte er ein Bier trinken. Vielleicht würde es ihm danach besser gehen. Klar würde es ihm besser gehen. Er erhob sich, ging in die Küche und machte sich ein Brot, briet Bacon und Champignons. Auf dem Küchentisch schenkte er sich einen Schluck von dem besonderen Branntwein aus Schonen ein, den er aus dem Tiefkühlfach genommen hatte. Die Flasche war bereift, und der Branntwein hatte eine Konsistenz wie Sirup. In diesem Augenblick fühlte er sich gut. Er beendete die Mahlzeit, indem er noch eine Flasche Bier öffnete und sie mit zu seinem Sessel im Wohnzimmer nahm. Er trank und sah hinaus in den Garten. Fast fünfundzwanzig Jahre hatte er hier sitzen und auf den Garten hinausschauen können. In der letzten Zeit hatte er das immer häufiger getan. Er fragte sich, warum. Es war derselbe alte Garten, übrigens gar kein richtiger Garten, sondern eher ein bisschen Gras und Kies, Büsche und Bäume, die sein Holzhaus umgaben. Dasselbe alte Haus. Derselbe alte Ringmar. Nein, zum Teufel, jetzt hör auf, Bertil. Fast noch zehn Jahre wirst du in diesem tollen Dezernat verbringen. Du hast noch immer Großes vor dir. Große Verbrechen. Haarsträubende Erlebnisse. Spannung. Dramatik. Kurz gesagt: Action. Das ist mehr, als achtundneunzig Prozent der Bevölkerung sich erträumen können, richtige Action. Nur wir und die Verbrecher dürfen so was erleben. Das ist unsere Welt. Himmel, was der Rest der Menschheit alles verpasst. Auf die Art hält man sich jung. Physisches Training ist ein Teil des Jobs, es ist obligatorisch. Wo wäre sonst mein Bauch? Der würde wahrscheinlich schon halb in den Garten reichen. Bald bin ich sechzig. Vielleicht wäre ich schon tot oder läge im Sterben, ich mit meinen Ess- und Trinkgewohnheiten. Er erhob sich. Auf der anderen Seite der Hecke bewegte sich etwas, wahrscheinlich der verdammte Nachbar, der seine Neonbeleuchtung für Weihnachten vorbereitete. Es waren ja nur noch drei Monate bis dahin. Alles, was der Mann besaß, behängte er mit Licht. Den halben Herbst und Winter über hatte Ringmar Schlafstörungen. Er hatte mit dem Kerl geredet, aber das hatte nichts gefruchtet. Er hatte geschrien, aber das hatte auch nichts geholfen. Er hatte die Behörde eingeschaltet, oder wie zum Teufel das nun hieß, aber in dieser Scheißgesellschaft traute sich niemand, etwas zu unternehmen. Wenn man sich ruhig verhielt, konnte man auch nicht kritisiert werden. Es war besser, gar nichts zu unternehmen. Er hatte erwogen, für einen Kurzschluss bei dem Kerl zu sorgen, doch das wäre zu offensichtlich gewesen. Er ging in die Küche und nahm die Branntweinflasche aus dem Kühlschrank, als das Telefon auf der Arbeitsplatte klingelte.

»Ja?«

»Hallo?«, hörte er eine Stimme. Sie war weit entfernt.

»Ja, hallo? Hier ist Bertil Ringmar.«

In der Leitung war es still.

»Hallo?«, wiederholte Ringmar.

Es blieb still.

Er hörte das leise Klicken, als der Telefonhörer am anderen Ende aufgelegt wurde.

Er schaute aus dem Fenster, geradewegs in die Küche des Nachbarn. Er sah die Silhouette, als er auflegte. Ein Zufall? Nein. Dem Kerl reichte der Neon-Terror nicht.

