Treppe zum Licht - Silke May - E-Book

Treppe zum Licht E-Book

Silke May

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Beschreibung

Hoch oben in den Bergen, unterhalb des kargen Felsenmassivs, führte ein unscheinbarer kleiner, aber tief in das Innere des Berges führender Höhlengang. Dieser endete an einer schmalen Treppe, die in der Dunkelheit kaum sichtbar und nur noch zu erahnen war und deren Stufen so weit hinunterreichten, dass man glaubte, im Nichts anzukommen. In diesem Labyrinth lebten die Gomas – ein kleines Volk von ungefähr sechzig Erwachsenen und ihren Nachkommen. Keiner der Gomas, außer ihrem Herrscher mit seinen persönlichen Wächtern, hatte jemals das Innere des Berges verlassen. Sota ihr Herrscher hatte zehn der stärksten Männer zu seinen Wächtern auserwählt, damit sie für Ruhe und Ordnung im Labyrinth sorgten. Die Gomas waren ein friedliches Volk und sie bereiteten ihrem Herrscher keinerlei Sorge. Es gab nur ganz wenige in der Vergangenheit, die das friedvolle Leben aus Ungehorsam störten, diese Menschen jedoch verschwanden für immer auf geheimnisvolle Weise. Man flüsterte sich zu, dass sie alle in ein Verlies geworfen wurden. Ansonsten hatten sie ein ruhiges Leben ohne Zwischenfälle. Sota und seine junge Frau Mata hatten eine siebzehnjährige Tochter namens Solana. Sie war gerade einmal halb so alt wie ihre Mutter. Mata war selbst erst fünfzehn Jahre alt, als ihre Eltern von Sotas Wächtern gefangen wurden, weil man sie auf der Treppe zum Licht erwischt hatte. Ein ungeschriebenes Gesetz der Gomas sagt: Wer diese Treppe betritt, der begeht Verrat und muss sterben.

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Seitenzahl: 460

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Silke May

Treppe zum Licht

Fantasy

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

*1*

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*6*

*7*

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Impressum neobooks

Prolog

Hoch oben in den Bergen, unterhalb des kargen Felsenmassivs, führte ein unscheinbarer kleiner, aber tief in das Innere des Berges führender Höhlengang. Dieser endete an einer schmalen Treppe, die in der Dunkelheit kaum sichtbar und nur noch zu erahnen war und deren Stufen so weit hinunterreichten, dass man glaubte, im Nichts anzukommen.

In diesem Labyrinth lebten die Gomas – ein kleines Volk von ungefähr sechzig Erwachsenen und ihren Nachkommen. Keiner der Gomas, außer ihrem Herrscher mit seinen persönlichen Wächtern, hatte jemals das Innere des Berges verlassen.

Sota ihr Herrscher hatte zehn der stärksten Männer zu seinen Wächtern auserwählt, damit sie für Ruhe und Ordnung im Labyrinth sorgten. Die Gomas waren ein friedliches Volk und sie bereiteten ihrem Herrscher keinerlei Sorge. Es gab nur ganz wenige in der Vergangenheit, die das friedvolle Leben aus Ungehorsam störten, diese Menschen jedoch verschwanden für immer auf geheimnisvolle Weise. Man flüsterte sich zu, dass sie alle in ein Verlies geworfen wurden. Ansonsten hatten sie ein ruhiges Leben ohne Zwischenfälle.

Sota und seine junge Frau Mata hatten eine siebzehnjährige Tochter namens Solana. Sie war gerade einmal halb so alt wie ihre Mutter. Mata war selbst erst fünfzehn Jahre alt, als ihre Eltern von Sotas Wächtern gefangen wurden, weil man sie auf der Treppe zum Licht erwischt hatte.

Ein ungeschriebenes Gesetz der Gomas sagt:

Wer diese Treppe betritt, der begeht Verrat und muss sterben.

Matas Eltern kamen wegen Ungehorsam in das Verlies und auch sie verschwanden für immer. Sota nahm sich daraufhin der jungen Mata an, und als sie ein knappes Jahr später die Anzeichen einer werdenden Frau verspürte, nahm er sie zu seiner Gemahlin und schwängerte sie.

Mata brachte ein Mädchen zur Welt, dass sie Solana nannten. Solana würde einmal Sotas Nachfolge antreten, da es eher unwahrscheinlich war, dass Sota in seinem stattlichen Alter noch einmal Vaterfreuden entgegen sehen würde.

Am Fuß des Bergs befand sich ein kleines idyllisch gelegenes Dorf. Niemand im Dorf ahnte, dass in diesem Berg, schon seit Generationen ein Volk lebt, das außer ihrem Anführer und seinen Wächtern noch nie das Licht der Sonne gesehen hatte.

Einem Volk, dem man von jeher Glauben machte, dass ein Verlassen des Berges, falls es jemals gelingen sollte, tödlich wäre. Das direkte Sonnenlicht würde sie jämmerlich verbrennen. Wer in der Zeit in der die dunkle Sonne schien – wie sie den Mond nannten, hinaus geht, den würde der Tod später ereilen.

*1*

Die zierliche Solana saß in der Ecke auf einem großen Kissenlager und schmollte. Ihr langes schwarzes Haar, das ihr im Stehen bis zu den Hüften reichte, fiel ihr dabei auf die Knie. Sie spielte gedankenversunken mit ihren Fingern. Ihre schneeweiße Haut leuchtete fast in der von Kerzenbeschienenen Dunkelheit.

»Solana, meine Tochter, du solltest dich freuen, endlich eine Frau zu werden. Stattdessen ziehst du ein Gesicht, als würde man dich hinrichten«, sagte ihre Mutter zu ihr, während sie verständnislos den Kopf schüttelte.

»Kannst du mir bitte sagen, warum ich mich freuen sollte? Es schmerzt mich im Unterleib und ich blute. Außerdem bin ich traurig.«

Mata lächelte sie an. Sie setzte sich neben ihre Tochter und legte ihr freundschaftlich den Arm über die Schultern.

»Ach Kleines, das gehört einfach zu uns Frauen. Außerdem ist es doch etwas Wunderbares, jetzt zu wissen, dass du fruchtbar bist. Jetzt kannst auch du deinen Beitrag dazu leisten, dass unser Volk wächst.

»Wer sagt denn, dass ich das überhaupt möchte? Woher weißt du überhaupt, dass ich überhaupt ein Kind will?«, maulte ihre Tochter.

»Aber Solana, warum solltest du kein Kind bekommen? Damit wärst du die Erste in unserem Volk!«

»Na und? Dann bin ich eben die Erste. Ich mag keine Kinder! Ich möchte am Leben teilhaben und Arbeit verrichten wie die Männer. Ich möchte auch die schönen Steine aus der Tiefe holen und sie dann schleifen- so wie die Männer und ...«

Mata hatte genug und unterbrach den Redeschwall ihrer Tochter.

»Hör mit diesem Unsinn auf! Wir werden wegen dir nicht unsere Arbeitsteilung ändern, es bleibt, wie es ist, wir Frauen kümmern uns um die Familie und bekommen Kinder und die Männer arbeiten! Ich weiß überhaupt nicht, wer dich auf so dumme Gedanken bringt?«

Die Tür öffnete sich und Solanas Vater kam herein. Schwerfällig trat er ein und ging auf das Kissenlager zu, auf dem beide Frauen saßen. Die reichlich vorhandenen silbernen Fäden, die sein Haar durchzogen schimmerten im Kerzenlicht. Er schmunzelte vor sich hin, als er beide Frauen ansah, dass er ein Mutter–Tochter-Gespräch unterbrach, war ihm in diesem Moment bewusst.

»Was führt ihr hier denn für heimliche Gespräche?« Mata sah ihn lächelnd an.

»Sota …, unsere Tochter ist heute Morgen zur Frau geworden.«

Solana legte ihren Kopf schmollend auf die angezogenen Knie und wich dem Blick ihres Vaters aus.

»Wo ist das Problem?«, fragte er.

»Unsere Tochter wird damit nicht fertig«, erklärte Mata. Sota warf einen bösen Blick auf Solana.»Was heißt das – du wirst damit nicht fertig?«

»Ich möchte mein Leben genießen, so wie es die Männer tun! Ich möchte arbeiten und …«

Das war für Sota zu viel.

»Halt deinen Mund! Was ist das denn für eine Anschauung? Du bist jetzt eine Frau und du wirst das Gleiche tun, wie alle Frauen der Gomas seit Generationen. Basta!«, sprach der Vater in unerbittlichem Befehlston.

»Nein!«, schrie Solana und dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Doch ihr Vater winkte lässig mit der Hand ab.

