Turning Point – Das Geheimnis von Patient 27 - Ein Berlin-Krimi - Bernd Teuber - E-Book

Turning Point – Das Geheimnis von Patient 27 - Ein Berlin-Krimi E-Book

Bernd Teuber

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

In einer Berliner Klinik erwacht ein junger Mann aus einem mehrjährigen Koma. Man teilt ›Patient 27‹ mit, dass er Mark Harloff heißt, er kann sich jedoch nicht an seine Vergangenheit erinnern. Kommissar Albert Budnik und sein Kollege Gerd Brandau vom LKA 1 fragen sich indes, warum ein prominenter Hamburger Geschäftsmann mit Kontakten nach Berlin, anscheinend ohne jeden Grund sich umbringen wollte. Noch mysteriöser wird die Sache, als ein Auftragskiller versucht, Harloff zu töten. Welches Geheimnis umgibt ›Patient 27‹? Und wer hat ein Interesse an seinem Tod? Mithilfe des Journalisten Cord Wegner macht er sich auf die Suche nach seinem alten Leben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


 

 

 

 

Bernd Teuber

 

 

Turning Point

Das Geheimnis von Patient 27 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv 

Cover: © by Steve Mayer nach Motiven, 2022

 

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

 

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 

21 

22 

23 

24 

25 

26 

27 

28 

29 

30 

31 

32 

33 

34 

35 

36 

37 

38 

39 

40 

41 

42 

43 

44 

45 

46 

47 

48 

49 

50 

51 

52 

53 

54 

55 

56 

57 

58 

59 

60 

61 

 

Das Buch

 

 

In einer Berliner Klinik erwacht ein junger Mann aus einem mehrjährigen Koma. Man teilt ›Patient 27‹ mit, dass er Mark Harloff heißt, er kann sich jedoch nicht an seine Vergangenheit erinnern. Kommissar Albert Budnik und sein Kollege Gerd Brandau vom LKA 1 fragen sich indes, warum ein prominenter Hamburger Geschäftsmann mit Kontakten nach Berlin, anscheinend ohne jeden Grund sich umbringen wollte. Noch mysteriöser wird die Sache, als ein Auftragskiller versucht, Harloff zu töten. Welches Geheimnis umgibt ›Patient 27‹? Und wer hat ein Interesse an seinem Tod? Mithilfe des Journalisten Cord Wegner macht er sich auf die Suche nach seinem alten Leben.

 

 

***

 

 

1

 

Es war eine finstere Nacht. Kein Stern stand am Himmel. Der Mann, der im nassen Gras am Ufer der Spree lag, war achtundzwanzig Jahre alt. Er schrie auf, als das Bleirohr seinen Rücken traf. Sofort sauste es ein zweites Mal auf ihn nieder. Er schrie, versuchte seine Arme und Beine zu bewegen. Er wollte fortkriechen, aber er konnte es nicht. Vier kräftige Kerle hielten ihn nieder. Der Mann, der auf seinem linken Bein kauerte, wurde ungeduldig.

»Hör auf mit dem Blödsinn, Tommy. Gib ihm den Rest oder lass es einen von uns tun.«

Der Mann namens Tommy grinste. »Halt die Schnauze, klar! Ich weiß schon, was ich tue. Ich will diesem Kerl nur eine Lektion erteilen. Hörst du mich, Arschloch?«

Das Bleirohr landete zum dritten Mal mit einem dumpfen Schlag auf dem Körper. Wieder schrie der Mann. Tommy lachte. »Der wird sich nicht mehr in unsere Angelegenheiten einmischen.«

Er schlug ein viertes Mal zu. Dann ein fünftes und ein sechstes Mal. Der Mann im Gras schrie nicht mehr. Er stöhnte nur noch. Nach dem nächsten Schlag war ihm auch das Stöhnen vergangen. Die Zunge hing ihm aus seinem offenen Mund. Seine Augen waren geschlossen. Tommy richtete sich grinsend auf.

