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Tupoka Ogette

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Beschreibung

Die bewegenden Erinnerungen von Bestsellerautorin Tupoka Ogette: »Selten liest man Texte, die mit so offenem, ehrlichem Herzen geschrieben sind ...« Alice Hasters

»So beginnt meine Geschichte. Als Tochter einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Zwischen Sange, Südtansania, und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit und DDR-Diktatur.«

Tupoka Ogette schreibt von der Suche nach Zugehörigkeit, vom Leben im Widerspruch, im Dazwischen. Sie erzählt vom Aufwachsen als Schwarzes Kind in der DDR, von Flucht, Verlust, Sexismus und Gewalt – aber auch von Liebe, Mutterschaft, Resilienz und Selbstermächtigung. Von Freundschaften, die sie schließt, und solchen, die sie verliert. Vom Neuanfang in der BRD. Und davon, die Ruhe im Sturm zu finden.

»Selten liest man Texte, die mit so offenem, ehrlichem Herzen geschrieben sind. Tupoka Ogette erzählt von Leben und Überleben in Deutschland. Von Kampf und Triumph. Von Verzweiflung und Hoffnung. Eine Masterclass darin, was Gleichzeitigkeit bedeutet.« Alice Hasters

»Dieses Buch ist die Erzählung, ohne die die Geschichte der deutschen Vereinigung nicht vollständig ist.« Daniel Schulz

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2026

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»So beginnt meine Geschichte. Als Tochter einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Zwischen Sange, Südtansania, und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit und DDR-Diktatur.«

Tupoka Ogette schreibt von der Suche nach Zugehörigkeit, vom Leben in der Gleichzeitigkeit, im Widerspruch, im Dazwischen. Sie erzählt vom Aufwachsen als Schwarzes Kind in der DDR, von Flucht, Verlust, Sexismus und Gewalt – aber auch von Liebe, Mutterschaft, Resilienz und Selbstermächtigung. Von Freundschaften, die sie schließt, und solchen, die sie verliert. Vom Neuanfang in der BRD. Und davon, die Ruhe im Sturm zu finden.

»Selten liest man Texte, die mit so offenem, ehrlichem Herzen geschrieben sind. Tupoka Ogette erzählt von Leben und Überleben in Deutschland. Von Kampf und Triumph. Von Verzweiflung und Hoffnung. Eine Masterclass darin, was Gleichzeitigkeit bedeutet.« Alice Hasters

»Dieses Buch ist die Erzählung, ohne die die Geschichte der deutschen Vereinigung nicht vollständig ist.« Daniel Schulz

Tupoka Ogette wurde 1980 in Leipzig als Tochter eines tansanischen Studenten der Landwirtschaft und einer deutschen Mathematikstudentin geboren. Kurz vor der Wende wanderte ihre Mutter mit ihr nach Westberlin aus, wo Ogette bis zu ihrem Abitur lebte. Sie hat einen Magister in Afrikanistik und Deutsch als Fremdsprache von der Universität Leipzig und einen Master in International Business von der Graduate School of Grenoble. Seit 2012 ist Tupoka Ogette bundesweit als Beraterin und Trainerin im Bereich Rassismuskritik tätig. In dieser Funktion leitet sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz Workshops und Fortbildungen, tritt als Speakerin auf, berät Teams und Organisationen. Ihr im März 2017 erschienenes Handbuch »exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen« ist ein SPIEGEL-Bestseller. Im Jahr 2019 wurde Ogette vom Magazin Edition F als eine der 25 einflussreichsten Frauen des Jahres ausgezeichnet. SPIEGEL Online nahm sie als eine von zehn Frauen in den Bildungskanon zum Thema Theorie und Politik auf. 2021 wurde sie von About You zum »Idol of The Year« gewählt. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Künstler und Bildhauer Stephen Lawson, und ihren Kindern in Berlin. Bei Penguin erschienen ihre Bücher »Und jetzt du. Rassismuskritisch leben« und »Tag für Tag aktiv gegen Rassismus«.

www.penguin-verlag.de

TUPOKA OGETTE

TROTZDEM ZUHAUSE

Dieses Buch beruht auf wahren Begebenheiten. Einige Schilderungen von Ereignissen und Personen wurden jedoch aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verfremdet.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2026 Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Doreen Fröhlich, Chemnitz

Umschlaggestaltung: Lübbeke, Naumann, Thoben, Köln

Umschlagabbildungen: © istockphoto.com: (Parichart Thongmee); © plainpicture: (André Kohls, Elise Ortiou Campion); © Marion Junkersdorf

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-33580-9V005

www.penguin-verlag.de

Für Mama.

ICH TEILE MEINE WAHRHEIT – UND NUR MEINE.

ICH VERSTEHE, WENN SIE SCHWER AUSZUHALTEN IST. AUCH FÜR MICH IST SIE DAS.

ABER ICH SAGE: HIER IST MEIN HERZ. WAS DAVON ÜBRIG IST.

HIER BIN ICH.

ICH ERLAUBE MIR, VERLETZLICH ZU SEIN.

ENDLICH. MENSCHLICH.

HIER BIN ICH UND FEIERE DIESE FREIHEIT.

HIER.

ROXANE GAY

DIESES BUCH IST EIN RAUM. DU BIST EINGELADEN, DICH DARIN ZU BEWEGEN.

Ich schreibe unter anderem über Erfahrungen mit Rassismus, Sexismus, Ausgrenzung, Fettfeindlichkeit, Essstörung, mentaler, körperlicher und sexualisierter Gewalt, Krankheit, Verlust, Tod und andere belastende Themen. Einige Kapitel enthalten Beschreibungen, die emotional herausfordernd oder retraumatisierend wirken können – besonders für Menschen, die selbst betroffen sind.

VORHER

Jedes Leben erzählt eine Geschichte, die irgendwann beginnt und irgendwann aufhört. Dazwischen liegt das gelebte Leben. Dies ist meine Geschichte. Ich befinde mich – wenn man der Prognose des Statistischen Bundesamts Glauben schenkt – ungefähr am Ende des zweiten Drittels meiner Geschichte.