»Du bleibst so lange in diesem Raum, bis du dich eines Besseren besonnen hast, verstanden?«

Mit diesen Worten verließ Sota die beiden Frauen.

Ihre Mutter erhob sich ebenfalls.

»Du hast gehört, was dein Vater befohlen hat? Entweder du wirst vernünftig, oder du bleibst für immer hier in diesem Raum. Solana, du kennst deinen Vater …, was er sagt, das hält er auch, also überlege dir gut, was du tust!«

Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von ihrer Tochter, die ihr trotzig hinterher sah.

»Das ist mir doch egal, dann sterbe ich eben hier drinnen«, schmollte Solana leise vor sich hin. Sie legte sich in die Kissen und krümmte sich vor Schmerzen, aber sie rief nicht nach ihrer Mutter.

Wie lange sie so da gelegen hatte, wusste sie nicht mehr, doch als sich die Tür öffnete und ihre Mutter ihr einen Teller mit Fleisch brachte, kam es ihr vor, als wären Stunden vergangen.

»Iss und trink«, sagte Mata knapp und stellte den Teller und einen Krug Wasser neben ihre Tochter. Mit rot verweinten Augen sah Solana ihre Mutter an.

»Hast du Schmerzen?«

Das Mädchen nickte und vergrub sogleich wieder das Gesicht in den Kissen.

»Hier trink das! Es ist ein Saft, der krampflösend wirkt. Gib die Hälfte der Flasche in ein Glas mit Wasser, dann ist er nicht so bitter.«

Solana griff nach dem Fläschchen und nickte. Jetzt wusste sie, dass sie eingesperrt bleiben würde und nicht einmal beim gemeinsamen Abendessen anwesend sein durfte. Ihre Mutter verließ den Raum und schloss leise die schwere Tür hinter sich.

Lustlos kaute sie auf dem Fleisch herum und trank anschließend den verdünnten Saft. Dann legte sie sich wieder in ihre Kissen, und als ihre Schmerzen aufhörten, schlief sie schließlich ein.

Nach vielen Stunden erwachte Solana. Sie lag auf dem Rücken und starrte an die kahle Felsendecke. Sie ließ ihre Blicke an den Steinwänden entlang wandern und setzte sich auf.

Nachdenklich betrachtete sie den kalten Boden, der mit selbst geknüpften Teppichen ausgelegt war.

Woher kamen die Materialien, mit denen man solche Dinge machen konnte? Sie hatte ihre Mutter schon einmal gefragt, aber nur die vage Auskunft bekommen, dass Sota sich darum kümmere. Das Geheimnis, woher ihr Vater diese Besitztümer hatte, wurde streng gehütet.

»Nein, mein Leben wird nicht in diesem Steinhaufen enden!«, schimpfte sie laut vor sich hin.

Plötzlich wurde die schwere Holztür geöffnet und Mata kam herein.

»Hast du eine ruhige Nacht verbracht?«, fragte sie und lächelte ihre Tochter dabei an. »Hm …«, gab Solana von sich.

»Ich kann dich überhaupt nicht verstehen! Kannst du mir eine verständliche Antwort geben?«, hakte die Mutter unwirsch nach.

»Ja, ich hatte eine ruhige Nacht«, gab Solana immer noch leicht verstimmt von sich. »Das ist gut. Hast du dich wieder etwas beruhigt?« Solana war die alberne Fragerei sehr lästig, aber sie versuchte Ruhe zu bewahren und freundlich zu wirken.

»Ja, das habe ich«, entgegnete sie artig. Ihre Mutter sah sie prüfend an und Solana zwang sich ein Lächeln auf ihre Lippen.

»Nun gut, dann darfst du am gemeinsamen Frühstück teilnehmen«, beschloss Mata gnädig und legte ihr frische Kleider auf die Kissen. Solana erhob sich und trat an die große steinerne Waschschüssel. Sie schob den großen Riegel an der Wand zur Seite und aus einer kleinen Öffnung floss kaltes Wasser.

»Beeil dich aber, wir warten auf dich«, sagte die Mutter und verließ dann den Raum.

Solana beendete ihre Körperpflege und zog sich eine Leinenhose und das dazugehörige kurzärmelige Hemd darüber – das ihr Mata gebracht hatte. Dieses band sie in der Taille mit einem Leinengürtel zusammen. Sie kämmte ihr Haar mit einem großen Holzkamm, den ihr Onkel geschnitzt hatte. Anschließend verließ sie ihr Zimmer und lief durch die spärlich beleuchteten Gänge in den tiefen Gewölben, zum großen Gemeinschaftssaal.

Als Solana ihn betrat, saßen schon alle an den zwei großen Tischen in der Saalmitte – Frauen und Mädchen an einem, die Männer mit ihren Söhnen am anderen. Sie hatten sich streng getrennt gruppiert, so wie es die Etikette verlangte.

Während Solana auf den Frauentisch zusteuerte, musste sie unmittelbar am Tisch der Männer vorbeigehen und ihrem Vater einen guten Morgen wünschen. Sie trat direkt auf ihn zu und grüßte im Vorbeigehen auch alle anderen am Tisch Sitzenden.

»Guten Morgen Vater«, sagte sie, reichte ihm die Hand und machte zugleich eine tiefe Verbeugung, denn Sota war der Stammesvater und somit eine große Respektsperson.

Neben ihm saß Janis, ihr zukünftiger Mann, und musterte sie leicht schmunzelnd von oben bis unten.

Solana sah ihn giftig an, denn sie wusste, dass er sicherlich schon informiert worden war. Ab jetzt würde er es als selbstverständlich ansehen, seiner Pflicht nachkommen zu müssen.

Eilig ging Solana weiter zu ihrem Tisch, wo sie ebenfalls alle laut begrüßte. Die jüngeren Mädchen kicherten albern und tuschelten, als sie sich setzte. Solana platzte fast vor Wut: Offenbar wussten auch sie alle schon darüber Bescheid, dass sie am Vortag zur Frau geworden war. Sie würgte ihr Frühstück so schnell es ging hinunter, obwohl sie wusste, dass sie den Tisch ohnehin nicht verlassen durfte, ehe alle fertig waren. Janis warf ihr immer wieder Blicke zu und grinste sie frech an.

Eigentlich war sie mit ihm stets sehr gut ausgekommen und bis jetzt war er ein treuer Freund gewesen. Doch seit gestern hatte sich alles verändert. Nun sah er sie plötzlich nicht mehr wie ein Freund an, sondern irgendwie anders … so schien es ihr wenigstens.

Als alle mit dem Frühstück fertig waren, wollten sich die Ersten erheben – auch Solana.

»Bleibt noch einen kurzen Moment sitzen, ich habe eine Mitteilung an euch zu machen«, sagte da ihr Vater mit donnernder Stimme und erhob sich.

»Wie ihr wisst, ist meine Tochter jetzt eine Frau.«

Alle Köpfe drehten sich zu Solana und sie wäre am liebsten im Boden versunken.

»Somit habe ich gemeinsam mit meiner Frau und meinem Bruder Folgendes beschlossen: In der elften Nacht von jetzt an … werde ich Solana zusammen mit Janis für dreißig Tage in eines der Zimmer zur Verschmelzung geben. Dort werden die beiden – wie auch alle anderen Paare bisher, dreißig Tage und Nächte getrennt von uns leben. Und wie es der Tochter eines Anführers gebührt, werden wir nach ihrer Rückkehr bald Zuwachs bekommen.«

Solana spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss, und senkte ihren Blick. Es war ihr sehr peinlich, was ihr Vater mit lauter Stimme von sich gab.

Sie wäre am liebsten aufgestanden und aus dem Raum gelaufen.

Sota sah seine Tochter mit einem zuversichtlichen Lächeln an, und auch auf den Mienen aller anderen formte sich ein hoffnungsvoller Gesichtsausdruck.

Was glaubten sie eigentlich alle? Sie hatte doch überhaupt keine Ahnung davon, wie man überhaupt Kinder machte!

Sie hob ihr Gesicht und sah herausfordernd zu den Gomas.

»Dazu muss ich aber erst einmal wissen, was ich tun muss!«, rief sie vorlaut in die Runde.

»Keine Sorge, das weiß Janis sehr gut! Er wird es dir schon zeigen!«, lachte dessen Vater laut und im nächsten Moment, stimmten alle Erwachsenen mit ein. Nur Janis lachte nicht, er zwinkerte ihr einfach nur zu.

Solana wurde hochrot und sprang auf, dann lief sie aus dem Saal, ohne sich noch einmal umzublicken. Sie rannte geradewegs in den Raum der Ruhe und warf sich auf eines der riesigen Sitzkissen, die überall auf dem Boden verteilt lagen.

