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Ob es uns gefällt oder nicht, wir kommen an der beschämenden Tatsache nicht vorbei, dass unsere Menschheitsgeschichte von patriarchaler Gewalt geprägt ist. Und das Erbe der männlichen Machtausübung setzt sich fort, Tag für Tag. Darunter leiden, bewusst oder unbewusst, die Männer selbst. Sie erleben sich häufig als "zu wenig Mann", als zu machtlos und nicht selbstbewusst genug - weil sie immer noch einem patriarchalen Männer-Ideal hinterherlaufen. Meist in der Lebensmitte spüren sie, dass irgendetwas fehlt. Eine diffuse und kaum benennbare Sehnsucht lässt sie nach der eigenen Würde und männlichen Identität fragen. Erst der Blick auf die eigene Geschichte, vor allem auf den eigenen Vater, gibt ihnen eine neue Orientierung. Der Psychotherapeut Christopher Tarnow hat für Therapeut*Innen und Laien eine fundierte Bewusstseinsarbeit für Männer entwickelt. Er verbindet Patriarchatskritik und Matriarchatsforschung mit gestalttherapeutischen Elementen und schamanisch-rituellen Übungen - angelehnt an natürliche Zyklen wie den Jahreskreis oder das Medizinrad.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Seiten widme ich den Frauen meines Lebens:
Meiner Frau Ellen,
die mich alles lehrte, was ich bis jetzt von der Liebe weiß,
und ohne die es diesen Text, meine rituelle Arbeit und mein
reiches Leben nicht gäbe. Ihr verdanke ich wesentliche Anstöße,
Anregungen und Supervisionen zu der Arbeit,
die ich in diesem Buch vorstelle.
Meiner Großmutter Hedwig, genannt Groti,
bei der ich mich als Kind abends auf einem Bärenfell ausziehen durfte, während sie
meinen Schlafanzug auf der Heizung vorwärmte.
Meiner Mutter Antje-Maria,
die in mir die Liebe zu Versteinerungen, zur Steinzeit
und zu indigenen Kulturen weckte – und die mir
den ersten Flitzbogen machte.
Und dann den Männern meines Lebens:
Meinem Schullehrer Klaus,
der meinen Vater vertrat, als dieser fehlte, und der mir zeigte,
wie man sich auf seinen Tod vorbereitet.
Meinem Vater Gerd,
der mir vorlebte, wie man nach einem Beinahe-Tod
ein zweites Leben finden kann.
Meinem Beinahe-Sohn Sebastian
für seine große Hilfsbereitschaft und Loyalität, seine Unterstützung
bei unseren Seminaren.
Meinem Sohn Fionn,
der mir zeigt, dass sich nicht nur Söhne nach ihren Vätern sehnen können,
sondern auch Väter nach ihren Söhnen.
VORWORT
TEIL 1
Wer hat Angst vorm Matriarchat?
Hintergründe, Überlegungen und Anregungen für die Arbeit mit Männern
Das Leiden der Welt an der Vorherrschaft der Männer
Der verdrängte Hintergrund: Das Matriarchat
Das Ende des Matriarchats und Beginn des Patriarchats
Worum es also gehen könnte: Männerarbeit heute
Männer in Therapie I: Das Psychische Matriarchat
Jungeninitiation bei naturverbundenen Völkern
Männer in Therapie II: Die abwesenden Väter
TEIL 2
Müttersöhne, Überflieger und Vatersucher
Männer des Patriarchats in Fallbeispielen
Fritz – Der hat’s geschafft!
Volkmar – Diese Scheißweiber…!
Eberhard – Gierig wie ein Tier
Ruiz – Ein Mann des Gewissens
Bailong – Der Geheimnisvolle
TEIL 3
Die Kraft zum vollen Dasein
Ein Arbeitsweg ritueller Männer-Gestaltarbeit
1. Seminartag – Gorillas unter sich
2. Seminartag – Gebete am Waldrand
3. Seminartag – Bei den Vätern
TEIL 4
Das Medizinrad der Männer
Gestaltarbeit im Jahreskreis
Der Kontaktkreis der Gestalttherapie und der Jahreskreis
Das Medizinrad der Männer
Übungen im Jahres-(Gestalt-)Kreis: Medizin machen
»Die Ahnung« – Vorkontakt und Impuls
»Das Erwachen« – Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche – Awareness
»Die Erwartung« – Beltane – (Fruchtbarkeit), Energiemobilisierung
»Der Höhepunkt« – Sommersonnenwende – Voller Kontakt
»Der Ab-Schnitt« – Schnitterfest – Differenzierung, Aggression
»Die Ernte« – Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche – Differenzieren, Rückzug
»Das Gedenken« – Nachkontakt
»Stillstand und Neugeburt« – Wintersonnenwende – Impasse/Vorkontakt
TEIL 5
Von Äpfeln und von Schwertern
Ein Arbeitsweg über Märchen
INDEX
DANKSAGUNG
ÜBER DEN AUTOR
»Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?«, ruft das Kind quer über den Schulhof. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen alle anderen Kinder und brüllen im Chor: »Niemand!« Darauf das Kind, das den Schwarzen Mann im Spiel verkörpert: »Und wenn er kommt?« Alle anderen Kinder quietschen schrill: »Dann laufen wir!« »Dann müsst ihr auf einem Bein hüpfen«, ruft das Schwarze-Mann-Kind mit schauriger Stimme und läuft auf die vergnügt schreiende Gruppe zu, die nun, jedes Kind auf einem Bein hüpfend, die gegenüberliegende Schulhofseite zu erreichen sucht. Das erste Kind, das der Schwarze Mann fängt, wird der neue Schwarze Mann sein im nächsten Spieldurchgang. Und diesmal verlangt der Schwarze Mann, dass alle rückwärts gehen müssen, wenn er sich auf die Jagd macht, oder galoppieren wie ein Pferd … oder auf den Zehenspitzen tippelnd wie eine Balletttänzerin … oder blind … oder, oder …
Wie haben wir dieses Spiel in der Grundschule geliebt! Es war schrecklich schön, irgendwie gruselig und dabei witzig, man musste vor Wonne und vor Angst schreien oder brüllen, und selbst, wenn man gefangen wurde, konnte man sicher sein, in der nächsten Runde der Gefürchtete, der Mächtige zu sein. Mädchen und Jungen spielten es gemeinsam, so kamen beide Geschlechtergruppen auch in den Genuss, das jeweils »Andere«, dem man ja sonst eher ein wenig scheu aus dem Weg ging, nun auch mal anfassen zu dürfen, hier mal am Pulli zu zerren oder da mal an den Haaren zu ziehen. Man durfte ihn oder sie sogar ganz kurz mal feste drücken. Alle waren gleich und alle waren auch jeweils so ganz anders, aber alle hatten Spaß und tauschten ihre Rollen nach Lust und Laune – jeder und jede war mal Jäger*in und mal Gejagte*r, mal gehandicapt und mal überlegen, alles war jederzeit möglich und alles war jederzeit auch wieder im Wandel.
Und wer hat Angst vorm Matriarchat? Alle!
