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Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Was aber, wenn es sich nicht vermeiden lässt? Nach einer schweren Erkrankung wagt Hanna den Sprung ins Ungewisse, lässt ihr altes Leben hinter sich und zieht zu ihrem Sohn Linus, einem alleinerziehenden Vater. Die neue Lebenssituation entwickelt sich für alle Familienmitglieder zu einer nicht nur emotional großen Herausforderung: Linus hofft, dass sich seine Mutter bei ihm nicht entwurzelt fühlt, und Hanna versucht, für die Familie eine Stütze zu sein, ohne sich zu sehr einzumischen. Wird das Experiment gelingen?
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2026
Lieselotte Kamper
Umgetopft
Mein neues Leben
© 2024 Lieselotte Voß
Lerchenweg 16
26203 Wardenburg
Lektorat: Claudia Matusche
Umschlag: Johanna Hollmann?
Buchsatz: Claudia Matusche
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
Softcover 978-3-384-82096-9
Hardcover 978-3-384-82097-6
E-Book 978-3-384-82098-3
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
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Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Neues Zuhause
Bewundernswert
Engel an meiner Seite
Abschied
Erste Wünsche
Erinnerungen
Urlaubstage
Unruhe
Kein Zurück
Das Versprechen
Schattenseite
Adleraugen
Sicherheit
Rumpelkammer
Adventszeit
Sammlergut
Miteinander
Gegenwart
Cover
Titelblatt
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Neues Zuhause
Gegenwart
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Neues Zuhause
Manchmal war mir, als wäre ich aus einem kuscheligen, warmen Nest in die Tiefe gefallen. In die Tiefe, direkt in eine Senke, aus dem es kein Entweichen gab. Aus welcher Perspektive ich das Loch nun betrachtete, kam ganz auf meine emotionale Gemütsverfassung an.
Oh, das waren harte Worte für die Lieben, die mich auffingen, aber irgendwie musste ich meine Gedanken doch verständlich genug ausdrücken. Und ganz ehrlich, oft sackte meine Gefühlslage auf den Tiefpunkt.
Schon bei meiner Ankunft fiel mein erster Blick auf die unübersehbar total vernachlässigte Einfahrt mit dem Beet auf der rechten Seite. Keine einzige Blume war zu sehen, nur Unkraut. Irgendeine Gras- oder Getreidesorte, die nicht auf eine Blumenrabatte gehörte, überwucherte alles, was eigentlich schön ausgesehen haben könnte. Es war Mäusegerste, so googelte ich später mal, weil ich diese Sorte Gras nicht kannte. Wohlgemerkt, ich liebe Pflanzen und Blumen, ich liebe auch Gräser. Ich liebe auch Gräser im Garten, wenn sie passend in einem Steinbeet wachsen oder wild in der freien Natur. Da gehören sie hin, aber doch nicht hierher. Und weil sich Gräser- oder Getreidepflanzen auf diesem Stückchen Erde durch die Ähren schnell vermehrt hatten, hatten sich die Büschel auch vor dem langen schmalen Beet zu einer dicht bewachsenen Gras- oder besser gesagt Getreidenarbe ausgebreitet.
All meine Mühe vergeblich, musste ich denken, denn vor zwei Jahren hatte ich die Einfahrt gepflegt und ansehnlich hinterlassen, als ich hier einige Wochen zu Besuch gewesen war. Mit ein bisschen Liebe und gutem Willen wäre es ein Leichtes gewesen, das zu erhalten, was schon vorhanden war.
Der nächste Blick auf die gegenüberliegende Seite, direkt auf den Eingang des Hauses, war genauso enttäuschend. „Der Eingang ist das Gesicht des Hauses“, hatte meine Mutter immer gesagt, das hatte mich geprägt.
Ich sah auf dekorative Blumenkübel, in dem das Unkraut auf eine beträchtliche Höhe herangewachsen war, in den Fugen zwischen den sechseckigen Pflastersteinen ebenfalls, dabei wären die rötlichen Betonsteine ein gepflegter Anblick, wenn sie denn sauber gehalten würden.
