Umsteiger - Wulf Köhn - E-Book

Umsteiger E-Book

Wulf Köhn

0,0

Beschreibung

Deutschland im Jahre 2030. Der ehemalige Lokomotivführer Robert Lukat hat ein System entdeckt, mit dessen Hilfe er seine karge Rente auf Kosten der Deutschen Bahn aufbessern kann. Er nutzt die zahlreichen Verspätungen und die damit verbundenen Entschädigungen hemmungslos aus, Alles völlig legal und steuerfrei! Natürlich ist er auf diese Weise jeden Tag mit der Bahn unterwegs, was ihm die absonderlichsten Erlebnisse und Abenteuer einbringt. Humoristische, sarkastische, ironische Seitenhiebe, Ermahnungen, das Herz und den Verstand zu gebrauchen, sorgen dafür. dass das Buch viel zu schnell zu Ende gelesen ist.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wulf Köhn

Umsteiger

Science Fiction Roman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Umsteigen, starkes Verb

Der Umsteiger

Ein ganz normaler Tag

Der Leichentransport

Ein Rucksack voller Überraschungen

Rosi geht spazieren

Fahrscheinkontrolle

Ankerzentrum Nord

Talpa

Das Harzer Wasserregal

Lissy

Die Katastrophe

Ein starkes Team

Der Molch

Deutsche Landfrauen

Die Rettung beginnt

Exodus

Die Tropfsteinhöhle

Lukats letzte Fahrt

Lokführergeschichten

Der Zolli

Das Gericht

Die letzte Etappe

Mailand

Der Ziegenexpress

Das Linneli

Die verlorene Tochter

Personen und Begriffe:

Über den Autor

Impressum neobooks

Umsteigen, starkes Verb

Definition: den Bus/Zug/die Bahn wechseln, mit einem anderen Bus/Zug/einer anderen Bahn weiterfahren.

Umsteiger: Substantiv, maskulin, jemand, der umsteigt.

Duden

Der Umsteiger

Robert Lukats Wohnung lag für seine Zwecke recht günstig. Er wohnte nur wenige Meter vom Bahnhof Großburgwedel entfernt. Von dort aus konnte er innerhalb einer halben Stunde Hannover erreichen. Das war der tägliche Ausgangspunkt für seine Unternehmungen. Leider hatte der „Metronom“, der Nahverkehrszug nach Hannover, selten Verspätungen. Das war bedauerlich, doch von Hannover aus ergaben sich viele Möglichkeiten. Als ehemaliger Lokomotivführer kannte er sich bestens aus. Er hatte fast alle Fahrpläne im Kopf – oder zumindest auf seinem Tablet – und konnte deshalb schnell reagieren.

Seit drei Jahre war er im Ruhestand, doch die kümmerliche Rente, die er trotz seines langen Arbeitslebens bekam, reichte vorne und hinten nicht. Seitdem es die Einheitsrente gab – angeblich aus Gründen der Gleichbehandlung – entsprach diese nur noch der Höhe des Sozialsatzes. Für alle! Ohne Rücksicht auf die Höhe der einbezahlten Rentenbeiträge oder die Anzahl der Arbeitsjahre. Das war schon seit dem Beginn seiner „Verrentung“ so. Was für ein unsinniges Wort! Man könnte genauso gut „Verarmung“ sagen.

Seit dem Tod seiner Elfriede lebte er allein. Er bekam noch nicht einmal Witwerrente. Die hatte man ebenfalls abgeschafft. Mit seinem Sohn Jan hatte er sich schon vor etwa acht Jahren verkracht. Es war wirklich ein nichtiger Anlass gewesen. Lukat konnte sich gar nicht mehr erinnern, worum es ging, doch keiner wollte nachgeben. Schließlich war Jan ausgezogen. Elfriede hatte noch eine Zeit lang versucht, den Kontakt aufrecht zu erhalten, aber Robert wollte davon nichts hören.

Solange er noch als Lokomotivführer gearbeitet hatte, machte ihm das nichts aus. Er war ja täglich unterwegs – manchmal kam er tagelang nicht nach Hause.

Für Elfriede war das sicherlich nicht einfach. Sie musste allein mit dem Haushalt zurechtkommen, was ihr zunehmend mehr Probleme bereitete, zumindest was die täglichen Hausarbeiten betraf. Sie beschlossen, sich eine Putzfrau „zuzulegen“.

