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Simon ist anders. Und doch ist er davon überzeugt, das Richtige zu tun, als er seine langjährige Freundin Maren heiratet. Er sehnt sich nach Sicherheit, Geborgenheit und Liebe, denn im gnadenlos jugendfixierten homosexuellen Milieu sieht er keine Zukunft und Ehe bedeutet für ihn Selbstschutz in einer verständnislosen Welt. In dieser wahren Geschichte geht es darum, allen Menschen, die nicht der dominanten Norm entsprechen, den gleichen Zugang zu einem fairen, würdigen Leben zu ermöglichen. Es geht um Freiheit, Gleichheit und Respekt.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2022
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LIESELOTTE KAMPER
Ist da jemand?
Scholastika Verlag
Stuttgart
Simon ist anders. Und doch ist er davon überzeugt, das Richtige zu tun, als er seine langjährige Freundin Maren heiratet. Er sehnt sich nach Sicherheit, Geborgenheit und Liebe, denn im gnadenlos jugendfixierten homosexuellen Milieu sieht er keine Zukunft und Ehe bedeutet für ihn Selbstschutz in einer verständnislosen Welt.
In dieser wahren Geschichte geht es darum, allen Menschen, die nicht der dominanten Norm entsprechen, den gleichen Zugang zu einem fairen, würdigen Leben zu ermöglichen. Es geht um Freiheit, Gleichheit und Respekt.
"Diese Geschichte ist leider kein Einzelfall, vielmehr zeigt es die Realität auf, die zum damaligen Zeitpunkt für viele zum Leben dazugehörte. So ein Doppelleben zu führen hat manche Menschen innerlich zerrissen, man konnte und durfte sich nicht öffnen, schließlich war es ja verboten. Ein Verbot von Herzen zu lieben, es ist so schrecklich, dass man es gar nicht glauben mag. Obwohl man heute viel offener seinen Lebensweg planen kann, gibt es dennoch viele Menschen die dieses Versteckspiel noch immer leben.
„LEBE DEIN LEBEN“ so heißt einer meiner Titel, oder wie meine Mutter immer zu mir sagte: »Ich will das Du glücklich bist, und das jeden Tag …«"
Patrick Lindner
Lieselotte Kamper wurde 1937 in Schleswig Holstein geboren und wuchs in Sachsen Anhalt auf. Mit 19 ging sie in den „Goldenen Westen“. Sie heiratete in Hamburg und war aus Überzeugung viele Jahre Hausfrau und Mutter. Aus beruflichen Gründen ging sie mit ihrer Familie ins Rheinland. Heute lebt die Autorin zurückgezogen in Norddeutschland.
Ihr erstes Buch „Draußen wartet die Angst“ erschien 2002. Es folgten „Hochzeit in Jogginghosen“, „Edith – Das Schicksal einer Überlebenden der Wilhelm Gustloff“, „Dem Schicksal zum Trotz“, „Deine Willkür – Meine Bürde“, „Liebe am Pflegebett“, „Monaarmar", „Wahnsinn, Weh und Wunder" und „Wer in der Liebe bleibt". „Ist da jemand?" ist ihr zehntes Buch.
Erschienen im Scholastika Verlag
Rühlestraße 2
70374 Stuttgart
Tel.: 0711 / 520 800 60
www.scholastika-verlag.com
E-Mail: [email protected]
Zu beziehen in allen Buchhandlungen,
im Scholastika Verlag und im Internet.
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage
© 2022 Scholastika Verlag, 70374 Stuttgart
ISBN 978-3-947233-73-1
ISBN der Printausgabe: 978-3-947233-72-4
Lektorat: Friedericke Maquet-Weißenseel
Covergestaltung: Johanna Hollmann
eBook-Entwicklung:
Ich bin ein Lügner und ein Betrüger, denn heute heirate ich eine Frau – und ich bin schwul.
Wie aus weiter Ferne hörte ich die Frage des Standesbeamten, ob ich, Simon Sommer, gewillt sei, Maren Bergbauer zur Frau zu nehmen. Mein Ja darauf empfand ich wie einen Peitschenhieb, den mir das Schicksal für meine Heuchelei schmerzhaft über den Rücken zog, dabei hatte ich mir mit meinem Ja einen liebevollen Befreiungsschlag meiner quälenden Gewissheit erhofft.
Ich werde es schaffen, ich werde es schaffen, redete ich mir gut zu und glaubte an mich, an meine Stärke und meine Zukunft.
Ein bisschen mehr Ehrlichkeit tut jeder Beziehung gut, heißt es. Jeder? Meiner ganz gewiss nicht. Es wäre bei mir gar nicht erst zu einer Ehe gekommen. Aber für mich war die Ehe das sicherste Versteck für meine Homosexualität. Der beste Schutzschild überhaupt.
Niemand wusste etwas. Niemand ahnte etwas. Damit musste ich leben.
Damit kann ich leben, damit kann ich alt werden, redete ich mir ein und mir war bewusst, dass ich es nicht nur meinetwegen geheim hielt, sondern auch, um den wertvollsten Menschen an meiner Seite zu schützen.