Aber hier wurde stattdessen der Sperrmüll gelagert, die stinkende Biotonne aus Bequemlichkeit stehen gelassen und große Plastiktaschen mit leeren Plastikflaschen aufbewahrt. Abgetragene, verbeulte Stiefeletten, in die keine moderne junge Frau und kein junges Mädchen ihre Füße stecken möchte, standen verdreckt direkt neben der Haustür, und das mit Spinnweben überzogene, verwelkte Laub darin ließ eine lange Lagerzeit des Schuhwerks erahnen. Daneben waren irgendwelche Kisten und Kartons, für was auch immer, abgestellt.
Immerhin, ich brauchte über nichts hinwegzusteigen, denn einen fußbreiten Zugang zur Haustür hatte die Familie freigelassen. Die schief hängende, flatternde Weihnachtsbeleuchtung, die eigentlich an zwei Haken hätte befestigt werden müssen, aber nur an einem fixiert war, hatte schon vor zwei Jahren genauso lieblos an diesem Platz gehangen, dabei hätte diese außergewöhnlich schöne Haustür mit sei-nem verschnörkelten, schmiedeeisernen Gitter vor dem Ornamentglas ein Blickfang mit einer einladenden Wirkung sein können, wenn jemand Wert darauf gelegt hätte.
Hier vermisste ich die Inspiration, mit der man mit einfachen Mitteln etwas schön gestalten kann, es mangelte hier an Begeisterung, mit der man mit ein paar Handgriffen Ordnung schaffen kann, es fehlte an dem Interesse, das Schöne, das vorhanden war, hervorzuheben, und die Initiative überhaupt, etwas verändern zu wollen. Nirgendwo entdeckte ich hier die Liebe zu dem Heim, das ab jetzt auch meines sein sollte.
Aber nun war ich hier, bei meinem Sohn Linus, und von der langen Fahrt erschöpft. Die dreieinhalbstündige Fahrt aus dem Oldenburger Land ins Rheinland war anstrengend gewesen, und der erste negative Eindruck mit den dunklen Gedanken schnell verflogen, denn liebevoll und fürsorglich mit einer wärmenden Wolldecke zugedeckt, lag ich kurze Zeit später eingekuschelt auf der neuen Polstergarnitur im Wohnzimmer und ließ mich umsorgen.
Es war ja gut, dass mich meine Abgeschlagenheit vom Denken abhielt. Solange ich, teils matt, teils interessenlos, auf dem Sofa lag und mich nach meiner Erkrankung auskurierte, war alles auszuhalten. Doch fahl schimmerte der Gedanke mit der Frage durch: Wie würde ich es aushalten, wenn es mir besser ging, wenn mich mit der Besserung meines Gesundheitszustands die ständige Unordnung um mich herum störte und ich nicht helfend eingreifen konnte? Ich könnte mich blind stellen, ich könnte mich taub und unwissend stellen, um keinen Unfrieden zu stiften, und ich musste mich in Nachsicht üben.
Mit Geduld war ich eigentlich gesegnet und mit Dingen, die ich nicht verändern konnte, fand ich mich ab. Aber bei Dingen, die ich hätte verändern können und doch so beließ, wie sie waren … ich weiß nicht. Ich glaubte, die Situation würde mich krank machen. Und um nicht psychisch daran zu erkranken, musste ich wohl oder übel lernen, über die Unordnung hinwegzusehen.
Ach, wäre es doch nur die normale Unordnung gewesen, die man mit einigen Handgriffen hätte aus der Welt schaffen können. Aber nein, hier war Chaos angesagt. Es war reine Schlamperei. Es grenzte an Rücksichtslosigkeit. War es da verwunderlich, dass meist – so hatte es den Anschein – nur in der Mitte des Raumes saubergemacht wurde, wenn sich doch überall auf dem Sofa und auf den Stühlen Bügelwäsche oder auch getragene Wäsche zu Hauf stapelte? Es konnte nicht nur von Unordnung oder Schlamperei die Rede sein, sondern von purer Vernachlässigung. Keine rosigen Aussichten – aber weitere Gedanken daran schob ich an diesem Tag beiseite.