Das war gar nicht so einfach, zumindest nicht auf legale Weise. Mehrmals hängten sie eine Karte auf der Infowand ihres Supermarktes aus: „Haushaltshilfe für 2 Stunden wöchentlich gesucht“. Haushaltshilfe klang besser als Putzfrau. Das sollte alles über die Minijobzentrale laufen, die sich um Steuern, Sozialabgaben und den gesamten behördlichen Kram kümmern konnte.

Doch keine der Damen, die an der Putzstelle interessiert waren, wollte das legal machen. Sie waren nur an Schwarzarbeit interessiert. Dabei waren Robert und Elfriede bereit, mehr als den Mindestlohn zu zahlen.

Schließlich beauftragten sie ein örtliches Dienstleistungsunternehmen, welches eine wahre „Perle“ schickte, die wöchentlich zwei Stunden lang die Wohnung in einem gepflegten Zustand erhielt.

Elfriedes zunehmende gesundheitliche Beeinträchtigung brachte Robert auf die Idee, doch mal ihre Pflegebedürftigkeit feststellen zu lassen. Der beauftragte Sachverständige stellte den Pflegegrad 1 fest, was nicht gerade hoch war, jedoch einen monatlichen Zuschuss für haushaltsnahe Dienstleistung versprach.

Dummerweise erkannte die Pflegekasse das gewerbliche Dienstleistungsunternehmen nicht an, weil dazu nur Institutionen zugelassen waren, welche sich in einem aufwendigen Genehmigungsverfahren qualifiziert hatten.

Nun gut, einen solchen „Pflegedienst“ fanden die beiden auch, was dazu führte, dass für weniger Leistung mehr Geld verlangt wurde. Das zahlte natürlich die Pflegekasse.

Elfriedes Tod fiel etwa mit Roberts Verrentung zusammen.

Das war im Jahre 2027, und heute schrieb man schon 2030.

In diesen drei Jahren veränderte sich für ihn alles.

Robert Lukat hatte sich anfangs fast täglich in den Metronom gesetzt, der so praktisch vor seiner Haustür hielt und war den ganzen Tag herumgefahren. Das konnte er sich dank der kostenlosen Jahreskarte für den gesamten Regionalzugverkehr der Deutschen Bahn durchaus leisten. Andere Leute mussten viel Geld für eine solche Jahreskarte bezahlen. Als Bahnbediensteter im Ruhestand bekam er sie kostenlos. Das war eine der Vorzüge seiner ehemaligen Position, die er weidlich ausnutzte.

Von Natur aus war er nämlich ein Pedant – ein Korinthenkacker, wie die Kollegen manchmal gesagt hatten. Es bereitete ihm diebische Freude, die Einhaltung aller Vorschriften zu beobachten, wozu besonders auch die Beachtung der Fahrpläne gehörte.

Mit der Einführung der gesetzlich vorgeschriebenen neuen Entschädigungsregeln bekam gerade der Fahrplan eine völlig andere Bedeutung für ihn.

Das „Gesetz zur Entschädigung von Fahrgästen bei Zugverspätungen der Deutschen Bahn“, allgemein nur „Entschädigungsgesetz“ genannt, vereinfachte die Beantragung von Entschädigungsleistungen durch Zugverspätungen erheblich. Bis dahin musste der Bahnkunde auf endlosen, kaum zu verstehenden Fragebögen den finanziellen Nachteil, der ihm durch eine Verspätung entstanden war, nachweisen. Diese Beweispflicht war durch das Entschädigungsgesetz umgekehrt worden. Die Bahn – dazu gehörten auch alle Privatbahnen – musste nun bei jeder Zugverspätung einen Euro pro Minute an den Bahnkunden zahlen, wenn er nachweisen konnte, dass er in einem Zug mit Verspätung gesessen hatte. Das war mit der gleichzeitig eingeführten digitalen Fahrgastüberwachung (DFÜ) völlig problemlos.

Dieses DFÜ baute auf der allgemeinen Personenidentifikation (allgPI) in der EU auf. Jeder Bürger der EU wurde sofort nach der Geburt mit einem ID-Chip versehen, der in die Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand implantiert wurde. Auf diese Weise gab es eine lückenlose Erfassung, der sich niemand entziehen konnte. Für zeitweise anwesende Personen, zum Beispiel Touristen, Flüchtlinge oder Asylanten, gab es Sonderregelungen, doch diese waren für Robert Lukat ohne Belang.

