Transkription - Ben Lerner - E-Book

Transkription E-Book

Ben Lerner

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Beschreibung

Transkription ist ein smarter, witziger und wendiger Roman über uns und die Geräte, die unsere Gefühle, Erfahrungen und Beziehungen formatieren – und immer tiefer in das eingreifen, was wir für uns selbst halten.

Er reist an die US-amerikanische Ostküste, um das letzte Interview mit seinem neunzigjährigen Mentor Thomas zu führen, diesem überlebensgroßen Urgestein der Kunstszene, Vater seines besten College-Freundes. Vor dem Termin fällt ihm allerdings im Hotel das Smartphone ins Klo, und er kommt ohne Aufnahmegerät zum Interview. Was er aus Gründen, die ihm selbst nicht klar sind, nicht zugeben kann oder will.
Daraus entwickelt sich eine turbulente Geschichte mit bizarren Folgen, das emotionale Drama – nicht nur – dreier Männer, die mit der Frage kämpfen, was es heißt, in dieser unseren wackeligen Wirklichkeit (was ist das eigentlich, Wirklichkeit?), ein guter Freund, ein guter Vater und überhaupt ein guter Mensch zu sein.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

SV

Titel

Ben Lerner

Transkription

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl

Suhrkamp Verlag

Impressum

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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026

Die Originalausgabe erschien 2026 unter dem Titel Transcription bei Farrar, Straus and Giroux, New York.

© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026

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Umschlaggestaltung und Illustration : Kosmos Design, Münster

eISBN 978-3-518-78627-7

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Hotel Providence

[Hotel Villa Real]

Hotel Arbez

Informationen zum Buch

Hotel Providence

Im Zug schlief ich ein. Ich war unterwegs zu meinem Interview mit Thomas, der gerade neunzig geworden war. Ich saß entgegen der Fahrtrichtung, wodurch es mir schwerfiel, sein neuestes Buch zu lesen, das ich in der Hand hielt. Es schlägt mir auf den Magen, wenn ich zu lesen versuche, während ich falsch herum sitze – oder, wie meine zehnjährige Tochter Eva es auf einer Zugfahrt nach Lublin vergangenen Sommer formulierte, wenn ich »in die Vergangenheit gucke«.

Ich starrte durch das schwache Spiegelbild meines maskierten Gesichts im Glas zum Fenster hinaus. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mir nur eine gute Eröffnungsfrage für das Interview einfallen lassen, dann würde das Gespräch von allein laufen. Meine Hauptsorge war, dass ich es irgendwie nicht hinkriegen würde, uns mit meinem Smartphone aufzunehmen, oder dass ich es fertigbringen würde, die Sprachnotizen zu löschen, wenn ich versuchte, sie zwecks Niederschrift der Zeitschrift zu schicken.

Ich wandte den Blick vom Fenster ab, um Mia eine Textnachricht zu schicken: »Das war ein heftiger Morgen.«

»Wir haben es geschafft, sie hinzubringen«, antwortete sie sofort, wahrscheinlich von ihrem Computer.

»So gerade.«

»Aber trotzdem. Eckert würde sagen, wir sollten es als ›Erfolg‹ sehen.«

»Ja. Gib mir sofort Bescheid, wenn du einen Anruf von der Schule bekommst. Sie rufen immer dich an.«

»Natürlich, aber ich bezweifle, dass das passieren wird. Ich glaube wirklich, sie kommt klar. Und außerdem ist der Unterrichtstag schon fast vorbei.«

Ich schickte ein Daumen-hoch-Zeichen. Der Mann mit der altmodischen Mütze kam vorbei, um die Fahrscheine zu kontrollieren. Ich vergrößerte den kleinen QR-Code, und er scannte ihn. Dann steckte ich mir meine Ohrhörer in die Ohren und begann mir die Aufnahme eines Vortrags über das Übersetzen anzuhören, den Thomas 1973 in Paris gehalten hatte. Ich machte durch mein maskiertes Spiegelbild hindurch ein Foto der winterlichen, postindustriellen Landschaft, während der Zug Fahrt aufnahm, dann sah ich mir das Foto an, löschte es, schloss die Augen und guckte in die Vergangenheit. Vor einundfünfzig Jahren hielt mein Mentor inne und goss Wasser in ein Glas. Jemand im Publikum hustete zweimal.