Unsere Gemeinsamkeit wäre bei offenen Worten zu stark belastet gewesen. Bei jeder harmlosen Gefälligkeit dem Nachbarn gegenüber, bei jeder Freundlichkeit mit dem Verkäufer im Baugeschäft oder bei jedem Gespräch mit dem Tankwart hätte Maren, wenn sie die Wahrheit gekannt hätte, misstrauisch reagiert. Sie sollte unbefangen bleiben, sie sollte jede Nettigkeit von mir als Nettigkeit verstehen, ohne eine Beobachtungsstellung einnehmen zu müssen, oder wenn ich bei Geselligkeiten mit anderen witzelte und lachte, sollte sie und jeder glauben, ich wäre ein geselliger Mensch, der ich in Wirklichkeit auch bin.
Ich war in keinem Lügennetz verstrickt – in meinem zusammengefalteten Netz, auf dem ich fest, wie auf einem Siegerpodest, mit beiden Beinen stand, steckte nur ein einziges Geheimnis, und nur wenn ich darauf stehen bliebe, nur wenn es nicht aus diesem Netz entweichen würde, konnte ich unverkrampft der freundliche Mensch bleiben, der ich von Natur aus war. Offen und entgegenkommend, ganz ohne Hintergedanken. Ohne den stillen Wunsch, dieser männlichen Person näherkommen zu wollen.
Auch ein Schwuler ist wählerisch. Ich wäre es gewesen, wenn ich nach diesen Beziehungen gesucht hätte. Ich wollte aber nicht mehr danach suchen, ich wollte auch von keinem gefunden werden, ich war nun mit der wunderbarsten Frau verheiratet und ich wollte ihr treu sein.
Das hässliche Wort »Lügner« passte eigentlich nicht zu mir. Ich war das Opfer. Mir ist großes Unrecht geschehen. Wenn ich zur Erklärung auf den Stand der modernen Technik zurückgreifen würde, würde ich sagen, irgendwer dort oben, hat sich bei meiner Entstehung geirrt und aus Versehen eine falsche Taste gedrückt. Aus diesem Grund bin ich anders als die meisten von uns, die entweder Mann mit dem Verlangen nach einer Frau oder ganz Weibchen mit dem Bedürfnis, an der Seite eines Mannes zu leben, sind. Es lag also nicht an mir. Ich wurde nicht gefragt, ob es mir recht war und ob ich mit dieser Neigung leben wollte.
Ich war also kein Heuchler oder feiger Hund. Ich habe lediglich ein Geheimnis.
Meine Veranlagung, sie war, damals, als ich sie an mir entdeckte, noch strafbar – das war doch das Allerschlimmste. Sie war strafbar, wenn man sie auslebte, und mir wurde aufgezwungen, in diesem Anderssein zu leben.
Ich hielt meine Unzucht geheim, denn in diesem Fall diente mein Schweigen meiner Selbstbestimmung. Es steigerte mein Selbstwertgefühl, weil ich in meiner lieblosen Kindheit kein stabiles Fundament erhalten hatte. So habe ich lernen müssen, mir aus der Not heraus eine eigene zuverlässige Plattform zu schaffen, um fest darauf stehen zu können, ansonsten wäre ich als Geächteter ausgestoßen, entrechtet und ohne Arbeit. Wer schneidet sich denn ins eigene Fleisch, wenn er doch weiß, dass er sich mit der Wahrheit schaden würde, denn genau aus diesem Grund wollte ich meinen verbotenen, angeborenen Drang zum gleichen Geschlecht nicht preisgeben.
Wenn ich intensiv darüber nachdachte, wurde mir bewusst, welch eine große Last ich mit mir herumtrug, also zähmte ich die Gedanken um dieses Wissen und drückte sie in die hinterste Ecke meiner Seele.
Das klare Ja meiner soeben Angetrauten holte mich aus meinen tiefgründigen Gedanken. Mein Blick ging nach den letzten Worten des Standesbeamten zu ihr. Ihre strahlenden Augen sahen mich an, als ich mich zu ihr beugte, um ihr den ersten Kuss nach der Eheschließung zu geben. Zaghaft und zurückhaltend und keusch zugleich war er. Passt doch gar nicht zu uns, ist doch auch gelogen, dachte ich und schmunzelte in mich hinein, schließlich waren wir schon seit über fünf Jahren ein Liebespaar. Eine schöne Zeit, eine fast unbeschwerte Zeit, bis uns die vielen Fragen der Verwandtschaft und der Freunde so zusetzten, dass ich ihr intuitiv den Verlobungsring ansteckte und wir den Hochzeitstermin festlegten. Alles auf meinem Geheimnis gebaut.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die Lüge der soziale Kitt ist und dass alle Menschen lügen. Solche Aussagen beruhigten mein Gewissen ungemein. Über solche psychologischen Erkenntnisse fiel ich her. Entdeckte ich so einen Artikel, las ich ihn zweimal und öfter, um diese hilfreichen Worte fest in meinem Gedächtnis zu verankern. Genauso wie den Leitsatz: Oft lebt es sich mit einer nicht erkannten Lüge besser als mit einer Wahrheit, die man erkannt hat.
