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Die Welt wird urban. Im Jahr 2050 werden global mehr als 60 % der Menschen in der Stadt leben. Ein ebenso historischer wie futuristischer Megatrend. Das vorliegende Buch ist eine Einladung zur Beschäftigung mit der Geschichte der modernen Stadt im 19. und 20. Jahrhundert. Es entwirft in 18 spannenden Themenkapiteln eine wissenschaftlich begründete Geschichte der Urbanisierung, die lange Zeit als Inbegriff des Fortschritts der Moderne galt. Dabei versammelt es Geschichten in lokaler, regionaler und globaler Konkretion: aus dem Wuppertal und dem Ruhrgebiet, aus Berlin, Paris oder Manchester - ein facettenreicher Blick auf die historische Entwicklung der Stadt zwischen Wunsch und Wirklichkeit, mit urbanen Akteuren, schillernden Figuren und kuriosen Gestalten der Stadt. Ein Mosaik über das pralle urbane Leben.
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Seitenzahl: 481
Veröffentlichungsjahr: 2023
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There‘s a city in my mind. Come along and take that ride. And it‘s all right, baby it‘s all right.
(Talking Heads)
Einführung
Traum aller Träume
Die urbane Welt eines realistischen Utopisten im 18. Jahrhundert
Urbane Projektionen
Stadtentwicklung in Preußens
Wildem Westen
Fremde Welten
Zivilisationsdiskurse Mitte des 19. Jahrhunderts: Engels. Faucher. Westermann
Deutsches Manchester oder Reallabor der Moderne?
Wuppertaler Selbstverständnisse
Honoratioren und Meistbegüterte
Oberbürgermeister in der Elberfelder Geschichte
Städte in Zeiten der Cholera
Epidemien, Daseinsvorsorge und Umweltdebatten im 19. Jahrhundert
Nach kurzer schwerer Krankheit plötzlich verstorben
Die Spanische Grippe im Herbst 1918 und das Krisenmanagement
Auf Schalke
Vom Industriedorf zum Mythos
Zum Wohlsein
Gemeindekneipen und Schnapskasinos im Revier der großen Dörfer
Blutiges Geschäft und Diskretion
Vom wilden Schweinemarkt zum kommunalen Schlacht- und Viehhof
Wie die Bildung zum Kötter kam
Schulen im Bergischen Land
Straßenpolitik
Tumult und sozialer Protest im tollen Jahr 1848/49
Vom natürlichen Recht auf Wildnis
Großstadtfeinde und Zivilisationskritiker um 1900
Lebensreform
Eine rebellische Biografie
Die Affäre Kotze – Ein Hauptstadt-Skandal
Über Ehre, Doppelmoral und soldatische Männlichkeit
Kleine Fluchten
Hubert Tigges und die Erfindung des Massentourismus
Der Krieg. Die Stadt. Die Normalität
Erinnerungsfragmente
Lernende Region
Bergische Bildungslandschaften nach 1945
Zum Schluss
Literatur
Bildnachweis
Quellennachweis
Etwa 8 Milliarden Menschen bevölkern zurzeit unseren Planeten. Knapp 60 % leben in Städten. 34 von diesen bezeichnet man wegen ihrer schieren Größe als Megastädte, weil sie jeweils mehr als 10 Millionen Einwohner*innen zählen. Demografisches Wachstum, so sagen aktuell UN-Expert*innen, wird sich künftig vor allem in den urbanen Zentren der Welt abspielen. Nicht nur Futuristen sind angesichts dieses Trends heute geneigt zu prophezeien, dass in nicht allzu ferner Zukunft der weltweite Prozess der Urbanisierung in seine Endphase treten und man die Erde dann nicht mehr als globales Dorf verniedlichen kann. Ein ganzer Planet wird sich bald zur Stadt entwickelt haben. Science-Fiction?
Hatte aber nicht Ähnliches der berühmte Historiker Lewis Mumford bereits in den 1960er Jahren in seinem nicht minder berühmten Standardwerk Die Stadt. Geschichte und Ausblick1 vorhergesagt? Diese Entwicklung – so die Prognosen – wird sich vor allem in den sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern abspielen, doch auch der bereits jetzt stark urbanisierte Norden und der Westen werden davon betroffen sein. Gute Aussichten? So oder so: unsere Erde wird mit hoher Wahrscheinlichkeit urban, es sei denn, die katastrophischen Szenarien in Sachen Klima werden bittere Wirklichkeit und machen einen Strich durch diese Modellierungen: Eine in Aussicht gestellte Erderwärmung auf schwer fassbare 4 Grad (oder mehr) wäre vermutlich das sichere Ende jeder Zivilisation, so wie wir sie kennen. Der rasante Prozess globaler Urbanisierung könnte dazu noch einen finalen Beitrag leisten, weil er immer schärfere Eingriffe in das planetare Ökosystem verursacht – durch hemmungslosen Ressourcenverbrauch wider besseres Wissen und durch kaum gebremste, CO2-intensive Produktions- und Konsumptionsweisen. Nicht nur hoffnungslose Pessimisten sagen inzwischen in düsterer Dystopie voraus, der Zug fahre gegen die Wand und wir erforschten nicht einmal den Bremsweg. Bereits heute sind vor allem die großen Städte bei Extremwetter buchstäblich heiße Pflaster. Das Dilemma: Aufgrund ihrer Dichte fehlen in den immer häufiger auftretenden klimabedingten Hitzewellen schlicht die nötigen Luftkorridore, die Abkühlung ermöglichen könnten. Betonflächen zwischen Glas und Stahl sorgen vielmehr dafür, dass sich urbane Räume nicht nur rasend schnell erhitzen, sie konservieren auch noch die Wärme bis zur Unerträglichkeit. Schattenspendende Bäume sind dort ebenso selten wie andere Pflanzen als potenzielle Speicher von Feuchtigkeit. Die Herausforderungen und Bedrohungen der Städte und ihrer Bewohner im Klimawandel sind enorm. Integrierte Handlungskonzepte der Stadtplanung gegen Wetterextreme und entsprechend angepasste Daseinsvorsorge erhalten inzwischen eine geradezu existenziell zugespitzte Bedeutung. Davon erzählt auch das tragische Schicksal des Straßenkehrers José Antonio Gonzales, der Mitte Juli 2022 auf den Straßen Madrids erschöpft zusammenbrach, als er diese pflichtgemäß zuvor stundenlang in der prallen Sonne und in vorschriftsmäßiger Uniform aus Polyester bei über 40 Grad gereinigt hatte. Kein Vorgesetzter hat ihn davor beschützt. Im Alter von 60 Jahren verstarb José im Dienst am Gemeinwohl einer europäischen Metropole. Für ihn gab es keine Daseinsvorsorge.
Nun sind Prognosen wie oben stets dann besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen, wie es von hartnäckigen Skeptikern und Klimaignoranten noch immer etwas sehr flapsig heißt. Historiker*innen haben es da leichter, weil sie sich mit Fragen der scheinbar längst erledigten Vergangenheit beschäftigen, sei es als historische Untersuchung von Ereignissen, Entwicklungen, Entwürfen oder Experimenten, von Personen, Prozessen, Strukturen, Kulturen oder Mentalitäten und überhaupt mit Zeit in ihren verschiedensten Kostümierungen (Timothy Snyder). Mit Blick auf das Thema wäre die historisch wohl interessante Frage, wie es in Sachen Urbanisierung so weit kommen konnte.
Doch was ist überhaupt eine Stadt? Jürgen Osterhammel, ein Historiker mit dem Blick über enge Horizonte hinaus, sieht in seiner universalen Geschichte des 19. Jahrhunderts die Stadt als eine Weise, Raum gesellschaftlich zu organisieren.2 Und sonst? Er beschreibt sie als Normalität und Ausnahme zugleich. Das soll, auf eine handliche Formulierung gebracht, bedeuten, dass es stets schwierig war, formal anzugeben, welche Bedingungen eine Siedlung erfüllen musste, um als Stadt anerkannt zu werden. Eine Mauer plus Markt plus städtisches Recht? Diese galten aber als klar abgrenzbare Kriterien nur für das vormoderne Westeuropa. Aber sonst und danach und überhaupt? Selbst die Einwohnerzahl kann die Frage, was denn eine Stadt sei, nicht hinreichend plausibel klären. Jede Zeit und ihre Statistiker zumal tun sich schwer mit einer schlüssigen Definition. Aber – so Osterhammels Feststellung – jede Zivilisation, die Städte gebildet hat, besitzt ihre eigene Vorstellung von der idealen Stadt und ihre besondere Terminologie zur Bezeichnung von Städten unterschiedlicher Art.3
Wie aber ist es nun zu erklären, dass die Stadt von einer einst archaischen Wiege des Wohnens zum dominanten Format globalen Zusammenlebens aufsteigen konnte? Wann hat das alles angefangen, wie hat es sich wo entwickelt? Und wie ist es zu deuten, dass diese umfassende Entwicklung gern in das euphemistische Vokabular eines linearen Fortschrittdenkens übersetzt wurde, das in seiner handlichsten Form als Modernisierung gereicht wird? Überhaupt: Stadtgeschichte(n) der Moderne oder Modernisierung. Was wollen wir darunter (nicht) verstehen? Nach populärem Verständnis von Modernisierung als Theorievariante mittlerer Reichweite ereignet sich Geschichte ja insgesamt zwischen den angenommenen Polen von Tradition und Moderne, also gleichsam als eine Art Übergangsgeschichte, im Sinne einer Evolutionsmechanik der Mobilisierung und Differenzierung von Gesellschaft, der Demokratisierung und Partizipation, der Institutionalisierung von Konflikten, der Chancengleichheit und gleichberechtigten Teilhabe etc. pp. Das beschreibt – mit anderen Worten – eine Erfolgsgeschichte, ohne Wenn und Aber. Will man diese Geschichte der Moderne noch periodisieren, dann setzt man in der Regel einen Zeitrahmen von der Entfaltung einer (restringiert) bürgerlichen Moderne im frühen 19. Jahrhundert, über die Hochzeit der organisierten Moderne ab der Wende zum 20. Jahrhundert bis zum Beginn der sogenannten Postmoderne ab den 1970er Jahren.4 In diesem weithin akzeptierten Konzept ist eine ganz bestimmte Vorstellung von Geschichte als gesellschaftlicher Transformationsprozess zentral: nämlich das optimistische Verlaufsschema eines Fortschritts im Gleichschritt der Faktoren. Das hat allerdings seit einigen Jahren und kaum überraschend an Überzeugungskraft verloren, weil nicht zuletzt der inhärente ökonomische Wachstumsgedanke inzwischen kritisch gesehen, wenn nicht gar radikal hinterfragt oder gänzlich verworfen wird. Die historisch kritische Überprüfung dieses, in der Geschichte des Kapitalismus verankerten, Modernisierungsparadigmas, das lange Zeit auch für die Erforschung von europäischer Stadtgeschichte verbindlich war, hat unter anderem einen entscheidenden Vorzug: Dass nämlich jenseits von hochaggregierten Daten und anonymen Strukturen und Prozessen die komplexe Wirklichkeit des Lebens in den Städten, die konkret Handelnden im Kontext jeweiliger Machtgefüge, die Gewinner und Verlierer, Triebkräfte und Widerstände, Umwege und Abwege, die sozialen und ökologischen Kosten des ansonsten abstrakten Prozesses der Urbanisierung ins Blickfeld geraten und schärfere Konturen gewinnen. Genau darum geht es auch in diesem Buch.