Der Raum war nicht sehr hoch und hatte felsige Wände, an denen kleinere Rinnsale zwischen größeren Felsritzen herunterplätscherten. Das Wasser wurde durch eine Lichtquelle von oben angeleuchtet und schimmerte durch die Algenablagerungen grün. In der Mitte des Raumes trafen die Bächlein in einem runden Becken zusammen, das von kleineren Fackeln umrahmt war. Dort konnte man sich für gewöhnlich im Wasser entspannen.

Solana sah mit tränenblinden Augen in das Becken. Sie schämte sich, vor allen so bloßgestellt worden zu sein. Als sie hörte, wie sich leise Schritte näherten, blickte sie absichtlich weiterhin starr zum Becken. Jemand setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern.

»Du darfst dir nichts dabei denken – du weißt doch, dass es immer gleich abläuft«, hörte sie Janis liebevoll flüstern. Solana nickte.

»Ja, aber …«

Janis drückte sie fester an sich. Er fasste mit seiner Hand unter ihr Kinn und drehte sanft ihr Gesicht zu sich, damit er ihr in die Augen sehen konnte.

»Jetzt erwischt es eben uns beide. Wir wussten doch ohnehin, dass es irgendwann dazu kommen würde. Wir mögen uns doch beide sehr oder?« Solana nickte stumm.

»Schau Solana …, hätte mein Vater nichts dagegen gehabt, dass ich Lia liebe, dann wäre sie nicht aus Verzweiflung in den Höhlenschacht gesprungen und wäre mit Sicherheit jetzt an deiner Stelle. Dann würdest du womöglich Cyrill als Mann bekommen. So aber hätte sie mit ihm die Verschmelzung vollenden müssen.«

Bei diesem Gedanken schüttelte sich Solana.

»Brr, da steigt es mir kalt auf! Ich glaube, da würde ich auch in den Schacht springen!«

»Allerdings bin ich mir sicher, dass sie nicht selbst gesprungen ist!

Cyrill hat sie ganz bestimmt gestoßen, weil sie ihn verschmäht hatte«, gab Janis bitter von sich.

»Bist du dir sicher, dass du sie bekommen hättest, denn du warst von Anfang an mir zugesprochen?«

Kurzes Schweigen bei Janis.

»Ja, da bin ich mir ganz sicher, denn wir hätten jede Schmach ertragen. Du hättest dann als Ersatz für mich, Cyrill bekommen, denn er wäre dann an meine Stelle getreten. Wenn ich diese Hinterlist meines Vaters rechtzeitig erkannt hätte, dann wäre es nicht soweit gekommen!«

»Ihr hättet euch nie bekommen! Wie wolltet ihr das Erreichen?«

»Wir hätten heimlich das getan, was uns beiden jetzt bevorsteht, dann hätten sie unsere Liebe akzeptieren müssen, oder uns beide töten. Aber unsere Chance wäre groß gewesen. Schließlich tötet man keine werdende Mutter und ich bin mir sicher, dass sie sich in den Monaten bis zur Geburt damit abgefunden hätten.«

In Solana stieg leichte Enttäuschung hoch, dass sie für Janis eigentlich nur als Ersatz diente.

Jedoch besann sie sich rasch der Gegenwart.

»Ich will aber noch nicht so schnell«, jammerte sie und erneut kullerten dicke Tränen über ihre Wangen.

»Ich möchte noch kein Kind, es muss auch furchtbar wehtun. Ich hörte, wie Frauen sich erzählten, dass jedes Mal, wenn sie am Gebärzimmer vorbeikamen, sich manche Frauen die Lunge fast aus dem Hals schreien.«

»Wer sagt denn, dass wir gleich eines machen können? Vergiss nicht, ich weiß zwar, wie es geht, aber ausprobiert habe ich es noch nicht. Denk an Ela! Sie hat es mit ihrem Mann schon mindestens fünf Mal probiert und noch immer haben sie kein Kind.

Jetzt haben sie nur noch zwei Versuche miteinander, und wenn es dann immer noch nicht geklappt hat, kann sie ein anderer zur zweiten Frau haben.

Übrigens hat sie mich gestern gebeten, mich in diesem Fall ihrer anzunehmen, und wenn es dir nichts ausmacht, dann sage ich ihr zu.«

»Von mir aus kannst du mit ihr ein Kind machen und mich in Ruhe lassen«, schmollte Solana. »Du brauchst keine Angst haben! Ich werde versuchen, es so hinzubekommen, dass du nicht schon bei den ersten Malen befruchtet wirst«, beruhigte sie Janis.

Solana sah ihn dabei skeptisch an.

»Kannst du das denn überhaupt?« Janis nickte.

»Ich weiß, dass es geht, aber probiert habe ich es natürlich noch nicht. Jetzt mach dir bitte nicht mehr so viele Gedanken!

Es ist doch erst in elf Nächten so weit«, schmunzelte er und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange.

Solana durchfuhr ein angenehmes Kitzeln und sie war sehr überrascht, denn das hatte Janis bisher noch nie getan. Als er Anstalten machte aufzustehen, hielt sie ihn fest.

»Janis, versprich mir, dass du mir nie wehtun wirst«, flüsterte sie mit ängstlicher Stimme. Janis drückte sie erneut an sich.

»Meine kleine Solana, aber natürlich verspreche ich es dir.«

Erneut gab er ihr einen Kuss auf die Wange und drückte sie noch fester an sich, doch diesmal blieb das Kitzeln in ihrem Körper aus.

Sie blieben noch eine ganze Weile eng umschlungen auf den Kissen sitzen und sahen schweigend den grünen Wasserspielen zu, die von den Wänden liefen.

Leises gluckern durchbrach die Stille, bis die Tür aufging und Mata eintrat. Sie ging auf beide zu und lächelte vielsagend.

»Ach, hier seid ihr«, hörten sie Mata sagen. Solana, ich brauche dich einen Moment. Übrigens Janis – dein Vater sucht dich.«

Jetzt standen sie beide auf und Janis verließ den Raum und jeder ging vorerst wieder seinen eigenen Weg.

Die Zeit verging und der besagte Tag, an dem Solana das erste Mal zusammenkommen sollten, rückte immer näher.

Da schlich Solana sich eines Morgens aus ihrem Zimmer und tappte den dunklen Korridor entlang in Richtung der Zimmer, die für sie bis jetzt stets verboten gewesen waren.

Leise öffnete sie die erste Tür einen Spalt und schlüpfte hindurch. Sie horchte in die Stille, und als sie nichts hörte, zündete sie die Fackel an der Wand an. Jetzt konnte sie erkennen, dass sie sich in einem kleinen Raum befand, an dessen Hinterseite ein großer Tisch stand. An einem der Tischenden lag ein schweres Kissen – dick genug, um sich im Sitzen daran anzulehnen. Auf einem kleineren Tisch daneben waren fein säuberlich zusammengelegt mehrere Tücher neben einer großen Schüssel gestapelt.

Auf einem weiteren Beistelltisch stand ein größerer Korb. Solana wurde schlagartig klar, dass dies der Raum war, in dem die Kinder geboren wurden.

Sie beeilte sich, das Zimmer zu verlassen und geräuschlos die Tür hinter sich zu schließen. Im Dunkeln betrat sie das nächste Zimmer. Sie staunte nicht schlecht über das, was sie da sah: Die Felswände des ganzen Raumes waren mit Brettern versehen, auf denen mehrere Ballen mit Leinenstoff lagen, also dem Material, das die Gomas auch für ihre Bekleidung verwendeten.

Woher kam diese Menge an weichen, flauschigen Stoffen? Solana war sprachlos. In der Kammer befand sich auch eine Truhe, verborgen in einer dunklen Nische. Neugierig ging sie darauf zu und klappte den Deckel hoch. Sofort bekam sie große Augen.

In der Truhe lagen Männerkleider aus dunklem Stoff – und so etwas hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen. Wem das wohl gehörte? Daneben befanden sich Schuhe aus einem harten Material, ganz anders als die aus weichem dicken Stoff, die sie und das ganze Volk trugen.

Plötzlich hörte Solana Schritte. Rasch schloss sie die Truhe geräuschlos, huschte zur Tür und löschte die Fackel. Im nächsten Moment stand Janis neben ihr.

»Was machst du denn hier? Du weißt doch, dass es uns strengstens verboten ist, diese Räume zu betreten!«, schimpfte er sie.

»Das weiß ich doch – ich habe mich … mich verlaufen«, stotterte Solana.

