Überrand - Millet Valeor - E-Book

Überrand E-Book

Millet Valeor

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Beschreibung

Seit Generationen leben die Menschen im Krater. Umgeben von steilen Felswänden, so hoch, dass noch niemand sie je überwunden hat. Im Inneren liegt ihre ganze Welt: Wälder, Felder, Flüsse und Dörfer. Für die Bewohner ist der Krater alles, was existiert. Doch manchmal geschehen seltsame Dinge. Gelegentlich fällt ein fremder Gegenstand vom Himmel. Manchmal gleitet ein Schatten über den Rand der Welt. Und manchmal scheint es, als würde etwas über die Öffnung des Kraters hinwegziehen. Die meisten Menschen erklären sich diese Ereignisse mit alten Geschichten und Legenden. Doch Mara beginnt zu zweifeln. Während andere die Rätsel ignorieren, kann sie die Fragen nicht mehr verdrängen. Was, wenn die Welt größer ist, als alle glauben? Gemeinsam mit wenigen Verbündeten beginnt sie nach Antworten zu suchen. Alte Mythen werden hinterfragt, rätselhafte Fundstücke untersucht und schließlich entsteht ein kühner Plan: das Unmögliche zu versuchen und den Rand des Kraters zu erreichen. Doch was erwartet einen Menschen, wenn er zum ersten Mal über den Rand seiner Welt blickt? Überrand ist eine atmosphärische Novelle über Neugier, Mut und die Kraft einer einzigen Frage. Eine Geschichte über Grenzen – und darüber, was passiert, wenn jemand den Mut findet, sie zu überschreiten.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Impressum

Autor: Millet Valeor

Kontakt: [email protected]

Text erstellt mithilfe von ChatGPT. Alle Abbildungen erstellt von Sora.

Kapitel 1: Das Becken der Welt

Wenn am Morgen das Licht über den Rand stieg, geschah es nie plötzlich. Es rann langsam die schwarzen Hänge hinab, erst wie ein fahler Schimmer auf dem höchsten Fels, dann wie ein graugoldener Atem auf den Kiefern, schließlich wie warmes Wasser über Felder, Dächer und Wege. Die Menschen im Becken kannten kein anderes Aufgehen des Tages. Niemand sprach davon, dass die Sonne „aufging“, als käme sie von irgendwoher. Man sagte nur: Das Licht kommt über den Rand.

Der Rand war immer da.

Er umschloss ihre Welt wie eine gewaltige, steinerne Schale. Seine Wände waren so steil, dass selbst die Ziegen die höheren Partien mieden. Weiter oben, wo das Gestein kahl und dunkel wurde, hingen nur vereinzelte Wurzeln aus Ritzen, und dort, wo an regnerischen Tagen silberne Rinnsale herabzogen, sah man manchmal Felsen freiliegen, glatt wie gebrannte Töpfe. Noch höher verloren sich alle Konturen im flimmernden Blau. An klaren Tagen wirkte der Rand fern und unerreichbar. An bewölkten Tagen rückte er näher, als wolle er die Menschen daran erinnern, dass er immer stärker sein würde als jedes ihrer Vorhaben.

Im Becken selbst aber war das Leben reich.

Im Osten lagen die Felder von Lyth, in langen, sanften Terrassen angelegt, wo Gerste, Korn und die kleinen, dunklen Bohnen wuchsen, die fast jeder Eintopf kannte. Südlich davon zog sich der Birkenwald bis an einen Fluss, der aus den nördlichen Hängen kam, kalt und schnell, und in vielen Armen durch die Wiesen lief. Im Westen lagen Weiden mit stämmigen Rindern, Schafhügel und verstreute Höfe. In der Mitte, an der breitesten Stelle des Flusses, stand die größte Siedlung des Beckens: Talar.