Er bestieg jeden Tag den Metronom, um seinen Tag möglichst gewinnbringend in verspäteten Zügen zu verbringen. Sobald er den Zug betrat, wurde seine Anwesenheit erfasst. Das galt natürlich auch für alle anderen Fahrgäste. Eine Fahrkarte musste niemand mehr kaufen. Schwarzfahren war praktisch unmöglich. Darin lag auch der Vorteil für die Deutsche Bahn. Die Einsparungen durch den Wegfall von Einnahmen durch Leistungserschleichung – so wurde das Schwarzfahren behördlich bezeichnet – waren höher als die Entschädigungszahlen bei Zugverspätungen.

Hatte der Zug bereits bei Abfahrt eine Verspätung, wurde die entsprechende Entschädigung als Gutschrift von dem Fahrpreis abgezogen. Für Lukat war das besonders günstig, da er auf allen Regionalverbindung ohnehin Freifahrt hatte. Auf diese Weise gab es nur ein Haben auf seinem Kundenkonto, das ihm monatlich ausgezahlt wurde. Sein Trick war es nun, möglichst viele Züge mit Verspätung zu erwischen.

Das war komplizierter, als man sich das vorstellen konnte, denn ein Gewinn auf dem Konto wurde auch gleich wieder eliminiert, wenn der Zug eine Verspätung aufholte. Es brachte also nichts, wenn Lukat zu lange in einem Zug sitzen blieb. Am günstigsten war es, einen Zug mit Verspätung zu besteigen, um ihn dann am nächsten Bahnhof wieder zu verlassen. Dann hatte er seine Euros in Sicherheit.

Doch auch diese Regel war nur bedingt anwendbar. Lukat musste jedes Mal eine Analyse der Möglichkeiten anstellen. Es konnte ja sein, dass der Zug seine Verspätung noch vergrößerte. Dann war es besser, sitzen zu bleiben. Andererseits musste er auch beachten, wo er ausstieg. Es ergab keinen Sinn, in einem Kuhdorf zu landen, wo der nächste Zug erst zwei Stunden später kam. Das musste – im wahrsten Sinne des Wortes – Zug um Zug gehen.

Robert Lukat war ein Meister im Umsteigen. Nur durch häufiges Umsteigen konnte er alle Möglichkeiten ausschöpfen. Das machte im keiner nach. Er wurde deshalb im Kreise seiner noch aktiven Kollegen auch als „Umsteiger“ bezeichnet, was er wie eine persönliche Auszeichnung hinnahm.

Auf diese Weise konnte er an guten Tagen bis zu 50 Euro dazuverdienen – im Schnitt monatlich etwa 1000. Das war mehr als seine Standardrente, und vor allem steuerfrei und völlig legal.

Allerdings war er auch täglich acht bis zehn Stunden unterwegs.

Anfangs hatte ihm die Bahnverwaltung noch einen Strich durch die Rechnung machen wollen. Man weigerte sich, ihm die erlangten Guthabenpunkte auszuzahlen, mit der Begründung, ihm würden als Rentner keinerlei finanzielle Nachteile entstehen. Das wollte Lukat nicht so ohne weiteres hinnehmen und klagte das Geld ein.

Der Richter hörte sich die Argumente beider Parteien sorgfältig an, bis er feststellte, dass der Wortlaut des Gesetzes keine Begründung mehr verlangte.

Auch den Einwand der Bahn, der Kläger würde die Fahrten nur vornehmen, um Entschädigungsleistungen zu kassieren, lehnte der Richter ab. Jeder Rentner hat das Recht, seinen Lebensabend und seine Freizeit nach eigenem Gutdünken zu verbringen. Er muss dabei den Sinn und Zweck oder sogar die Notwendigkeit seiner Fahrten nicht begründen, weil das Gesetz eine solche Begründung nicht verlange. Auch verstoße die Tätigkeit des Klägers nicht gegen die guten Sitten. Abschließend schlug er den Parteien einen Vergleich vor, um ein öffentlichkeitswirksames Urteil zum Nachteil der Bahn zu vermeiden.