Die Manager in den Konzernetagen fürchten um ihre Privilegien und Boni, Familienväter fürchten um ihre Freizeit beim Sport, Politiker fürchten um Herrschaft und um die Staatskasse, Forscher*innen und Wissenschaftler*innen fürchten um ihre mühsam gewonnenen Erkenntnisse, alle haben Angst vorm Matriarchat. Ja, sogar viele Frauen haben Angst, weil Veränderung Angst macht. Und weil »der arme Kachelmann« 1 ja letztlich ein so sympathischer und charmanter Mann gewesen ist. Und weil man ja gar nicht weiß, ob das Matriarchat nicht noch viel schlimmer sein wird als das gut bekannte und bestens eingeübte Patriarchat. Und weil man ja auch nicht weiß, ob dann nicht sogar die wilde und hässliche Schwarze Frau kommt, vor der sich Männer wie Frauen gleichermaßen zu fürchten hätten – ist doch ganz und gar ungewiss, was sie an Unmöglichem verlangen wird, wenn es darum geht, wie man beim Seitenwechsel über den Schulhof zu kommen hat. Ob sie nicht ohnehin gleich alle fängt und frisst und am Ende noch das viel schrecklichere Gegenstück zum Patriarchat errichtet …
Ich werde es nicht vergessen: Als ich das letzte Mal in einem Vortrag 2 die Zahlen aus der Statistik zu Männern und Frauen – Verdienst, Arbeitszeit, sexualisierte Gewalt und Straffälligkeit betreffend – lediglich unkommentiert vortrug, verließen nach wenigen Augenblicken zahlreiche Männer (viele von ihnen ausgebildete Psychotherapeuten) wutschnaubend und pöbelnd den Saal. Zahllose Frauen (auch diese zum überwiegenden Teil Psychotherapeutinnen) schlossen sich ihnen an, zwar nicht ganz so laut, aber u. a. mit solchen Äußerungen: »Sie übertreiben und verallgemeinern maßlos, so sind doch nicht alle Männer. Denken Sie nur an den armen Kachelmann und was Leute wie Sie dem angetan haben!« Und das war schon eine ganze Weile nach »MeToo«, nach »Time’s up«, nach der Verurteilung Harvey Weinsteins und dem Suizid des Kinderfickers Epstein in seiner Zelle. 3
Ob es Ihnen gefällt oder nicht, ob es mir gefällt oder nicht, an folgender, mich als Mann tief beschämender Tatsache, kommen wir einfach nicht vorbei: Das Grauen in unserer Welt heute geht überwiegend von Männern aus. Wenn ich an meinen Geschichtsunterricht in der Kindheit denke, so erinnere ich genau das: Gewalt, Unterjochung, Versklavung, Ausrottung, Vergewaltigung, Genozid, Folter gingen von Männern aus, unsere Menschheitsgeschichte scheint ein einziges Kämpfen, Versklaven und Ausbeuten gewesen zu sein, von Herrschern angeführt – allesamt bis heute berühmte Kerle. Frauen spielen in dieser Geschichte kaum eine Rolle, allenfalls als schmückendes Beiwerk, als Königsgebärerinnen, als lukrative Beuten auf Schachzügen um die Macht oder als Vorwand, dass Männerhelden ihretwegen ganze Städte und Völker dem Erdboden gleichgemacht haben.
Seit fast 30 Jahren arbeite ich als Gestalt-Psychotherapeut mit Männern in unterschiedlichen Kontexten: in Einzel- und Paartherapie, in Selbsterfahrungsgruppen, Coaching, Supervision und in psychotherapeutischen Ausbildungen. Während die Anlässe, sich in Beratung oder Selbsterfahrung zu begeben, mannigfaltig sind – u. a. Depressionen, berufliche oder familiäre Krisen, Paar-Konflikte, Erschöpfungszustände, Süchte, Sinnkrisen, psychosomatische Erkrankungen, Sexual- und Geschlechtsidentitätsstörungen –, zeigt sich bei den allermeisten dieser Männer durchgängig ein fast identisches Hintergrundphänomen: ein ausgeprägter Selbstwertmangel, das Gefühl »nicht Mann genug« oder ganz grundsätzlich »nicht gut genug« zu sein.
Als ich in meinen eigenen Pubertätsjahren, wie alle in dem Alter, anfing, über mich selbst nachzudenken und mich in meiner Rolle als junger Mann einzuordnen oder, eher, zu bewerten, kam ich selbst auch zu dem vernichtenden Urteil, nicht männlich genug zu sein, zu gehemmt, zu schüchtern, zu kränkbar, nicht potent genug – der Vergleich mit »den anderen Männern« fiel immer zu meinen Ungunsten aus. Und das sollte Jahre, fast Jahrzehnte so bleiben. Eine innere Not, über die man(n), ich, nicht sprechen konnte. Die ich aber versuchte, mit heftiger Anstrengung auf die unterschiedlichsten Arten abzuwehren.
Ich verdanke es diesen Jahren voller Not, Ängste und übergroßer Anstrengungen, den Selbstwertmangel irgendwie auszugleichen, dass ich nach vielen (auch therapeutischen) Umwegen die Gestalttherapie 4 kennenlernte. In ihrer erlebnisorientierten Vorgehensweise fand ich endlich fruchtbare Möglichkeiten, mich meinem Not-Leiden zu stellen und im Zuge dessen vor allem auch der mir bis dahin wenig bewussten Beziehung zu meinem Vater. Das Verblüffende dabei war: In dem Maße, wie ich diese Beziehung (neu) durchlebte und durchlitt, wie ich mein Vaterbild darüber allmählich differenzieren konnte, in dem Maße wandelte sich auch mein Blick auf »die anderen Männer« – und so auch auf mein eigenes beschädigtes Selbstbild. Ich war gar nicht so viel anders als die anderen. Meine klischeehaften Projektionen entpuppten sich als eigene Ängste oder Sehnsüchte, die ich mit dem Gros der Männer meiner Generation offenbar sogar teilte.
Freilich wurden mir auch die verheerenden Auswüchse unreflektierter »Männlichkeit« in unserer Welt immer deutlicher, also das Grauen und der Schaden, den Männer und patriarchale Strukturen in dieser Welt anrichten und angerichtet haben. Aus der ursprünglichen Scham über mich selbst wurde nun eine Scham, zu den Männern zu gehören, also zu denen, die zum überwiegenden Teil für das Unheil in der Welt verantwortlich sind.
Die oben erwähnte Einsicht, dass Grauen und Gewalt vorwiegend von Männern ausgehen, und gleichermaßen die persönliche Erfahrung, dass sich so unendlich viele Männer als »zu wenig Mann« beschreiben, blieb lange ein undurchschaubares, verwirrendes Paradoxon für mich. Mein persönlicher Zugewinn an Selbstwert und Authentizität durch die Arbeit in der Gestalttherapie war durchaus groß, doch diese Irritation löste sich nicht vollständig auf. Es blieb ein diffuser Hunger nach größerer oder andersartiger Wahrhaftigkeit, denn die gesellschaftlichen Strukturen, die den Mangel überhaupt erst erzeugt hatten, blieben ja unberührt. Auch blieb das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft unverändert bestehen, und damit gelang mir nur teilweise eine Orientierung innerhalb der gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen. Es fühlte sich irgendwie auch »unaufrichtig« an.
Erst die Begegnung mit einer Frau – oder sollte ich besser sagen, die Begegnung mit der Liebe? – begann diesen Hunger zu stillen. Diese Frau war und ist meine Frau Ellen, mit der ich nicht nur die Erfahrung, sondern erst recht die Begeisterung für die Gestalttherapie teile. Sie machte mich auch mit dem Phänomen »Matriarchat«, mit seiner historischen Bedeutung, seiner aktuellen Wirklichkeit und seinen Implikationen für unsere heutige Zeit vertraut. Es gab und gibt (!) also eine Alternative zur patriarchalen Weltaneignung – ja, eine bodenständige Utopie, in der Orientierung und Ethik gefunden werden können für beide, nein, für alle Geschlechter.