Aber zurück auf Anfang. Bei der Suche nach dem Beginn der Urbanisierung verweisen nicht nur Geschichtswissenschaftler*innen regelmäßig auf das Zeitalter des Anthropozän, als die Menschen anfingen, in erheblichem Maße auf ihre direkte Umwelt einzuwirken und die bis dahin gültigen Grenzen der Natur zu überschreiten. Diese Entwicklung fällt zusammen mit einem anderen historischen Megaprozess: der kapitalistischen Industrialisierung. Deren Beginn wurde gern auf den populären Begriff einer Industriellen Revolution gebracht, als die ebenso lukrative wie intensive Nutzung fossiler Energien mit Maschinen, die vertrauten Lebenswelten, das bis dato gültige Verhältnis der Menschen zur Natur und damit auch deren Siedlungsräume radikal zu verändern begann. Bis dahin, das heißt bis zum Ende des 18. und Anfang des langen 19. Jahrhunderts, spielten Städte über viele Jahrhunderte hinweg so gut wie keine Rolle. Die Wiege des Wohnens stand – wie man heute weiß – in grauer Vorzeit in der neolithischen Stadt Çatalhöyük, gelegen in der anatolischen Ebene von Konya, nördlich und auf halbem Wege zwischen dem heutigen Antalya und Adana. Auf dem dortigen Hochplateau ließen sich vor mehr als 9 000 Jahren Menschen nieder, bauten ihre Häuser, ernährten sich von Ackerbau und Jagd. Sie gaben das mobile Leben auf, wurden sesshaft und entwickelten den Sinn für ein Zuhause, also emotionale Bindungen an den Ort, an dem sie sich gewohnheitsmäßig und auf Dauer aufhalten wollten. Dazu zählten auch all die Menschen, mit denen sie in Gemeinschaft lebten. So entstanden Nachbarschaften in einem Ort, der noch völlig ohne Repräsentation und Symbolik, das heißt Paläste, Sakralbauten oder Ähnliches auskommen konnte und nur dicht an dicht aus Häusern bestand, die über Flachdach und Luke zugänglich waren. In Çatalhöyük gab es keine Straßen und Gassen, das heißt, urbanes Leben spielte sich auf dem Dach ab.5
Dieser Typus von Stadt blieb gleichsam als Variante einer Ur-Urbanisierung so lange erhalten, bis vermutlich vor rund 6 000 Jahren, durch einen natürlichen Klimawandel angetrieben, eine Ausdifferenzierung und Hierarchisierung der Sozialformen einsetzte, Ressourcen erst angehäuft und später umkämpft wurden. Damit veränderte sich auch das Bild der noch wenigen Städte: Sie wurden zwangsläufig wehrhaft. Die jeweils Herrschenden ließen sie zur Abwehr äußerer Feinde, so gut es ging, befestigen. Das umliegende ländliche Herrschaftsterritorium war künftig auf diese Städte bezogen, versorgte sie mit allem, was zur Subsistenz nötig war: Lebensmittel, Materialien, Arbeitskraft – ein Trend, der sich Epochen übergreifend und im Prinzip bis heute erhalten hat. Städte begannen zu wachsen, nicht unbedingt in Europa, wo sie in der Regel relativ klein blieben. Aber in den Hochkulturen anderer Kontinente entstanden sehr viel früher echte Großstädte mit mehr als 100 000 Einwohnern, wie Angkor Wat im Norden Kambodschas oder das mittelamerikanische Tikal. Diese frühen Metropolen verfügten bereits über entwickelte Infrastrukturen zur Versorgung ihrer Bevölkerung.
Einige Jahrhunderte später setzt die Untersuchung von Greg Woolf über die Entstehung der antiken Stadt an: Metropolis.6 Er fragt darin nach den Gründen für Aufstieg und Niedergang dieser dominanten Siedlungsform vom Ende der Bronzezeit bis zum Mittelalter und kommt zu dem Ergebnis, dass sich urbane Lebensformen nach dem Prinzip der Opportunität herausgebildet hätten: Sie versprachen wirtschaftliche Vorteile und militärische Effizienz. Aber vielleicht sei städtisches Leben auch nur ein evolutionärer Zufall.
Erst sehr viel später als in der von Woolf beschriebenen Zeit entstanden dann die großen Handelszentren in der Welt: Rom, Konstantinopel, Bagdad oder Peking, das zur Zeit Marco Polos etwa 600 000 Einwohner gezählt haben soll. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass – je nach wechselnden Epochen und Bedingungen – nie mehr als 7 bis 14 % der Weltbevölkerung in solchen Städten gelebt haben dürften. Oder anders gesagt: Die Stadt ist historisch betrachtet letztlich eine doch ziemlich neue Erscheinung. Noch kurz vor der Französischen Revolution von 1789 gab es auf der ganzen Welt keine 100 Städte mit einer Einwohnerzahl von 100 000 oder mehr. Europa war bis dahin alles andere als ein urbanisierter Kontinent. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten im größten deutschen Teilstaat Preußen 4 von 5 Menschen auf dem Land. Deutschland, das es nur als Kulturnation gab, war im westlichen Maßstab mehr oder weniger ein schwach urbanisiertes, industrielles Entwicklungsland. Ganz anders England, das Mutterland des Kapitalismus, wo um 1900 innerhalb eines Zeitraumes von knapp 150 Jahren die Stadtbevölkerung bereits auf 80 % angestiegen war. Noch vor dem Ersten Weltkrieg lag die Urbanisierungsrate dann in den industriellen Zentren der Welt bei 35 %. Mehr als die Hälfte der Menschen in den Städten lebte jetzt von industrieller Arbeit. Das globale Proletariat aller Länder vereinigte sich gleichsam in den großen Fabriken der Stadt – zunächst allerdings unter miserabelsten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Erst allmählich führte der Prozess der Urbanisierung im Laufe des 20. Jahrhunderts schließlich auch zu einer Steigerung des allgemeinen Lebensstandards, eine Entwicklung, die nicht ohne urbane Arbeitskämpfe, soziale Proteste und proletarische Selbstorganisation erreicht werden konnte.
In den ehemaligen Kolonien des globalen Südens vollzog sich der Prozess der Urbanisierung deutlich anders – weil chaotischer. Er war einerseits das Resultat des ökonomischen und sozialen Ungleichgewichtes innerhalb dieser Länder, das aber vor allem auf Strukturen zurückgeht, wie sie von den Kolonialmächten grundgelegt und heute durch den Weltmarkt verschärft werden. Auch die (Küsten-)Städte des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara, Südasiens und Lateinamerikas expandierten zumeist durch massenhafte Armutswanderung der entwurzelten Landbevölkerung, wurden zu gigantischen Ballungsgebieten aufgebläht, die durch ökologische Belastung, mangelhafte Infrastruktur, Massenarbeitslosigkeit und Slumbildung geprägt waren. Auch die Megacities des globalen Südens wie Mexico-City, Lagos, Caracas, Manila oder Djakarta kennen das enge Nebeneinander von gigantischem Reichtum und extremer Armut, ein verstörender Gegensatz, der den vergleichbaren Dualismus aus europäischen Metropolen an Schärfe aber bei Weitem übertrifft. Mike Davis sprach 2006 in seinem gleichnamigen Buch von einem Planet of Slums. Die heutigen armen Megastädte – Nairobi, Lagos, Bombay, Dhaka usw. – seien stinkende Kotberge, die selbst die hartgesottensten Zeitgenossen Königin Victorias abstoßen würden.7 Das liest sich wie eine schonungslose Aktualisierung von Friedrich Engels’ Meisterwerk einer Sozialreportage über die Lage der arbeitenden Klasse in England von 1845. Davis schildert hier mit dem zeitlichen Abstand von eineinhalb Jahrhunderten oder acht Generationen später, aber mit gleicher Verachtung wie Engels den (nicht nur) sanitären Zustand der modernen Massenballungsgebiete in der sogenannten Dritten Welt und die Ursachen für diesen desaströsen Befund. Für ihn prallen in dieser ungleichen und instabilen urbanen Welt, in der vor allem junge Menschen unter prekären Bedingungen ihren Überlebensalltag bestehen müssen, die sozialen Fronten der Globalisierung besonders hart aufeinander. Die Geschichte der Urbanisierung muss demnach auch als ein Prozess geschrieben werden, in dem versucht wurde, die vitalen Grundbedürfnisse nach intakter Umwelt, Gesundheit, Bildung und Kultur möglichst allen Menschen zugänglich zu machen, um damit deren Wohlergehen und ein Leben in Freiheit zu sichern, ein Unterfangen, das historisch gesehen eher weniger gelungen ist. Im Prozess der Urbanisierung der Dritten Welt wiederholen und vermischen sich die Dynamiken ihrer Vorläufer aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in Europa und Nordamerika.8 Die nachhaltige Entwicklung des urbanen Raumes wurde als Zukunftsidee bereits in den 1960er Jahren formuliert, an ihrer Einlösung aber wird noch immer mit höchst überschaubarem Erfolg gearbeitet.
