Tritt durch die Wand und werde, der du (nicht) bist - Kai Marchal - E-Book

Tritt durch die Wand und werde, der du (nicht) bist E-Book

Kai Marchal

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Beschreibung

»Wer gut zu gehen weiß, bleibt ohne Spuren.« Kai Marchal war 22, als er dieser daoistischen Weisheit folgend in den 1990ern mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China reiste. Dieses Land verkörperte damals für ihn das radikal Andere, einen letzten Sehnsuchtsort jenseits der westlichen Lebensform. In unserer chaotischen Gegenwart ist China längst ins Zentrum der Welt gerückt; mit dem schleichenden Niedergang des Westens wird auch die neue Führungsmacht China immer wichtiger. Doch was wissen wir eigentlich über das chinesische Denken? Suchten Daoisten, Konfuzianer und Buddhisten »nur« nach Weisheit - oder verfolgten sie ein philosophisches Projekt, das uns auch heute noch helfen kann, ein gelingendes Leben zu führen? Welche neuen Perspektiven können uns Denker wie Laozi, Wang Bi oder Wang Yangming anbieten? Das Ergebnis von Kai Marchals langjährigem Ringen mit dem Gegenstand »China«, der sich uns wie kein anderer entzieht, ist ein Buch, das auf faszinierende Weise sehr unterschiedliche Genres miteinander verbindet: philosophische Einführung, literarischer Essay, Reisebericht, autobiografisches Bekenntnis.

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KAI MARCHAL

Tritt durch die Wand und werde, der du (nicht) bist

Auf den Spuren des chinesischen Denkens

Für C. Y. T.

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Zutritt nur durch die Wand

Erstes Kapitel

Der Zauberer des Nichts (Heidelberg, 1994–1999)

Zweites Kapitel

In die Welt gehen (Paris, 1999–2001)

Drittes Kapitel

Tiefer fallen (Osaka, 2001–2002)

Viertes Kapitel

Andere Einstiege (Taipeh, 2002–2018)

Fünftes Kapitel

Die Gärten des Thomas Beale (Macau, Januar 2016)

Schluss

Anmerkungen

Abbildungsverzeichnis

VORWORT

ZUTRITT NUR DURCH DIE WAND

Ein Mönch fragte den Dongshan Shouchu:»Wer ist Buddha?« – Dongshan: »Drei Pfund Hanf.«

(Zutritt nur durch die Wand, Nr. 18)

1

Wenn Sie diese Seite aufschlagen, sind Sie an einem bestimmten Punkt Ihres Lebens angelangt. Vielleicht planen Sie gerade eine längere Reise. Oder Sie haben vor einiger Zeit eine Familie gegründet und denken jetzt darüber nach, ein Haus zu kaufen. Vielleicht haben Sie gerade Ihren Job gekündigt. Bestimmt haben Sie sich längst so Ihre Gedanken gemacht, worum es im Leben eigentlich geht. Warum leben wir zum Beispiel von einem Tag auf den anderen, getrieben von allen möglichen, unsinnigen Zwängen, wenn all das am Ende sowieso keinen Sinn hat? Sollten wir nicht lieber darauf verzichten, unser Leben genau durchzuplanen? Und wäre das Leben nicht besser, wenn wir etwas Abstand vom allgemeinen Optimierungswahn gewinnen könnten, um einfach einmal weniger zu tun?

Wahrscheinlich haben Sie sich auch schon einmal für den Buddhismus interessiert, haben sich von der Lehre über die Leere berühren lassen. Ich habe eine ganze Reihe von Bekannten, die sich schon einmal für den Buddhismus interessiert haben. Die meisten tun das nur mit großer Vorsicht und immer nur für einige Stunden, so als schlichen sie wie die Katze um den heißen Brei herum. Vielleicht ähneln Sie meinen Bekannten aber auch gar nicht. Ich kann Sie jetzt fast vor mir sehen: Wie Sie da in einem Café oder bei sich zu Hause in einem Sessel sitzen, in der Rechten halten Sie einen Becher mit Kaffee (grüner Tee wäre noch besser), in Ihrer Linken dieses Buch, und während Ihre Augen den Zeilen rasch von links nach rechts folgen, haben Sie einen gespannten, möglicherweise etwas distanzierten, wenn nicht sogar spöttischen Gesichtsausdruck. »Glaubt der Autor wirklich, dass er mich durchschaut hat?!«, denken Sie jetzt vielleicht. »Dabei könnte ich sein Buch doch jederzeit zur Seite legen und mich wieder auf meine Facebook-Seite konzentrieren, ich müsste ohnehin wieder einmal nachschauen, T. wollte mir schreiben und eigentlich müsste ich M. jetzt sofort einen Geburtstagsgruß senden, sonst werden die anderen schon alle etwas gepostet haben, das sieht überhaupt nicht gut aus, wenn ich als Letztes schreibe …« Oder Sie hassen Facebook, genauso wie Sie Ihren Alltag hassen, weil er schon viel zu sehr dem Alltag bestimmter Bekannter ähnelt, denen es nur noch um Geld, Anerkennung und gesellschaftlichen Status geht. Dann werde ich Sie mit meinen Gedanken nur verwirrt haben. Das wäre schade. Was Sie jetzt wirklich möchten, ist ein Augenblick der Ruhe, schreibe ich einfach mal, ein Augenblick, in dem Sie überhaupt nichts mehr verbessern müssen, Sie wollen tiefenentspannt sein und innehalten, um über Ihr eigenes Leben nachzudenken, über das Glück und die Leere hinter all dem.

Neulich, ich weiß gar nicht mehr wo, ist mir eine Geschichte durch den Kopf gegangen, die mich tatsächlich einmal in meinem Leben innehalten ließ. Die Geschichte geht so: Beim Überqueren eines Flusses ließ ein Mann versehentlich sein Schwert ins Wasser fallen. Um sich die Stelle zu merken, an der er es verloren hatte, schnitt er eine Kerbe in den Bootsrand und sagte dazu: »Hier ist mein Schwert in den Fluss gefallen.« Als das Schiff endlich angehalten hatte, sprang er ins Wasser und tauchte an der von seiner Markierung angezeigten Stelle. Doch das Schwert fand er dort nicht.1

Was will uns eine solche Geschichte mitteilen? Erst einmal geht es wohl nur darum, dass hier einer zum Opfer einer eklatanten Fehleinschätzung geworden ist. In der von uns bewohnten Welt sorgt die Schwerkraft dafür, dass sich ein Boot auf einem Fluss stetig weiterbewegt; deshalb ist eine Markierung, wie sie der Mann an seinem Boot angebracht hat, wertlos. Man könnte diese Geschichte jedoch auch auf einer tieferen Ebene deuten: Das Schwert des Mannes von Chu, denn es ist eine Geschichte aus dem alten China, wo es einmal einen Staat namens Chu gegeben hat, könnte wie eine Art MacGuffin funktionieren und auf alles Mögliche verweisen, etwa auf unsere Bemühungen, in unserem Leben bestimmte Stellen zu markieren, damit wir uns später wieder auf sie beziehen können: Mein 18. Geburtstag, mein erster Arbeitstag, die Geburt unseres ersten Kindes … Tatsächlich haben es Menschen ja so an sich, dass sie immer Strukturen aufbauen und Unterscheidungen treffen wollen, in dem felsenfesten Glauben, die Bedeutungen, die sie mit diesen Strukturen und Unterscheidungen verbinden, jederzeit wiederfinden zu können. Nur dass die Zeit – ein sonderbar Ding! – nie stehen bleibt; und in diesem Sinne werde ich auch die Bedeutung, die für mich einmal mit meinem 18. Geburtstag verbunden war, nie mehr wiederfinden.

In der chinesischen Philosophie, denn um sie wird es in diesem Buch gehen, gibt es viele solcher Geschichten. Oft weiß man nicht genau, wer ihr Verfasser ist; sie sind auch nie ganz ausformuliert und wirken oft wie mit leichtem Pinsel hingeschrieben. Im Buch Zhuangzi, einem Zentraltext des Daoismus, gibt es zum Beispiel die schöne Geschichte von dem Halbschatten, der den Schatten anspricht und fragt, warum dieser sich mal bewege und mal still stehe, mal sitze und mal aufrecht stehe, so ganz ohne Beständigkeit, woraufhin der Schatten erwidert: »Muss ich von etwas anderem abhängig sein, um zu sein, was ich bin?!« Und rhetorisch weiterfragt, ob er denn von den Schuppen eines Schlangenbauches und den Vorderflügeln einer Zikade abhängig sein müsse, um er selbst zu sein, womit zugleich die flüchtige Ironie dieser Geschichte deutlich wird, die natürlich in diesem sonderbaren Miteinander-Sprechen zweier Schatten besteht, die doch immer nur der Bewegung anderer Wesen folgen können, und eigentlich ist damit auch aufs Anschaulichste gezeigt worden, wie trügerisch unser tiefer Wunsch nach Unabhängigkeit oft ist.2 Im Zhuangzi gibt es auch Geschichten, in denen wir dazu eingeladen werden, die Perspektive von Bäumen und Tieren einzunehmen und uns selbst auf diese Weise neu zu sehen. Oft muten sie seltsam an, oft auch einzigartig, unwiederholbar. Und deshalb vielleicht weltverändernd.

Diese Geschichten behaupten – streng genommen – rein gar nichts. Selten bringen sie handfeste, philosophische Argumente vor. Wenn sie etwas wollen, dann vielleicht, dass wir uns in sie versenken. Viele Philosophen im vormodernen China haben diese Art von Geschichten geschrieben; und da sie die Methoden der Mathematik und Geometrie entweder gar nicht kannten oder nicht besonders hoch schätzten, hatten diese Philosophen auch nie den Anspruch, von einem vermeintlich objektiven Standpunkt aus etwas über das Leben oder die Welt zu sagen. Sie wollten Einsichten erzeugen, indem sie ihre Leser auf einer persönlichen Ebene ansprechen.

