Benjamin Brockhaus
Transformative
Unternehmensführung
und ihre geistigen Grundlagen
Die Bewusstseinshaltung zukunftsfähiger Organisationen
ISBN epub: 978-3-924391-98-0
ISBN print: 978-3-95779-102-3
Diesem eBook liegt die erste Auflage 2019 der Printausgabe zugrunde.
Info3 Verlag, Frankfurt am Main
Alle Rechte vorbehalten, © 2019 by Info3 Verlag, Frankfurt am Main
www.info3-verlag.de
Konvertierung: U. Schmid, detepe, Aalen
Inhalt
Vorwort
Warum dieses Buch?
1 Einleitung
2 Wirtschaft neu denken & Transformatives Unternehmenshandeln
3 Expertengespräche mit Pionieren der Nachhaltigkeit
4 Die geistigen Grundlagen der Nachhaltigkeits-Pioniere
5 Nachhaltigkeitsbewusstsein als transformative Kraft
6 Der Weg zur Nachhaltigkeit beginnt im Inneren
7 Anhang
Literatur
Anmerkung des Autors:
Grundlage für dieses Buch war die Masterthesis des Autors im Studiengang „Sustainability Economics and Management“, die im Juni 2017 bei der Universität Oldenburg am Lehrstuhl für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und betriebliche Umweltpolitik vorgelegt wurde. Die Arbeit wurde betreut von Prof. Dr. Reinhard Pfriem und Dr. Irene Antoni-Komar.
Zur verwendeten Zitationsweise:
• Die Ziffern in eckigen Klammern – z.B. [23] – verweisen auf die jeweilige Ziffer im Literaturverzeichnis am Ende des Buches.
• Die hochgestellten Ziffern (z.B.12) verweisen auf die Fußnoten.
Im Folgenden wird aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit auf geschlechterdifferenzierende oder -neutralisierende Ausdrucksweisen verzichtet. An einigen Stellen wird somit die männliche Form gebraucht, obwohl sie unabhängig vom Geschlecht gemeint ist.
Vorwort
Von Prof. Dr. Götz E. Rehn, Gründer und Gesellschafter von Alnatura
Was vor einigen Jahren noch undenkbar erschien, hat Benjamin Brockhaus in seiner Arbeit über die geistigen Grundlagen einer transformativen Unternehmensführung überzeugend dargestellt: Die so notwendige Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft gelingt nur mit einem neuen ganzheitlichen Denken. Nur mit einer holistischen Weltanschauung, die, von einer geistig-kulturellen Perspektive ausgehend, die soziale, ökologische und ökonomische Dimension der Wirklichkeit zu erkennen sucht und im Handeln beachtet, gelingt der notwendige Paradigmenwechsel.
Die radikal neue Sicht erfolgt in zweierlei Hinsicht. Zunächst zeigt der Autor, dass eine Weltanschauung, die den Menschen als seelisch-geistiges Wesen in den Mittelpunkt stellt, wesentliche Voraussetzung für eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft ist. Diese Neuausrichtung des Denkens überwindet die heute herrschende, einseitig materialistische Weltsicht um eine geistige Dimension. Hieraus folgt zweitens, dass eine solche universelle Weltsicht einen radikalen Paradigmenwechsel in Wirtschaft und Gesellschaft zur Folge hat. Nicht der Mensch muss der Wirtschaft dienen, sondern umgekehrt dient die Ökonomie dem Menschen und der Erde. An die Stelle der Gewinnmaximierung (Wie kann ich möglichst sparsam wirtschaften?) tritt die Suche nach einem Gewinn an Sinn (Warum wirtschafte ich, welchen Beitrag kann ich zur Entwicklung von Mensch und Erde leisten?).
