Tour der Erkenntnis - Antonio De Matteis - E-Book

Tour der Erkenntnis E-Book

Antonio De Matteis

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Beschreibung

Im Jahre 2006 unternimmt der 46-jährige Italiener Antonio De Matteis im Alleingang eine außergewöhnliche Fahrradtour durch Europa. Ausgerüstet mit Schlafsack, Zelt und dem Nötigsten für die Übernachtung in der freien Natur, bereist er elf europäische Nationen in nur 148 Tagen. Er trifft zahlreiche interessante Menschen und lernt dabei nicht nur sie kennen, sondern und vor allem sich selbst. Seine 13.300 km lange Rundreise führt ihn durch unzählige Orte und sieben Hauptstädte unseres Kontinents. Unter dem Motto zu zeigen, dass man mit eisernem Willen Alles schaffen kann. In diesem Buch berichtet er über das gesamte Abenteuer der Europatour. Ein Autoatlas, eine Digitalkamera und sein Bauchgefühl lenken ihn auf seiner Strecke. Fünf lange Monate ist er auf sich allein gestellt, trotzt schwierigen Situationen und unvorhersehbaren Wetterereignissen. In dieser Form war das Unternehmen nicht gedacht, aber gerade deshalb ist es zu diesem Abenteuer geworden. Denn, er muss unterwegs feststellen, dass er Opfer von politischer Intrige wird, von Anfang an kein Geld nachkommt und seine Reise boykottiert werden soll. Ein Tagebuch der besonderen Art, geschrieben im Präsens und in einer einfachen Sprache. Die Ausdrucksweise des Autors ist eng verknüpft mit seinem Gefühl, welches er stets an die aktuelle Situation anpasst, in der er sich gerade befindet. Begebenheiten, schreibt er ohne literarische Besonderheiten, mal ernst, mal lässig, selbstironisch und oft witzig. Der Leser wird quasi zum virtuellen Mitfahrer gekürt, zum Komplizen seiner täglichen Abenteuer. So erlebt er gemütlich von seinem Sessel aus die Schönheiten, die Hürden und die Gefahren, die zwangsläufig eine lange Reise dieses Kalibers mit sich bringen.

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2021

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ANTONIO DE MATTEIS

***

TOUR DER ERKENNTNIS

Das Tagebuch der Europareise

© 2021 Antonio De Matteis

Lektorat, Korrektorat: Petra De Matteis

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-36917-7

Hardcover:

978-3-347-36918-4

e-Book:

978-3-347-36919-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Exposé

Im Jahre 2006 unternimmt der 46-jährige Italiener Antonio De Matteis im Alleingang eine außergewöhnliche Fahrradtour durch Europa. Ausgerüstet mit Schlafsack, Zelt und dem Nötigsten für die Übernachtung in der freien Natur, bereist er elf europäische Nationen in nur 148 Tagen. Mit seinem Fahrrad, das mit Gepäck ca. 50 kg wiegt, durchstreift er zahlreiche wunderschöne Regionen, überwindet viele Pässe und radelt entlang der Küsten aller europäischen Meere. Er trifft zahlreiche interessante Menschen und lernt dabei nicht nur sie kennen, sondern und vor allem sich selbst. Seine 13.300 km lange Rundreise führt ihn durch unzählige Orte und sieben Hauptstädte unseres Kontinents. Am 26. März 2006 startet er von seiner Heimatstadt Matino im Salento in der Region Apulien, angetrieben von vielen seiner Landsleute und einem eisernen Willen. Unter dem Motto zu zeigen, dass man mit eisernem Willen alles schaffen kann, will er außerdem seine Stadt und seine Region bekannter machen. In diesem Buch berichtet er über das gesamte Abenteuer der Europatour von der Abfahrt bis zur Rückkehr nach Hause. Dergestalt handelt es sich um eine Reiseerzählung in Tagebuchform. Damals gab es nicht die heutige Ausrüstung und Utensilien, keine Smartphones oder Flatrates. Ein Autoatlas, eine Digitalkamera und sein Bauchgefühl lenken ihn auf seiner Strecke. Fünf lange Monate ist er auf sich allein gestellt, trotzt schwierigen Situationen und unvorhersehbaren Wetterereignissen.

In dieser Form war das Unternehmen nicht gedacht, aber gerade deshalb ist es zu diesem Abenteuer geworden. Denn, er muss unterwegs feststellen, dass er Opfer von politischer Intrige wird, von Anfang an kein Geld nachkommt und seine Reise boykottiert werden soll. Das will er auf gar keinen Fall zulassen. Er erzählt seine Reisegeschichte rein und unverfälscht aus seinem Bordtagebuch - so wie er sie erlebt hat - mit allen positiven und selbstverständlich auch negativen Ereignissen. Der Leser wird quasi zum virtuellen Mitfahrer gekürt, zum Komplizen seiner täglichen Abenteuer. So erlebt er gemütlich von seinem Sessel aus die Schönheiten, die Hürden und die Gefahren, die zwangsläufig eine lange Reise dieses Kalibers mit sich bringen.

Ein Tagebuch der besonderen Art, geschrieben im Präsens und in einer einfachen Sprache. Die Ausdrucksweise des Autors ist eng verknüpft mit seinem Gefühl, welches er stets an die aktuelle Situation anpasst, in der er sich gerade befindet. Begebenheiten, schreibt er ohne literarische Besonderheiten, mal ernst, mal lässig, selbstironisch und oft witzig. Mit viel Gefühl für die deutsche Sprache und Mentalität wurde seine Erzählung von seiner Frau Petra lektoriert. Eine einfachere Form des Buches und nur in italienischer Sprache erschien schon 2007 im Selbstverlag. Ganz ohne Werbung zu betreiben, setzte er es auf die Plattform von Amazon. Unter dem Titel „Il mio giro d Europa in bici“ erzielte sein Buch in Italien gute Rezensionen. Erst 2017 beschloss er auf Drängen zahlreicher Bekannter hin, seine Abenteuerreise ins Deutsche zu übersetzen.

Zu meiner Person

Fahrrad zu fahren, Reisen, Abenteuer und Entdeckungen haben mich seit meiner Kindheit fasziniert. Das Feuer, dass in mir dafür brennt, ist noch lange nicht erloschen. Da ich leider keine höheren Schulen besuchen konnte, musste ich seit eh und je improvisieren. Geboren bin ich in der süditalienischen Stadt Matino in der Region Puglia/Apulien. Dort besuchte ich die Grundschule und kam dann als Elfjähriger zusammen mit meinen Eltern und Geschwistern als Gastarbeiterfamilie nach Deutschland. In Baden-Württemberg machte ich mit der Hauptschule weiter, musste aber dann sehr früh bereits arbeiten. Ich fing als Gärtnergehilfe an, danach lenkte ich viele Jahre einen LKW durch die Straßen Europas, Nordafrikas und zeitweise auch Nordamerikas. Ich übte viele andere Tätigkeiten aus, war Croupier, Kellner, Pizzabäcker, Bistro-Besitzer sowie Taxifahrer. Ich male und modelliere gerne, spiele Theater und bin ein großer Tierfreund. Aus erster Ehe habe ich drei Kinder, Barbara, Giorgio und Desireè, die alle eine Rolle in meinem Buch spielen. Durch mein bewegtes Leben konnte ich über die Jahre hinweg einen unschätzbaren Fundus an Lebenserfahrung und Menschenkenntnis sammeln. Innerhalb von nur drei Jahren bereiste ich zwei Mal Europa auf einem Fahrrad. Im Jahr 2013 lernte ich meine jetzige Frau Petra kennen und lebe seitdem glücklich mit ihr in München.