»In Ordnung, ab ins Wasser mit ihm. Mal sehen, ob er in seinem Zustand noch schwimmen kann.«

Während er über seinen Scherz lachte, packten zwei seiner Komplizen den zusammengeschlagenen Mann an Armen und Beinen und warfen ihn in die Spree. Tommy schmunzelte noch, als er seinen Wagen anspringen ließ. Einer seiner drei Begleiter setzte sich neben ihn, die anderen quetschten sich in den Fond. Der kühle Nachtwind über dem Wasser hatte sie durstig gemacht, und ihre Gedanken waren schon bei dem Bier, das sie in der Stammkneipe erwartete.

Das erklärte vielleicht auch, warum sich keiner die Mühe machte, nachzusehen, ob der Mann auch wirklich unter der Wasseroberfläche blieb. Er tat es nicht. Mehr tot als lebendig ruderte er mit seinen Armen und Beinen gegen den Strom. Ein wütender Schmerz stieß immer wieder durch seinen Kopf. Blut trübte seine Augen. Er kämpfte mit seinen Gliedmaßen und seinem Instinkt. Schließlich fühlten seine Finger das Gras einer schrägen Uferböschung. Mit letzter Kraft gelang es ihm, sich aus dem Wasser zu ziehen. Dann verlor er die Besinnung.

 

 

2

 

Als der Mann erwachte, war es dunkel. Das Bett, in dem er lag, fühlte sich bequem an. Dann registrierte er das Geräusch. Ein gleichmäßiges Zirpen.

Wo war er?

Die Tür öffnete sich, als habe jemand nur darauf gewartet, dass er aufwachte. Ein greller Lichtschein fiel in das Zimmer. Eine dunkle Gestalt erschien im Türrahmen. Gleichzeitig ertönte die Stimme einer Frau.

»Keine Sorge, ich gehe schon. Mindestens einmal pro Woche flippt der Kasten aus. Wann liefern die endlich einen Neuen?«

Sie trat an das Bett und streckte ihre Hand nach dem Apparat aus, der danebenstand. Einige bunte Kabel ragten heraus und führten zu dem Patienten.

»Helfen … Sie … mir«, flüsterte er.

Sie sah ihn überrascht an. »Ach, du lieber Himmel!« Ihre Stimme klang hell und sanft. »Sie sind aufgewacht.«

»Isabell«, rief eine andere Frau von draußen. »Hast du das Gerät endlich abgestellt?«

»Er ist wach«, antwortete sie.

»Was?«

Eine zweite Frau erschien im Türrahmen, warf auf einen kurzen Blick auf den Mann und verschwand wieder.

»Ich brauche hier einen Notfallwagen in Zimmer 308«, rief sie. »Und ein Diagnose-Team. Informiere sofort Doktor Dornhelm und alle anderen, die du brauchst. Patient 27 ist bei Bewusstsein. Wiederhole! Patient 27 ist wach.«

Einige Sekunden später stürmten mehrere weißgekleidete Männer und Frauen in das Zimmer. Ein Notfallwagen wurde hereingeschoben und Elektroden am Körper des Patienten befestigt.

»Kein Anstieg der Vitalfunktion?«, fragte Doktor Dornhelm. »Das macht doch überhaupt keinen Sinn.«

»Ich weiß«, erwiderte ein anderer Mann. »Hab’ ich auch gesehen. Die Schwester wollte in seinem Zimmer etwas überprüfen, und da war er plötzlich wach.«

Doktor Stefan Dornhelm betrachtete den Patienten mit professioneller Gelassenheit. Der Arzt war etwa fünfzig Jahre alt, hatte dunkle, gewellte Haare, eine leicht zurückfliegende Stirn und graue Augen. Die Nase war von normaler Größe und hatte einen geraden Rücken. Die Lippen waren blass und ziemlich schmal. Dornhelm vermittelte den Eindruck, in seinem Berufsleben alles schon mindestens zweimal gesehen zu haben. Aufgrund seiner Abgeklärtheit war anzunehmen, dass er auf ärztliche Erfahrung vor seinem Wirken in dieser Klinik zurückblicken konnte.