3

Die Fassaden auf der anderen Seite des Vasaplatsen wirkten höher denn je. Sie schienen den Himmel zu bedecken, als wollten sie alles Licht auslöschen, ein Loch füllen, das es dort, wo das Licht einfiel, immer gegeben hatte. Das Licht brauchte einen Durchlass. Winter schloss die Augen und öffnete sie wieder. Die Hausfassaden waren zusammengesackt, jetzt war mehr Himmel zu sehen, ein grauer Himmel, aber immerhin. Es war heller geworden. Wieder schloss er die Augen, doch hinter seinen Augenlidern blieb es hell. Es war ein schönes Gefühl, gleichzeitig wusste er jedoch, dass er sich nicht ganz auf seine Augen verlassen konnte, oder auf irgendetwas, das sich hinter seinen Augen befand. Das Gehirn. Darauf hatte er sich immer verlassen können. Wenn sonst nichts funktionierte, auf seine Gedanken, seine Phantasie, seine … tja, Intelligenz oder wie man es nennen sollte, konnte er bauen. Intuition. Ein wirkliches Bewusstsein. Etwas, das er schon von Kindheit an besessen hatte, nichts, was man lernen, was einem jemand beibringen konnte. Das ihn an die Stelle geführt hatte, wo er heute war. Aber jetzt hatte sein Gehirn Schmerzen.

»Was ist, Erik?«

Er hörte Angelas Stimme, aber er sah sie nicht. Er hatte die Augen noch immer geschlossen. Es war noch immer hell in seinem Kopf, und es tat weh.

»Nichts«, sagte er und drehte sich um.

»Du hast eine Grimasse gezogen.«

»Ach?«

»Als ob du Schmerzen hättest.«

»Hm.«

»Hast du Schmerzen?«

»Nur wenn ich lache.« Er lächelte.

»Du hast schon länger nicht mehr gelacht, Erik.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Ich lache nicht, weil es sonst ziemlich weh tun würde.«

Er versuchte wieder zu lächeln, was ihm jedoch nicht besonders gut gelang.

»Wenn ich es richtig interpretiere, hast du jetzt schon eine ganze Weile Kopfschmerzen gehabt«, sagte Angela.

»Manchmal.«

»Früher hattest du doch nie Kopfschmerzen, oder? Jedenfalls nicht, solange ich dich kenne.«

»Es ist wahrscheinlich der Stress. Der Job. Irgendwann schlägt einem alles aufs Gehirn.«

»Soll das ein Witz sein, Erik?«

»Ich wollte dich nur ein bisschen auf den Arm nehmen.«

Sie nahm seinen Kopf zwischen die Hände. Ihre Augen waren ganz nah. Sie sind grün, dachte Winter. Das habe ich noch nie bemerkt. Spielen mir meine Augen wieder einen Streich? Sind Angelas Augen früher nicht blau gewesen? Ihre Hände fühlten sich kühl an seinen Schläfen an. Das tat gut. Er schloss die Augen. Behutsam massierte sie seine Stirn.

»Wo tut es weh, Erik?«

Ihre Stimme schien aus irgendeiner Ecke des Zimmers zu kommen und trieb in einer Art Stereo dahin.

»Jetzt tut es überhaupt nicht mehr weh«, sagte er.

Es war verdammt irritierend, wenn das überhaupt das richtige Wort war. Als er nach dem Mittagessen Manfreds Brasserie in der Nordenskiöldsgatan verließ, stellte er fest, dass die linke Vordertür seines Autos eingedrückt war. Wie zum Teufel hatte ihm jemand so in die Seite fahren können?

Auf der anderen Straßenseite kam ein Auto aus dem Parkhaus, und er schaute auf. Ja, klar, irgendein Idiot war natürlich zu schnell die Ausfahrt herausgeschossen gekommen, war in einem zu großen Bogen auf die andere Seite geraten und genau in seinen Chrysler gekracht. Dann hatte er sich davongemacht. Er hasste Fahrer, die Fahrerflucht begingen. Wer das tat, drückte sich auch vor allem anderen. Mir ist noch nie aufgefallen, dass da drüben ein Parkhaus ist. Hundertmal bin ich schon hier gewesen, aber es ist mir noch nie aufgefallen. Doch jetzt ist es mit einem ordentlichen Knall in mein Bewusstsein gedrungen.

Er überquerte die Straße und betrat die Tiefgarage. In einem Häuschen saß ein Wachmann. Dass es solche Leute noch gibt, dachte er. Dass die verdammte Umweltbehörde die nicht schon vor langer Zeit abgeschafft hat. Ein lebensgefährlicher Job.