Ich war in Paris. (Ich weiß nicht, wie die Aufnahme den Traum sonst noch beeinflusste.) Ich holte Eva von einem Ort ab, der ihre Schule gewesen sein muss. Ich stand vor einem hohen, verschnörkelten, schmiedeeisernen Zaun und wartete darauf, dass das Tor aufging. Es waren noch andere Eltern und Kinderbetreuer da, die miteinander oder in ihre Telefone flüsterten. Ich spreche kein Französisch, aber es war klar, dass die Leute besorgt waren. Der Wind frischte auf. In der Ferne hörte ich Sirenen. Ich schaute auf mein Smartphone, aber es gab keine Alarmmeldungen.

Das Tor schwang auf, und ich versuchte hindurchzukommen, darauf bedacht, zu meiner Tochter zu gelangen, aber eine Frau – dunkel, schön, vertraut, den Kopf mit einem Tuch bedeckt – bremste mich, eine Hand auf meiner Brust, und sagte: »Unmöglich.« In diesem Augenblick bemerkte ich, dass das, was ich für verstreute Grüppchen von Eltern und Kinderbetreuern gehalten hatte, in Wirklichkeit eine Warteschlange war und ich mich unbeabsichtigt vorgedrängelt hatte. Ich entschuldigte mich, entschuldigte mich vielmals und trat zur Seite; gutgekleidete Menschen schoben sich an mir vorbei und entrüsteten sich murmelnd über meine Unhöflichkeit. Ich versuchte, das Ende der Schlange zu finden, und war entsetzt, wie weit sie die Straße entlang reichte.

Während ich die Schlange entgegen der Laufrichtung abschritt, brach die Nacht herein. Ich konnte sie von den Bäumen herabsinken sehen. Inzwischen bombardierte mich der Wind mit Laub oder Samenkapseln oder Abfall. Ich hatte irgendetwas Grobkörniges – vielleicht Sand – zwischen den Zähnen und spuckte immer wieder aus. Mir war klar, dass sich die anderen Eltern zu Recht über mich empörten. Ich hatte kein Gefühl dafür, wie viel Zeit schon verstrichen war, wie lange ich schon dem Ende der endlosen Schlange entgegenging. Dann kam aus tausend Taschen, auch meiner, ein hohes, schrilles Geräusch. Ich rannte los. In meinem verzweifelten Drang, zu meiner Tochter zu gelangen, lief ich von ihr weg.

•••

Das Hotel Providence war dreizehn Gehminuten vom Amtrak-Bahnhof entfernt. Ich hatte es mehr oder weniger aufs Geratewohl online ausgesucht; es hatte vier Sterne und kostete um die zweihundert Dollar pro Nacht; die Zeitschrift bezahlte. Es herrschten vier Grad, der Himmel war teilweise bewölkt. Ich war ein paar Monate vor Thomas’ neunzigstem Geburtstag fünfundvierzig geworden. Ich hatte immer noch meine Ohrhörer in den Ohren und folgte der Wegbeschreibung, obwohl ich den Weg kannte. Es war noch nicht mal vier Uhr nachmittags, doch die Dämmerung schien unmittelbar bevorzustehen, die Sonne stand tief am Himmel.

Das Hotel Providence lag in der Mathewson Street, gegenüber einer mir bekannten Kirche, wo ich einmal ein Theaterstück gesehen hatte (die dritte Etage der Kirche diente als experimenteller »Theaterraum«), und neben einer Art Beratungsstelle. Davor stand ein kleines Grüppchen Leute, die rauchten, stritten, vielleicht Sachen tauschten. Zwei Leute – ich meinte, zwei einzelne Körper ausmachen zu können – schliefen in einem Wirrwarr von Decken und Pappkartons auf dem Bürgersteig. Auf der anderen Straßenseite, in der Nähe der Kirchenfront, schrie eine Betrunkene ohne Mantel auf einen Mann ein, der sie immer wieder sanft, aber bestimmt von sich wegschob, während sie ihn zu ohrfeigen versuchte. Die Fassade des Hotels war kürzlich renoviert worden, ihr Glanz passte nicht zu der alten Kirche, der Beratungsstelle und dem ungeschönten Leben auf der Straße.