Die heutige Problematik großer Städte liegt auch in ihrer Anfälligkeit für den Kollaps, wenn kritische Infrastrukturen versagen (etwa bei Strom- oder Wasserausfall), Informationsmedien zusammen- oder Naturkatastrophen über sie hereinbrechen. In kürzester Zeit wären Großstädte unregierbar, würden zu tödlichen Fallen. Aber auch aktuelle, sich überlagernde Krisenszenarien aus Pandemien, Finanzkrisen, Inflation, Energieverknappung, sozialen Verwerfungen etc. schlagen sich in den Metropolen der Welt besonders folgenreich nieder. Deren Robustheit hängt heute in hohem Maße von einer wachstumsorientierten Wirtschaft ab. Stagnations- oder Schrumpfungsprozesse wirken hier destruktiv. Wenn also eine der Zukunftsfragen lautet, wie es gelingen könnte, durch gemeinsame Anstrengungen die Städte der Welt nachhaltig ressourcenschonend, das heißt enkeltauglich umzugestalten, um einen drohenden Ökokollaps noch irgendwie abzuwenden, dann ist damit zugleich die Frage gestellt, wie radikal dieser Wandel ausfallen muss, um den fatalen Ressourcenverbrauch der großen Städte mit ihrer aufwendigen Infrastruktur aus Stahl, Glas und Beton spürbar abzubauen. Ob die heute gepflegten transformativen urbanen Veränderungen zu energieärmeren Lebensstilen oder die Hoffnungen auf das Lösungspotenzial grünen Wachstums ausreichen, diese Zukunftsfragen der Stadt zu beantworten? Ende offen.
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Das vorliegende Buch versammelt ausgewählte Texte zur wechselhaften und facettenreichen Geschichte der Stadt, die im Laufe der letzten Jahre entstanden und an verschiedenen Stellen auch bereits veröffentlicht wurden. Das Motiv, diese noch einmal zusammenhängend in einem Band zu publizieren, folgt dem regelmäßig geäußerten Wunsch von Teilen der Leserschaft nach einer Zusammenschau dieser Thematik als eine Art Stadtgeschichte in Miniaturen und gibt Gelegenheit, sich der Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven und in möglichst eingängiger Sprache nähern zu können, ohne dabei auf wissenschaftliche Fundierung verzichten zu müssen. Gleichzeitig gilt es – mit der Bitte um Nachsicht – einzuräumen, dass es dieses Format auch ermöglicht, Teilergebnisse meines Historikerlebens noch einmal themenorientiert zusammenzufassen.
Alles begann irgendwann in den 1980er Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Lutz Niethammer, einem der damals wie heute renommiertesten westdeutschen Historiker, auch bekannt als Nestor der Oral History und damals Lehrstuhlinhaber an dem einst aufsehenerregenden universitätsgeschichtlichen Experiment, das heute erfolgreich als Fernuniversität Hagen etabliert ist, weil sie es möglich macht, neben dem Beruf zu studieren. Er überzeugte mich von einem Dissertationsprojekt über ein scheinbar abseitiges Thema – wie es mir zunächst vorkam: die Urbanisierungsgeschichte der sogenannten Industriedörfer im Ruhrgebiet, jener spektakulären Variante von Stadtentwicklung im industriellen Ballungsgebiet, die vielerorts sang- und klanglos gescheitert ist und die es in der Lesart der damals vorherrschenden modernisierungstheoretisch begründeten Stadtgeschichtsforschung eigentlich auch gar nicht hätte geben dürfen. Schließlich wurde die Geschichte von Städten doch regelmäßig als Erfolgsgeschichte geschrieben. Lutz Niethammer hat diese Lesart mit einem kleinen Meisterwerk kollektiver Biografie irritiert: Die Umständlichen Erläuterungen der seelischen Störung eines Communalbaumeisters in Preußens größtem Industriedorf oder die Unfähigkeit zur Stadtentwicklung. Nicht nur der raumgreifende Titel dieser damals ungewöhnlichen Schrift hat mich erfolgreich getriggert, wie man heute sagen würde. Auch wenn ein ehemals sakrosankter Oberhistoriker wie Hans-Ulrich Wehler der bei ihm eingereichten Projektskizze mit Empfehlung für eine Förderung durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes seinen Segen erteilte, dominierte anfangs noch die Unsicherheit, ob man mit Stadt- und Urbanisierungsgeschichte außerhalb akademischer Kreise überhaupt einen Hund vom Kamin weglocken konnte. Kurz und gut: Ich lernte in diesem Kontext und im Laufe der Zeit, als ich bis dato völlig unberührte Quellenbestände auftat (u. a. im Zentralen Staatsarchiv Merseburg, hinter dem damals noch geschlossenen Eisernen Vorhang), wie man historisch vermeintlich stumme Verhältnisse – wie die von Industriedörfern im 19. Jahrhundert – erfolgreich zum Sprechen bringen, vergessene Kontexte mit Leben füllen kann. Und auch, dass die Dekonstruktion von herrschenden Geschichtserzählungen ausgesprochen produktiv und stilbildend sein kann. Eine Reihe der hier präsentierten Texte sind Ergebnisse einer solchen, gegen den historiografischen Mainstream gebürsteten Beschäftigung mit den Besonderheiten der Urbanisierungsgeschichte eines großen industriellen Ballungsgebietes wie dem Ruhrgebiet, auch gern Preußens Wilder Westen genannt. Der irritierende Begriff einer defizienten Urbanisierung machte damals die Runde, wurde zum Teil kontrovers diskutiert, mal zustimmend gefeiert, mal entrüstet abgelehnt. So oder so: Die Dissertation am Ende der 1980er Jahre hat ihr – auch außerakademisches – Publikum gefunden, natürlich bei einem Ruhrgebietsverlag publiziert, gefördert vom Minister für Stadtentwicklung in NRW, Christoph Zöpel, der gerade dabei war, die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) ins Leben zu rufen.9 Das passte. Das Revier der großen Dörfer hat manch neue Diskussion über den Zusammenhang von Urbanisierung und Industrialisierung im Allgemeinen und die Aufmerksamkeit für die ökologischen und sozialen Kosten solcher Megaprozesse geschärft, für eine Wirklichkeit, die partout nicht im euphemistischen Fortschrittsvokabular der großen Meistererzählungen der Moderne aufgehen wollte. Ich habe – einigermaßen vorsichtig – versucht, die verschiedenen Facetten auch misslingender Stadtentwicklung im industriellen Ballungsgebiet zu thematisieren, die hochfliegenden Fantasien ihrer Protagonisten, der echten oder eingebildeten Profiteure, sowie die Ursachen defizienter Urbanisierung, vor allem die Folgen für die Betroffenen in den verhinderten Städten zu konkretisieren: für die Arbeiter oder Malocher im Revier, ihre Angehörigen und Familien. Das war in einer Zeit, als Regional- und Lokalgeschichte mit ihrem hohen Maß an kleinräumiger Konkretion und Verbindlichkeit besonders in Geschichtswerkstätten außerhalb hermetischer Wissenschaftszirkel gerade hip waren. Und es war zugleich die Lebensphase, als persönlich weichenstellende Entscheidungen fielen, wie etwa der Abschied vom Traum einer Karriere im akademischen Elfenbeinturm, für den Eintritt in die oftmals raue Welt der Politischen Bildung. Das Ganze war verbunden mit einem Umzug vom Rand des Ruhrgebietes an den Rand des Bergischen Landes, nach Wuppertal. Schnell stellte sich heraus, dass diese Stadt seltsam geprägt war durch das schlummernde Selbstverständnis einer frühindustriellen Boomtown, die zwar als ein richtungweisendes Zentrum der Modernisierung im 19. Jahrhundert gelten kann, sich aber selten in ihrer Geschichte zu einem auf kritischen Realismus gegründeten Selbstbewusstsein aufschwingen konnte: deutsches Manchester oder urbanes Reallabor der Moderne oder weder noch? Im Laufe der Wuppertaler Jahre sind eine Reihe von Beiträgen zur Lokal- und Regionalgeschichte entstanden, seit 2015 dann für ein breiteres Publikum regelmäßig in der Kolumne Wuppertaler Geschichte in der Westdeutschen Zeitung (WZ), die hier exemplarisch mit einer kurzen Reihe über Amt und Rolle der Oberbürgermeister in der (Elberfelder) Geschichte und Stadtentwicklung vertreten ist. Dies führt zur Beschäftigung mit einem Prozess, den man als urbane Alphabetisierung beschreiben könnte: die Geschichte der Bildungsentwicklung in Stadt und Land als oftmals schwieriger und dornenreicher Weg einer am Gemeinwohl orientierten Bildung für alle, einem der wohl größten, aber leider uneingelösten Versprechen der Moderne – hier vorgestellt am Beispiel des Bergischen Landes als Lernende Region: Wie die Bildung zum Kötter kam.
Die Stadt war immer auch der Ort kollektiver Lernprozesse im öffentlichen Raum, im Buch gezeigt als Beispiel einer fundamentalen Politisierung breiter Gesellschaftsschichten im Verlauf des tollen Jahres 1848/49: Straßenpolitik.