»Wer’s glaubt! Wenn dich dein Vater oder einer der Wächter hier erwischt, bist du dran. Los, komm, lass uns verschwinden!«

Janis packte sie an der Hand und zog sie mit sich fort.

Während sie durch den Korridor liefen, plapperte Solana aufgeregt drauflos.

»Janis, ich habe in der Truhe etwas Sonderbares gesehen …«, fing Solana zu erzählen an. Aber ihr Begleiter winkte mit der Hand ab.

»Ich möchte nichts davon hören! Komm weiter, bevor uns noch jemand erwischt. Janis zog sie energisch mit sich.«

Erst als sie ihr Zimmer erreicht hatten, ließ er sie wieder los.

»Geh rein und denk über deinen Fehler nach. Und vor allem: Mach so etwas nie wieder! Früher oder später erwischt dich der Falsche«, ermahnte er sie noch einmal eindringlich.

»Bitte komm mit«, flüsterte Solana und zog ihn am Ärmel.

»Nein, das geht nicht. Schon vergessen? Wir dürfen ab jetzt nicht mehr allein in einem Zimmer sein«, belehrte sie Janis.

»So ein Blödsinn, was sollte denn passieren?«, schmollte sie.

Janis grinste sie an.

»Na, was wohl? Dreimal darfst du raten!«

»Ich glaub’s nicht! Gibt es in diesem Berg denn noch ein anderes Thema als unsere Verschmelzung?«, fragte sie genervt. Dann schlug sie ihm die Tür wütend vor der Nase zu, warf sich auf ihr Kissenlager und starrte missmutig an die Felsendecke. Sie wollte diese Verschmelzung nicht. Ihr ging das alles viel zu schnell.

Natürlich mochte sie Janis, aber es war die Art von Gefühlen, die man für einen lieben Bruder hatte. Bei seinem Wangenkuss heute, hatte sie allerdings eine Ahnung davon bekommen, dass es noch ein anderes Gefühl von Liebe gab – aber das musste sich erst entwickeln. Sie wünschte sich, es noch viel stärker zu spüren, erst dann würde sie sich mit der Verschmelzung anfreunden können. Mata kam herein.

»Was hast du mit Janis gemacht?«

»Nichts, warum?«, fragte Solana.

»Eben wirkte er auf mich regelrecht wütend. Er hat mich angerempelt und sich nicht einmal entschuldigt«, erklärte ihre Mutter.

»Was weiß ich, welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist«, entgegnete Solana achselzuckend.

»Hör mal, meine Tochter, ich weiß genau, dass du ihn verärgert hast. Du wirst dich bei ihm entschuldigen – verstanden?«, befahl Mata streng. Solana brummelte ein genervtes »Ja, ja, ja …« zurück, denn sie wusste, dass ihre Mutter nicht gehen würde, bevor sie nicht dieses kleine Wörtchen mit zwei Buchstaben von ihr gehört hatte.

Als sie endlich allein war, lümmelte sie sich wieder in ihre Kissen und starrte an die Decke. Viele Dinge gingen ihr durch den Kopf, aber vor allem zu einem Punkt kam sie immer wieder zurück.

Bevor sie der Verschmelzung mit Janis zustimmen würde, wollte sie etwas erleben. Sie hatte vor, sich endlich den Berg anzusehen, den sie seit ihrer Geburt vor siebzehn Jahren bewohnte und von dem sie bis jetzt nur einen Bruchteil kannte. In der kommenden Nacht, wenn alle schliefen, würde sie ihren ersten Gang wagen.

Am meisten lockte sie das Zimmer der Verurteilten, von dem man sich hinter vorgehaltener Hand viele Schauergeschichten erzählte. Außerdem wollte sie die zahlreichen Produktionsräume sehen, in denen ihre Kleidung gefertigt und das Essen zubereitet wurde. Nie hatte sie erlebt, welche Prozeduren ein Lebensmittel durchlief, ehe es auf den Tisch kam, denn sie sahen stets nur die fertig zubereiteten Speisen.

Dieser Berg steckte voller Überraschungen und sie wollte diese unbedingt auskundschaften – schließlich war sie die Tochter des Anführers und musste über solche Dinge Bescheid wissen. Gedankenverloren nickte Solana wie zur Bekräftigung, dann drehte sie sich zur Seite und schlief ein.

Sie hatte über eine Stunde geschlafen, als sie ein Geräusch vernahm und aufschreckte. Ihr Vater hatte das Zimmer betreten und rief jetzt mit donnernder Stimme: »Was ist los, meine Tochter? Kommst du heute nicht zum gemeinsamen Mittagsmahl?«

»Es tut mir leid, ich muss eingeschlafen sein«, flüsterte Solana beschämt.

Sota reichte ihr beide Hände und zog sie vom Kissenlager hoch. Er schob sie vor sich her aus dem Zimmer und sie schritten den kahlen Korridor entlang, der von vereinzelten Wandfackeln spärlich beleuchtet war.

»Das war hoffentlich das erste und das letzte Mal! Was glaubst du, wie peinlich mir das war? Meine Tochter erscheint nicht pünktlich zum Mittagsmahl! Tz..tz..tz …« dabei schüttelte Sota seinen Kopf.

»Verzeih Vater, es wird nicht mehr vorkommen«, flüsterte Solana beschämt und lief hinter ihrem Vater her.

Wenig später betraten sie den großen Speisesaal, in dem bereits alle an den Tischen saßen und warteten.

Neugierige Blicke verfolgten Solana, als sie sich setzte.

In ihr stieg bereits wieder der Zorn hoch. Sie verabscheute es, der Mittelpunkt des Berges und aller Leute Gesprächsstoff zu sein. Warum zerrissen sie sich ausgerechnet über sie die Mäuler? Zahllose junge Mädchen wurden zu Frauen, ohne dass dies derart hochgespielt wurde. Nur weil sie die Tochter des Anführers war, machte man so ein Spektakel daraus.

Ihr Blick traf den von Janis und der grinste sie fast unverschämt an. Der Vater eröffnete unterdessen das Mittagsmahl mit seinem täglichen Ausspruch:

»Stärkt euch … und arbeitet heute für den Erhalt unseres Volkes.«

Solana nahm ihren Löffel und tauchte ihn in den Brei, zum Essen trank sie einen Becher heiße Ziegenmilch. Als sie ihn zur Hand nahm, wurde sie stutzig und hielt inne. Plötzlich musste sie daran denken, dass sie noch nie eine Ziege gesehen hatte.

»Woher kommt eigentlich unsere Ziegenmilch?«, fragte sie laut in die Runde.

Abrupt hörten alle auf, zu essen. Irgendjemandem fiel sogar der Löffel aus der Hand. Noch nie hatte jemand gewagt nachzufragen, woher ein Lebensmittel kam. Über diese Dinge wurde bei den Gomas nicht gesprochen. Sofort ermahnte ihre Mutter sie laut und schüttelte entsetzt den Kopf.

»Das hat dich überhaupt nicht zu interessieren, meine Tochter! Kümmere dich lieber um deine eigenen Pflichten!«

Aber anstatt mit verschämtem Blick in sich zu gehen, entgegnete Solana schnippisch:

»Vielleicht ist es ja überhaupt keine Ziegenmilch? Ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, was ich täglich in mich hineinstopfe!«

Janis verbiss sich das Lachen, während Mata einen hochroten Kopf über den Ungehorsam ihrer Tochter bekam. Sie wusste überhaupt nicht mehr, was in das Mädchen gefahren war, denn bisher war Solana stets brav und höflich gewesen. Hilfe suchend sah sie Sota ihren Mann an.

Sota warf Solana einen strengen Blick zu.

»Man staune, meine Tochter zweifelt unsere Worte an! Dazu glaubt sie, dass es ihr Recht sei, unser mittägliches Mahl zu stören. Iss und trink, ohne dir solche Gedanken zu machen – oder verlasse sofort den Saal!«, polterte er los.

Alle sahen gespannt zu Solana. Es herrschte absolute Ruhe – man hätte eine Nadel fallen hören. Solana verzog wütend das Gesicht. Sie warf ihren Löffel in die Schüssel, dass es klirrte und der Brei nur so spritzte, dann stand sie geräuschvoll auf, indem sie den Stuhl einfach nach hinten wegschob, und verließ den Speiseraum. Schmollend ging sie durch die Korridore in ihr Zimmer und blies dort weiter Trübsal.

Nach kurzer Zeit wurde stürmisch die Tür geöffnet und Mata trat ein.

»Sag Kind, was ist denn nur in dich gefahren?«, schrie sie Solana an.

