Umzug nach Sylt - Ben Bertram - E-Book

Umzug nach Sylt E-Book

Ben Bertram

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Beschreibung

Einiges hatte sich in Nicks Leben verändert. Seine Beziehung war in die Brüche gegangen, weil sie ihn zu sehr einengte, und auch einer seiner besten Freunde hatte sich von ihm entfernt. Für Nick war das der perfekte Zeitpunkt, noch einmal durchzustarten und auf Sylt ein neues Leben zu beginnen. Kaum auf der Insel angekommen, stellt er fest, dass diese Entscheidung genau richtig für ihn war. Schnell merkt er, dass er mit seinem neuen Nachbarn Franky auf einer Wellenlänge liegt, und als auch noch sein Freund Carlos zu Besuch kommt, steht den drei Männern einem perfekten Sommer nichts entgegen. Gemeinsam wird gesurft, fotografiert und die Insel der Schönen und Reichen erobert. Aber nicht nur das. Nick trifft dort auch auf ein kleines achtjähriges Mädchen. Eine Begegnung, die ein Gefühlschaos in ihm auslöst.

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Inhaltsverzeichnis

Immer weiter

Dann müssen wir wohl weg!

Carlos und ich

Rückruf?

Endlich da

Schmerzen

Zurück nach Rügen

Billard

Hamburg

Bahnhof Altona

Geilomaten-Franky

Bobby on Tour

Wir kommen

Meine Wohnung

Mein Papa

Frühstück

Kleines Mädchen

Unsere gelbe Rose

Der Abend geht weiter

Das Zimmer

Lina

Namen

Endlich Wind!

Oma

Carlos kommt

Das Strandzelt

Bahnhof Westerland

Windfinder

Nachrichten

Frankys Wünsche

Sven und Tjark

Jetzt geht’s los …

Endlich

Einlauf von Christa!?

Eine Lesung

Partytime

Du schon wieder

Hüftschaden

Mein Gespräch mit Christa

Klingeln ist schön

Auf geht es

Geschafft

Der nächste Morgen

Umzug nach Sylt

Von Ben Bertram

Alle Rechte vorbehalten!

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors!

Im Buch vorkommende Personen und die Handlung dieser Geschichten sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Text Copyright © Ben Bertram, 2016

Impressum:

Text:

Ben Bertram

Alsterdorfer Straße 514

22337 Hamburg

E-Mail: [email protected]

Covergestaltung:

Ben Bertram

Motivbild:

© Ben Bertram

Korrektorat / Lektorat:

Bartel

Immer weiter

Das Leben lässt sich nicht planen!

Und ich musste ganz ehrlich zugeben, dass ich froh darüber war.

Auch wenn ich, vor gar nicht so langer Zeit, mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hatte, wurde ich unruhig. Irgendeine Macht zog mich in ihren Bann und ich brauchte eine ganze Weile, bis ich begriff, welche Macht es war.

Als ich endlich darauf gekommen war, musste ich lachen. Total unnötiger Weise hatte ich mir einige Wochen, oder waren es sogar Monate, meinen Kopf darüber zerbrochen. Ich war unruhig, unausgeglichen und mir gingen total unwichtige Kleinigkeiten auf den Keks.

Ich erkannte mich zunächst selbst nicht wieder.

Doch als ich endlich kapiert hatte, was es war, machte ich mich auf den Weg. Ich wurde gerufen. Gerufen von einem guten Freund.

Nein, nicht von einem anderen Menschen.

Gerufen wurde ich von mir selbst. Von meinem unbändigen Drang nach Freiheit.

Ich hatte keine Chance. Ich musste auf mich hören, auch wenn ich mal wieder keine Ahnung hatte, was mich erwarten würde.

Aber genau das, machte die Sache ja erst so richtig interessant!

Auf geht’s, begleitet mich doch einfach auf meiner

„Männertour… Die Zweite…!“

Oder auch, auf dem „Umzug nach Sylt…!“

Dann müssen wir wohl weg!

Kann man einen Ort als seine Heimat bezeichnen, wenn man sich dort nicht mehr so richtig wohlfühlt?

Oder eine Beziehung?

Ist eine Beziehung noch eine Beziehung, wenn man mehr aneinander vorbeilebt, anstatt gemeinsame Dinge zu erleben?

Kann man irgendwo bleiben, wenn einen der Drang nach Freiheit fortzieht?

In dem Moment, als ich mir fast täglich diese Fragen stellte, wusste ich, dass ich mal wieder irgendetwas in meinem Leben verändern musste.

Ich hatte Glück.

Oder musste ich sagen, dass Carlos Pech hatte?

Wie auch immer. Carlos erging es ähnlich wie mir und so rissen wir einfach aus. Natürlich war es nicht mutig von uns, sich einfach nur mit einem Brief von Antje und Vicky zu verabschieden. Trotzdem wählten wir diesen Weg und machten uns aus dem Staub.

Weg von Rügen.

Endlich wieder los. Ab in die weite Welt hinaus. Wir wollten versuchen, unsere Köpfe wieder frei zu bekommen. Es sollte auch gar keine lange Tour werden.

Wir brauchten einfach etwas Zeit für uns. Das Gewohnte zurücklassen und nur für uns da sein. Das machen, was wir so liebten.