Der Autor zeigt, dass ein nachhaltiger Umgang mit der Natur in der Wirtschaft nur auf der Basis eines neuen und umfassenden Bewusstseins aller Akteure gelingt. Die notwendigen Umweltveränderungen setzen einen „Innweltwandel“ der Menschen voraus. In aller Nüchternheit stellen wir so fest, dass in einer freien und freiheitlichen Gesellschaft die Initiative für eine nachhaltige Neuausrichtung von einem selbst aktiv gewandelten und erweiterten Bewusstsein des Menschen ausgehen muss.
Alle anderen Maßnahmen kurieren nur die Symptome, ohne die eigentlichen Ursachen des desolaten Zustands zu benennen: Das Verständnis der Verhältnisse von der Idee, der geistigen Seite der Dinge her bestimmt letztlich unsere Gestaltung der Welt und unseren Umgang mit Mensch und Kreatur. Anders ausgedrückt: die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft kann nicht durch die oder von der Wirtschaft geleistet werden; denn es handelt sich bei dieser Frage gar nicht um eine ökonomische Fragestellung. Die Frage nach dem Sinn ist eine Frage der Weltanschauung und damit eine geisteswissenschaftliche.
Gleichwohl stellt die Wirtschaft den Bildungsort für diese Bewusstseinsentwicklung des Menschen dar. Im Spannungsfeld zwischen selbstverantwortlichem Handeln und dem Bilden eines Netzwerks füreinander Tätiger gelingt die Selbstentwicklung im Miteinander und durch die Reaktion des Umfelds auf die Gedanken und Taten des Einzelnen.
„Wenn das Ziel ist, den Menschen in seiner freien geistigen Entwicklung zu fördern und das Freiheitsmotiv sozusagen das große Motiv ist für die Menschheit, dann ist die Erde dafür unser Entwicklungspartner. Und als Entwicklungspartner akzeptiere ich und akzeptiert die Erde glaube ich auch, wenn ich das so sagen darf, dass es hier und da Verluste gibt: Wenn Sie über den Rasen gehen, knicken Gräser ab. Wir ernten, aber wir säen auch wieder. Es geht darum, wie wir – in Verbindung mit der Erde – Zukunft gestalten. Idealerweise geht es auch bei der Erde darum, sie zu befreien: Also ihr zu helfen, sich besser auszudrücken, als sie sich ausdrücken kann ohne uns Menschen. Als Beispiel: Wenn Sie schöne Kulturlandschaften sehen oder wenn Sie sich vorstellen, dass Sie ein Produkt veredeln oder dass Sie ihr helfen (beispielsweise durch biologisch-dynamischen Landbau), dass sie mehr Humus bilden kann. Wir können durch unseren Beitrag erreichen, dass das, was in der Erde veranlagt ist als Potential, zur Erscheinung kommt.“
Warum dieses Buch?
Die vorliegende Arbeit soll dem gedeihlichen Zusammenleben von Menschen auf der Erde, kurz einemguten Lebenzuträglich sein. Dasgute Lebenals Ziel wird hier und im Folgenden als ein gelungenes gesellschaftliches Leben verstanden, das durch körperliche und ökosystemische Gesundheit, seelisches Wohlbefinden und geistige Höherentwicklung geprägt ist. Dieses Verständnis leitet sich aus derNikomachischen Ethikvon Aristoteles ab [1]. Eine treffende Entsprechung findet dies in der südamerikanischen Leitvorstellung desBuen Vivir, des „auskömmlichen Zusammenlebens“ der Menschen untereinander und mit ihrer Mutter Erde, das sowohl spirituelle, materielle und soziale Zufriedenheit der Menschen im Zusammenleben mit der Natur umfasst [2].
Dabei wird von einem Weltbild ausgegangen, dessen sinngebendes Zentrum der Mensch bzw. dessen stetige Weiterentwicklung ist. Der Mensch ist dabei ein lebendiges, seelisch-fühlendes, geistig-denkendes und physisch-seiendes Wesen. Er findet im Leben seinen Sinn darin, sich in seinem Wesen stetig weiterzuentwickeln in eine Richtung, die für das größere Ganze – mit dem er in Verbindung steht – förderlich ist. Alle gesellschaftlich wirksamen Handlungen (sei es in der Politik, Ökonomie oder Wissenschaft) sollen der freien Weiterentwicklung des Menschen förderlich sein. So auch diese Arbeit (selbst, wenn dies nur für den Autor zutreffen mag).