Der Vertreter der Bahn bot deshalb an, die geforderten Leistungen auch für die Zukunft anzuerkennen, wenn sich der Kläger zum Stillschweigen verpflichte. Im Weigerungsfalle würde man höhere Instanzen aufrufen, um ein Präzedenzurteil herbeizuführen. Das war natürlich für die Bahn außerordentlich riskant, denn ein solches Urteil hätte einen großen Teil der Öffentlichkeit animiert, es dem Kläger gleichzutun.

Doch Lukat stimmte dem Vergleich zu und bot an, seine Klage zurückzuziehen, wenn die Bahn die Gerichtskosten übernahm, die sonst an ihm hängengeblieben wären. Mit saurer Miene stimmte der Anwalt der Bahn ebenfalls zu, was für diese sicherlich kein großer Verlust war.

Auf diese Weise durfte Robert Lukat seinem einträglichen Nebenerwerb ohne Einschränkungen nachgehen.

Ein ganz normaler Tag

Bei seinen noch aktiven Kollegen hatte sich das alles natürlich schnell herumgesprochen. Er war bald bekannt, wie ein bunter Hund. Möglicherweise entwickelte sich manchmal sogar ein positiver Wettbewerb. Sobald ihn die Kollegen irgendwo entdeckten, versuchten sie, Verspätungen zu vermeiden oder wieder aufzuholen.

Er fuhr immer ohne Gepäck, doch eine Umhängetasche mit ein paar belegten Broten, einer Thermosflasche mit Tee und seinem wichtigsten Utensil, dem Tablet führte er mit. Darauf konnte er jede Zugverbindung und jede Verspätung ablesen. Diese App stand jedem anderen Reisenden auch zur Verfügung.

Der Beginn war jeden Morgen um 08.57 Uhr am Gleis 2 des Bahnhofs Großburgwedel. An diesem Montag kam der Zug ausnahmsweise mal mit 2 Minuten Verspätung an. Das brachte die ersten zwei Punkte an diesem Tag. Lukat überlegte, ob er am Bahnhof Isernhagen wieder aussteigen sollte, um sich die Punkte zu sichern. Dann hätte er allerdings eine ganze Stunde auf den nächsten Zug warten müssen. Das lohnte den Aufwand also nicht.

Am Bahnhof Langenhagen war die Verspätung schon zur Hälfte aufgeholt und in Hannover fuhr der Zug pünktlich ein. Die zwei Punkte waren also wieder futsch.

Das machte ihm nichts aus. Meist fuhr der Metronom sogar ohne Verspätung. Das wäre dann aufs Gleiche herausgekommen.

Unterwegs hatte Lukat schon eifrig sein Tablet studiert, insbesondere den Ausdruck der Anzeigetafel. Für zwei Züge war Verspätung gemeldet. Der IR nach Gifhorn fuhr 10 Minuten später. Das brachte 10 Punkte, allerdings hatte der Metronom Richtung Göttingen wegen einer Baustelle sogar 30 Minuten Verspätung. Der Zug fuhr also erst eine halbe Stunde später ab. Lukat rechnete blitzschnell. Wenn er den Zug nach Gifhorn nahm und nur bis Lehrte fuhr, konnte er mit dem Gegenzug noch zurückfahren und rechtzeitig den Zug nach Göttingen erreichen. Das war natürlich nur wegen dessen Verspätung möglich. Sobald er in diesem Zug saß, hatte er bereits 40 Punkte auf dem Konto. Das war ungewöhnlich viel.

Es klappte! Zumindest bis Hannover. Er musste den Zug nach Göttingen nur so schnell wie möglich wieder verlassen, um die Punkte zu sichern. Das war frühestens in Sarstedt möglich. Der Gegenzug war aber gerade abgefahren, was auf eine einstündige Wartezeit hinauslief. Fuhr er weiter, verkürzte sich auf jedem Bahnhof die Wartezeit und war in Alfeld fast ausgeglichen. Es lohnte sich also, zunächst auf den weichen Sesseln des Zuges zu verweilen, als auf einem zugigen Bahnsteig herumzustehen. Allerdings vergrößerte sich das Risiko, die gewonnenen Punkte wieder zu verlieren.

An diesem Montag war es regnerisch, also blieb Lukat erst einmal sitzen, zumal auch der Gegenzug wegen der Baustelle mit Verspätung fahren würde.