Die Aufmerksamkeit für Friedrich Engels, den großen Sohn der Stadt Wuppertal (genauer der ehemaligen Stadt Barmen) zum 200. Jubiläum, der u. a. in seiner stilbildenden Sozialreportage über die Lage der arbeitenden Klasse in England zugleich eine meisterhafte und seinen Partner Karl Marx zutiefst beeindruckende Analyse der Wirklichkeit globaler Urbanisierungsprozesse vorlegte, führte zu einer Reihe von Beiträgen, die sich um die Geschichte von Stadt- und Zivilisationskritik (Othering, Kulturüberheblichkeit und missionarischem Sendungsbewusstsein) drehen, auch im Kontext der Vorstellungen von alternativer Moderne und Antiurbanismus der Lebensreformbewegung um 1900. Ein Resultat der jüngsten Auseinandersetzungen mit den Debatten um die denormalisierenden Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ab 2020 war die Beschäftigung mit dem historischen Zusammenhang von Epidemien, Gesundheit und Krankheit im Prozess der Urbanisierung: Städte in Zeiten der Cholera sowie die Maßnahmenpolitiken von Staat und Kommunen gegen die Spanische Grippe von 1918/20 und der Frage, wie Epidemien historisch enden können.
Zum Schluss musste diese Textsammlung noch einen Titel bekommen: Traum aller Träume hieß schon einmal der Untertitel des utopischen Romans von 1794 aus der Feder eines gewissen Louis-Sébastien Mercier, der seinen Protagonisten über viele Seiten hinweg auf eine fiktive Zeitreise ins Paris des Jahres 2440 schickt und darin das Bild einer idealtypischen Stadt der Zukunft entwickelt. Er träumt den Traum aller Träume. Nicht zufällig lieferte dieser literarisch produktive, an Rousseau orientierte Aufklärer und Utopist an anderer Stelle aber zugleich eine sehr reale Sozialreportage mit höchst seltenen Innenansichten einer europäischen Metropole als dichte Beschreibung ihrer Infrastrukturen und des urbanen Lebens der kleinen Leute im ausgehenden 18. Jahrhundert. So wie Mercier behandeln auch die Beiträge dieses Buches die Entwürfe und Entwicklungen der Stadt im Zeitalter der Moderne zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Auf den ersten Blick widmet sich das vorliegende Buch in eher ungewöhnlichen Perspektiven und Facetten dem Thema Stadt der Moderne im häufig konfliktreichen Widerspruch zwischen den Plänen und Projektionen ihrer Protagonisten und den ganz realen (Stadt-)Entwicklungen im Kontext konkurrierender (Klassen-)Interessen und (lokaler) Machtstrukturen. Jede Zeit (in ihren unterschiedlichen Kostümierungen) hatte ihre eigenen Vorstellungen von der idealen Stadt und vom Zusammenleben darin. Wie sich das konkret darstellen konnte, lässt sich besonders eindrucksvoll an den hier ausgewählten Beispielen aus dem Ruhrgebiet und dem Bergischen Land studieren, zwei Regionen, die unterschiedlicher kaum sein können. Der polyzentrale Agglomerationsraum an Ruhr und Emscher, dessen historisch schlechtes Image zu einem guten Stück auf den Mythos von Kohle und Maloche gegründet ist, sollte eine Zeit lang und mit großem PR-Aufwand zur Metropole Ruhr aufgehübscht werden. Im Wuppertal hat man so etwas – aus Gründen – gar nicht erst versucht, dabei aber das eigene historische Profil auch etwas aus dem Blick verloren. Bei der hier präsentierten Buch-Zeitreise durch zwei Jahrhunderte begegnet man dann auch einigen unerwarteten , auch kuriosen Akteuren an vermeintlichen Nebenschauplätzen der Urbanisierung: ihren Entwürfen und Experimenten, ihren Träumen, Plänen und Projekten, ihren Erfolgen, auch ihrem Scheitern und nebenbei auch dem einen oder anderen (Hauptstadt-)Skandal. Wenn man so will: dem prallen Leben der modernen Stadt und ihrer Geschichte.
Urbane Fantasie: Stadt der Zukunft, Harvey Wiley Corbett 1913
1 Mumford, Lewis: Die Stadt. Geschichte und Ausblick, Frankfurt/M.31984
2 Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München22016, S.355
3 Ebda.
4 Lenger, Friedrich: Metropolen der Moderne, München 2013, S.14f, sowie zur Periodisierung auch Kocka, Jürgen: Kampf um die Moderne. Das lange 19. Jahrhundert in Deutschland, Stuttgart 2021, (hier Sonderausgabe BpB, Bonn 2022), S.140ff. Zum Begriff „Moderne“ vgl. Dipper, Christoph: Moderne, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 17.01.2018
http://docupedia.de/zg/Dipper_moderne_v2_de_2018
5 Hodder, Ian: Çatalhöyük: The leopard‘s tale: revealing the mysteries of Turkey‘s ancient ‚town‘, London 2006
6 Woolf, Greg: Metropolis. Aufstieg und Niedergang antiker Städte, Stuttgart 2022
7 Davis, Mike: Planet of Slums, London, New York 2006, deutsche Fassung: Planet der Slums, Berlin 2007, S.145
8 Ebda. S.16
9 Vonde, Detlef: Revier der großen Dörfer. Industrialisierung und Stadtentwicklung im Ruhrgebiet 1871 – 1918, Essen 1989
Schlechte Zeiten für hoffnungsfrohe Utopien? Wer würde es aktuell wagen, optimistisch in eine ferne Zukunft, sagen wir mal, in das 25. Jahrhundert zu blicken, im Vertrauen darauf, dass die akuten Weltprobleme nicht nur erfolgreich gemeistert, sondern die globalen Gesellschaften in ein friedlich solidarisches Miteinander auf der Grundlage von Vernunft, Empathie, Friedfertigkeit, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl geführt werden? Vor rund 250 Jahren war das noch möglich, wenngleich auch schon damals nicht ungefährlich. Davon ist im Folgenden die Rede: Vom historischen Blick in die Zukunft einer urbanen Welt.
Menschen leben seit Jahrtausenden mit Vorliebe in Städten. Die Gründe dafür sind vielfältig, ebenso wie die räumlichen, sozialen und kulturellen Varianten dieser historischen Form des Zusammenlebens und ihrer Veränderungen. Der so starke Wunsch, unbedingt städtisch zu leben, hat auch etwas zu tun mit der Attraktivität dessen, was man seit mehr als zwei Jahrhunderten vage als Urbanität beschreibt, gelten die Städter*innen – im Gegensatz zu den vermeintlich eher dumpfen Bewohner*innen des platten Landes – doch als weltgewandt, kultiviert, tolerant, innovativ oder (ein)gebildet, mit anderen Worten als urban, selbst wenn man inzwischen einräumen müsste, dass Stadtluft nicht zwangsläufig frei, sondern auch krank machen kann, je nachdem, in welcher Art von Stadt man wohnt. Gäbe es ein Ranking in Sachen Urbanität, dann wäre in den Charts wohl solchen Städten die Pole Position reserviert, die über ihre Größe, Funktion oder Zentralität als Metropolen wahrgenommen werden. Seit mindestens dreihundert Jahren bemühen sich die jeweiligen Zeitgenoss*innen, ihre je besonderen Ansichten vom realen oder idealen Stadtleben zu entwerfen und aufzuschreiben. Aus diesen Anstrengungen der Begriffe, der Beobachtungen und der Fantasien sind die unterschiedlichsten Textsorten entstanden, die sie der Nachwelt hinterließen, auf dass diese sich ein Bild des urbanen Zusammenlebens in vergangenen Zeiten machen möge. Solche Stadtschreiber schufen bisweilen regelrechte Stadtinszenierungen als Reportagen oder Planspiele irgendwo zwischen Wunsch und Wirklichkeit, erzählten Legenden und Mythen nach, erfanden sie neu, planten völlig neue Stadttypen, gestalteten soziale und kulturelle Räume auf den Papier und in der Fantasie, entwickelten auch kühne Utopien oder suchten wie die Ethnografen in einer fremden Welt die Realität ihnen wenig vertrauter Milieus auf – in den Vierteln und Quartieren, Straßen und Gassen, Höfen und Hinterhöfen, sogar in den städtischen Unterwelten.
Zeitsprung ins Jahr 1771: Es ist ein eher unspektakuläres Jahr, in dem der deutsch-schwedische Chemiker Carl Wilhelm Scheele den Sauerstoff als ein zentrales Element identifiziert. Johann Wolfgang Goethe schreibt die erste Fassung seines Götz von Berlichingen, und der volkstümliche Blaue Montag wird als arbeitsfreier Tag per Reichstagsedikt zum wiederholten Male abgeschafft. In Deutschland herrscht Hungersnot und in Preußen Friedrich II, besser bekannt als der Große. Es ist die Zeit des aufgeklärten Absolutismus, als die absoluten Monarchen sich gezwungen sehen, ihre Macht durch Gottesgnadentum zugunsten rationaler Legitimationsmodelle zu überprüfen. Im Nachbarland Frankreich regiert zu dieser Zeit Ludwig XV, jener Herrscher, der später für zahlreiche ökonomische und soziale Missstände im Land verantwortlich gemacht wird, die seinem unglücklichen Nachfolger, Ludwig XVI., in der bald folgenden Großen Revolution von 1789 den Kopf kosten werden. 1771 schreibt ein gewisser Louis-Sébastien Mercier den ersten utopischen Roman der Literaturgeschichte, der mit einer konkreten Jahreszahl im Titel verbunden ist: Sein Buch Das Jahr 2440 – ein Traum aller Träume10 wird schon bald nach Erscheinen ein echter Bestseller, der ein breites Lesepublikum in ganz Europa begeistert haben soll. Mercier beschreibt dort die fiktive Zeitreise in eine sehr ferne Pariser Zukunft. Darin geht es um die Utopie einer Metropole und ihrer Errungenschaften im 25. Jahrhundert. Das zunächst anonym erschienene Werk wird zum echten Publikumserfolg, erregt erstaunliches Aufsehen und gerät dadurch in den Fokus der Obrigkeit, sodass es in Frankreich schließlich auf dem Index verbotener Schriften landet. Das, was Mercier schreibt, kann der staatlichen Zensur nicht gefallen.