»Können Sie mich hören?«, fragte Dornhelm.

Der Patient nickte.

»Sehr gut. Sie waren im Koma. Es ist also kein Wunder, dass Sie etwas desorientiert sind. Ich bin Doktor Dornhelm. Ich werde Sie behandeln. Ich weiß, all das macht Ihnen vielleicht etwas Angst, aber alles wird gut werden. Wir müssen nur ein paar Tests machen, um herauszufinden, ob alles richtig funktioniert. Können Sie den Kopf heben? Gut. Und was ist mit dem Arm? Sagenhaft. Hat schon jemand seine Akte geholt?«

Ein Assistenzarzt reichte ihm die Unterlagen, doch Dornhelm schüttelte den Kopf. »Nein, nicht die Karte. Die komplette Akte.« Dann wandte er sich wieder dem Patienten zu. »Sie machen das großartig. Es fühlt sich im Moment vielleicht nicht so an, aber Sie hatten sehr viel Glück, junger Mann.« Dornhelm legte ihm die Hand auf den Arm. »Was ist mit der Akte?«, fragte er den Assistenzarzt.

»Wir können sie nicht finden.«

»Was soll das heißen?«

»Ich weiß nicht. Sie glauben, dass sie vielleicht verloren ging, als der Laden auf das neue Computersystem umgestellt wurde.«

»Neues System?«, wiederholte Dornhelm. »Das war vor über einem Jahr. Wie lange ist der Patient hier?«

»Ich weiß nicht. Ich frage mal nach.«

Während der Assistenzarzt den Raum verließ, wandte sich Dornhelm wieder dem Patienten zu. »Alles in Ordnung, junger Mann. Entspannen Sie sich.«

»Sein Puls rast«, sagte Doktor Schneider.

»Sie müssen sich entspannen«, forderte Dornhelm den Patienten auf. »Sehen Sie mich an. Jetzt wird alles wieder gut. So, und jetzt bitte einmal tief einatmen.«

 

 

3

 

Karl Dohme tunkte den Wischmopp in den Wassereimer, zog ihn heraus und begann den Boden zu reinigen. Gleichzeitig behielt er den Raum im Blick, in dem sich die Ärzte und Krankenschwestern um den Patienten kümmerten. Nach einigen Minuten unterbrach er seine Tätigkeit, stellte den Mob beiseite und zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche. Dohme wählte eine Nummer. Es dauerte einige Zeit, bis sich am anderen Ende jemand meldete.

»Ja?«, fragte eine männliche Stimme.

»Ähm … Hallo?«

»Was wollen Sie?«

»Jemand hat gesagt, ich soll diese Nummer anrufen, falls sich bei Patient 27 etwas ändert.«

 

 

4

 

»Wach?«, brüllte Richard Kilian in sein Mobiltelefon. »Seit wann? … Verdammte Scheiße! Sie sollten doch rechtzeitig anrufen! Jedes Anzeichen oder jede Veränderung sollte unverzüglich … Was? … Was zum Teufel soll das heißen? Sie sind jahrelang gut bezahlt worden … Wenn Sie das an die Medien geben, verspreche ich Ihnen, dass jemand Ihre Tochter besucht, wenn Sie mal nicht aufpassen. Tanja, so heißt sie doch, oder? … Nein, Sie hören mir zu … Hören Sie mich? Sie können die Bedeutung dieser Angelegenheit gar nicht ermessen. Also packen Sie Ihre Sachen. Sie haben eine Woche, um die Stadt zu verlassen. Mein Arbeitgeber reagiert ziemlich allergisch auf Drohungen.«

Er beendete das Gespräch und wählte eine Nummer. Der Anrufer meldete sich nach wenigen Sekunden.