Wenn ich meine Familie betrachte, kann diese Prognose zu optimistisch erscheinen. Meine Ururgroßmutter mütterlicherseits starb mit Mitte 50 an Krebs. Meine Urgroßmutter starb mit Anfang 60 an Lungenkrebs, wenige Jahre nachdem ihre Schwester an Eierstockkrebs gestorben war.

Meine Großmutter wiederum widersetzt sich bisher erfolgreich dem verfrühten Ende ihrer Geschichte. Nach der Wende, als 1993 das fünfstellige Postleitzahlensystem eingeführt wird, lernt sie die neue Postleitzahl so: »0 ist einfach, 44, wie unsere Hausnummer, dann 75 – so alt will ich werden.« Im Sommer 2024 – dem Sommer, in dem ich diese Zeilen schreibe – wird sie 86 Jahre alt. Bei meiner Mutter wurde im März des gleichen Jahres ein großer Tumor im Bauchbereich festgestellt. Um ihrem Marvelverse- und Anime-begeisterten 13-jährigen Enkel – meinem jüngsten Sohn – das Gespräch über die Krebsdiagnose zu erleichtern, tauft sie den Tumor X21. »X21 ist ein Arschloch«, sagt mein Sohn. Darüber herrscht Konsens in unserer Familie.

Meine Mama, mein Halt und mein Nordstern, ist im 62. Jahr ihrer Geschichte und kämpft dieser Tage und Wochen mit jedem bisschen ihrer Kraft, mit der Hilfe aller medizinischen Möglichkeiten und einem täglichen Chor aus Gebeten all derer, die sie lieben, um die Verlängerung ihrer Geschichte.

Mein innerer Anker ist ins Wanken geraten. Ich versuche, dem Gefühl des Kontrollverlusts etwas entgegenzusetzen. Ich schließe mehr als fünf neue Versicherungen ab und merke, das hilft nur bedingt und eigentlich gar nicht.

Deshalb beginne ich zu schreiben. So, wie ich es bereits mein Leben lang mache, wenn alles um mich herum zu zerbrechen droht.

Dieses Buch zu schreiben ist das Schwierigste, was ich je getan habe. Mich verletzlich zu zeigen in einer Welt, die erbarmungslos sein kann, ist alles andere als einfach. Es kostet Kraft. Ich musste mich mit all den Dingen konfrontieren, die ich erlebt habe, die mir angetan wurden, die ich aushalten musste und die ich in der Konsequenz fein säuberlich weggepackt habe, in eine Schublade tief im Unterbewusstsein, wo sie verstaubten. Ich musste all diese Schubladen öffnen und mich den Inhalten stellen. Das sage ich nicht, um zu dramatisieren, sondern einfach, weil es stimmt.

Dies ist meine Geschichte – die eines Schwarzen Mädchens, geboren in der DDR, aufgewachsen im Westberlin der Wendezeit, das Vermittlerin für Rassismuskritik im deutschsprachigen Raum wurde. Und dieses Buch ist nicht losgelöst von gesellschaftlichen Verhältnissen zu erzählen. Es führt in die koloniale Vergangenheit, die Auflösung einer Diktatur, in die Tiefen einer sexistischen und rassistischen Welt. In Freude, Verbindung und Trennung. In Liebe und Hass. Vergebung und Verzweiflung. Das Schweigen und das Verschwinden. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Und irgendwo zwischen diesen großen Begrifflichkeiten und noch größeren Ereignissen fanden sie statt: meine Geschichten und meine Wahrheit. Und somit wird dieses Buch doch auf die eine oder andere Art ein Spiegel sein für einige, ein Fenster für andere. Und es wird auch bewusst und unbewusst einen Finger in die eine oder andere gesellschaftliche Wunde legen. Und das ist okay.

NO BLACK WOMAN WRITER

IN THIS CULTURE CAN WRITE ›TOO MUCH‹. INDEED, NO WOMAN WRITER CAN WRITE ›TOO MUCH‹ … NO WOMAN HAS EVER WRITTEN ENOUGH.

BELL HOOKS

KALEIDOSKOP

Ein Kaleidoskop ist ein optisches Instrument, das faszinierende und bunte Muster erzeugt, wenn man hindurchschaut. Es besteht typischerweise aus einem zylindrischen Rohr, das am einen Ende ein Okular (eine Öffnung zum Hineinschauen) und am anderen Ende ein durchlässiges Fenster hat. Im Inneren des Rohrs befinden sich mehrere Spiegel, die in einem bestimmten Winkel zueinander angeordnet sind, oft in Form eines Dreiecks. Dort, wo bunte Glasstücke und Perlen frei tanzen, wirft ein Spiel der Spiegel endlose schillernde Muster. Wenn man das Kaleidoskop dreht oder bewegt, verändern diese Objekte ihre Position, und durch die Reflexion der Spiegel entstehen immer neue symmetrische Muster, die sich kontinuierlich verändern. ChatGPT, 19.8.2024.

Vorn auf dem Fahrrad meines Großvaters. Ein Kindersattel auf der Mittelstange. Rechts und links Ablagen für meine Füße. Man muss höllisch aufpassen, nicht in die Speichen zu kommen. Ich halte mich am Lenkrad fest. Neben meinen kleinen Händen die meines Großvaters. Ich spüre seine Bewegungen hinter mir. Wir fliegen durch die Straßen. Ich fühle mich sicher und frei zugleich. Leipzig, 1984.

Ich bin auf dem Weg zum Flötenunterricht. Dabei komme ich immer an dem wichtigen Gebäude vorbei. Da, wo die Spione drinsitzen, sagt Mama. Wenn ich dort entlanglaufe, darf ich keine verbotenen Dinge sagen oder denken. Also singe ich jedes Mal laut: »Pioniere, voran, lasst uns vorwärtsgehen. Pioniere, fangt an, lasst die Fahnen wehen. Unsere Straße, sie führt in das Morgenlicht hinein, wir sind stolz, Pioniere zu sein.« Leipzig, 1986.