Waren wir zu egoistisch? Ich glaube nicht. Wenn es tatsächlich Egoismus war, dann nur ein gesunder. Wir hatten keine andere Chance. Wir mussten es machen. Die Enge war einfach unerträglich für uns geworden. Leider nicht nur die Enge.

Auch unsere Mädels hatten sich verändert. Zumindest empfanden wir es so. Wir mussten diese Tour starten, um herauszufinden, ob wir noch ein Leben führten, wie wir es mochten. Ich musste endlich für mich feststellen, ob ich Antje noch liebte und ob eine Beziehung mit ihr noch Sinn hatte.

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, ob der Vorschlag von mir kam. Es könnte auch Carlos gewesen sein, der sagte,

„Los Alter, lass uns ein paar Tage abhauen.“

Anton hatte sich seit einiger Zeit bereits von uns abgewandt.

Seine Beziehung zu Anna war zerbrochen, da sie diese Enge und Eifersucht von ihm nicht mehr ertragen konnte. Was mit unserer Freundschaft passiert war, ist nur schwer zu erklären. Wir verbrachten einfach immer weniger Zeit miteinander und irgendwann war der Kontakt komplett abgebrochen.

Zunächst fand ich es sehr schade. Je mehr Gedanken ich mir jedoch darüber machte, je klarer wurde mir, dass unsere Freundschaft zuletzt nur noch eine leere Hülle war. Gespräche hatten wir nur noch über Pillepalle geführt, und wenn einer ein Problem hatte, machte er sein Problem lieber mit sich alleine aus.

Ich hatte zum Glück noch immer Carlos an meiner Seite und freute mich sehr, einen Menschen zu kennen, der einem nicht nach dem Mund redete, sondern mir klipp und klar seinen Standpunkt zu unseren gemeinsamen Problemen mitteilte.

Außerdem war Anton, nennen wir es mal vorsichtig, größenwahnsinnig geworden. Sein Dasein als Besitzer einer Bar hatte ihn zu einem anderen Menschen gemacht. Leider zu keinem Besseren.

Carlos und ich

Als Carlos und ich die Grenze nach Dänemark überquert hatten, war die Sonne dabei aufzugehen und nach längerer Zeit hatten wir endlich wieder das Gefühl von Freiheit.

Unser schlechtes Gewissen wurde mit jedem Kilometer, den wir uns weiter von Rügen entfernten, besser. Die Freiheit rief nach uns und wir folgten ihr gerne.

Bobby saß in ihrer Kiste und vertilgte den Löwenzahn, den wir ihr beim letzten Zwischenstopp gepflückt hatten. Ganz entspannt wartete sie darauf, endlich wieder einen Ausflug machen zu dürfen. Da wir genauso wenig Lust wie sie, auf weitere Kilometer Autofahrt hatten, entschieden wir uns für einen Stopp beim nächsten Campingplatz.

In den nächsten Tagen wollten wir die Küsten Dänemarks erobern. Aus diesem Grund bauten wir das Vorzelt gar nicht erst auf. Während Carlos die Surfbretter fertig machte, sah ich Bobby dabei zu, wie sie sich die nähere Umgebung vom Wohnmobil ansah.

Carlos rief bereits ungeduldig nach mir, da er fertig mit dem Aufbau der Surfbretter war und endlich auf das Wasser hinaus wollte.

Ich stand auf und machte einen Schritt nach hinten. Gerade noch rechtzeitig sah ich Bobby dort sitzen und konnte zum Glück einen großen Ausweichschritt machen.

Als ich meinen nackten Fuß auf den Rasen gesetzt hatte, war ich zunächst froh, dass ich nicht Bobby erwischt hatte. Allerdings stand ich in einer schleimigen Masse. Bobby hatte gerade ihr Geschäft gemacht und wer schon mal Schildkröten-Pische gesehen hat, der weiß, dass es sich um eine ziemlich ekelige Masse handelt. Etwas dicklich, klebrig und schleimig sieht das Zeug aus und mit dem Fuß darin zu stehen, war nicht wirklich angenehm.

Ich hob mein Fuß und sah dabei zu, wie der Schleim langsam zu Boden glitt. Nach einem weiteren Schritt blieb ich stehen und wischte meinen Fuß im feuchten Gras ab.

Carlos amüsierte sich prächtig. Als Bobby wieder in ihrem Gehege im Wohnmobil saß, machten wir uns endlich auf den Weg zum Wasser.

Leider hatte ich in den letzten Wochen nicht sehr viel Zeit auf dem Wasser verbracht und so brauchte ich einen Augenblick, um wieder sicher auf dem Brett zu stehen. Der Wind war zum Glück für mich nicht sehr kräftig. Während ich dabei war, vorne im Weißwasser meine Bahnen zu drehen und kleinere Wellen abzureiten, gab Carlos bereits Gas. Er war weiter draußen. Dort war der Wind erheblich stärker und so konnte er einige coole Sprünge und waghalsige Manöver durchführen.

Nach zwei Stunden saßen wir kaputt, aber glücklich im Sand und ließen die Seelen baumeln. Wir waren am Meer, genau wie wir es sonst auch auf Rügen vor der Nase hatten. Trotzdem war es ganz anders. Wir hatten das Gefühl, als wenn wir in eine ganz andere Welt eingetaucht wären.

Eine Welt ohne Vorgaben, ohne Stress und vor allem ohne Vorschriften.