Genau aus diesem Grund können die Geschichten aus China auch von uns handeln. »Wenn irgendetwas gesehen (wirklich gesehen) wird, dann bin immer ich es, der es sieht«3, schreibt Ludwig Wittgenstein im Geiste Schopenhauers; und dieser Satz hilft ein Stück weit, das Denken der daoistischen und buddhistischen Meister zu verstehen. Denn eigentlich gibt es ja gar nichts anderes als unser eigenes Leben, unser Bewusstsein davon. Sie können nur aus Ihrer Perspektive auf das Leben blicken, und deshalb werden Sie auch die für Sie angemessenste Lösung für Ihr Leben finden müssen. Was auch immer Sie mit Ihrem Leben anstellen, Ihnen selbst entkommen Sie nicht; und deshalb kommt es vor allem darauf an, wie Sie sich zu sich selbst verhalten, wie Sie sich auf die Welt ausrichten und Ihre Abhängigkeit von dieser Welt verstehen.

Wäre es möglich, dass wir durch das Nachdenken über solche Geschichten sogar aus dem Kreislauf unseres ewigen Strebens nach Anerkennung ausbrechen könnten?

2

Neugier ist Ungehorsam in seiner reinsten Form.

(Vladimir Nabokov)

Ich war neunzehn, als mich die Einsicht überfiel, dass in dieser Welt nie mehr etwas Neues beginnen würde. Es war in den frühen 1990ern, der Kalte Krieg war gerade erst zu Ende gegangen, und für mich bestand kein Zweifel: Alles war sinnlos, ausweglos, tot. In dem Krankenhaus in Wilhelmshaven, der norddeutschen Stadt, in der ich damals meinen Zivildienst geleistet habe, starben die Kranken im Frühjahr 1994 reihenweise. Sie verharrten dabei in ihren Kleidern und bewegten sich kaum; und die ganze Zeit über rochen die Zimmerwände nach Angst. Alte Frauen verfielen stündlich. Dreißigjährige wälzten sich in ihrem Kot. Ich fühlte, dass mich eine unsichtbare Wand von den Menschen trennte. Einige Male muss ich darüber nachgedacht haben, mein Leben zu beenden; aber der Gedanke, dass auch ohne mich einfach alles so weitergegangen wäre, erfüllte mich nur mit einer noch größeren Traurigkeit. Wahrscheinlich würde man auch noch in hundert Jahren die immer gleichen Rentendebatten führen, würde in den Diskotheken derselbe, leere Lärm zu hören sein (ausgenommen vielleicht: Herzzerreißendes wie Nirvana oder Guns n’ Roses). Ich verstand nicht, warum sich Jugendliche an den Wochenenden sinnlos betranken, um sie selbst sein zu können, und diese Gewohnheit auch noch fortführten, als sie längst Autohändler oder Anlageberater geworden waren. Ich wollte nicht in einer Welt leben, in der es Atombomben, Hitlerfotos, Aids, Ronald Reagan, das Bermudadreieck, Schafe, Frauenhäuser, Überbevölkerung, Talkshows, Warzen und Biologielehrer gab. Meine unendliche Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben fand in so einer Welt keinen Halt.

Als Kind hatte ich zähe Jahre auf einem Dorf im Siegerland verbracht, in einer Gegend, die nicht umsonst die »Pissecke Gottes« heißt. Man muss sich dabei Regen und tiefe Wälder vorstellen, noch einmal Regen und noch einmal tiefe Wälder. Mein Vater, eine ostdeutsche Halbwaise, dessen Realitätssinn wahrscheinlich nachhaltig von seiner Übersiedlung nach Hamburg im Oktober 1949 beschädigt worden war, sperrte sich vom frühen Abend an betrunken in seinen Hobbykeller; meine Mutter fühlte sich mit der leidenden Kunstsinnigkeit einer Zahnarzttochter von ihren Nachbarn umzingelt, die oft religiöse Spinner waren und sich hinter ihren Jägerzäunen lieber Tiere hielten als Ehefrauen. Tagsüber beschimpften sich die Nachbarskinder als »Spasti« oder »Hirni«, abends schauten sie gemeinsam das Traumschiff. Tiere wurden in Fabriken massenweise getötet, damit wir allabendlich eine Scheibe Bierschinken essen konnten. Ohnehin konnte jederzeit ein Atomblitz über Olpe oder Lüdenscheid aufflammen und dieser Hasshölle, aber auch allem Leben auf Erden, ein Ende setzen.

Übertreibe ich hier, bin ich ungerecht? Wahrscheinlich. Natürlich steckt in jenen Jahren auch viel Liebe: Sommertage, Baumhäuser, Italienreisen. Aber mein damaliges Ich hat die Welt genau so schwarz wahrgenommen, wie ich es gerade beschrieben habe; und trotz aller zeitlichen Distanz erkenne ich mich auch heute noch in ihm wieder, weshalb ich seine Hinterlassenschaft auch nicht einfach ausschlagen kann, sondern irgendwie, so zwiespältig es sich auch anfühlt, mit ihr umgehen muss – was mir heute durchaus Spaß macht. Ich erinnere mich also, dass ich mich mit Beginn der Pubertät in mein Zimmer zurückgezogen habe, um nie mehr herauszuwollen. Bald schon arbeite ich mit großer Energie daran, den Anschluss an die moderne Welt zu verlieren (natürlich habe ich Mitschüler verachtet, die sich für unsinnige Dinge wie Pac-Man-Spiele begeistern konnten). Als meine Mutter mit einem Stuhl auf meinen Vater losgeht, weil mein Vater Jahre zuvor zu einer rothaarigen Studentin mit Baby gezogen ist, worauf meine Mutter ihn hasste und mein Vater trotzdem wieder bei uns einzog und in unserer Familie immer mehr getrunken wurde, lassen sich die beiden endlich scheiden; seither bin ich besessen von der Vorstellung, das Leben sei ein nicht enden wollendes Unglück.

Im Jahr 1903 schrieb der amerikanische Schriftsteller Henry James eine Kurzgeschichte mit dem Titel »Das Raubtier im Dschungel«. Der Protagonist, ein Durchschnittsmensch namens John Marcher, ist der Überzeugung, dass ihm früher oder später ein spektakuläres, lebensveränderndes, weltumstürzendes Ereignis zustoßen wird, das irgendwo auf der Lauer liegt »wie ein gefährliches Biest«. Nur diese Erwartung vermag seinem Leben einen Sinn zu verleihen. Heute denke ich, dass ich damals wie John Marcher auf jenes »Raubtier im Dschungel« gewartet habe: Etwas sollte passieren, das mein Leben grundlegend verändern würde, doch zugleich ahnte ich, dass hier in Deutschland nichts mehr passieren würde. In mein Tagebuch habe ich einige Zeit später (um das Jahr 1995) Folgendes geschrieben: »Mit 25, 26 soll ein Sprung geschehen, in der Biographie, sagte mir jemand heut. Vor dem Tod keine Angst mehr – es ist dieses Jahr ein Stadium, beinahe unnatürlich ruhig und still wie ein Meer.« Natürlich schäme ich mich heute für diesen geschraubten Stil und die merkwürdig verdrucksten Metaphern; dass ich – einige Zeilen später – auch noch Goethe zitieren musste, erscheint mir heute wie der Gipfelpunkt meines krankhaften Narzissmus: »In dem Augenblick glücklicher Vereinigung verkennen Seelen, die füreinander geschaffen sind, sich am meisten.« Niemand würde mehr in Deutschland verhungern. Es würde aber auch nichts Neues mehr beginnen. Menschen, Orte, Waren, Sprachen waren auswechselbar.

Henry James ist manchmal, und nicht zu Unrecht, mit Jorge Luis Borges verglichen worden, der Europas Höhenkammliteratur mit Fantasy- und Abenteuergeschichten verschmolzen hat (bei letzterem fand ich später oft Trost auf meinen Ausflügen in die globale, babylonisch-komplexe Gegenwart). In der Tat erscheint »Das Raubtier im Dschungel« bei genauerer Lektüre mysteriös, wenn nicht absurd. Worum es sich bei dem besagten Ereignis eigentlich handeln soll, wird lange nicht klar. Normalerweise behält Marcher sein Innenleben für sich; dann jedoch trifft er auf eine junge Frau, May Bartram, der er zehn Jahre zuvor von seiner geheimen Überzeugung erzählt zu haben scheint. Wenigstens erinnert sie sich genau daran – und hofft nun Anteil zu nehmen an seinem Leben. Nur hat Marcher das damalige Gespräch vergessen und zeigt überhaupt wenig Interesse an dieser Frau. May sucht seine Nähe. Doch Marcher weist jeden aufkeimenden Gedanken an Intimität oder gar eine Ehe entschieden zurück, da er sie nicht jenem spektakulären, lebensverändernden, weltumstürzenden Ereignis aussetzen möchte. Die Zeit vergeht. Die beiden werden alt. Marchers Warten auf das Ereignis wird immer quälender. May erkrankt. Er geht zu ihr, bleibt jedoch kühl. Endlich stirbt sie. Und dann, über ihrem frisch verschlossenen Grab, überwältigt Marcher die Einsicht, dass er aus Angst vor »dem gewöhnlichen Untergang« (the common doom) nicht gelebt hat, dass er sie hätte lieben können, aber nicht geliebt hat, und auf einmal begreift er, dass das »Raubtier« in Wahrheit schon längst auf ihn losgegangen ist, genau in dem Augenblick nämlich, als May Bartram ihn angesprochen und gefragt hat, ob er sich nicht an sie erinnere …

Die Möglichkeit einer großen Liebe, die einen befreien könnte aus der wüsten Ödnis der eigenen Existenz und insbesondere vom eigenen Narzissmus, ist natürlich ein alter Topos des bürgerlichen Zeitalters, dem viel später die sozialen Medien neues Leben einhauchen sollten. Mir, in meiner Panik und absoluten Erstarrung, sagte er damals nichts. Was mir fehlte, war ganz elementar: Weltzugang. Das einzige echte Ereignis, an das ich mich erinnern konnte, war Tschernobyl – eine ferne Katastrophe, die im Sommer 1986 unseren lange geplanten Familienurlaub nach Finnland ruiniert hatte.