Talar war kein schöner Ort im Sinn von Vollkommenheit. Es gab dort krumme Zäune, Dächer mit geflickten Stellen und Wege, die im Frühling zu Schlamm und im Sommer zu Staub wurden. Doch es war ein lebendiger Ort. Morgens knarrten Wagen über die Brücke, Hunde bellten, Rauch stieg aus Schornsteinen, und aus offenen Türen drangen Stimmen, Husten, Gelächter, das Scharren von Stühlen und das Klopfen von Teig auf Holzbrettern. Es roch nach nasser Erde, Tierfell, Holzrauch, Kohl, Eisen und frisch geschnittenem Gras, je nach Jahreszeit in anderer Mischung. Wer in Talar geboren war, kannte diese Gerüche wie die Linien seiner eigenen Hand.

Die Häuser standen nicht geordnet, sondern waren über Generationen dort entstanden, wo Platz gewesen war, wo eine Familie einen Schuppen an einen Stall gesetzt hatte, wo ein Sohn nach der Hochzeit an das Haus seiner Mutter noch zwei Räume angebaut hatte. Dadurch gab es Gassen, die sich verengten, überraschend in kleine Höfe mündeten oder hinter Scheunen einfach aufhörten. Kinder kannten jede Abkürzung. Alte Leute kannten jede Geschichte, die an einer Ecke passiert war.

Am südlichen Rand der Siedlung stand die Halle des Rats, ein längliches Gebäude aus dunklem Holz mit einem Dach aus Schindeln, die im Regen schwarz glänzten. Dort wurden Streitigkeiten geschlichtet, Vorräte gezählt und Abgaben für schlechte Jahre festgelegt. Daneben befand sich das Haus der Deuter, jener Männer und Frauen, die alte Lieder bewahrten, Zeichen deuteten und den Menschen Worte für Dinge gaben, die sich nicht erklären ließen. Wenn ein Kind fragte, warum manchmal ein Schatten weit oben über die Öffnung huschte, noch kleiner als ein Vogel, aber schneller als jeder Vogel, wusste ein Deuter immer eine Antwort. Nicht dieselbe wie der vorige, aber eine, die sich gut genug anhörte, um weitere Fragen für eine Weile zu beruhigen.

Die gebräuchlichste Erklärung lautete, dass über dem Himmel eine zweite Schicht der Welt liege, unsichtbar für gewöhnliche Augen. Dort lebten die Wandernden, uralte Wesen, die weder starben noch schliefen und gelegentlich ihre Werkzeuge verloren, die dann herabfielen. Manche sagten, die seltsamen Gegenstände, die alle paar Jahre irgendwo im Becken gefunden wurden, seien genau solche verlorenen Werkzeuge. Andere behaupteten, es handle sich um Knochenstücke von Sternentieren, die nachts über die Öffnung schwämmen. Wieder andere lachten über beides und meinten, der Rand werfe Dinge aus seinem eigenen Leib aus, so wie ein Baum Harz oder ein Mensch Schweiß.

Widerspruch war in Talar erlaubt, solange er nicht zu laut wurde.

Die Leute arbeiteten zu viel, um sich lange an Ungewissheiten festzubeißen. Das Becken musste bestellt, gefüttert, repariert und durch den Winter gebracht werden. Im Frühjahr wurden Gräben ausgehoben, Weiden kontrolliert und Saatgut verteilt. Im Sommer trocknete man Kräuter, flickte Dächer und brachte Karrenladungen von Stein aus den niedrigeren Brüchen. Im Herbst füllten sich Speicher und Keller, und überall klangen Messer auf Holz, wenn Wurzeln, Kohlköpfe und Trockenfleisch zerkleinert wurden. Im Winter schrumpfte die Welt auf Feuerstellen, Stuben und das, was die Stimmen der Menschen warm halten konnten.

Es gab Feste, aber auch sie hatten mit dem Überleben zu tun. Das Lichtfest wurde begangen, wenn die längsten Schatten des Jahres kürzer wurden. Dann trug man geflochtene Lampen aus Harz und getrockneter Rinde an den Fluss, ließ sie auf dem Wasser treiben und sang alte Zeilen, deren Bedeutung kaum noch jemand erklären konnte. Beim Fest des ersten Korns wurden Brote gebrochen, die noch warm waren, und mit Salz und Butter gegessen, als wäre das eine größere Gnade als alles, was ein Deuter je hätte versprechen können. Kinder liebten diese Tage, weil Erwachsene dann für einige Stunden vergaßen, was ihnen Sorgen machte.