Ach, wie schön, dass mich auf der Couch wohlige Wärme umgab. Wir hatten Mitte Mai, trotzdem waren die Temperaturen noch ziemlich kühl. Mir war es gleich.
Nach einigen Tagen Bequemlichkeit zog es mich nach draußen vor die Haustür. Nur kurz. Nur ein paar Schritte auf den Hof und zur Toreinfahrt.
Auch auf dem Stellplatz, wie sollte es anders sein, wucherte das Unkraut zwischen dem Schotter. Der zweite Blick war lohnender: Aus dem Franzosenkraut lugte eine kleine Stechpalme hervor. Die wird hier nicht mehr lange stehen, sie kommt auf das Beet, entschied ich, und nur drei Meter weiter, direkt zwischen den Schottersteinen, sah ich eine winzige, buschige Pflanze mit zarten, schmalen Blättern, die ich in meinem geistigen Pflanzenlexikon nirgendwo einsortieren konnte. Das zarte Gebilde, gerade mal fünf Zentimeter hoch, stand ab diesem Tag unter meiner genaueren Beobachtung, wenn mich meine immer noch schwachen Beine mit unsicheren Schritten nach draußen vor die Haustür führten.
Das erste rege Interesse an irgendetwas war erwacht. Ich freute mich.
Linus war der Mittelpunkt in der Familie. Mit ihm stand und fiel alles, dabei war er es, der sich die wenigste Zeit zu Hause aufhielt. Erst wenn er am Nachmittag das Haus betrat, erwachte die Familie, dann war Leben im Haus. Wenn er Feierabend hatte, wurden Arzttermine eingehalten, Besorgungen erledigt, Lebensmittel eingekauft und gekocht. Geputzt wurde nur, wenn er selbst zum Putzlappen und zum Staubsauger griff, Hilfe bekam er nur, wenn er Anweisungen gab.
War er nicht anwesend, blieb hier alles bewegungslos. Dann lag das Haus im Tiefschlaf und ich war nun mittendrin in diesem komischen Dasein, in dem der Familienvater alles tat, die anderen dagegen nur das wirklich Allerallernötigste.
Morgens um sechs Uhr verließ Linus das Haus und wenn er nach Feierabend wiederkam, führte ihn der erste Weg ins Wohnzimmer zu mir. Mit einem Strahlen auf dem Gesicht stand er gleich darauf vor mir und seine Fragen „Kann ich dir etwas zu Trinken bringen?“, „Hast du heute auch genug getrunken?“, „Wie geht es dir heute?“ und „Was kann ich für dich tun?“ zeigten mir seine Sorge um mich.
Ich fühlte mich bei ihm geborgen und ich war dankbar für seine Herzenswärme, die er mir entgegenbrachte.
Linus war glücklich darüber, dass ich bei ihm war, und ich war froh, dass er mich umsorgte.
Einmal ging ich zu ihm in die Küche und er hielt mir einen Becher heißen Kakao entgegen. „Für dich, Bümbis“, sagte er. Er nannte mich schon seit Ewigkeiten entweder Kribbeln oder Bümbis, wenn er mich nicht mit meinem Vornamen Hanna ansprach. Er war im ersten Schuljahr gewesen, als wir herumgealbert hatten und er mich das erste Mal so genannt hatte. Seither war es bei diesen beiden Kosenamen geblieben.
„Den wollte ich dir gerade bringen“, sagte er und spritzte aus der Sahnedose, die er in der anderen Hand hielt, noch ein dickes Häufchen auf das heiße Getränk, so wie ich es mochte. Er freute sich so, als würde ich ihm und nicht er mir das Getränk servieren, und nie würde ich vergessen, wie sehr sich meine Enkelin Maren darüber freute, weil ihr Papa seine Mama liebevoll verwöhnte.