3

Im Sommer 2017, als ich die Rohfassung dieses Buches in mein MacBook Air tippte, hatte sich bei vielen Menschen in der westlichen Hemisphäre bereits das bedrohliche Gefühl verfestigt, die ihnen vertraute Welt könnte im Niedergang begriffen sein. Im Sommer 2018 ist das Koordinatensystem, in dem sich so viele Länder seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges orientiert haben, bereits ausgehebelt. »Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück weit vorbei«, hatte Angela Merkel im Mai 2017 in einem Bierzelt in Trudering erklärt. Im Februar 2018 schreit es aus thüringischen Wäldern: »Der Michel wacht jetzt auf«. Politische Entwicklungen werden plötzlich zu einer historischen »Wegscheide« erklärt, »wie sie die Welt nur alle paar Jahrhunderte erlebt …« In der Gegenwart werde entschieden, ob man »den Beginn eines neuen asiatischen Zeitalters […] und die Selbstaufgabe des […] Westens« zu konstatieren habe – oder ob »unser Kontinent« den »Mut« aufbringe, »sich den Herausforderungen einer weit unbequemeren und risikoreicheren Welt zu stellen als die, in die wir dachten hineinzuwachsen«.4 Etwas geht seinen Gang. Vaterländische Phrasen künden neue Titanengefechte an. Nicht zum ersten Mal hat der Westen seine Maske fallen gelassen: Grenzverteidigung ist wichtiger als Menschenrechte oder Rechtsstaatlichkeit. Mit einem Fingerwisch lässt sich die Welt verändern. Beim G7-Gipfel Anfang Juni 2018 kommt es zum Zerwürfnis über die gemeinsame Abschlusserklärung. In den herrschenden Hashtags rauscht es beharrlich. Amerikas Präsident, ein vulgärer, kurzfingriger, intelligenzfreier Showmaster mit orangeblondem Haar, gerade erst den Niederungen von Wrestling-Shows und Reality-TV entstiegen, salutiert vor einem nordkoreanischen General. Eine Edeka-Verkäuferin in Dessau erblickt auf einer Maggi-Flasche einen arabischen Schriftzug und glaubt das »christlich-jüdische Abendland« bedroht. In Chemnitz wird nach der »Festung Europa« gerufen. In Syrien geht unterdessen der Krieg weiter. Unser Wohlstand werde durch den Aufstieg Asiens gefährdet und müsse nun mit allen Mitteln verteidigt werden. Wir Weiße seien zur Minderheit geworden, denn mittlerweile lebten »acht Milliarden Menschen« auf der Erde. Bitte zuhören: »Acht Milliarden«! Da schwadroniert ein radikaler Rechter nur zu gern über schafsfressende Wölfe. Der Präsident mit dem orange-blonden Haar vergleicht sich mit dem Jahrmarkthelden P. T. Barnum (Prince of Humbugs) und zeigt Führungsstärke. Unterdessen singen seine Enkel dem chinesischen Staatspräsidenten Kinderlieder auf Chinesisch vor. Im Dezember 2018 versinkt Frankreich in Unruhen. Einer Prognose der Weltbank zufolge soll es in naher Zukunft 140 Millionen Klimaflüchtlinge geben. Im Sommer 2018 hatte sich immerhin schon einmal das afrikanische Wetter nach Deutschland geflüchtet. Etwas geht seinen Gang. Der Westen: perdu?!

Oder ist endlich jenes spektakuläre, lebensverändernde, weltumstürzende Ereignis eingetreten, auf das wir alle, ohne es zu wissen, so lange gewartet haben?!

Ich hatte nie angenommen, dass ich meine Entscheidung, nach Ostasien auszuwandern, einmal bereuen würde. Heute schätze ich insbesondere den Vorteil, aus großer Distanz nach Europa blicken zu können. Die Weltgeschichte (oder, mit Thomas Assheuer: »das brutale Rattenrennen einer überhitzten Weltgesellschaft«) hat in den letzten zwei, drei Jahren ungeheuer an Tempo gewonnen. Etwas Neues muss begonnen haben, das schon lange in Vorbereitung gewesen ist, nur dass wir zu selbstgefällig gewesen sind, um die Zeichen der Zukunft zu lesen. Vielleicht sieht man da manches klarer, wenn man nicht immer alles durch eine westliche oder europäische Perspektive sehen muss. Der neoliberale Konsens, dass freie Märkte einmal sämtliche kulturellen und religiösen Differenzen einebnen und weltweit zu Wohlstand führen würden, liegt auf jeden Fall in Trümmern. »Der erste Schritt zu einem Verständnis dieser neuen Realitäten ist es, die konzeptionelle und intellektuelle Architektur der Sieger der Geschichte im Westen aufzulösen«, all die »einfältigen und gefährlich irreführenden, aus einer triumphalen Geschichte angloamerikanischer Errungenschaften stammenden Ideen und Annahmen …«5 So steht es in Pankaj Mishras Buch Zeitalter des Zorns. Ich denke, dieser brillante Beobachter unserer globalen Gegenwart hat wieder einmal Recht, und bemühe mich, die »neuen Realitäten« klar zu sehen. Genau das fällt mir jedoch immer schwerer.

Die westlichen Demokratien blicken heute, scheinbar zum ersten Mal, nach draußen und werden mit den Ansprüchen und Interessen von vermeintlich Fremden konfrontiert: Flüchtlinge aus Nordafrika, Syrien oder Afghanistan, illiberale Demokratien wie Russland, Ungarn oder die Türkei, nicht zuletzt die neue Handelsmacht China … Viele Menschen sorgen sich um den Erhalt der westlichen Lebensform in einer immer chaotischer erscheinenden Weltordnung – oder besser gleich: Weltunordnung. Manche fordern bereits, dass Europa sich von den Vereinigten Staaten zumindest partiell abwenden und der aufstrebenden Weltmacht China zuwenden solle. Nur, wissen sie wirklich, worauf sie sich da einlassen?! Andere beschwören noch einmal die Ideale des westlichen Humanismus, denen wir den technologischen, sozialen und politischen Fortschritt der Moderne zu verdanken hätten. Jedoch haben sie herzlich wenig zu sagen über die Ursachen der gegenwärtigen Krise. Es ist ja nicht nur so, dass die Rede vom westlichen Humanismus allzu oft die brutale Realität jenseits des Westens ideologisch bemäntelt hat – man denke nur an die Geschichte des europäischen Kolonialismus, an Rassismus und Ausbeutung oder an all die schmutzigen Kriege in Afrika und Asien. Vielmehr stellt sich auch die elementare Frage, was der westliche Humanismus zur Lösung der Klimakrise beizutragen hat. Wie kann er, wenn die liberale, internationale Ordnung endgültig zerbrechen sollte, die massiven postkolonialen Ungleichheiten zwischen Nord und Süd reduzieren helfen? Und wie ist es zu erklären, dass ostasiatische Gesellschaften, die oft nicht die Ideale des westlichen Humanismus teilen, heute in vieler Hinsicht erfolgreicher sind als der Westen? Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen?

Offen gesagt irritiert es mich, mit welcher Selbstverständlichkeit viele Europäer auch heute noch ihre überkommenen Lebensformen als selbstverständlich betrachten. Aus der Ferne betrachtet wirkt so vieles im heutigen Europa als Fortsetzung bestimmter feudaler Privilegien, die Menschen nur deshalb in Anspruch nehmen können, weil sie zufälligerweise in Europa geboren wurden. Aber hätten wir, die Angehörigen der westlichen, abstiegsbedrohten Mittelschichten, wir WEIRD-Menschen,6 nicht überall zur Welt kommen können?! Und sollten wir die Welt deshalb nicht einmal mit den Augen der anderen sehen: Menschen aus dem Benin, Sri Lanka, Brasilien, China, Nigeria, Indonesien oder Afghanistan, Männer, Frauen, Muslime, Hindus, Buddhisten?!

4

Ich habe mir gerade noch einmal den letzten Abschnitt durchgelesen. Der Verdacht beschleicht mich, dass daraus immer noch das panische Lebensgefühl meiner Vergangenheit spricht, jenes allgegenwärtige Bewusstsein einer drohenden Katastrophe, das mich seit meiner Kindheit begleitet hat. Mit diesem Gefühl muss ich damals angefangen haben, Chinesisch zu lernen; und in einer Gegenwart, in der die Volksrepublik China Kriegsschiffe für Manöver in die Ostsee entsendet, in Grönland zum Schutz der »souveränen Rechte der indigenen Bevölkerung« aufruft, in Dschibuti eine Militärbasis eröffnet und in Patagonien weiter ihre Weltraumstation ausbaut, scheint die damalige Entscheidung merkwürdigerweise plötzlich Sinn zu ergeben. Da ist sie, die Offenheit des historischen Moments.

Warum entscheidet sich aber ein Europäer dazu, Mandarin zu lernen und in die chinesische Welt auszuwandern? Für eine Antwort muss ich noch einmal weiter ausholen …

Mein Lateinlehrer, den ich auf dem Gymnasium geradezu angehimmelt haben muss, war tiefgläubig und leitete eine Bibelgruppe. Unter seinem Einfluss ließ ich mich mit fünfzehn taufen und betete einige Monate lang zu Gott. Aber Gott, das merkte ich bald, war nicht da für mich, war eigentlich nirgendwo. Dann las ich Nietzsche und hörte abrupt mit dem Beten auf. Genau zu dieser Zeit machte ich in den vollgestopften Schrankwänden meiner Eltern eine Entdeckung. Diese Schrankwände enthielten unzählige Schätze: Schallplatten, Trockenblumen, verstaubte Stillratgeber, Marx- und Lenin-Ausgaben, sowjetische Bildbände von gigantischen Stauseen, die in grünkörnigem Farbdruck geisterhaft schillerten, nicht zuletzt einen Nachdruck der Münchner Wochenzeitschrift Simplicissimus (darin habe ich als Kind zum ersten Mal nackte Frauenkörper und Enthauptungen bewundern können). In diesen Schrankwänden stand aber auch Theodor W. Adornos Minima Moralia und die Lektüre dieses Buches hatte für mich bald etwas Rauschhaftes. Zum ersten Mal fühlte ich in meiner pubertären Seelennot, dass da jemand meine Welt verstanden hatte, die Welt als spätmodernes Abhängigkeitsgefüge, einschließlich aller nur erdenklicher Nachahmungszwänge, verhärteter Subjektivitäten und der wahnhaft flackernden Trugbilder der Kulturindustrie. Kapitalismus ist immer Unfreiheit.