Carlos und ich brauchten normalerweise keine Worte um uns zu verständigen. Doch heute war es anders. Heute benötigten wir nicht mal Blicke dafür. Ganz automatisch standen wir zur gleichen Zeit auf, griffen nach unseren Brettern und gingen wieder hinaus auf das Wasser.

Ich fuhr hinter Carlos her und als wir weit genug draußen waren, spürte ich den Wind in meinem Segel. Der Druck des Windes wurde größer und ich nutze ihn, um auf große Geschwindigkeit zu kommen. Parallel zum Strand fuhr ich über das Wasser, und als ich eine Welle sah, brauchte ich nicht lange um mich zu entscheiden.

Ich fuhr sie an und sprang. Nicht vom Brett, sondern mit meinem Brett hoch in die Luft. Ich kam mir vor, als könnte ich fliegen. Erst als ich voll ins Wasser klatschte und merkte, dass Wasser ganz schön hart sein kann, wurde ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Der Schmerz verging relativ schnell. Mein Lachen hatte ich noch am Abend auf den Lippen und immer wieder erzählte ich Carlos von meinem Sprung, der bei jeder Erzählung einen Meter höher wurde.

Die Würstchen dampften auf dem Grill, und immer wenn sich Flammen bildeten, löschten wir diese mit dem Inhalt unserer Bierflaschen. Den Tisch hatten wir gar nicht erst gedeckt. Wir aßen direkt vom Grill und genossen es, Mann sein zu dürfen.

Es gab keine Vorschriften und es gab keine Uhr. Kein, Aber um zehn Uhr bist du doch zu Hause. Oder?

Dafür gab es Freundschaft und Surfen, und da es noch nicht dunkel war, griffen wir nach dem Essen erneut nach unseren Brettern und gingen nochmals aufs Wasser hinaus.

Etwa eine Stunde später war es stockdunkel und somit zu gefährlich, um noch weiter auf dem Wasser zu bleiben.

Wir duschten uns kurz ab und setzten uns gemütlich auf unsere Liegestühle vor das Wohnmobil. Das Bier schmeckte uns, und als wir nach dem zweiten Bier pinkeln mussten, gingen wir nicht ins Wohnmobil.

Heute waren wir echte Männer. Wir gingen zum nächsten Baum und entledigten uns im Stehen. Jeder stand auf einer Seite des Baumes, und als wir uns um den Baumstamm herum ansahen, mussten wir lachen. Carlos stand über mir und war bereits fertig.

Als ich sah, dass sich ein kleiner Fluss dabei war, sich auf den Weg zu meinen Füßen zu machen, packte ich schnell ein und sprang zur Seite.

„Ne Mücke?“, wollte Carlos von mir wissen.

„Nein. Dein Bier.“

„Dann ist ja gut.“, wir grinsten und gingen zurück zu unseren Liegestühlen.

Rückruf?

Mit einem Anruf wurden wir am frühen Morgen geweckt.

Da wir den gleichen Klingelton hatten, gaben wir uns gegenseitig die Schuld. Wir waren uns beide sicher, dass wir unser Handy auf lautlos gestellt hatten.

Recht hatte keiner von uns. Trotzdem gab es nur einen Anruf und der war auf dem Handy von Carlos zu finden. Wer es war, konnten wir allerdings nicht erkennen. Es wurde ohne Nummer angerufen.

Da wir jetzt wach waren, konnten wir auch aufstehen. Der Tag rief nach uns, die Sonne strahlte und das Meer wartete darauf, uns tragen zu dürfen.

Ein Kaffee und eine Banane mussten als Frühstück ausreichen. Obwohl noch der ganze Tag vor uns lag, hatten wir keine Zeit für ein ausgedehntes Frühstück. Unsere Surfbretter warteten auf die erste Fahrt des Tages und keine zehn Minuten später trugen wir die Bretter bereits hinunter zum Strand.

Als ich meine erste Pause einlegte, war Carlos wieder ganz weit draußen auf dem Meer. Trotzdem konnte ich sein Winken gut erkennen und nachdem ich ebenfalls gewinkt hatte, legte ich mich in den warmen Sand hinein.

Endlich wusste ich wieder, was ich wollte und noch viel mehr wusste ich, was ich nicht wollte. Surfen machte mir Spaß und ich nahm mir vor, wieder häufiger aufs Wasser zu gehen. Nicht nur hier in Dänemark. Nein, auch auf Rügen, wenn wir wieder zurückgekehrt waren. Ich brauchte diese Zeit für mich und ich genoss es, zusammen mit meinem Freund durch die Wellen zu toben.

Ja, ich musste wieder etwas in meinem Leben ändern. Da war ich mir mehr als sicher. Die Idee, meine Beziehung mit Antje zu beenden hatte ich zwar nicht. Aber einige grundlegenden Dinge mussten in unserer Beziehung verändert werden.

Ich konnte inzwischen von meinem Dasein als Schriftsteller leben. Ich wurde zwar nicht reich damit, aber ich war zufrieden. Mein Verlag hatte mir einen Vertrag angeboten und so hatte ich einen festen Job als Schriftsteller. Ich bekam ein Fixgehalt und dann kam zum Glück auch noch etwas, über meinen Anteil an verkauften Büchern, dazu.

Das Tolle war, ich konnte meinen Beruf dort ausüben, wo ich wollte.