Las ich so etwas, redete ich mir ein, dass ich ein guter Mensch bin. Mir war natürlich bewusst, dass mein Handeln mit einem so schwerwiegenden Geheimnis, welches ich mit mir herumtrug, keine gute Grundlage für ein Ehegelübde war. Trotzdem bin ich dieses Wagnis mit vielen guten Vorsätzen eingegangen, denn die lange Probezeit vor der Eheschließung, wie ich mich im Nachhinein auszudrücken pflegte, hatte ich mit Bravour bestanden. Das sich Geist, Körper und Triebe im Lauf der Jahre verändern können, hatte ich aus meiner Unkenntnis heraus nicht in Betracht gezogen. Woher sollte ich es auch wissen.
Wunderhübsch hatte meine Braut bei der kirchlichen Trauung am Nachmittag ausgesehen. Genau genommen entsprach das weiße Brautkleid mit dem weißen Schleier als symbolische Bedeutung auch nicht der Wahrheit, fiel mir ein. Mein Anderssein fiel mir bei vielen Gelegenheiten ein, gerne auch dann, wenn es um absolute Genauigkeit und um die Wahrheit ging, die nicht präzise eingehalten wurden. Egal, das weiße Kleid war wunderschön und meine Braut darin bezaubernd anzusehen. Das leise Raunen aus den Reihen der eingeladenen Gäste »Was für ein schönes Paar« überhörte ich nicht. Es gab mir Aufwind.
Die Brautmutter hat es sich nicht nehmen lassen, für uns eine große Feier auszurichten, unsere Gegenwehr nahm sie kaum zur Kenntnis. Ja, war auch in Ordnung, fand ich an diesem bedeutsamen Tag, denn es wurde eine schöne, fröhliche Feier an einem wunderschönen Sommertag mit herrlichstem Sonnenschein und vielen glücklichen Gesichtern. Es passte zu uns. Mit Nachnamen hieß ich Sommer und Maren nun auch. Alle waren rundum zufrieden.
Ich auch – trotz meiner Zweifel.
In den Männerbekanntschaften zuvor hatte ich niemals Liebe gefunden, ich weiß nicht einmal mehr, ob ich überhaupt danach gesucht habe, es ging doch nur um schnelle Befriedigung. Mit Maren wurde dann alles anders.
Ich war einundzwanzig, als ich sie kennenlernte. Sie liebte mich, bei ihr fand ich alles, was ich bis dahin nie kennengelernt habe. Sie schenkte mir neben ihrer Zeit auch Zärtlichkeit, Nähe, Geborgenheit, Wärme und Ruhe. Wir konnten miteinander reden und lachen und sonstigen Spaß haben, mit ihr befand ich mich mit einem Male in einer anderen Welt.
Ich prüfte mich. Ich war ihr in den ganzen Jahren treu gewesen. Es war schön, mit ihr zusammen zu sein. Die Beziehungen vorher waren oberflächlich und der schnelle Sex nur stressig, voller Hetze und voller Angst, dabei erwischt zu werden, denn mit einem Bein stand man im Gefängnis, wenn man bei Intimitäten ertappt worden wäre. Ich fühlte mich erleichtert, wenn er vorbei war.
Erleichtert waren Maren und ich auch, als wir uns mitten in der Nacht aus der Feier heraus davonstehlen konnten.
Einen ganzen lieben langen Tag nur im Mittelpunkt zu stehen, unzählige Glückwünsche entgegenzunehmen, viele Hände zu schütteln, zu lächeln und auf das Zuprosten erhobener Gläser zu reagieren, war anstrengend.
Die Nacht war lau, zu schade, um sich ins Bett zu legen, indem uns die Gäste sicherlich vermuteten. In rasender Geschwindigkeit legten wir unsere Hochzeitskleidung ab, schlüpften, aufgeputscht von fröhlicher Stimmung, ausgelassen in bequeme Freizeitsachen und weg waren wir. Später saßen wir irgendwo auf einer Bank, hörten das Zirpen der Grillen und beobachteten aneinandergeschmiegt das Wetterleuchten am nächtlichen Himmel – als wir auch noch vereinzelt die kleinen glühenden Pünktchen herumfliegender Glühwürmchen entdeckten, war alles perfekt. Romantischer konnte es nicht sein. Aus der Ferne klang leise Tanzmusik zu uns herüber. Die Musik unserer Hochzeitsfeier.
Nun waren Maren und ich vor Gott und der Welt ein Paar. Ich habe sie geheiratet.
Die Frage, wie konnte ich das tun, in dem vollem Bewusstsein, dass es für mich eigentlich nicht das Richtige war, stellte ich mir trotzdem immer wieder. Einerseits sträubte sich mein Inneres, sich total der Gesellschaft anzupassen und ein Zusammenleben mit einer Frau zu wählen, für das ich nicht bestimmt war. Andererseits wusste ich, mit meiner Auflehnung wäre ich in der damaligen Zeit nicht weit gekommen, weil ein Leben als Schwuler nicht akzeptiert wurde, weil es Ächtung und Selbstzerstörung mit sich gebracht hätte, weil es problematisch gewesen wäre, sowohl im privaten als auch im Arbeitsbereich, weil die gesellschaftlichen Konventionen Schwulsein nicht zuließen. Ich steckte wohl oder übel in einem Korsett der gesellschaftlichen Zwänge, denn ein freies Ausleben der sexuellen Orientierung war strengstens verboten und unter Strafe gestellt.