»Er ist wach«, sagte Kilian. »Patient 27 … Ja, ich weiß. Es war nicht vorherzusehen. Ohne jede Vorwarnung … Ja … Nein … Ich wurde gerade angerufen … Der Alte aus der Klinik … Das sind keine Ausflüchte. Ich tat, was ich für … Sie haben recht, das hätte ich tun sollen. Ja … ja … ich verstehe.«

Kilian beendete das Gespräch, schob das Mobiltelefon in die Jackentasche, zog die unterste Schreibtischschublade auf und öffnete das Geheimfach. Seine manikürten Finger umklammerte die Pistole, die darin lag. Er zog das Magazin aus dem Schaft. Es war leer. Abermals griff er in die Schublade und holte eine kleine Pappschachtel heraus. Er öffnete sie, nahm die einzige Patrone heraus, die sich darin befand, und steckte sie ins Magazin. Seine Hände zitterten. Er schob das Magazin in den Schaft, entsicherte die Waffe und lud sie durch. Kilian spannte den Hahn. Er zögerte. Dann schob er den Lauf der Waffe in seinen Mund und betätigte den Abzug. Der Schuss krachte.

 

 

5

 

»Nun sind wir fast fertig«, sagte Doktor Stefan Dornhelm. »Nur noch ein paar Minuten. Ausatmen … Gut. Und noch mal … Sehr gut.«

Dornhelm leuchtete dem Mann mit einer Taschenlampe in die Augen, um die Pupillenreaktion zu testen. »Können Sie sich an irgendetwas Bestimmtes erinnern?«

»Nein«, antwortete der Patient. »Noch nicht.«

»Keine Sorge. Das wird schon wieder. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Erinnerungszentren Ihres Gehirns physisch in Ordnung sind. Versuchen Sie es weiter. Manchmal ist nur etwas Vertrautes aus der Vergangenheit nötig, um alles in Gang zu setzen. Ein Geburtstag oder ein besonderes Ereignis. Ihr Haus oder ein Spielzeug. Oder ein Name … oder ein Gesicht.«

»Ein Gesicht?«

»Sicher. Eine einzige Erinnerung kann eine Lawine auslösen. Fällt Ihnen etwas Derartiges ein?«

Der Mann überlegte einen Moment, dann schüttelte er leicht den Kopf. »Nichts.«

»Tja, versuchen Sie es weiter. Ich werde in Kürze zurück sein, um ein paar weitere Tests durchzuführen.«

Doktor Dornhelm und Doktor Schneider verließen das Zimmer, während Schwester Isabell Janetzko bei dem Patienten blieb.

»Sie müssen nicht mit mir warten«, sagte er. »Mir geht es gut. Gehen Sie ruhig.«

»Ich warte gern.«

Der Mann musterte sie eingehend. »Darf ich Sie etwas fragen?«, erkundigte er sich.

»Klar.«

»Wissen Sie, wie ich heiße?«

»Marc, Marc Harloff. Das steht in Ihren Unterlagen, obwohl wir Ihre komplette Akte noch nicht gefunden haben.«

»Wie lange lag ich im Koma?«

»Ich weiß nicht. Keiner weiß es genau. Das müsste in den Unterlagen stehen, aber unser Computer kann den Rest der Informationen nicht finden. Es wird überall nachgefragt, doch es gibt kein Personal, das länger hier ist als Sie.«

»Und das heißt?«

»Mindestens fünf Jahre.«

 

 

6

 

Die düstere Bar am Stadtrand von Berlin hatte schon bessere Zeiten gesehen, doch das schien den schlanken, dunkelgekleideten Mann nicht zu stören, dessen SUV vor dem Eingang parkte. Die geschnörkelten Neonbuchstaben über dem Eingang zuckten. Die Tür stand offen. Dahinter war es dunkel. Hier herrschte stets die gleiche Beleuchtung, ob draußen vier Uhr nachmittags oder ein Uhr morgens war. Ein paar zusätzliche Lampen befanden sich hinter dem unerschöpflichen Flaschenreservoir an der Rückwand der Bar, die den Inhalt der Flaschen erleuchteten, alles andere aber in rauchigem Zwielicht ließen.