»Willst du deinen Vater vor seinem Volk bloßstellen? Als Tochter des Anführers hast du eine Vorbildfunktion und solltest dich dementsprechend benehmen! Aber was machst du? … Du beschwerst dich, noch nie eine Ziege gesehen zu haben! Und dann, noch schlimmer, zweifelst du sogar unsere Milch an! So benimmt sich niemand, der einmal ein Volk regieren soll! Solana, du wirst dich bei deinem Vater und beim ganzen Volk für dein ungebührliches Verhalten entschuldigen!«

»Nein, das werde ich nicht!«, wehrte Solana ab und hielt dagegen:

»Wie soll ich später das Erbe meines Vaters antreten, wenn ich noch nicht einmal weiß, wie eine Ziege aussieht?«

»Jetzt reicht es mir!Du bleibst so lange in deinem Zimmer, bis du wieder zu Vernunft gekommen bist. Dann wirst du dich in aller Form entschuldigen!«, beendete Mata die Diskussion und verließ das Zimmer so leise, wie sie es betreten hatte – ohne sich noch einmal nach ihrer Tochter umzudrehen.

»Entschuldigen! Wofür sollte ich mich denn entschuldigen?«, schimpfte Solana bockig vor sich hin und vergrub ihr Gesicht in den Kissen. Da wurde die Tür erneut geöffnet und Janis kam mit einem Krug und einem Brotlaib herein.

»Das hast du ja toll hingekriegt! Noch dümmer konntest du dich wohl nicht anstellen, oder? Jetzt hast du Arrest bis zu unserer Verschmelzung«, berichtete er, stellte den Krug neben ihr Kissenlager und legte das Brot daneben.

»Beides ist essbar – oder willst du das etwa auch noch anzweifeln?«

Solana schlug mit dem Bein nach ihm.

»Verschwinde! Lass mich in Ruhe!«

»Teil dir das Brot gut ein. Es könnte sein, dass du erst am Tag unserer Verschmelzung wieder etwas zu essen bekommst.«

Mit diesen Worten verließ Janis das Zimmer und Solana begann, zornig zu weinen. Irgendwann schlief sie ein, und als sie wieder erwachte, vermutete sie, dass sicherlich einige Stunden vergangen waren.

Leise schlich sie sich aus ihrem Zimmer und trat auf den Korridor hinaus. Dort horchte sie, ob sie ein Geräusch vernahm, und erkannte das leise Klappern von Geschirr. Wie spät mochte es wohl sein? Ob die anderen schon beim Abendmahl waren? Solana hörte die Stimme ihres Vaters:

»Vermehrt euch heute … für den Erhalt unseres Volkes.«

Jetzt wusste sie, dass das Abendessen bereits beendet war, und kehrte schleunigst in ihr Zimmer zurück. Sie musste damit rechnen, dass ihre Eltern noch einmal nach ihr sehen würden.

Eine ganze Weile wartete Solana darauf, dass jemand kam, aber niemand ließ sich sehen. Sie war schon ganz steif vom angespannten Daliegen.

Schließlich stand sie auf und streckte sich, dann trank sie ein Glas Wasser und brach sich eine Ecke vom Brot ab. Stück für Stück schob sie diese in den Mund und überlegte dabei, was sie nun machen sollte. Eines wusste sie genau: In diesem Zimmer zu versauern käme für sie keinesfalls infrage. Wenn sie schon büßen musste, dann wollte sie auch wissen wofür. Sie würde jetzt auf jeden Fall auf Entdeckungsreise gehen und zumindest diese Ziege suchen.

Vorsichtig verließ sie ihr Gefängnis und lief bis zur Tür des elterlichen Zimmers. Seltsame leise Geräusche drangen dort an ihr Ohr.

Während sie weiter den Gang entlang schlich, stellte sie fest, dass sich offenbar in allen Zimmern Ähnliches abspielte. Die Laute, die sie vernahm, ähnelten sich überall. Anscheinend kamen alle brav den Anweisungen ihres Vaters nach und verschmolzen miteinander.

Solana schüttelte sich beim Gedanken daran, denn sofort musste sie an die Nacht denken, die ihr selbst bevorstand.

Schnell erreichte sie das Ende des ihr vertrauten Bereichs und ging, ohne anzuhalten, weiter in den Berg hinein. Auf ihrem Ausflug ins Unbekannte horchte sie an jeder Tür.

Jedes Mal, wenn sie nichts hörte, machte sie sie leise auf und warf einen Blick in das Zimmer dahinter. Auf diese Weise öffnete Solana etliche Türen, aber sie entdeckte nichts Interessantes dabei.

Die Zimmer im Hauptkorridor des Berges waren alle gähnend leer. Deshalb entschied sie sich bei der nächsten Weggabelung für einen schmalen, dunklen Seitengang. Als sie ihn betrat, war ihr zwar etwas unheimlich zumute, denn sie konnte alles nur schemenhaft erkennen, aber schließlich siegte ihre Neugier.

Sie ging ein paar Schritte in die Dunkelheit und stellte fest, dass der Gang dort bereits endete. Es gab nur zwei gegenüberliegende Türen. Solana horchte in die Stille und öffnete dann eine davon einen Spaltbreit. Vorsichtig lugte sie in das Zimmer.

Alles war ruhig und Kälte schlug ihr entgegen, vermischt mit einem eigenartigen Geruch. Dies weckte ihre Neugier.

Sie trat in den Raum und zündete die Fackel neben der Tür an. Als sie sich an den Schein des Lichts gewöhnt hatte, erschrak sie fürchterlich. Solana war aber klug genug, dass sie sofort erkannte, was sie in diesem Raum sah und roch.

An den Wänden hingen an großen Haken enthäutete halbierte Tierhälften. Das Fleisch war blutunterlaufen und Solana ekelte sich fürchterlich. Schnell löschte sie die Fackel und verließ den Raum. Hier wurde also offenbar das Fleisch für die Speisen aufbewahrt, aber wo kam es her? Wo befanden sich diese Tiere im lebenden Zustand und was waren das für Tiere? In diesem Augenblick war es Solana klar, dass sie niemanden fragen konnte, ohne dass sie erneut unangenehm auffiel.

Solana schlich zur anderen Tür und öffnete auch diese vorsichtig. Als sie mit ihrer Fackel den Raum erhellte, konnte sie sofort erkennen, dass hier Essen zubereitet wurde. In seiner Mitte stand ein großer Tisch mit Behältern, die aus demselben Material wie ihr Essbesteck gefertigt waren. An den Seiten des Zimmers gab es zwei Feuerstellen, dort erhitzte man wohl das Essen. Die Wände waren mit Brettern versehen, auf denen viele Schüsseln, Teller und Becher standen.

Am liebsten hätte sie sich länger dort aufgehalten und alles genau betrachtet, aber dafür hatte sie keine Zeit.

Die Nacht war kurz und sie musste zurück in ihrem Zimmer sein, bevor die anderen aufstanden. Auch hier vergaß sie nicht, die Fackel wieder zu löschen, dann lief sie zurück, um in den nächsten dunklen Gang einzubiegen. Ihre Neugier war nun endgültig geweckt und sie wollte unbedingt jedes Zimmer kennenlernen.

Zu einem späteren Zeitpunkt konnte sie dann an die interessantesten Orte zurückkehren und sie sich in Ruhe ansehen.

Während sie die erste Tür öffnete, kam ihr der Duft von Kräutern entgegen. Dieser Geruch erinnerte sie an heiße Getränke und an diverse Speisen. In diesem Zimmer lagen gebundene getrocknete Sträuße auf manchen Regalen, auf anderen Brettern befanden sich noch frische Kräuterbüschel. Am Boden lagen vier nicht ganz tadellos saubere Körbe, in denen offenbar die Kräuter gesammelt wurden.

Wieder stellte sich ihr die Frage, woher diese Kräuter und die Körbe kamen. Auch hier wusste sie, dass sie es nie erfahren würde, außer Janis könnte es für sie herausfinden. Die Neugier aber kannte keine Grenzen und trieb sie eiligst weiter.

Solana lief weiter in den Gang hinein, der immer schmaler wurde. Sie hatte das Gefühl, als würde es stetig aufwärtsgehen, denn sie kam beim Laufen leicht außer Atem. Plötzlich endete der Gang vor einer schweren Holztür.

Solana hatte Mühe, die schwere Tür zu öffnen. Als sie es endlich geschafft hatte, blickte sie in ein dunkles Nichts. Sie erkannte eine kleine Fackel an der Wand neben sich und entzündete sie.