Der ehemalige Oldenburger BWL-Professor und wissenschaftliche Pionier der „kulturalistischen und auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Ökonomie“ Reinhard Pfriem, dessen Forschung und Lehre grundlegende Inspirationen für dieses Buch waren, ist von der „performativen Wirkung der Wirtschaftswissenschaften“ überzeugt: Die Art, wie wir Wirtschaft denken und lehren, wird sich auch in der Realität etablieren [3]. In diesem Sinne, soll die Arbeit ein kleiner Beitrag dazu sein, nicht-nachhaltige Denk- und Handlungsmuster in bzw. über Ökonomie durch humanistische und zukunftsweisende Impulseabzulösen. Im Sinne einer „Transformativen Wirtschaftswissenschaft“ nach Uwe Schneidewind / Reinhard Pfriem et al. (2016) soll diese Arbeit einen Beitrag dazu leisten, dass der erwartungsvoll alsGroße Transformationbezeichnete Prozess gesellschaftlicher Veränderung(der in Kapitel 2.1 näher definiert wird) zu einer nachhaltigen Entwicklung bzw. zumguten Leben führt.
Dieses Buch möchte Hilfestellung für eine Metamorphose der Ökonomie sein, die – so lehrten mich die Gespräche mit den Interviewpartnern – eine weitreichende Neu- bzw. Rückbesinnung auf die Kernaufgabe unternehmerischer Tätigkeit erfordert.
Der Sinn unternehmerischen Handelns (und somit auch jeder Wissenschaft, die sich damit befasst) ist es, dem Menschen auf seiner Suche nach einemguten Leben zu dienen. Und da die belebte und unbelebte Umwelt die Entwicklungsgrundlage für diesen Menschen ist, ist es die Verantwortung jeglichen Unternehmertums, diese zu schützen und in Bestand und Funktion zu erhalten, ja sogar zu höheren, schöneren, lebendigeren Erscheinungsformen weiterzuentwickeln.
Benjamin Brockhaus im Mai 2019
1 Einleitung
Die Geschichte des Lebens kann beschrieben werden als Metamorphose jener Lebensformen, die aus Fehlern lernten und dem Aussterben jener, die im Wandel der Welt die Weiterentwicklung verpassten. Als Blüte der Evolution oder Krone der Schöpfung gilt der Mensch. Doch die Menschheit bewegt sich – z.B. aktuell unter Führung einiger megalomanischer Populisten – auf die nuklearen, ökologischen, kulturellen, sozialen und psychologischen Schwellen der eigenen Existenz zu. EineGroße Transformation1ihres politischen und wirtschaftlichen Verhaltens scheint notwendig, um den langfristigen Fortbestand der Menschheit zu sichern und dem Ideal globalen Friedens und Wohlbefindens auf der Erde näher zu kommen. Doch die Mehrheit der Menschheit wirtschaftet noch auf Kosten der eigenen Lebensgrundlage, lässt Artgenossen töten bzw. verhungern und einst errungene psychosoziale Kompetenzen degenerieren.
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“2– und so gab es immer Hoffnungsträger, die entgegen dem Mainstream das Ideal einer enkeltauglichen Gesellschaft verfolgen und dabei die Weiterentwicklung der eigenen Spezies vorantreiben. So gibt es auch in der Wirtschaft eine Reihe gemeinwohlorientierter Unternehmen, die „Entwicklung“ nicht auf Wachstum und Profitmaximierung reduzieren, sondern humanistische Wegbereiter nachhaltiger Formen von Produktion, Konsum und Arbeitsorganisation sind. Obwohl die Frage nach demWie?(also das Wissen darüber, wie nachhaltiges Unternehmertum zu organisieren ist) durch das Wirken der Pioniere und die Wissenschaft seit Jahrzehnten immer weitergehend beantwortet wird, bleiben breitenwirksame Wellen von Nachahmern noch aus.3 Dadurch bekommt die Frage nach der Motivation, die Frage des „Warum?“ zunehmende Bedeutung. In der Hoffnung, vielleicht Ansatzpunkte zur Motivation und Überzeugung für viele zu finden, lohnt es zu fragen, warum sich manche Unternehmen besonders engagiert für den Wandel einsetzen? Woher kommt bei den Vorbildern nachhaltigen Unternehmertums die Inspiration und der Wille für ihren besonderen Einsatz für Mensch und Erde?