»Haben Sie mitbekommen, wie viele Autos in den letzten fünfundvierzig Minuten das Parkhaus verlassen haben?«

Der Wachmann beugte sich aus dem Häuschen. Er sah bescheuert aus. Bescheuert genug, um hier herumzusitzen und den ganzen Tag Auspuffgase einzuatmen. Er sah nordisch aus. Seltsam, denn meistens waren es irgendwelche Schwarzköpfe, die die wenigen lebensgefährlichen Jobs bekamen, die es noch gab. Aber diesen Arier hatten sie vielleicht direkt aus der Klapsmühle rekrutiert, als sie geschlossen wurde.

Der Mann schien die Frage nicht verstanden zu haben.

»Überprüfen Sie die Autos, die hier rauskommen?«

»Ja. Wieso?«

»Wieso? Das werde ich Ihnen sagen. Irgendein Idiot hat in der letzten Stunde, nein, in den letzten fünfundvierzig Minuten das Parkhaus verlassen. Der Volltrottel ist aus dieser verdammten Parkgarage rausgefahren und hat mein Auto gerammt, das da drüben steht.«

Er zeigte auf die andere Straßenseite. Der Wachmann folgte seinem Finger mit dem Blick. Kurz vor der Ausfahrt war ein ordentlicher Buckel in der Fahrbahn, so dass man nur den ersten Stock der Häuser auf der anderen Seite und Manfreds schwarzweißes Schild sehen konnte. Er aß, so oft er konnte, bei Manfred zu Mittag. Es gab kein besseres Lokal in der Stadt. Trotzdem wollte er nicht, dass sein Auto beschädigt wurde, während er eine gute Mahlzeit einnahm. Er hatte im hinteren Teil des Restaurants gesessen, an der Längswand, von wo er die Straße nicht im Blick gehabt hatte. Hätte er den Fahrer gesehen, hätte er ihn vielleicht erschlagen, bevor sich das Schwein vom Tatort entfernen konnte.

»Und?«, sagte der Wachmann.

»Schreiben Sie die Kennzeichen der Autos auf, die hier rein-und rausfahren?«

»Nein.«

»Nein? Wieso sitzen Sie dann hier? Häh? Warum sitzen Sie hier, wenn Sie den Verkehr nicht unter Kontrolle haben?«

»Sie brauchen nicht gleich so wütend zu werden.«

»Wütend? Ich bin nicht wütend! Ich bin nur sauer auf diesen verdammten Idi …« Er brach ab, weil der Wachmann die Luke zuschlug. Der Mann sah aus, als hätte er Angst. Auch ein Idiot.

Er machte auf dem Absatz kehrt, verließ das verdammte Parkhaus und studierte den Schaden an seinem Auto. Nicht nur die Vordertür war beschädigt, auch die hintere. Er trat einen Schritt zurück, und einige Meter von ihm entfernt drückte jemand kräftig auf die Hupe. Er schaute auf und sah, wie eine alte Schabracke, die in einem V70 an ihm vorbeischlich, den Kopf schüttelte. Er erwog kurz, einem Impuls zu folgen und die Autotür von der alten Fotze aufzureißen und ihre fette alte Fresse aufs Lenkrad zu knallen. Aber nein, wahrscheinlich würde sie sowieso bald an ihrer eigenen Dummheit verrecken.

Sein Handy klingelte. Er zerrte es aus der Tasche.

»Ja?«

»Bist du unterwegs?«

Die Stimme klang scharf und klar.

»Nein. Ich bin nicht unterwegs. Irgendein Idiot hat mein Auto gerammt, während ich beim Essen war.«

»Wo?«

»Was zum Teufel spielt das für eine Rolle? Linné-, Ecke Nordenskiöldsgatan.«

»Wir warten auf dich.«

»Ist er schon da?«

»Ja. Und er geht auch bald wieder.«

»Ich fahr jetzt los.«

Er beendete das Gespräch und steckte das Handy in die Tasche. Eigentlich hätte er die Polizei rufen und den Schaden anzeigen müssen, sonst würde er Probleme mit der Versicherung kriegen, ha, ha, ha. Irgendein dämlicher Bulle würde die Anzeige im Schneckentempo aufnehmen, eine halbe Stunde für jeden Satz würde er brauchen. Zum Kotzen.