Das Innere des Hotels war weitläufig. Ich hörte Klaviermusik, live, wie mir schien, aber ich sah kein Klavier. Ich erwog kurz, eine Maske anzulegen. Nachdem ich eingecheckt hatte, wies man mir den Weg: durch die Lounge, vorbei an diversen nicht zueinander passenden Sofas, Sesseln und Steinvasen mit Kunstblumen, dann links abbiegen und an den Hinweisschildern zum Fitness-Center vorbei bis zum Fahrstuhl, der mich zu meinem Zimmer im dritten Stock brachte. Das Zimmer hatte wie alles andere Übergröße: ein Kingsize-Bett, ein Sofa, ein ausladender Schreibtisch. Es gab zwei Gratis-Plastikflaschen Wasser unterschiedlicher Marken.

Ich suchte in meiner Tasche nach dem Ladegerät, schloss das Handy an, schaltete den Fernseher ein, öffnete die Jalousie und hörte mit halbem Ohr den Nachrichten zu, während ich auf dem Bett saß und zum Fenster hinausstarrte, das einen Blick auf die Kirche bot. Ich versuchte, mir eine erste Frage, vielleicht irgendetwas zum Übersetzen, einfallen zu lassen, wurde jedoch von der Vorstellung abgelenkt, dass eine Version meiner selbst immer noch das Theaterstück verfolgte, das Freunde von mir aufgeführt hatten.

Ich nahm wahr, dass die Nachrichten von Gaza zu Paris übergegangen waren: Wanzen in Paris, eine ganz neue Plage, vielleicht übertrieben, aber gleichwohl mit negativen Auswirkungen auf den Tourismus. Ich stand vom Bett auf, schlug die Decke zurück und überprüfte die weißen Laken auf rostrote Spuren von getrocknetem Blut, dann hob ich die Matratze an und inspizierte deren Unterseite. Üblicherweise verstecken sich Wanzen in Kleidungs- oder Gepäckstücken, sie können sich aber auch über Bücher und Träume verbreiten.

Eva war bestimmt schon aus dem Schulhort nach Hause gekommen, aber bevor ich sie anrief, musste ich Thomas anrufen und ihm sagen, dass ich angekommen war und in einer Stunde bei ihm sein würde. Ich hatte eine merkwürdige Scheu davor, ihn anzurufen; wir telefonierten nie. Wir mailten einander und vereinbarten so meine nicht eben häufigen Besuche. Warum machte mich eine kurze Begegnung mit seiner körperlosen Stimme nervöser als ein stundenlanges Zusammensein mit seiner körpergebundenen? »Das solltest du aufschreiben«, sagte Eva in meinem Kopf. Meine Tochter sagte häufig, ich solle meine Fragen aufschreiben.

Ich stellte den Fernseher auf lautlos und rief Thomas an, unbequem über den Schreibtisch gebeugt, damit das Handy angeschlossen bleiben konnte. Ich sagte ihm, ich sei da und würde demnächst zu ihm kommen, wenn das okay sei. Natürlich, ich habe dich erwartet, komm einfach rein; er würde etwas zu essen und zu trinken für uns haben. Dann ging ich unter die Dusche und versuchte, mir eine Frage zurechtzulegen, und als ich herauskam, war es Nacht, die Fassade der Kirche von der Straßenbeleuchtung gelb gefärbt. Ich zog dieselben Sachen an, die ich auf der Fahrt getragen hatte. Ich trank eine der beiden Wasserflaschen leer, in meiner Vorstellung das Wasser, von dem Thomas vor fünfzig Jahren in Paris genippt hatte. Ich stöpselte mein Handy aus und rief über FaceTime Mia an, damit ich Eva hallo sagen konnte.