Am Strand, im Liegestuhl oder morgens im Bett.

Es war ein toller Beruf und ich arbeitete mehr, als ich an Wochenstunden vereinbart hatte. Was natürlich daran lag, dass ich das Schreiben liebte und auch in der Freizeit oft mit meinem Notebook auf dem Schoß, meiner Berufung nachging.

Antje sah es anders. Noch immer hatte ich nicht so richtig durchschaut, ob sie mit meinem Leben oder mit meinem Beruf nicht klar kam. Immer wieder durfte ich mir anhören, dass ich dies nicht gemacht hätte oder jenes hätte machen können. Wenn ich dann zur Antwort gab, dass ich auch den ganzen Tag gearbeitet hatte, hörte ich immer den Satz,

Wieso? Du warst doch zu Hause.

Antje hatte kein Verständnis dafür, dass ich meine Zeit am Strand verbrachte und knalle braun am Nachmittag nach Hause kam. Das ich dabei gearbeitet hatte, konnte oder wollte sie nicht verstehen. Wahrscheinlich wollte sie es nicht verstehen. Schließlich hatte sie vorher ebenfalls einen Job, bei dem es ihr möglich war. Sie hatte in einem kleinen Verlag gearbeitet und war für das Lektorat der Manuskripte verantwortlich.

Durch sie war dazu gekommen Bücher zu veröffentlichen und eigentlich war alles gut.

Doch dann verließ sie den kleinen Verlag und orientierte sich um. Antje verdiente nun mehr Geld, hatte dafür bei ihrem neuen Arbeitgeber nicht mehr so viel Mitspracherecht. Ihr neuer Arbeitgeber, der auch ein Verlag war, hatte seinen Sitz auf Rügen und nun musste sie täglich dorthin und arbeiten.

Als sie dann auch noch damit begann, sich in meine Arbeit einzumischen und mir sagen wollte, wie und was ich schreiben sollte, gerieten wir immer häufiger aneinander.

Neulich warf sie mir sogar vor, dass es ihr Gehalt war, das uns diese große Wohnung ermöglichte. Eine Wohnung, in die ich nie einziehen wollte und die mir außerdem viel zu groß und spießig war.

Trotzdem war ich mir sicher, nach Rügen zurückzukehren und einen neuen Start mit Antje zu versuchen. Immerhin liebte ich sie noch.

Aufgeben wollte ich unsere Beziehung nicht. Aufgeben war feige und ich hatte Antje ja schließlich auch einiges zu verdanken.

Ich hoffte von ganzem Herzen, dass es bald wieder wie früher werden würde.

Und ich hoffte auch, dass sie mir meinen heimlichen Ausbruch mit Carlos verzeihen würde.

„Hey, du Träumer.“, Carlos stand vor mir und hielt seine Hand jetzt so, dass sie meinem Gesicht Schatten spendete.

„Fertig mit Surfen?“

„Nein. Aber jetzt ist ne Pause angesagt.“

„Auch gut. Wie wäre es mit Frühstück?“

Zusammen gingen wir zum Wohnmobil und sahen nach, was unsere Vorräte so hergaben. Wir entschieden uns für Müsli mit Obst und Milch.

Während wir frühstückten, lief Bobby über den Rasen und sah sich ganz in Ruhe um. Schnell hatte sie einen Lieblingsplatz gefunden und lag nun schon fast eine Stunde unter einem Beerenstrauch und schlief.

Wir schliefen nicht. Dafür machten wir uns Gedanken über den Anruf von heute Morgen.

„Was ist, wenn Vicky es war?“, Carlos hatte ein schlechtes Gewissen.

„Dann hat sie selbst schuld, dass sie ohne Rufnummernübermittlung angerufen hatte.“

„Aber wenn es etwas Wichtiges war?“

„Dann hätte sie garantiert mit Nummer angerufen oder es nochmals versucht.“

„Und wenn es Antje war, die angerufen hat?“

„Dann gilt das Gleiche. Außerdem hätte Antje dann wahrscheinlich auf meinem Handy angerufen.“

„Stimmt auch.“

Heute Abend wollten wir uns bei unseren Frauen melden. Wir waren es ihnen schuldig und außerdem sollten sie sich keine unnötigen Sorgen um uns machen.

Klar waren wir enttäuscht, dass sie sich bisher nicht bei uns gemeldet hatten. Aber schließlich waren wir es, die sich abgesetzt hatten.

Den Rest des Tages verbrachten wir auf dem Wasser. Als wir am Abend alle Sachen zusammengepackt hatten und der Grill bereits lief, riefen wir auf Rügen an.

Carlos saß auf einem Liegestuhl und sprach mit Vicky, während ich mit meinem Handy in der Hand auf dem Bett lag.

Wir hatten beide schon angenehmere Gespräche in unserem Leben geführt und doch waren wir überrascht, dass unsere Frauen tatsächlich auch ein wenig Verständnis für uns hatten. Zwar nur ganz wenig, aber immerhin.

Mit einem Bier in der Hand saßen wir eine Stunde später unten am Strand und klönten. Morgen sollte unsere Tour weiter an der Küste entlang gehen. Wir wollten hoch bis Klittmøller. Dort war ich noch nie und laut Carlos erwartete uns dort eines der coolsten Surfreviere überhaupt. Ich freute mich wahnsinnig darauf, dort zu mit meinem Brett auf das Wasser zu gehen. Endlich einmal an einem Ort zu surfen, wo auch die Weltelite, während ihrer World-Surf-Tour, Station machte. Ich war voller Vorfreude und Neugier zugleich.

