Und jetzt queer! - Bianca-Maria Braunshofer - E-Book

Und jetzt queer! E-Book

Bianca-Maria Braunshofer

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Beschreibung

Dieses Buch bläst den Staub aus den Bücherregalen Drei Autor:innen zeigen uns, wie vielfältig Literatur sein kann – jenseits des klassischen Kanons. Lesen öffnet uns die Welt. In guten Geschichten erfahren wir etwas über uns selbst und die vielfältigen Formen des Lebens. Literatur kann eine Behausung sein, eine offene Frage, ein Möglichkeitsraum außerhalb des eigenen Alltags. Warum zeigt uns der klassische Kanon dann trotzdem nur einen kleinen Teil der Welt? Warum wird uns in Schule und Feuilleton oft eine Norm vermittelt, die es weder in der Welt noch in der Literatur gibt? Warum spiegelt sich die Vielfalt queerer Identitäten und Lebenswelten so wenig in der Wahrnehmung von Literatur? Dieses Buch befasst sich intensiv mit queerer Literatur und zeigt, dass sie schon immer Teil der Literaturgeschichte gewesen ist. Es ist eine Einladung, die ganze Vielfalt des Lesens zu erkennen.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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leykam:seit 1585

und jetzt queer!

lesen jenseits der norm

Marlon Brand

Bianca-Maria Braunshofer

Tobi Schiller

mit illustrationen von el boum

leykam:Sachbuch

Inhalt

Intro

Warum dieses Buch

Wie mensch dieses Buch liest

Alles queer, oder was?

Was ist queere Literatur?

What’s Queer Got to Do With It: Warum queere Literatur?

Wer spricht queer?

Good Queers, Bad Queers: Repräsentation in queerer Literatur

Wo ist queere Literatur?

Von Eisenherz bis She said: Queere Literatur im Buchhandel

Queere Verlage – Horte der Bibliodiversität

Queere Literatur & Zensur

Genres und Formen

Coming-out Literatur

Memoirs und Autobiografien

HIV- und AIDS-Literatur

Essays

Fantasy und Science-Fiction

Queer as Poetry: Queere Lyrik

Es gibt kein »guilt« in »pleasure«: Erotische Literatur

Queerness in der Kinder- und Jugendliteratur

Räume eröffnen statt Moral predigen

Best Practice? Mögliche Lösungen!

Umfrage zu queerer Schullektüre

Wir lesen queer. Empfehlungen zur queeren Schulliteratur

Queerer Kanon als Projekt

The Best of Both Worlds: Zwischen Weltliteratur und queeren Klassikern

Queering Klassiker

Maskerade: Weltliteratur mit Queerness-Faktor

Am Anfang ist das Wort: Queere Klassiker als Selbstdefinition

Getrennte Räume: Queere Klassiker seit der Emanzipationsbewegung

Klassiker der trans Literatur

Queere Literatur – Eine unvollständige Weltreise

Outro: Wie geht’s weiter

Glossar

Linktipps

Leseliste

Endnoten

Dank

Die Autor*innen

Bianca-Maria Braunshofer(sie/ihr/keine) ist Co-Gründerin der Buchhandlung o*books mit Fokus auf queere, feministische und inklusive Literatur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie ist Diplom-Sozialpädagogin und studierte Germanistin. Neben ihrer Tätigkeit als Buchhändlerin und Unternehmerin gibt sie Workshops zu Feminismus und Queerness – in Verbindung mit Literatur – an Schulen, Bibliotheken und anderen Vermittlungsinstitutionen gemeinsam mit ihrer Therapiebegleit- und Lesehündin Gigi.

Marlon Brand(er/ihm) studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Bochum. Bereits hier forschte er zu den Möglichkeiten eines Kanons schwuler Literatur. Seit 2017 schreibt er unter @booksaregayasfuck über queere Literatur, seit 2021 gibt er gemeinsam mit Tobi Schiller das Newsletter-Magazin Queerer Kanon? heraus.

Er lebt in Dortmund.

Tobi Schiller(er/ihm) ist Redakteur, Autor und Literaturvermittler. Er schreibt u. a. für verschiedene Magazine und Anthologien und moderiert Literaturveranstaltungen. Während seines Studiums der Medienwissenschaften beschäftigte er sich intensiv mit queeren Archiven. Seit 2021 betreibt er gemeinsam mit Marlon Brand das Newsletter-Magazin Queerer Kanon?.

Er lebt in Berlin.