Von da an wusste ich, dass ich Distanz zu dieser Welt benötigte. Ich verkroch mich in der Vergangenheit, weil ich nur dort Ausbruchsmöglichkeiten aus dem allgemeinen Verblendungszusammenhang vermutete. In meiner Geburtsstadt Wilhelmshaven, vor 1945 der wichtigste deutsche Flottenstützpunkt, fotografierte ich aufgelassene Bunker. Ich nahm an einer archäologischen Grabung teil. Das Eis der Wechsel-Eiszeit hatte das Gebiet der Ostfriesischen Inseln nicht erreicht; das war eine interessante Tatsache, und ein Forscher konnte mit scharfem Verstand aus mittelalterlichen Sommerdeichen, Grodenhorizonten und Tonscherben noch viel mehr herauslesen. Aber irgendwann sah ich ein, dass das Lesen alter Bücher zu größeren Aufschwüngen des Geistes führte als die Entzifferung lehmiger Erdschichten. Längst vergessene Wörter konnten einen Menschen blitzartig in ein anderes Jahrtausend tragen. Glücklicherweise war Latein meine erste Fremdsprache gewesen. Mit sechzehn versuchte ich krampfhaft, mir die Maya-Schrift beizubringen. Sehr weit bin ich nicht gekommen, und deshalb gelingt es mir bis heute nicht, die Bedeutung der folgenden Schriftzeichen unmittelbar zu sehen:7

Mit siebzehn lernte ich Mittelhochdeutsch, wenig später auch Altgriechisch. Doch auch diese Sprachen ernüchterten mich schnell, da sie so wenig vom Deutschen abwichen. Kurz darauf muss ich auf das erste Buch über das chinesische Schriftsystem gestoßen sein. Es war wie eine Offenbarung: Am anderen Ende der Welt gibt es eine Sprache, in der jedes Wort mit einem anderen Schriftzeichen geschrieben wird, und diese Sprache ist genauso unzugänglich wie die Maya-Schrift, nur ist sie nicht ausgestorben, nicht als Ergebnis eines Weltenbrandes unbrauchbar geworden, sondern weiterhin quicklebendig. Ich las alles über China, was ich in die Hände bekam: Erzählungen von Geistern und Füchsen aus dem 18. Jahrhundert, Geschichtsbücher, Gedichte aus der Tang-Dynastie. Und begriff: Ich war auf dem falschen Kontinent zur Welt gekommen. Damit stand mein Entschluss fest: Nur die Wirklichkeit dieser Sprache, die irgendwo da draußen von echten Menschen gesprochen wird, kann mich retten.

Im Herbst 1994, mit zwanzig, begann ich in Heidelberg mein Chinesischstudium. Zwei Jahre darauf reiste ich zum ersten Mal nach China – mit der Transsibirischen Eisenbahn, weil ich mich hartnäckig weigerte, ein Flugzeug zu besteigen. Ich fand Fliegen unmoralisch.

5

Könnte sich in der gegenwärtigen Weltlage nicht einfach jene Gleichzeitigkeit spiegeln, die im frühen 20. Jahrhundert längst von hellsichtigen, zärtlichen Dichtern wie Gottfried Benn oder Ezra Pound vorausgeahnt worden ist?! Das abstandlose Nebeneinander, die flirrende Hyperkulturalität der Gegenwart. Sind nicht all unsere Ängste und Erregungszustände Ausdruck eben jenes globalen hyper-space, der beispielsweise in diesen Versen Pounds umkreist wird:8

Einige Jahrzehnte später, zwischen den späten 1970ern und 1990ern, hat der Dichter und Kritiker Qian Zhongshu (1910 bis 1998) auf der anderen Seite der Welt dann seine gigantische Enzyklopädie der traditionellen Kultur Chinas Bambusrohr und Ahle zusammengestellt, in der dieser hyper-space in der chinesischen Sprachwelt explodiert: Etwas »ins Wasser schreiben« / … in vento et rapida scribere oportet aqua / solco onde, e’n rena fondo e scrivo in vento / … But limnes in water or but writes in dust / …9 Eine elegante Zauberkunst zur Erfassung der Welt ist hier am Werk und produziert Vexierbilder von ungeahnter Globalität. Die Welt wird endlich eins.

Doch damit drängen Lebensformen, die wir in Europa nie als Bedrohung oder echte Alternative zu unseren eigenen wahrgenommen hätten, mit neuem Selbstbewusstsein auf die Weltbühne. Plötzlich sind uns die anderen erschreckend nahe. Das vom technologischen Fortschritt bewirkte Zusammenschmelzen von Raum und Zeit verstärkt nicht nur das Bewusstsein für die absolute Zufälligkeit der eigenen Herkunft; es lässt uns auch mit grausig verkehrten Bildern unserer selbst zurück.

Altes, liebes Europa; und da draußen: »acht Milliarden«! Wie schrieb noch Gottfried Benn in seinem Gedicht »Innerlich« so unübertrefflich:

O Seele, futsch die Apanage

Baal-Bethlehem, der letzte Ship,

hau ab zur Augiasgarage,

friß Saures, hoch der Drogenflipp –

Damals, im Jahr 1994, hatte ich insgeheim die Befürchtung, die Chinesen könnten sich am Ende doch als uns sehr ähnlich herausstellen. Ich war auf der Suche nach dem radikal Anderen, dem Singulären, und wollte auf keinen Fall enttäuscht werden. – Aber sind uns die Chinesen wirklich so ähnlich?!

6

In der letzten Woche des Jahres 2017 fliege ich wieder einmal nach Europa. Mit meiner Lebensgefährtin C. Y. plane ich, Neujahr in Amsterdam zu verbringen. Wir gehen zuerst Indonesisch essen, schlendern dann an der Gracht am Kloveniersburgwal entlang. Im Coffeeshop wird es C. Y. nach einigen Zügen so schlecht, dass sie sofort zurück ins Hotel muss und erst einmal zehn Stunden durchschläft. Bei mir zeigt der Joint keinerlei Wirkung (wahrscheinlich habe ich den Rauch nicht lange genug in der Lunge behalten). Deshalb habe ich viel Zeit, über mein Buch zu grübeln. Was bedeutet es etwa, in Amsterdam über chinesische Philosophie nachzudenken, in einer Stadt also, die einmal der Mittelpunkt eines weltumspannenden Handelsnetzes gewesen ist, eine frühe Metropole des globalen Zeitalters, die jedoch alsbald von Städten wie London oder New York abgelöst worden ist? Was könnte noch alles abgelöst werden?! In den nächsten Tagen spazieren wir viel durch Amsterdam. C. Y. geht es besser; sie konferiert schon wieder mit ihren Mitarbeitern in Taipeh über einen neuen Podcast für digitale Literatur. Wir gehen in einem Café namens »Broodje Bert« (Ernie und Bert) frühstücken. Junge Menschen fotografieren ihren Café Latte. C. Y. liest Gedichte von Anna Achmatowa und kümmert sich um den auf ihrem Handy weilenden »reisenden Frosch« (eine App namens Tabikaeru, die sich in den Wochen davor Millionen von Menschen in Ostasien heruntergeladen haben). Wir schauen uns im Regen Grachten an, besuchen Museen. Überall riecht es nach Marihuana und holländischen Fritten. Das Multatuli-Museum ist menschenleer. Das Anne-Frank-Haus ist dagegen so von Touristen mit Selfie-Stangen überlaufen, dass wir nicht einmal einen Blick in den Souvenirshop erhaschen können. Dafür sehen wir uns im Rijksmuseum Rembrandts Bild Die Judenbraut an. Ich bin wieder sehr aufgewühlt, wie jedes Mal, wenn ich Rembrandt-Bilder sehe. Doch an jedem dieser Tage werden 96 Millionen Fotos und Videos auf Instagram hochgeladen, hauptsächlich von Menschen unter vierzig, und dagegen bedeuten Rembrandt und meine Aufgewühltheit nicht viel. C. Y. lacht mich aus. Alles zersplittert.

Auf unserer Reise nach Amsterdam habe ich auch das Buch The Path: What Chinese Philosophy Can Teach Us About the Good Life wiedergesehen. Der Autor, Michael Puett, ist Harvardprofessor. Auf dem Buchcover stehen die reißerischen Worte »A New Way to Think About Everything« und vielleicht weil dieses Buch auf dem Flughafen Schiphol zwischen Selbsthilfebüchern und Ratgebern über die Kunst des richtigen Investierens steht, verkauft es sich bestens (auch eine Übersetzung ins Deutsche liegt schon vor).10 Es gibt haufenweise ähnlicher Werke zu fernöstlicher Weisheit, die Bücher des französischen Sinologen François Jullien mit ihren schillernden Titeln (Der Weise hängt an keiner Idee, Die Affenbrücke, Über die Wirksamkeit), die stetig auf den Buchmarkt drängenden Neuübersetzungen chinesischer Klassiker von Laozi und Zhuangzi bis Sunzi, außerdem Erziehungsratgeber (Stichwort »Tigermutter«) und Karriereratgeber, hypnotisch glitzernde Titel wie Edward Slingerlands Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen: Das Wu-Wei-Prinzip oder Marie Kondos Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert, nüchterne, geradezu wissenschaftlich anmutende wie Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog (Wolf Singer und Matthieu Ricard), aber auch heimische Erzeugnisse, die Asien nur mit einem Augenzwinkern aufrufen: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg (Alexandra Reinwarth). Ganz zu schweigen von all den anderen Produkten mit einem fernöstlichen Anstrich, von Yoga- und Feng-Shui-Kursen, silent retreats, Vipassana-Meditationen bis zu Seminaren über smart thinking … Und damit wären wir auch schon angelangt im gegenwärtigen und sehr deutschen Kult um Achtsamkeit und Entschleunigung, um Wohlfühlwelt und Bionade-Biedermeier.