Beweggründe

Die Frage, was mich dazu bewegt hat, eine so lange und schwierige Reise aus eigener Kraft anzutreten, ist legitim. Es ist schlicht und einfach die Liebe zu meinem Land, dem Salento, zu meiner Stadt Matino. Die Liebe zu reisen, Fahrrad zu fahren, zur Natur. Ich wollte den jungen Leuten zeigen, dass man mit einem festen Willen im Leben nahezu alles erreichen kann. Wenn man sich etwas vorgenommen hat, sollte man nicht vor den Problemen kapitulieren, sondern für sein Ziel kämpfen. Mit diesen Beweggründen und unter Nutzung der Medien wollte ich Werbung für mein Land machen und gleichzeitig ein Zeichen setzen. Denn bei uns in Süditalien sind Radreisende eine ziemliche Seltenheit, im Vergleich zu anderen Regionen. Ich hoffe, dass ich durch meine Geschichte möglichst viele Menschen mit dem Radreise-Virus infizieren kann.

Reaktionen

Nachdem ich mich endgültig zu meiner Radtour entschlossen hatte, fing ich an, meiner Familie, Verwandten und Freunden von meinem Vorhaben zu erzählen, bevor ich mit der eigentlichen Vorbereitung und Organisation begann. Die Reaktionen waren sehr verschieden. Bewunderung, Gleichgültigkeit, Wurstigkeit, Ermutigung, Vertrauen und Skepsis. „Du musst verrückt sein!“ habe ich sehr, sehr oft zu hören bekommen. Sie hatten ja Recht, denn wer würde sich denn so eine Unternehmung einfallen lassen, wenn nicht ein Verrückter? 14.000 km allein mit dem Rad in nur fünf Monaten und das mit 46 Jahren!

Das musste mit irgendeinem Syndrom zu tun haben. Viele haben nicht wirklich geglaubt, dass ich es ernst meine, andere versuchten mich zu bekehren, wiederum andere fanden meine Idee innovativ und aufregend. Eine Zeit lang war mein „Fall“ sogar das Thema Nummer eins der Diskussionen in den Bars, auf der Piazza und bei den Vereinen der Stadt. Das war gut! Ganz egal, ob die Leute positiv oder negativ über einen reden, es zeigt, dass die Menschen sich mit der „Sache“ auseinandersetzen, es weckt Interesse. Bei der Suche nach den Sponsoren wirkte sich diese Tatsache jedoch nachteilig aus. Ich hatte sehr zu kämpfen, die Leute von meinem Vorhaben zu überzeugen. Diese Zeit öffnete mir die Augen, denn Freunde hat man viele, denkt man. Für die Meisten gilt dies aber nur bis zu dem Punkt, an dem man sie braucht. Oft musste ich schlucken bei einigen Äußerungen. Ehrlich gesagt hatte ich mehr Vertrauen und Zuspruch erwartet. „Schade“ dachte ich mir, aber gleichzeitig spornte mich die Situation an - Ich werde es Euch Allen zeigen! Ich bin nicht der Typ, der gleich aufgibt, erst recht nicht, wenn viele denken oder hoffen, dass ich es nicht schaffe. Ich hatte ein bestimmtes Budget angesetzt, um meine Tour so transparent, auffallend, lebendig und interessant wie möglich zu gestalten. Leider hatte ich zusammen mit meinen Freunden Donato und Paolo, mit denen ich mehrere Wochen lang auf Sponsorenfang war, nur ein Viertel davon erreicht. Ich setzte mir ein Abfahrtsdatum und organisierte alles Nötige für die Fahrt ins Ungewisse.

So fuhr ich trotzdem ab, auch wenn das Geld überhaupt nicht reichte. Ich dachte, dass ich weitere Sponsoren gewinnen würde, wenn ich erstmal unterwegs bin und Leistung bringe. Ein bisschen naiv von mir. Nun ließ ich meine Lieben und meine Tiere zurück, sprang sozusagen ins kalte Wasser. Vor mir nun 14.000 km, fünf Monate lang radeln, was das Zeug hält, eisernen Willen zeigen und immer schön in die Kamera lächeln. Ob ich Zweifel hatte? Ja - einen ganzen Berg davon, aber ich musste Zuversicht zeigen und das tat ich auch.

Die Route

Ich bin rund 25 Jahre - meist im Fernverkehr - als Fahrer tätig gewesen. Mit großen Fahrzeugen, Verkehr, Logistik und vielen anderen Dingen kenne ich mich daher aus. Diese persönliche Schatzkiste war mir bei der Planung und Ausführung meiner Tour von großem Vorteil. Lediglich das Transportmittel, dessen Kapazität und Geschwindigkeit änderten sich. Ich wusste, welche Strecken ich täglich zurücklegen konnte und welche Zielpunkte von Interesse waren. Nach diesen Kriterien zeichnete ich entlang der Küsten aller europäischen Meere meine Route. Mein Plan war unter anderem, allein schon wegen der einmaligen Strecke aufzufallen. Ich wählte bewusst die Küstenroute, weil dort mehr Tourismus zu erwarten war. Mein Weg sollte sich durch elf Länder und sieben Hauptstädte schlängeln. Außerdem waren mir bedeutende historische Routen wichtig.

Abb.1 - Bereit für die Abfahrt.

Das Tagebuch

26. März 2006 Sonntag

Tag 1

Es ist 9.00 Uhr. Mein Fahrrad steht in der Garage bereit für das Abenteuer. Ich gehe noch ein letztes Mal die Liste durch, ein letzter Check. Im selben Augenblick kommt Paolo, ein junger Mann, den ich zu meinem Manager ernannt habe. Er sollte sich um die Sponsorensuche, die Behördengänge und um die Werbung kümmern. Er brachte keine große Erfahrung mit, was mir bei der Wahl klar war. Ich wollte ihm bewusst die Chance einräumen, sich durch meine ungewöhnliche Reise positiv zu profilieren. Leider nutzte er diese einmalige Gelegenheit, wie man im Laufe der Erzählung erfahren wird, nicht. Damit schadete er nicht nur sich selbst, sondern auch mir und meiner Reiseintention. Gemeinsam mit Donato, der zuständig ist für die Homepage, die er eigens für dieses Event kreierte, hatten wir einige wirklich aufregende, aber auch stressige Wochen hinter uns. Wir besprechen einige Reisedetails sowie die Bewältigung verschiedener Probleme. Im Augenblick sehen wir uns damit konfrontiert, dass ein uns allen bekannter junger Mann mit dem Motorrad leider tödlich verunglückt ist. Wir sind schockiert und selbstverständlich traurig über diese Nachricht. Wir überlegen uns, inwieweit sich diese mit meiner Abfahrt vereinbaren lässt. Geplant ist eine Pressekonferenz mit einigen lokalen Politikern. Die Feier sollte ursprünglich begleitet werden von einer kleinen musikalischen Einlage. Von einer Verschiebung aus Respekt ist nun die Rede, jedoch aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Also heißt es "The show must go on". Wir entscheiden uns im Einvernehmen mit dem Bürgermeister für eine weniger aufsehenerregende Feier. Die Bühne, die die Stadt für das Event aufgebaut hat, bleibt unbetreten und die Musik aus. Lediglich die Pressekonferenz, die Rede der Politiker und die Abfahrt durch das Band bleiben planmäßig.

Es ist 10.00 Uhr, als ich die Piazza in Begleitung meiner Tochter Desireé und meiner damaligen Partnerin Sabine betrete. Ich bin erstaunt über die vielen Leute, die hergekommen sind. Ich habe nicht so ein Aufkommen erwartet und kann meinen Augen nicht trauen. Die Werbung über die Medien und die Flyer, die wir im Laufe der letzten Wochen verteilt haben, haben ihre Früchte getragen. Das freut mich sehr. Es wollen mich also doch so viele Menschen bei der Abfahrt unterstützen und sich mit mir freuen. Viele meiner Verwandten sind da - natürlich meine Eltern, meine Schwester Lucia und ihr Mann Salvatore. Freunde, Bekannte und viele Fremde, auch aus den Nachbarorten. Anwesend sind auch meine Leute vom Theaterverein, dem ich angehöre, und auch die vom Mountainbike-Club. Letztere wollen mich spontan die ersten 20 km nach Gallipoli begleiten. Alle begrüßen und umarmen mich, wünschen mir viel Glück und gute Reise, während die Kameras des Regionalsenders die Szenen aufnehmen. Die Pressekonferenz wird zwischen der Menge abgehalten. Der Bürgermeister Dr. Primiceri hält seine reduzierte Rede und stellt mich und mein Vorhaben dem Publikum vor. Ich werde aufgefordert, die geplante Strecke kundzugeben und meine Beweggründe zu erläutern. Die Journalisten und Reporter stellen mir, dem Bürgermeister und dem Assessor für Sport, Dr. Toma, einige Fragen bezüglich der Reise. Darüber hinaus wollen sie wissen, in welcher Beziehung die Stadt Matino und die Provinz Lecce zu meinem Vorhaben stehen. Natürlich nutzen die politischen Herren die Gunst der Stunde, um sich und ihre Partei zu profilieren. Sie zeigen sich im Namen ihres Amtes großzügig in Sachen Spendengelder, was offensichtlich, wie wir sehen werden, nicht dem versprochenen Ausmaß entsprechen wird.