Er setzte sich in den Chrysler, startete und schoss los. Mit dem Idiot von Wachmann war er noch nicht fertig, und mit dem Kerl, der Fahrerfl ucht begangen hatte, erst recht nicht. Er würde das Arschloch finden und seinen Kopf in einen Schraubstock klemmen.

Er bog in die Linnégatan ein.

Winter mochte seinen Schreibtisch nicht, den Tisch, die Lampe, den Computer. Manchmal, wenn er sich meilenweit weg wünschte, mochte er das ganze Zimmer nicht.

Die mutwilligen Sachbeschädigungen in der City nahmen zu, andere Schweinereien auch. Das nannte man Entwicklung oder vielleicht Zuwachs. Die Kriminalität hatte stark zugenommen, die organisierte gleichermaßen wie die unorganisierte. Für ihn spielte das keine Rolle. Er würde sie auf jeden Fall bekämpfen. Er war nicht müde, bitter, zynisch oder desillusioniert, doch, vielleicht ein wenig, aber das war nicht der Rede wert. Nach wie vor war er jung, noch nicht mal fünfzig. Bertil wird bald sechzig. Das ist wahrscheinlich etwas anderes, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, ich werde keine Depressionen bekommen. Lieber ziehe ich in den Krieg. Ich befinde mich mitten im Krieg. Er ist nicht zu gewinnen, aber das sprechen wir nicht aus. Niemand sagt, jetzt ziehst du in den Krieg und verlierst ihn und stirbst. Das haben die japanischen Befehlshaber zu ihren Soldaten gesagt: Ihr kommt nicht zurück, ihr kommt niemals zurück, geht hinaus und sterbt. Aber ich komme zurück. Ich komme immer zurück. Und jetzt bin ich der oberste Chef vom Fahndungsdezernat. Ich gebe mir meine Befehle selber: Geh hinaus und lebe.

Er las die Berichte über die mutwilligen Sachbeschädigungen der letzten vierundzwanzig Stunden innerhalb des Wallgrabens. Wer zum Teufel ließ das Gesocks rein? Man hätte die Tore stehen lassen sollen, die Winden und die Brücken, so dass die Bürger in Frieden leben konnten. Die Wandalen sollte man in Hagen einsperren, wo sie jeden Freitagabend um dreiundzwanzig Uhr fünfundvierzig Wartehäuschen der Straßenbahn demolieren konnten.

Die Kopfschmerzen trafen ihn wie ein Vorschlaghammer. Scheiße! Er tastete nach dem linken Auge, als suchte er Hilfe. Dort saß der Schmerz jetzt, ein Schmiedeeisen, dunk, dunk, dunk. Übelkeit schoss in ihm hoch wie ein Schwindelgefühl. Was ist das. Was ist das bloß?! Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Er hörte es nicht, wusste aber trotzdem, dass es klingelte. Der Tisch vibrierte. Er presste immer noch die Hand gegen die linke Augenbraue und hob den Hörer ab.

»Jj … ja?«

»Hallo?«, sagte eine Stimme, die er nicht kannte.

»Ja, hallo? Hallo? Hier ist Erik Winter.«

In der Leitung war es still.

Winter holte tief Luft.

Der Schmerz zog sich zurück in das Höllenloch, aus dem er gekommen war. Die Übelkeit legte sich wieder. Er hatte das Gefühl, als bewegte sich etwas in seinem Zwerchfell.

»Hallo? Wer ist da?«

Er hörte, wie der Hörer am anderen Ende langsam aufgelegt wurde.