Sorgen gab es genug.

Es regnete nicht immer dann, wenn man Regen brauchte. Wildschweine kamen bis an die Felder. Ziegen stürzten an Hängen ab. Krankheiten gingen im Winter von Haus zu Haus, leise wie Diebe. Und über allem stand der Rand, stumm und unverrückbar, eine Tatsache, die kein Mensch gewählt hatte. Vielleicht war gerade deshalb fast jeder damit einverstanden, ihn nicht weiter zu hinterfragen. Fragen, auf die es keine Antwort gab, galten als schlechte Begleiter. Sie fraßen Kraft und gaben nichts zurück.

Doch selbst in einer Welt, die sich für abgeschlossen hielt, gab es Risse.

Man fand manchmal Dinge, die nicht passten. Einmal, viele Jahre zuvor, hatte ein Hirtenjunge ein Stück eines seltsam glatten Materials nahe einer Geröllrinne entdeckt, leicht und zugleich härter als trockenes Holz. Es war blau gewesen, so blau, dass manche behaupteten, es habe im Schatten noch geleuchtet. Drei Tage lang sprach halb Talar davon. Dann nahm die Deuterin Vesa das Stück an sich, erklärte es zum Splitter einer Himmelschale und legte es in die Halle. Die Aufregung verrauchte, wie Aufregung immer verraucht, wenn gemolken, gehackt, genäht und gefegt werden muss.

Ein anderes Mal hatte ein Schatten über die Öffnung gezogen, größer als sonst, so groß, dass auf den Feldern mehrere Menschen innehielten und sich die Hand vor die Augen hielten. Das Ereignis dauerte nur einen Herzschlag lang. Manche meinten später, es habe Flügel gehabt. Andere stritten ab und sagten, es sei nur eine Wolke gewesen, vom Licht seltsam gezeichnet. Aus dem Streit wurde ein Lied, aus dem Lied ein Spottvers, und am Ende blieb davon kaum mehr als eine Erinnerung an ein paar Wochen ungewöhnlicher Gespräche.

Das Becken besaß eine eigentümliche Kunst darin, das Unerklärliche in Gewohnheit zu verwandeln.

Selbst die Kinder lernten früh, welche Fragen man stellen durfte und welche nicht. Man durfte fragen, wann das Korn gesät wird, warum der Fluss im Frühling anschwillt, warum die Ziegen an manchen Tagen störrischer sind als an anderen. Man durfte sogar fragen, wie alt der Rand sei, denn darauf gab es viele schöne Antworten. Aber man fragte besser nicht, ob es jenseits des Randes etwas gebe. Nicht, weil es verboten gewesen wäre. Verbotenes reizt. Nein, diese Frage hatte einen anderen Makel: Sie führte zu nichts. Und was zu nichts führte, galt in Talar als eine Form von Torheit.

So wuchs jede Generation in dem Bewusstsein auf, in der Mitte von allem zu leben.

Die Kinder lernten die Namen der Hügel, Bäche und Wälder zuerst, die Namen der Sterne später und die Namen aller Siedlungen zuletzt. Wer aus Talar stammte, kannte früh den Weg nach Noren im Osten, wo die besten Töpfer lebten, und nach Serk im Westen, wo der Boden sandiger war und gute Lauchzwiebeln wuchsen. Von Norden kamen Holz und Wildfelle, aus dem Süden manchmal Honig, Wachs oder die kleinen gelben Früchte aus warmen Gärten. Alles lag im Becken. Alles, was zählte, war hier.

Und doch blickten die Menschen öfter hinauf, als sie zugeben wollten.

Nicht lange. Nur in kurzen, heimlichen Augenblicken. Während des Holzspaltens vielleicht, wenn man sich den Rücken streckte. Beim Wasserholen, wenn die Eimer noch halb leer waren und die Oberfläche im Brunnen den Himmel nicht zeigte, sondern nur die Dunkelheit des Schachts. Beim Warten auf jemanden, der zu spät kam. In solchen Momenten hob man die Augen unwillkürlich zu den Hängen und weiter hinauf, bis der Blick an der Helligkeit scheiterte.