Die Illustrator*In:

Jasmina El Bouamraoui(they/sie) 1989 in Berlin geboren, sind fallende Mauern von Beginn an Teil ihrer Geschichte: Als Illustrator*in EL BOUM arbeitet Jasmina El Bouamraoui in ihrem Berliner Studio mit leuchtenden Farben und starken Figuren für Zusammenhalt und die Freude am gemeinsamen Schaffen. Ihre Illustrationen hinterfragen gesellschaftliche Normen, füllen Leerstellen und erzählen Geschichten neu – mit Charme, Haltung und Humor.

Intro

Warum dieses Buch?

Sommer 2025: Es ist heiß, die Freibäder und Badeseen sind gut gefüllt. An einem tropischen Mittwochnachmittag sitzen wir auf den Wiesen der Badestellen unserer Wohnorte und tauschen uns über WhatsApp miteinander aus. Während wir besprechen, wie wir mit den Kapiteln unseres gemeinsamen Buchs vorankommen, lassen wir unsere Blicke schweifen: Überall liegen Menschen in der Sonne, entspannen, essen Pommes oder lesen. Aufmerksam versuchen wir, die Buchcover zu erkennen. Ob in Wien, Dortmund oder Berlin – die Auswahl ist vielfältig: Schullektüre und Klassiker, aktuelle Bestseller, farbenfrohe Young-Adult- und Romance-Taschenbücher, Ratgeber, Romane, Biografien und Comics. Zu unserer großen Freude erblicken wir immer wieder auch queere Titel. Zwei Handtücher von Marlon entfernt liest jemand James Baldwins Giovannis Zimmer, ein paar Meter neben Tobi wird gebannt in Franziska Gänslers Klimaroman Ewig Sommer geschaut, und aus der Tasche einer an Bianca vorbeischlendernden Person ragt Torrey Peters’ Detransition, Baby hervor. Wann immer wir andere Menschen im öffentlichen Raum queere Bücher lesen sehen, empfinden wir eine unausgesprochene Verbundenheit. Als teilten wir eine Erfahrung, ein (Lese-)Erlebnis, das auf einem Verständnis oder einer Neugier für queere Perspektiven, queeres Leben und queeres Schreiben basiert. Wir fragen uns, wie das jeweilige Buch den Weg zu ihnen gefunden hat, wie es ihnen gefällt, was es ihnen bedeutet.

Die Auswahl der Sommerlektüre interessiert nicht nur uns persönlich. Sie ist ein beliebtes Thema für Zeitungen, Magazine, Blogs und Social-Media-Accounts. Von Mai bis August findet mensch selbst in Veröffentlichungen, die sich sonst selten bis gar nicht mit Literatur beschäftigen, die »besten Bücher für die heiße Jahreszeit«. Auch die InStyle Men, die sich selbst- und sendungsbewusst als »Das Mode Magazin für echte Männer« bezeichnet, fehlt da nicht und empfiehlt einen queeren Roman: Die sieben Monde des Maali Almeida von Shehan Karunatilaka. In der Inhaltsbeschreibung schwärmt der Redakteur von dem »aufrüttelnden Roman, dessen Hauptfigur beiläufig queer ist«. Unter dem Titelbild wird den Lesenden versichert, dass »[q]ueere Bücher […] nicht nur für Leser*innen aus der LGBTQIA+-Community super spannend« seien. Der Text nimmt zudem Bezug auf die unter US-Präsident Donald Trump verstärkte Zensur von queeren Büchern in US-Bibliotheken und erklärt, warum mensch überhaupt queere Literatur lesen sollte. Er endet mit einer Erkenntnis, die auch im Jahr 2025 anscheinend nicht als Selbstverständlichkeit gelten kann: »Für heterosexuelle Leser*innen bieten die Stories Einblicke in ungewohnte Lebensrealitäten und Gefühlswelten.«1

Zugegeben, es ist vielleicht nicht fair, sich einen einzelnen Artikel herauszupicken. Insbesondere einen, der im ersten Moment durchaus positiv erscheint. Hängen bleiben wir dennoch daran. Uns irritiert die fette Hervorhebung der Information, dass der Protagonist »beiläufig queer« ist, als handele es sich dabei um einen besonders wichtigen Fakt. Gibt es etwa eine Obergrenze an Queerness, mit der sich InStyle-Men-Leser*innen in ihrer Sommerlektüre abfinden können? Ab wann wird ein Buch »unzumutbar queer«, wann ist es zu »explizit queer« für die »echten Männer«, an die sich das Magazin richtet? Die Antworten auf diese Fragen bleibt der Text schuldig. Eines zeigt er jedoch deutlich: Queere Literatur ist auch heute noch alles andere als selbstverständlich.