Der Schulhort ist aus. Ich darf allein nach Hause gehen. Ich hab es nicht weit. Geradeaus, dann rechts abbiegen und dann links. Die Straßen sind leer, ich achte auf meine Schritte. 4, 5, 6, 7, 8 … Ich darf nur dann weiterzählen, wenn ich mit meinem Fuß genau auf der Mitte des Bordsteins lande. Wenn nicht, habe ich verloren. Ich sehe den Jungen nicht, weil ich so vertieft in mein Spiel bin. Erst als ich direkt an ihm vorbeilaufe, schaue ich kurz hoch. Kurz nachdem ich an ihm vorbei bin, brüllt er mir hinterher: »Du, du … du … hässlicher chinesischer Rotarschaffe!« Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich gehe stoisch weiter, drehe mich nicht um … 28, 29, 30, Mist, danebengetreten. Also wieder von vorn. 1, 2, 3 … Leipzig, 1987.

Verwirrt lege ich meinen Arm neben den von meiner Cousine. Siehst du nicht, dass ich auch braun bin?, denke ich. Ich schaue sie fragend an. Sie lacht laut auf und schüttelt ungläubig den Kopf. »Eh … Mzungu!« Mbeya, 1990.

Unsere erste E-Mail-Adresse ist endlich online: [email protected]. Berlin, 1991.

Ramona und ich laufen vom S-Bahnhof Hellersdorf zu ihr nach Hause. Zwischen den Plattenbauten entlang. Auf dem Boden eine verwischte rote Spur. »Das ist von dem F***1, der hier gestern aufgeklatscht wurde«, sagt Ramona. In ihrem Kinderzimmer hören wir laut das neueste Album der Kelly Family. Berlin, 1992.

Mama und ich machen Spaghetti. Wir beeilen uns, denn wir haben Hunger. Nudeln, Tomatenketchup, Tomatenmark, Butter und natürlich Maggi. Das darf nicht fehlen. Wir setzen uns vor den winzigen Fernseher im Schlafzimmer. Er ist wirklich winzig, der Bildschirm hat die Fläche von einem DIN-A5-Blatt. Wir schauen taff und dann Bill Cosby. Den Mund voller Spaghetti. Wir quatschen rein, fiebern mit, schreien vor Lachen. Berlin, 1994.

Ich knie vor ihm. Er gibt mir eine Ohrfeige. Ich reagiere nicht. Er spuckt mir ins Gesicht. Ich knie lange dort. Lange nachdem sein Speichel auf meiner Wange getrocknet ist. Berlin, 2000.

Ich stehe auf der Bühne meiner Schulaula. Ich trage ein glitzerndes Oberteil aus Hunderten Pailletten. Auch auf meinen Augen kleben kleine Glitzersteine. Wie bei Sandy von den No Angels. Ich trage eine hellblaue Jeans. Rechts und links neben mir sitzen zwei kleine Mädchen in Engelskostümen, ebenfalls übersät von Glitzer. Verena sitzt am Klavier und beginnt langsam mit den ersten Akkorden. Meine Stimme schallt durch die bis zum letzten Platz gefüllte Aula: »Pride can stand a thousand trials. The strong will never fall. But watching stars without you. My soul cries. Heaving heart is full of pain.« Aus dem Augenwinkel sehe ich meinen Papa in der ersten Reihe. Tränen laufen über sein Gesicht. Berlin, 2000.

Abschiedsfeier. Mein Lektorat an der Universität Grenoble liegt hinter mir. Meine bald ehemalige Chefin hat sich in ihrer Abschiedsrede etwas ausgedacht. Sie liest die E-Mail vor, die sie an ihren Kollegen schickte, als sie vier Jahre zuvor meine Bewerbung erhielt: »Sie ist kein Gretchen. Eher Typ Bob Marley, aber es könnte gehen.« Grenoble, 2012.

Meine Freundin senkt das Gala-Magazin und schaut mich an. »Werd bloß nicht die Rassismus-Tante. Die kann niemand leiden.« Grenoble, 2012.

1 Rassistische Bezeichnung für Menschen, die asiatisch gelesen werden. Vor allem in der DDR gebräuchlich für Menschen mit einem Vietnam-Bezug. Ursprünglich ein Inselstaat im Südpazifik.

OH NA NA, WHAT’S MY NAME?

OH NA NA, WHAT’S MY NAME?

OH NA NA, WHAT’S MY NAME?

WHAT’S MY NAME, WHAT’S MY NAME?

RIHANNA

TU-PO-KA

Berlin, 2023. Ein großer deutscher Radiosender. Ich gebe ein Interview zu meinem neuesten Buch. Bin vor Ort im Studio und soll in einer Livesendung Fragen von Zuhörer*innen beantworten. Bevor es losgeht, fragt die Moderatorin, wie mein Name ausgesprochen wird. Sie scheint sichtlich gestresst. Tu-po-ka. Betonung auf der zweiten Silbe. Das »o« wie in Ostdeutschland, nicht wie in Bohne. Wir üben einmal, zweimal, dreimal, sitzt. Das Interview beginnt, und sie moderiert mich an: »Tudoka Ogette« … Sie wird rot, macht weiter. Kurz danach leitet sie zu mir über: »Tupala Ogät.« Jetzt wird es unangenehm. Sie schaut hilflos zu mir. Ich deute auf den Zettel mit meinem Namen, schenke ihr ein beruhigendes Lächeln, während sich in mir bereits Unbehagen regt. Ist schon okay. Atmen. »Und, Frau Togette, wie sehen Sie das?« Der Musikeinspieler mit Blinding Lights von The Weeknd rettet uns.

Die Tür geht auf, der Chefredakteur stürmt rein. »Kannst du den Namen mal richtig sagen, wir bekommen schon Anrufe, die Menschen beschweren sich!« Er knallt die Tür zu. Die inzwischen hochrote Moderatorin ist den Tränen nah. Wir enden, ohne dass mein Name ein einziges Mal richtig ausgesprochen wird.