Aus der Beobachtung, dass unter den Pionieren menschen- und umweltfreundlicher Wirtschaftsformen zahlreicheanthroposophischorientierte Unternehmen (AOU) sind4, entstand die Vermutung, dassWeltanschauungenbesonderen Einfluss auf das Nachhaltigkeitsengagement und etwaigetransformativeStrategien der Unternehmen haben könnten. Dem nachgehend untersucht diese Arbeit, welche Bedeutung diegeistigen Grundlagenvon Unternehmensleitern für das Gelingen eines nachhaltigen Unternehmertums haben könnten.
So möchte die Arbeit Führungskräften, die mit ihren Organisationen auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung sind, Inspiration und Ermutigung liefern, um ihr Handeln tiefgründiger zu reflektieren, als es in der Wirtschaft sonst üblich ist.
In der Theorie (Kapitel 2) wird zunächsttransformatives Unternehmertumals ein kreatives Gestalten kultureller Prozesse in Richtung verschiedener Wirkungsdimensionen nachhaltiger Entwicklung erläutert. Dies geschieht auf Basis eines kulturalistischen Ökonomie-Verständnisses, diversen Ansätzen der wachstumskritischen bzw. nachhaltigkeits-orientierten Wirtschaftswissenschaften und wesentlichen Perspektiven der Transformationsforschung, die durch die sozialökologische Politik Rudolf Bahros ergänzt werden. Zur Definitiontransformativer Unternehmensführung wird der Theoriekomplex in den Bezugsrahmen des St.-Galler Management-Modells eingebettet, wodurch der hier dargestellte Ansatz einen (management-)kybernetischen Einschlag erhält.
Für diese Arbeit wurden die weltanschaulichen Motivationen und geistigen Quellen des nachhaltigen Unternehmenshandeln vorbildlich handelnder Führungskräfte explorativ erkundet: Die wesentlichen Erkenntnisse dieses Buches basieren auf Gesprächen mit den Geschäftsführern von fünf Unternehmen, die für ihr wegweisendes Nachhaltigkeitshandeln wiederholt mit relevanten Preisen ausgezeichnet wurden. Befragt wurden:
zwei Bio-Pioniere:
• Alnatura Produktions- und Handels GmbH (Gründer Prof. Dr. Götz E. Rehn)
• Lebensbaum / Ulrich Walter GmbH (Gründer Ulrich Walter),
die erste und größte sozial-ökologische Bank:
• GLS Gemeinschaftsbank eG (Vorstandssprecher Thomas Jorberg)
die Nachhaltigkeitspionierin der Outdoor-Branche:
• Vaude GmbH & Co. KG (Geschäftsführerin Dr. Antje von Dewitz)
und der Pionier für Naturkosmetik:
• Dr. Hauschka / WALA Heilmittel GmbH (Geschäftsführer Dr. Johannes Stellmann).
Es ging dabei ausdrücklich nicht um eine Bewertung der untersuchten Unternehmen, noch weniger um die Beurteilung der befragten Geschäftsführer, sondern darum, aus deren Schilderungen induktiv Erkenntnisse über die Bedeutung ihrer Selbst-, Menschen- und Weltbilder bzw. über die Wichtigkeit des Normativen für die nachhaltige Unternehmenspraxis zu gewinnen.