Der Geruch von verschüttetem Bier drang dem Mann in die Nase, als er sich einen Weg durch die Stuhlreihen bahnte. Ein Billardtisch mit abgenutztem Spannbezug stand in einer Ecke. An den Wänden hingen schmutzige Spiegel mit dem Aufdruck bekannter Whisky-Marken. Der Boden knarrte unter seinen Füßen, während er den Raum durchschritt.

Nur ein Tisch war besetzt. Der hagere Mann mit dem schwarzen, strähnigen Haar musterte den Ankömmling. Als er den Mund öffnete und grinste, kamen zwei Reihen blendend weiter Zähne zum Vorschein.

»He, auf die Sekunde«, sagte Frank Larsen. »Beeindruckend. Ich liebe Pünktlichkeit. Das sagt viel über den Charakter der Leute aus.«

Der Mann in der dunklen Kleidung setzte sich. »Kommen wir gleich zur Sache«, entgegnete er kühl. »Wie ich hörte, vertreten Sie gewisse … Profis.«

»Ja, stimmt«, erwiderte Larsen. »Ich habe den besten Stall in ganz Berlin und Umgebung. Schnell, stark und unauffällig. Was immer Sie wollen, ich hab’s. Darf ich fragen, für wen wir arbeiten?«

»Das geht Sie nichts an.«

Larsen hob beschwichtigend die Hände. »Gut. Verstanden. Kein Thema. Was kann ich also für Sie tun?«

»Ich will den Besten. Er darf keine Aufmerksamkeit erregen. Er muss nur etwas besorgen.«

»Mal sehen …« Larsen überlegte einen Moment. »Ja, ich habe den perfekten Mann. Sie werden begeistert sein. Allerdings ist er etwas teurer als die anderen. Aber er ist sein Geld wert. Ein aufgehender Stern, wissen Sie. Doch ich denke, dass wir uns einigen können.«

»Ich feilsche nicht um den Preis. Keine Anrufe, keine SMS, verstanden?« Er holte ein einfaches Mobiltelefon aus der Jackentasche und reichte es Larsen. »Tragen Sie das bei sich. Drei Stunden vor der Ausführung erhalten Sie eine Nachricht mit dem Einsatzort und einen Bankcode für Ihre Vergütung. Danach ist das Telefon tot und wir treten nicht mehr miteinander in Kontakt.« Er stand auf und ging Richtung Ausgang.

»Keine Sorge!«, rief Larsen hinter ihm her. »Ich hab den Mann. Glauben Sie mir, Sie werden begeistert sei. Er ist ein echter Profi. Diesmal bekommen Sie ihn noch zum Normaltarif, aber in ein paar Monaten stehen alle Schlange, um das Dreifache zu bezahlen. Das garantiere ich Ihnen.«

 

 

7

 

Kommissar Jürgen Scholz von der Hamburger Mordkommission saß an seinem Schreibtisch und betrachtete die Fotos, die von den Kriminaltechnikern gemacht worden waren. Sie zeigten ein Büro mit teurer Ausstattung. An den Wänden hingen wertvolle Gemälde. Die Möbel zeugten von erlesenem Geschmack. Ein weißer Teppich bedeckte den Boden. Und darauf lag die Leiche eines Mannes, der sich mit einer Pistole einen Kopfschuss verpasst hatte. An einigen Stellen zeigte der weiße Teppich rote Flecken.