24. März, 1980. »Tu-Po-Ka. Tu-po-ka.« Sibylle, seit knapp 24 Stunden mit Anfang 40 frischgebackene Großmutter, übt meinen Namen auf dem Weg ins Krankenhaus. Sie läuft im Takt – eine Silbe, ein Schritt. Eingehakt ist ihre jüngste Tochter Almut, damals 14 Jahre und nun Tante. Beide laufen zügig durch den Leipziger Süden Richtung Elisabeth-Krankenhaus. Tu-Po-Ka.

MEINE ELTERN

Mein Vater heißt Ambonesigwe. Schon als Kind weiß ich, dass dieser Name Menschen in Deutschland in Erstaunen versetzt. »Oh, so schwierig! So ein Name!« Wenn »Tupoka« Menschen schon regelmäßig komplett zu überfordern scheint, verursacht der Name meines Vaters regelrechte Ohnmachtsanfälle.

Ich halte das lange für normal. Übernehme das Narrativ des »schwierigen« Namens. Unaussprechlich für den »normalen« Menschen. In meiner Teenagerzeit mache ich mir bewusst eine Art Spaß daraus, die Namen meines Vaters und all meiner Tanten und Onkel väterlicherseits rasend schnell nacheinander aufzusagen. »Ambonesigwe, Atupakisye, Twelusigwe, Zabron, Laison und Bupe.« In Gesprächen nehme ich selbst vorweg, dass sie so kompliziert seien, wette, dass niemand sie aussprechen könne. Antizipiere die Uuuhs und Aaaahs. Heute stelle ich diese große Irritation infrage. Denn wenn jemand Rechtsschutzversicherungsgesellschaften oder Tschaikowski oder Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung sagen kann, sollten Tupoka oder auch Ambonesigwe nicht unmöglich sein. Ich glaube inzwischen eher, dass das Label »anders« oder »exotisch« Menschen daran hindert, es überhaupt zu versuchen.

In Workshops sage ich oft in der Vorstellungsrunde: »Es ist wie eine neue Vokabel. Man muss ihn ein paarmal sagen, dann geht das schon.«

Zurück zu meinem Vater. Er wird circa 1954 als ältestes Kind meiner Großmutter Erika und meines Großvaters Mwakasala geboren. (Ich schreibe circa, weil es ein offizielles Geburtenregister in Tansania erst seit 2013 gibt.) Der Vorname meiner Großmutter löst oft ein ungläubiges Lachen aus. »Ha, wie heißt denn eine Frau im tiefsten Afrika, hinter den sieben Bergen, Erika?«, fragt meine Geschichtslehrerin in der fünften Klasse. Ja, Frau Richter, wie kommt das wohl?

Bevor Tansania britisches Kolonialgebiet wird, sind das heutige Burundi, Ruanda und Tansania deutsches Kolonialgebiet mit dem Namen »Deutsch-Ostafrika«. Die Kolonialzeit mag kürzer gewesen sein als die der Briten oder der Franzosen zum Beispiel. Aber sie ist dennoch mindestens genauso effizient in ihrer Grausamkeit und Härte. Und sie hat in Kombination mit dem Missionarswesen, das im Namen des Christentums seinen kolonialen Beitrag leistet, bis heute Nachwirkungen im Land.

Und so wird meine Großmutter »im tiefsten Afrika, hinter den sieben Bergen« als Enija geboren und schließlich auf den Namen Erika getauft. Deutsche Präzisionsarbeit wirkt nachhaltig. Meine Cousins, die Söhne meiner Tante Atupakisye, heißen übrigens Gottfried und Willfried. Meine Großeltern sind Analphabeten und Bauern, sie bauen Kaffee an, ebenfalls ein koloniales Erbe. Als junger Mann lernt mein Großvater in einer Erwachsenenschule lesen und schreiben. Durch harte Arbeit und erhebliche persönliche Entbehrungen schaffen meine Großeltern es, das Schulgeld für jedes ihrer sechs Kinder aufzubringen. Alle meine Tanten und Onkel väterlicherseits studieren. Mein Vater zeichnet sich schulisch so sehr aus, dass er als Teil einer kleinen, landesweit ausgewählten Elite ein tansanisches Stipendium erhält und zum Studium in die DDR entsandt wird.

Meine Mutter heißt Camilla. Sie wird 1961 in Gera geboren. Sie ist die mittlere von drei Schwestern. K., Camilla und Almut. Ihre Namen rufen keine Uuuhs und Aaahs bei anderen Menschen hervor. Meine Großeltern Günter und Sibylle, beide Jahrgang 1939 – mit wenigen Wochen Abstand voneinander geboren und bereits als Kleinkinder miteinander bekannt –, haben schon, bevor sie heiraten, den gleichen Nachnamen. Meine Großmutter überlebt den Krieg zusammen mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihrer Tante, mein Großvater als jüngstes von vier Kindern aus Gera-Langenberg. Sie verlieben sich in der Schulzeit und sind mit Anfang 20 nicht nur Student*innen der Mathematik und des Bauingenieurwesens, sondern auch Eltern von drei Töchtern. Als meine Großmutter mit meiner Mutter schwanger ist, eskaliert der Kalte Krieg, und über Nacht wird eine Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland hochgezogen.

DER BEGINN

Widerstand ist wirkmächtig. Meine Eltern entscheiden sich vor meiner Ankunft in diesem Leben für den Namen Tupoka. Er stammt aus der Region Sange in Südtansania, aus der Sprache Kindali. Auf der »Namensgenehmigungsstelle« der Universität Leipzig muss mein Vater glaubhaft versichern, dass es diesen Namen, Tupoka, wirklich gibt. Mit Freundlichkeit und Diplomatie schafft er es, die zuständige Verwaltungskraft zu überzeugen. Als Zweitnamen bekomme ich Sibylle. Den Namen meiner Großmutter mütterlicherseits. Einer Frau aus Gera, Thüringen.

So beginnt meine Geschichte. Als Tochter einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Zwischen Sange, Südtansania, und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit und DDR-Diktatur. Für eine lange Zeit werde ich mich zerrissen fühlen. Nicht ganz hier und nicht ganz dort. Zugang zu mehreren Welten und gleichzeitig verloren in beiden. Ich werde versuchen, zu einer dazuzugehören, und mich in dem Versuch mehrmals fast verlieren.