Ellen verdanke ich maßgebliche Anregungen, denen ich hier im Folgenden nachgegangen bin. Viele der Übungen und Rituale sind ursprünglich von ihr (mit-)entwickelt oder von ihr supervidiert worden. Auch die Ursprungs-Idee für meine Männergruppen – und damit letztlich auch für dieses Buch – verdanke ich ihrem Anstoß und unserem regelmäßigen Austausch. Zusammen haben wir zahllose Reisen zu den Spuren und Relikten matriarchaler Kulturen in Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika unternommen, zu schamanisch-matriarchal orientierten heutigen Ethnien 5 und zu naturverbunden lebenden Nomadengruppen. Wir haben das »Matriarchat« aus historischen, archäologischen, gesellschaftspolitischen, philosophischen und kunstgeschichtlichen Perspektiven erkundet und unsere Erkenntnisse in unsere psychotherapeutische Arbeit einfließen lassen.
In Bezug auf die (psychotherapeutische) Arbeit mit Männern heißt das heute für mich: Erst dann, wenn Männer sich mit ihrem eigenen Leiden in der Beziehung zu anderen Männern, letztlich zum eigenen Vater, aber auch innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen auseinandersetzen, und zwar im Kontext einer möglichen anderen Gesellschaftsform, wie dem Matriarchat, werden sie ein gesundes und stabiles Selbstwertgefühl entwickeln können. Erst dann wird ihnen eine männlich-menschliche Ethik möglich, die jenseits von Machtstrukturen und Verheerungen der patriarchalen Weltaneignung das Leben in all seinen Ausformungen ehrt und schützt. Das gilt gerade auch für das Lebendige in ihnen selbst – und das ist der herausforderndere Teil dabei …!
Auf den folgenden Seiten werde ich den oben skizzierten Weg gestaltpsychotherapeutisch veranschaulichen und praktische Vorgehensweisen, Übungen und Anregungen für die therapeutische Arbeit bzw. für die Selbsterfahrung vorstellen. Sie, lieber Leser (gerne auch liebe Leserin), werden sich selbst und die Welt danach anders sehen, versprochen! Dabei beziehe ich Impulse und Erfahrungen aus schamanisch orientieren Kulturen für einen rituellen Umgang mit ein und stelle das Phänomen »Matriarchat« auch in seinen für die therapeutische Arbeit relevanten Implikationen vor.
Der zum Teil vehement und erbittert geführte Diskurs in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zum Thema »Matriarchat« scheint mir Beleg für die Notwendigkeit und gleichzeitig auch Anreiz zu sein, sich mit dieser historischen wie brandaktuellen, bodenständigen Utopie zu befassen. Wenn ich im Einklang mit der modernen Matriarchatsforschung davon ausgehe, dass über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hin Matriarchate existierten und auch heute in Enklaven weiter bestehen, dann werde ich neugierig: Wie leb(t)en Frauen, wie Männer, wie das dritte Geschlecht in matriarchalen Umgebungen? Wie gestalten sie ihre Beziehungen untereinander? Wie gehen die Generationen miteinander um und in welchem Verhältnis zur Natur, zu Spiritualität stehen sie? Wie werden Entscheidungen getroffen, die die ganze Gemeinschaft betreffen? Und nicht zuletzt: Was können die Antworten darauf für uns heute, individuell und kollektiv, bedeuten?
Mir haben sich in der Beschäftigung mit diesen Fragen völlig neue Horizonte eröffnet, nicht zuletzt für meine praktische therapeutische Arbeit. Bewegungen wie »MeToo«, »Time’s up« oder »Fridays for future« 6 bekräftigen ja nur zu deutlich, dass die Rollen von Frauen, Männern und Diversen sich neu und anders thematisieren und die destruktiven Auswüchse der patriarchalen Kultur für alle Geschlechter und für unsere Umwelt dringend benannt werden müssen. Und die Heftigkeit, mit der diese Diskussion fast weltweit geführt wird, zeigt, wie viel Betroffenheit und (womöglich »gebundene«) Energie im Spiel sind.
Kleiner Exkurs: Was hat »Fridays for future« mit der Rolle der Frauen in der Welt zu tun? Um es gleich vorab zu sagen: Unsere Mutter Erde ist weiblich und unser Umgang mit ihr weist weltweit dieselben Entwertungs- und Ausbeutungsstrategien auf, wie sie in patriarchalen Gesellschaften mit Frauen, Kindern und anderen Abhängigen offensichtlich sind. Doch dazu später mehr …
Christopher Tarnow
[in den Corona-Jahren 2020 – 22, als weltweit so viele Menschen Panik bekamen, nachdem sie offenbar zum allerersten Mal davon hörten, dass wir alle irgendwann sterben müssen; als Politiker und Industrielle weltweit diese Angst schürten und nicht zuletzt nutzten, um ihre Macht und ihren Wohlstand zu vergrößern; als wir die Zerstörung der 5.000 Jahre alten Hügelgräber am Eichgrund 7verhindern konnten, während gewaltige Rodungsmaschinen dort die durch den Klimawandel erkrankten Bäume fällen mussten.]
1 _Der Kachelmann-Prozess war ein Strafverfahren gegen den deutschen Fernsehwetterfrosch Jörg Kachelmann 2010/2011. Die Staatsanwaltschaft Mannheim warf Kachelmann eine besonders schwere Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung an seiner Geliebten vor. Kachelmann bestritt diese Vorwürfe und wurde 2011 vor dem Landgericht Mannheim freigesprochen; das Verfahren erregte erhebliche Aufmerksamkeit. Im September 2016 wurde in einem Zivilverfahren geurteilt, dass der Vergewaltigungsvorwurf gegen Kachelmann von seiner Geliebten vorsätzlich wahrheitswidrig erhoben worden war. Im März 2017 leitete die Staatsanwaltschaft gegen sie ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts der Freiheitsberaubung ein, welches im September 2017 mit der Begründung eines nicht hinreichenden Tatverdachtes eingestellt wurde. Unbestritten blieb die Tatsache, dass Kachelmann offenbar mehreren Frauen gleichzeitig die Ehe versprochen hatte.
2 _Der Vortrag des Autors unter dem Titel »Foul is fair and fair is foul – Praktisches, Theoretisches und Provokantes zu Gestalt-Männerarbeit« wurde am 31.5.2019 auf der Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie in Essen gehalten und ist »das Sprungbrett« für dieses Buch.
3 _#MeToo ist ein Hashtag, das seit Mitte Oktober 2017 im Zuge des Weinstein-Skandals Verbreitung in den sozialen Netzwerken erfährt. Die Phrase »Me-too« (»ich auch« bzw. »mich auch«) geht auf die Aktivistin Tarana Burke zurück und wurde als Hashtag durch die Schauspielerin Alissa Milano populär, die betroffene Frauen ermutigte, mit Tweets auf das Ausmaß sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe aufmerksam zu machen. Seitdem wurde dieses Hashtag millionenfach genutzt und hat zahllose Verfahren gegen teils namenhafte Schauspieler, Produzenten, Wirtschaftsmogule usw. angestoßen. »Me-too« wurde erstmals 2006 von Burke in dem Sozialen Netzwerk My Space verwendet, und zwar im Rahmen einer Kampagne, deren Ziel es war, Bestärkung durch Empathie unter afroamerikanischen Frauen zu fördern, die Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht hatten.