*

Kriminalinspektor Lars Bergenhem fuhr über die Älvsborgsbrücke, und wie jedes Mal, wenn er sie überquerte, fiel ihm auf, wie groß die Stadt von hier oben wirkte und wie klein sie wurde, wenn er sie erreichte, und wie schwer es danach war, den Blick zu heben und in die Weite zu schauen. Jetzt hob er den Blick, rechts war das Meer, links lag der überwiegende Teil der Stadt Göteborg mit ihren Kirchturmspitzen und Umgehungsstraßen. Plötzlich erklang Phil Collins’ Stimme im Radio, too many people, too many problems, this is the land of confusion, das Land der Verwirrung, ja, das ist es wahrhaftig. Er dachte an Martinas verwirrtes Gesicht. Was hatte er gesagt? Bergenhem spürte, dass er keine Kraft mehr hatte, zwischen Torslanda und dem Zentrum hin- und herzufahren und die ganze Stadt im Blick zu haben. Diese Perspektive war zu übermächtig, zu viel Himmel. Es war besser, den Blick zu senken. Martina. Ihr Blick. Was zum Teufel hatte er gesagt? Sein Kopf war ganz leer wie eine gelöschte Spur, nichts mehr drauf auf der Festplatte. In seinem Kopf schien überhaupt keine Festplatte mehr zu sein, die alles aufnehmen konnte. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren, zu viele Details. Sein Blick war zu niedrig eingestellt. Martina, ich verlasse dich. Martina, ich werde dich nie verlassen. Martina, ich kann nicht länger lügen. Ich habe keine Kraft mehr, Martina. Martina, ich habe alle Kraft der Welt. Martina, ich komme spät nach Hause. Ich komme sehr spät nach Hause. Er bog von der Brücke ab, oder besser gesagt, er ließ sich in einer bogenförmigen Bewegung zu den Ampeln am Jaegerdorffsplatsen mittragen: einer der hässlichsten Plätze der Stadt, von der Oscarsumgehung zerschnitten wie die armen Stadtteile von Kungsladugård und Majorna, die zufällig im Weg gelegen hatten, als die Idioten die Schnellstraße wie eine Mauer zwischen Menschen und Fluss bauten. Zum Trost bekamen die Leute einen staatlichen Schnapsladen, aber davon profitierten überwiegend die besser Betuchten, die sich auf dem Heimweg nach Hagen, Långedrag, Askim und Hovås mit Alkoholika eindecken konnten.

Bergenhem fuhr die Slottsskogsgatan hinauf und parkte vor der Apotheke am Mariaplan. Auf dem Weg in die Apotheke begegnete er jemandem, den er zu kennen meinte. Er wusste nicht, ob die Person ihn erkannte, aber er ging wieder hinaus, ohne etwas zu kaufen. Als er die Kungsladugårdsgatan zum Slottsskogsvallen hinauffuhr, tauchte vor seinem inneren Auge das Gesicht seiner Tochter auf. Seine Ada, bald elf Jahre alt, bald in der Pubertät. Er war bei ihrer Geburt nicht dabei gewesen. Zu dem Zeitpunkt hätte er tot sein können. Deshalb sollte er große Demut vor dem Leben empfinden, und das tat er auch, jedenfalls bildete er sich das ein. Alles andere musste besser als Dunkelheit sein. Adas Augen. Als er sich vorstellte, dass er ihr nie in die Augen hätte sehen können, begann er zu zittern. Kurz vor dem Margreteborgskreisel fuhr er an den Straßenrand und stellte den Motor ab. Dann saß er ganz still da, bis das Zittern aufhörte. Das Radio war verstummt, es war tot. Er konnte sich nicht erinnern, es ausgeschaltet zu haben.

20.35

Die Glocken läuteten, es musste die Kirche oben auf dem Hügel sein. Seltsam, dafür ist es eigentlich schon ziemlich spät, dachte sie. Die Geräusche waren wie Vögel am Himmel. Der Himmel war mit dem Klang überzogen, wie schwarze Wolken.

Sie schaute auf, aber da oben waren keine Wolken.

Sie konnte die Klippen sehen und natürlich das Meer, und die Kinder, die wie Engel über dem Boden zu schweben schienen.

Das dachte sie. Engel.

Wieder schaute sie hinauf, und plötzlich war der Himmel wie von einer schwarzen Wolke mit Vögeln bedeckt. Aber sie wusste, dass sie weiß waren.

Wir schweben alle.