Zeitweise werde ich die eine Welt verachten und die andere verleugnen. Ich werde mich von beiden verraten fühlen und von beiden hintergangen werden. Ich werde verzweifelt nach meinem Platz suchen. Und schließlich werde ich mich in der Schnittmenge beider Welten finden. In der Gleichzeitigkeit. In der Koexistenz. In der Parallelität. Im Widerspruch und im Widerstand. In der Vereinigung und in der Verbindung. Und dort, an diesem Zwischenort, werde ich mich und meine Bestimmung aufspüren.

Auf meinem bisherigen Weg habe ich lange und immer wieder mit beiden Namen gehadert. Statt Tupoka wollte ich viel lieber Anna oder Sarah heißen. Und meinen Zweitnamen Sibylle habe ich so oft es ging verheimlicht. Ich habe der Geschichte und den damit einhergehenden Zuschreibungen und Projektionen, die andere über mich und meinen Namen hatten, mehr Glauben geschenkt als mir selbst.

Diese Zeit ist vorbei.

Tupoka heißt auf Deutsch »Die das Glück ins Haus bringt«. Die Sibyllen sind mythologische Gestalten aus der antiken griechischen und römischen Tradition, die als Prophetinnen oder Seherinnen galten. Sie wurden als Frauen dargestellt, die göttliche Eingebungen erhielten und Vorhersagen über die Zukunft machten.

Ich bin die Tochter von Camilla aus Gera und Ambonesigwe aus Sange. Ich bin Tupoka Sibylle. Ich bin ein Brückenmensch. Das ist doch was.

GIB UNS DIE HAND, MEIN SCHWARZER BRUDER!

GIB UNS DIE HAND, MEIN ARMER BRUDER!

GIB UNS DIE HAND, MEIN STARKER BRUDER!

»BLACK AND WHITE« WERDEN VERÄNDERN DIE WELT!

OH, BRÜDER, WEINT UND BETET NICHT MEHR!

ERLÖSUNG KOMMT UNS NICHT VON DORT HER.

KÄMPFT FÜR RECHT UND FREIHEIT!

SETZT EUCH ZUR WEHR!

»BLACK AND WHITE« WERDEN VERÄNDERN DIE WELT!

ERNST BUSCH

VOR DER ERINNERUNG – LÜCKEN FÜLLEN

Meine Mutter ist die zweite Tochter meiner Großeltern. Als kleines Kind ist sie schüchtern, versteckt sich unter dem Rock ihrer Mutter, wenn Besuch kommt. Auf dem Spielplatz klettert sie auf das höchste Gerüst und bleibt dort, beobachtend. Später wird sie der Junge, den ihr Vater gern gehabt hätte. Sie kann schneller rennen, höher klettern, weiter springen und werfen als die Jungs in ihrer Klasse. Sie geht in Zweikämpfe und besiegt alle. Als die Pubertät einsetzt, wickelt sie sich Verbandszeug um den Oberkörper, aus Wut auf die entstehenden Kurven. Sie ist frech und fordert ihre Lehrer*innen heraus. Vor allem zu politischen Fragen. Weil sie Klassenbeste ist, nimmt man ihr das nicht übel. Ihr sportliches Talent wird entdeckt, und so wird sie erst Leistungssportlerin im Schwimmen, dann im Handball. Sie spielt Geige, aber mehr aufgrund von familiären Erwartungen als aus Freude am Instrument. Sie schreibt Gedichte und Geschichten, singt und würde gern klassischen Gesang studieren. Oder Kamerafrau werden. Als sie 15 ist, beginnt sie immer mehr Widersprüche in der sozialistischen Propaganda des Schulstoffs zu entdecken. Inhalte scheinen durch ein sozialistisches Dogma-Brennglas verzerrt. Sie stellt die Reiseverbote der DDR infrage, beginnt sich gefangen und eingesperrt zu fühlen. Sie träumt von Paris. Als Familienbesuch aus den USA kommt, stellt sie Fragen, die verboten scheinen. Die Widersprüche türmen sich, nichts macht mehr Sinn. Als sie die Gäste am Ende ihres Aufenthalts zum Flughafen Schönefeld begleitet, wird ihr die ganze Tragweite auch emotional bewusst: Sie ist eingesperrt.

Die Gedichte, die meine Mutter schreibt, werden verzweifelter und wütender. Sie vertraut sich nach langem Überlegen mit ihren verbotenen Erkenntnissen und Gefühlen einer Freundin an. Diese ist überfordert und erzählt einer Lehrerin davon. Daraufhin erhält meine Mutter eine Vorladung aus der Schule. Vor einem Tribunal aus dem sogenannten Elternaktiv, dem Parteisekretär der Hochschule, an der ihre Eltern arbeiten, und zwei weiteren Menschen wird sie befragt, wie sie zur DDR stünde. Wie es zu den regimefeindlichen Aussagen gekommen sei? Ihr wird nahegelegt, dringend darüber nachzudenken, dass sie mit ihrem Gedankengut die Arbeitsstellen ihrer Eltern gefährden würde. Meine Mutter bekommt Angst, rudert zurück. Das Ganze wird als »pubertäre Unklarheit« in den Akten vermerkt.

Ein grotesker Höhepunkt der Militarisierung der DDR ist 1978 die Einführung des sogenannten Wehrkundeunterrichts. Ein obligatorisches Fach in allen neunten und zehnten Klassen der DDR-Oberschulen, in denen im theoretischen Teil militärisches Grundlagenwissen vermittelt wird. Der praktische Teil ist ein zweiwöchiges Wehrlager, wo Jungs Übungen an Waffen im Gelände lernen. Unter anderem den korrekten Wurf von Handgranaten, Orientierung im Gelände, das Exerzieren oder die Handhabung von Gasmasken. Mädchen nehmen an einem Lehrgang für Zivilverteidigung teil. Dort lernen sie Erste-Hilfe-Maßnahmen und Evakuierung. Meine Mutter schreibt ein Protestgedicht gegen Wehrkunde und veröffentlicht es heimlich an der Wandzeitung der Schule. Zum Glück wird sie diesmal nicht entdeckt.