Der amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein wurde 2017 beschuldigt, eine große Anzahl Frauen sexuell belästigt bzw. vergewaltigt zu haben; 2020 wurde er zu 23 Jahren Haft verurteilt. Die Vorwürfe weiteten sich zu einem Skandal aus, der zu seiner Entlassung aus der Weinstein-Company und dem Ausschluss aus der Academy of Motion Picture Artsand Sciences führte, (die die Oscars verleiht). Am 10. August 2019 wurde der amerikanische Finanzier und verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden. Dort hatte er auf einen Prozess bezüglich neuer Anklagen wegen Menschenhandels gewartet. Zu den Freunden und häufigen Partygästen Epsteins, der offenbar systematisch Minderjährige zum Sex genötigt und mit ihnen gehandelt hatte, gehörten zahllose Prominente, einflussreiche Politiker und Geschäftsleute. Daher gab es Vermutungen, dass der Suizid womöglich eher ein Auftragsmord durch seine ehemaligen »Sex-Buddies« gewesen war.
4 _Die Gestalttherapie wurde von dem deutschen Psychoanalytiker-Paar Lore Perls (1905–1990) und Frederick S. Perls (1873–1970) sowie dem amerikanischen Soziologen Paul Goodman (1911–1972) entwickelt. Sie wird heute als besonders effektive Therapieform und Persönlichkeitsförderung beinahe weltweit praktiziert. In Deutschland gibt es heute kaum eine psychosomatische Klinik, in der nicht gestalttherapeutisch gearbeitet wird; in Österreich und in der Schweiz ist Gestalttherapie u. a. Krankenkassen-Leistung. Daneben hat »Gestalt« Eingang gefunden in viele psychosozialen Bereiche, in Coaching und andere Beratungskonzepte bis hin zu Unternehmensführung und Managementtraining. Lore und Fritz Perls haben, nachdem sie als Juden aus Nazi-Deutschland nach Südafrika emigrieren mussten und später in ihrer amerikanischen Wahlheimat lebten, zusammen mit dem Soziologen und Künstler Paul Goodman eine Psychotherapieform entwickelt, die Bewusstheit im Hier und Jetzt, Körperbezogenheit, Lebensfreude und kreative Kompetenz fördert. Vor allem ist »Gestalt« Ressourcen- und Lösungs-orientiert und nicht Krankheits- oder Störungs-fokussiert. »Gestalt« geht davon aus, dass Menschen immer das Potenzial zu geistiger Gesundheit und die innere Motivation zu Wachstum und Kreativität in sich tragen. Unerledigte Situationen oder unabgeschlossene, womöglich traumatische Beziehungs-Gestalten, alte Erziehungs- oder Überlebensmuster behindern dagegen unseren lebendigen, authentischen Austausch mit unserer Umwelt. So ist eine der Aufgaben der/des Gestalttherapeut*in, diese sog. »offenen Gestalten« und einschränkenden Muster den Klient*innen erlebbar und spürbar werden zu lassen, sie darüber zu wandeln und womöglich abzuschließen.
Ihre Wurzeln hat die Gestalttherapie sowohl in den progressiven Kräften der Psychoanalyse als auch in der teilweise vehementen Abgrenzung zu zahlreichen überholten Freud’schen Theorien. Ihren Namen erhielt sie in Anlehnung an die »Gestaltpsychologie« und deren Erkenntnisse über die Wahrnehmungsfunktionen und -organisation der menschlichen Psyche. (Gestalt meint hier das in den Vordergrund tretende seelische »Thema« eines Menschen, wie die »Gestalt« im Vordergrund eines Gemäldes). Philosophisch ist die Gestalttherapie vom Existenzialismus geprägt, ebenso von Taoismus und Zen-Buddhismus. Die Ethik der menschlichen Begegnung des Religionsphilosophen Martin Buber nimmt im zugrundeliegenden Prinzip des therapeutischen Kontakts eine zentrale Rolle ein.
Neben dem Gespräch werden auch Elemente des psychodramatischen Rollenspiels sowie kreative Medien, Bewegung und Körperausdruck genutzt. Der Mensch wird sowohl als Individuum mit seiner Lebensgeschichte als auch in Interaktion mit seinem sozialen Umfeld und zugleich mit den gesellschaftlichen Hintergrund-Bedingungen wahrgenommen. Das Geschehen in der Therapie ist die lebendige Interaktion zwischen Klient*in und Therapeut*in. Dabei setzen Gestalttherapeut*innen als wichtigstes »Instrument« sich selbst ein: so ist »Gestalt« auch eine Arbeit an der Beziehung zwischen beiden, wobei Gleichrangigkeit und Emanzipation, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Klient*in sowohl Voraussetzung als auch Ziel dieser Beziehung sind.
_ Perls, Fritz: Grundlagen der Gestalt-Therapie – Einführung und Sitzungsprotokolle, München 1995
_ Hartmann-Kottek, Lotte: Gestalttherapie – Lehrbuch, Berlin 2008
_ Dreitzel, Hans-Peter: Reflexive Sinnlichkeit – emotionales Gewahrsein. Die Mensch-Umwelt-Beziehung aus gestalttherapeutischer Sicht, Bergisch Gladbach 2007
_ Dreitzel, Hans-Peter: Gestalt und Prozess – Eine psychotherapeutische Diagnostik oder: Der gesunde Mensch hat wenig Charakter, Bergisch Gladbach 2004
_ Tarnow, Christopher: Die Innere Stimme und die Kunst, in: Bothe, Karin et al. (Hrsg.), Alternative Therapieansätze in der Psychiatrie, Frankfurt a. M. 2000
_ Tarnow, Christopher: Mehr Farbe in die Gestalt! – Wie wir in Paartherapie, Einzel- und Gruppenarbeit Kontaktmuster sichtbar machen und erweitern können, DVD avrecord.de, Pforzheim 2016
_ Tarnow, Christopher: Foul is fair and fair is foul – Praktisches, Theoretisches und Provokantes zu Gestalt-Männerarbeit, DVD Auditorium-Netzwerk.de, Essen 2019
_ Tarnow, Christopher: Schon am Ufer oder noch mitten drin? – Was die Gestalttherapie zu Viren, Introjekten und schwarzer Pädagogik zu sagen hätte, DVD Auditorium-Netzwerk.de, Nürnberg 2022
5 _Zu den matriarchalen Ethnien zählen heute noch etwa 20 Gesellschaften in Asien, Mittel- und Südamerika sowie Afrika. Am bekanntesten wurden die Mosuo (China), die Minangkabau (Indonesien) und die Khasi (Indien). Aus Süd- und Mittelamerika sind die Juchiteken (Mexiko), die Kagaba (Kolumbien) und die Cuna (Panama) zu nennen, ebenso indigene Völker Brasiliens und Amazoniens. Aus Nordamerika gibt es eine wachsende Forschungsliteratur zu indigenen matriarchalen Populationen. Sie reicht von den Irokesen (Haudenosaunee) über die Lakota, Natchez, Omaha, Apachen und Huron bis zu den Pueblo. Am bekanntesten wurden die Hopi.