Die Ergebnisse der Interviews (dargestellt in Kapitel 4) legen dar, dass die (überwiegend im Zuge der Sozialisation angelegten) Weltanschauungen der Unternehmensleiter zentral auf die nachhaltige (Weiter-)Entwicklung von Mensch, Umwelt und Unternehmung ausgerichtet und richtungsgebend für die gesamte Management- und Unternehmenspraxis sind.
Diese Erkenntnis wird in Kapitel 5 vor dem Hintergrund der integral-evolutionären Philosophie Ken Wilbers reflektiert. Diese Verbindung der Praxis mit der Theorie erlaubt schließlich die Schlussfolgerung, dass die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in Richtung pluralistischer, integraler und evolutionärer Weltanschauungen gleichsam für das Gelingen eines wirklich nachhaltigen Unternehmertums wie für die Große Transformation von entscheidender Bedeutung ist.
2 Wirtschaft neu denken & Transformatives Unternehmenshandeln
2.1 Die Notwendigkeit einer Großen Transformation
Über die rezenten globalen Negativ-Trends und Zerstörungsprozesse in ihrer konkreten Ausprägung ist viel geschrieben worden. Die „Landschaft der Pathologien“ [7] soll hier in Form von drei wesentlichen Abgründen charakterisiert werden, an deren Klippen die Menschheit baumelt.
Der ökologische Abgrund:Der Mensch ist im Anthropozän angekommen; nichts prägt die geo-ökologischen Prozesse des Erdsystems mehr als unsere wirtschaftlichen Aktivitäten [8]. Dabei wird die vorhandene Biokapazität um das 1,6-fache der regenerativen Fähigkeiten der Erde übernutzt – irreversible Schäden an Klima- und Ökosystemen sind die Folge [9]. Seit 1970 sind bereits 60% der zuvor vorhandenen Tierarten ausgestorben. Das ist das größte Artensterben seit 65 Millionen Jahren [9].
Der soziale Abgrund: Die ungerechte Verteilung des Wohlstands ist noch immer Ursache für großes Elend: Während die acht reichsten Familien mehr Vermögen besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung [10], sterben mit jeder Minute elf Kinder an den Folgen chronischen Hungers [11].
Der kulturelle Abgrund:Die noch fortschreitende globale Expansion des Industrie-Kapitalismus geht einher mit der Verbreitung der westlich-amerikanischen Soziokultur. DieserKulturimperialismushat zu einem globalen Sterben kultureller Diversität geführt [12]. Gleichzeitig führt eine ungebremste Vereinseitigung kultureller Prozesse wie Kommerzialisierung, Technisierung und Beschleunigung zur zunehmenden Entfremdung der Menschen [13]: Steigende Burnout-Raten und psychische Erkrankungen sind in Deutschland die zweithäufigste Fehlursache am Arbeitsplatz [14]. Für immer mehr (gerade auch junge) Menschen erscheint das Leben auf diesem Planeten nicht mehr lebenswert. So haben sich im Jahr 2012 über 800000 Menschen weltweit das Leben genommen [15].
Aus den so skizzierten Pathologien ergibt sich (wenn man nicht jegliche Moral und Ethik vernachlässigt) die dringende Notwendigkeit eines Kurswechsels, der das politische, soziale und ökonomische Handeln der Menschheit betreffen muss. Diese Forderung ist nicht neu; eine Feststellung, die die Dringlichkeit eher noch verschärfen als relativieren sollte. Seit nunmehr fast fünf Dekaden weist das regulative Konzept einernachhaltigen Entwicklung auf die Notwendigkeit weitreichender Verhaltensänderungen hin [13].