Warum aber interessieren sich europäische Vielflieger überhaupt für ein Buch zur chinesischen Philosophie? Offenbar doch, weil sie sich in diesem anderen Denken wiedererkennen. Eine ganze Menge Leute in Europa glauben bereits, dass asiatische Denker wie Laozi, Zhuangzi oder Buddha uns helfen können, ein glückliches Leben zu führen.

Ich will ganz offen sein: Über viele Jahre hinweg hatte ich größte Schwierigkeiten, die Beschreibungen solcher anderer Seelenzustände ernst zu nehmen. Mystische Erleuchtungen, die auf den Buchmärkten kapitalistisch durchorganisierter Gesellschaften verkauft werden, waren mir zutiefst suspekt. War das nicht alles nur esoterischer Budenzauber?! Zwar lernte ich ja selbst Chinesisch und besuchte in Heidelberg Seminare zum Daodejing (ältere Umschrift: Tao Te King, das Buch vom Weg und seiner Wirkung) und zum Plattformsutra des sechsten Patriarchen, doch verspürte ich das starke Bedürfnis, eine Trennwand zu errichten zwischen meinem rationalen Selbst und diesen unendlich verschlungenen Texten. Ich hatte längst begriffen, dass exotische Sprachen häufig obskure Charaktere anziehen, Menschen also, die nicht klar und bündig denken können, die irgendein Problem haben oder einfach nicht mit ihrem Leben zurechtkommen. Im Zusammenprall zweier so unterschiedlicher, kultureller Welten wie Europa und China brechen oft dunkle Energien auf. Proselyten werden schneller gemacht als Philologen. Im Rückblick schäme ich manchmal fast dafür, all dem so nahe gekommen zu sein.

Im Juni 2007 etwa habe ich an dem Disput zwischen einem buddhistischen Meister aus Taiwan und einem deutschen Neurowissenschaftler teilgenommen. Ein bekannter bayerischer Unternehmer hat die Veranstaltung gesponsert, die auf seinem Sommersitz in einem Dorf unweit des Chiemsees stattfindet, mitten in einer wunderschönen Thomas-Mann-Landschaft, an deren Rändern die Alpen königsblau in fernem Dunst verschimmern. Meine Aufgabe wird es sein, den Disput zu dolmetschen, also die Äußerungen des taiwanischen Meisters für das Zielpublikum ins Deutsche zu übersetzen sowie die auf Deutsch geführte Diskussion in chinesischer Sprache für den Meister zusammenzufassen. Wie so oft beunruhigt mich die Aussicht, dass ich mich zwischen allen Stühlen wiederfinden könnte; weder bin ich ein bekennender Buddhist, noch habe ich je das menschliche Gehirn erforscht, nicht zuletzt kenne ich die Leute nicht, die hier in der Abgeschiedenheit zusammenkommen. Dennoch übt diese Konstellation eine unerklärliche Anziehungskraft auf mich aus. Die Teilnehmer kommen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten (Neuro- und Religionswissenschaftler, Zen-Lehrer, Unternehmer, Lokaljournalisten), sind jedoch miteinander tief vertraut. Der bekannte Religionswissenschaftler, der die Moderation führt, spricht gleich zu Beginn so gespreizt über religiöse Erfahrung, dass ich den Eindruck bekomme, ungewollt einer Geheimgesellschaft beigetreten zu sein. Nach dem Empfang in einem lichtdurchfluteten Wohnraum, mit Hirschgeweihen, hochlehnigen Stühlen und viel uniformiertem Dienstpersonal, das Sekt und Schnittchen herumreicht, folgen wir dem Dharma-Meister hinaus ins Freie. Er bittet uns, an seiner Gehmeditation teilzunehmen. Etwa zwanzig erwachsene Menschen stolzieren sodann auf einem Trampelpfad einmal um das Anwesen herum; an der Spitze läuft der Meister im braunen Gewand, mit der roten Mütze der tibetischen Buddhisten. Das alles hat etwas von einem Ringelpiez. Ich gehe schweigend hinter den anderen her, fühle mich in diesem Sinnraum unbeholfen, spüre überhaupt nicht viel. Ich begreife nicht, woran ein Buddhist eigentlich glaubt.

Am nächsten Tag wird in der Gruppe überschwänglich diskutiert. Es geht um Geist und Leadership, um Outdoor-Rituale, Hierarchien und Holarchien. Ich sitze neben dem Meister und dolmetsche in beide Richtungen. Immer wenn der Hirnforscher spricht, muss ich mich nach links beugen und für seine oft sehr verschraubte Wissenschaftlerprosa ähnliche Wendungen im Chinesischen finden. Der Meister hört mir zu, friedfertig lächelnd, meist mit geschlossenen Augen. Manchmal sagt er etwas. Einmal zitiert er aus dem Śūraṃgama-Sutra, für das sich, fällt mir plötzlich ein, der junge Jack Kerouac einmal begeistert hatte. Der Hirnforscher referiert über Kant und das Problem des freien Willens. Der Meister entgegnet mit Nāgārjunas Theorie der zwei Wahrheiten und zeigt aus dem Fenster. Ich sehe dort aber gar nichts. Haben die anderen etwas gesehen? Irgendwann weiß ich nicht mehr, worüber hier eigentlich gesprochen wird. Was hat der neurowissenschaftliche Diskurs mit dem Buddhismus zu tun? Werden auch Nervenzellen wiedergeboren? Oder Gehirnwellen? Aber was wird überhaupt wiedergeboren, wenn das Selbst in Wahrheit eine Illusion ist?

Die Ehefrau des bayerischen Unternehmers sitzt die ganze Zeit wie verzaubert in einer Ecke. Später wird sie lange neben dem Meister verweilen und immer wieder seine Hände berühren, als besäßen die eine Kraft sanfter, spiritueller Anverwandlung. Beim Abendessen sitze ich neben dem Meister. Einmal wird ein scharfer Obstschnaps herumgereicht. Als die Kellnerin kurz neben uns stehen bleibt, frage ich den Meister schnell und mit stolz verborgener Entlarvungsabsicht, ob er auch von dem Schnaps möchte. Er nickt. Und dann sehe ich zu, wie er sein Glas leert – in einem Zug, grinsend wie ein Kind, noch friedfertiger als zuvor, so als hätte er schlussendlich ein Zipfelchen Weisheit erhascht.

Ist es meiner protestantischen Herkunft zu verdanken, meiner frühen Nietzsche-Lektüre oder gar einem mir angeborenen Gefühl intellektueller Überlegenheit, dass ich in diesem Augenblick die Heiligkeit des buddhistischen Meisters zu durchschauen glaube? Dürfen Buddhisten denn Alkohol zu sich nehmen?! Und wie kann ein Disput geführt werden, wenn es gar keine gemeinsame Sprache gibt, wenn Selbst und Welt auf so unterschiedliche Weise konzeptualisiert werden? Auf keinen Fall bin ich bereit, das berühmte »Opfer des Intellekts« zu bringen.

Einige Wochen darauf begegne ich dem Meister erneut, diesmal in dem von ihm begründeten Tempelbezirk im Nordosten Taiwans, auf einem von Regenwald überwucherten Berg, der sich dunkel von der Küstenlinie absetzt. In silbrig glänzender Tiefe liegt der Pazifik. Das Lärmen der Zikaden ist kaum auszuhalten, die Hitze unmenschlich. Der Meister verharrt im Lotussitz auf einer kleinen, hölzernen Empore, während sich zwei junge Frauen ihm kriechend nähern, die Stirn nur ein Stück weit über dem Boden. Mich erinnern die dunklen Laute, die sie dabei ausstoßen, an sexuelle Unterwerfungsgesten oder mittelalterliche Ritualorgien. Ich bin entsetzt. Wie kann ein Buddhist so ungeschminkt seine Macht über andere Menschen zur Schau stellen? Nach jahrelangem Herumirren in der chinesischen Welt, nach so vielen Versuchen des Näher-Herangehens, des Nur-wie-nebenbei-Auffischens und des Gründlich-Abtastens, des Wieder-auf-Abstand-Gehens und des Doch-wieder-in-den-Bann-Geratens reagiere ich von da an aggressiv, wenn sich Menschen unter Berufung auf vermeintlich höhere Kräfte in mein Leben einmischen möchten.

Das war, wie schon gesagt, im Jahr 2007. Heute, gut zehn Jahre später, erscheint mir vieles in einem anderen Licht. In gewisser Weise erstaunt es mich jetzt, wie wenig mein damaliges Ich überhaupt vom Buddhismus verstanden hatte. War ich vielleicht, wie mein Vater, in meiner ganz eigenen, selbstzentrierten Lebensunfähigkeit gefangen und sah deshalb nicht klar?

7

»Meinen Hirnkasten habe ich ausgekippt, bis mir die Augen aus den Höhlen traten«, schreibt der Verfasser des Zen-Klassikers Zutritt nur durch die Wand in seiner autobiografischen Rückschau.11 Wumen Huikai lebte im China des 13. Jahrhunderts, doch ich muss bei diesem Satz an meinen Onkel Alfred Weinreich denken, der im 20. Jahrhundert mitten in Deutschland gelebt hat. Als junger Mann ist er auf die Bremer Kunsthochschule gegangen, um Bildhauer zu werden; einige Jahre später siedelte er aus tiefster Überzeugung in die Deutsche Demokratische Republik über und ließ sich in Wolmirstedt nieder, einer Kleinstadt in der Nähe von Magdeburg, um dort die alte Gärtnerei seiner Familie weiterzuführen, die in der Zwischenzeit – denn die Zeit steht nie still – in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt worden war. In den 1970ern und 1980ern, womöglich verbittert über die ausbleibende Anerkennung für seine Bildhauerei oder auch über den zunehmenden Mangel an eigener Empfindung, hat er sich in die Lilienzucht und den Alkohol geflüchtet. Mein Onkel, das weiß ich sicher, war ein großer Bewunderer des Zen-Buddhismus und hat dem Buch Zutritt nur durch die Wand einen Ehrenplatz in seiner Bibliothek gewidmet.