In Europa gibt eine reiche Literatur zur europäischen Volkskunde und zu Brauchtum, die bis heute lebendige matriarchale Reste tradieren. In Indien sind es neben den Khasi die Jaintia und Garo, die Adivasi, die Roma und die Nayar von Malabar, die aber nur noch einzelne matriarchale Elemente aufweisen. Aus Nepal, Tibet, Malaysia sowie Japan, Korea und Taiwan liegen ebenfalls Forschungsberichte vor. Aus der Südsee sind die Trobriandinseln zu nennen sowie Polynesien, Hawaii, Palau, Melanesien und die australischen Aborigines. Afrika weist mit den Luapula in Sambia, den Ashanti und den Akan in Ghana, den Ila in Simbabwe, den Yoruba und den Bidjogo in Westafrika zahlreiche matriarchale Völker oder deren Relikte auf. Im Norden sind der Sudan, die Tuareg und die Kabylei zu nennen. Reste matriarchaler Muster finden sich noch im Volksbrauch der alpenländischen Räter, der sardinischen Sarden sowie bei den südfranzösischen Basken und in einigen Bräuchen auf der Insel Kreta.
Ein umfangreiches Archiv zur Matriarchatsforschung bietet das »MatriArchiv« unter www.matriarchiv.ch, abgerufen 25.01.2023
_ Göttner-Abendroth, Heide: Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats, Band III Europa und Westasien, Stuttgart 2019
_ Göttner-Abendroth, Heide: Das Matriarchat I – Geschichte, seine Erforschung, Stuttgart 1988
_ Göttner-Abendroth, Heide: Das Matriarchat II/1 – Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien, Stuttgart 1991
_ Göttner-Abendroth, Heide: Das Matriarchat II/2 – Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika. Stuttgart 2000
_ Göttner-Abendroth, Heide: Matriarchat in Südchina – Eine Forschungsreise zu den Mosuo, Stuttgart 1998
_ Göttner-Abendroth, Heide: Am Anfang die Mütter – Matriarchale Gesellschaft und Politik als Alternative, Stuttgart 2011
_ Göttner-Abendroth, Heide: Gesellschaft in Balance – Dokumentation des 1. Weltkongress für Matriarchatsforschung 2003 in Luxembourg, Stuttgart 2006
6 _Fridays for Future (»Freitage für [die] Zukunft«) ist eine globale soziale Bewegung ausgehend von Schüler*innen und Student*innen, welche sich für möglichst umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen einsetzen, um das in Paris 2015 im Weltklimaabkommen beschlossene 1,5-Grad-Ziel der Vereinten Nationen noch einhalten zu können. Nach dem Vorbild der Initiatorin, der damals 15-jährigen Schülerin Greta Thunberg, gehen Schüler*innen und Student*innen freitags während der Unterrichtszeit auf die Straßen und protestieren. Der Protest findet weltweit statt und wird von den Schüler*innen und Student*innen organisiert; so sollen bspw. am ersten weltweit organisierten Klimastreik am 15. März 2019 fast 1,8 Millionen Menschen an den Demonstrationen von FFF teilgenommen haben. Mittlerweile haben sich regional, national sowie weltweit zahlreiche Unterstützungsorganisationen gebildet, insbesondere die Scientists for Future. Die Corona-Maßnahmen haben die Aktivitäten in 2020 fast zum Erliegen gebracht.
7 _Ausbildungsinstitut für Gestalttherapie: Eichgrund-Institut für Integrative Gestalttherapie www.eichgrund.de
Die Welt hat eine Gebärerin
Das ist die Mutter der Welt.
Hat man seine Mutter gefunden
So erkennt man dadurch sein Kindsein.
Hat man sein Kindsein erkannt
Und hält sich wieder an die Mutter
So ist man beim Untergang des Leibes
Ohne Gefahr.
Lao Tse, Tao Te King, Ode 52 1
»Foul is fair and fair is foul!« rufen die Hexen in Shakespeares »Macbeth« gleich zu Beginn des Theaterstücks, das grausam und blutig endet, für alle Beteiligten. Wir kennen die beiden Begriffe aus dem Sport: Foul – unsportliche Rücksichtslosigkeit, das Durchsetzen eigener Ziele mit Skrupellosigkeit. Fairness – der Versuch, sich gleichberechtigt zu begegnen, Chancengleichheit und Respekt auch im Wettkampf zu wahren. Shakespeare’s Hexen aber verkehren, verdrehen alles: »Foul is fair and fair is foul!« Diese Verkehrung der Wahrheit erleben wir im Zeitalter von Facebook und Twitter tagtäglich bei den sog. »Fake News«, die bereits 50 Prozent aller Nachrichten im Netz der USA ausmachen, bei uns sind es 25 Prozent. Die mächtigste Industrienation der Welt hatte sich 2016 einen Präsidenten gewählt, der, nach eigener Einschätzung, »allen Frauen an die Pussy greifen darf« und »mitten in New York einen erschießen könnte und keiner würde mich dafür festnehmen«. Einen, der die Wahrheit und ihre Fakten ständig für ausschließlich eigene Interessen verdrehte: »Es gibt keinen Klimawandel, das ist eine Erfindung der Chinesen, um uns zu schwächen!«; »Migranten sind Kriminelle und Vergewaltiger!« usw.. Nach unabhängigen Recherchen hat Donald Trump bis zum Ende seiner vierjährigen Amtszeit etwa 22.000 Lügen bzw. Falschnachrichten in die Welt geblasen. 2
Unser modernes 21. Jahrhundert: Täglich, stündlich, minütlich zerfetzt es in dieser Welt Kinderkörper, Frauen und Männer, weil sie der »falschen« Religion angehören oder der »falschen« Ethnie oder der »falschen« politischen Ansicht. Kinder werden im Namen Gottes zu Denunzianten und Killern ausgebildet. Oder sie ertrinken auf der Flucht vor Krieg und Armut an unseren Urlaubsstränden. Die, die anders denken als ihre Präsidenten, ihre Mullahs, Erste Vorsitzenden oder Scheichs, verschwinden in Gefängnissen, werden sadistisch gefoltert und ihre Leichen werden anonym entsorgt. Alte Frauen werden öffentlich ausgepeitscht, weil ihre Knöchel oder der Haaransatz unter der Burka zu sehen waren, während 14-jährige Mädchen zwangsverheiratet werden mit 50-Jährigen.
Alle 25 Sekunden wird einem kleinen Mädchen die Klitoris mit dreckigen Scherben zerschlitzt und/oder die Scheide zugenäht. 3 Katholische Priester hängen ihren schutzbefohlenen Jungen Kreuze um den Hals, damit jeder Kollege sehen kann: »Der ist schon soweit, der bläst Dir den Schwanz und lässt sich ficken ohne Widerstand.« Ein andersfarbiges Kreuz zeigt an, dass der Junge »noch nicht weit genug« abgerichtet worden ist. 4 Wenn wir die systematische Vertuschung dieser Verbrechen durch die Amtskirche ernst nehmen als das, was sie ist, wird deutlich, das die patriarchale Kirchenstruktur pädophil-kriminelles Verhalten geradezu begünstigt. 5
Andernorts werden Homosexuelle gemobbt, marginalisiert oder als Kriminelle zu Gefängnisstrafen verurteilt, in manchen Ländern sogar öffentlich gesteinigt. Auch Frauen werden dort gesteinigt, weil sie – indem sie vergewaltigt worden sind – »Ehebruch begangen« haben. Schüler werden geköpft, weil sie auf einer Demo waren. Dreijährigen Kindern werden vor laufenden Web-Cams Sektflaschen in Scheide oder Po gequält, bevor sie über das Darknet an den Meistbietenden versteigert werden. Kindesmissbrauch und Kindergrauen in der ganzen Welt. Gewalt gegen Frauen auf der ganzen Welt. Man kann gar nicht laut genug schreien über diesen irrsinnigen Sadismus, der überall auf dieser Welt real geschieht.