Meine Eltern lernen sich kennen, als meine Mutter 16 ist. Sie treffen sich in der Straßenbahn. Mein Vater ist mit Kommilitonen unterwegs, sie mit einer Freundin. Sie kommen ins Gespräch. Mein Vater ist erst seit Kurzem in Deutschland. Er studiert Landwirtschaft und lernt am Herder-Institut in Leipzig Deutsch. Er ist Anfang 20 und das älteste von sechs Geschwistern. Auf seinen Schultern lastet die Hoffnung seiner Familie, aber auch die Erwartungen eines ganzen Landes. Er ist Teil der auserwählten Elitegruppe, die zum Studieren in die DDR kommen darf. Die DDR empfängt ihn und seine Kommilitonen im Winter. Es ist grau und kalt. Die Studenten kommen in Hemden und dünnen Jacken. Mein Vater wird krank und bekommt erst einmal eine schwere Grippe. An der Universität werden die Studenten freundlich aufgenommen. Die Dozentin, die ihm Deutsch beibringt, wird mir 25 Jahre später im Rahmen meines Studiums in Leipzig Kiswahili beibringen und sich auch dann noch an ihn erinnern. Die Menschen auf der Straße wirken oft barsch oder starren. Ältere Damen halten ihre Handtaschen fest oder wechseln die Straßenseite, wenn sie ihn kommen sehen. Ein Kommilitone wird auf offener Straße verprügelt. Die tansanische Gruppe spricht nur heimlich und unter vorgehaltener Hand darüber, denn sie sind schließlich in einem Land, in dem es offiziell keinen Rassismus gibt. Mein Vater beschwert sich nicht. Er beißt die Zähne zusammen. Studiert fleißig, macht alles so, wie es von ihm erwartet wird. Freundlich, seine Stimme sanft. Oft lächelnd. Ja, die sozialistischen Brüder aus den afrikanischen Ländern sind eingeladen worden. Aber unter der Prämisse eines extrem hohen Anpassungsdrucks. In Deutschland angekommen, sollen sie daher möglichst demütig und dankbar studieren und im Anschluss idealerweise zügig wieder verschwinden.

Neben dem Studium arbeitet mein Vater in Riesa im Stahlwerk. Es gibt die absurde Annahme, dass er und seine Landsleute »die Hitze besser vertragen würden«, und so schickt man sie ohne Schutzkleidung in die Nähe der Brennöfen.

Um die 10 000 afrikanische Vertragsarbeiter*innen kommen in der Zeit in die DDR, die als billige Arbeitskräfte benutzt werden.2 Gehälter werden teilweise einbehalten und nie ausgezahlt. Bis heute fordern zum Beispiel ehemalige Vertragsarbeiter*innen in Mosambik ihren noch immer ausstehenden Lohn ein.

Mein Vater ist Student, kein Vertragsarbeiter, und erhält sein Geld. Er schickt viel davon nach Tansania, um seinen Bruder wiederum im Studium zu unterstützen. Er spricht nicht über das, was er in der Fabrik erlebt. Er kehrt nach langen Zehn-Tages-Schichten in Riesa zurück nach Leipzig. Still, erschöpft und mit versengten roten Haaren.

Meine Eltern werden ein Paar. Ein ganzes Stück aus Liebe, aber auch ein bisschen zum Trotz. Rebellierend gegen den strengen Vater, gegen konservative Normen und Erwartungen und vor allem gegen die für meine Mutter immer enger werdenden Mauern einer Diktatur. Sie sind ein auffälliges Paar in der DDR der 70er-Jahre. Er ein Schwarzer Mann mit Afro, immer im weißen Hemd mit Kragen und Anzughose, mit knapp 1,65 Metern eher klein. Sie, eine weiße Frau mit langen blonden Locken, unübersehbarer Brille, Latzhose und mit 1,80 Metern eher groß. Sie treffen sich mit Freund*innen, gehen zusammen baden, nachdem mein Vater heimlich einen Kurs macht, um schwimmen zu lernen, und in die Oper.

Zwei Jahre Jahr später wird meine Mutter mit mir schwanger. Meine Großmutter ahnt es, bevor meine Mutter es weiß. Mein Großvater zückt seinen Kalender und macht unter der Fragestellung »Wie habt ihr euch das jetzt vorgestellt?« einen Termin mit den werdenden Eltern. »Wir hatten uns nichts vorgestellt«, sagt meine Mutter heute, schmunzelnd.

Sie ist jung und noch in der Schule. Ein Kind mit dem zwar freundlichen und strebsamen, aber doch »kleinen und eher schmächtigen« Afrikaner ist nicht Teil des Plans für die vielseitig begabte Tochter mit den »Engelslocken«. Auch die DDR selbst schaut strafend bis verächtlich auf die beiden herab. Der »sozialistische Brüder-Plan« sieht echte Begegnungen zwischen den Studierenden und der DDR-Bevölkerung, die nicht ausschließlich Zwecken der Propaganda dienen, nicht vor. Beziehungen gelten als verpönt. Familiengründung? Ein Tabu.

Die Gespräche darüber, was die werdenden Eltern sich wie vorstellen, sind ernst. Teilweise hitzig. Ich frage nicht genau nach. Manchmal ist es besser, etwas nicht zu wissen. Ich belasse es dort, wo es stattfand. Bevor ich da war. Ich fokussiere mich darauf, was ich weiß. Und das ist, dass meine Großeltern mich innig lieben, von dem Moment an, an dem ich auf diese Welt komme. Dass sie seitdem alles taten, um mich zu beschützen – auch vor körperlicher Bedrohung, aber dazu später mehr.