Bewundernswert
Linus war ein bewundernswerter Mann. Nicht nur, weil er mein Sohn war, sondern weil in ihm so viel Liebe war. Und weil in ihm so viel Lebensfreude und Fürsorge steckte, waren seine vier Kinder bei ihm geblieben, nachdem ihn seine Frau vier Jahre zuvor nach siebenundzwanzig gemeinsamen Jahren von einem Tag zum anderen verlassen hatte. Seither war er alleinerziehender Vater, mit allen Sorgen, Nöten und Kümmernissen seiner drei heranwachsenden Jungs und der kleinen Tochter. Das war Stress pur für den Familienvater. Er wollte es erst einmal alleine packen, erst nach vier Monaten war es ihm recht, dass ich ihm helfend unter die Arme griff. Wahrscheinlich weniger wegen der Arbeit, sondern mehr der Kinder wegen.
Mein Herr Sohn konnte nicht gut alleine sein, und so landete er überstürzt in einer festen Beziehung, für die er nun Zeit brauchte. Er hatte auf Anhieb auf einer Internetplattform eine Frau gefunden, die sich gerade von ihrem Mann getrennt hatte – oder er von ihr. So war Linus alle vierzehn Tage am Wochenende zu dieser Viona unterwegs gewesen und schon bald danach hatte er sie zu sich ins Haus geholt.
Seine Kinder waren in puncto Zusammenleben weitsichtiger als er und nicht begeistert von dieser Frau, doch naiv wie Linus war, glaubte er, das würde sich mit der Zeit legen.
Auch ich war über die Wahl meines Sohnes insgeheim entsetzt, nahm aber nicht die neue Frau an seiner Seite genauer unter die Lupe, sondern erst mal mich: Eifersucht? Neid? Missgunst? Nein! Nichts!
Mein Sohn brauchte eine Partnerin an seiner Seite, die mit ihm durch dick und dünn gehen wollte, doch nun hatte dieser total überforderte Mann mit vier heranwachsenden Kindern noch ein weiteres Kind zu sich in die Familie geholt. So lange ist er doch noch nicht alleine, dass er bei einer Frau hängen bleibt, bei der das gewisse geistige Niveau in den Kinderschuhen stehen geblieben ist, dachte ich. So minderwertig konnte er sich nach der Trennung doch nicht fühlen, dass er froh über jede Frau war, die ihn nicht abwies!
Ich fand aber sonst keine andere Erklärung für seine Entscheidung, denn Linus war ein gutaussehender Mann: groß und schlank, immer freundlich und charmant, mit einem geregelten Einkommen bei guter Arbeit.
Aber er klammerte sich an diese unscheinbare Person und landete damit in einer Sackgasse.
Obendrein brachten ihn so manches Mal die unverschämten Forderungen seiner Exfrau um den Verstand, so dass es zum Rosenkrieg kam, den sie eigentlich, so war es bei der Trennung vereinbart worden, aus Kostengründen hatten vermeiden wollen.
Dass die Neue auch Forderungen stellte, merkte er erst, als ihre endlos lange Wunschliste zeitlich kaum möglich und auch nicht bezahlbar war. So war Vionas Unzufriedenheit von Anfang an vorprogrammiert.
Die Zuneigung zueinander bröckelte, beide manövrierten sich in einen Teufelskreis, aus dem es ohne Liebe kein Entkommen gab. Er gab sich gar nicht erst die Mühe, sich für seine schlechtgelaunte Partnerin die Zeit zu nehmen, um mit ihr schick auszugehen. Aber vielleicht war es auch umgekehrt, sie war deswegen so mies gelaunt, weil er keine Zeit für sie finden wollte.
Warm wurde mir immer ums Herz, wenn Linus mit seinen Kindern scherzte und lachte und herumalberte. Was war er doch für ein toller Vater!