„Ich bin siebenhundert Jahre alt.“
Worum geht es in diesem Roman? Der Plot ist schnell erzählt. Eines Abends im Jahr 1771 schläft ein Mann in Paris ein und wacht knapp 700 Jahre später an Ort und Stelle wieder auf. Wie der Ahnungslose von Einheimischen erfährt, schreibt man inzwischen das Jahr 2440. Gelehrte Männer führen den zunächst Irritierten durch ein seltsames Paris, das sich verändert hat, ohne sich allerdings wirklich zu verändern. Das neue/alte Paris und seine utopische Wirklichkeit erschließen sich den Leser*innen auf über 500 Seiten durch die Fragen des gealterten Protagonisten. Interessant ist dabei vor allem die Erzählung von den Strukturen und vom reibungslosen Funktionieren dieser visionären Gesellschaft. Das Paris der fernen Zukunft ist eine verkehrsberuhigte Stadt, ausschließlich bevölkert von Fußgängern. Vor allem die Kutschen sind aus der Stadt verbannt. Von diesem Fahrzeug selbst mehrfach angefahren und verletzt, erträumt sich Mercier eine Welt ohne jedes künstliche Fortbewegungsmittel: ungefährliche Mobilität per pedes. Das hat durchaus reale, verkehrsgeschichtliche Hintergründe, denn in Frankreich hat die Postkutsche, die im 17. Jahrhundert eingeführt wurde, jährlich mehr Menschen getötet als ihre Nachfolgerin, die Eisenbahn.11
Die Straßen der Stadt sind insgesamt sauber und aufgeräumt, die Plätze großzügig angelegt. Alles war verändert. Alle die Vierthel der Stadt, die mir so bekannt waren, stellten sich mir unter einer verschiedenen und gang neuerlich verschönerten Gestalt vor. Ich verlor mich in großen und schönen Straßen, die schnurgerade liefen. Ich kam an weite Kreuzwege, wo eine so schöne Ordnung herrschte, daß ich auch nicht die kleinste Verwirrung merkte. Ich hörte Feines von dem verwirrten und seltsamen Geschrey durcheinander, das meinem Ohr vormals so unangenehm gewesen war. Ich traf auch keine von den Wagen an, die mich alle Augenblicke niederfahren wollten.12
Die Dächer der nach damaligen Maßstäben riesigen Innenstadt sind mit reichlich Pflanzen begrünt. Wir fliegen auf die Höhe eines Hauses durch eine Treppe, wo man hell sehen konnte: Welch ein Vergnügen war es für mich, der ich eine freye Aussicht und reine Luft so sehr liebe, eine Terrasse zu finden, die mit Blumenscherben geschmückt, und mit einem wohlriechenden Weingeländer bedecket war. Der Gipfel jedes Hauses hatte eine solche Terrasse: so dass die Dächer, die alle von einer gleichen Höhe waren, zusammen einen großen Garten ausmachten, und die Stadt, wenn man sie von der Höhe eines Thurms besah, mit Blumen, Früchten und Laub gekrönt war.13 Armut ist an diesem Zukunftsort kein Thema mehr, soziale Hierarchien sind abgeflacht – aus manchen Adeligen sind Gastwirte geworden, an deren Tafeln Platz für alle Bedürftigen ist. In dieser Subsistenzwirtschaft ist genug für alle da. Luxusgüter sind vollständig verpönt, weil überflüssig und anrüchig. Das alte Herrschaftssystem des Absolutismus ist abgeschafft, nicht aber der Monarch – inzwischen Ludwig XXXIV- selbst, den die Menschen jetzt inbrünstig verehren. Das politische System der Zukunftsstadt ist weder monarchisch noch demokratisch, noch aristokratisch, sondern vernünftig und für Menschen gemacht.14 Mercier entwickelt in seiner Utopie eine Variante von Jean-Jacques Rousseaus Contrat Social (Gesellschaftsvertrag), über den Regierende und Regierte zum beiderseitigen Vorteil miteinander verbunden seien. Die Institutionen seines idealen Gemeinwesens sind nur dadurch legitimiert, dass sie die natürliche Gleichheit der Menschen erneuern sollen. Das Paris des Jahres 2440 ist auf dem Weg zurück zur Natur und erscheint als ein Ort der Glückseligen: Das Privat eigentum unterliegt einer strengen Sozialpflichtigkeit. Die Sklaverei ist abgeschafft, und alle Menschen sind gleich. Besser gesagt: Fast alle! Fremde dürfen die Stadt nämlich nicht mehr betreten. Ausländer gibt es dort nicht. Eigentlich existieren sie gar nicht. Und die politische Emanzipation bleibt auf die bürgerlichen Hausväter beschränkt. Tatsächlich wird Mercier nicht müde, den Rousseauschen Topos zu variieren, daß die Frauen nur eine »natürliche Pflicht« kennen: Kinder zu gebären und denen ihre Muße zu versüßen, die mühsam für die Bedürfnisse des Lebens sor gen. Die Frauen zeichneten »sich durch nichts anderes aus als durch das, was von ihren Männern auf sie zurückfällt. Sie finden ihr Vergnügen ausschließlich an den Freuden des häuslichen Lebens.15
Portrait Louis-Sébastien Mercier von Francois Bonneville
Bücher, die sich den verbindlichen Werten dieser Gesellschaft kritisch nähern oder Zweifel äußern, sind verboten oder werden zensiert. Aber, mit Erlaubnis, wer ist denn der Mann, den ich mit einer Maske vor dem Gesichte vorübergehen sehe? Wie eilfertig er geht. Er scheint auf der Flucht zu seyn. – Es ist ein Schriftsteller, der ein schlechtes Buch geschrieben. Wenn ich sage, ein schlechtes, so verstehe ich nicht darunter die Fehler des Stils oder des Witzes: man kann ein vortreffliches Werk mit einem rauen, aber guten gesundem Menschenverstande schreiben. Wir verstehen darunter bloß, daß er gefährliche Grundsätze, die der gesunden Moral entgegen sind, ans Licht treten lasse, jener allgemeinen Moral, die allen Herzen redet. Dafür zu büßen, trägt er eine Maske, damit er seine Schande so lange verberge, bis er sie durch vernünftigere und weisere Schriften wieder ausgetilget hat.16 Im vernünftigen Gemeinwesen des Jahres 2440 sind die Maßstäbe für gut und schlecht, richtig und falsch a priori gegeben und nicht mehr verhandelbar. Polizeibeamte an nahezu jeder Straßenecke garantieren eine stabile Ordnung, die ganz ohne Juristen funktioniert. Die sind in dieser rigiden Welt überflüssig, weil auf Verbrechen jeglicher Art unmittelbare Verbannung oder gar die Todesstrafe steht. Nur der Ex-Monarch Ludwig XIV muss hier auf ewig am Leben bleiben und inmitten der Ruinen eines zerstörten Versailles stellvertretend die Fehler der ehemals vertragsbrüchigen Monarchie insgesamt bereuen. Als der Protagonist den unglücklichen Herrscher schließlich selbst befragen will, wird er durch den Biss einer Schlange aus seinem Traum aller Träume in die Welt von 1771 zurückgeholt.
Der umtriebige Autor wird am 6. Juni 1740 als Sohn eines wohlhabenden Handwerkers am Ort der Handlung geboren. Der Vater ermöglicht ihm eine gymnasiale Ausbildung, nach deren Abschluss er als Hilfslehrer zunächst in Bordeaux arbeitet. Schließlich kehrt er als Schriftsteller zurück nach Paris, der es schließlich auf rund 50 Dramen, zahlreiche Streitschriften und politische Essays, einen utopischen Roman und ein 12 Bände umfassendes Werk über seine Heimatstadt Paris bringen wird. Mercier ist ein literarisch überaus produktiver wie auch ein politisch exponierter Mensch. Vor der Revolution von 1789 geht er aus Furcht vor drohender Verhaftung für fünf Jahre ins Exil in die Schweiz. Nach seiner Rückkehr sympathisiert er als glühender Verehrer Jean-Jacques Rousseaus zunächst mit den Jakobinern, später mit den Girondisten, sitzt als Abgeordneter zunächst im Nationalkonvent, danach als Gegner Robespierres im Gefängnis und entgeht schließlich nur knapp der Guillotine, weil sich auch die Revolutionsphase der Terreur alsbald dem Ende zuneigt und Robespierre gestürzt wird. Politisch geht es für Mercier danach aber ungebrochen weiter im Rat der Fünfhundert und später als Verehrer und Unterstützer von Napoleon Bonaparte. Daraus wird aber schnell wieder Gegnerschaft, als dessen kaiserliche Ambitionen erkennbar und mit den Überzeugungen des erklärten Republikaners unvereinbar werden. Als Napoleon gestürzt wird, befindet sich die literarische Karriere des einst Vielgelesenen längst im Sinkflug. Louis-Sébastien Mercier stirbt 1814 so gut wie vergessen in Paris, erhält aber ein Grabmal auf dem Friedhof Père Lachaise.