»Oh, Scheiße«, murmelte Scholz. »Was treibt einen Mann bloß dazu?«

»Im Moment lautet die Antwort: ›Gar nichts‹«, sagte sein Kollege Fabian Hönig. »Ein guter Job, eine liebende Ehefrau, intelligente Kinder, ging regelmäßig in die Kirche … Der Mann hatte alles.«

»Dann übersehen wir etwas.«

»Sein Name ist Richard Kilian. Inhaber einer Reihe von Schmuckgeschäften. Seine Frau und seine Mitarbeiter sagen, er hätte keine Feinde. Vor einer Woche hat er seine zwölfte Filiale eröffnet. Eine komische Art zu feiern, was?«

Scholz schüttelte den Kopf. »Nicht komisch, aber seltsam. Überprüfe die Liste seiner Lieferanten und seiner Telefonverbindungen im letzten Monat. Was ist eigentlich mit der Waffe?«

»Schon erledigt«, antwortete Hönig. »Laut Computer hatte er keine Eigene. Niemals.«

»Und was ist mit dem Rest der Familie?«

»Wurden auch überprüft. Sind alle sauber.«

»Und wieso versteckt der Kerl dann eine Knarre in einem Geheimfach?«

»Es kommt noch besser. Die Techniker haben das gesamte Haus durchsucht. Nirgendwo gibt es eine weitere Kugel.«

Scholz runzelte die Stirn. »Also war die Waffe nicht zur Verteidigung gedacht. Das kann zweierlei bedeuten. Entweder war er ein Irrer mit Suizidgedanken, der schon eine Weile plante, sich umzubringen und letzte Nacht endlich den Entschluss dazu aufbrachte, oder …«

»Er hatte vor etwas Angst«, vollendete Hönig den Satz.

»Genau«, stimmte Scholz ihm zu. »Offenbar wusste er, dass dieser Tag kommen würde. Also hoffen wir mal, dass ich mich irre und wir herausfinden, dass er nur seine Sekretärin gebumst hat und dabei erwischt wurde, oder dass seine Aktien baden gingen. Auf jeden Fall sollten wir die Sache so schnell wie möglich abschließen.«

»Okay.«

»Was ist eigentlich mit seiner Frau?«

»Sie ist bei Freunden und zurzeit nicht vernehmungsfähig.«

»Sie nimmt es wohl sehr schwer«, meinte Scholz.

»Kein Wunder. Als sie nach Hause kam, hat sie die Katze dabei überrascht, wie sie das Hirn ihres Mannes vom Teppich leckte.«

»Netter Gedanke.«

»Stimmt doch.«

 

 

8

 

Marc Harloff lief durch einen dunklen Wald. Schatten verfolgten ihn, angetrieben von einem blinden Mann, der auf einem großen, schwarzen Hund saß und ihn mit einer Peitsche antrieb wie ein Pferd. Harloff lief so schnell, wie er konnte. Sein Atem ging stoßweise und seine Lungen taten weh. Fieberhaft überlegte er, wo er sich verstecken könnte. Die schwarzen Schatten kamen immer näher. Er hörte das Geräusch ihrer Schritte und das scharfe Gebrüll des Mannes.

»Fass ihn! Fass ihn und zerfleische ihn!«

Plötzlich stand Harloff vor einer hohen, glatten Felswand, die unüberwindlich schien. Ich bin verloren, dachte er entsetzt. Sie werden mich töten. In diesem Moment hörte er eine helle Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien.

»Berühre den Stein! Das ist deine Rettung!«

Harloff presste sich an die Felswand. Seine Finger glitten tastend über den Stein. Wo war die Rettung? Die Verfolger brachen durchs Gebüsch, und mit einem teuflischen Grinsen trieb der blinde Mann den Hund an.

»Fass! Zerfleische ihn!«, brüllte er und schlug mit der Peitsche auf den Hund ein.