Sie hob die Arme und ließ sich vom Wind davontragen über die Klippen, hinaus aufs Meer, über die Insel auf der anderen Seite des Sundes, wieder zurück, die Füße nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche und wieder hinunter auf die Klippen.

Jetzt war sie allein, ganz allein. Es gibt nur noch mich. Das hatte sie schon oft gedacht. Wenn sie es nicht mehr ertragen hatte, alles mit anzuhören. Dort zu sein. Die Schreie und die Schläge zu hören. In solchen Momenten war sie der einzige Mensch auf der ganzen Welt, hatte sich selbst dazu gemacht, das war leichter, als einsam zu sein. Wann immer sie gewollt hatte, hatte sie mit sich selbst geredet. Draußen im Regen hatte sie geredet, und es war überhaupt nicht zu sehen gewesen, dass sie die Lippen bewegte.

Das Wasser war warm, als käme es aus einem Warmwasserhahn. Im Sommerlager kamen das warme und kalte Wasser aus zwei verschiedenen Hähnen. Mischen musste man es selber.

Aber das Meereswasser war bereits gemischt und gesalzen. Als ob jemand Salz aus einem riesigen Beutel, aus einem Sack Salz über dem ganzen Meer verstreut hätte.

Sie schwamm oben wie ein Korken. Der Himmel war wieder blank. Die Möwen waren verschwunden. Sie konnte sie nicht mehr hören. Sie hörte gar nichts.

Jetzt drehte sie sich auf den Bauch und begann aufs Meer hinauszuschwimmen. Die Insel schien so nah zu sein, dass sie meinte, sie berühren zu können. Sie streckte die Hand aus, spürte aber nur Luft und Wasser.

Hinter ihr platschte es. Sie drehte den Kopf, sah jedoch nichts.

Sie schwamm weiter geradeaus. Vor ihr war ein Segel, doch sie sah nur die Hälfte davon, als wäre sie unter Wasser und würde nach oben schauen.

Vielleicht kann ich das ganze Meer überqueren, dachte sie. Wenn ich es schaffe, zur Insel zu schwimmen, kann ich auch das Meer durchqueren. Ich bin nicht müde.

Sie machte noch einige Schwimmzüge, meinte, jemanden hinter sich rufen zu hören, aber der Wind trug mehrere Geräusche mit sich, die einfach an ihr vorbeiflogen. Vielleicht waren es wieder die Kirchenglocken. Jemand heiratete, oder es war eine Beerdigung. Es konnte alles Mögliche sein.

4

Winter und Ringmar fuhren durch den Götatunnel. Er sorgte für die Illusion, Göteborg sei eine viel größere Stadt. Dafür bedurfte es nicht nur der Kriminalität, obwohl sie alle Illusionen zerstört hatte. Aber der Tunnel war bemerkenswert. So sollte ein moderner Tunnel aussehen. Er endete am Hauptbahnhof. Winter bog ab und fuhr an der Östra Nordstan vorbei.

»Ich hatte zu Hause einen Anruf von jemandem, der nur in den Hörer geatmet hat«, sagte Ringmar, als sie bei Rot auf der Vorderseite des Bahnhofs halten mussten.

»Komisch, das ist mir gestern auch passiert, allerdings im Präsidium.«

»Eigentlich ist es ja nicht der Rede wert. Trotzdem war es ein seltsames Gefühl. Es schien wirklich jemand dran zu sein, der tatsächlich etwas wollte. Verstehst du?«

»Ich hatte dasselbe Gefühl«, sagte Winter.

»Du willst mich doch jetzt nicht auf den Arm nehmen?«

»Nein, ich schwöre es.«

»Jemand wollte etwas von uns, wollte es aber nicht sagen«, fuhr Ringmar fort.

Winter nickte und trat aufs Gas. Ein junger Mann überquerte die Straße bei Rot und musste zur Seite springen, als Winter haarscharf an ihm vorbeischoss.

»Jemand in Not«, sagte Winter. »Jemand wollte Hilfe haben.«

»Das ist dasselbe, oder?«

»Natürlich.«

»Was dieser Job alles mit einem macht«, sagte Ringmar. »Drei Sekunden Schweigen am Telefon, und schon weiß man, worum es geht.«

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