Stundenlang konnte ich dabei zuhören, wenn Carlos vom Surfen erzählte. Wenn er von Wellen sprach, die höher als Häuser waren und eine Wucht und Geschwindigkeit hatten, die man sich gar nicht richtig vorstellen konnte, wenn man es nicht selber erlebt hatte.

Allerdings ließ er bei seinen Geschichten auch die Gefahren nicht außen vor. Wenn man Pech hatte, oder leichtsinnig war, konnte es ganz schön gefährlich werden. Wenn man von einer Welle so richtig in die Mangel genommen wurde und wie bei einem Waschgang in der Waschmaschine, nicht mehr wusste, wo oben oder unten war, konnte einem schon mal die Luft genommen werden.

Es konnte passieren, dass man von mehreren Wellen nacheinander erwischt wurde und zum Luftholen weder die Zeit, noch die Möglichkeit bekam. Es gab Menschen, die im relativ flachen Wasser ertrunken waren. Sie hatten mehrere Wellen hintereinander abbekommen und wussten einfach nicht mehr, wo die Wasseroberfläche war. Dass sie nur hätten aufstehen müssen, begriffen sie in diesem Moment einfach nicht.

Mir war klar, dass Carlos bei seinen Erzählung nicht übertrieb. Dafür war er gar nicht der Typ. Allerdings war ich mir auch absolut sicher, dass mir so was nicht passieren würde. Ich war viel zu vorsichtig und kannte meine Grenzen schon ziemlich gut.

Als ich dies zu Carlos sagte, sah er mich an und antwortete,

„Das haben alle anderen auch geglaubt.“

Es war ein Satz, der mich zum Nachdenken brachte. Er jagte mir zwar keine Angst ein, aber Carlos erreichte genau das, was er erreichen wollte. Wortlos saßen wir noch einen Augenblick nebeneinander.

Heute gingen wir früh schlafen, da wir morgen noch vor dem Sonnenaufgang weiterfahren wollten. Die nächsten Kilometer lagen vor uns. Wir entfernten uns noch weiter von Rügen, kamen unserer Freiheit dafür aber wieder einen Schritt näher.

Als wir auf dem nächsten Campingplatz ankamen waren in den meisten Wohnmobilen noch die Vorhänge an den Fenstern geschlossen. Nur in den Wohnmobilen der Surfer war schon Bewegung. Für heute war guter Wind angesagt und den konnten sich die Surfer natürlich nicht entgehen lassen.

Auch wir gaben Gummi und sahen zu, unser Material schnell an den Strand zu bekommen. Die Wellen peitschten an den Strand und ich hatte echt große Probleme, mit dem Brett über den ersten Wellenkanal zu kommen. Carlos hatte es schon längst geschafft und ritt eine Welle nach der anderen ab.

Doch ich war nicht der Einzige mit Problemen. Auch andere Surfer mühten sich ordentlich ab und genau wie ich, bekamen sie einige Waschgänge, bevor sie endlich auf den Wellen reiten konnten. Meine Arme zitterten und es lag nicht daran, dass ich Angst hatte oder fror. Meine Muskeln waren dabei zu verkrampfen und ich merkte, dass ich dringend eine Pause einlegen musste.

Carlos duellierte sich währenddessen mit einem anderen Surfer. Es fehlten nur noch die Punktrichter, die die Wellenritte und Sprünge bewerteten. Es war ein echt geiles Duell und nicht nur ich saß am Strand und sah staunend dabei zu. Auch andere Surfer und die wenigen Urlauber, die sich hierher verirrt hatten, machten große Augen.

Wir jubelten, klatschten und johlten, wenn einer der beiden wieder etwas Außergewöhnliches auf seinem Brett zeigte und immer wenn ich dachte, dass der Andere es nicht mehr überbieten könnte, wurde ich eines besseren belehrt.

Es war Faszination pur!

Zwei Menschen zeigten uns Dinge, die eigentlich nicht möglich waren. Man konnte erkennen, wie viel Spaß die beiden hatten, ohne ihre Gesichter, ohne ihre Mimik, erkennen zu können.

Ich durfte live dabei sein, wie zwei Menschen auf dem Wasser ihren Traum lebten. Den Traum von Freiheit, von Spaß und Glück. Ja, ich konnte das Glück der beiden, trotzdem ich über fünfzig Meter entfernt war, förmlich spüren.

Als sie endlich an den Strand kamen, klatschten sie sich ab und kamen Arm in Arm auf uns zu. Erst jetzt erkannte ich den anderen Surfer. Es war unser mehrmaliger Deutscher Meister, gegen den Carlos damals auf Sylt gewonnen hatte.

Die beiden schätzen sich noch immer und gerade eben hatten sie wieder einmal bewiesen, dass sie zu den besten Surfern überhaupt gehörten.

Der Abend wurde sehr fröhlich.