Eva nahm selbst ab. Mias Telefonnummer war mit dem iPad verbunden, das Eva für ihre Bildschirmzeit benutzte. »Hi, Dad«, sagte sie mit entspannt klingender Stimme.

»Hi, meine Süße, was machst du gerade?«, fragte ich erleichtert.

»Ich spiele Fruit Ninja«, sagte sie.

»Ist das das, wo man einfach das Obst aufschneidet?«

»Ja. Mom macht Essen und hat gesagt, ich darf spielen, bis sie fertig ist.«

»Wo ist Luna?« Luna war aus dem Tierheim, wir hatten sie zu Beginn der Pandemie adoptiert.

Eva drehte die Kamera des iPads so, dass ich den weißen Hund sehen konnte, der auf dem blauen Ledersofa schlief. »Hi, Luna-Mädchen, was machst du gerade«, sagte ich.

»Stimmen auf Bildschirmen hört sie nicht, und sie erkennt auch nichts darauf«, sagte Eva.

»Was meinst du, woran das liegt?«, fragte ich. Und als sie nichts sagte: »Wie war es in der Schule?«

»Gut«, sagte sie.

Ich zwang mich, innerlich bis zehn zu zählen, um festzustellen, ob sie sich genauer äußern würde, dann sagte ich: »Für mich ist der Morgen oft die schwierigste Zeit des Tages. Morgens kommt mir der Tag oft unmöglich vor, und dann ganz okay, wenn er erst mal in Gang kommt.«

»Ja«, sagte sie, vielleicht als Reaktion darauf.

»Ich habe wirklich Bammel vor diesem Interview, das ich gleich führe«, übertrieb ich, um Angst als etwas Normales erscheinen zu lassen.

»Du machst das bestimmt großartig«, zitierte sie.

»Willst du mein komisches Hotelzimmer sehen?«

»Ich muss dieses Level schaffen.«

»Okay. Ich facetime dich später noch mal an und sage dir gute Nacht.«

»Okay, versprochen?«

»Ja.«

»Okay, hab dich lieb, tschüs« – Anruf-Ende-Ton.

Ich putzte mir die Zähne. Das Wasser lief nicht richtig ab. Weil ich eine Zahnpastaschliere auf der Wange hatte, wusch ich mir das Gesicht. Dann griff ich nach meinem Handy, das ich in der kleinen, am Spiegel angebrachten Stahlschale abgelegt hatte. Irgendwie fiel mir das Gerät ins Waschbecken.

•••

Für die Dauer dieses Satzes war es unter Wasser. Ich versuchte es mit einem Handtuch zu trocknen, aber das Display war stellenweise gesprungen, und Flüssigkeit war eingesickert. Ich sah zu, wie sie sich ausbreitete, wie die Lösung auf einem Antigen-Schnelltest. Das Display reagierte nicht auf meine Berührung, außer dass es sich leicht trübte, wo ich draufdrückte. Das Hintergrundbild von Eva, Mia und Luna wurde um die Ränder herum abstrakt.

Ich stürzte aus dem Badezimmer und tat etwas Schreckliches. Ich schloss es ans Ladegerät an, vielleicht aus dem kindlichen Instinkt heraus, dass Strom die Trocknung unterstützen würde. Eine Fehlermeldung – ich konnte ein gelbes Dreieck in einer grauen Box erkennen – erschien auf dem Display, als ich das Kabel einsteckte, dann wurde das Telefon zum schwarzen Spiegel. Ich trug es wie ein kleines, verletztes Tier auf meiner Handfläche zurück ins Badezimmer und nahm den Fön von dem an der Wand angebrachten Ladegerät.