Auf dem Bahnhof Banteln fuhr gerade der Gegenzug ab. Wo kam der denn plötzlich her? Das brachte Lukats Berechnungen völlig durcheinander. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass sein eigener Zug inzwischen mächtig aufgeholt hatte. Die Verspätung war auf 10 Minuten zusammengeschrumpft. Das war ein Verlust von 20 Punkten. Wäre er mal in Sarstedt ausgestiegen!

Doch das nahm Lukat mit verbissenem Ehrgeiz. Es gab jetzt zwei Möglichkeiten für ihn. Entweder er stieg in Alfeld aus und wartete eine Stunde auf den Gegenzug oder er fuhr bis zu einer Umsteigemöglichkeit weiter. Das war frühestens in Göttingen, also eine halbe Stunde später. Diese Zeit nutzte er für eine ausgiebige Frühstückspause im Zug und holte seine Butterbrote hervor, während er an den Sieben Bergen vorbei durch das Leinetal fuhr.

Auf den Metronom war erfahrungsgemäß Verlass. Leider nicht in Lukats Interesse, denn in Göttingen war die komplette Verspätung wieder aufgeholt. Eine Baustelle hatte er nirgendwo gesehen. Wo sollte denn diese gewesen sein? Schade! Die 30 Minuten von Hannover waren futsch. Störungen auf der Rückfahrt nach Hannover waren nicht zu erwarten.

Inzwischen war es schon 10.00 Uhr. Er schaute sich auf dem Eingangstableau des Bahnhofs die folgenden Abfahrten an. Nur der IR Richtung Glauchau in Sachsen fuhr mit Verspätung ab. Das könnte ihn einigermaßen entschädigen. Er wollte zwar nicht nach Sachsen, doch in Nordhausen konnte er wieder aussteigen und den Harz umfahren. Das war eine komplizierte Strecke mit vielen kürzeren Verbindungen, gab ihm aber bei jedem Umsteigen die Chance, weitere Punkte zu sammeln.

Bei der Abfahrt nach Glauchau hatte Lukat zunächst 16 neue Punkte auf dem Konto. Die galt es jetzt zu retten.

Er hatte sich in eine schlecht zugängliche Region manövriert. Er wollte ja schließlich abends wieder zu Hause sein.

Er wählte also die Bimmelbahnstrecke, wie er sie immer nannte. Eigentlich war sie zur Bewältigung längerer Strecken völlig ungeeignet, doch für Lukat genau richtig. Nicht ohne Grund nannte man ihn Umsteiger.

Als er in Nordhausen ausstieg, hatte sich sein Punktekonto auf 18 Punkte erhöht. Die damit verbundene Verspätung brachte ihm aber weitere 18 Punkte, denn der IR nach Bad Lauterberg hatte als Anschlusszug gewartet.

In Bad Lauterberg musste Lukat vom Bahnhof 300 Meter bis zum Domänenweg laufen. Dort hielt der Bahnbus nach Herzberg. Er kam leider pünktlich und erreichte schon 15 Minuten später Herzberg. Weiter ging es über Osterode, Seesen, Bockenem und Hildesheim nach Hildesheim und von dort aus mit Bussen des Regionalverbands über Nordstemmen nach Sarstedt, wo er wieder den Metronom Göttingen – Uelzen erreichte.

Als er gegen 19.00 Uhr zu Hause in Großburgwedel ankam, hatte er insgesamt 13 Bahn- oder Busverbindungen benutzt und 52 Punkte eingesammelt.

52 Euro in 10 Stunden – das war ein magerer Stundenlohn. Aber im Laufe eines Monats kam trotzdem so einiges zusammen. Außerdem hatte er ja Zeit, kam etwas herum und konnte Leute beobachten. Das machte er besonders gern.

Der Leichentransport

Einige Tage später hatte der Metronom ausnahmsweise mal Verspätung. Er kam bereits 20 Minuten zu spät in Großburgwedel an und behielt diese auch bis nach Hannover. Das war ein guter Beginn.

Allerdings blieb Lukat dadurch nur wenig Zeit für den Anschlusszug nach Goslar, den er sich ausgesucht hatte.