Auf meiner einzigen Reise im Sommer 1987 in die eben-noch-existierende DDR, wenn Alfreds Tochter Ise, meine fast gleichaltrige Cousine, sich wieder einmal die Lippen bemalte, im Klo mit dem schadhaften Wasserboiler, während der 80er-Hit »Voyage, Voyage« lief, habe ich mich einige Male vor die Bücherwand meines Onkels gesetzt und überlegt, ob ein Buch namens Zutritt nur durch die Wand überhaupt eine Lehre anzubieten hätte. Und was wäre denn überhaupt die Lehre von – der Leere?! Viel später bin ich dann auf den Satz von Ludwig Wittgenstein gestoßen: »Wenn irgendetwas gesehen (wirklich gesehen) wird, dann bin immer ich es, der es sieht.« Und heute glaube ich, dass Alfred Weinreich diesen Satz sehr gemocht hätte. Der frühe Wittgenstein ist bekanntlich von Schopenhauer inspiriert worden, und Schopenhauer ist einer der wenigen europäischen Philosophen, die sich fachlichen Rat bei östlichen Denkern geholt haben. Mein Onkel hätte diesen Zusammenhang gesehen. Leider kann ich mich nicht mehr mit ihm über all das unterhalten, denn Alfred Weinreich ist im November 2001 gestorben; sein inneres Leben ist mir ohnehin weitgehend verborgen geblieben. Aber wer hat schon Zugang zum inneren Leben der anderen?!

Vielleicht musste ich, um China zu verstehen, erst einmal den Gedanken loswerden, ich könne etwas in Besitz nehmen, ein verborgenes Zentrum, das sich mir entzieht.

ERSTES KAPITEL:

DER ZAUBERER DES NICHTS HEIDELBERG (1994–1999)

Wer blind wählt, dem schlägt Opferdampf in die Augen.

(Friedrich Gottlieb Klopstock)

1

Er war jung, als er starb, zu jung, und hätte über noch viel grundstürzendere Dinge nachdenken können, wäre ihm nur etwas mehr Zeit geblieben. Nichts deutet darauf hin, dass der Mann sterben wollte (er war ja kaum älter als zwanzig); und dennoch kommt man nach gründlicher Beschäftigung mit seiner Philosophie nicht um den Gedanken herum, dass dieser junge Mann sein baldiges Ende vorhergesehen haben könnte. Einen großen Teil seines kurzen Lebens muss er in der Hauptstadt verbracht haben; ebendort ist er im Jahr 249 n. Chr. auch gestorben. »Jenes Herbstes befiel ihn eine Seuche, und er starb, im vierundzwanzigsten Jahr, ohne Sohn; woraufhin die Stammlinie erlosch«,12 heißt es in einer Chronik alttestamentarisch knapp und für unseren Geschmack wohl etwas zu sperrig. Ob der exzessive Drogen- und Alkoholkonsum, mit dem sich viele seiner Zeitgenossen einen Namen machten, auch für seinen Tod verantwortlich zeichnet, wissen wir nicht. Und doch ist bei einem derart rätselhaften Drama, in einem so entlegenen Weltteil, nichts ausgeschlossen. Hat dieser Mann vielleicht bis zur letzten Stunde mit seinem ureigenen Nichts gerungen, mit dem Gedanken an jene unfassbare, unerträgliche Stille, die einen Menschen so sehr zu quälen vermag, »als ob du«, wie der Verfasser des Zutritts nur durch die Wand schreibt, »eine glühende Eisenkugel im Mund hieltest, die du auswürgen möchtest und nicht kannst«?!13

So ließe sich die Biografie von Wang Bi in Kurzfassung erzählen (wie üblich muss man sich den chinesischen Name im Geiste umgekehrt vorstellen: »Bi« ist der Vorname, »Wang« der Nachname). Nur dass dieser Name »Wang Bi« Leserinnen und Lesern in Europa völlig unbekannt sein wird, und deshalb so eine Kurzbiografie kaum Interesse wecken dürfte. Ich habe mich oft gefragt: Ist Wang Bi so unbekannt, weil er in China zur Welt kam, oder ist er es wegen der eigentlichen Bedeutungslosigkeit seines Denkens?!

Wenn wir heute von so etwas wie einem philosophischen Daoismus reden können, ist das vor allem diesem Philosophen aus dem chinesischen Mittelalter zu verdanken.14 In historischen Abrissen wird Wang Bi (226 bis 249) gewöhnlich als der wichtigste Vertreter der »Lehre vom Dunklen« eingeführt. Doch Obacht: Das chinesische Wort xuan (mittelchinesische Aussprache: hewen) für »dunkel«, das eigentlich ein bestimmtes Schwarz bezeichnet (wie Schwarzdorn), kann für viel mehr stehen: »obskur« etwa oder »mysteriös«, ebenso »undurchsichtig« und »dämmrig«.15 Die im Chinesischen gebildeten Leser denken hier außerdem sofort an den berühmten ersten Abschnitt des Daodejing, eben jenes Buches, auf dessen Erforschung Wang Bi die besten Jahre seines Lebens verwandt hat. Dieser Abschnitt ist nicht zu lang, um hier einmal vollständig angeführt zu werden. Von nun an mag er als eine Art Talisman dienen, ein touchstone, zu dem Sie später immer wieder zurückkehren können:

Sagbar das Dau

doch nicht das ewige Dau

nennbar der name

doch nicht der ewige name

namenlos

des himmels, der erde beginn

namhaft erst der zahllosen dinge urmutter

darum:

immer begehrlos

und schaubar wird der dinge geheimnis

immer begehrlich

und schaubar wird der dinge umrandung

beide gemeinsam entsprungen dem einen

sind sie nur anders im namen

gemeinsam gehören sie dem tiefen

dort, wo am tiefsten das tiefe

liegt aller geheimnisse pforte16

Das Wort xuan tritt gegen Ende genau dreimal auf. Ernst Schwarz, dessen Übertragung ich hier zitiere, übersetzt es als »tief«, was in meinen Ohren etwas wunderlich klingt. Auch wegen der konsequent durchgehaltenen Kleinschreibung erinnert diese Übersetzung an die Verskunst Stefan Georges, eines deutschen Dichters also, der nicht viel mit China zu tun hat. Man könnte diese Zeilen natürlich auch ganz anders übersetzen. Bei Vincenz Hundhausen (1878 bis 1955) klingt der Anfang so: »Kann Ewig-Eines sein, was wir erkennen? / Ein Name ewig sein, mit dem wir nennen? …« Bei Jan Philipp Reemtsma, dem bis dato wohl letzten deutschen Übersetzer des Daodejing, dagegen: »Der Weg, kannst du ihn weisen / ist nicht der ewige Weg / Die Weisheit, kannst du sie benennen, / ist nicht die immerwährende Weisheit …«

Ich habe die Übersetzung von Ernst Schwarz viele Male gelesen. Dabei hatte ich oft den Eindruck, als würde sie, je länger man sie ansieht, umso verwirrender und unklarer werden. Worauf verweist zum Beispiel die »urmutter«, also die Idee einer geheimnisvollen, dunkelheitsumflossenen Fruchtbarkeit? Warum ist »das ewige Dau« (Dao) nicht »sagbar«? In welche »pforte« möchte uns der Verfasser dieser Zeilen hereinziehen? Und was verbirgt sich hinter dieser »pforte«? Etwa das »Dau«? Aber warum heißt es dann in den Abschnitten 52 und 56 des Daodejing, dass die »pforte« geschlossen werden müsse?! Und wofür steht eigentlich das Wörtchen »beide« in der fünftletzten Zeile?

Zweifellos handelt es sich beim Daodejing um eins der rätselhaftesten Bücher der Menschheitsgeschichte. Schon beim ersten Durchblättern erweist es sich als ein Buch mit sieben Siegeln. Anstelle eines zusammenhängenden Textes gibt es nur sprunghaft aneinandergereihte Passagen, die ins Unpersönliche, Zufällige drängen. Einfache, geradezu banal wirkende Aussagen wechseln sich mit gnomischen Sprüchen und undurchschaubaren Metaphern ab und die wie Riffs vorgetragenen Wortketten und verwirrenden Gegenüberstellungen zeugen von der subjektiven Vision eines namenlosen Ichs, das sich nur so und nicht anders äußern konnte. Wer an der Bibel oder an philosophischen Texten der abendländischen Tradition geschult ist, wird leicht daran Anstoß nehmen, dass dieses namenlose Ich weder behauptet, den Standpunkt Gottes zu vertreten, noch die nüchtern argumentierende Haltung eines Philosophen verkörpern will; es entwickelt einfach, und mit einer Art geheimniskrämerischer Inbrunst, in genau 81 Abschnitten seine Gedanken. Auf diese Weise zwingt dieses Ich seine Leser und Leserinnen aber auch, Verbindungen zwischen Textpassagen herzustellen, ohne dass diese sich je sicher sein können, ob der Verfasser diese Verbindungen auch so gesehen hätte. Die schmerzhafte, geradezu aufputschende Kürze einiger Passagen erinnert an die deutschen Romantiker (Friedrich Schlegel oder Novalis); vielleicht auch an die Sprüche des Heraklit: »Haben sie nicht mich, sondern den Sinn vernommen, so ist es weise, dem Sinne gemäß zu sagen, alles sei eins«,17 heißt es ganz »daoistisch« bei dem griechischen Philosophen und Traumdeuter. Aber solche Analogien können natürlich leicht in die Irre führen. – »Leben oder Ware, was zählt mehr?«: Wer hätte gedacht, dass sich so ein zeitloser Spruch im Daodejing findet (Abschnitt 44)?! – Dieses Buch will uns offensichtlich mit der Konkretheit seiner Beschreibungen verwandeln, doch bricht es dabei mit so vielen Lesegewohnheiten, dass es ein ewiger Stein des Anstoßes bleiben muss. Hunderte von Übersetzern haben das Daodejing in westliche Sprachen übertragen, mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Die früheste Übersetzung war eine ins Lateinische, sie wurde von jesuitischen Missionaren angefertigt und ist der British Royal Society im Jahr 1788 vorgelegt worden. Aber auch heute noch erscheinen jährlich neue Übersetzungen in allen großen Sprachen der Welt.