Ja, manchmal machte er es sich vielleicht ein bisschen einfach, denn den Versuch, seinen Kindern Ordnung beizubringen, unterließ er. „Wir würden nur im Streit leben“, meinte er, und ich fand, er war im Recht. Denn die Mutter hatte den Kindern von klein auf alles Unangenehme aus dem Weg geräumt, nämlich dass man die Zahncremetube nach dem Gebrauch zuschraubt, dass man sie leerdrückt, bevor man zu einer neuen greift. Sie hatten bei ihr nicht gelernt, dass jeder sein eigenes Handtuch hat und einen Haken dafür, an dem das Handtuch nach dem Gebrauch wieder aufgehängt wird. Nein, sie durften ihr Handtuch einfach auf die Erde fallen lassen, und wenn die Kinder eins brauchten, bevor Mama es aufgehängt hatte, nahmen sie eben ein sauberes aus dem Schrank, denn sie wussten ja nicht mehr, welches ihres war.
Das sind tausend kleine Dinge, die Kinder wie im Spiel von klein auf lernen sollten.
Linus sah ein, dass er das Versäumte nicht nachholen konnte. So gab es unendlich viele Dinge, die ihm täglich hätten an die Nerven gehen können. Ob richtig oder nicht, er sah darüber hinweg und unterm Strich schnitt er damit gut ab.
Mein Sohn macht alles tausendmal besser, als es sein eigener Vater gemacht hätte, waren meine bewundernden Gedanken für Linus.
Ein Jahr zuvor waren seine beiden ältesten Söhne kurz nacheinander ausgezogen. Dennis stand inzwischen nach seiner Berufsausbildung in der Altenpflege auch finanziell auf eigenen Füßen, der zweitälteste, Andreas, hatte im letzten Jahr keinen passenden Studienplatz in der Nähe bekommen, und die Chance, ein Jahr später angenommen zu werden, war ihm zu unsicher gewesen. Darum ging er kurzerhand nach Leipzig und belegte dort an der Uni einen Platz in Sonderpädagogik. Sehr zum Wohl von Viona, denn Andreas hatte sie sich täglich sonst wohin gewünscht. Ihren ganzen Verdruss hatte sie an ihm abzuladen versucht, und Andreas hatte sich nicht einmal auf ein Gespräch mit ihr eingelassen, für ihn wäre jede Auseinandersetzung mit ihr vergeudete Zeit gewesen. Aber ihretwegen hatte er nicht das Feld geräumt, es hatte sich einfach so ergeben.
„Nun wird es bei uns etwas ruhiger“, meinte Linus. Meine und die Prophezeiung seiner Freunde ließen aber nicht lange auf sich warten. Vionas Missmut fiel nun auf Sascha.
Vier Personen konnten sich nach dem Auszug der beiden Großen in dem Einfamilienhaus breitmachen. Sascha bekam nun die oberste Etage für sich allein und Maren zog aus ihrem kleinen Zimmerchen in der ersten Etage in das gegenüberliegende, größere Zimmer von Andreas, nachdem ich vor einem Jahr den Umzug von Norddeutschland zu der jungen Familie im Rheinland abgelehnt hatte. Das Elternschlafzimmer, Bad und Küche befanden sich im Erdgeschoß, das große Wohnzimmer mit Blick über die Terrasse in den Garten war ein Anbau.
Es hätte alles gut sein können, wenn Linus eine Partnerin an seiner Seite gehabt hätte, die ihn lieben und die er lieben würde.
Warum er sich nicht von Viona trennen konnte, war der Familie ein Rätsel. In den Köpfen der Kinder und auch in meinem wurde das Thema zum Dauerbrenner, in ihrer Abwesenheit wurde sie bei jeder Diskussion zum Mittelpunkt. Ihre unsichtbare Macht war Gift für alle.
„Wir haben keine Beziehung mehr, sie wohnt nur noch bei mir“, hatte Linus schon vor einem Jahr behauptet, als ich mal für ein paar Wochen bei ihm zu Besuch gewesen war.
„Dann sag es ihr“, hatte ich ihm geraten.