Als der Metronom in den großen Bahnhof Hannover einfuhr, stand der Interregio „erixx“ nach Goslar schon auf dem Nachbargleis. Das konnte knapp werden, denn um dorthin zu gelangen, musste Lukat den Bahnsteig wechseln. Der erixx stand zwar direkt neben ihm – er konnte fast mit der Hand hinüberreichen – jedoch auf dem benachbarten Bahnsteig. Da galt es, zunächst den eigenen Bahnsteig zu verlassen, die Treppe bis zum Verbindungsgang hinabzusteigen, sich zwischen den vielen Bahnreisenden hindurch zu drängeln, die nächste Treppe wieder nach oben zu eilen … Das war niemals zu schaffen!

Aber wozu war Lukat einmal Lokomotivführer gewesen? Er kannte alle Tricks! Auch die verbotenen!

Zum Glück war er in den letzten Wagen des Metronoms eingestiegen. Genau der hinteren Tür gegenüber befand sich die hinterste Tür des erixx … und dazwischen lag der Lokführersteg. So wurde der kurze Holzsteg genannt, der die Züge miteinander verband, um den Lokomotivführern im Bahnhof einen kurzen Wechsel von Zug zu Zug zu ermöglichen. Die dem Bahnsteig abgewandten Türen waren natürlich gesperrt, damit niemand versehentlich auf der falschen Seite ausstieg. Doch Lukat kannte den Trick, um die Türen zu öffnen.

Das tat er jetzt. Schnell löste er die Sperre, öffnete die Tür und sprang auf den Steg hinaus. Sorgfältig verriegelte er die Tür hinter sich und entriegelte die Tür des anderen Zuges. Ein kleiner Schritt nach oben – und schon stand er im letzten Waggon des IR, der im selben Moment abfuhr.

Geschafft! Das war knapp!

Doch als sich Lukat umsah, stockte ihm beinahe der Atem. Das Abteil war lediglich mit zwei brennenden Kerzen beleuchtet, die auf einem kleinen Tisch an der Querwand standen. Daneben hatten sich zwei dunkel gekleidete Männer von ihren Sitzen erhoben und starrten ihn erschrocken an. Der uniformähnlichen Kleidung nach, waren es vermutlich Sargträger, denn in der Mitte des kleinen Abteils stand ein Sarg. Das war richtig unheimlich.

Lukat erinnerte sich, dass die Bahn mitunter auch Leichentransporte in besonderen Abteilen durchführte. Das war von außen nicht zu erkennen. Man wollte ja die übrigen Reisenden nicht unnötig erschrecken. In der Trennwand zum Rest des Wagens befand sich deshalb auch eine verschlossene Tür, die nur mit einem Spezialschlüssel geöffnet werden konnte.

In einem solchen Abteil war Lukat nun dummerweise gelandet, und es war nicht feststellbar, ob er selbst oder die Sargbegleiter erschrockener darüber waren.

Lukat fasst sich schnell.

„Guten Morgen, die Herren!“, grüßte er verlegen. „Ich wusste nicht … Tut mir leid, dass ich so hereingeplatzt bin.“

„Guten Morgen!“, grüßte der kleinere der beiden. Er trug eine Schirmmütze und legte einen Finger an den Schirm, bevor er sie abnahm und unter den Arm klemmte.

Der Größere starrte Lukat mit Glubschaugen an und sagte gar nichts. Er hatte eine Glatze – seine Mütze lag bereits auf dem Tisch.

„Mein Beileid!“, begann Lukat erneut.

„Da sind Sie bei uns an der falschen Adresse!“, wehrte der Kleinere ab. „Wir sind nur die Begleiter. Wir überführen den Verblichenen lediglich. Aber wie kommen Sie denn hier rein? Man hat uns versprochen, dass die Ruhe des Verstorbenen nicht gestört wird.“

„Das war ein Versehen!“ gab Lukat zu. „Ich ahnte ja nicht, dass hier eine Leiche transportiert wird.“

„Gehören Sie zum Bahnpersonal?“, fragte jetzt der Glatzkopf. Er hatte einen seltsam lauernden Gesichtsausdruck.

„Nicht mehr – ich war mal Lokomotivführer. Da kenn ich mich aus!“, erklärte Lukat.

„Aha“, überlegte der Kleine. „Dann verschwinden Sie einfach wieder!“

„Kein Problem!“, nickte Lukat. Er verspürte ebenfalls den Wunsch, diese unheimliche Stätte zu verlassen. „Beim nächsten Halt steige ich aus!“

„Es wäre uns aber lieber, Sie verschwinden sofort!“, fauchte der Glatzkopf jetzt giftig.