Schemenhaft konnte sie einen schmalen Korridor erkennen. Sie nahm die Fackel aus der Halterung und lief weiter, bis sie an eine Kurve kam. An der Biegung stutzte sie kurz, setzte ihre Erkundungen dann aber fort. Doch plötzlich blieb sie schlagartig stehen. Unerwartet tat sich vor ihr eine steil ansteigende schmale Treppe auf. An der Wand neben den Stufen stand in großer Schrift, unmöglich zu übersehen, geschrieben:

„Wer diese Treppe benützt, begeht Verrat und stirbt!“

Was sollte sie tun? Sollte sie hinaufsteigen? Solana wurde unsicher, wie sie sich entscheiden sollte. Die Aussage am Treppenabsatz war unmissverständlich. Konnte sie sich wirklich darauf verlassen, dass für sie als Tochter des Anführers weniger strenge Regeln gelten?

Schließlich siegte wieder ihre Neugier und sie nahm eilig die Stufen nach oben, eine nach der anderen.

Oben angekommen, öffnete sie die schwere Tür und herrlich frische Nachtluft strömte ihr entgegen. Solana atmete tief ein und sah zu den Sternen, während sie im Türrahmen stand. Der Luftzug streichelte ihre Haut und spielte mit ihrem Haar. Sie hielt ganz still und genoss die Streicheleinheiten des Windes. So etwas Herrliches hatte sie noch nie gesehen und gefühlt.

Es war eine sternenklare Nacht und alles war ruhig. Plötzlich musste sie an die Worte ihrer Mutter denken.

Einst hatte ihr diese erzählt, dass jeder, der den Berg verließ, von der Sonne verbrannt würde. Wer aber während der Phase der dunklen Sonne durch die verbotene Tür trat, den würde erst später der Tod ereilen.

»Das ist wohl die dunkle Sonne?«, flüsterte Solana leise und sah zum Mond hinauf.

So stand sie eine Weile und ließ ihre Blicke abwechselnd zum Himmel und in die Ferne schweifen. Schemenhaft konnte sie die schwarzen Gipfel der umliegenden Berge erkennen.

Die Tür hatte an der Außenseite keinen Riegel. Sie war mit Stein verkleidet und wirkte dadurch so unauffällig, als wäre sie ein Teil des Felsens. Solana sah in Armlänge von ihr entfernt einen größeren Stein, den sie zwischen Rahmen und Türe platzierte, sodass sie nicht zufallen konnte.

Dann machte sie ein paar Schritte, bis sie von ihrer Position aus ins Tal sehen konnte. Weit unten entdeckte sie kleine helle-, aber auch rote Lichter, von denen sich einzelne sogar bewegten. Was mochte das wohl sein? Solana konnte es sich nicht erklären. Schnelligkeit und Richtung variierten, je nachdem, welchem Licht sie mit ihrem Blick folgte. Sie verspürte unsagbare Neugier, aber sie traute sich nicht, dieser nachzugeben.

Solana atmete noch einmal tief durch, ehe sie sich umdrehte und wieder in den Berg zurückging. Sie schloss die Tür hinter sich und lief mit schnellen Schritten zurück in ihr Zimmer, wobei sie sich den Weg zur Treppe geistig einprägte.

Unterwegs überkam sie leichte Furcht, ob sie jetzt der Tod ereilen würde?

Schließlich hatte sie ja die dunkle Sonne gesehen. Die Faszination über das Erlebte verdrängte aber rasch ihren Gedanken.

In ihrem Zimmer versuchte sie zur Ruhe zu kommen, aber es fiel ihr schwer, denn sie war unendlich aufgeregt. Ihr Herz pochte laut und sie spürte ihren Puls bis in die Ohren schlagen, so aufgeregt war sie. Fasziniert dachte sie an die dunkle Sonne und die schwarze Umgebung mit den unzähligen glitzernden Punkten.

In diesem Augenblick wusste sie, dass es sie wieder nach draußen locken würde. Und vielleicht würde sie dann mutig genug sein, um sich dort auf Wanderschaft zu machen. Mit diesem unsagbar schönen Gefühl fiel sie in einen tiefen Schlaf bis weit in den Morgen. »Solana, du Schlafmütze, wo warst du gestern Abend?«, hörte sie Janis fragen. Verschlafen blinzelte sie ihn an.

»Hier natürlich, wo sonst?« Doch er schüttelte den Kopf.

»Nein, das stimmt nicht. Ich habe in deinem Zimmer auf dich gewartet, sogar ziemlich lange.«

»Ich musste mir vom vielen Liegen die Beine vertreten, also bin ich in den Korridoren spazieren gegangen«, erklärte Solana.

»Du warst aber nicht in den verbotenen Korridoren?«

Misstrauisch sah Janis sie an.

»Natürlich nicht, als ob ich im Moment nicht schon genug Ärger hätte«, schwindelte sie.

»Dann ist es ja gut. Weißt du, was übermorgen für ein Tag ist?«, fragte er grinsend.

»Pah …«, gab Solana verächtlich von sich.

»Du brauchst gar nicht so eine abwertende Äußerung zu machen. Es ist für uns beide ein wichtiger Tag, der unser Leben verändern wird.«

Janis näherte sich ihr zögerlich und legte seinen Arm auf ihre Schultern. Solana wollte ihn schon abwehren, da spürte sie die wohlige Wärme, die er ausstrahlte.

»Du brauchst keine Angst zu haben, ich weiß genau, was ich tun muss«, flüsterte er besänftigend.

»Habe ich auch nicht, aber ich möchte vorher die … Liebe … spüren, die so unsagbar schön sein soll«, sagte sie leise.

»Solana, dass, was wir beide füreinander empfinden, ist die Liebe. Etwas anderes gibt es nicht«, erklärte Janis und sah sie dabei eindringlich an.

»Nein, ich bin mir sicher, dass es da noch etwas Anderes geben muss«, entgegnete sie kopfschüttelnd.

»Oft höre ich, wie die Mädchen miteinander tuscheln. Jola zum Beispiel hat berichtet, dass sie bei jeder Berührung ihres Angetrauten ein wohliger Schauer durchfährt. Das muss wunderschön sein, denn sie bekam einen richtig verklärten Blick, als sie davon sprach.

Und was spüre ich bei deinen Berührungen – nichts!« Entsetzt sah Janis sie an.

»Solana sage mir: Fühlst du wirklich nichts … nicht einmal ein bisschen?« Sie überlegte und ihr kam das kurze Kribbeln in Erinnerung, das sie bei seinem Wangenkuss verspürt hatte.

»Nun ja, sagen wir mal … ein ganz Kleines bisschen schon«, lenkte sie ein und ein Ausdruck der Erleichterung machte sich in Janis’ Gesicht breit.

»Das hätte mich auch sehr gewundert, denn schließlich bin ich immer besonders lieb zu dir.«

Plötzlich sah er sie eigenartig an. Abrupt zog er sie fest an sich und drückte seine Lippen auf ihren Mund.

Solana spürte, wie er ihre Lippen sanft öffnete, und sie küssten sich zum ersten Mal.

Solana verspürte ein Kribbeln, das durch ihren Körper fuhr, und das empfand sie als sehr angenehm.

Janis löste seine Lippen wieder von den ihren und schob sie leicht von sich, damit er ihr in die Augen blicken konnte.

»Und? Hast du jetzt etwas gefühlt?«

Solana lächelte ihn an.

»Doch, doch … es war sogar sehr schön. Janis war das jetzt ein richtiger Kuss?«

»Ja, Solana, aber das musst du unbedingt für dich behalten, denn eigentlich darf ich dich erst am Tag der Verschmelzung richtig küssen«, warnte er sie.

»Natürlich werde ich niemandem davon erzählen. Ich schweige wie ein Grab. Woher weißt du eigentlich, wie küssen geht?«

»Schließlich bin ich ein Mann, da weiß man so etwas.« Solana lachte und sagte: »Ein Mann … seit wann?«

Janis sah sie entsetzt an. »Möchtest du mich ärgern?«

Durch den Korridor hallte ein Gong.

Janis machte mit der Hand eine abfällige Geste und drehte sich von Solana weg.

»Ich muss jetzt gehen, es gibt Mittagessen. Wirst du auch kommen?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich muss abwarten, ob meine Mutter mich holt oder ob ich meine karge Speise hier zu mir nehmen muss«, sagte sie bedauernd. Daraufhin verließ Janis den Raum und Solana setzte sich auf einen Holzschemel.

Rasch kam sie ins Grübeln. Sie dachte wieder an den dunklen Himmel, der mit unsäglich vielen leuchtenden Punkten übersät war, und an das laue Lüftchen, das mit ihren Haaren spielte und ihre Haut streichelte. Sie erinnerte sich an die Unterhaltung mit Janis und ihren ersten Kuss, den sie als sehr angenehm empfunden hatte.