Die schlichte Antwort glaubte ich zu wissen – ich hatte resigniert.
Maren hatte ich auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt. Mein Kollege Herbert hatte mich zu dieser Feier zu sich und seiner Frau nach Hause eingeladen. Maren war auch dort. Im Laufe des Abends hat es sich so ergeben, dass wir nebeneinander auf der Couch saßen und ins Gespräch kamen. Wir haben geredet und geredet und gelacht und gealbert, so wie es eben ist, wenn eine fröhliche Runde junger Leute beisammen sitzt. Mit meinen Anfang zwanzig stand ich noch auf ziemlich wackeligem Boden.
Seit frühester Kindheit plagte mich als Folge einer Masernerkrankung oder einer Keuchhusteninfektion meine angeschlagene Gesundheit. Schon im Alter von sieben Jahren wurde bei mir eine Lungenfibrose festgestellt. Dadurch habe ich eine völlig abstrakte Schul- und Berufsausbildung, das heißt, ich habe keinen Hochschulabschluss wegen der oft vorkommenden Lungenentzündungen, die mich vom Unterricht fern- und vom Lernen abhielten. Ich habe noch nicht einmal einen regulären Schulabschluss in der Tasche. Was ich besaß, war »nur« ein Abschluss im Bereich Elektronik. Immerhin ließ sich damit einiges anfangen.
Als ich Maren kennenlernte, arbeitete ich in einem kleinen Elektrogeschäft und reparierte Fernseher. Leider hatte ich aber gerade flüstern hören, dass meinem Chef die Pleite drohte, außerdem war mir bis dahin kaum Wertschätzung entgegengebracht worden – so ließ mein Selbstwertgefühl eine ganze Menge zu wünschen übrig.
Maren schien nichts davon gemerkt zu haben, denn am Montag erfuhr ich von meinem Kollegen Herbert, dass sie sich in mich verknallt hatte.
Verknallt in mich?
Das zu hören war schon ein tolles Gefühl für mich und ich gebe zu, ich schwebte auf Wolke sieben.
Vor allem war ich neugierig geworden und wollte herausfinden, ob es stimmt. Ich war also dran, etwas zu unternehmen und das ließ ich mir nicht nehmen.
Es war nicht, weil sie mich besonders interessierte, nein, allein die Worte »sie hat sich in mich verliebt« waren der Ausschlag. Ich lechzte in meiner Freizeit immer nur nach Abwechslung. Egal wohin, ganz gleich mit wem, denn durch die Straßen zu schleichen oder an den Straßenecken herumzulungern, wenn ich nicht die Leute traf, die ich treffen wollte, machte keinen Spaß. Bei mir ging es immer nur darum, dass ich nicht auf meiner armseligen Bude alleine herumhängen musste.
Mit Mädchen hatte ich natürlich auch schon einige Erlebnisse gehabt. Alles nur Erfahrungen, die mit Liebe nichts zu tun hatten. Liebe war für mich ein Fremdwort. Ich hatte sie noch in keiner Weise kennengelernt, doch die Suche danach prägte mein bisheriges Leben, obwohl ich nicht wusste, wie sie sich anfühlt.
Außerdem kamen mir im Alter eines Heranwachsenden tausend Zweifel über meine eigenen, von normal abweichenden Gefühle mit den sich ablösenden Phasen, die mich noch mehr verunsicherten – hinzu kam dann diese quälende Sehnsucht nach körperlicher, gleichgeschlechtlicher Nähe auf meinem haltlosen Weg ins Erwachsenenleben.
An diesem Tag interessierte mich ein Mädchen, dass mich mochte und mit der ich mich zwei Tage zuvor bestens unterhalten hatte. Mutig, fast ein wenig draufgängerisch, machte ich mich gleich nach Feierabend mit dem Fahrrad auf den Weg zu ihr.
Ich klingelte einfach. Auch mit den Gedanken, dass ihre Mutter die Tür öffnen und ihre Tochter verleugnen würde.
Es kam schlimmer. Ein stämmiger Mann stand mir im Türrahmen gegenüber, dass ich vor Schreck einen Schritt zurückwich. Seine Augen wanderten an mir herunter und wieder hinauf, und ich, nicht fähig, ein Wörtchen aus mir herauszuquetschen, stand wie verdattert vor ihm und suchte nach einem passenden Satz.
»Zu mir willst du ja wohl nicht«, er grinste. In wohlwollendem Ton fuhr er fort: »Du möchtest sicherlich zu Maren?«
Es waren erlösende Worte, die mich aus meiner Erstarrung herausholten. Für liebenswürdige Menschen war ich, nach vielen bitteren Erfahrungen, besonders empfänglich. Alleine ein freundlicher Blick genügte schon, hier kamen auch noch die passenden Worte hinzu. Der Mann hatte bei mir sofort einen Stein im Brett und seine Tochter wurde mir noch eine Spur sympathischer, als sie mir ohnehin schon war.