Und was ich weiß, ist, dass ich Ende März 1980 den Weg in die DDR antrete, unabhängig davon, ob diese mich willkommen heißt oder nicht. Als meine Mutter ihre Gesangslehrerin schüchtern fragt, ob eine Geburt denn wehtut, sagt diese: »Zahnarzt ist schlimmer!«

Die Wehen setzen ein, während meine Mutter in der Schule rechnend an der Tafel steht. Schon da ist klar: Geburtsschmerzen sind schlimmer als der Zahnarzt. Empört über diesen verräterischen Euphemismus, kämpft sich meine Mutter dann im Krankenhaus stundenlang durch die Wehen, umgeben von verbissenen Hebammen, die sie antreiben. Als mein Kopf rausschaut, zieht eine von ihnen die Hände weg. Überrascht blickt sie auf. »Das ist ja schwarz!«

In den ersten eineinhalb Jahren wohnen meine Mutter und ich bei meinen Großeltern – Günter und Sibylle – und Almut, meiner 14-jährigen Tante, der jüngeren Schwester meiner Mutter. Nachts, wenn ich schreie, weckt meine Großmutter meine tief schlafende Mutter. »Ich hatte das Gefühl, dass mir auch gleich die Milch einschießen würde«, erzählt sie bis heute. Ich werde in die Familie eher als viertes Kind aufgenommen als als erstes Enkelkind. Mein Vater wohnt im Studentenwohnheim und besucht uns täglich.

In Fotoalben von damals sehe ich mich abwechselnd in den Armen der drei Frauen liegen, sehe mich viele Küsse bekommen, sehe, wie mein Vater mich mit stolzem Blick im Kinderwagen schiebt, wie mein Großvater mich durch die Wohnung trägt. Ich sehe mich lächeln. Lächelnd in der Badewanne, lächelnd auf dem Wickeltisch, lächelnd im Garten sitzend. Ich finde Listen mit Kosenamen in den Alben. Tupsl, Lärche, Herzchen, Engel.

2 »Afrikanische Vertragsarbeiter in der DDR. Wissenschaftler fordern Entschädigung für ›Madgermanes‹«. Christiane Habermalz. 13.4.2021, Deutschlandfunk. Stand 8.1.2025.

WENN MUTTI FRÜH ZUR ARBEIT GEHT,

DANN BLEIBE ICH ZU HAUS.

ICH BINDE EINE SCHÜRZE UM UND FEG DIE STUBE AUS.

DAS ESSEN KOCHEN KANN ICH NICHT,

DAFÜR BIN ICH ZU KLEIN.

DOCH STAUB HAB ICH SCHON OFT GEWISCHT.

WIE WIRD SICH MUTTI FREU’N!

KURT SCHWAEN

EINGEWÖHNUNG

Eine Freundin erzählte mir letztens von der Eingewöhnung ihrer zweijährigen Tochter in den Kindergarten. Die umfasst mehrere Tage, mindestens ein Elternteil ist in den ersten Wochen ständig mit im Raum oder in Laufnähe. Schritt für Schritt wird mit Argusaugen beobachtet, wie gut das Kind die Trennung verkraftet. Als kurz wird eine Zeit von zehn Tagen beschrieben, als lang gelten sechs Wochen.

In mir macht sich eine Dualität der Gefühle auf, wenn ich so etwas höre. Einerseits ist da diese innere alte, leicht gehässige Tante, die die Arme verschränkt, die Mundwinkel spöttisch nach unten zieht und so was sagt wie: »Was machen die heute so einen Ruß? Wir hatten diesen Heckmeck nicht als Kinder und sind auch groß geworden. Verweichlichte Jugend!« Und dann ist da mein inneres Kindergartenkind, das schwermütig und voller Neid darauf schaut, was für ein Glück dieses kleine Mädchen heute hat und was ihr erspart bleibt. In einer analytischen Projektion steht die innere alte Tante wohl schützend vor dem inneren Kind, damit dieses den Schmerz von damals nicht fühlen muss und sich stattdessen der schützenden verächtlichen Bitterkeit hingeben kann.

Ich komme mit sechs Monaten erstmals in eine Kinderkrippe. In der DDR ist Kinderbetreuung ab sechs Wochen garantiert. Nicht selten beginnt ein Arbeitstag für Eltern um sieben Uhr morgens oder früher. Krippen und Kindergärten sind von 6 bis 18 Uhr geöffnet, und somit ist ein Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag in der Betreuung nicht ungewöhnlich. Laut Staatsdoktrin sollen die Frauen arbeiten und die Kinder in dieser Zeit betreut sein. Im Grunde kein schlechtes Ziel. In der Umsetzung aber eine oft funktionale, herzlos durchgedrückte Struktur, die dem Staat Arbeitskräfte sichert, die Kinder versorgt und sie gleichzeitig ab dem frühestmöglichen Zeitpunkt in das Korsett der sozialistischen Konformität eingliedert.

Offiziell liegt der Betreuungsschlüssel bei eins zu sechs, in der Realität ist es aber durchaus normal, dass eine pädagogische Fachkraft allein mit 20 oder gar 30 Kindern ist, selbst wenn es sich um Säuglinge handelt. Die Erzieherinnen arbeiten in Schichten. Die Belastung ist so hoch, dass ein ständiger Personalwechsel aufgrund von Überarbeitung an der Tagesordnung ist. Der tägliche Ablauf ist minutiös vorgegeben und durchstrukturiert, von gemeinsamen Mahlzeiten und Toilettengängen bis hin zu Spiel- und Schlafzeiten. Es herrscht ein autoritäres und dressurähnliches Klima. Natürlich gibt es liebevolle und gute Menschen innerhalb dieses Systems. Aber ich sag mal so: Die vorgegebenen Strukturen fördern die zwischenmenschliche Güte nicht sonderlich. Denn das Funktionieren des Kollektivs steht über dem Bedürfnis des Individuums. Das Erziehungsprogramm hat zum Ziel, »das theoretische Rüstzeug für die erste Stufe des einheitlich sozialistischen Bildungswesens zu schaffen«.3