Seine Heimatstadt ist gegen Ende des 18. Jahrhunderts zusammen mit London, der unangefochtenen Weltstadt Nummer Eins, das Epizentrum der Urbanisierung, der Wissenschaften, der Künste, der Mode und des guten Geschmacks in Europa, aber auch unübersehbar das Zentrum des Gestanks.17 Enge und schlecht angelegte Straßen, die die freie Luftzirkulation zum Stocken bringen, Schlachtereien, Fischhallen, Senkgruben, und Friedhöfe führen dazu, dass sich die Luft zersetzt, sich mit unreinen Partikeln sättigt und dass diese stehende Luft eine schädliche Einwirkung hat. Die Häuser von übermäßiger Höhe sind schuld, dass die Bewohner des Erdgeschosses und des ersten Stocks noch in einer Art Halbdunkel leben, wenn die Sonne ihren höchsten Stand schon erreicht hat.18 Während gleichzeitig in Preußen die Zahl der großen Städte noch überschaubar ist und vier von fünf Menschen auf dem Land leben, wachsen sie in West- und Südeuropa zu Metropolen: Paris, London, Neapel, Amsterdam. Um 1800 zählt die französische Hauptstadt mehr als 550 000 Einwohner (zum Vergleich: London 950 000, Neapel 430 000, Amsterdam 270 000, Berlin 170 000). Zu den permanent sesshaften Pariser*innen kommen noch die für das Tagesgeschäft in die Stadt strömenden Menschenmassen hinzu, die sie zumeist am Abend wieder verlassen: Die Seine-Metropole und Ile-de-France sind Magneten der Migration von Ortsfremden, die eine ohnehin hoffnungslos überfüllte Stadt noch enger, unübersichtlicher und damit unkontrollierbar machen – ein echtes Problem der überforderten Ordnungskräfte des absolutistischen Staates, der wiederum von den Steuern und Abgaben der ökonomisch prosperierenden Metropole zwar profitiert, mit seinen polizeilichen Maßnahmen spätestens in den sozial brisanten, verarmten Faubourgs aber chancenlos bleibt. Ab 1785 wurde um Paris herum auf einer Länge von 23 Kilometern eine 3,30 Meter hohe neue Stadtmauer gezogen, Bauzeit drei Jahre. Sie diente mit ihren rund 60 Toren ausschließlich als Zoll- und Kontrollgrenze, bevor diese schon drei Jahre später, in der Revolution 1791 wieder abgeschafft wurde. So ist Paris zu Merciers Lebzeiten eine metropolitane Agglomeration, die aufgrund stetig wachsender Population und räumlicher Verdichtung außer Kontrolle geraten war; eine moderne Großstadt, die schnell ihre Grenzen (i. e. Stadtmauern) gesprengt hatte: für die damaligen Zeitgenossen, soweit sie mit Planungsaufgaben befasst waren, eine im Wortsinne unermessliche Stadt und von oben betrachtet ein Meer aus Hütten, Palästen, Häusern und Werkstätten entlang des Seine-Bogens – mit enormer Ausdehnung nach den Maßstäben der damaligen Zeit. Paris war vor allem eine Metropole der ungezählten Gassen, die sich bei Starkregen in regelrechte Schlammströme verwandelten. Rapides Wachstum traf hier zusammen mit der politischen Krise des Absolutismus und sozialen Konflikten, die durch hohe Brotpreise, Hungersnöte und Lebensmittelknappheit noch verschärft wurden. Die Stadt musste mit Mehl von außen versorgt werden, täglich mehrere tausend Säcke davon.
Der Faubourg Saint-Marcel. Das ist das Viertel, in dem der ärmste, unruhigste und unbändigste Pöbel von Paris haust. In einem einzigen Haus des Faubourg Saint-Honoré ist mehr Geld vorhanden als im ganzen Faubourg Saint-Marcel oder Saint Marceau zusammengenommen. (…) Die Menschen hier sind drei Jahrhunderte hinter dem Stand der heutigen Errungenschaften und Sitten zurück. Alle privaten Wortgefechte werden hier auf der Straße ausgetragen; und ist eine Frau unzufrieden mit ihrem Mann, verficht sie ihre Sache auf der Straße, zitiert ihn vors Gericht des Pöbels, versammelt alle Nachbarn und trägt den Skandalbericht ihres Kerls vor. Wortwechsel jeder Art enden mit groben Faustschlägen; und abends ist man wieder versöhnt, wenn der eine von beiden das Gesicht mit Schrammen bedeckt hat.19 Die französische Metropole ist eine Stadt der Gegensätze.
Der Utopist Mercier ist im realen Leben ein passionierter Fußgänger, den es bis in diese letzten Winkel von Paris zieht. Er bezeichnet sich selbst als Maler mit der Schreibfeder. Den ortskundigen Schriftsteller interessiert vor allem die Alltagsrealität der arbeitenden Klassen und der kleinen Existenzen am Rande der Stadt: die Armen und Kranken, die Straßenhändler, die Ausgestoßenen, Latrinenreiniger, Wucherer, Metzger, die Prostituierten und Kleinkriminellen in den Gassen und Gossen von Paris und auch jenseits der Stadtmauern. Er steigt hinab in den Untergrund der Stadt, besichtigt Kloaken, Gefängnisse, widmet sich den Bestattern und der Straßenbeleuchtung. Er kennt vor Ort die Kapitalisten, Börsenspekulanten, Bürger, Handwerker und Plebejer und auch die Plätze, wo sie verkehren. Sein wohl bekanntestes Werk ist eine ins kleinste Detail verliebte Schilderung des metropolitanen Großstadtlebens vor der Revolution von 1789: Le Tableau de Paris.20 Die Übersetzungen des Tableau ins Deutsche, Englische, Italienische und Niederländische erscheinen in einer kolportierten Auflage der damals imposanten Zahl von 100 000 Stück und erleben in kürzester Zeit zahlreiche Neuauflagen. In 1046 Kapiteln entwickelt Mercier dort mit den Mitteln der teilnehmenden Beobachtung eine der wohl frühesten Sozialreportagen großstädtischen Alltagslebens überhaupt – und vor allem von dessen Schattenseiten. Er tut dies mit dem Blick des bürgerlichen Flaneurs auf eine ihm oftmals fremde Welt, die er aus den Fugen und völlig in Unordnung geraten sieht. Ungeniert ermöglicht er seinem Publikum intime Innenansichten des Lebens in der vorrevolutionären Metropole, beschreibt lebendige Straßen und Plätze und vor allem die Menschen, die seine Heimatstadt bevölkern, ihre Berufe, Tätigkeiten und ihren Alltag mit Sitten, Gebräuchen, Neigungen und Obsessionen. Merciers Stil kommt offenbar an, zumindest bei den deutschen Lesern. Die Pariser Schilderungen sind als dichte Beschreibungen oft plastisch bis drastisch im Stil, schonungslos realitätsnah und werden damit schnell zum Bestseller; denn sie entführen das bürgerliche Lesepublikum in den oftmals bedrückenden Alltag fremder (Unter-)Welten und konfrontieren dabei mit dem Unerwarteten, Exotischen, auch Schockierendem. Die Kloakenentleerer schütten auch, um sich die Mühe eines Transports vor die Stadt zu sparen, die Fäkalien im Morgengrauen in die Abflussgräben und Rinnsteine. Diese entsetzliche Brühe ergießt sich nun die Straßen entlang auf die Seine zu und verseucht die Ufer, wo die Wasserträger morgens mit ihren Eimern das Wasser schöpfen, das die unempfindlichen Pariser zu trinken genötigt sind.21 Oder etwas krasser: Noch unglaublicher aber ist, dass gestohlene oder gekaufte Leichen, an denen sich die jungen Chirurgen in der Anatomie üben, oft zerstückelt in diese Abtrittgruben geworfen werden.
Eugène Atget, Cour du Dragon, Paris um 1900
Im 17. Jahrhundert erscheinen in Europa, vor allem in Paris, bereits die ersten Stadtpläne. Der Kaufmann Michel Étienne Turgot lässt hier einen dieser Pläne fertigen, der als Stich auf 21 Kupferplatten 1739 fertiggestellt wurde. Zwischen 1734 und 1736 werden die Detailarbeiten dazu von dem Geografen Louis Bretez durchgeführt.22 Noch sind sie nicht abstrakte Pläne, nicht Projektionen des Stadtraumes in ein geometrisches Koordinatensystem, vielmehr eine Mischung. Vielmehr sind sie eine Mischung aus Vorstellung und Wahrnehmung, aus Kunst und Wissenschaft, zeigen die Stadt von oben und aus der Ferne gesehen, perspektivisch, als Gemälde und gleichzeitig als geometrische Darstellung. Der idealistische und zugleich realistische Blick, der Blick des Geistes, der Macht, richtet sich auf die Vertikale, in den Bereich der Erkenntnis und der Vernunft, beherrscht und schafft so ein Ganzes: die Stadt.23 Henri Lefebvre sieht darin die Umkehrung der Gesellschaftsordnung durch die Verlegung des sozialen Geschehens vom Land in den Bereich des Städtischen. Dieser Bedeutungswandel sei untrennbar mit dem Wachstum des Handelskapitals, der Existenz des Marktes verbunden.24 Mercier widmet sich in aller Ausführlichkeit den umtriebigen Märkten von Paris. Der Wandel von der mittelalterlichen Stadtwirtschaft zur kapitalistischen Handelswirtschaft drückt sich wohl am deutlichsten in der räumlichen und zeitlichen Ausweitung dieser Märkte aus. Jeder Tag ein potenzieller Markttag: Das ließ sich auch von den offenen Plätzen in geschlossene Räume verlagern. Schon im späten 18. Jahrhundert gründete der Bankier David Kromm in Paris ein Warenhaus mit bis zu 300 Angestellten. 1844 arbeiteten in dem modernen Magasin de Nouveautés Aux Villes de France rund 500 Menschen. Warenhäuser wurden zu den lebenswichtigsten Institutionen 2diesen kommerziellen Regimes.25 Sie vereinigten Ladengeschäfte verschiedenster Art unter einem Dach.