Alle zehn Sekunden stirbt auf unserer Erde ein Kind an Hunger. 6 Seit zwei Jahren, seit die weltweiten Corona-Maßnahmen in vielen Gebieten die Lebensgrundlagen und Lieferketten zerstört haben, verhungern täglich doppelt so viele Menschen wie vorher, das WFP (World Food Programm, Welternährungsprogramm der UN) spricht von womöglich 300.000 Menschen jeden Tag! Dass gleichzeitig die weltgrößten Konzerne und Pharmariesen ihre Gewinne durch ebendiese Maßnahmen vervielfachen konnten, beschreibt ebenfalls die patriarchale Grundstruktur: Gewinn, Macht und Einfluss um jeden Preis – »L’état c’est moi!«. Man möchte schreien und nie wieder damit aufhören: »Foul is fair and fair is foul!« – schon so lange …
Shakespeare’s Hexen stammen aus einer Zeit, in der viel Geld damit zu verdienen war, Frauen als Hexen zu denunzieren, um sie zu foltern, zu vergewaltigen, zu ertränken, zu verbrennen und ihren Besitz unter den »Geschädigten« zu verteilen. Der längste Krieg der Menschheitsgeschichte war (und ist in manchen Erdteilen noch immer) der gegen Frauen. Wenn wir nach Indien schauen, nach Asien, Arabien, Afrika, Südamerika, ist dieser Krieg gegen Frauen noch in vollem Gange. Fast lächerlich wirkt dagegen unser Klagen, dass Frauen hier in der »freien Welt« für die gleiche Arbeit »bloß« 23 Prozent weniger Lohn erhalten als Männer und von Führungspositionen ferngehalten werden. In Asien, Afrika und Südamerika erlebt jede zweite Frau ihre erste sexuelle Erfahrung unter Gewaltausübung. Im aufgeklärten modernen Europa erleidet jede dritte Frau mindestens einmal im Leben schwere sexuelle Gewalt, in den allermeisten Fällen durch Personen im unmittelbaren »familiären Schutzraum«. 7
Wer ist verantwortlich, wer verursacht dieses tägliche Grauen? Wer ist »foul« statt »fair«? Die schlichte Antwort lautet: Männer! Männer sind die Verursacher von so viel Gewalt und Not auf unserem Planeten, denn vorrangig Männer missbrauchen Kinder, Frauen, Natur und Umwelt. Männer zetteln Kriege an und nutzen nach wie vor Vergewaltigungen als die Kriegswaffe Nr. 1. Männer sitzen weltweit an den Hebeln der Macht.
Diese Tatsache dürfen wir in unserer therapeutischen oder pädagogischen Arbeit mit Männern nicht vernachlässigen; unsere Unterstützung für Männer in Krisen darf – bei allem berechtigten Mitgefühl – die Faktenlage nicht übersehen: Es sind Männer verantwortlich. Entsprechend meinem Arbeitsschwerpunkt liegt mein Fokus deshalb bewusst auf der Rolle der Männer in der Welt. Die Kollusion der Frauen angesichts eines so fatalen Männerbildes, dem unsere Gesellschaft nachjagt (ich werde das weiter ausführen), soll hier nicht zur Debatte stehen und bedarf einer eigenen Analyse.
Ich arbeite seit fast 30 Jahren hauptsächlich mit Männern – in Einzel- und Gruppentherapien, in unseren Gestalttherapie-Ausbildungen und als Supervisor für Kollegen und Führungskräfte. Meine Klienten entstammen fast allen Schichten der Bevölkerung, einige sind Migranten. Es sind Professoren und Top-Manager, Handwerker, Beamte, Unternehmer, Angestellte und Verkäufer, Studenten, ungelernte Aushilfskräfte und Ex-Junkies. Spätestens in der zweiten Therapiestunde thematisieren alle (!) ein sehr ähnliches Therapieziel: Sie wollen »mehr Selbstbewusstsein bekommen«. Das bedeutet, sie vermissen etwas und gehen davon aus, dass es ihnen, wenn sie es hätten, besser gehen würde. Meistens verwenden sie dabei das Wort »Selbstbewusstsein« – als ihr Synonym für Unabhängigkeit, Stärke, Souveränität, Gelassenheit, Unerschütterlichkeit, Einfluss, also: Macht.
Folgt man dem Gemeinten etwas tiefer, wird schnell deutlich, dass der eigentliche Wunsch dahinter darauf zielt, die meist vorhandene Macht zu vergrößern, unabhängig zu werden von unangenehmen Gefühlen, also »selbstbewusst« über solchen Gefühlen wie Unsicherheit, Angst, Sorge, Neid, Sehnsucht usw. zu stehen. Mit Selbstbewusstsein wird also gemeint: Macht zu erleben und unabhängig vom eigenen Fühlen zu sein. Oder anders: Männer wollen häufig das nicht sein, was sie fühlen (oder fühlen würden, wenn sie es zulassen könnten). Dieses Männer-Ideal ist sicher ein, wenn nicht der Motor für das Unheil in unserer Welt. »Ich möchte selbstbewusster werden, männlicher, ich halte mich für zu wenig Mann!«
Die Hälfte aller Klienten unserer Praxis hat zudem in irgendeiner Form mit Sucht zu tun: Pornografie, etwas seltener Alkohol, Internet oder die übliche narzisstische Arbeits- oder Geltungssucht. Zwei von fünf Männern konsumieren Pornografie, einer davon regelmäßig und mit allen Kriterien von Suchtverhalten und einer »gelegentlich, nur zufällig, ganz selten«. Und das betrifft nicht nur unsere Klienten, nein, das betrifft alle Männer (zwei von fünf!) in den Industrienationen. 8 Das bedeutet also für Sie: Es betrifft nahezu jeden zweiten Ihrer männlichen Klienten, Freunde, Bekannten, Kollegen – also auch den Mann, bei dem Sie sich das niemals vorstellen könnten, »bei solch einem kultivierten Mann«.
1 _Lao Tse: Tao Te King (ca. 600 v.u.Z.), i.d. Übertr. von Erwin Rousselle, Frankfurt 1985
2 _Pomerantsev, Peter: Das ist keine Propaganda – Wie unsere Wirklichkeit zertrümmert wird, München 2020
_ Thevessen, Elmar: Die Zerstörung Amerikas – Wie Donald Trump sein Land und die Welt für immer verändert, München 2020
_ Tagesschau.de vom 5.11.2020: Mehr als 22.000 Falschaussagen, glatte Lügen und irreführende Behauptungen: Unter Donald Trump ist das Weiße Haus zu einem Hotspot der Desinformation geworden. Eine Bilanz.