Mittlerweile ist es kurz vor 11.00 Uhr geworden, höchste Zeit, um die Startfahne zu heben. Unter der Arche der Pietät auf dem Rathausplatz befindet sich die Startlinie. Dort soll ich mit meinem Fahrrad das Band durchstoßen. Ich setze über meine rote Kopfbinde den Helm, ziehe die Handschuhe an und bedecke die Augen mit der pfiffigen Windbrille. Voller Elan steige ich nun auf meinen Weggefährten, das schwarze vollbepackte Fahrrad. Unter der Anfeuerung und dem Applaus der Menge setze ich zum ersten Pedaltritt an. Ich bin aufgeregt, wie man sich leicht vorstellen kann. Ich blicke auf die vielen Menschen und es wird mir so richtig klar, dass ich gerade eine große Verantwortung übernehme. Diese Leute erwarten eine heldenhafte Umsetzung meines Konzeptes, manch` einer scheint jetzt schon stolz auf seinen Mitbürger zu sein, bevor überhaupt eine Performance stattgefunden hat. Jetzt, wo mich einige auf andere Weise, mit anderen Augen sehen, erkenne ich den gewaltigen Unterschied zu vorher. Das liegt wahrscheinlich daran, dass alle diese Fernseh- und Radioteams, Printreporter, Politiker und die Massen von Menschen die Wichtigkeit der Reise bewusst machen.

Es geht los! Mit einem kräftigen Schubs nach vorn durchtrenne ich das Band - und die Europarundfahrt durch elf Länder beginnt. Ich bewege mich langsam auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt und verabschiede mich von meiner Anhängerschaft. Ich rufe dem Menschenmeer zu: "Ciao Matino, wir sehen uns in fünf Monaten wieder. Ich trage dich und euch alle in meinem Herzen durch die Straßen Europas." Das Zweirad bahnt sich den Weg durch die jubelnden Menschenmassen. Es ist für mich ein einmalig gutes Gefühl und erfüllt mich mit Stolz. Stolz, weil ich dieses Spektakel hervorgerufen habe, weil all` diese Leute hier sind, um mich zu feiern und durch mich nun meine kleine Stadt positiv in die Medien kommt. Dicht hinter mir folgt mir ein Dutzend MTB-Fahrer. Man spürt förmlich die Begeisterung und die Energie, die das Publikum ausstrahlt. Das ist die Essenz, die jeder Sportler, jeder Abenteurer braucht. Etwas ruhiger wird es erst, als wir die Piazza verlassen. Hinter dem Fahrrad-Corso fahren das Fernsehteam, einige meiner Familienmitglieder und ein paar Freunde mit Autos. So radeln wir die ersten Kilometer durch Alezio nach Gallipoli an der ionischen Küste. Dort erwarten uns am Ortseingang zwei Stadtpolizisten auf ihren Motorrädern. Sie eskortieren uns durch die Stadt bis kurz vor die Brücke, die die Insel mit dem Festland verbindet. Die wichtigste Verkehrsader der Stadt hat man dafür gesperrt. Die Menschen, die am Straßenrand stehen, erwarten wahrscheinlich ganze Gruppen von Rennfahrern. Sie schauen dann verdutzt, als ich in aller Ruhe an ihnen "vorbeispaziere" und mir ist es ziemlich peinlich dabei. Unter dem höchsten Gebäude Gallipolis empfängt mich Signore Venneri, der Bürgermeister dieser schönen Küstenstadt. Er überreicht mir eine Plakette als Ehrenurkunde für die bevorstehende Leistung. Er ist der Meinung, dass meine Performance durch Europa der Förderung des Territoriums und seiner Wirtschaft dienen wird.

Hier in diesem Hochhaus befindet sich das Hotel "Bellavista", welches der Hotelkette „Caroli Hotels“ angehört. Dessen Besitzer Signore Caputo Attilio hat etwas Geld gespendet. Er ist leider verhindert und kann selbst nicht an der Empfangsfeier teilnehmen. Signore Caputo hat ganz oben auf der Plattform des Gebäudes mit Rundumsicht Getränke und ein reichhaltiges kaltes Buffet aufstellen lassen. Es sind schätzungsweise noch vierzig Freunde und enge Verwandte da. Wir plaudern, machen Fotos und genießen das Buffet. Nach einer Weile und auf mein Drängen hin begeben wir uns alle nach draußen auf den Vorplatz des Gebäudes. Die letzten Bilder werden gemacht und dann verabschiede ich mich von ihnen. Es macht sich in mir ein zweigeteiltes Gefühl breit. Zum einen bin ich froh, dass meine Europarundfahrt endlich nach langer Vorbereitung beginnen kann. Zum anderen aber bin ich traurig, dass ich meine Liebsten, vor allem meine elfjährige Tochter, für fünf lange Monate zurücklassen muss.

Es ist kurz nach 13.00 Uhr. Ich fahre los und während ich etwas an Geschwindigkeit gewinne, schaue ich noch einmal auf die kleine Gruppe zurück, die sich immer mehr entfernt. Das werden für eine lange Zeit die letzten vertrauten Menschen sein, die ich auf meinem langen Weg sehen werde. Nun bin ich allein mit meinem Rad auf der Straße, die mich durch Europa führen wird. Vor mir ca. 14.000 km, 150 Tage Abenteuer und viele offene Fragen. Wird alles gutgehen? Werde ich mein Ziel erreichen? Werde ich mein Versprechen halten können? Kehre ich auf meinem Fahrrad nach Hause zurück oder nicht?

Für den ersten Tag ist eine leichte Strecke vorgesehen, eine, die ich sehr gut kenne. Hier habe ich u. a. mein Training absolviert. Diese führt entlang der Küste des ionischen Meeres durch Santa Maria al Bagno, Porto Cesario und Torre Colimena bis nach Campomarino. Hier habe ich vor, die erste Nacht zu verbringen. Zwischen den Dünen soll mein Nachtlager seinen Platz mit Meerblick finden, allerdings so, dass ich von der Straße aus nicht gesehen werde. Es ist gerade 18.00 Uhr geworden. Ich könnte eigentlich noch etwas weiterfahren, aber der Tag war sehr anstrengend und ich möchte nicht gleich am Anfang meine Kräfte strapazieren. Heute war es ein sonniger Tag, wenn auch etwas frisch, 18 Grad war die höchste Temperatur, die mein Bordcomputer anzeigte. Ich schlage mein kleines blaues Zelt auf und deponiere meine Fahrradtaschen in seinem Inneren. Etwa zwei km entfernt liegt das kleine Ortszentrum, wo ich etwas Essbares zu finden hoffe. Es ist ein Badeort, weshalb es nicht schwierig ist, Pizzastücke zum Mitnehmen zu finden.