Die Historikerin Annette Kehnel gewinnt diesen Beobachtungen einen interessanten Aspekt ab. In ihrer viel diskutierten historischen Spurensuche nach frühneuzeitlichen Beispielen alternativer Lebensformen (Wir konnten auch anders) bezeichnet sie die Second Hand Märkte von Paris zusammen mit anderen Formen alternativer Ökonomiemodelle als einfach ignorierte Stiefkinder der historischen Forschung:26 (…) obwohl die Zirkulation von gebrauchten Gegenständen einen zentralen Bestandteil der Märkte darstellte. In der Textil- und Möbelbranche, so Kehnel, dominierte das Geschäft mit Gebrauchtwaren bis weit ins 19. Jahrhundert.27 Als Beispiel für die später von Seiten der modernen Nationalökonomie als archaisch stigmatisierte Wirtschaftsform führt sie das von Mercier plastisch beschriebene Geschehen unter den Säulen von Les Halles, den zentralen Markt-Einrichtungen im Zentrum der Stadt an. Hier blühte der Handel mit gebrauchten Waren für so gut wie jeden Zweck, sogar für den Bau von Häusern. Buchstäblich alles Gebrauchte, was nicht niet- und nagelfest war, wurde hier zum Kauf angeboten. Mercier beschreibt besonders eindrucksvoll das Treiben der unterschiedlichen Frauen auf einem Markt etwas außerhalb der Stadt, am Place de la Grève – unter der Woche ein frequentierter Ort von öffentlichen Hinrichtungen. Am blauen Montag, dem freien Tag auch der Henker, mutierte dieser Platz gleichsam zur öffentlichen Altkleiderkammer (défroque), in der sich die (Haus-)Frauen jeden Standes, auch Zwischenhändlerinnen, Kleinbürgerliche, Dienstmägde, Prostituierte ohne Unterschied – so Mercier – mit Textilien aller Art, häufig auch nach unverhüllt schamfreier Anprobe von Unterwäsche, reichlich eindeckten. Das Geschäft mit dem Austausch von Gebrauchtem, mit Provenienz quer durch die gesellschaftlichen Milieus, florierte derart gut, dass am Montagabend regelmäßig alles verkauft war. Annette Kehnel sieht in dieser Beschreibung einen Beleg für ihre These, Second Hand, Reparatur und Wiederverwertung seien zentrale Elemente einer vormodernen (Kreislauf)Ökonomie gewesen, nachhaltig und ohne gesellschaftliche Grenzen: Wir hätten also schon einmal anders gekonnt – so ihre optimistische These.28 Das klingt bei Mercier, dem Fin-de-siècle-Zeitgenossen und Paris-Kenner, allerdings deutlich distanzierter. Je bedürftiger die Klassen sind, umso mehr kostet es sie sich zu ernähren. Es gibt arme Haushalte, in denen die Fleischwurst zu drei Sous schon die ganze Sonntagsspeise bildet, weil die finanziellen Möglichkeiten nicht darüber hinausgehen. So liegt es nahe, Geld bei der Kleidung zu sparen, was noch am besten auf dem Altkleidermarkt gelingt, wo schon von sehr weit her gellende, hinterhältige und misstönende Stimmen, die sich streiten, zu hören sind29. Und überhaupt: Die Pariser Märkte sind unsauber, ekelerregend; ein Chaos, in dem alle Waren in einem Durcheinander aufgehäuft sind; manche Schuppen schützen die Lebensmittelvorräte der Bürger nicht einmal vor den Unbilden der jahreszeitlichen Witterung. Wenn es regnet, tropft es vom Dach in die Körbe mit Eiern, Gemüse, Früchten, auf die Butter, und so fort.30 Ungeschminkt unromantische Innenansichten einer urbanen Metropole?
Am Ende des 18. Jahrhunderts überraschte der Berliner Arzt Wilhelm Plouquet seine Zunftkollegen in der damals noch unfertigen Metropole in spe damit, dass er ihnen eine Reihe von Attributen über ärztlichen Lebensstil ins Stammbuch schrieb, die recht wenig mit fachlicher Kompetenz, dafür aber umso mehr mit gebildetem Anstand, Urbanität und Liebenswürdigkeit zu tun hatten.31Urbanität – damit war ein schillernder Begriff in der Welt: Die Allgemeine Deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände von Brockhaus lag mit ihrer Definition kurz nach der Jahrhundertwende gar nicht so weit entfernt von dem prominenten Berliner Arzt. Man versteht hierunter gewöhnlich feine Lebensart. Eigentlich ist es das feine Benehmen in Gesellschaft Anderer, wodurch man alles dasjenige zu vermeiden sucht, wodurch der gebildete Geschmack, oder das Schönheitsgefühl verletzt werden würde. Es ist mithin verschieden von Höflichkeit und Artigkeit; das Gegentheil ist Rusticität. (…) Das Wort kommt aus dem Lateinischen her, von urbs (die Stadt). Und zwar verstand man ausschließlich Rom darunter, als das Wort selbst gebildet wurde; mithin heißt Urbanität wörtlich: das Benehmen, wie es zu Rom stattfand, insbesondere zur Zeit der Republik. Der Mangel eines einzig Gebietenden und eines Hofes um ihn ließ Höflichkeit nicht aufkommen, sondern die große Freiheit jedes Bürgers war Ursache eines freien, offenen und furchtlosen Benehmens, wie es in monarchischen Staaten nicht stattfinden kann, und da dieses wiederum durch die sittliche und ästhetische Bildung, so wie durch die Achtung der gegenseitigen Rechte gemildert wurde, so bildet sich nach und nach dasjenige Benehmen aus, welches Urbanität genannt wird.32
Unter Urbanität verstand man also zunächst einmal gutes Benehmen, guten Geschmack und Stil, feine Lebensart und erlesenes Schönheitsgefühl auf der Grundlage unbedingter bürgerlicher Freiheit, sittlicher und ästhetischer Bildung sowie deren Bindung an die Stadt, welche die dazu nötige Offenheit garantieren konnte: ein Phänomen der Oberschichten und des Bürgertums. Das historische Begriffsverständnis der Frühmoderne ließ damit bereits die Eckdaten künftiger, auch sozialwissenschaftlicher Konzepte erkennen. Kein Wunder: Die sich bereits abzeichnende Konzentration der Bevölkerung in städtischen Verdichtungsräumen, das rapide Wachstum alter und auch völlig neuer Städte zu Großstädten und (Industrie-)Metropolen wurde zum Megatrend des langen 19. Jahrhunderts und alsbald auf den quantitativen Begriff der Urbanisierung (Verstädterung) gebracht – künftig als ein zentrales Merkmal der Moderne verstanden.
Louis-Sébastien Mercier ist gedanklich offenbar in beiden Welten heimisch. Seine Utopie für das Jahr 2440 ist ein ins Gegensätzliche verkehrte Spiegelbild seiner realistischen Beschreibung des urbanen Paris in den Tableau-Kapiteln: Die zeitgebundene Stadtutopie ersetzt lediglich das Schlechte, den Schmutz einer exponentiell wachsenden Industriemetropole durch die sauber geordnete Welt einer immobilen Stadtgesellschaft, in der soziale Gegensätze, Armut, jegliche schmutzige Arbeit überwunden sind. Damit entwickelte Mercier einen frühen Entwurf zur sozialen Pazifizierung und Hygienisierung der Stadt,33 lange bevor die Methode Haussmann ein knappes Jahrhundert später den radikalen Umbau von Paris als das Projekt eines autoritären Herrschers (Napoleon III) durch die Praxis des Breschelegens34 in den Armenvierteln, durch ehrgeizigen Straßenbau und kompletten Abriss von Häuserzeilen zu realisieren suchte. So entstanden zwar die heute viel bestaunten, breiten und schnurgeraden Boulevards des mit allen rechtlichen Mitteln der Enteignung und reichlich Kapital ausgestatteten Präfekten, Georges-Eugène Baron Hausmann, mit ihren beindruckenden Prachtbauten in der ersten Reihe, während sich die Symptome der Armut der kleinen Leute in die Hinterhöfe verlagerten, ohne dort jedoch kontrollierbarer zu werden. So sah es schon Friedrich Engels.
Urbanisierung und Industrialisierung bildeten bald ein abstraktes Begriffspaar im Diskurs zur globalen Dynamik ökonomischer und gesellschaftlicher Modernisierungs- und Wachstumsprozesse. Am Beginn des 20. Jahrhunderts richtete etwa der Soziologe Georg Simmel den konkreten Blick auf die Menschen in der Stadt und beobachtete erstmals einen neuen großstädtischen Habitus, der insbesondere durch Distanziertheit geprägt sei.35 Eine Generation später prägte der deutschstämmige Chicagoer Soziologe Louis Wirth die Vorstellung vom Urbanism as a way of life, indem er Urbanität als Kategorie menschlichen Verhaltens beschrieb, als eine städtische Lebensform, die einerseits von der Größe und Dichte der Stadt, andererseits von der Heterogenität ihrer Bewohner*innen geprägt sei.36 Damit war eines der Grundmerkmale von Urbanität benannt, in dem sie als Kategorie menschlichen Verhaltens, als Lebensweise oder Lebensstil aufgefasst wurde, geprägt durch Erlebnisse und Stimmungen, die man als urban bezeichnen wollte.