Dort oben war etwas, das sich dem Verstehen entzog.

Selbst die Geräusche des Beckens schienen diese Ahnung manchmal zu tragen. An windigen Tagen kam ein dumpfes Murmeln von den hohen Wänden, als spräche Stein mit Stein in einer Sprache, die nur der Rand selbst verstand. Nach starken Regenfällen polterten lose Brocken irgendwo in unerreichbarer Höhe und lösten sich, bis das Echo minutenlang im ganzen Becken lief. Es gab Nächte, in denen Hunde plötzlich anschlugen und lange nach oben bellten, ohne dass Menschen etwas erkennen konnten. Dann zog jemand die Tür fester zu und sagte, Tiere hätten eben zu feine Ohren für Dinge, die für Menschen nicht bestimmt seien.

Niemand in Talar hätte behauptet, mutlos zu sein. Die Leute jagten im Wald, standen bei Hochwasser bis zur Hüfte im Fluss, versorgten Wunden, brachten Kinder zur Welt und begruben ihre Toten mit stiller Würde. Aber der Rand war keine Aufgabe wie die anderen. Er war nicht eine Sache, die man mit Werkzeug, Schweiß oder Gemeinschaft bezwang. Er war ein Ende. Ein so altes und vollständiges Ende, dass fast alle verlernt hatten, es als Ende zu empfinden. Er war einfach da.

Nur die alten Geschichten erzählten in dunklen, unklaren Bildern von Menschen, die es anders gesehen hatten.

In manchen Liedern tauchten Gestalten auf, die „an den Stein gingen“. Meist waren sie töricht oder besessen, und fast nie kehrten sie zurück. Eine Legende berichtete von einer Frau, die mit Lederriemen, Haken und Nägeln an einem Nordhang hinaufgestiegen sei, bis ihre Hände blutig gewesen seien. Drei Tage später habe man sie unten am Fuß des Felses gefunden, nicht tot, aber stumm. Nach ihrem Tod sei aus ihrem Grab eine Pflanze gewachsen, deren Blätter bei Nacht wie Glas geglänzt hätten. Kinder liebten die Geschichte, Erwachsene sagten, sie solle eher vor Übermut warnen als Neugier preisen.

Andere Geschichten waren sanfter. Sie erzählten, dass die ersten Menschen nicht im Becken geboren, sondern „ins Becken gebracht“ worden seien. Niemand wusste, was das bedeuten sollte. Die Deuter erklärten es wahlweise als bildhafte Sprache für eine uralte Wanderung, als Geschenk der Himmelsmächte oder als bloßes Missverständnis im Lied. Je nachdem, wer gerade sprach, konnte derselbe Vers Demut, Trost oder Stillstand bedeuten.

So hielt die Welt sich selbst zusammen: mit Arbeit, Gewohnheit, Geschichten und dem stillen Einverständnis, dass nicht jedes Rätsel berührt werden musste.

An diesem Morgen, an dem das Licht wie immer über den Rand kroch, begann in Talar nichts Außergewöhnliches.

Ein Hahn krähte hinter dem Haus der Gerber. Zwei Frauen stritten darüber, wessen Ziege nachts in wessen Gemüsegarten geraten war. Auf der Brücke löste sich ein Brett unter einem Karrenrad und wurde mit viel Fluchen provisorisch wieder eingesetzt. Der Schmied öffnete seine Werkstatt, und bald darauf klang sein erster Schlag wie ein Signal, an dem sich andere Geräusche des Tages ausrichteten. Kinder rannten mit ungekämmten Haaren über den Dorfplatz, bis eine Mutter sie zurückrief. In einer der Gassen hockte ein alter Mann vor seiner Tür und schälte Wurzeln, mit der langsamen Ernsthaftigkeit eines Menschen, der keine Eile mehr hat, aber dem die Welt gerade deshalb besonders genau vorkommt.

Über all dem stand der Himmel.