Gegen 19.00 Uhr bin ich wieder bei meinem Zelt und bereite mich auf die erste Nacht der Tour vor. Ich schreibe irgendwann nach Sonnenuntergang bei Kerzenlicht die ersten Daten in mein Bordbuch. 84 km habe ich heute trotz verspäteter Abfahrt geschafft. Ich versuche die vielen Eindrücke niederzuschreiben. Es fällt mir allerdings schwer, alles zusammenzufassen. Es ist heute eine Menge passiert. Ich muss vieles erst noch verdauen, bewerten und verstehen. Das Einschlafen fällt mir deshalb auch schwer und das nicht nur, weil mir die Gedanken im Kopf herumkreisen, sondern auch, weil es verdammt feucht und frisch im Zelt ist. Obendrein – das ist genauso schlimm – ist der Schlafplatz zu hart. Einfach zu ungemütlich das Ganze, denke ich, und wälze mich immer wieder um. Ich bekomme kein Auge zu. Ich denke zudem an einiges der letzten Tage - Erlebnisse, Erfahrungen, Enttäuschungen, Glücksmomente, Einsichten und vieles mehr. Die Nacht scheint kein Ende zu nehmen. Ich sitze nun direkt am Wasser und versuche etwas Ordnung in meinen Kopf zu bringen. Vielleicht hilft es, wenn ich meine Gedanken auf einem Blatt Papier niederschreibe.

„Es ist vier Uhr morgens am Montag, dem 27. März 2006. Während ich diese Zeilen schreibe, versuche ich das, was ich am Tag der Abfahrt erlebt habe, zu verdauen. Ein Tag, der mit starken Emotionen begann, mit Eindrücken, Ängsten und Traurigkeit, meine geliebten Menschen zurücklassen zu müssen. Ich bin etwas durcheinander - einerseits bin ich glücklich darüber, dass ich meine Reise antreten kann, andererseits weiß ich nicht, was mich alles erwartet. Im Hinterkopf die Zweifel - ich kann sie nicht verdrängen, sie sind immer da. Der Stress der letzten Tage, den ich gemeinsam mit meinen Freunden hatte, um das Ganze zu organisieren. Dann die traurige Nachricht des tragischen Unfalls des jungen Mannes, die fast meine Beine gelähmt hatte. Aber hey – The show must go on! Wir haben gemeinsam entschieden, das Abenteuer trotzdem beginnen zu lassen, wenn auch in einer sehr restriktiven Form. Es ist also wahr - viele Leute waren da, um mich zu unterstützen. Ich möchte mich deswegen bei allen bedanken für die Herzlichkeit und die Wärme, die von ihnen ausging. Soviel Wärme, dass ich in dem Moment glaubte und mir sicher war, nicht alleine loszufahren, sondern mit den guten Gedanken aller in meinem Herzen. Danke! Ich hoffe, euch nicht zu enttäuschen. Ich verspreche, dass ich meinerseits alles tun werde, um diese Reise zu Ende zu bringen. Ich werde bis zum Schluss dafür kämpfen und kehre nach Matino zurück aus vielen Gründen. Einer dieser Gründe ist der, euch alle in die Armezu schließen und mit euch zu feiern.

Jetzt befinde ich mich am Strand von Campomarino bei Taranto. Es ist nur sieben Grad warm, die Luft ist sehr feucht. Während ich auf den Sonnenaufgang warte, blicke ich zum Himmel und sehe die Milchstraße. Sie ist schön und ich höre dabei nur die kleinen Wellen des Meeres von meinem Salento. Ich und die Natur – das ist meine Dimension.“

Diese Gedanken ließ ich von Donato am übernächsten Tag auf die Homepage setzen.

„Es hat noch niemand etwas Ordentliches geleistet, der nicht etwas Außerordentliches leisten wollte.“

(Marie von Ebner-Eschenbach)

 

Am Abfahrtstag bin ich 84 km vorangekommen.

27. März 2006 Montag

Tag 2

Ich wache um circa halb sechs mit dem ersten Tageslicht auf. Nach einer sehr unruhigen Nacht, in der ich einfach zu wenig geschlafen habe, fühle ich mich ziemlich müde, etwas benommen und sämtliche Knochen schmerzen. Ganz ohne weiche Unterlage zu schlafen ist eine sehr unbequeme Angelegenheit, die ich auf jeden Fall ändern möchte. Ich verlasse die Welt der Träume immer ohne Wecker, den brauche ich nicht. Um den Akku zu schonen, habe ich auch während der Nacht das Handy aus. Das schalte ich erst beim Losfahren ein. Die Feuchtigkeit dringt bis zu den Knochen durch. Alles ist nass – das Zelt, das Fahrrad und der Sand. Dafür habe ich als Entschädigung einen wunderbaren Ausblick aufs Meer und in der anderen Richtung einen atemberaubenden Sonnenaufgang. Nachdem die ersten Sonnenstrahlen auf mich eingewirkt haben, gehe ich runter zum Strand und putze mir die Zähne, spüle sie anschließend mit dem Salzwasser aus und wasche mir den Schlaf vom Gesicht. Ich erfreue mich an meinem großen Badezimmer mit einem belüfteten Hinterm-Busch-Klosett. Nach der Morgentoilette trockne ich das Zelt und den Packesel mit einem Putzlappen. Es dauert eine ganze Weile, bis alles eingerollt, verstaut und zur Weiterfahrt bereitsteht.

Es ist 8.00 Uhr, als ich in den Pedalen steige. Nach einigen Kilometern kreuzt die erste Bar meinen Weg und damit die lang ersehnte Tasse Kaffee. Vom Aufwachen bis zum heißen Koffein-Schub vergehen fast drei Stunden, das lässt sich vorerst nicht umgehen. In dem Städtchen Pulsano fülle ich an einem Trinkwasserbrunnen meine Thermosflasche. Ich bemerke die Blicke mancher Leute auf mir und im ersten Moment bin ich deswegen etwas verdutzt. Erst als mich jemand anspricht, verstehe ich den Grund dafür. Gestern Abend und auch heute sind die Berichte von meinem Vorhaben in den Nachrichten verschiedener Regionalsender ausgestrahlt worden. Auch die Tageszeitungen schreiben über die ungewöhnliche Solo-Radreise. Ich werde auch in Talsano und Tarent angesprochen. Letztere ist übrigens die erste Provinzstadt der Reise. Nachdem ich einen leckeren Panino gegessen habe, mache ich ein paar Bilder von der Strandpromenade und von der drehbaren Brücke, die hier Stadtwahrzeichen-Kult hat. Weiter geht es auf der autobahnähnlichen Straße außerhalb der Stadt. Das geschieht nur deshalb, weil es hier in dieser Zone einen akuten Mangel an Alternativen Strecken gibt. Bei uns im Süden gibt es so gut wie keine Fahrradwege. Aus diesem Grund gestaltet sich das Lenken eines Fahrrads manches Mal etwas schwierig. So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn oft das Gefühl entsteht, dass der vorbeiziehende Verkehr einem den Ellenbogen streift. Die Gefahr stets im Nacken zu spüren, ist nicht jedermanns Sache.

Kurz vor Metaponto verlasse ich zum Glück die Schnellstraße, denn ab hier hat man vernünftigerweise eine parallel verlaufende Nebenstrecke gebaut. Diese ist auf jeden Fall angenehmer mit dem Rad zu befahren, auch wenn es trotzdem zu laut ist. Damit verlasse ich die Region Apulien und befahre nun die Straßen der Basilicata. Es wird Zeit, mir einen Übernachtungsplatz zu suchen. Den finde ich unweit des Wohngebiets - auf der Wiese neben einer Pineta (Pinienwald). Da bis zur Dämmerung noch ein wenig Zeit verbleibt, möchte ich versuchen, mir eine Luftmatratze zu besorgen. Ich will nicht noch einmal so eine ungemütliche Nacht verbringen wie die letzte. Also baue ich erstmal das Zelt auf. Weil der Platz so gut versteckt ist, habe ich keine Bedenken, es für eine Weile allein zurückzulassen. In der Nähe finde ich einen kleinen Supermarkt, gehe hinein und bekomme leider nur eine günstige Kinderluftmatratze mit Barbie-Design. Besser als nichts – denke ich mir, meinem Kreuz zuliebe … Und es muss auch keiner was davon erfahren. Man macht aber oft und gerne die Rechnung ohne den Wirt. Einmal an der Kasse angekommen, erkennt mich die Inhaberin des Marktes aus dem Fernsehen. Im Nu versammeln sich so viele Hausfrauen um mich herum, dass ich gar nicht die Möglichkeit habe, mich des „Corpus delicti“ zu entledigen. Es kommt so, wie ich es nicht wollte. Ich werde mit Fragen über meine Reise, aber auch über das Plastikteil, das ich in der Hand halte, bombardiert. Etwas verlegen erkläre ich die etwas umfunktionierte Rolle, die dieses Kinderspielzeug in Zukunft haben wird. In meinem Innersten ärgere ich mich über mein unverzeihliches Versäumnis, bei der Planung nicht bedacht zu haben, dass ich nicht ohne weiche Unterlage schlafen kann.