Harloff schrie. Einer inneren Eingebung folgend, drückte er mit der rechten Hand gegen die Felswand. Plötzlich spürte er, wie der massive Stein nachgab. Er taumelte nach vorn. Sofort schloss sich die Wand wieder. Harloff war in Sicherheit. Das Gebrüll des Mannes verstummte. Um ihn herum herrschte Stille.

Schlagartig lösten sich die Bilder auf. Harloff erwachte und öffnete die Augen. Die Dunkelheit seines nächtlichen Krankenzimmers umgab ihn. Er versuchte die Bruchstücke seines Traums in einen logischen Zusammenhang zu bringen, doch es gelang ihm nicht. Hatten diese Bilder überhaupt eine Bedeutung, oder handelte es sich wirklich nur um einen Traum?

Schritte näherten sich. Die Tür wurde geöffnet. Licht flammte auf. Harloff schloss die Augen und stellte sich schlafend.

»Wie ich dachte, er schläft«, sagte Doktor Dornhelm halblaut.

»Ja«, antwortete eine Frauenstimme. »Soll ich die Dosis erhöhen?«

»Nein, das ist nicht nötig. Er ist so schwach. Er wird nicht lange wach bleiben. Sehen Sie gelegentlich nach ihm. Wenn es Schwierigkeiten gibt, geben Sie ihm eine Spritze.«

»Ja, Doktor.«

Das Licht ging aus. Harloff wartete, bis die Tür ins Schloss fiel. Erst dann öffnete er die Augen. Er lauschte, bis die Schritte verklungen waren. Im Haus wurde es still. Er wälzte sich herum und wurde dabei wieder schmerzlich an seine Schwäche erinnert. Als er endlich aufrecht saß und die Füße auf dem Boden hatte, fühlten sie sich an wie Gummi. Vor seinen Augen drehte sich alles. Das bemerkte er seltsamerweise trotz der Dunkelheit.

Harloff klammerte sich am Bettrand fest und benützte das Nachtschränkchen als Stütze. Letzteres erwies sich als nicht besonders stabil. Nur mit Mühe konnte er verhindern, dass es umstürzte. Er ließ rechtzeitig los, griff in der Dunkelheit nach dem Fensterbrett und klammerte sich im Fallen daran fest. Harloff prallte gegen die Mauer. Der Schmerz an Knie und Armen erschütterte ihn merklich. So, als wachte er jetzt erst richtig auf. Auch die Gefühllosigkeit verschwand aus seinen Gliedern. Mit aller Kraft zog er sich am Fensterbrett hoch, lehnte sich dagegen, bis er sicher war, dass er nicht umfallen würde, wenn er losließ.

Harloff lauschte. Geräusche kamen vom unteren Stockwerk. Türen fielen zu. Stimmen klangen herauf. Die Geräusche hielten eine Viertelstunde an, während Harloff dastand. Niemand kam zu ihm hoch. Alles spielte sich im Erdgeschoss ab. An den Geräuschen war nicht erkennbar, was eigentlich vorging, nur, dass mehrere Personen daran beteiligt waren. Schließlich wurde es ruhiger. Die Geräusche bewegten sich auf den Haupteingang des Gebäudes zu. Harloff blickte aus dem Fenster, vorsichtig hinter den Vorhängen verborgen.

Der Weg vor dem Gebäude füllte sich mit Männern und Frauen. Sie gingen, ohne zurückzublicken oder sich viel umeinander zu kümmern auf die Straße zu. Langsam leerte sich der Weg. In der Klinik war wieder alles ruhig. Vermutlich Schichtwechsel, dachte Harloff. Er zog sich vom Fenster zurück. Noch immer fühlte er sich unsicher auf den Beinen. Und es würde auch noch einige Zeit dauern, bis er sich wieder normal bewegen konnte.