„Ich sage es ihr immer wieder! Sie weiß es!“
„Sie tut aber so, als wäre sie hier die Herrin. Sie beherrscht euch alle, merkst du das nicht?“
„Wenn sie meint, hier noch alles machen zu müssen, dann lass sie doch. Was sie macht, brauch ich nicht zu machen.“
„Was macht sie denn?“
„Sie kümmert sich um die Wäsche?“
„Um die Wäsche … aha“, wiederholte ich und mein vielsagender Blick war zu den riesigen Wäschebergen ringsherum gegangen. Es hatte mich wieder mal gewundert, dass das Bügelbrett diesem Gewicht der Wäscheberge standhielt. Das hatte ich vor einem Jahr gedacht. Auch schon vor zwei Jahren. Die Wäscheberge waren Standards, seit Viona hier lebte.
„Ja, ich weiß. Manchmal ist ihr das ein bisschen zu viel, aber ich habe auch keine Zeit dafür. Wenn ich von der Arbeit komme, dann …“
„… dann musst du kochen, den Kindern die Mama ersetzen, du musst für sie Zeit haben, ich weiß es, dann musst du saubermachen, dann spielst du für alle den Chauffeur, du musst noch nebenher einkaufen und auch noch, wenn es sein muss, dein Bett selbst beziehen, und – wie gerade eben auch – mal zwischendurch das Klo putzen.“
„Eben.“
„Ich weiß es, Linus, ich weiß es. Ich hatte auch einmal einen Vierpersonenhaushalt und war alleinerziehende Mutter.“
Linus wollte nicht erkennen, worauf ich hinauswollte. Und ich konnte nicht begreifen, warum er mich und niemanden verstehen wollte. Entweder hatte er ein Schutzschild um sich aufgebaut und wollte der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen, oder er hielt doch noch an der Beziehung fest. So quasi als Reserve, falls er keine andere Partnerin fand.
Nun war ich ein Jahr später wieder hier. Alles war wie gehabt, die Unordnung hatte sogar noch zugenommen, die Aufteilung der Arbeit – er machte alles und sie machte nichts – hatte sich nicht geändert.
Schlagartig gehörte ich nun zur Familie. Für Linus das Selbstverständlichste, für Sascha und Maren, so wie mir schien, ein Segen, und selbst Viona gab sich mir gegenüber sehr aufmerksam, sehr zuvorkommend, freundlich und auch anhänglich. Ihre Unfreundlichkeiten nebst Lieblosigkeiten Linus gegenüber und die offene Abneigung, die sie Sascha gegenüber zeigte, übersah ich dennoch nicht. Nur Maren kam gnädig davon, aber ich glaubte, sie hätte sich bei jedem Angriff von Viona mit Worten gewehrt. Sie suchte keine Nähe zu Viona, sie antwortete, wenn sie von ihr angesprochen wurde, das war es auch schon. Sie war mit ihren vierzehn Jahren ein gescheites, liebes Mädchen, die mit inniger Liebe an ihrem Papa hing.
Als kleines Kind war sie eine richtig verwöhnte Zicke gewesen. Sie hatte wie am Spieß geschrien, wenn sie etwas haben wollte und nicht sofort bekam. Sie schrie, bis die Mama klein beigab.
Sie musste gespürt haben, dass ich konsequenter war, vielleicht wartete sie auch darauf, dass ich etwas dazu sagen würde. Aber nein, ich sagte nichts, ich fühlte nur ihre schiefen Blicke, sprach sie nicht an und beachtete sie kaum. Ich bemühte mich auch nicht um ihre Gunst. Vielleicht lag es auch an den drei Jungs, denn da lief es ganz anders. Sie nahmen mich sofort voll in Beschlag, sie zeigten ihre Freude, wenn ich zu Besuch kam, setzten sich zu mir und hörten zu, wenn ich etwas zu erzählen hatte, oder wir spielten miteinander, wenn es sich ergab. Wir hatten immer und überall unseren Spaß. Bei gemeinsamen Urlauben wollten sie, dass ich überall mit dabei war, selbst auf die Wasserbahn sollte ich kommen, weil es doch ganz viel Spaß machte, dort hinunterzurutschen. „Oh ja, oh ja!“, jubelten sie, als ich es einmal wagen wollte. Doch danach merkten sie ganz von alleine, dass solche Fahrten durchs Höllental nichts für Omas sind. Trotzdem strahlten sie, schließlich hatten jetzt nur sie „so eine wagemutige Großmutter“, die sich getraut hatte.