3 _Siehe auch Kapitel »Der verdrängte Hintergrund« sowie »Vortrag: Daten, Fakten und Zahlen patriarchaler Gesellschaften« S. 161
4 _Spiegel vom 15.8.2018: Bericht über den systematischen Missbrauch der amerikanischen katholischen Amtskirche an schutzbefohlenen Jungen in Heimen
5 _Das systematische Verschleiern und Verschleppen der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch innerhalb der Kirche wird u. a. am Beispiel von Bischoff Woelki und dem Bistum Köln deutlich. Siehe hierzu die Dokumentation Mißbraucht! Wann nennt die Kirche endlich Namen?, WDR, ausgestrahlt am 18.10.2020
6 _Angabe von Unicef auf: www.unicef.de, abgerufen 13.11.2020 | David Beasley, Leiter des WFP, zitiert in Focus-online, 5.5.2020
7 _Siehe auch Kapitel »Der verdrängte Hintergrund« sowie »Vortrag: Daten, Fakten und Zahlen patriarchaler Gesellschaften« S. 161
8 _Die Online-Pornoindustrie setzt jährlich weit über 5 Milliarden Dollar um. Deutschland ist dabei Weltmeister im Pornografie-Konsum mit 12,5 Prozent des weltweiten Traffics bzw. 35 Prozent des allgemeinen Internet-Datenverkehrs. 20 Prozent aller Männer schauen tagsüber Pornos am Arbeitsplatz. 11 Jahre ist das Durchschnittsalter für den Erstkonsum bei Jungen, 40 Prozent aller minderjährigen Jungen suchen regelmäßig nach pornografischem Material im Internet, 43 Prozent sind es bei allen Internet-Usern weltweit. 25 Prozent aller Internetanfragen beziehen sich auf Pornografie. Das sind etwa 68 Millionen Anfragen pro Tag. Alle Statistiken aus: de.statista.com in Zusammenarbeit mit www.netzsieger.de, abgerufen 13.11.2020
Mich treibt seit Jahren die Frage um, wie es kommt, dass (fast) alle Männer sich als »zu wenig Mann«, also als machtlos, nicht selbstbewusst genug erleben, während die Faktenlage der Welt genau das Gegenteil zeigt: Männer richten per se mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Macht so viel Unheil an! Oder anders gesagt: Wie kommt es, dass Männer immer noch einem Männer-Ideal hinterherlaufen, das weltweit die Natur, die Frauen und Kinder als »minderwertig« betrachtet und ausbeutet? Einem Ideal, das die patriarchal-religiösen Strukturen, auf denen nach wie vor die Gesellschaften unserer Welt fußen, in grotesker und grauenvoller, krimineller Weise auf die Spitze getrieben haben.
Um diese Frage zu beantworten, braucht es ein bisschen geschichtlichen Hintergrund. Und wir müssen dafür weiter als »bis zu Adam und Eva« zurückgehen, denn schon zur Zeit der Entstehung der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte im Umfeld der Schaf- und Ziegen-Hirtengruppen in den judäischen Bergen 1.000 v.u.Z. wurde das Weibliche (Eva, die aus der Rippe Adams Geschaffene) als »Nebenprodukt« des Mannes dargestellt und als listig und verschlagen diskreditiert. Woraus sich der patriarchale Herrschaftsanspruch ableiten ließ, der sich bis ins Neue Testament und damit bis in die heutige Zeit erhalten hat:
»Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, […] so sollen sich […] die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen.« (Eph 5, 22–24)
»Der Mann ist […] Abbild und Abglanz Gottes; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.« (1Kor 11,7–9)
»Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, sollen sie zuhause ihre Männer fragen.« (1Kor 14, 34–35)
Im Koran, der so viel später, erst um 600 u.Z., aufgezeichnet wurde, finden wir Vergleichbares:
»Männer sind die Versorger der Frauen, weil Gott die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Rechtschaffene Frauen sind demütig ergeben […] Und jene Frauen, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, tadelt sie, verbannt sie in ihre Betten und schlagt sie!« (Bzw. »verbannt sie aus euren Betten und schlagt sie« in einer anderen Übersetzungsmöglichkeit.) (Sure 4, 34 »An-Nisā« – »Die Frauen«)
Also gehen wir weiter zurück als nur bis zu Adam und Eva: Wir sprechen von menschlichem Tun ab der Zeit, wo frühe Menschen erstmals Steine als Werkzeuge verwendeten (vor 2,5 Millionen Jahren), bis sie begannen, Steine gezielt zu Werkzeugen zuzurichten (vor 1,5 Millionen Jahren) und lernten, Feuer zu machen und Nahrung darin zuzubereiten (vor 1,4 Millionen Jahren). Und wir sprechen von menschlicher Kultur bzw. Religion ab der Zeit, da unsere Vorfahren Schmuck oder Ornamentik verwendeten und ihre Toten bestatteten (seit mindestens 335.000 Jahren).1 Manche Forscher*innen halten dafür bereits 600.000 bis 800.000 Jahre für belegt,2 andere sehen lediglich 20.000 Jahre für unstrittig an.3 Aber bereits die Neandertaler*innen bestatteten ihre Toten liebevoll und kümmerten sich um Schwache und Kranke.4
»Tatsächlich finden wir über den Zeitraum von circa 500.000 Jahren eine Reihe von menschlichen Fossilienfunden in Höhlen, von denen einige als Bestattungen eingestuft werden. Nun stellt sich natürlich die Frage, warum alle diese Funde mit Höhlen assoziiert sind. Zwar wird in Verbindung mit Höhlenmalereien inzwischen von Religion oder ,Kathedralen der Steinzeit’ gesprochen, aber um welche Religion es sich handeln könnte, bleibt seltsam nebulös. Die Religion der Höhlen wird allerdings sofort verstehbar, wenn man das Phallusdenken der patriarchalen Wissenschaft austauscht gegen ein Denken vom mütterlichen Körper her. Tatsächlich ist die einmalige Fähigkeit von Müttern, Leben […] in ihrer Bauchhöhle nabelgebunden zu nähren, aus der Vulva zu gebären und losgebunden von der Nabelschnur auch weiter über die Milch der Mutterbrüste mit Nahrung zu versorgen, dieses für alle sicht- und erfahrbare, einzigartige Vermögen von Müttern das Zentrum menschlicher Lebenserfahrung […]
Verstehen wir die Mütterzentriertheit – die Matrifokalität – der paläolithischen Menschheitsgeschichte, dann erkennen wir, dass auf der evolutions- und soziobiologischen Basis der Kooperation sich beim Menschen sowohl die hochkomplexe Sprache als auch der Beginn von Religion entwickelt haben, denn eine Bestattung von Toten ist der Beginn von Religion. Und es ist nicht irgendeine nebulöse, angeblich nicht mehr nachvollziehbare Religion, die in den Höhlen ihren Anfang nimmt, sondern es ist der Beginn einer mutterzentrierten Religion, einer Religion, die auf der Urerfahrung eines jeglichen Menschen basiert, in einer Höhle geborgen, getragen und genährt zu werden, nämlich in der Bauchhöhle der Mutter. Die logische Konsequenz ist es, die Toten wieder in den Schutz und die Geborgenheit einer Erdhöhle abzulegen. Bis heute sprechen wir von Mutter Erde und die Erdhöhlen mit ihren häufig vulvaförmigen Ausformungen im Inneren und ihren vulvaförmigen Ein- und Ausgängen sind die natürlichen Ablageorte von Toten der in mütterlichen Bauchhöhlen wachsenden Menschenarten, verbunden mit der Hoffnung der Wiedergeburt durch die MUTTER. Hier findet die Rückbindung innerhalb des Lebenskreislaufes statt, die Wandlung des Todes in neues Leben.