Allerdings auch feucht und lang. Mit vielen anderen Surfern saßen wir unten am Strand und hielten unser Stockbrot ins Lagerfeuer. Ein cooler Haufen Surfer erzählte sich die neuesten Surfgeschichten. Logischerweise durften auch die alten Geschichten nicht fehlen. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass die Wellen, je älter eine Geschichte wurde, immer größer wurden. Ähnlich wie bei den Anglern, deren Fische auch von Jahr zu Jahr und von Erzählung zu Erzählung, um einige Zentimeter zunahmen.

Ich war mittendrin und freute mich darüber, ein Teil dieses Abends sein zu dürfen.

Während wir uns noch einige Kilometer davon entfernt befanden, waren die Jungs mit ihren Geschichten inzwischen in Klittmøller angekommen. Von Minute zu Minute hörte ich aufmerksamer zu und meine Neugier auf diesen Ort stieg ins Unermessliche. Am liebsten wäre ich sofort losgefahren und hätte noch heute meine ersten Surfversuche in Klittmøller gestartet.

Leider ging es nicht. Es war bereits zu dunkel um Surfen zu gehen und außerdem hatten Carlos und ich bereits zu viele Biere verhaftet, um noch eine Tour mit dem Wohnmobil zu starten. Doch bald war es soweit. Übermorgen wollten wir weiter und dann eine Woche lang in Klittmøller bleiben.

„Dann können wir Voll-Speed-Surfen!“, waren Carlos letzte Worte, bevor er ins Land der Träume fiel.

Auch ich schloss meine Augen und war wenige Minuten später ebenfalls eingeschlafen. In meinen Träumen sprang ich die coolsten Loops und ritt auf den höchsten Wellen. Ja, ich war so mit dem Surfen beschäftigt, dass ich sogar davon träumte.

Endlich da

Wie ein kleines Kind, kurz vor der Ankunft im Legoland, wurde auch ich mit jedem Kilometer, den wir näher kamen, aufgeregter.

Die Geschichten der anderen Surfer hatten mir den Rest gegeben und so hatten wir uns bereits heute auf den Weg gemacht. Carlos lachte sich im Stillen sicherlich über mich schlapp, ließ sich aber netterweise nichts anmerken.

Vor mir lag eine Bucht und in dieser Bucht konnte ich tolle Wellen und viele Surfer beobachten. Unten am Wasser saßen noch weitere Surfer auf ihren Brettern im Sand. Es sah so aus, als wenn sie dort auf die perfekte Welle warten würden.

Keine halbe Stunde später saß ich ebenfalls dort unten am Strand und wartete.

Im Gegensatz zu den anderen Surfern allerdings darauf, dass die Wellen etwas kleiner wurden. Bei dieser Brandung hatte ich keine Chance und so war ich leider zunächst zum Zuschauen verdammt. Irgendwie hatte ich mir meine ersten Stunden in diesem Surfrevier anders vorgestellt. Aber zum Glück siegte meine Vernunft.

Carlos hatte keinerlei Probleme und genoss es, diese riesigen Brecher als Sprungrampe zu benutzen. Einige Male maulte er sich ordentlich ab und hatte manchmal tatsächlich große Probleme damit, wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen.

Eine Welle nach der anderen, brach über ihn hinein und nur kurz schaffte er es, seinen Kopf zum lebensnotwendigen Atmen aus dem Wasser zu halten. Doch er kannte es. Er war es fast gewohnt und wusste sich zu helfen. Den größten Fehler, den man machen konnte, machte er nicht. Carlos hatte mir erklärt, dass man bei einem Waschgang immer die Augen offen halten musste. Nur so konnte man erkennen, wohin man musste, wenn man unter den Wellen war. Immer in die Richtung, wo es hell war. Dem Tageslicht entgegen. Nur dort wartete auf einen die Luft, die man zum Atmen brauchte.

Klar hatte ich Angst, aufs Wasser hinaus zu gehen. Noch größer war jedoch meine Angst, etwas zu verpassen und so griff ich nach meinem Brett und machte mich auf den Weg ins Wasser. Überraschender Weise schaffte ich es recht schnell, die Brandung und das Weißwasser zu überwinden und schon war ich mitten in der Bucht, im tobenden Meer.

Ich kam mir die ersten Minuten wie ein Spielball vor. Ich surfte zwar, doch leider nicht dahin, wohin ich eigentlich wollte. Mein Board wurde von einigen Wellen hoch in die Luft getragen und ich sprang, ohne es zu wollen.

Mehrere Waschgänge hatte ich hinter mir und einige Male hatte ich schon nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch mal Luft atmen zu können.

Doch ich schaffte es immer wieder, auf mein Brett zu steigen und irgendwann hatte ich das Gefühl für diesen Ort gefunden.

Einige Minuten später hatte ich mich sogar an die Brandung gewöhnt und nun war ich es, der das Meer beherrschte.

Ich fühlte mich unbesiegbar. Ich hatte die Wellen bezwungen, konnte sie endlich lesen und wusste, was ich zu tun hatte. Die Wellen um mich herum waren in kürzester Zeit meine Freunde geworden. Sie wollten mir nichts Böses antun und unterstützen mich jetzt auf dem Weg zur grenzenlosen Freiheit.

Wahrscheinlich waren genau diese Gedanken mein Fehler. Ich hatte tatsächlich nichts aus den vielen Gesprächen mit Carlos gelernt. Innerhalb von Minuten hatte ich alles vergessen, was einen Surfer ausmachte. Zumindest einen guten Surfer. Niemals würde ein guter Surfer solche Gedanken zulassen. Leichtsinn und Größenwahn waren genau die Eigenschaften, die das Meer sich von einem Surfer erhoffte. Nur so konnte das Meer den Surfer beherrschen und ihn zu seinem Spielball machen.