Dennis’ und Andreas’ Fröhlichkeit waren regelrecht ansteckend. Sascha dagegen war eine Nummer für sich, obwohl es sich ergab, dass ich mit ihm am häufigsten zusammen war. Mit seinem Dickschädel brachte er seine Mutter zur Verzweiflung, seine Geschwister brachte er mit seinen Hänseleien zur Weißglut, selbst Linus musste bei ihm härter durchgreifen, als bei seinen anderen drei Kindern.
Papakinder waren sie alle vier, und Schmusekatzen obendrein.
„Du warst ein kleiner Teufel, ein richtiger kleiner Satan“, erinnerte ich Sascha an so manche kleine Schandtat, wenn ich zu Besuch war. Und dann schmunzelte er mich schelmisch an.
Aus ihm war ein richtiger Strahlemann geworden. Immer freundlich, zu passenden Zeitpunkten nachdenklich und still, und manchmal sehr, sehr übermütig. Ganz sein Papa. Wie hatte Linus das nur hinbekommen, denn Sascha hatte doch am meisten darunter gelitten, nachdem seine Mutter gegangen war. Da war er dreizehn gewesen. Maren war damals zehn Jahre alt und verstand noch zu wenig von Untreue, Betrug und den Sorgen und Sehnsüchten der Erwachsenen. Sie sah nur, dass die Mama weg und der Papa traurig war.
Inzwischen hatte sie ihre Geschwister gefühlsmäßig überholt. Während die drei Brüder noch mit Enttäuschung, teilweise auch mit Unverständnis und Wut auf die Mutter zu kämpfen hatten, hatte sie verständnisvoll und eigenständig erkannt, dass auch nahestehende Menschen nicht ohne Makel sind.
Der Zufall wollte es, das Beate genau zu dem Zeitpunkt in ihr Miethaus ziehen konnte, an dem Linus mich aus dem Krankenhaus direkt zu sich nach Hause holte.
In den Monaten zuvor hatte Beate zur Familie gehört. Wenn ich über diese Geschichte nachdachte, war ich von Stolz erfüllt über meinen Sohn, obwohl ich in keiner Weise an der guten Tat beteiligt gewesen war.
Beate war seine Nachbarin. Alleinerziehende Mutter mit drei Kindern. Zu dieser Frau fühlte er sich ungemein hingezogen, sie waren bald ein Herz und eine Seele, und Linus bedauerte sogar, dass er sich nicht in diese Frau verlieben konnte.
„Ach, Linus“, sagte ich. „Du wirst eines Tages der richtigen Frau begegnen.“
„Aber mit Beate kann ich über alles reden, wir können miteinander lachen, wir verstehen uns, es könnte nicht besser sein.“
„Eine so schöne Freundschaft kann mehr wert sein als alles andere.“
Anfang des Jahres war die Welt dieser jungen Frau von einem Tag auf den anderen aus den Fugen geraten. Beates Vater, mit dem sie zusammenwohnte, hatte sich jahrelang an ihrer dreizehnjährigen Tochter vergriffen. Nachdem sie es erfahren hatte, ging sie sofort zur Polizei, und selbstverständlich kümmerte sich auch sofort eine Psychologin um Mutter und Kinder, und das Jugendamt wurde eingeschaltet. Beistand mit einer harten Auflage folgte. Beates Wohnung galt als Tatort und durfte von den Mädchen nicht mehr betreten werden. Zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, fand sie direkt nach diesem Beschluss den Weg zu Linus.
Und Linus entschied: „Ihr bleibt erst mal hier.“
Natürlich war sofort wieder das Jugendamt zu Stelle, überprüfte die Lage, und bei der Frage, wie lange die Möglichkeit bestehe, dass die Familie bei ihm bleiben könne, zeigte Linus wahre Größe.