Als moderne Lebensform wird sie in dieser Betrachtungsweise zum Kristallisationspunkt des Zusammenspiels einer ganzen Reihe von weiteren Prozessen, die als Reaktion auf die ökonomischen, sozialen, hygienischen und technischen Herausforderungen einer beschleunigten Entfaltung der Produktivkräfte interpretiert wurden. Damit war zugleich ein anderes Merkmal identifiziert: Urbanität als historischer Prozess gesellschaftlicher Organisation und Entwicklung. In diesem Zusammenhang waren die neuen Großstädte jedoch weniger die sozialen Schmelztiegel, wie sie Louis-Sébastien Mercier als Utopie vorschwebten, sondern vielmehr die Orte der Vertiefung von Klassengegensätzen mit höchst krisenhaften Entwicklungspotenzialen, die durch die Zusammenballung von Menschen auf engstem Raum an physischer Nähe und damit einen neuen Realitätsgehalt gewannen, was besonders gut an der Explosion der Bodenpreise ablesbar war. Im 13. Jahrhundert hatte in Paris ein Hektar einen Wert von 2 600 Francs, im 20. Jahrhundert kostete dieser im selben Bezirk 1 297 000 Francs, eine enorme Wertsteigerung, auch unter Berücksichtigung unterschiedlicher Geldwerte. Mit dieser Entwicklung konnten die Gehälter etwa der Arbeiter nicht Schritt halten. Im 15. Jahrhundert waren bei allgemein steigenden Löhnen die Mieten sogar noch gesunken. Da ein Handwerksgeselle bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts jedoch niemals mehr als 675 Francs verdiente, eine Wohnung in bescheidener Lage aber 350 Francs an Miete verschlang, mussten die meisten darauf verzichten, unter einem eigenen Dache zu wohnen – so der Historiker Lewis Mumford.37
Gustave Caillebotte, Paris Boulevard 1877
Dieser folgen- und konfliktreiche Prozess wurde schließlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Motor der Entfaltung eines komplexen Systems städtischer Leistungsverwaltung, Daseinsvorsorge und kultureller Vielfalt, deren bisweilen kreative und finanzstarke Protagonisten vor allem die Großstädte zu Inseln der Modernisierung aufwerteten. Sie nannten diese Bewegung Munizipalsozialismus. Und das hatte ein Jahrhundert zuvor Louis-Sébastien Mercier in seinem utopischen Urbanitätsentwurf in Variation bereits vorhergesagt: Gibt es etwas von größerer Wichtigkeit als die Gesundheit der Bürger? Hängt die Kraft zukünftiger Generationen und folglich auch des Staates nicht von der städtischen Fürsorge ab? Aber selbst die besten Institutionen sind Schwerfälligkeiten und Rücksichtnahmen unterworfen, weil das Gute niemals so schnell, so umstandslos wie das Schlechte zu schaffen ist.38 Mercier war also ein utopiefähiger Realist des späten 18. Jahrhunderts, vor allem aber ein scharfer Beobachter seiner Zeit und intimer Kenner seiner Heimatstadt Paris. Der Erfolg seiner beinahe enzyklopädisch wirkenden Innenansichten beruhte nicht zuletzt auf dem Trend der Zeit, alles aktuelle Wissen auch über städtisches Leben in seiner gesamten Breite zusammenfassend darstellen zu wollen. Der Historiker Reinhart Koselleck hat festgestellt, dass mit Merciers Roman über das Jahr 2440 zugleich das Genre des utopischen Romans und die Utopie insgesamt eine Verzeitlichung erfahren hätten:39 Realexistierender Raum und Zukunft werden als Entwurf idealtypischer Zustände zu einer bestimmten Zeit an einem bekannten Ort miteinander verbunden – hier Paris. Alexander Mitscherlich stellte dem berühmten Stadt-Historiker Lewis Mumford zustimmend fest, er unterscheide treffend zwischen ‚Fluchtutopien‘ (utopias of escape) und den konstruktiven Utopien (utopias of reconstruction); in den ersteren erkennt er den Abwehrcharakter gegen gesellschaftliche Konflikte, die der Utopist nicht zu lösen vermag, denen er vielmehr mit Hilfe der Idealstadt seines Traumes zu entrinnen sucht. Die ‚utopias of reconstruction‘ enthalten stattdessen ‚die Vision einer wiederhergestellten Umwelt, die besser an die Natur und die Ziele der menschlichen Lebewesen angepasst ist, als es deren gegenwärtige Umwelt ist‘.40 In diesem Sinne wäre Louis-Sébastien Mercier definitiv zu den (re)konstruktiven Utopisten zu zählen. Nur deren Ergebnisse seien als ernsthafte Beschäftigung mit der Zukunft anzuerkennen – so Mitscherlich.
Allerdings ist Mercier ein Chronist und ein Utopist, der weder zum Kronzeugen für die Existenz vormoderner Alternativen taugt noch zum Vordenker einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung, auch wenn sich heute seine Zukunftsentwürfe mit etwas Fantasie in Begriffe und Trends wie solidarische Ökonomie, Kreislaufwirtschaft, Urban Gardening, neue Mobilität oder flache Hierarchie übersetzen ließen. Produktion und Distribution der Güter erfolgen nicht für den Markt zum Zweck der Profitmaximierung; Motiv des Wirtschaftens ist – wenn auch auf der Grundlage des Privateigentums und der Geldwirtschaft – die Bedürfnisbefriedigung.41 Mercier hinterließ der Nachwelt ein Ensemble sowohl eindrucksvoll historischer Teilansichten der ungeschminkten Urbanität einer Weltstadt am Ende des 18. Jahrhunderts,42 einer Zeit, in der sich die Meistererzählung vom allgemeinen Fortschritt mit dem Prinzip des unbegrenzten Eigennutzes als Triebfeder zum Gründungsmythos der Moderne aufschwangen.43 Und nebenbei verfasste er auch den wohl ersten Science-Fiction Roman überhaupt, allerdings als harmonistisch-verklärte Vision vom künftig egalitären und gesunden (Stadt)Leben im Einklang mit der Natur und einem imaginären Volk als eine einzige große Familie.
Mercier entwickelte damit lange vor dem Höhepunkt der Urbanisierung ein zeittypisches Verständnis davon, dass diese eine räumliche Komponente hat, der zwei Jahrhunderte später, aber noch lange vor seiner utopischen Erzähl-Zeit, insofern neue Bedeutung zukommt, als sich nun ein fundamentaler Konflikt auftut, in dem die entgrenzten ökonomischen (Wachstums-)Erwartungen der kapitalistischen Gesellschaft auf die Begrenztheit globaler Ressourcen stoßen. Doch was sich seit Merciers Schriften kaum geändert hat, ist die überkommene Ansicht, dass noch immer die Städte, zumal die Metropolen, Fluchtpunkte für Wunschprojektionen und Fantasien von einem besseren Leben sind, auch wenn Natur nur noch als Park präsent ist. Dabei erscheint zugleich das enge Neben- und Miteinander ihrer aktuellen Probleme (Dichte, Mobilität und Verkehr, Emissionen, Lärm und Schmutz, Anonymität, Unübersichtlichkeit, ihre Widersprüche, unterschiedliche Lebensqualitäten, soziale Verwerfungen, Segregation und Konflikt) auch das Antriebspotenzial zu liefern für eine gelingende ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Transformation. Ihre Realität birgt die Chance für Antworten auf komplexe Herausforderungen in Zeiten der Krisen, weil die Städte noch immer das versammeln, was dazu benötigt wird: Sensibilität und Wahrnehmung, Wissen und Kultur, Vielfalt und Kreativität, Information und Kommunikation, Produktivität und Innovation, aber vor allem Macht und Geld.
10 Mercier, Louis-Sébastien: L’an deux mille quatre cent quarante. Rêve s’il en fut jamais, London 1776. Deutsch: Das Jahr 2440. Ein Traum aller Träume. Übersetzt von Christian Felix Weiße. Hrsg., mit Erläuterungen und einem Nachwort versehen von Herbert Jaumann, Frankfurt am Main 1982. Original digitalisiert: https://archive.org/details/dasjahrzweytaus01mercgoog
11 Mumford, Die Stadt, S. 432
12 Mercier, 2440, S. 17
13 Ebda. S. 48
14 Ebda. S. 372
15 Saage, Richard: Merciers „Das Jahr 2440“ und die „kopernikanische Wende“ des utopischen Denkens, in: UTOPIE kreativ, 101(1999), S. 48-60, S.56. online: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/101_Saage.pdf
16 Mercier, 2440, S.61
17 Corbin, Alain: Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs. Berlin 1984, S. 42
18 Mercier, Louis-Sébastien: Pariser Nahaufnahmen. (Tableau de Paris), ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Tschöke, Frankfurt/Main 2000, S. 21
19 Ebda. S.39f
20 Das Original von Merciers Tableau de Paris umfasste 12 Bände und wurde veröffentlicht in Hamburg, Neuchâtel, Amsterdam 1781-1788. Im Folgenden beziehe ich mich auf die limitierte Auflage unter dem Titel Pariser Nahaufnahmen in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen bibliophilen Buchreihe Die andere Bibliothek mit 110 der ursprünglich über 1.000 Tableaus.
21 Mercier, Nahaufnahmen, S. 23
2 Blond, Stéphane: Le plan de Turgot, Histoire par l‘image [online]: http://histoire-image.org/fr/etudes/plan-turgot
23 Lefebvre, Henri: Die Revolution der Städte. Orig. (1970): La Révolution urbaine. Frankfurt/ Main 1990, S. 18f
24 Ebda. S. 19
25 Mumford, Die Stadt, S. 509
26 Kehnel, Annette: Wir konnten auch anders. Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit, München 2021, S. 133ff
27 Ebda. S. 131
28 Ebda. S. 135
29 Mercier, Nahaufnahmen, S. 148
30 Ebda. S.35
31 Plouquet, Wilhelm Gotthilf: Der Arzt. Oder über die Ausbildung, die Studien, Pflichten, Sitten und die Klugheit des Arztes, Tübingen 1797, S. 28
32 Brockhaus, F.A. (Hrsg.): Allgemeine Deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände. Zehnter Band der Fünften Original Ausgabe. Leipzig 1820, S. 249
33 Lenger, Friedrich: Metropolen der Moderne, Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850, München22014
34 Engels, Friedrich: Zur Wohnungsfrage. (1872) In: Karl Marx/Friedrich Engels Werke. Bd. 18, Berlin 1981, S. 260f
35 Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben. In: Petermann, T. (Hrsg.): Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung. Jahrbuch der Gehe-Stiftung zu Dresden, Bd. 9, Dresden 1903, S. 185-206
36 Wirth, Louis: Urbanism As A Way of Life. In: AJS. 44, 1938, S. 1–24. Deutsch: Urbanität als Lebensform. In: Herlyn, Ulfert. (Hrsg.): Stadt- und Sozialstruktur, München 1974, S. 42-66
37 Mumford, Die Stadt, S. 503
38 Mercier, Nahaufnahmen, S. 24
39 Koselleck, Reinhart: Verzeitlichung der Utopie, in: Voßkamp, Wilhelm (Hg.): Utopieforschung. Bd.3, Frankfurt 1985, S. 1–14
40 Mitscherlich, Alexander: Thesen zur Stadt der Zukunft. Frankfurt/Main 1971, S. 51. Mitscherlich zitiert hier aus einer frühen Schrift des berühmten Stadthistorikers Lewis Mumford: The Story of Utopias. Ideal Commonwealths an Social Myths, London 1923
41 Saage, Mercier, S. 55
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