Grabtempel Bryn Celli Ddu, Insel Anglesey (England),ca. 4.000 v.u.Z. Der vaginale Gang von 8,4 Meter Länge ist ausgerichtet zur Sommersonnenwende und endet in einer Kammer mit großem Spiralmuster-Stein. Byrn Celli Ddu ist damit dem New Grange-Temple (Irland) verwandt. Vor dem Eingang steht eine Menhir mit Schlangenmotiv.
Wikimedia Creative Commons, Foto: Trish Steel
La Sergenté, Insel Angelsey (England),ca 4.500 v.u.Z., zeigt gut die typische Ganggrab-Struktur: den vaginalen Kriechgang, der in die Grab- bzw. Kultkammer mündet. Die großen Decksteine und der Erdhügel darüber fehlen heute.
Wikimedia Creative Commons, Foto: Bob Embleton
Querschnitt mit Decksteinen und Hügelaufbau.
Zeichnung: Fionn Tarnow
Sehr interessant ist hierbei, dass das Wort Religion bis heute genau diese ursprüngliche mütterliche Bindung wiedergibt. […] Das lateinische Verb ,religare’, welches die Wurzel von Religion wiedergibt, wird nicht zufällig übersetzt mit: Anbinden, Losbinden und Zurückbinden. Tatsächlich weist diese Bedeutung deutlich darauf hin, dass es bei Religion ursprünglich um Bindung ging. Die Bindung an die Mutter und die Bindung an die matrilineare Blutsfamilie durch einen mütterlichen Wiedergeburtsglauben, denn die engste körperliche Bindung, die Menschen im Leben jemals haben, ist nicht der Sexualkontakt zwischen Mann und Frau, sondern der zwischen Mutter und Kind im Mutterleib. Diese Bindung beruht auf der blutpulsierenden Nabelschnur […] Das Neugeborene kommt an der Nabelschnur angebunden auf die Welt. Um dort ein eigenständiges Leben zu führen, muss es von der Mutter losgebunden werden. Im Zurückbinden innerhalb des matrifokalen Lebensverständnisses schließt sich der Kreis: Der Tod wandelt sich in neues Leben.
Versteht man die eigentliche Bedeutung von Religion als Anbindung an das Leben, das durch die Mutter geschaffen, geboren und genährt und nach dem Tod auch wieder in neues Leben verwandelt wird, dann wundert es auch nicht mehr, warum im Zeitraum von 500.000 Jahren menschlicher Kulturgeschichte auch die ersten Urmutterfigurinen auftauchen, die, da sie Ausdruck von Religion sind, Gott MUTTER darstellen.«5
Die Toten wurden zunächst unter Steinpackungen, dann in Höhlen, beigesetzt und vorher mit roter Lebens-Farbe (Blut, vermutlich auch Menstruationsblut, Ocker-Steinmehl) bemalt. Aber auch Blumenschmuck und der Gebrauch von Heilpflanzen ist belegt.6 In der viel später folgenden Epoche der sog. »Megalithkultur« (Großsteinbauten wie z. B. »Stonehenge« in Cornwall/GB), die in ganz Europa, in Asien, Nordafrika und Nord- und Südamerika ihre Spuren hinterlassen hat, wurden die Toten in Gräbern aus großen Findlingen bestattet, mit schmalen Tunneleingängen, die in Uterus-artigen Höhlenräumen münden.
Der Körper der Großen Mutter als Landschaft:Ganggräber nahe dem Newgrange-Tempel, Teil des Brú-na-Bóine-Komplexes in Knowth (Irland), 3.150 v.u.Z.
Wikimedia Creative Commons, Foto: AndieW
Cromlech d'Er Lannic und Cairn de Gavrinis,Ganggrab-Kultstätte auf der Heiligen Insel Gavrinis (Bretagne, Frankreich), ca. 4.300 Jahre v.u.Z.
Wikimedia Creative Commons, Foto: François de Dijon
Brüste oder abstrahierter Überfluss?Die »Dolmengöttin« – skulptierte Steine im Tunneleingang vom Heiligtum Gavrinis. Maßstabsgetreuer Nachbau im »Musée des tumulus de Bougon« in Deux-Sèvres (Frankreich).
Wikimedia Creative Commons, Foto: Ismoon
Diese Steinanlagen – Totentempel –, an denen Clangruppen gemeinschaftlich über lange Zeiträume arbeiteten und deren Steine oft über weite Transportwege herbeigeschafft werden mussten, (für Stonehenge bspw. aus über 220 km Entfernung), wurden anschließend oft wieder mit Erde überhäuft und der Totenraum verschwand unter einem großen, bis zu 12 m hohen schwangeren »Mutter-Bauch«, der lediglich eine schmale, geradezu vaginale Öffnung behielt, durch den sich die Menschen hindurchzwängen mussten, wenn sie weitere Toten bestatten wollten, bzw. wenn sie im Bauch der Erde mit ihren dort bestatteten Ahnen feierten.
Wie ein Ufo aus anderer Zeit:der Tempel von Newgrange in Brú na Bóinne (»Wohnstatt der Göttin Bóinn«), Irland, 3.150 v.u.Z. Annähernd 100 Meter Durchmesser, der Tunnelgang misst 22 Meter und endet in einer hohen Kraggewölbe-Kammer. Die Altarsteine zeigen Spiralmuster. An den 13 Tagen um die Wintersonnenwende dringt bei Sonnenaufgang für ca. 15 Minuten ein Lichtstrahl durch die Öffnung über dem Eingang in den Gang, in die Kammer und direkt auf den Altarstein.
Wikimedia Creative Commons, Foto: Tjp finn
Die Toten wurden also wieder in den Bauch der Erd-Mutter zurückgelegt, ja, sie wurden in den Stein gelegt, dem ältesten Element der Schöpfung, und in den Stein als dem »totesten« Element.7 In der Gemeinschaft von Lebenden und Toten wurde dort u. a. das »Neue Licht« gefeiert, das durch ein feines Loch im Firststein ausschließlich am Morgen der Wintersonnenwende den Totenraum erreichte, der offenbar gleichzeitig als der Gebär-Raum für das neue Leben galt.8 Gibt es einen sinnfälligeren Ausdruck von ganzheitlicher, naturbezogener Spiritualität – von weiblich konnotierter Spiritualität?
Auf Malta und Gozo finden wir die weibliche Göttinverehrung und Göttinerfahrung auf ihrem ikonographischen Höhepunkt: Die Tempel übernehmen in ihren Grundformen sogar den gesamten weiblichen Körperumriss einer »Großen Mutter« – man
Die Tempel von Tarxien (Malta),ca. 3.250 v.u.Z., von Nordost aus gesehen. Man betritt die Tempel durch die Vulva auf der gegenüberliegenden Seite dieser Ansicht.
Wikimedia Creative Commons, Foto: Ethan Doyle White
Die Mutter-und-Töchter-Tempel von Mnajdra in Qrendi (Malta),3.600 v.u.Z., ausgerichtet nach den Tag-und-Nacht-Gleichen bzw. den Sonnenwenden. Die Ähnlichkeit der Tempelgrundformen mit den zahllosen Darstellungen der Göttin auf Malta ist frappierend.