»Ja, ist sie denn da? Ich bin Simon«, konnte ich nach einigen Schrecksekunden tatsächlich antworten. Hui, die erste Hürde war geschafft.
Er ließ mich eintreten und rief laut nach seiner Tochter, die dann sogleich die Treppe herunterkam.
Maren zeigte sich bei meinem Anblick völlig überrumpelt und ich habe es ihr angesehen, wie freudig überrascht sie auf meine Initiative reagierte.
»Hast du Lust, mit mir spazieren zu gehen oder eine Runde mit dem Fahrrad zu fahren?«, fragte ich sie, während ihr Vater nicht gerade Anstalten machte, sich zurückzuziehen.
Dann kam auch noch die Mutter in den Flur, die mich von oben bis unten musterte wie zuvor schon ihr Mann. Verlegen trat ich von einem Bein aufs andere und streckte ihr zur Begrüßung fast etwas zu eilig die Hand entgegen.
Maren hatte Lust, eine Runde zu drehen und beendete mit einem fröhlichen »Und tschüss!« die peinliche Situation. Kurz darauf schoben wir unsere Räder über die nahegelegene Hauptstraße und fuhren dann Richtung Rhein, wo wir sie stehen ließen, um am Rheinufer spazieren zu gehen.
Diese Stunden mit Maren habe ich in allerbester Erinnerung. Sie waren der Anfang unserer wunderbaren Zweisamkeit, dabei wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht so genau, ob ich wirklich ein Homo war. Wenn mich Mädchen streichelten, war es ja auch zufriedenstellend, aber ich konnte es nicht leugnen, mit Jungs waren die Liebkosungen schöner.
Das Beisammensein mit einem Mädchen, es lag zu der Zeit noch gar nicht lange zurück, war allerdings abschreckend gewesen. Ich hätte noch nicht einmal sagen können, woran es gelegen hat. Es schüttelte mich, als sie sich ausgezogen hat, obwohl ich mich vordem, als noch alles harmlos war, gerne mit ihr getroffen habe. Aber dann mochte ich sie nicht mehr.
Mich selbst mochte ich aber auch nicht. Ich wollte meine Neigung nicht akzeptieren, ich war mir auch lange Zeit nicht sicher, als ich Maren kennenlernte.
Aber dann war bei Maren alles anders. Von Anfang an. In ihrer Nähe war ich jemand. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, nicht wertlos zu sein. Bei ihr hatte ich das erste Mal in meinem Leben einen Menschen gefunden, dem ich etwas bedeute. Ich merkte es, wenn sie mich ansah, ich fühlte es, wenn sie mich berührte – wir wurden schon bald ein Liebespaar.
Wir trafen uns fast täglich. Entweder besuchten wir uns gegenseitig, sie mich oder ich sie bei ihren Eltern zu Hause. Aber häufig und gerne gingen wir zusammen ins Kino oder wir fuhren mit den Rädern ins Grüne, dann meistens mit einem Picknickkorb, den Maren mit Hilfe ihrer Mutter gepackt hatte.
In ihrem Elternhaus ging ich wie selbstverständlich ein und aus und wir waren von Anfang an so gut wie unzertrennlich. Maren wurde für mich der wichtigste Mensch und mit meiner damaligen Weltanschauung konnte ich diese harmonische Zweisamkeit als besonders gut funktionierende Beziehung bezeichnen.
Es war wirklich eine wunderbare Zeit. Das Allerschönste war, ich fühlte mich von Maren geliebt, so wie ich war. Nur wusste sie nicht genau, wie ich war, aber es spielte derzeit für mich keine große Rolle.
Ich konzentrierte mich nur auf diese junge Frau. Sie war hübsch, gertenschlank, fröhlich, ein Jahr jünger und einen Kopf kleiner als ich. Außerdem ließ sie mir mit ihrem munteren Wesen gar nicht viel Zeit über das andere Ich in mir nachzudenken. Ich lebte ein ganz normales Leben an der Seite eines weiblichen Wesens, und weil sie mich mit ihrer Liebe überschüttete, zeigte ich mich als aufmerksamer, liebevoller Kavalier.
Durch ihre Liebe zog sie mich zu sich hoch und gleichzeitig hin zu allen Menschen um sie herum. Die Eltern, ihre Onkel, die Tanten, die Großeltern – sie alle mochten mich, ich war jemand und mit jedem Tag, den ich mit ihr verbrachte, wurde ich größer. Maren ersetzte mir Familie und alles, was ich bisher nicht hatte, und ich habe alles getan, um meine Männlichkeit zu beweisen.
Fest davon überzeugt, dass mein weiteres Leben nun immer und ewig so weiter läuft, redete ich mantraartig auf mich ein: Das andere brauchst du nicht mehr, das andere gehört der Vergangenheit an.
Ich fühlte mich am Ziel. Ich wurde geliebt.
Dass ich eine große Anziehungskraft ausübte, war mir nicht bewusst, obwohl Maren es mir einmal gesagt hatte. Ich hab sie daraufhin nur angesehen, als wüsste ich nicht, worüber sie spricht. Ich fühlte mich nach schrecklichen, teilweise qualvollen Jahren endlich angenommen, das zählte. Mein Leben wurde durch sie lebenswert, weiter reichten meine Gedanken nicht, es war alles so neu für mich, so unglaublich schön, dass ich manches Mal befürchtete, ich werde wach und alles ist vorbei.