Solana war sich sicher, dass Janis sie sehr lieb hatte, aber sie war unschlüssig, ob sie sich in der Hochzeitsnacht von ihm auch Schmerzen zufügen lassen wollte. Immer wieder hörte sie von den jungen Frauen, dass es wichtig war, den Mann zu lieben, mit dem man die Hochzeitsnacht verbrachte. Dann war der Schmerz längst nicht so stark zu spüren. Ihre Gedanken wanderten erneut zu ihrem Vorhaben.

Noch heute Nacht wollte sie aus dem Berg der Gomas verschwinden. Sie packte ein paar Kleidungsstücke in einen Leinenbeutel und versteckte ihn hinter den Kissen auf ihrem Schlaflager.

Was ihr gerade noch rechtzeitig gelang, denn schon öffnete sich leise die Tür und ihre Mutter trat ein.

Sie hielt ein kleines Holztablett in ihren Händen, auf dem eine Schüssel mit dampfender Suppe stand, ergänzt von einem Hirsefladen. Besorgt sah sie ihre Tochter an.

»Es tut mir leid, aber dein Vater möchte immer noch nicht, dass du mit uns speist. Er ist sehr gekränkt, denn du hast ihn mit deiner Bockigkeit überaus verletzt.«

»Ich werde nicht gleich sterben, wenn ich nicht an eurem Tisch sitze. Es tut mir nur ein bisschen Leid für dich, denn du hast diesen Ärger nicht verdient. Mein Vater ist ein selbstherrlicher alter Mann, dem geschieht das alles ganz recht!«, rief Solana aufgebracht.

Mata ging auf sie zu und umarmte sie fest.

»Ach, Kind, ihr macht es euch doch nur gegenseitig schwer. Ich hoffe inständig, dass ihr bis zu deiner morgigen Hochzeit wieder Frieden geschlossen habt.«

»Ich werde nicht heiraten!«, platzte Solana da heraus. Das Gesicht ihrer Mutter verfinsterte sich schlagartig.

»Solana rede nicht so dumm daher! Du weißt genau, dass dir gar nichts anderes übrig bleibt. Oder willst du etwa niedere Arbeiten in den Gewölben verrichten«, ermahnte sie Mata.

»Pah«, gab Solana spöttisch zurück.

»Übrigens möchte Janis gern wissen, ob es dir etwas ausmacht, wenn er nach dem Abendmahl noch einmal bei dir vorbeischaut.«

»Ich möchte heute niemanden mehr sehen«, erklärte Solana bestimmt.

Ihre Mutter verließ kopfschüttelnd den Raum und ihre Tochter aß ihre Suppe.

Den Hirsefladen packte sie in ihren Beutel. Dann wusch sie noch einmal ihren Körper und ihre Haare gründlich, schließlich wusste sie nicht, wann sie dazu wieder Gelegenheit haben würde. Am frühen Nachmittag legte sie sich auf ihr Kissenlager und schlief ein.

»Kind, hier ist dein Abendmahl«, weckte sie ihre Mutter ein paar Stunden später. Solana rieb sich die Augen. Sie hätte nicht erwartet, dass sie bis zum Abend durchschlafen würde.

»Gleich morgen früh, noch vor dem Frühstücksmahl, wird dein Vater zu dir kommen. Er möchte mit dir über die Hochzeitszeremonie sprechen«, informierte Mata ihre Tochter. Solana nickte.

»Ja, schon gut … was hast du mir zum Essen mitgebracht?«

»Einen Krug mit Milch, einen Fladen mit Honig und dazu Obst.«

»Was gab es denn bei euch?«

»Bei uns gab es Milchsuppe und süße Fladen.«

Das war eine schnelle Mahlzeit, also wusste Solana nun, dass sich alle bereits in ihren Zimmern aufhielten. Sie musste nur noch ein wenig warten, dann konnte sie sich davonmachen.

»Schlaf gut, mein Kind.« Mata umarmte und küsste sie, woraufhin Solana entgegnete:

»Schlaf auch gut, liebe Mutter. Und sei mir bitte nicht mehr böse! Ich habe dich sehr lieb.«

Mata kniff ihre Tochter liebevoll in die Wange.

»Ich hab dich auch lieb, mein Kind.« Dann verließ die Ahnungslose den Raum.

Solana trank ihre Milch, aß den Honigfladen und packte das Obst in den Beutel.

Noch einmal zog sie frische Kleider an, um dann mit dem Beutel auf ihrem Schoß dazusitzen und zu warten …

*2*

Solana öffnete leise die Tür, streckte den Kopf hinaus und lauschte. Alles war ruhig. Auf leisen Sohlen huschte sie durch den Korridor. Immer wieder blieb sie kurz stehen und horchte in die Stille, dann lief sie eilig weiter. So bewegte sie sich durch einen Gang nach dem anderen … immer ihr Ziel vor Augen.

Endlich erreichte sie den verbotenen Korridor. Sie öffnete die schwere Tür und schlüpfte hindurch. Dann zog sie sie leise hinter sich zu und stand nun vor der langen, steil aufwärts führenden Steintreppe.

Das Herz pochte ihr bis zum Hals, während sie langsam die Stufen emporstieg. Immer wieder kam ihr der Gedanke an ihre Mutter, die sich bestimmt Sorgen machen würde. Ob es wohl richtig war, sie einfach in Stich zu lassen?

»Ja, es muss sein«, beruhigte sie sich selbst, »ich kann ja wieder zurückgehen«, aber in ihrem Innern wusste sie, dass das niemals mehr möglich sein würde.

Endlich erreichte sie die Tür, die hinausführte.

Solana glaubte, ihr Kopf würde gleich explodieren, so laut rauschte das Blut durch ihre Adern. Sie hatte schweißnasse Hände, als sie sich gegen die Tür stemmte.

Schon stand sie im Freien und der Wind blies ihr ins Gesicht.

Es war eine schwarze Nacht, weder Mond noch Sterne waren zu sehen. Solana erschrak, denn nichts von der Schönheit, die sie beim ersten Mal so überwältigt hatte, war heute vorzufinden. Nur ein stockfinsteres Nichts.

Kurz zögerte sie – sollte sie wieder kehrtmachen?

Aber in diesem Moment riss ihr eine Windböe die Tür aus der Hand und schlug sie mit einem dumpfen Knall zu.

Jetzt war es sowieso zu spät. Hastig lief sie ein Stück vom Eingang weg und versteckte sich hinter einem Felsen, denn sie befürchtete, dass der laute Knall jemandes Aufmerksamkeit geweckt hatte. Wenn man sie hier finden würde, müsste Solana mit einer schweren Strafe rechnen, wenn nicht sogar mit dem Tod.

Nun kauerte sie in der Hocke in ihrem Versteck und die Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihr ganzer Mut hatte sie urplötzlich verlassen.

So saß sie dort eine ganze Weile, die Augen immer zum Felseneingang gerichtet. Sie erwartete, dort jeden Moment einen Lichtschein zu sehen und die Wächter ihres Vaters, die kommen würden, um nach ihr zu suchen. Aber nichts geschah, alles blieb dunkel.

Nach einiger Zeit siegte jedoch ihre Vernunft. Solana musste von hier weg, denn spätestens im Morgengrauen würde man sie vermissen. Sie erhob sich und lief vorsichtig bergab. Dabei stolperte sie über Wurzeln und kleinere Felsbrocken, die am Hang verstreut lagen. Während sie abwärtsging, blickte sie nach wie vor immer wieder zum Felsen hoch, ob sie dort schon Lichter sah.

Der Wind wurde stärker und schlagartig fielen dicke Regentropfen aus dem schwarzen Himmel. Solana konnte kaum etwas sehen, ihre Wahrnehmung war nur noch schemenhaft und sie bekam Angst, dass sie stolpern und fallen könnte. Im Felsenlabyrinth war sie als kleines Mädchen einmal in ein tiefes Loch gefallen. Mehrere Stunden hatte sie damals in der Kälte ausharren müssen, bis Rettung gekommen war. Seitdem hatte sie eine Höllenangst davor, Wege zu betreten, die sie nicht klar vor sich sehen konnte.

Solana kniff angestrengt die Augen zusammen. Sie brauchte bald einen Unterschlupf, sonst würde sie total durchnässt werden.

Vorsichtig tastete sie sich weiter. Der Boden wurde etwas gleichmäßiger, aber auch härter. Sie spürte kleine Steinchen unter den Füßen, die sich bei jedem Schritt durch ihre dicken Stoffschuhe bohrten. Sie musste auf der Hut sein, damit sie nicht ausrutschte und stürzte.