Niemals würde sich das Meer von einem Menschen beherrschen lassen und wenn man glaubt, es zu können, ist es der erste Schritt zur Unvernunft.

Erst vorhin, kurz bevor wir aufs Wasser gingen, hatte Carlos mir diesen Satz gesagt.

Ich hätte jetzt nur an die Worte von Carlos denken müssen. Immer wieder sagte er, dass ein Meer, egal welches, nie zu berechnen sei. Dass die Menschen immer nur ein Spielball des Meeres bleiben würden. Mal mehr, mal weniger. Aber halt immer Spielball!

Carlos saß am Strand und machte eine Pause. Ich hielt es noch nicht für notwendig und war dabei, mir eine neue Welle zu suchen. Meine Arme zitterten bereits vor Anstrengung und auch meine Beine wurden immer schwerer.

Doch immer, wenn ich mich auf den Weg zum Strand machen wollte, erblickte ich eine neue tolle Welle. Jedes Mal dachte ich: nur noch diese eine Welle!

Dann war es so weit, ich fuhr tatsächlich meine letzte Welle für den heutigen Tag. Leider lag es nicht an meiner Vernunft, sondern vielmehr an meiner Unvernunft.

Mit einem irren Tempo surfte ich parallel zur Welle und genau im richtigen Augenblick setzte ich zum Sprung an.

Dachte ich, doch ich war einen winzigen Augenblick zu spät. Ich hätte abdrehen und die Welle Abreiten müssen. Doch ich dachte, ich würde es schaffen und sprang. Es war mein weitester Sprung. Leider aber nicht mein höchster. Die Welle erfasste mein Brett und schleuderte es, mit mir darauf, durch die Luft.

Innerhalb von Zehntelsekunden wurde ich zum Spielball der Naturgewalten. Ich hätte einfach nur die Gabel loslassen müssen. Mehr wäre nicht notwendig gewesen,1 um ins Wasser zu fallen. Wahrscheinlich hätte ich mehrere Spülgänge abbekommen, bevor mich das Meer ganz von selber ans Land gebracht hätte.

Eventuell hätte ich ordentlich Meerwasser schlucken müssen und anschließend mein Brett irgendwo am Strand einsammeln können. Aber dies alles wäre nicht wirklich schlimm gewesen.

Leider ließ ich aber weder die Gabel los, noch schlüpfte ich mit meinen Füßen aus den Schlaufen.

Mein Brett donnerte mit voller Wucht aufs Meer und ich lag oben drauf. Kein Wasser federte meinen Sturz ab. Ich knallte mit meiner kompletten linken Körperhälfte aus gefühlten fünf Metern nach unten.

Die ersten Wellen kamen bereits auf mich zu und freuten sich darauf, mich und mein Brett als Spielzeug zu benutzen.

Völlig verkrampft hielt ich mich auf dem Brett und vor Schreck schnallte ich es noch immer nicht, einfach loszulassen.

Erst als mein Brett durch die nächste Welle erfasst und umgedreht wurde, kam ich auf die Idee, meine Umklammerung zu lösen und mich zu retten.

Carlos war inzwischen auf den Weg zu mir. Sein Segel hatte er am Strand gelassen, damit er sein Brett, wie die Rettungsschwimmer es taten, benutzen konnte.

„Lass dein Scheiß-Brett los“, schrie Carlos immer wieder, da ich mich wieder daran festgeklammert hatte und immer weiter von ihm weggetrieben wurde.

Schmerzen hatte ich zum Glück keine. Zumindest bekam ich, da ich vollgepumpt mit Adrenalin war, nichts davon mit.

Erst, als ich nach dem Brett von Carlos greifen wollte, bemerkte ich, dass ich meinen linken Arm nicht bewegen konnte. Carlos schob mich auf sein Brett, ließ mein Brett einfach treiben und brachte mich an Land.

Wie auch immer er es geschafft hatte, mich auf seinem Brett zu transportieren, ohne, dass wir kenterten. Er konnte die Strömung lesen und nutzte die Wellen, um uns von ihnen in die Richtung vom rettenden Ufer spülen zu lassen.

Gefühlte drei Liter Satzwasser hatte ich in mir und entledigte mich davon in einem großen Schwall. Man war mir schlecht und erst, als noch ein weiterer Schwall meinen Körper verließ, ging es mir wieder etwas besser.

Schmerzen

Nebeneinander saßen Carlos und ich im Sand und ich muss ziemlich beschissen ausgesehen haben, da Carlos sich richtig Sorgen um mich machte.

„Hey Nick, sonst alles okay?“

„Ja. Ich glaube schon.“ Irgendwie war ich benommen.

„Du glaubst?“

„Mein linker Arm spinnt etwas.“

„Spinnt etwas bedeutet so viel wie?“ Seine Stimme klang ängstlich.

„Ich kann ihn nicht bewegen. Wahrscheinlich bin ich drauf geknallt und habe eine ordentliche Prellung.“

„Sonst tut nichts weh?“

„Nein. Sonst ist alles gut.“

„Du Glücksschwein. Bei der Aktion hättest du auch draufgehen können. Es sah echt fies aus.“

„Jetzt kann ich wenigstens auch mit ner coolen Surfgeschichte prahlen“, sagte ich lachend. Doch Carlos lachte nicht mit. Im Gegenteil, er schüttelte noch immer seinen Kopf.