Ich werde als eine Art Held gefeiert, obwohl ich noch nichts Außergewöhnliches getan habe. Es ist erstaunlich, was ein Fernsehauftritt bei den Menschen bewirken kann. Unter dieser Fangemeinde ist auch die Signora Cesaria, welche die Inhaberin des Restaurants gegenüber ist. Sie lädt mich in ihrem Lokal zum Essen ein und da ich sehr verhungert bin, nehme ich ihre Einladung dankend an. Während ich gerade dabei bin das kulinarische Spektakel zu genießen, das mir die Signora zubereitet hat, werde ich um mein allererstes Autogramm gebeten. Giuseppe ist der 14-jährige Sohn von Cesaria und von meinem Vorhaben begeistert. Ich fühle mich geehrt und ein wenig gerührt. Mir gegenüber sitzt ein älteres Ehepaar, das alles mitbekommen zu haben scheint. Auch dieses gratuliert mir zu meiner Reise und fragt mich gleichzeitig in gebrochenem Italienisch – die Herrschaften kommen aus Österreich – ob ich durch ihre Stadt Graz fahren werde. Um uns besser zu verständigen, antworte ich ihnen nun auf Deutsch. Ich mache ihnen klar, dass mein Weg durch Europa leider nicht durch ihre Stadt führt.

Währenddessen ist mein Rindersteak kalt geworden und hat etwas an Geschmack eingebüßt. Giuseppe hat in der Zwischenzeit Verstärkung geholt und kommt nun mit einigen seiner Freunde zu mir an den Tisch. Sie sind alle bewaffnet mit Papier und Stift. Sie wollen auch ein Autogramm ergattern und ich komme mir vor wie ein bekannter Radsportler. Etwas verlegen bin ich schon, weil mir dieser Lorbeerkranz noch gar nicht zusteht.

Draußen ist es dunkel geworden. Ich bedanke mich herzlichst bei Signora Cesaria für das leckere Abendessen und bei Giuseppe und seinen Freunden. Es ist Zeit zu gehen, so verabschiede ich mich von meinen neu gewonnenen Freunden und mache mich auf den Weg zu meinem Nachtlager. Der Wunsch, gemütlich zu ruhen, hat in diesem Augenblick Priorität. Ich schreibe nur mal schnell die Daten des heutigen Tages in mein Notizbuch und dann blase ich mein Bett auf. Die Luftmatratze aufzupumpen ist anstrengender, als ich zunächst dachte. Das raubt mir die letzte Kraft. Ob ich wohl mit einer kleinen Pumpe besser bedient wäre? Dies wird mich morgen beschäftigen. Jetzt habe ich was Besseres vor – und zwar meine neue Matratze zu testen. Ich schlüpfe in meinen Schlafsack und begebe mich sofort auf eine andere Reise – nämlich die der Träume.

„Wir unterschätzen das, was wir haben und überschätzen das, was wir sind.“

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Tageskilometer: 110, gesamt: 194 km

28. März 2006 Dienstag

Tag 3

Es ist der Morgen des dritten Tages. Ich habe auf der Barbie-Unterlage nicht super, aber zumindest bedeutend besser geschlafen. Die Idee, mir eine Luftmatratze zuzulegen, war gut. Die witzige Situation und die daraus resultierende Verlegenheit haben sich auf jeden Fall gelohnt.

Es ist ein wohltuendes Gefühl, durch Vogelgezwitscher aufzuwachen. Man erlebt in einem Zelt dieses schöne akustische Erlebnis intensiver als in einem geschlossenen Raum. So als sei man mittendrin in einem Orchester der Natur. Dies ist wie eine Massage des Trommelfells, eine Aufladung des Gemüts und das tut der Seele gut. Jetzt kann der neue Tag beginnen!

Kurz nachdem ich losfahre, treffe ich auf ein Internet-Café. Jetzt kann ich die Bilder der letzten Tage und meinen Artikel, den ich in der ersten Nacht geschrieben habe, an Donato übermitteln. Damit kann er die Europatour-Seite speisen.

In Scanzano Ionico biege ich rechts ab in Richtung des Landesinneren. Ich verlasse nun die ionische Küste und strample durch das Agri-Tal, welches vorerst nur mit einer leichten Steigung beginnt. Irgendwann spüre ich auf meinen Armen ein Brennen. Mein Thermometer zeigt 23 Grad an. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass die Sonne schon ziemlich auf meine Haut eingewirkt hatte. Ich habe einen Sonnenbrand an den Armen und an den Teilen meines Gesichts, die nicht bedeckt sind. Durch den Fahrtwind fühlte ich keine Wärme und deshalb habe ich die Wirkung der Sonnenstrahlen unterschätzt.

Ich halte kurz an einer Tankstelle an, um mich mit etwas Wasser abzukühlen. Der Betreiber hat neben den Zapfsäulen einen kleinen Stand aufgestellt, an dem er nebenher frisch gepflückte Orangen aus eigenem Anbau verkauft. Nach einem gemeinsamen Gespräch bietet er mir einige seiner Früchte an. „Um Vitamine für die Reise zu tanken“, sagt er. Ich nehme selbstverständlich die Vitaminbomben, die gleichzeitig meinen Durst auf eine gesunde Art löschen, mit Freude an.

Das Tal ist spärlich besiedelt. Die wenigen Dörfer befinden sich auf den Hügeln, welche sie wie eine Krone schmücken. Es ist Frühling und das sieht, spürt und riecht man hier besonders. Die Felder und Wiesen sind mit einem Blumenmeer überflutet. Die Bäume entfalten ihre ganze Blütenpracht in verschiedenen Farben. Die Bienen haben Hochsaison und die Vögel bevölkern den blauen Himmel, der komplett frei von Wolken ist. Es macht sehr viel Spaß durch so eine wunderschöne Naturlandschaft zu radeln.

Langsam aber sicher werden die Hügel immer höher – ja, sie werden sogar zu Bergen. Das Tal wird immer enger und die Straße kurviger. Gegen Abend erreiche ich den Stausee Pertusillo auf ca. 500 m über dem Meeresspiegel. Aus seinem klaren sauberen Wasser wird unser Salento durch ein ausgeklügeltes Aquädukt-System versorgt. Unmittelbar am Seeufer mitten im Kastanienwald mache ich ein kleines gemütliches Restaurant ausfindig. Das Lokal ist familiengeführt und die Gerichte sind deliziös. Ich bekomme die Erlaubnis, nach dem Abendessen im Wald hinterm Haus mein Zelt zu platzieren. Bei mir sind auch die zwei Hunde des Wirtes. Wir haben uns angefreundet, sie scheinen gar nicht mehr nach Hause zu wollen. Gegen 21.00 Uhr lege ich mich schlafen. Die verschiedensten Waldgeräusche begleiten mich in die Nacht. Nichts Gefährliches – es ist die Natur und das kann nur schön sein.

„Wenn man die Natur wahrhaftig liebt, so findet man es überall schön.“

(Vincent van Gogh)

Heute bin ich 96 km weit gekommen, gesamt 290 km.