Der Text des Daodejing wurde irgendwann zwischen 350 und 250 v. Chr. komponiert; ursprünglich gab es wohl nur eine Anzahl mündlich überlieferter, häufig in gereimter Versform angelegter Sprüche, die erst zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich fixiert worden sind. Eine Person namens »Laozi« oder »Laotse«, dem das Daodejing im Allgemeinen zugeschrieben wird, hat es höchstwahrscheinlich nie gegeben (also auch nicht jenen weisen Mann aus der berühmten Legende von Bertolt Brecht, der sein Land verlässt und am vierten Reisetag von einem Zöllner aufgehalten wird, der ihn bittet, seine Lehren niederzuschreiben, worauf er anfängt zu schreiben …). Wie viele Texte im alten China hatte das Daodejing keinen eindeutigen Verfasser, sondern war »auf der Suche nach einem Verfasser«.18

An dieser Stelle könnte man (das ist jetzt böse) an eine Äußerung von Sartre denken: In einen Toten treten wir ein wie in eine offene Stadt.19 Das Daodejing könnte eigentlich alles Mögliche bedeuten, weil es keinen Widerstand mehr gegen unsere Vereinnahmungsversuche leisten kann, und meinetwegen könnte man aus diesem Buch auch die Telefonnummer einer Berliner Freimaurerloge oder den Zeitpunkt herauslesen, an dem unsere Welt den Klimakollaps erleidet.

Philologen würden an dieser Stelle noch hinzufügen wollen, dass der ursprüngliche Sinngehalt des Daodejing überhaupt nicht mehr einwandfrei zu rekonstruieren ist: Viel zu viel liege dafür im Dunkeln, zu unsicher sei die Textgestalt (mit all den neueren Manuskriptfunden!), und zu sehr suche der Verfasser dieses Textes seine Absicht hinter seiner vielfach verrätselten Sprache zu verbergen. Nicht zuletzt sind die traditionellen Lese- und Deutungspraktiken, die dieses Buch vor dem 20. Jahrhundert mit einem mehr oder weniger stabilen Bezugsrahmen versahen, längst verloren gegangen. Nur ist die Philologie eine sehr europäische, sehr deutsche Erfindung, das Resultat von Bibelkritik und Historismus, und viele Menschen in Ostasien lesen diesen Text mit weniger Ballast: als Lebensweisheit, als fortlaufenden Erfahrungsprozess, an dem jeder Mensch teilhaben kann, als Bildungsprojekt (oder genauer: Entbildungsprojekt). »Wer sich dem Lernen hingibt, gewinnt täglich dazu. / Wer sich dem Dao hingibt, verliert täglich.« (Anfang von Abschnitt 48) – Dieser Text besaß in der chinesischen Geschichte ein unvorstellbar hohes, kulturelles Prestige – sogar Kaiser kommentierten ihn. Und vielleicht gibt es heute auch deshalb so viele Bücher, die uns davon zu überzeugen suchen, das Daodejing habe den Existenzialismus oder die Phänomenologie vorweggenommen oder enthalte gar den Schlüssel zur Lösung aller drängenden Probleme in Anthropozän und posthumanem Zeitalter. Das Geheimnis seiner Wirkung liegt wohl in dieser schillernden Deutungsoffenheit; weil es jenseits der engstirnigen Gegenwart ein Bewusstsein für die Unabschließbarkeit von Zeit und Welt bewahrt, wird es bis heute in der ganzen Welt gelesen.

2

Im Nachhinein muss ich es wohl als eine glückliche Fügung verbuchen, dass ich im Herbst 1994 mein Studium in Heidelberg begonnen habe. Manchmal sehe ich mein damaliges Ich noch vor mir, dunkelernst, zu Lachen und Leichtigkeit unfähig, wie es mit seiner panischen Angst vor dem Leben (sehr nervös, schlaksig obendrein) ein Bahnticket von Wilhelmshaven nach Heidelberg löst, und weiter, wie es dann mit einem kleinen Koffer, denn die größeren Umzugsstücke würden erst einige Tage später mit einem VW-Transporter nachgebracht werden, in den deutschen Sehnsuchtsort einfährt, der längst zu einem kommerziellen Unort verkommen ist; mit wachsender Nostalgie erinnere ich mich auch daran, wie ich ein möbliertes Zimmer in der Gaisbergstraße finde, wie ich zum ersten Mal in die Mensa gehe und zum ersten Mal in einem der großen Hörsäle am Universitätsplatz sitze, im ersten Mal steckt ja immer eine besondere Bedeutung, und all das klingt längst wie eine Beschwörung, so als müsste ich mich selbst davon überzeugen, noch derselbe Mensch wie damals zu sein. Eigentlich ging es mir aber um etwas ganz anderes: Ich stand im Bann von Professor W., dem einzigen Wang-Bi-Spezialisten der westlichen Hemisphäre, und wollte so schnell wie möglich seine Seminare besuchen.

Wie das gekommen war? Ganz einfach: Ein halbes Jahr zuvor hatte ich mit klopfendem Herzen Professor W. in seinem Büro besucht, wo er im Halbdunkeln saß, zwischen Papierbergen, angestaubten Enzyklopädien und Kartons voll alter Folianten und mich mit der felsenfesten Gewissheit des Philologen angerührt hatte: Die Vergangenheit ist noch lange nicht vergangen, sondern kann jederzeit zurück ins Leben gerufen werden. Ich fragte Professor W., wie lange es dauern würde, Chinesisch zu lernen; und ob es möglich sei, Chinesisch so gut zu lernen, dass man in dieser Sprache auch schreiben oder sogar träumen könne. Er lächelte, mit jenem pennälerhaften Überlegenheitsgefühl, das einem weißen Mann über fernöstlichen Texten so leicht zuwächst, blickte mir tief in die Seele und erwiderte: »Ja, gewiss ist das möglich. Sie müssen sich nur von Ihrem übrigen Leben verabschieden. Also von heute an keine Partys mehr, keinen Sex oder Alkohol!« Ich muss mir damals noch eingebildet haben, Professor W. spreche zu mir allein, gerade so als wäre ich auserwählt worden aus einer großen, flüsternden Menge, die sich vor einem indischen Aschram versammelt hat, der Meister lächelt weise, doch unergründlich und führt den Auserwählten die hochfliegenden Treppen hinauf und ins Innere des Tempels, wo er ihn alsbald in die geheimsten Rituale einweihen würde … Erst viel später habe ich begriffen, dass dieser Wissenschaftler seine Zuhörer sehr gezielt mit einer Art ironischer Formlosigkeit umgarnte, um sie so in den Galeerendienst seiner Philologie hineinzutäuschen. – »Kein Problem«, muss ich an jenem Tag erwidert haben, auf Partys, Sex und Alkohol würde ich nur zu gern verzichten. Worauf Professor W. schrill lachte, sich das messerscharfe, dunkelblonde Scheitelhaar aus der Stirn strich, wie er das später noch so oft tun würde, und mir zum Abschied (geradezu glühend vor Nähe) zurief: »Schreiben Sie mir doch eine Postkarte aus Ihrer norddeutschen Tiefebene! Für wenn ich Ihnen ein Buch empfehlen soll!« Eine Postkarte habe ich ihm nicht mehr geschrieben, denn ich würde ja selbst kommen. Ich war neunzehn und in den Bann meines ersten Zauberers geraten.

Wie heißt es noch in jener rätselhaften Stelle in Kafkas Tagebuch? »Schlaflos, fast gänzlich; von Träumen geplagt, so wie wenn sie in mich, in ein widerwilliges Material eingekratzt würden.«20 Vielleicht ist Chinesisch zu lernen so ein Traum.

Feuer fangen, das nie mehr erlischt. Bereits in meinem ersten Seminar bei Professor W. muss der Name Wang Bi gefallen sein. Eigentlich sprach dieser Mensch überall und zu jedem beliebigen Anlass über diesen Denker von der anderen Seite der eurasischen Landmasse, mit verführerischen, weit ausholenden Gesten, postmodernen Zuspitzungen und einer unendlich aufgespreizten Subjektivität, wie man sie so oft an Geisteswissenschaftlern beobachten kann (in den Naturwissenschaften gibt es mehr Objektivität). Wahrscheinlich ahnte ich schon, dass sich Professor W. zutiefst mit diesem allzu früh verstorbenen Mann, dem selbstherrlichen Genie und daoistischen Anarchisten, identifizierte. Ich besaß schließlich ganz ähnliche Potenziale.

Die Lebensdaten des fremden Denkers, das biografische Gerüst, hatte ich rasch verinnerlicht: 226 bis 249 n. Chr.; 23 Jahre Lebenszeit; eine Ehefrau; eine Tochter. Außerdem drei Bücher, die bis heute mit Wang Bis Namen verbunden sind. Genauer gesagt: drei Kommentare. Ein Kommentar zu dem bereits erwähnten Buch Daodejing, ein Kommentar zum Buch der Wandlungen oder Yijing (bei C. G. Jung, Hermann Hesse und Philip K. Dick wird es unter dem Titel I Ging geführt), sowie ein nur fragmentarisch erhaltener Kommentar zu den Gesprächen des Konfuzius. Viele Menschen in Ostasien betrachten diese Texte bis heute als heilig oder zumindest klassisch; und deshalb zeugt die Tatsache, dass Wang Bi kein einziges, eigenes Buch geschrieben hat, sondern nur diese drei Texte kommentiert hat, keineswegs von Bescheidenheit. Ganz im Gegenteil: Durch seine drei Kommentare zu den wohl wichtigsten Texten des Alten China stellte dieser junge Chinese sein unermessliches Selbstvertrauen unter Beweis, denn solche Kommentare durften damals eigentlich nur gestandene Gelehrte schreiben. Professor W. wies seine Studenten gern in einem hastigen Impulsreferat darauf hin, dass man die Wang Bi’sche Arroganz bereits aus dem Titel seines Kommentars zu dem Buch des Konfuzius heraushören könne. Der Titel Lunyu shiyi wäre wohl am besten zu übersetzen als: [In diesem Buch] löse [ich] einige Zweifel über Konfuzius’ Gespräche auf. Wer so etwas schreibe, sei sich selbstverständlich über die eigene Genialität im Klaren, nur dass wir dies mit unseren »abgehangenen« Wissenschaftlerbiografien nicht so leicht verstehen könnten. Und damit begriff ich auch, dass in der chinesischen Kultur oft dasjenige, was ungesagt bleibt (in diesem Fall das Wort »ich«), eine umso größere Wirkung entfalten kann.