Nanu? Was war denn in den gefahren?, überlegte Lukat, doch dann ging er bereitwillig zu der Zwischentür und probierte, ob sie sich öffnen ließ.

Dazu war aber ein Schlüssel erforderlich, den er nicht besaß.

„Dann muss ich eben warten!“, gab er resigniert zu. Was sollte schon passieren?

Unschlüssig blieb er an der Tür stehen. Es gab nur zwei Stühle in dem Abteil, die – ebenso wie der Tisch – mit dem Boden verschraubt waren. Dort saßen die beiden Sargträger und schauten ihn an. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als stehen zu bleiben.

Wann würde der Zug das erste Mal halten?

Er holte sein Tablet aus der Umhängetasche und schaute nach. Merkwürdigerweise fand er den Zug nicht, in dem er sich befand. Normalerweise hätte er mit einem einzigen Blick den Zug und sein Punkteguthaben ablesen können.

Nach der Anzeige befand er sich jedoch noch auf dem Bahnhof Hannover – mit einem Guthaben von 20 Punkten. Warum wurde der Zugwechsel nicht angezeigt?

Im DB-Rechenzentrum Hannover wurde ein IT-Controller auf die rote LED-Warnanzeige aufmerksam. Eigentlich hätte er schon früher den Signalton hören müssen, doch diesen hatte er abgeschaltet. Die ständige Piepserei ging ihm auf die Nerven. So fiel ihm der Alarm erst 11 Minuten später auf. Er öffnete einen Monitor, der ihm den Grund des Alarms anzeigte: In den SSE (Super-Schnell-Express) nach Mailand war eine unbefugte Person in einen gesperrten Bereich eingedrungen. Als er sah, um wen es sich handelte, griff er zum Telefon und rief den Fahrdienstleiter an.

„Hallo Ben“, erzählte er. „Der Umsteiger ist mal wieder unterwegs!“

„Hallo Kurt! Du meinst den alten Lukat?“, fragte Ben zurück. „Der ist doch jeden Tag unterwegs und sammelt Verspätungen!“ Fast alle Kollegen im Umkreis von Hannover wussten von Lukats außergewöhnlichem Hobby.

„Ja, aber diesmal sitzt er im SSE nach Mailand“, ergänzte der Controller. „Da bekommt er doch unmöglich Punkte! Der Zug hatte noch nie Verspätung! Es sei denn …“

„Was willst du damit andeuten?“, fragte Ben zurück.

„Es sei denn, er hat Informationen über einen Zugzwischenfall“, überlegte der Controller.

„Wie bist du denn auf den Umsteiger gekommen?“, wollte Ben jetzt wissen.

„Das ist ja das Verrückte!“, platzte der IT-Mann heraus. „Er befindet sich im Leichenabteil. Dort werden statt zwei Personen plötzlich drei angezeigt. Dafür gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder, er ist widerrechtlich dort eingedrungen oder er lag im Sarg und ist wieder auferstanden.“

„Das glaubst du ja wohl selbst nicht!“, zweifelte der Fahrdienstleiter.

„Dem Umsteiger traue ich alles zu!“, behauptete der Controller. „Aber Scherz beiseite: Im Sarg liegt die Leiche eines Bankers aus Zürich, der in die Schweiz übergeführt werden soll. Sein ID-Chip wurde vor dem Einsargen deaktiviert. Von dort gibt es also keine Anzeige. Der Sarg wurde bereits zwei Stunden vor der Zugabfahrt auf Gleis 5 in den Spezialwagen verladen. Das ist ein reines Rangiergleis, zu dem kein Fahrgast Zugang hat. Der SSE nahm dort den Sargwagen auf und fuhr zum Gleis 6, um die Fahrgäste aufzunehmen. Wegen der Rangiermaßnahmen fuhr der SSE ausnahmsweise von diesem Gleis ab, wo normalerweise der IR nach Goslar steht. Das hatte leider zu Beschwerden einiger Fahrgäste geführt, obwohl die Änderung lange vorher angezeigt worden war. Zum Glück hatte es aber keinerlei Verspätung gegeben.“

„Und was ist jetzt mit Robert Lukat?“, fragte der Fahrdienstleiter ungeduldig.