29. März 2006 Mittwoch

Tag 4

Es ist heute Morgen kalt im Zelt - sieben Grad sagt mein Thermometer. Das wundert mich nicht, schließlich befinde ich mich im Bergland. Die Hunde haben draußen vor meinem Zelt geschlafen, das wundert mich wiederum schon ein wenig. Sie begleiten mich zur Morgentoilette unten am See. Es herrscht eine wohltuende Stille. Zu hören sind nur die Stimmen der Natur, Vogelgesang, Wassergeplätscher, das Blattwedeln der Bäume und das Hecheln meiner vierbeinigen Freunde. Jetzt fehlt nur noch das Frühstück, denke ich. Dafür bestehen aber voraussichtlich in zwei Stunden gute Chancen. Es ist hart, sich auf den Sattel zu schwingen, ohne wenigstens eine heiße Tasse Kaffee genossen zu haben. Diesbezüglich muss ich in den nächsten Tagen unbedingt nach einer Lösung suchen.

Gegen 9.00 Uhr erreiche ich die Ortschaft Villa d`Agri und kann endlich mein lang ersehntes italienisches Frühstück an einer Bar-Theke genießen. Es besteht einfach aus einem Espresso und einem warmen Cornetto. Das muss reichen. Danach decke ich mich mit ein wenig Proviant und genug Trinkwasser ein. Gleich zwei Pässe, mit einem nicht ganz unbedeutenden Höhenunterschied, sind heute zu bewältigen. Mein Ehrgeiz wird somit auf eine harte Probe gestellt. Den ersten bezwinge ich souverän gleich nach Marsico. Der zweite - kurz vor Atena Lucana – befindet sich mitten in den Apenninen und ist schon „etwas“ anstrengender.

Bevor ich nun die erfrischende Abfahrt antrete, mache ich eine Pause in einer kleinen Parkbucht. Von hier habe ich eine atemberaubende Aussicht auf das Tal. Mir gegenüber erheben sich majestätisch die Monti Alburni. Sie gehören zu einem Bergmassiv, welches einen Naturpark beherbergt. Es ist schön anzusehen – es ist wie Balsam für Augen und Seele. Ich bekomme jedoch Gänsehaut bei dem Gedanken, diesen Berghaufen mit dem Gewicht, das ich mit mir durch die Gegend schleppe, überwinden zu müssen. So fahre ich zuerst runter ins Tal und dann wieder hoch in die besagte Berggruppe. Schon jetzt wird mir klar, dass mir ein Mitfahrer fehlt. Jemand, mit dem man die Strapazen und die Wegprobleme teilen kann, sich gegenseitig motiviert, antreibt und die Erfolge feiert. Ich habe mich jedoch für einen Einzelkampf entschieden, deshalb muss ich da allein durch. Schließlich steht diese Reise unter dem Motto „Starker Wille“ und nicht „Wer hilft mir dabei?“.

Mein Magen meldet sich mit periodischem Brummen. Irgendwann mitten in einer schönen Naturlandschaft taucht ein „Agriturismo“ auf. Er ist eine Mischung aus Apartmenthäusern, Campingplatz und Bauernhof mit einem Restaurant, in dem fast nur mit selbst angebauten Produkten gekocht wird. Die Betreiber sind Emilio und seine Mutter Angela. Der junge Besitzer ist von meiner Reise so begeistert, dass er mich umsonst auf seinem Grundstück campen lässt. Seine Mutter, die Köchin, bereitet mir ein wirklich köstliches Abendessen nach allen Regeln der italienischen Kochkunst – und das für sehr wenig Geld. Damit dürfte mein Magen sich sehr glücklich schätzen und meine Reisekasse wird zudem auch nicht strapaziert. Nach dem kulinarischen Höhepunkt erlaubt mir Emilio sogar an seinem PC zu sitzen, damit ich meine Bilder der letzten Tage an Donato versenden kann. Ich bin froh, dass ich auf nette und hilfsbereite Menschen treffe – Angela und Emilio gehören auf jeden Fall dazu. Das hilft mir sehr bei meinem Vorhaben und motiviert mich zusätzlich. Mit einem guten Gefühl lege ich mich gegen 21.00 Uhr schließlich schlafen – mein Körper dankt es mir und meine Seele auch.

„Achte auf das Kleine in der Welt, das macht das Leben reicher und zufriedener.“

(Carl Hilty)

Heute bin ich 90 km durch bergiges Gebiet gefahren, gesamt sind es 380 km.

30. März 2006 Donnerstag

Tag 5

Gegen 5.00 Uhr wache ich auf und nach den üblichen Handgriffen zur Räumung des Übernachtungsplatzes, die mittlerweile etwas an Routine gewonnen haben, schwinge ich mich auf den Sattel. Es ist 7.30 Uhr und die Luft ist noch ziemlich frisch, so dass ich die Handschuhe anziehen muss, um meine Finger vor der Kälte zu schützen. Die ersten Kilometer geht es nur die Berge runter, dann wieder hoch zum letzten Pass vor der Tyrrhenischen Küste.

In dem Bergstädtchen Roccadaspide genehmige ich mir das verdiente Frühstück. Ich nutze die Gelegenheit, um ein befreundetes Paar anzurufen, das in Paestum wohnt. Raffaele und Conny kenne ich seit ein paar Jahrzehnten aus Deutschland. Wir haben viel gemeinsam erlebt, sind auch mal zusammen in den Urlaub gefahren und haben so manche Probleme gemeinsam gelöst, die das Leben für uns bereithält. Raffaele hat ein kleines Grundstück von seinem Vater geerbt, auf dem sie ein Häuschen gebaut haben. Seit sie vor ein paar Jahren dorthin gezogen sind, haben wir uns sehr wenig gesehen. Nun werden wir Gelegenheit haben, einen Tag zusammen zu verbringen. Ich bin gegen 11.00 Uhr bei ihnen.

Doch kurz davor, in Capaccio Scalo, erstatte ich meiner ex-Frau Angela, ein Besuch. Sie ist die Mutter meiner Kinder, und sie lebt hier momentan allein, in der Nähe ihrer Mutter. Wir haben uns kurz vor dem neuen Millennium getrennt und sind mittlerweile auch geschieden. Doch unser freundschaftliches Verhältnis, ist hervorragend. Ihr Kommentar zu meiner Reise ist schlicht und einfach; „Du bist verrückt, was sonst!“

Paestum ist heute ein touristisch sehr bekanntes Dorf, das zur Römerzeit eine große und wichtige Stadt war. Heute zeugen von jener Stadt nur die vielen Überreste. Zur Besichtigung stehen u. a. noch drei imposante Tempel, welche den Besuchern von einer bewegten Vergangenheit erzählen. Conny und Raffaele wohnen knapp einen halben Kilometer davon entfernt. Selbstverständlich freuen wir uns, uns wiederzusehen und erzählen uns von der Vergangenheit und der Gegenwart, von guten und schlechten Zeiten. Bei ihnen kann ich endlich die Dusche genießen und meine Klamotten maschinell waschen. Auf das gemütliche Bett freue ich mich verständlicherweise besonders. Die vielen Pässe der letzten Tage haben mich ganz schön geschafft. Meine Knochen schmerzen, die meisten Muskeln haben einen Kater und die Haut brennt von der Sonne. Dabei merke ich, dass mein Körper diese für mich ungewohnten Strapazen noch nicht gewöhnt ist. Der halbe Tag Pause kommt zur richtigen Zeit und wird mir auf jeden Fall guttun. Irgendwann spät nachts falle ich erwartungsgemäß wie ein Stein auf die weiche Matratze und kann endlich ruhen.

„Der beste Weg einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.“

(Ralph Waldo Emerson)

An diesem kurzen Tag sind es nur 46 km geworden, gesamt 426 km.

31. März 2006 Freitag

Tag 6

Ich habe wie ein König geschlafen. Bedauerlicherweise muss ich jedoch früh aufstehen, weil meine Gastgeber zur Arbeit müssen. So frühstücken wir noch gemeinsam und danach heißt es Abschied nehmen. Es war eine sehr angenehme Pause. Ich fühle mich fit und frisch - habe Freunde wiedergesehen und es war schön. Jetzt kann ich die nächste Etappe mit neuem Elan angehen.