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts stand der Glaube an endloses wirtschaftliches Wachstum durch (insbesondere technischen) Fortschritt in den westlichen Industrienationen weitgehend unangezweifelt da. Natur galt als unbegrenzt verfügbar. Die Achtung planetarer Grenzen, der Kerngedanke derNachhaltigkeit5, stand nicht auf der politischen Agenda. Erst die in Folge von Ölkrise und Umweltkatastrophen aufkommenden Umweltbewegungen in den 70er Jahren legten den Grundstein für einen breiteren Diskurs über die „Grenzen des Wachstums“6. Doch wie die fortschreitenden globalen Negativtrends (siehe Kapitel 2.1) schmerzlich belegen, ist die Weltgemeinschaft seitdem nicht nennenswert über die Ebene des theoretischen Diskurses hinausgekommen. Somit stellt sich mehr denn je die Frage, wie die konkrete Ausgestaltung eines Kurswechsels angegangen werden kann.
In Deutschland widmete sich dieser Frage der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) und legte der Bundesregierung 2011 ein Gutachten vor, das die Kurswechsel-Strategie der BRD klären sollte. Ziel ist es, eine „große Transformation anzuregen, die in eine Weltwirtschaft und -gesellschaft führt, die innerhalb der Grenzen des Erdsystems Wohlstand, Stabilität und Demokratie sichern kann“ [18]. Im Zentrum der Argumentation des WBGU steht ein verändertes wirtschaftliches Verhalten von Produzenten und Konsumenten, welches dieplanetaren Grenzen berücksichtigt [19].
Der Begriff derGroßen Transformation geht zurück auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi, der gesellschaftliche Umbrüche wie die Neolithische Revolution oder den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft als eine eben solche benennt [18, 20]. Große Transformationen sind also im Ergebnis eine fundamentale, tiefgreifende Neuausrichtung in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte, die alle Bereiche des Lebens (Wirtschaft, Technik, Soziales, Kultur, Ethik, um nur einige zu nennen) betrifft.
Klar ist, die politische Forderung nach einem „neuen Gesellschaftsvertrag“ bleibt nur Papier, wenn es nicht zu „hinreichend radikalen Veränderungen“ des gesellschaftlichen Handelns, insbesondere des Wirtschaftens, kommt [21]. Doch welcher Natur und Beschaffenheit muss ein Handeln sein, dass es als „transformativ“ (i.S.v. der Großen Transformation zur nachhaltigen Entwicklung zuträglich) gelten kann?
2.2 Was ist transformatives Handeln einer Unternehmung?
2.2.1 Der Green New Deal ist keine Lösung
Derzeit bestimmen die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen7den politischen Nachhaltigkeitsdiskurs. In der Liste der Ziele sind nachhaltiges Wirtschaftswachstum und effiziente Ressourcennutzung gleichrangig enthalten. Beide sollen u.a. durch technologische Effizienzlösungen wie z.B. die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien angestrebt werden. Hieran verdeutlicht sich, dass die vorherrschenden Nachhaltigkeitsstrategien einerEntkopplungslogikfolgen. Das Wirtschaftswachstum wird nicht in Frage gestellt, aber es soll von seinen negativen Folgen auf Mensch und Umwelt entkoppelt werden: Klimaschutzpakete, Emissionsreduktion, Optimierung der Wertschöpfungsketten zur Steigerung von Effizienz und Konsistenz und die Verbreitung sogenannter grüner Technologien – dies sind die vorherrschenden Strategien eines umweltschonenden8Umbaus unserer Gesellschaft, der allgemein alsGreen New Dealbzw.grünes Wachstum bezeichnet wird [23].
Aus den Reihen der kritischen Wirtschaftswissenschaften werden dagegen schon seit langem Stimmen laut, die darauf hinweisen, dass jene weiter am Wachstum, d.h. an der Logik des Hinzufügens festhaltenden Transformationsstrategien auf Dauer scheitern werden. Zwar können technische Innovationen zurelativenEntkopplungen des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum führen, derartige Fortschritte sind wegen zahlreicherReboundeffekte9aber seltenabsoluteEntkopplungen, also tatsächlich Reduktionen der Umweltbelastungen [23]. Der wachstumskritische Ökonom Niko Paech enttarnt die weiterhin aufgrünes Wachstum bauenden Effizienzstrategien als Irrglauben und zeigt auf, dass selbst Konsistenzstrategien (Schließung von Stoffkreisläufen) erst in Kombination mit Industrierückbau und Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgung) eine Perspektive für den notwendigen Wandel der Gesellschaft bilden [23].