Irgendwann verließ ich das Badezimmer, setzte mich mit dem heiß gewordenen Gerät aufs Bett, hielt den Knopf an der Seite gedrückt und betete um das Erscheinen des leuchtenden Apfelsymbols. Das unmittelbarste Problem: Ich hatte jetzt keine Möglichkeit mehr, das Gespräch mit Thomas aufzunehmen. Meinen Laptop hatte ich nicht dabei. Thomas war der einzige Erwachsene ohne Smartphone, den ich kannte. Dass er über irgendeine andere Aufnahmemöglichkeit verfügte, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich warf einen Blick auf den Wecker neben dem Bett: 17:27. In Providence gab es doch bestimmt einen Apple Store? Ich war schon lange, bevor es iPhones gab, von hier weggezogen. Ich brauchte mein Telefon, um herauszufinden, wie ich es ersetzen könnte.

Ich verließ mein Zimmer und rief den Fahrstuhl. Dann ging ich durch die Tür mit der Aufschrift AUSGANG und rannte durch das neonerleuchtete Betontreppenhaus nach unten. Als ich schweißgebadet am Empfang ankam, fragte ich die junge Frau – sie war nicht die Person, bei der ich eingecheckt hatte –, ob es in der Stadt einen Apple Store gab. Natürlich, sagte sie, in der Mall. Ich fragte sie, ob sie mir die Geschäftszeiten sagen könne, und sie sah mich verständnislos an. Ich zeigte ihr mein totes Telefon und sagte, es sei ins Waschbecken gefallen, aber es war klar, dass sie dachte, ich hätte es in die Toilette fallen lassen. Sie holte ihr Telefon hervor, ein Android, um die Information zu googeln. Der Store hatte bis acht geöffnet. Ich verspürte eine Welle der Erleichterung. Ich fragte sie, ob ich vom Hoteltelefon aus – es stand eins auf dem Empfangstresen – einen Anruf machen dürfe, und sie sagte, ich solle vorweg die 9 wählen. Ich nahm den Hörer ab, der sich an meinem Ohr unangenehm warm anfühlte, und mir wurde bewusst, dass ich Thomas’ Nummer nicht wusste.

Ich legte auf und fragte die Frau, ob es ein Telefonbuch gebe, und sie sagte nein; ich fragte, ob es ein Business-Center gebe, wo ich ins Netz könnte, und sie sagte nein; ich fragte, ob ich ganz kurz ihren Computer benutzen dürfe, um eine Telefonnummer zu suchen, und sie sagte nein, weil sie von ihrem »Terminal« aus keinen Internetzugang habe. Ich fragte, ob ich bloß für eine Sekunde ihr Telefon benutzen dürfe, um eine Nummer zu finden, die ich unbedingt brauchte, und sie machte ein beunruhigtes Gesicht, als hätte ich sie gefragt, ob ich ihre Brille anprobieren dürfe. Bitte, sagte ich.

Während ich auf ihrem Telefon Google öffnete, stellte ich mir vor, ich würde Thomas sagen, ich hätte aus Übervorsicht im Hotel einen Schnelltest gemacht – Thomas war während der ersten Welle ins Krankenhaus gekommen – und sei positiv. Ich suchte seinen vollen Namen und die Adresse, die ich zum Glück kannte, und dazu den Begriff »Telefonnummer«, aber keines der Ergebnisse – Immobilienseiten, Hintergrundchecks – erbrachte irgendetwas. Ich ging auf die Website von Whitepages, aber dort hieß es, sie sei gebührenpflichtig.

Eigentlich musste ich demnächst bei Thomas sein; wenn ich zu dem Store ginge, würde ich mich so sehr verspäten, dass er sich beunruhigen, vielleicht sogar ängstigen würde, falls ich ihn nicht anriefe. Doch welche Erklärung sollte ich ihm liefern, wenn ich ohne Aufnahmemöglichkeit zu ihm kam? Ihm die Wahrheit zu sagen, erschien unmöglich. Und wieso hatte ich mir von meiner Frau, der Anthropologin, kein Ersatz-Aufnahmegerät geliehen, wenn mir die Technik solche Sorgen machte? In meinem Kopf gab ein mit mir befreundeter Dichter, der eine Ausbildung zum Analytiker machte, zu bedenken, ich hätte den unbewussten Drang gehabt, mein Interview zu sabotieren. Vielleicht weil –