Aber es war kein Traum, es war real, ich durfte mich glücklich schätzen. Zufrieden mit mir war ich obendrein. Die Bestätigung dafür las ich in Marens Augen. Ich machte sie glücklich.
Das eine Ich hatte das andere Ich besiegt.
Hinzu kam bei mir, dass sich das Geschäft meines Chefs erholte und am Ende sogar vergrößerte. Aber Sorgen um meinen Arbeitsplatz hätte ich mir sowieso sparen können. Die Spuren des schrecklichen Zweiten Weltkrieges begannen sich mit der Aufwärtsentwicklung, mit den sinkenden Zahlen der Arbeitslosen und mit der neuen, heranwachsenden Generation zu verwischen. Es entstanden moderne Gebäude, wo Jahre zuvor zerbombte Häuser zu sehen waren, und selbst die letzten Ruinen neben neu errichteten Häusern hatten längst ihre Schrecken verloren, denn die Menschen hatten sich verändert. Sie wollten nach langjährigen Entbehrungen plötzlich etwas erleben und sie wollten ein Fernsehgerät in ihrer Wohnung stehen haben, zur Not auch auf Ratenzahlung, sie wollten einen fahrbaren Untersatz und sie wollten reisen. Möglichst in die Sonne. Möglichst in den Süden. Italien und Spanien waren gefragt. Dafür wagten sie eine lange Anreise und um den Nachbarn zu imponieren, riskierten sie sogar einen Sonnenbrand, um schön gebräunt aus dem Urlaub zurückzukommen.
Deutschland war im Aufschwung. Die Wirtschaft boomte.
Reisen wollten auch wir. Nicht um braun zu werden. Ich war ein dunkler Typ und hatte immer eine etwas dunklere Hautfarbe, ich brauchte mich nur einmal der Sonne zeigen, dann sah ich aus, als käme ich aus dem sonnigen Süden. Trotzdem zog es mich aus lauter Neugierde dorthin, wohin es alle zog. Mal mit Maren alleine, aber meist zusammen mit unseren Freunden. Es war jedes Mal ein einziger Spaß.
Unsere erste gemeinsame Urlaubsreise nach Italien planten wir, als wir schon zwei Jahre miteinander gingen. Marens Eltern waren diesbezüglich großzügig, ich durfte an den Wochenenden oder überhaupt an freien Tagen bei ihr übernachten. Es gab von Anfang an kein Versteckspiel und das in einer Zeit, als sie noch wegen Kuppelei hätten angezeigt werden können. Bei der Wohnungssuche fünf Jahre später, tauchten andere Schwierigkeiten auf, denn als unverheiratetes Paar hatten wir das Nachsehen. Kein Trauschein – kein Recht auf eine gemeinsame Wohnung. Unverheiratetes Zusammenleben galt damals noch als sittenwidrig, außerdem waren Wohnungen, trotz Wiederaufbau, noch immer knapp.
Nach unserer Hochzeit fanden wir eine kleine Wohnung in Lampertheim, etwa zwölf Kilometer entfernt von unserem Arbeitsplatz, von Worms und von Marens Elternhaus.
Der Ort sei mit seinen damals rund 28000 Einwohnern in den letzten zwanzig Jahren um das doppelte angewachsen, erzählte uns eine Einheimische gleich am Tag unseres Einzugs. Man sah es. Hier standen viele Neubauten und als wir das erste Mal durch ein Neubaugebiet bummelten, musste ich an die vielen Schutt- und Trümmerberge in Worms und auch an meine zerbombte Geburtsstadt Berlin denken.
Mir fiel ein, dass ich neben anderen Kindern über Trümmerfelder klettern musste, wo Stunden vorher noch eine Straße gewesen war. Irgendwo dazwischen spielten wir später »Vater, Mutter, Kind«. Ich war, meines Alters wegen, natürlich immer ein Kind, meine Schwester Evchen war noch zu klein, um mitspielen zu können, Vater und Mutter waren immer die älteren Kinder. Vielleicht die, die noch wussten, wie es in einer Familie abläuft. Der Vater sorgte dafür, dass es etwas zu essen gab und die Mutter stand am Herd und kochte. In irgendeinem zerbeulten Topf oder einer Blechschüssel, die wir in den Trümmern gefunden hatten, rührte sie einen Brei aus Sand und Unkraut an, bis uns das nächste Sirenengeheul aufschreckte und wir sofort in den nächstgelegenen Luftschutzbunker liefen. Ein Mädchen aus der Nachbarschaft, eben im Spiel noch meine größere Schwester, übernahm die Rolle einer Mutter, schnappte mich und zog mich hinter sich her.
Im Bunker hielt ich dann Ausschau nach meiner Mutti. Fand ich sie nicht, hatte sie wahrscheinlich in einem anderen Luftschutzkeller Zuflucht gesucht, denn um Lebensmittel zu besorgen, musste sie oft weite Wege gehen, bis sie in der kaputten Stadt noch einen intakten Laden fand. Hatte sie einen gefunden, hieß es Schlange stehen.