Mit einem Kühlkissen auf meiner linken Schulter saß ich am Abend im Liegestuhl. Ich konnte erst jetzt erkennen, wo der Ausgangspunkt der Schmerzen lag. Meinen Arm konnte ich leider trotzdem nicht bewegen und so musste ich ihn, angewinkelt vor dem Körper halten.

Carlos hatte sich ein Bier geöffnet und ich nuckelte an einer Flasche Wasser. Lieber hätte ich auch ein Bier getrunken. Doch da ich bereits zwei Schmerztabletten eingeworfen hatte, siegte zumindest heute Abend die Vernunft.

„Wird’s besser?“

„Ja“, log ich und hoffte, dass Carlos mein schmerzverzerrtes Gesicht nicht erkennen würde. Kein bisschen war es besser geworden. Ganz im Gegenteil. Meine Schmerzen wurden immer schlimmer. Doch ich hoffte, dass die Welt morgen schon wieder ganz anders aussehen würde. Noch immer hatte ich die alberne Hoffnung, dass meine Prellung morgen nicht mehr so stark sein würde und ich vielleicht sogar wieder aufs Wasser gehen konnte.

Als meine Schmerzen noch stärker wurden, warf ich mir zwei weitere Schmerzdrops ein und ging ins Bett. Ich glaubte, beim Schlafen die Schmerzen nicht mehr mitzubekommen. Wer weiß, vielleicht würde ich sogar am nächsten Morgen aufwachen und über meine Leidensphase von heute lachen.

Mitten in der Nacht stand Carlos auf. Ich sah dabei zu, wie er erst im Wohnmobil Sachen zusammenpackte und dann das Gleiche vor dem Wohnmobil mit den Surfsachen tat.

Kein Auge hatte ich bisher vor Schmerzen zugemacht und mein leises Wimmern konnte Carlos nicht mehr ertragen.

Als ich aufstehen wollte, um zu Carlos zu gehen, wurde mir klar, dass es mehr als nur eine Prellung sein musste. Meine Schmerzen waren schon schlimm, während ich mich still verhielt. Doch als ich mich bewegte, stiegen die Schmerzen ins Unermessliche.

„Was machst du?“

„Ich packe und dann bringe ich dich ins Krankenhaus.“

„Aber wir sind doch gerade erst hier angekommen. Du hast dich so darauf gefreut, hier zu sein.“

„Nützt doch nichts. Du quälst dich.“

„Aber Morgen ist es vielleicht schon besser“, sagte ich und musste mich setzten, da ich so meinen Arm ruhiger halten konnte und die Schmerzen etwas besser zu ertragen waren.

„Nick. Das ist Quatsch.“

„Dann lass uns aber nach Rügen fahren. Im Auto sitzen kann ich. Ich möchte nicht in Dänemark in ein Krankenhaus.“

„Bist du sicher, dass wir es bis nach Rügen schaffen?“

„Klar.“ Manchmal waren Notlügen erlaubt.

Die kleinen Schotterstraßen waren die Hölle. Jeden noch so kleinen Stein spürte ich und bei jeder Unebenheit hätte ich vor Schmerzen schreien können. Es kam mir so vor, als wenn Carlos mit hundert Sachen über diese Wege brettern würde.

Als wir endlich auf der Autobahn waren, ging es etwas besser. Doch ohne regelmäßiges Einwerfen von Schmerzmittel konnte ich es auch hier nicht aushalten.

Mein Versuch, eine Schlaftablette zu schlucken, um die Fahrt zu verschlafen, ging leider auch nach hinten los. Der Tablettencocktail brachte mich lediglich dazu, aus der offenen Autotür zu kotzen.

Die erste Etappe hatten wir geschafft.

Dänemark lag hinter uns und weiter ging es auf der A7 in Richtung Hamburg.

Das ich in meiner alten Heimat landen sollte, ahnte ich in diesem Moment zwar noch nicht, doch Carlos tat genau das Richtige. Er verließ in Hamburg die Autobahn und machte sich auf den Weg zum Barmbeker Krankenhaus.

Dank meiner Schmerzen bekam ich dies allerdings erst mit, als wir auf dem Parkplatz der Notaufnahme anhielten.

Carlos sprang aus dem Wagen und kam auf meine Seite.

„Hey, ich kann das schon alleine. Ich bin doch groß“, sagte ich in dem Moment, als Carlos mir aus dem Wagen helfen wollte. Doch ich irrte.

„Gib mir mal deine Hand. Ich bekomme die Drehung nicht hin“, waren meine nächsten Worte und wäre ich nicht verletzt gewesen, hätte Carlos mich in diesem Moment garantiert ausgelacht.

Relativ schnell kamen wir dran. Nachdem auf normalen Röntgenbildern nichts zu erkennen war, wurde ich in die Röhre gesteckt. Wie weiß ich nicht mehr. Aber irgendein Hammermittel muss mich dazu gebracht haben, dass ich gefügig wurde. Normalerweise wäre es bei meinen Schmerzen für mich nicht möglich gewesen, eine liegende Position einzunehmen.

---ENDE DER LESEPROBE---