Klar ist: Ein reaktives und nur opportunistisches Anpassen an die „neuen“10Umweltbedingungen durch Nutzung, Einführung oder Entwicklung grüner Technologien bzw. durch die Optimierung von Effizienz oder Qualität von Produkten und Dienstleistungen kann nicht die erfolgsversprechende Strategie für das Gelingen der Großen Transformation sein [21]. Der WBGU bleibt jedoch mit seinen Handlungsempfehlungen überwiegend innerhalb der Logik der reaktiv-additiven Handlungsanpassungen. Dies soll das Handeln möglichst vieler Akteure in der bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung kompatibel machen mit den Notwendigkeiten, die sich insbesondere aus der bereits stattfindenden „Klimaüberhitzung“11 [27] ergeben.
2.2.2 Schöpferische Zerstörung und oppositionelles Verhalten
Nimmt man an, die industrie-kapitalistische Weltordnung12sei uns als unveränderliches Faktum auferlegt13, so stellt sich die Frage, wie man innerhalb dieser Weltordnung den Kurswechsel zur Nachhaltigkeit gestalten kann.
Folgt man dem Nationalökonomen Jospeh Schumpeter, dann ist der Kapitalismus nicht veränderungsfeindlich. Schumpeter beschreibt den Kapitalismus als „Methode der ökonomischen Veränderung“, die nach dem Prinzip der „qualitativen Veränderung“ eine „Geschichte von Revolutionen“ schreibt. Technologien, Produkte und Organisationsformen werden durch den Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ immer wieder abgelöst durch neuere, die einen entscheidenden Kosten- oder Qualitätsvorteil mit sich bringen. Mit Innovation einher geht stets auch der Prozess der Exnovation, der Altes aus dem Möglichkeitenraum subtrahiert [28]. Kreativität und Destruktion sind somit beide konstitutive Merkmale der kapitalistischen Weltordnung, die im Prinzip auch zu Veränderungen in Richtung Nachhaltigkeit führen könnten.
Zwei Vereinseitigungen verhindern dies jedoch in der Realität:
Zum einen ist ein zu großer Teil der menschlichen Kreativität in den letzten Jahrhunderten in die Weiterentwicklung von Technologie geflossen. Kondratieff und Nefiodow haben mit ihrer Theorie wirtschaftlicher Zyklen schlüssig dargestellt, dass die Mechanismen der schöpferischen Zerstörung seit dem 19. Jahrhundert immer wieder zu enormen technischen und infrastrukturellen Fortschritten geführt haben, mit denen (zunächst noch) große Wohlfahrtszugewinne einhergingen [12]. Entsprechende, zu den technologischen Quantensprüngen passende, soziale, organisationale, institutionelle und kulturelle Weiterentwicklungen14haben aber nicht stattgefunden [29]. Zum anderen findet die schöpferisch-zerstörerische Exnovation der alten, weniger effizienten oder qualitativ minderwertigen Produkte, Technologien und Wirtschaftsweisen nicht hinreichend statt. Meist geschieht der Prozess der additiven Innovation von Technologie ohne Exnovation.15Eine hinreichend auf das Ziel der nachhaltigen Entwicklung ausgerichtete transformative Praxis bedarf aber des Zusammenkommens beider Veränderungsmodi und „muss neben dem Unternehmen auch das Unterlassen kultivieren“16[30]. Laut der Forschungsgruppe „nascent“17kann wirtschaftliches Handeln erst dann als „transformativ“ bezeichnet werden, wenn es das Potenzial hat, beides miteinander zu verbinden – nachhaltige Wirtschaftsformen und Kulturen in die Welt zu bringen und zugleich nicht-nachhaltige Wirtschaftsformen zu verdrängen bzw. abzulösen [32].