Maren hörte interessiert zu, wenn ich ihr etwas aus meinem Leben erzählte. Sprich weiter, forderte sie mich manchmal auf. Oft stellte sie Fragen. Manchmal sah sie mich nur stillschweigend an und schüttelte fassungslos den Kopf, weil sie nicht begreifen konnte, was ich ihr geschildert habe.
An diesem Tag wollte sie wissen, wann sich das ereignet hatte und wie alt ich zu diesem Zeitpunkt gewesen war.
»1945 war das. Kurz vor Kriegsende. Ich bin noch ein kleiner Knirps von fast drei Jahren gewesen, meine Schwester war noch kein Jahr alt«, antwortete ich.
»So klein warst du noch – und kannst dich trotzdem daran erinnern?«
»Ja, das weiß ich noch. Später kann’s ja nicht gewesen sein. Ich meine, diese Bombennächte. … Einmal, wir konnten den Bunker wieder verlassen, fiel mein Blick auf hohe Mauern. Sie standen da wie ein hohler, durchlöcherter Zahn. Alles andere war weg. Das Dach, alles, aber die Mauern ragten hoch in den Himmel – vorher hatte dort noch ein großes Haus gestanden. Genau gegenüber vom Bunker. Diese Erlebnisse haben sich regelrecht bei mir eingebrannt.«
»Weil sie so schrecklich waren, nehme ich an.«
»Einmal kamen wir in unsere Wohnung zurück, da war die eine Wand nicht mehr da. Das Nachbarhaus war auch weg. Aber unser Flügel stand unversehrt in dem Raum. … Unser schwarzer Flügel stand auf drei schwarzen Löwentatzen. Ich hatte derzeit noch nie eine Löwentatze gesehen, aber ich musste sie immer anstarren, wenn ich in den Raum ging. Einen großen Bogen machte ich um dieses Monstrum von Flügel. Die Tatzen machten mir Angst, aber ich starrte sie immer wieder an.«
»Vielleicht waren sie dir so unheimlich, weil sie schwarz waren.«
»Ich weiß nicht, vielleicht. Mag auch sein, dass ich in einem Bilderbuch Teufelskrallen gesehen habe und die Füße unter dem Flügel damit verglich. … An diesem Tag, als die Wand rausgerissen war, waren der Flügel und auch die Tatzen nicht mehr schwarz, sondern hell. Dicker Staub lag darauf.«
»Hat deine Mutter darauf gespielt?«
»Daran kann ich mich nicht erinnern. Meine Eltern? … Ich weiß nicht, es war Krieg. Aber einer von den beiden wird ihn wohl benutzt haben.«
»Vielleicht hörst du deshalb so gerne klassische Musik.«
»Mag sein, aber du hörst sie doch auch gerne, obwohl deine Eltern kein Ohr dafür haben.«
»Ja, durch dich, Simon. Durch dich.«
Ich spann den Faden für mich alleine weiter, weil mich die Gedanken an die Bombennächte in dieser Stunde nicht loslassen wollten.
So halbwegs hatte ich schon damals als fast Dreijähriger begriffen, dass etwas Furchtbares passierte, wenn ich eingequetscht zwischen den Erwachsenen stand und nach oben guckte, um überhaupt etwas zu sehen. Was ich bei diesem schummrigen Licht entdeckte, war nicht viel.
Gesichter konnte ich nicht sehen, nur Kinne und Nasen der Fremden. Keineswegs beruhigend. Niemand kümmerte sich um mich. Alle starrten vor sich hin. Keiner sprach. Sie standen wie angewachsen auf einem Fleck und warteten, und ich zwischen ihnen.
Worauf sie warteten, wusste ich nicht. Ich wartete, dass ich aus dieser schrecklichen Enge endlich wieder ins Freie rennen konnte. Aber dort draußen hörte ich ein andauerndes aufjaulendes Pfeifen und dann das Donnern. Später wusste ich, dass es die Detonationen der Bomben waren. Und alles um mich herum bebte. Hin und wieder hörte ich ein »Mein Gott, mein Gott« oder ein stilles Weinen. Es müssen die schrecklichen Angriffe auf Berlin 1945 gewesen sein.
Wenn ich Glück hatte, konnte ich auf dem Schoß meiner Mutter sitzen, nachdem uns heulender Sirenenalarm mal wieder mitten in der Nacht eilends in diese Bunker rennen ließ. Tröstlich war auch, wenn meine kleine Schwester direkt neben mir in den Armen der Mutter lag. Ich hatte immer Angst. Die Angst war so groß, dass ich zitterte. Manchmal zitterte ich auch vor Kälte. Wahrscheinlich zitterten in diesen Stunden alle, die dort Schutz gesucht hatten.