 

 

9

 

Marc Harloff erwachte durch ein Geräusch. Diesmal war es Tag. Sein Blick fiel auf die rechte Seite des Zimmers, und nun wusste er auch, wer die Geräusche verursacht hatte. Schwester Isabell Janetzko stellte eine Flasche Mineralwasser und ein Glas auf den Nachttisch. Er beobachtete sie, ohne sich zu bewegen. Sie hatte noch nicht bemerkt, dass er wach war. Ein Auge wurde weitgehend durch einen Kissenzipfel verdeckt. Mit dem anderen betrachtete er die Schwester. Zum ersten Mal seit seinem Erwachen konnte er sie nun ganz deutlich sehen.

Sie war dunkelhaarig, groß, vollbusig und mochte wohl manchem Lahmen hier im Krankenhaus wieder auf die Beine geholfen haben. Ohne ihn weiter zu beachten, verließ sie das Zimmer. Harloff schloss die Augen. Er fühlte sich innerlich frei, nicht mehr so bedrückt, wie in den letzten Stunden. Auch die Sonne, die durch das Fenster schien, erfüllte ihn mit Wohlbehagen. Er genoss ihre Strahlen auf seiner Haut, die den Alptraum der Vergangenheit so weit in den Hintergrund seines Bewusstseins drängte.

Wenige Minuten später wurde die Tür geöffnet. Harloff rechnete damit, dass man weitere Untersuchungen an ihm durchführen würde, um ganz sicher zu gehen, dass ihm nichts fehlte. Er öffnete die Augen. Ein Mann in weißer Kleidung trat ein. Er schloss die Tür und blickte den Patienten an. Er war nur wenig über mittelgroß. Sein Gesicht besaß ein scharfes Profil mit einer schmalen, heruntergezogenen Nase. Der Blick der schwarzen Augen, in denen sich Pupille und Iris kaum voneinander unterscheiden ließen, war von einer schwer zu ertragenden Starrheit. Im Gegensatz dazu besaß er einen geschwungenen, fast weiblich weichen Mund. Ungefähr in der Mitte des Zimmers blieb er stehen. Sekundenlang blickten sich die Männer an.

Harloff hatte plötzlich ein ungutes Gefühl, dessen Ursprung er sich nicht genau erklären konnte, doch sein Instinkt sagte ihm, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmte. Vielleicht lag es an der Art, wie er sich bewegte oder wie er ihn anstarrte. Im nächsten Moment erhielt er die Bestätigung für seine Vermutung. Der Mann griff unter seine Jacke und zog eine langläufige Pistole hervor. Aus der rechten Hosentasche brachte er einen Schalldämpfer zum Vorschein. Er schraubte ihn auf die Mündung, ohne sich zu beeilen, und während er das tat, ließ er den Patienten nicht aus den Augen.

Als der Schalldämpfer fest verschraubt war, ging der Mann auf sein Opfer zu. Er hielt es offenbar für besser, aus möglichst kurzer Entfernung zu schießen, und er sah keinen Grund, warum er an den Patienten nicht nahe herangehen sollte. Als nur noch drei Schritte Abstand zwischen ihm und Harloff lagen, blieb er stehen, hob den Arm und feuerte. Der Bolzen schlug knackend auf. Der Schuss löste sich. Die Kugel bohrte sich dicht neben dem Kopf des Patienten in das Kissen. Harloff handelte, als habe ihn erst das trockene Knacken des Hahnes aus seiner Erstarrung geweckt.

Er sprang aus dem Bett, stürzte nach vorn und schlug mit beiden Fäusten auf den Killer ein. Sein erster Hieb traf den Arm des Mannes. Er verlor die Pistole, die über den Boden schlitterte. Der wütende Angriff zwang ihn in die Knie. Er war ein Killer, aber kein Schläger. Der dritte und vierte Hieb fegte ihn von den Füßen. Harloff wollte die Pistole aufheben, doch der andere kam ihm zuvor. Seine Finger schlossen sich um den Kolben der Waffe. Im selben Moment wurde die Tür geöffnet und Isabell erschien im Rahmen.

»Lauf weg!

---ENDE DER LESEPROBE---