„Der ist praktisch genau im Moment der Abfahrt im Sargabteil aufgetaucht. Auf welchem Wege auch immer. Jetzt befinden sich die beiden Sargbegleiter und er in dem Abteil“, schloss der Controller seinen Bericht.

„Ich verstehe“, überlegte Ben. „Wäre er in einen anderen Wagen zugestiegen, hätte es keinen Alarm gegeben. Er wäre lediglich als Fahrgast registriert worden. Die Zusatzgebühren für den SSE wären automatisch von seinem Konto abgebucht worden. Das könnte womöglich die Lösung sein. Der Zug hält nur in Frankfurt, Basel und Mailand. Aus irgendeinem Grund muss er in eine dieser Städte und will die Fahrkosten sparen. Im Leichenabteil wird er nicht als Fahrgast registriert.“

„Dafür hat er aber einen Alarm ausgelöst!“, gab der Controller zu Bedenken.

„Irgendetwas stimmt da nicht!“, resümierte der Fahrdienstleiter. „Das passt alles nicht zu Robert. Er kommt frühestens in etwa zwei Stunden in Frankfurt wieder raus. Bis dahin ist das Abteil verschlossen. Ich werde die Bundespolizei in Frankfurt informieren. Die kann sich dort mal umsehen.“

„Mach doch nicht solchen Aufstand!“, besänftigte der Controller. „Wer weiß, was Lukat vorhat? Wir wollen ihm doch keinen Ärger machen!“

„Lukat muss einen Hinweis auf eine Verspätung des SSE haben. Sonst wäre er nicht dort eingestiegen. -- Andererseits kommt die Verspätung nicht seinem Punktekonto zugute, wenn er im Leichenabteil sitzt. Das ergibt alles keinen Sinn!“

„Wir sollten uns auf irgendeinen Zwischenfall vorbereiten. Ich behalte ihn im Blick. Ich habe ja sein Signal!“

Zum gleichen Zeitpunkt ahnte Lukat nicht, was sich da zusammenbraute. Er konnte langsam nicht mehr stehen, und die Sargbegleiter machten keine Anstalten, ihm einen Platz anzubieten.

„Wo soll denn die Reise hingehen?“, fragte er mit einem Blick auf den Sarg.

„Nach Basel“, erwiderte der Glatzkopf mürrisch.

„Nach Basel?“, fragte Lukat irritiert. „Der Zug fährt doch nur bis Goslar! Und von dort gibt es keine Zugverbindung nach Basel!“

Die beiden Männer sahen sich an. „Wo sollen wir hier sein?“, fragte der Kleine. „Im Zug nach Goslar? Das muss ein Irrtum sein!“

Lukat schwieg. Das Abteil hatte keine Fenster, durch die er hinaussehen konnte. Dann hätte er sofort gesehen, wo sie sich befanden. Er kannte jeden Kilometer des Norddeutschen Streckennetzes. Weil er nicht mehr stehen konnte, setzte er sich kurzerhand auf den Sarg, was sofort den Unmut der Männer hervorrief. Empört warfen sie ihm Pietätlosigkeit und Störung der Totenruhe vor, so dass Lukat wieder aufstand.

Resigniert ließ er sich an der Wand nieder. Das war noch unbequem genug. Von der Fahrzeit her, musste der erixx jedoch längst in Sarstedt gehalten haben. Nach Fahrplan hätte er sogar schon Hildesheim hinter sich gelassen. Da stimmte etwas nicht! Lukat sah ein, dass er sich wirklich im SSE nach Basel befand. Das bedeutete, dass er bis Frankfurt nicht mehr aus dem Leichenabteil herauskam. Er musste also bis Mittag noch auf dem unbequemen Fußboden ausharren.

Die beiden Männer waren nicht gerade angenehme Reisebegleiter. Misstrauisch starrte sie ihn die ganze Zeit an und schwiegen. Brachte der Beruf das mit? Immer in Begleitung eines Toten?

Endlich ergriff der Glatzkopf noch einmal das Wort. „Sind wir wirklich im Zug nach Goslar?“, wollte er wissen.

„Ich fürchte, ich habe mich geirrt“, gab Lukat zu. „Dann hätten wir schon mehrmals gehalten. Es sieht so aus, als säßen wir tatsächlich im SSE nach Mailand.“

„Basel“, berichtigte der Kleine.