Wenn von Zerstörung und Verdrängen die Rede ist, liegt es nahe, dass transformatives Verhalten sich am normativen Rahmen der bestehenden Weltordnung reibt:Nonkonformismus18, also das Brechen mit vorherrschenden Kulturen und deren Regeln, wird aus einer systemkonformen Sichtweise verurteilt. Aus größerer (ethischer und geschichtlicher) Perspektive ist Regelbruch aber grundsätzlich wichtig: Der Regelbruch von Pionieren kann selbst neue Moralordnungen nach sich ziehen, die dann nachträglich als moralisch vertretbar legitimiert werden [36]. Entscheidend ist aber die Frage, welche heute noch nonkonformen oder sogar illegalen Verhaltensweisen zukünftig bzw. von nachfolgenden Generationen Amnestie und Anerkennung erlangen werden [12, 37]. Die Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung verfolgen zentral das Ziel eines generationenübergreifenden guten Lebens. Nachfolgende Generationen werden demnach am wenigsten jene anklagen, die sich heute bereits (entgegen den kulturellen Regeln, die in der breiten Masse der Bevölkerung üblich sind) diesem Ziel widmen. Geschichtlich zeigt sich sogar, dass es meist die regelbrüchigen Widerstandskämpfer sind, die zu den Vorbildern und Helden nachfolgender Ordnungen werden.19,20Gegenüber den gegebenen wirtschaftlichen Gepflogenheiten und Marktverhältnissen im Mainstream musstransformatives Handeln somit auch hinreichend in Opposition gehen [12].
2.2.3 Handeln als struktur- und kulturbildende Grundlage der Weltordnung
Das oben skizzierte Verständnistransformativen Handelnsschmiegt sich harmonisch an die Strukturationstheorie des britischen Soziologen Anthony Giddens an.21Dieser beschreibt eine grundlegend rekursiv-konstituierende Beziehung zwischen Handlungen und den Strukturen, die das Dauerhafte in einer Gesellschaft konstituieren. Während wiederholte Handlungen (Routinen) autopoietisch Strukturen erschaffen (die institutionelle Weltordnung), wirken diese auf das Handeln (sowohl als Grundlage wie als Einschränkung) zurück [38]. So sind geschichtlich innerhalb der kapitalistischen Weltordnung viele Abhängigkeiten zwischen kollektivem Handeln und institutionellen Strukturen gewachsenen, die einem nachhaltigen Handeln im Wege stehen (siehe auch Kapitel 2.2.4). Diese werden in der Transition-Forschung alsPfadabhängigkeiten22 bezeichnet. Die ihnen inhärente rekursive Logik zu durchbrechen ist eine große Herausforderung für transformativen Akteure [22, 32]. Erst zahlreiche, wiederholte und hinreichend radikale Interventionen (quasi wiederholte „Störungen im Betriebsablauf“) können Pfadabhängigkeiten durchbrechen [22].
Diese Perspektive bereitet nun den Weg zu einem weiteren Theoriefeld, denn jene emergenten Strukturen, die einerseits aus kollektiven Routinen entstehen, zugleich aber prägende Vorbedingung individuellen Handelns sind, gleichen in ihrer Genese dem, was im Folgenden unterKultur verstanden wird. Kultur ist ein relativ ungreifbares soziales Phänomen aus Normen und Gewohnheiten, welches durch häufig reproduziertes, kollektives menschliches Handeln entsteht und zugleich das Verhalten im gesellschaftlichen Miteinander bestimmt. Die Kausalkette, die sich aus Giddens’ Strukturationstheorie ergibt, kann demnach wie folgt erweitert werden: (Kollektives) Handeln bildet erst jene Strukturen und Kulturen aus, die wiederum Grundlage für alles (weitere) Handeln sind.
Welche Herausforderung dies an die Akteure stellt, lässt sich spezifizieren, wenn man die Wesensart dominanter kultureller Prozesse beleuchtet.
2.2.4 Kreatives Gestalten kultureller Prozesse
Eine Reihe dominanterkultureller Prozesse