Die Uhr zeigt kurz vor 7.00 Uhr an, als ich wieder mit dem Treten anfange. Es geht auf flachen Straßen direkt an der Küste zwischen Sandstrand und Pinienwäldern weiter. Kaum eine halbe Stunde später treffe ich Andrea, einen jungen Mann, der mit seinem Fahrrad jeden Tag zur Arbeit in der Innenstadt von Salerno fährt – so seine Aussage. Während wir strampeln und von uns erzählen, nähern wir uns fast unbemerkt der Stadt. Er bietet sich kurzerhand als Lotse an. Dank seiner Hilfe sind wir auf dem Weg durch verwinkelte Gassen im Nu im Zentrum sowie im wunderschönen Park, der an der Promenade angelegt ist, angelangt. Ich muss aber leider feststellen, dass keine besonders gute Harmonie zwischen motorisierten und nicht motorisierten Fahrern herrscht. Es grenzt fast an ein Wunder, dass wir es unversehrt bis hierhergeschafft haben. Andrea meint, dass es normal ist. Ich bin selbst Italiener und chaotischen Verkehr gewöhnt - aber das hier übertrifft alles, was ich bisher kannte. Man bekommt in dieser Stadt ganz klar den Eindruck, als Fahrradfahrer den Verkehrsfluss zu stören. Trotzdem werde ich mir nicht die Freude am Fahren verderben lassen. Ich genieße die schönen Dinge, die es hier zu sehen gibt, und schieße einige Fotos von uns und dem farbenfrohen Park. Danach verabschiede ich mich von Andrea und fahre weiter der Küste folgend nach Vietri. Mir bietet sich eine spektakuläre Aussicht – die Amalfi-Halbinsel. Ihre einzigartige Landschaft ist sehr geschätzt und deshalb weltbekannt. Ich darf sie nun mit dem Fahrrad erkunden und erleben – dafür bin ich dankbar.

Das Wetter ist freundlich und die Luft um die 20 Grad warm. Die Strecke führt u.a. durch Amalfi, Positano und Sorrento. Es geht immer wieder hoch und runter und die Straße schlängelt sich durch zwischen kleinen Dörfern, winzigen Tälern und Klippen, die ins blaue Meer steil abfallen. Die Landschaft ist atemberaubend schön. Die Berge sind zum größten Teil mit Pinienwäldern bedeckt. Die waldfreien Stellen sind entweder bebaut oder wild der Natur überlassen. Auf den Feldern, die überzogen sind von vielen farbenprächtigen Blumen, wachsen saftige sattgrüne Gräser. Verschiedene frische Düfte berauschen angenehm meine Atmungsorgane und machen mich deshalb glücklicher.

So macht das Fahrradfahren richtig großen Spaß. Bergiges maritimes Gelände heißt für mich aber auch, Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz zu haben. Schließlich darf ich mein Zelt auf dem asphaltierten Parkplatz der Pizzeria, in der ich gegessen habe, aufbauen. Sicherlich ist das nicht der beste Platz - aber besser als gar keiner.

Ich bin erschöpft, aber zufrieden, mache es mir in meinem Zelt gemütlich und dann schreibe ich in meinem Tagebuch die heutigen Daten und Eindrücke auf.

„Geduld, Vernunft und Zeit macht möglich die Unmöglichkeit.“

(Simon Dach)

Heute 92 km, gesamt 517 km.

Abb.2 - Über die Apenninen.

Abb.3 - Salerno vor der Amalfi Küste

1. April 2006 Samstag

Tag 7

Geschlafen habe ich heute Nacht ganz schlecht. Zum einem, weil es bis 1.00 Uhr morgens ziemlich laut war wegen dem Ein - und Ausparken der Autos, zum anderen hatte meine Barbie-Matratze gleich zwei Löcher. So war ich gezwungen, direkt auf dem harten Asphaltboden zu liegen. Obendrein war es mit 5 Grad auch noch recht kühl. Wahrlich eine denkwürdig negative Nacht.

Ich fahre um 7.00 Uhr los, passiere Vico Equenze und Castellammare di Stabia. Die wunderschöne Aussicht auf den gesamten Golf von Neapel lindert ein wenig meine Knochenbeschwerden. Kurz danach befahre ich Neapels Ballungsraum - durch zahlreiche Vororte mit sehr schlechten Straßen sowie starkem und chaotischem Verkehr. Ich brauche ganze fünf Stunden, um nur 40 km zurückzulegen. Das Problem sind schlechte bis z. T. sogar fehlende Beschilderungen, wodurch ich das Gefühl habe, durch ein Labyrinth zu fahren - und das sehr unebene Kopfsteinpflaster. Es ist mit Sicherheit eine schöne und interessante Großstadt, aber ich rate jedem Fahrradfahrer, diese großräumig zu umfahren.

Das Wetter ist genauso wie gestern – schön und angenehm warm. Ich habe aber trotzdem die Schnauze voll von den Strapazen, von den ganzen Problemen und von dieser unsinnigen Fahrerei. Ich beschließe, die Reise abzubrechen, gebe das Fahrrad bei einem Kurier ab, setze mich in einen Zug und fahre nach Hause. Dann kann ich nämlich wieder gemütlich in meinem Bett schlafen. So brauche ich nicht zu schwitzen, zu frieren und abends werde ich nicht mehr so kaputt sein. Sie als Leser werden sich an dieser Stelle fragen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, ob das ein Aprilscherz ist. Entschuldigung – ja! Ich habe mir einen Scherz erlaubt, ein kurzer Blick auf das Datum oben rechtfertigt ein wenig meine Scherzlaune. Selbstverständlich werde ich nicht aufgeben. Ich bin für das genaue Gegenteil unterwegs – ich soll und will eisernen Willen vermitteln, auf gar keinen Fall an das Aufgeben denken – außer im äußersten Notfall natürlich. Ich hoffe allerdings, dass ich nie in die Situation kommen werde, daran denken zu müssen. Ängste hätte ich einige, die darf ich aber nicht zum Ausdruck bringen, um sie nicht womöglich herbeizuführen. Also – die Devise lautet „Zähne zusammenbeißen und durch.“ - auch wenn`s wehtut.

Mittlerweile ist es 17.00 Uhr geworden, als ich in Ischitella Lido ankomme.

Ich sehe am Straßenrand eine Bar und denke mir, dort nach einem Campingplatz zu fragen. Der Besitzer heißt Mario und erklärt mir, dass die Campingsaison noch nicht begonnen hat und die Plätze deswegen noch geschlossen sind.

Der lebenslustige Endfünfziger macht mir ein Angebot. Er besitzt in der Nähe ein kleines Häuschen, das leer steht. Ich könnte gegen einen geringen Unkostenbeitrag dort übernachten. Na ja, die Übernachtung ist sogar günstiger, als auf dem Zeltplatz, ich würde mir das Zeltaufschlagen ersparen. Das wäre ein willkommener Komfort. Alles spricht dafür! Einziges Manko ist, dass der Strom abgeschaltet ist – es daher auch kein warmes Wasser gibt. Mich stört das nicht – ich dusche selbstverständlich auch kalt. Also fahren wir zu dem Anwesen, das wirklich nur ein paar Kilometer entfernt ist. Es handelt sich um einen kleinen Bungalow, der in einem umzäunten Grundstück steht. Er hat zwei Schlafzimmer, ein Bad, eine Küche und ein Wohnzimmer. Eine große Veranda ist auch vorhanden. Um das Haus herum wachsen einige Obstbäume, darunter auch Orangen. Ich darf mir sogar welche pflücken. Mario zeigt mir, bevor er mich allein lässt, die Stelle, an der ich morgen früh vor der Abfahrt, die Hausschlüssel deponieren soll.

Es ist toll, dass ich am richtigen Ort den richtigen Mann nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt habe. Ich finde es spannend zu erfahren, was sich aus einer einfachen Frage alles ergeben kann. Nach dem Duschen esse ich Thunfisch aus der Dose mit etwas Brot und einige Orangen aus dem Garten.