„Bis sie eine passende Wohnung gefunden haben, natürlich.“
„Das kann dauern. Sie wissen ja, mit Wohnungsangeboten ist es schlecht bestellt.“
Die Damen und Herren vom Jugendamt müssen wohl erleichtert von dannen gezogen sein, weil sie dieses Problem vorerst aus der Welt hatten. Zurück blieb eine total verzweifelte Mutter, die froh darüber sein durfte, dass wenigstens der achtzehnjährige Sohn vorerst in ihrer Wohnung bleiben konnte.
Das kleine Zimmer in der ersten Etage diente nun als Schlafraum für Beate und ihre beiden Mädchen. Bei Linus gab es in den folgenden Monaten trotz der Enge keinerlei Reibereien. Dass der Wäschetrockner gerade seinen Geist aufgegeben hatte und er wegen seines finanziellen Engpasses keinen neuen kaufen konnte, war reines Pech. Das Wohnzimmer hing immer voller Wäsche, erzählte er mir am Telefon. Aber er brauchte oft nicht zu kochen und nicht sauberzumachen, und wenn er nach Hause kam, wurde ihm freundlich die Haustür geöffnet und ein Kaffee serviert. Kurzum, ihm kamen Aufmerksamkeiten zuteil, die er im Laufe der letzten Jahre nicht bekommen hatte, so dass er sie bis dahin nicht mehr vermisst hatte.
Wenn ich darüber nachdachte, tat es mir regelrecht weh. Ausgerechnet Linus, der so viel Liebe und Fürsorglichkeit kennengelernt und diese Charaktereigenschaften auch angenommen hatte, machte bei Viona die Erfahrung, dass diese Werte ihm selbst in keinster Weise entgegengebracht wurden.
Engel an meiner Seite
Anfang April 2023 hatte alles noch rosig ausgesehen. Oder doch nicht mehr ganz so rosig wie in den Monaten zuvor? Meine geliebten Spaziergänge in der Natur waren kürzer geworden. Irgendwie fehlte mir der Antrieb. Die Frische. Vielleicht war es ja auch das Alter, das sich so langsam in mein Leben schlich – obwohl ich mich nicht beschweren konnte. Überall sagte man mir, wie jung ich noch aussähe. Und ich war ja auch noch fit genug, dass ich mich alleine versorgen, meine Wohnung in Schuss halten konnte, in der ich gerade den Frühjahrsputz mit Gardinenwaschen und vieles mehr erledigt hatte. Ich fuhr mit dem Fahrrad zum Einkauf und trug die vollen Taschen mühelos in die erste Etage.
Oder vielleicht lag es an der Bequemlichkeit in mir, nach der langen Winter- und Schlechtwetterzeit. Erforderliche Medikamente taten auch ihre Wirkung.
Ich fühlte mich vom lieben Gott reichlich beschenkt und bedankte mich täglich in aller Demut bei ihm, ohne Bitten an ihn zu stellen. Ich malte mir aus, wie überfordert er wäre, wenn er sich auch noch laufend um meine täglichen kleinen Wünsche kümmern müsste, wo es doch auf der Welt laufend um viele schreckliche und tragische Ereignisse ging. Mit meinen Problemen werde ich schon fertig, dachte ich mir, obwohl auch die nicht immer so ohne waren. Aber ich redete mir ein, ich entlastete ihn damit. Das war mein Glaube. Ich ging nicht in die Kirche, denn für mich war der Allmächtige überall. Ich betete auch nicht, aber ich lächelte ihm für sein Tun dankbar zu, wenn ich durch die Natur wanderte und mich an einer Blumenwiese erfreute, die mit leuchtend gelben Löwenzahnblüten übersät war, oder wenn ich in den strahlend blauen Himmel blickte oder wenn sich in den Morgenstunden die zarten Nebelschwaden über die weiten Grünflächen oder Felder senkten und sich in den durchbrechenden Sonnenstrahlen langsam auflösten, aber auch, wenn sie mir die Sicht auf die Weite nahmen und sich erfrischend kühl auf meine noch immer glatte Gesichtshaut legten.
Alles war gut.