Einmal lag zwischen uns ein großer, zotteliger Hund, auf den ich gelegt wurde. Die Frau, die mich aus den Armen meiner Mutter zog und mich auf ihren Hund legte, hatte es mit Sicherheit gut gemeint. Mir tat sie nichts Gutes damit, jetzt zitterte ich nicht nur, weil mir kalt war oder aus Angst vor allem, was mich umgab, sondern auch noch aus lauter Angst vor diesem riesigen Tier. Ich spürte nicht die Körperwärme des Tieres, ich spürte einen bebenden Körper unter mir. Es war entsetzlich und niemand der Umstehenden bemerkte mein Entsetzen. Wenn ich doch nur gewusst hätte, dass das arme Tier auch so schreckliche Angst hatte wie ich, ich hätte es gestreichelt. Aber niemand hat es mir gesagt und ich – ich bin auf diesem Untier fast vor Angst gestorben.
Unsere Hochzeitsreise verschoben wir um einige Monate, weil wir direkt vor unserer Heirat eine Wohnung gefunden hatten. Wir ließen keine Zeit verstreichen, um sie uns gemütlich einzurichten. Der Höhepunkt war dann unser Fernsehgerät.
Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, einen zu haben, wenn der erste Mensch auf dem Mond landet. Und es wäre doch gelacht gewesen, wenn ich mir, als Fernsehmechaniker beschäftigt in einem Fernsehgeschäft, nicht den allerbesten ausgesucht hätte.
Ja, die Nacht der Mondlandung war für mich ein besonderes Erlebnis. Wir waren gerade einen Tag zuvor in die Wohnung eingezogen. Schliefen zum ersten Mal im eigenen Bett. Ich schwebte im siebten Himmel. Die nächste Nacht war dann wegen der Mondlandung sehr kurz.
Wir hatten eine eigene Wohnung. Ein eigenes Zuhause. Ich, der sich noch nie und nirgendwo daheim gefühlt hatte, erlebte zum ersten Mal das Gefühl, irgendwo hinzugehören. Es gab Momente,in denen ich nicht wusste, wohin mit den Glücksgefühlen. Allerdings hätte ich nicht vor Freude jubeln können, nein, ich trug dieses Hoch still und sehr tief in mir, ich hätte Weinen können vor Glück.
Maren musste ahnen, was in mir vorging. Sie ließ mich einfach in Ruhe. Sie kannte mich nicht anders. So fröhlich und ausgelassen ich mitunter sein konnte, genauso häufig war ich auch still und in mich gekehrt. Nachdenklich. Das hatte mit schlechter Laune nichts zu tun, denn zufriedener als ich in diesen Jahren mit Maren war, zufriedener konnte eigentlich kein Mensch sein.
Mit einem Male wusste ich gar nicht, warum ich vordem nie eine Heirat in Betracht gezogen hatte, ich fühlte mich doch meiner sicher, seit Maren an meiner Seite war. Mich quälten keine abwegigen Gedanken, ich war ein normaler Mann.
Die Reise ging nach Italien. An der adriatischen Riviera in einer kleinen Pension in Gabicce Mare fanden wir Quartier. Eigentlich eine Wahnsinnstour mit dem Auto. Aber so war es damals.
Wir waren die Strecke schon öfter gefahren, also nicht einmal etwas so Besonderes und wir waren jung, abenteuerlustig obendrein, also ging es frohgemut der Sonne entgegen. Uns konnte nichts halten, obwohl wir auch in Deutschland gerade das herrlichste Herbstwetter hatten, es törnte uns höchstens noch mehr an.
Es war herrlich. Die Vorfreude auf den Süden hob unsere Stimmung, der Spaß bei der Fahrt, der Urlaub selbst, das Strandleben, der Blick übers weite Meer, einfach alles.
Auf der Heimreise war es nicht viel anders, wir freuten uns auf unser neu eingerichtetes heimeliges Zuhause.
Im Freundeskreis schwärmten wir so sehr von unserem Urlaubsort, dass wir an diesem idyllischen Fleckchen den nächsten Urlaub mit zwei oder sogar drei anderen Ehepaaren zusammen verbringen wollten.
Schon kurz darauf erlebten wir eine mächtige Überraschung. Wir wurden Eltern. Dieses große Glück durfte ich mit Maren teilen.
Und auch bald mit unseren vielen Freunden.
»Euch dürfen wir nicht noch einmal alleine in Urlaub fahren lassen, wir kommen jetzt immer mit«, wurde gescherzt, weil sie sich in null Komma nix ausgerechnet hatten, dass das Baby ein Mitbringsel unserer Hochzeitsreise war.
»Nein, euch darf man nicht alleine lassen«, wiederholten sie, obwohl wir es doch schon ausgemacht hatten, dass wir den nächsten Urlaub gemeinsam erleben wollten.
Maren und ich, wir lachten über die Scherze, wir waren glücklich.
Ich wurde Vater. Meine überschwänglichen Gefühle – ich wusste kaum wohin damit –, ich konnte sie mit niemandem teilen. Ich weinte vor Ergriffenheit. Maren glaubte, ich weinte vor lauter Freude.
Ich fühlte, dass die Last, die auf meinen Schultern lag und die mich Jahre zuvor oft nach unten zu drücken drohte, etwas leichter wurde. Unauffällig zog ich mich ins Badezimmer zurück, ich hielt Zwiesprache mit meinem Spiegelbild – mein Spiegelbild, mein einziger Vertrauter, das sich meine stille Aussprache geduldig und ohne Widerspruch anhörte.
Ich – ich, ein Schwuler – ich werde Vater.