Ich brachte ihn zum Schweigen, gab der Frau ihr Telefon zurück und bedankte mich. Dann setzte ich mich in einen übergroßen Ledersessel neben einer Vase mit künstlichen Blauen Schwertlilien, die nach Plastik aussahen, sich jedoch wie Seide anfühlten, als ich sie berührte. Du tust jetzt Folgendes, instruierte ich mich mit einer Stimme, die von außerhalb meines Kopfes, von einem Sessel ein kleines Stück rechts von mir herzurühren schien. Du gehst zu Thomas und sagst: Ich habe mir gedacht, wir könnten uns heute Abend einfach auf den neuesten Stand bringen, informell darüber reden, wie wir das Interview gern angehen würden, und morgen komme ich dann am späten Vormittag, und wir können aufnehmen, wenn wir vorbereitet und ausgeruht sind.

Ich machte vier bewusste Atemzüge. Das klang plausibel. Ich würde morgen früh beim Apple Store sein, wenn er öffnete, obwohl ich mir die morgendlichen Geschäftszeiten nicht gemerkt hatte. Die Aufnahme eines längeren Gesprächs ergäbe ohnehin mehr Seiten, als die Zeitschrift uns zugestehen würde. Instinktiv zog ich mein Telefon aus der Tasche, um mir einen Wagen zu Thomas’ Haus zu rufen.

•••

Die Drehtür setzte mich in der kalten Abendluft auf dem Bürgersteig ab. Erneut griff meine Hand nach der Leiche meines Telefons. Normalerweise würde ich das Navi mit der Wegbeschreibung starten – obwohl ich den Weg kannte. Und ich schaute jedes Mal auf mein Telefon, wenn sich ein Übergang zeigte, wenn ich von einer Sphäre in eine andere eintrat, von einer stehenden in eine sitzende Position wechselte (oder umgekehrt) oder losging oder stehen blieb.

Vom Hotel aus ging ich in östlicher Richtung, weg von den Leuten, die vor der Beratungsstelle schliefen oder miteinander redeten, wandte mich auf der Weybosset nach links und vorbei am leuchtend roten Schriftzug des Providence Performing Arts Center. Auf der Weybosset ging ich in nördlicher Richtung, bis sie im Bogen auf die Westminster Street zuführte, beim Custom House, einem dreistöckigen Granitgebäude im italienischen Stil, das mich daran erinnerte, nach der nahe gelegenen Custom House Tavern Ausschau zu halten, wo ich als Student öfter hinging und wo ich beim Jahrtausendwechsel – freitags war dort offene Bühne – einen älteren Stammgast eine langsame, tiefe A-capella-Version von Meat Loafs »Two Out of Three Ain’t Bad« singen hörte. Über zwanzig Jahre später, als Mia und ich eine Paartherapie machten und der Therapeut uns aufforderte, daran zurückzudenken, wodurch wir uns im College zueinander hingezogen gefühlt hatten, erwähnte Mia, wie sehr es sie bei dieser Gelegenheit, nach ihrem Empfinden unserem ersten Date, bewegt habe, mich angesichts der Coverversion dieses Mannes weinen zu sehen. (Ich war nicht gerade begeistert, dass ihr ausgerechnet das einfiel.) Die Bar hatte wohl zugemacht. Wenn der Sänger nicht gewesen wäre, gäbe es Eva vielleicht gar nicht; Songs sind Werkzeuge des Schicksals.

Eva: Wie würde ich ihr wie versprochen per Facetime gute Nacht sagen? Während ich auf einer der Fußgängerbrücken aus Ziegelstein den Providence River überquerte, spürte ich das Echo der Verzweiflung aus meinem Traum. Immerhin wusste ich Mias Nummer – die einzige aktive Nummer, die ich auswendig kannte; außerdem erinnerte ich mich an die Nummer meines Elternhauses –, also konnte ich die beiden vor neun Uhr von Thomas’ Festnetzanschluss aus anrufen. (Eva würde immer wieder und in forensischer Detailgenauigkeit hören wollen, wie ich mein Telefon ersäuft hatte; wie jedes Kind, das ich kannte, wollte sie unbedingt eins haben und beharrte darauf, dass sie zu ihrem elften Geburtstag in wenigen Monaten eins bekommen müsse.) Thomas und Eva, die beiden mir am Herzen liegenden Menschen, die kein Smartphone hatten, die Toten ausgenommen.