Eingewöhnungen sind theoretisch vorgesehen, aber unter der Prämisse, den Tagesablauf nicht zu behindern und die Trennung möglichst reibungslos zu vollziehen. Auf eine Art verständlich, in Anbetracht des Drucks des zu absolvierenden Tagesregiments. Kinder, die nicht schreiend reagieren, gelten als pflegeleicht, ihre Eltern werden gelobt. Ich bin nicht pflegeleicht, sondern schreie. Schreie so lange und ausdauernd, dass ich heiser werde. »Du schriest, und ich weinte. Das war unsere Eingewöhnung«, sagt meine Mutter heute. Sie erntet Kritik für ihre und meine Tränen. Mein Schreien sei Zeichen einer inkonsequenten Erziehung. Sie solle sich nicht so haben, sich zusammenreißen. Wir reißen uns zusammen, und ich werde krank. Eine schwere Bronchitis jagt die andere. Das geht nicht nur mir so. In Kinderkliniken der DDR werden spezielle Stationen eingerichtet, die Kinder mit dem sogenannten »Adaptionssyndrom« aufnehmen. In Spektrum der Wissenschaft finde ich heraus, dass dieses Syndrom aus drei Phasen besteht: der Alarmreaktion, die durch den Kontaktabbruch mit der Bezugsperson ausgelöst wird, und danach die sogenannte Schockphase, in der es zum Abfall des Blutdrucks kommt. Bleibt der Stress bestehen, versucht der Körper in der anschließenden Widerstandsphase eine Anpassung zu erreichen, zum Beispiel durch einen erhöhten Cortisolspiegel. Aufgrund fehlender Adaptionsressourcen ist der menschliche Körper aber nicht sehr lange in der Lage, eine hohe Belastung zu kompensieren. Schon gar nicht ein Kinderkörper. Deshalb tritt nach der Widerstandsphase die Erschöpfungsphase ein. Diese kann das Herz-Kreislauf-System schädigen oder zu Infektionskrankheiten führen. Es ist also kein Zufall, dass vor allem spastische Bronchitiden eine Folge des Adaptionssyndroms sind.

In den Polikliniken der DDR werden Kinderärzt*innen angewiesen, die Kinder möglichst frühzeitig wieder in das »Kinderkollektiv« zurückzuführen.4

»Unser Familiensystem hatte Anpassungsschwierigkeiten im Kollektiv«, sagt meine Mutter heute mit leicht ironischem Unterton. Ich bleibe in der Konsequenz in den ersten zwei Jahren viel zuhause. Werde reihum unter großem Organisationsaufwand von meinen Eltern, meinen Großeltern und meiner Tante betreut. Wenn sich niemand findet, nimmt meine Mutter mich mit in die Vorlesungen. Dort liege ich im Kinderwagen im Hörsaal und schlafe, während sie lineare Algebra, Stochastik und Differentialrechnung lernt.

Als ich ein Jahr alt bin, kommt es bei einem Routine-Arztbesuch zu einem Ruhrverdacht. Ich werde umgehend in die Isolationsstation des Kinderkrankenhauses eingewiesen. Dort werde ich eingesperrt und darf meine Mutter nur durch eine Glasscheibe hindurch sehen. Einmal am Tag steht sie auf der einen Seite, auf der anderen hält eine Krankenschwester mich hoch. Ich weine. Meine Mutter weint. Nach drei Wochen Isolation bestätigt sich der Ruhrverdacht nicht. Ich darf nach Hause. Zu meinen immer wiederkehrenden Atemwegsinfekten kommt ein starker Ausschlag. Meine Armbeugen sind oft blutig gekratzt. Als meine Mutter mit mir zum Arzt geht, diagnostiziert dieser ein »rassisch bedingtes Ekzem«. Dieses »rassisch bedingte Ekzem« nennt sich Neurodermitis und ist eine weitverbreitete Hautkrankheit.

Wohnungsnot ist ein Thema in der DDR. Daher haben wir großes Glück, als wir durch eine Bekannte meiner Großmutter eine kleine Wohnung im Leipziger Osten bekommen. Dort leben wir dann zu dritt. Meine Eltern studieren, sie wechseln sich mit meiner Betreuung ab, wenn ich nicht in die Krippe kann. An den Wochenenden machen wir lange Spaziergänge oder fahren raus aufs Land. Es ist keine lange Zeit, und ich kenne sie nur aus den Erinnerungen der anderen, aber es hat sie gegeben. Die Zeit, bevor meine Eltern sich trennten. Die Zeit, in der wir zu dritt zusammenlebten. Mein Vater, meine Mutter und ich.

3 Eva Schmidt-Kolmer (Hg.), Pädagogische Aufgaben und Arbeitsweisen der Krippen. VEB Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1974, S. 19.

4 www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Israel_DDR_2015.pdf. Stand 10.1.2025.

ALFONSINA MTOTO MZURI.

AENDA KUSOMA KUSOMA KUSOMA

AENDA KUSOMA KUPATA ELIMU.

ALFONSINA IST EIN GANZ KLUGES KIND.

GERHARD SCHÖNE

ERINNERUNG: PAPA

Seit vielen Jahren frage ich meinen Vater immer wieder nach seiner Zeit in Leipzig. Aber seine Erinnerungen scheinen wie in einem Eisblock verborgen, eingefroren in Zeit und Raum. Wie ein Stillleben. Sie verändern sich nicht, erlangen keine Tiefe oder neuen Ebenen. Egal, wie oft ich nachfrage. »Ich trug dich auf meinem Rücken. Du hast mir immer alles erzählt. Alle deine Geheimnisse hast du mir anvertraut. Deine Mama hat mir versprochen, dass wir nie den Kontakt verlieren.«

Das ist alles. Diese vier Sätze erzählt er mir seit über 40 Jahren. Bis zu dem Sonntagnachmittag im Januar 2025, an dem wir über FaceTime sprechen. Da schmilzt er, der Eisblock. Ich bin erkältet und liege auf meinem Sofa, in einer Hand ein Taschentuch, in der anderen mein Handy. Auf dem Bildschirm mein Vater. Seine Handykamera ist schlecht, er sieht ein bisschen so aus, als ob er im Nebel steht. Im Hintergrund höre ich einen lauten Fernseher. Es ist der Tag, bevor Trump ein zweites Mal Präsident der USA