Im dritten oder vierten Semester ließ uns Professor W. zum ersten Mal einen Text aus der Zeit Wang Bis übersetzen. In meiner Erinnerung habe ich noch alles parat: Wie ich an jenem Sommertag in einem weißen Seminarraum mit belanglosen Bürotischen sitze, neben mir sieben oder acht Mitstudierende, es ist sehr heiß, durch die weitgeöffneten Fenster blicke ich in der Ferne auf den Turm der Heidelberger Providenzkirche, nur möchte ich die süddeutsche Kleinstadt eigentlich so schnell wie möglich vergessen, um mich an die Fremde zu verlieren; und so beuge ich mich über die Kopie, die noch denselben spiritusähnlichen Matrizengeruch verströmt, den ich aus dem Deutschunterricht kenne, in der Anspannung beginne ich, auf meinen Lippen zu kauen, und dann schreibe ich mit dem Kuli – und grimmiger Entschlossenheit – meine Übersetzung aus dem klassischen Chinesischen auf:

Als He Yan dem Personalministerium [des Reiches Wei] vorstand, genoss er aufgrund seiner hohen Stellung großes gesellschaftliches Prestige. Illustre Zeitgenossen füllten die Sitze seines Hauses. Eines Tages besuchte ihn auch Wang Bi, noch keine zwanzig Jahre alt. Da He Yan bereits von dessen Ruhm [als Redner] gehört hatte, präsentierte er einige Argumente, die sich in vorangegangenen Gesprächen als schlagkräftig erwiesen hatten, und sagte dann zu seinem Gast: »Meine Wenigkeit betrachtet diese Argumente als die besten. Traut Ihr Euch zu, Einwände zu erheben?« Und tatsächlich: Wang Bi erhob Einwände; und als er ausgeredet hatte, waren die Anwesenden einhellig der Meinung, dass He Yan ihm unterlegen sei. Dennoch redete Wang Bi weiter. Er übernahm einfach die Rolle seines Gegenübers und debattierte so über mehrere Runden mit sich selbst. Keiner kam ihm gleich.21

Wir haben im Seminar von Professor W. nicht weiter über den biografischen Hintergrund dieser Stelle diskutiert, denn mein akademischer Lehrer interessierte sich damals vor allem für die rhetorischen Muster, die sich in Wang Bis Kommentarzeilen verbargen, weniger für die geheime Seelenwelt dieses jungen Chinesen. Ich aber muss bereits an jenem Nachmittag wie angestochen gewesen sein. Von diesem kurzen Textschnipsel ging etwas ungemein Bannendes aus, hielt er doch den Augenblick fest, in dem der wohl bedeutendste Denker des vormodernen Chinas die Bühne betreten hatte, eine wahre Sternstunde der ostasiatischen Geistes-geschichte!

Höchstwahrscheinlich hat die Begegnung zwischen Wang Bi und seinem zukünftigen Mentor He Yan zwischen den Jahren 244 und 246 n. Chr. stattgefunden. Anders gesagt dürfte Wang Bi zu diesem Zeitpunkt mindestens achtzehn Jahre alt gewesen sein, aber auch nicht viel älter. He Yan war damals um die vierzig; er war der Enkel eines berühmten Generals, aufgewachsen im Palast des berühmten Feldherren Cao Cao (155 bis 220 n. Chr.), außerdem ein enger Vertrauter des Reichskanzlers Cao Shuang im Reich Wei, das damals den Norden Chinas beherrschte, ein mächtiger Politiker also, dazu Ehemann einer kaiserlichen Prinzessin und stadtbekannter Schönling, der in seiner Freizeit philosophische Traktate schrieb. Es überrascht also nicht, dass He Yan so sehr in sich selbst verliebt gewesen sein soll, dass er beim Gehen den eigenen Schatten bewunderte.22

Doch zurück zur Begegnung der beiden Männer. Interessanterweise heißt es in einer Textvariante, He Yan habe Wang Bi mit »verkehrt herum angezogenen Schuhen«23 begrüßt. Ich habe oft gedacht, dass dieses Detail sehr wichtig ist, erlaubt es uns doch, He Yans damaligen Geisteszustand zu erahnen. Stellen Sie es sich so vor: Da besucht nicht etwa ein spätpubertierender Jüngling unangemeldet die Privatresidenz eines mächtigen Ministers, sondern der Minister hat stundenlang auf diesen jungen Mann gewartet, ist den ganzen Tag lang nervös durch sein Anwesen geschweift, in der hoffnungsvollen Erwartung, in ihm einen Gleichgesinnten zu finden; und als es dann endlich klingelt, springt er sofort auf für diese Seelenbegegnung und schafft es nicht, sich die Schuhe richtig herum anzuziehen … Wahrscheinlich war der ältere Mann auch deshalb so unruhig, weil er die Überrumpelung und Demütigung durch den jüngeren erahnen konnte, der schon damals bekannt gewesen sein muss wie ein bunter Hund (der alte Goethe wird ähnliches empfunden haben, als er, knapp sechzehnhundert Jahre später, mit seinen »Jupitersaugen« den jungen Schopenhauer anblickte). He Yan begriff, dass er nicht so blitzgescheit war wie Wang Bi, der an diesem denkwürdigen Tag einen regelrechten Gedankensturm entfesselt haben muss. Was hätte der ältere Mann da tun sollen? Er unterwarf sich dem jüngeren. Nahm ihn unter seine Fittiche. Führte ihn in die höheren Kreise der Hauptstadt ein. Ich fand all das unheimlich spannend.

Offen gesagt hatte ich bis dahin so meine Zweifel gehabt, ob es überhaupt möglich war, tiefere Einblicke in die Gedankenwelt Ostasiens zu erhalten. In vielen Texten aus dem Alten China bleiben die Protagonisten schemenhaft, so als hätte jemand das damalige Leben nur lustlos oder kanzleimäßig mitgeschrieben; oft wird das sprechende Detail von tuschelnden Beamten übertönt. Die konfuzianische Kultur kreiste durch die Jahrhunderte um Hofbelange, also vor allem um den Kaiser, dessen Wortmeldungen und winzige Regungen von eilfertigen Protokollführern festgehalten wurden, die sie sodann mit uralten Ritualbestimmungen abglichen. So erstaunt es nicht, dass es im vormodernen China nie eine Portraitkunst im griechisch-römischen Sinne gab; wenn wir irgendwo lesen, dass ein chinesischer Kaiser auf ein Bild zeigt und im Spaß zur Kaiserin sagt, dass er gern so eine Frau als Gefährtin hätte, können wir zwar davon ausgehen, dass die dargestellte Person schön war – doch sagt uns dies überhaupt nichts über die abbildliche Genauigkeit des Portraits. Oft bestanden diese vielmehr aus einer Anzahl standardisierter Module; sie zeigten mithin einen bestimmten Ausdruck, eine Miene, aber eben keine direkt vom Individuum abgeschauten Details. Überhaupt ging es in der offiziellen Kultur Chinas vor dem 20. Jahrhundert nie so sehr um den bloßen Sachbezug. Die Welt sollte nicht beschrieben werden, wie sie wirklich war, sondern wie sie den rituellen und moralischen Vorgaben entsprach oder wie sie ein ästhetisches Selbst sah, dessen geistige und physische Präsenz keineswegs zugunsten der reinen Abbildlichkeit zurücktreten sollte, vielmehr hoch geschätzt wurde und in der Dynamik der Handschrift auch stets durchschimmerte.24 – Da ist etwa jener berühmte erste Satz aus der Frühlings- und Herbstchronik, den auch heute noch fast jedes Kind in der chinesischen Welt kennt: »Im Sommer, im fünften Monat, bezwang der Vasall Zheng den Duan bei Yan« 25 Dieser trockene Satz verbirgt genauso viel wie er enthüllt und die eigentlichen Geschehnisse werden anderswo erzählt: Der »Vasall Zheng«, durch eine Steißgeburt auf die Welt gekommen und deshalb ein schrecknisversprechender Mann, so steht es wenigstens in der Überlieferung des Zuo, war seiner Mutter verhasst, die ihren Zweitgeborenen, den Gongshu Duan, bevorzugte. Den Gongshu Duan wollte sie auch als ihren Erben einsetzen. Doch ihr Gemahl hieß diesen Wunsch nicht gut. Mit Billigung seiner Mutter, dürfen wir annehmen, brach der jüngere Bruder eine Revolte vom Zaun, die jedoch von seinem älteren Bruder beim Ort Yan niedergeschlagen wurde; und weil er von den Absichten seiner Mutter Wind bekommen hatte, schickte dieser »Vasall Zheng« sie in die Verbannung und erklärte dazu feierlich: »Bevor wir beide die gelben Quellen [die Unterwelt] erreicht haben, werden wir uns nicht wiedersehen!« Doch bald schon bereute er seine Entscheidung. Glücklicherweise begegnete er einem Grenzwärter; dieser riet ihm, einen Tunnel zu graben, so tief hinab, dass es von dort nicht mehr weit bis zu den gelben Quellen wäre. Und so geschah es, und der »Vasall Zheng« konnte seine Mutter in diesem Tunnel wiedersehen, ohne seinem eigenen Wort abtrünnig geworden zu sein.