Nur langsam kam sie vorwärts und die Kleider hingen ihr mittlerweile feucht am Körper. Auch der Wind hatte an Intensität zugenommen und blies ihr unfreundlich ins Gesicht. Solana fröstelte und bereute ihre Entscheidung, das Felsenlabyrinth der Gomas verlassen zu haben, zutiefst. Plötzlich hörte sie rechts von sich das Rauschen eines kleinen Baches. Solana ging dem Plätschern nach, und als sie vor dem Bächlein stand, erkannte sie schemenhaft ein großes Loch in dem massiven Felsen unmittelbar dahinter.

»Ob ich da drin wohl Schutz suchen kann?«, fragte sie sich. Nass war sie sowieso schon, also konnte sie ebenso gut durch den Bach waten. Solana zog ihre Schuhe aus und durchquerte langsam den nassen Strudel.

Der Bach war nicht tief, er bedeckte gerade einmal ihre Knie, nur die Steine im Wasser waren glitschig und sie musste aufpassen, dass sie auf ihnen nicht ausrutschte. Als sie wieder aus dem Bach gestiegen war, tastete sie sich vorsichtig in die Höhle hinein. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass sie nicht sonderlich tief war.

Solana holte trockene Kleider aus ihrem Beutel und zog sich um. Schon nach kurzer Zeit war ihr nicht mehr kalt. Sie setzte sich auf den Boden und lehnte sich an den Felsen. Dann schloss sie die Augen und horchte auf das Plätschern des Baches und das Rauschen des Windes.

Sie dachte an Janis. Würde er sehr enttäuscht und traurig sein, oder würde er sie gar für ihr Weglaufen hassen? Dann kam ihr die Mutter in den Sinn und Tränen stiegen in ihr hoch. Ein paar von ihnen bahnten sich den Weg über ihre Wangen und sammelten sich oberhalb ihrer Lippen. Solana leckte sie mit der Zunge ab – sie schmeckten salzig.

Sie dachte an Janis’ Kuss und war sich sicher, dass er ein liebevoller Mann geworden wäre. Sie ertappte sich sogar dabei, dass sie ihn ein wenig vermisste.

Solana hätte gern geschlafen, aber sie war so aufgeregt, dass es ihr nicht möglich war. Zu sehr fieberte sie dem Morgengrauen entgegen, denn sie war gespannt, wie es hier aussah. Würde die Sonne sie verbrennen, falls sie schien? Gab es in der Gegend ein Volk, das dem der Gomas ähnelte, oder würde sie mutterseelenallein bleiben?

Sie hatte unendlich viele Fragen und sie war so mit ihnen beschäftigt, dass sie die aufgehende Morgensonne nicht bemerkte.

Plötzlich kreischte ein Vogel und sie zuckte erschrocken zusammen. Was war das? So etwas hatte sie noch nie gehört. Das Herz klopfte ihr erneut bis zum Hals und ihre Hände waren eiskalt, aber feucht.

Um sie herum wurde es langsam heller und sie konnte ihre allernächste Umgebung erkennen. Sie stand auf und trat vor die Höhle. Da flog auch schon ein großes schwarzes Ungetüm an ihr vorbei und gab dabei furchterregende kreischende Laute von sich.

Erschrocken sprang Solana zurück in die Höhle und lugte ängstlich durch die Öffnung. Auch andere, kleinere Wesen flogen vorbei und machten dabei zwitschernde Geräusche.

Was mochten das für Kreaturen sein? War es das Volk dieses Landes?

Plötzlich fiel ein schmaler heller Lichtstreifen in die Höhle. Solana sah zu dem Berg, den sie in der Ferne erkennen konnte, und beobachtete mit Spannung, wie ein kraftvolles Strahlenbündel hinter dem Gipfel aufstieg.

»Jetzt kommt die Todessonne«, flüsterte sie ehrfürchtig und wünschte sich, dass sie im Felsenlabyrinth der Gomas geblieben wäre.

Vor der Höhle standen mächtige Bäume und verhinderten, dass die Sonne ganz in die Öffnung des Felsens fallen konnte. Mit ihren üppigen Ästen und Blättern spendeten sie der Höhle zusätzlichen Schatten.

Solanas Magen knurrte, aber sie brachte vor Aufregung keinen Bissen hinunter. Wie gebannt sah sie auf den schmalen Sonnenstreifen, der vor ihre Füße fiel. Sie musste unbedingt herausfinden, ob die Sonne sie wirklich verbrennen würde. Wie sollte sie das nur anstellen?

Einfach aus der Höhle treten? Nein, das war ihr viel zu riskant, sie würde womöglich verbrennen.

Ganz in Gedanken spielte Solana mit dem Saum ihrer weißen Tunika. Ihr Blick fiel auf ihre Hände. Da hatte sie plötzlich einen grandiosen Einfall.

Auf welche Hand könnte sie eventuell verzichten? Sie dachte einen Moment nach, dann war sie sich sicher, es war die Hand auf der Seite ihres Herzens. Ängstlich stand sie auf und führte diese Hand zitternd ganz langsam zum Lichtstreif. Kurz bevor sie ihn erreichte, zog sie sie jedoch schnell wieder zurück. Ihr Herz pochte wild und sie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Solana hatte fürchterliche Angst. Würde sie den Schmerz überhaupt ertragen können?

Was würde anschließend mit ihrer Hand passieren? Würde sie höllisch schmerzen oder einfach abfallen?

Der Lichtstreifen wurde schmäler, denn die Sonne wanderte weiter. Solana wusste, dass sie sich jetzt überwinden musste. Sie nahm ihren restlichen Mut zusammen und startete einen neuen Versuch. Mit geschlossenen Augen streckte sie ihren Arm aus.

Aber nichts passierte, außer dass sie wohlige Wärme auf ihrer Haut spürte. Verwundert öffnete sie die Augen und erkannte mit Freuden, dass die Sonne ihre Hand und einen Teil ihres Armes bestrahlte, ohne dass etwas Schlimmes passierte.

»Was für eine angenehme Wärme!«, jubelte sie begeistert. Glücklich lief Solana hinaus und ließ sich von der Sonne bescheinen. Dabei kniff sie ihre Augen zusammen, denn sie konnte die unheimliche Helligkeit um sie herum kaum ertragen.

Nach einer Weile ging sie zurück in ihre Höhle und setzte sich auf den Boden. Endlich hatte sie Appetit bekommen, also packte sie ihre Vorräte aus, brach sich ein Stück Fladen ab und aß ihn genüsslich.

Nach dem Essen spürte sie, wie trocken ihre Kehle war. Ob das Wasser vor der Höhle dasselbe war wie das Wasser im Berg der Gomas?

Solana stand auf, ging hinaus zum Bächlein und bückte sich. Sie nahm etwas Wasser mit der Hand auf und kostete davon.

»Mmmh … fein das schmeckt wie bei uns!«, rief sie fröhlich aus. Jetzt hatte sie immerhin schon eine Unterkunft, in der sie schlafen konnte, und Wasser zum Trinken. Als Nächstes musste sie herausfinden, wie sie an Essbares kam, denn ihre Vorräte würden nicht mehr lange reichen. Solana war überzeugt, dass ihr auch das mühelos gelingen würde.

Stolz stieg in ihr auf, denn sie hatte sich in der fremden Welt bereits recht gut organisiert, und das ganz alleine – ohne Hilfe der Gomas.

Satt und zufrieden sah sie sich nach allen Seiten um.

Die Sonne stand hoch am Himmel und Solana sah zu den umliegenden Bergen. Alles war grün, bis auf ein paar Felsen, die aus dem Boden ragten. Am liebsten wäre sie gleich losgelaufen, um diese wunderschöne Umgebung zu erkunden, aber ihre Augen schmerzten zu sehr in dem gleißenden Tageslicht.

Sie würde abwarten müssen, bis es nicht mehr ganz so hell war, und ihren Erkundungsgang dann erst beginnen.

Also setzte sie sich in die Höhle und beschloss ein wenig über ihr Leben nachzudenken. Aber während sie nach draußen sah und die Blätter der Bäume beobachtete, fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein.

Solana erwachte, als sie ein Kitzeln auf ihrer Hand spürte. Sie sah ein kleines Wesen, das über ihren Handrücken lief und im nächsten Moment abhob und wegflog. Was war das? Sie sah ihm neugierig nach, schließlich hatte sie noch nie eine Fliege gesehen. Sie war neugierig und bei Weitem nicht mehr so ängstlich wie bei ihrer Ankunft.