Doch während ich, vorbei an den Kriegerdenkmälern und den Gerichtsgebäuden, die College Street entlangging, rückte die Realität von Eva von mir ab, oder ich dachte sie mir als sicher aufgehoben, wie sie in einer benachbarten Welt »Anti-Hero« mitsang. Zu meiner Überraschung regte mich die Sache mit meinem Handy weniger auf, zuversichtlich, wie ich war, dass ich am Morgen ein neues bekommen würde. Dadurch, dass ich plötzlich offline war, nicht mehr in der Lage, Fotos zu machen, Datenpakete zu verschicken oder zu empfangen, meinen Standort zu teilen, eine MyChart-Alarmmeldung, eine berufliche E-Mail oder eine kleine, toxische Dosis Nachrichten oder Shitposting zu bekommen, erlebte ich eine Abkehr, die von einem leichten Rausch nicht zu unterscheiden war und die Landschaft verfremdete, die Steine steiniger machte; ich hatte ein ungewöhnliches Präsenzerlebnis – eine gesteigerte Wahrnehmung von Silikaten, die im Asphalt glitzerten, den kleinen Dampfwölkchen, die mein Atem waren, dem Geflecht von Ästen und ihren Schatten auf dem Bürgersteig –, begab mich aber auch in meine Vergangenheit, weil diese Landschaft so voller prägender Erinnerungen und Ereignisse war und weil ich nur in der Vergangenheit ohne Gerät sein würde. Wenn ich ein funktionierendes Handy hätte, dachte ich, könnte ich ein Bild von der Fassade des Providence Athenaeum in der Benefit Street machen, wo Poe um Sarah Whitman geworben hatte, und es der vierundvierzigjährigen Mia schicken, aber da ich keins hatte, rechnete ich halb damit, ihre zweiundzwanzigjährige Version an einer der Säulen lehnen und die blauen American Spirit aus ihrer Kuriertasche fischen zu sehen, das schwarze – noch nicht silbern gesträhnte – Haar von einem gelben Tuch umhüllt.

Während ich weiter die College Street hinaufging, gewannen die Geister deutlichere Gestalt: der Junge mit dem Hoodie, der mich gerade mit gesenktem Kopf passierte – hätte er aufgeblickt, hätte er durchaus Arjun sein können, ein paar Jahre bevor er in St. Petersburg aus dem Fenster fiel; die ältere Frau in dem langen Daunenmantel, die das List Art Center verließ, während ich dort vorbeikam, wurde Caroline Sharpe, eine Professorin, die unserem Seminar, nachdem ihr jemand ein Kompliment zu ihrer Halskette gemacht hatte, erzählte, sie bewahre in deren Opal-Anhänger für den Fall eines Atomkriegs eine Zyanidkapsel auf, eine von ihr und ihren Freunden seit Ende der Sechziger, ihrer Studentenzeit, gängige Praxis, sodass mir damals bei jedem Anhänger der Gedanke kam, dass sich darin womöglich Gift verbarg. Aber es waren nicht bloß Menschen: Auch das von den Sternen eintreffende Licht war jünger, die in den Baumhöhlen träumenden Vögel waren die Vögel der Vergangenheit, aus den Bäumen, in denen sie schliefen, waren Jahresringe verschwunden – und diese Zeitreise war nur möglich, weil ich daran gehindert war, mich um Eva zu kümmern oder »Lebenserwartung von Singvögeln« oder »Caroline Sharpe« zu googeln, während ich hügelaufwärts ging.

Als ich am Haupttor des Campus ankam, erkannte ich es aus dem Traum wieder oder erkannte vielmehr, dass das geträumte Tor darauf basierte. Ich hätte mein Telefon benutzen müssen, um den Ausdruck déjà rêvé