Er war an diesem Tag klar, nahezu leer, nur von einigen weißen Schleiern durchzogen, die hoch über der Öffnung hingen. Das Licht fiel schräg genug, um die oberen Hänge in Gold zu tauchen, während die tieferen Partien noch im kühlen Schatten lagen. Wer von der Mitte Talars aus nach oben blickte, konnte das Becken wie eine große, stumme Blüte sehen, deren Blütenblätter aus Stein bestanden.

Und wie an so vielen Tagen dachte niemand daran, dass dieser Morgen der Anfang von etwas sein könnte.

Denn Anfänge kündigen sich selten an. Sie kommen nicht mit Trommeln, Bannern oder einer Stimme aus dem Himmel. Meist beginnen sie mit einem Blick, der einen Augenblick zu lange irgendwo verweilt. Mit einer Frage, die nicht wie die anderen wieder verschwindet. Mit einem kleinen Fremdkörper im Gewebe der Gewohnheit.

Das Becken ahnte davon noch nichts.

Es atmete in seinen vertrauten Rhythmen, umschlossen vom Rand, genährt von Erde und Wasser, geborgen in seiner Unwissenheit wie ein Kind unter einer Decke, das nicht weiß, dass das Haus, in dem es schläft, nur eines von zahllosen Häusern in einer sehr viel größeren Welt ist.

Kapitel 2: Diejenige, die hinsah

Mara lebte mit ihrem Vater in einem Haus am nördlichen Ende von Talar, wo die Siedlung allmählich in lockeres Buschwerk und dann in den ersten Kiefernhang überging. Das Haus war klein, aber fest gebaut, mit einem steinernen Sockel gegen die Feuchtigkeit des Bodens und zwei Fenstern, die nach Osten und Westen gingen. Wenn morgens das Licht kam, fiel es zuerst auf die Werkbank ihres Vaters, später auf den Tisch und erst zuletzt auf Maras Bettstelle hinter dem Vorhang.

An den meisten Tagen war Mara jedoch schon wach, bevor der helle Streifen den Boden erreichte.

Sie mochte den Augenblick zwischen Nacht und Morgen, wenn das Haus noch still war und das Feuer nur noch schwach in der Asche glühte. In dieser Zeit schienen selbst gewöhnliche Dinge schärfer umrissen: der Henkel des Wasserkessels, die Maserung im Tisch, die Unebenheit der Wand, an der ihr Schatten lang und grau stand. Sie setzte sich oft aufrecht hin, zog die Decke enger um die Schultern und lauschte. Nicht auf etwas Bestimmtes. Eher auf die Art, wie die Welt erst zu sich kam.

Ihr Vater sagte, das sei eine unnütze Angewohnheit. „Wer nichts zu tun hat, hört zu viel“, meinte er, ohne Bosheit, nur mit der pragmatischen Müdigkeit eines Mannes, der sein Leben lang Holz bearbeitet hatte und den Dingen gern den Zustand gab, für den sie gedacht waren. Ein Balken sollte tragen, ein Löffel schöpfen, eine Tür schließen. Zu vieles Grübeln machte aus Menschen seiner Meinung nach Werkzeuge mit Rissen.

Mara liebte ihn, aber sie war in dieser Hinsicht das Gegenteil von ihm.

Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und arbeitete mit ihm in der Werkstatt, seit sie alt genug war, Hobelspäne zu kehren, ohne sich ständig an den Fingern zu schneiden. Ihr Vater, Joren, fertigte Schüsseln, Rahmen, Kisten, Stiele, Regale, Wagenbretter, Melkschemel, manchmal auch Särge. Nichts davon war besonders kunstvoll. Es sollte halten. Mara hatte sein Handwerk gelernt und besaß ein gutes Auge für Holz. Sie sah schnell, wo ein Ast das Material schwächen würde, wo Feuchtigkeit noch im Kern saß, wo eine Platte sich beim Trocknen verziehen könnte. Ihre Hände arbeiteten sicher. Nur ihre Gedanken hielten sich selten bei dem auf, was direkt vor ihnen lag.

Schon als Kind hatte sie Dinge bemerkt, über die andere einfach hinweggingen.

---ENDE DER LESEPROBE---