Im Kerzenlicht schreibe ich dann die Tagesereignisse in mein Buch und lege mich in meinen Schlafsack auf das nicht bezogene, aber gemütliche Bett zum Schlafen.

„Der Ausgangspunkt für die großartigsten Unternehmungen liegt oft in kaum wahrnehmbaren Gelegenheiten.“

(Demosthenes)

Heute 87 km, gesamt 605 km.

2. April 2006 Sonntag

Tag 8

Es war eine ruhige und erholsame Nacht. Meine Muskeln und Knochen schmerzen zwar noch ungemein, aber das ist normal. Mein Körper muss sich noch an die neue Situation gewöhnen. Jeden Tag so viel zu strampeln ist natürlich noch nicht zur Routine geworden. Ob es das überhaupt werden wird, wird sich in der nächsten Zeit zeigen.

Ich packe meine Sachen zusammen, schließe das Haus ab, lege die Schlüssel an den abgemachten Platz und fahre um 8.00 Uhr los. Ich radle durch Castel Volturno, Mondragone und in Minturno entdecke ich einen Laden, der Campingartikel anbietet. Ich gehe hinein und kaufe mir eine kleine Handpumpe für meine Matratze, welche ich nun nicht mehr mit dem Mund aufzublasen brauche. Ich freue mich deswegen wie ein Kind!

In einer Bar im Hafen von Formia esse ich zum Mittag eine Pizzaecke. Es geht dann weiter nach Gaeta und kurz vor Sperlonga durchfahre ich mit der Angst im Nacken drei kurze, aber gefährliche, zum Teil unbeleuchtete Tunnel. Obwohl das Licht am Fahrrad an ist, laufe ich Gefahr, vom nachfolgenden Verkehr nicht rechtzeitig gesehen zu werden, da die Sonne den Autofahrern zuerst ins Gesicht scheint - dann fahren sie praktisch fast blind in ein dunkles Loch hinein. Ein Radfahrer ist daher leicht zu übersehen – so begründe ich meine Befürchtung. Jedes Mal, wenn ich unbeschadet durch so eine Röhre gefahren bin, danke ich Gott dafür. Gegen 17.30 Uhr fange ich an, in Terracina einen geeigneten Zeltplatz zu suchen. Hier werde ich jedoch nicht so leicht fündig – keine abgeschiedene Wiese, kein Pinienwald und schon gar kein einsamer Strand. Die Zeit drängt und aus diesem Grund entscheide ich mich für einen weniger schönen Ort. Es wird schließlich eine kleine Wiese mit hohem Gras im Hafengelände neben einer weniger befahrenen Straße. Nicht der ideale Ort für eine Nachtruhe. Mein Vorteil ist, dass ich wenig anspruchsvoll bin – daher kann ich mich damit abfinden.

„Begnüge dich mit dem was du kriegst und sei dankbar dafür, du gehst nicht leer aus.“

(Antonio De Matteis)

Bin heute 105 km weit gekommen, gesamt sind es 710 km.

3. April 2006 Montag

Tag 9

Heute Nacht war es erstaunlich ruhig. Ich bin überhaupt nicht durch laute Geräusche oder von irgendwelchen Leuten gestört worden. Auch der Autoverkehr hat sich sehr in Grenzen gehalten. Durch das hohe Gras jedoch gibt es ein unangenehmes Problem – die vielen Schnecken, besonders diese nackten. Sie haben sich überall am und unter dem Zelt angesiedelt. Diese wegzubekommen ist etwas eklig, denn davon bekommt man klebrige Finger und es kann manchmal dauern, bis man zu einer Waschgelegenheit kommt.

Um 7.30 Uhr steige ich wieder in den Pedalen, nachdem die täglichen Aufgaben erledigt sind. Das Wetter ist wunderbar, die Sonne scheint, die Luft ist angenehm frisch und Frühlingsduft schmeichelt meiner Nase. Ich fahre gerade auf einer verkehrsberuhigten Landstraße durch den Naturpark Circeo, genieße diese ruhige und schöne Landschaft bis am Ende des Parks. Leider ist die Brücke, die mich über den Fluss bringen sollte, wegen Bauarbeiten gesperrt. So muss ich etwa drei Kilometer zurückfahren und einen anderen Weg nach Sabaudia einschlagen.

Kurz vor der Stadt vor einer Bar an der Küstenstraße stoße ich auf zwei lustige Typen. Die zwei Engländer sind mit dem Flugzeug aus London gekommen und wollen nun die Region Latium mit ihren Fahrrädern umfahren. Weil es für sie hier zu warm ist, trinken sie reichlich Bier, um sich abzukühlen. Ich schätze, so wie sie drauf sind, haben sie dieses bestimmt schon literweise in sich hineingekippt. Abgekühlt schauen sie dennoch nicht aus, im Gegenteil. Na ja, schließlich haben sie zwei Wochen Zeit, um ihr Vorhaben zu Ende zu bringen - welches auch immer es ist.

Am späten Nachmittag erreiche ich Anzio. Irgendwo am Stadtrand in einer Tavola calda (Diese Art der Restauration ist vergleichbar mit einem Imbiss.) nehme ich ein warmes Essen zu mir. Danach ziehe ich mich in mein Zelt in einer Pineta unweit des Wohngebiets zurück.

„Der verlorenste aller Tage ist der, an dem man nicht gelacht hat.“

(Nicolas Chamfort)

Heute 98 km, gesamt 808 km.

4. April 2006 Dienstag

Tag 10

Heute erwartet mich die ewige Stadt - die italienische Hauptstadt Rom. Großstädte an sich liebe ich nicht besonders, bin trotzdem etwas aufgeregt. Vorgesehen ist die Durchquerung der Metropole nur dokumentationsbedingt. Ich habe mir deshalb vorgenommen, nur an einigen wirklich wichtigen Plätzen meine Fotos zu machen.

Um ins Zentrum zu kommen, muss ich die Küste verlassen und einen Schwenk ins Landesinnere machen. In Castel Fusano frage ich an einer Ampel einen älteren Fahrradfahrer nach dem besten Weg zum Kolosseum. Er sagt mir, ich solle ihm einfach folgen, da er in der Nähe lebt. „Es sind knappe 27 km von hier aus.“, fügt er noch hinzu und fährt los, als die Ampel grün wird. Während wir treten, unterhalten wir uns hechelnd ein wenig. Er heißt Michele und verrät mir sein Alter. Er ist 85 Jahre alt! Zuerst denke ich, dass ich nicht hinter einem Senior fahren werde. Ich befürchte, zu langsam fahren zu müssen. Mir wird jedoch ganz schnell klar, dass ich stattdessen nun zu weit zurückbleibe. Er fährt ein Rennrad und ich habe ein schweres Gefährt, aber nur daran liegt es nicht. Ich bin erstaunt über seine hervorragende Leistung. Ich muss mich mächtig anstrengen, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. „Wenn meine Frau zu Hause nicht mit dem Nudelholz auf mich warten würde, würde ich glatt mitkommen.“ sagt er ironisch. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob er das nicht wirklich so meint. Jedenfalls völlig außer Atem kommen wir nach vielen Ampeln, Kreuzungen und Kreisverkehren zum bekanntesten Amphitheater der Welt. Hier trennen sich nun unsere Wege. Wir hätten uns noch viel zu erzählen, vor allem Michele, mein neu gewonnener Freund, hätte mir viele Ratschläge mit auf den Weg geben wollen, aber wir haben beide nicht genügend Zeit. Wir verabschieden uns mit einer freundschaftlichen Umarmung und ich winke ihm hinterher, als er losfährt.

Das waren mit Sicherheit die zwischenmenschlich intensivsten dreißig Kilometer meiner bisherigen Reise. Wieder bin ich für kurze Zeit auf meinem Weg durch Europa begleitet worden. Wieder habe ich einen interessanten Menschen kennenlernen dürfen. Wieder muss ich mich auf Nimmerwiedersehen von ihm verabschieden. So ist das eben auf einer Abenteuerreise.