Dieser – auf den ersten Blick wohlmeinenden – Betonung des Andersseins beziehungsweise Andersmachung (Othering) begegnen sowohl wir als auch viele queere Literat*innen und Literaturschaffende immer wieder. Ob in der InStyle Men oder im Feuilleton, in privaten wie beruflichen Gesprächen, auf Lesungen und Kulturveranstaltungen. Oft gepaart mit den Fragen, ob es queere Literatur überhaupt brauche und was diese denn eigentlich sei.

Die erste Frage beantworten wir mit einem klaren Ja!, sonst gäbe es auch dieses Buch nicht. Der zweiten Frage wollen wir uns hier widmen. Bevor wir jedoch damit anfangen, gilt es, eine andere Frage zu klären, die für das Verständnis grundlegend ist: Was meinen wir, wenn wir von »queer« und »Queerness« sprechen?

Die Begriffe werden verwendet, um ein breites Spektrum sexueller und geschlechtlicher Identitäten außerhalb der vorherrschenden Norm der Heterosexualität und der zweigeschlechtlichen Cis-Identität zu beschreiben. Sie umfassen – sind jedoch nicht beschränkt auf – lesbische, schwule, bisexuelle, asexuelle, inter*, trans und non-binäre Identitäten. Sexuelle und geschlechtliche Identitäten werden dabei als fluide angesehen, starre Kategorien von und Sichtweisen auf Geschlecht und Begehren hinterfragt. Dem binären »Entweder-oder« werden vielfältige Identitäten entgegengesetzt.

Im deutschen Sprachgebrauch ist der Begriff »Queer« noch recht neu und wurde erst 2017 in den Duden aufgenommen.2 Er stammt aus dem Englischen, wo er um 1513 verwendet wurde und zunächst eine negative Bedeutung innehatte: »seltsam, merkwürdig, eigenartig exzentrisch; von fragwürdigem Charakter, verdächtig, zweifelhaft«.3 Im 20. Jahrhundert wurde »queer« als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle verwendet. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts begann die queere Community, sich den Begriff anzueignen und als stolze Selbstbezeichnung zu nutzen. Eine einheitliche Definition von Queerness gibt es dabei nicht – vielmehr entzieht sich Queerness bewusst sämtlichen Versuchen der Kategorisierung und Festschreibung. Sie existiert seit jeher und ist immer wieder Versuchen des Zugriffs, der Ausgrenzung und Verfolgung durch staatliche, politische und gesellschaftliche Kräfte ausgesetzt.

Während wir im Sommer 2025 an diesem Buch arbeiten, werden neue polizeiliche Fallzahlen veröffentlicht, die zeigen, dass die Zahl der queerfeindlichen Übergriffe in Deutschland stark angestiegen ist.4 Der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verhängt in seiner Behörde ein Gender-Verbot und ruft auch öffentlich geförderte Einrichtungen dazu auf, das Gendern zu unterlassen. Zur Begründung verweist er auf die »gemeinsame Verantwortung für die Verständlichkeit staatlich geförderter Kommunikation«.5 Gleichzeitig verschärft sich die politische Rhetorik gegenüber queeren Menschen, insbesondere seit dem Einzug der in Teilen rechtsextremen Partei AfD in die deutschen Landesparlamente und den Bundestag.6 Im Juli 2025 betont der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz im Rahmen einer Debatte um das Hissen der Regenbogenfahne auf dem Reichstagsgebäude zum Berliner Christopher-Street-Day (CSD), dass der Bundestag »ja nun kein Zirkuszelt« sei, an dem beliebig Fahnen gehisst werden könnten.7 Währenddessen benötigen CSD-Veranstaltungen in ganz Deutschland verstärkten Polizeischutz, da die Bedrohungslage massiv zugenommen hat.8

Im selben Monat wird ein Referent*innenentwurf des CDU-geführten Bundesinnenministeriums veröffentlicht. Er sieht vor, im Rahmen des Selbstbestimmungsgesetzes künftig auch frühere Geschlechtseinträge sowie Namen im Melderegister zu speichern – zeitlich unbegrenzt.9 Dieses Vorgehen widerspricht dem Offenbarungsverbot des ursprünglichen Gesetzes, das die Offenlegung früherer Namen und/oder Geschlechtseinträge ohne Zustimmung der Betroffenen ausdrücklich untersagt. Kurze Zeit später beklagt sich WELT-AM-SONNTAG-Chefredakteur Jacques Schuster in einem polemischen Meinungsbeitrag mit dem Titel »Liebe LGBTQ – geht es ein wenig leiser?« über die seiner Ansicht nach zu große öffentliche Sichtbarkeit queerer Menschen. Schuster ereifert sich darüber, dass es »kaum noch auszuhalten [sei], in welcher Wucht man täglich mit LGBTQ-Themen belämmert wird – vom grammatikalischen Firlefanz des Genderns bis zu queeren Lebensgemeinschaften in jeder zweiten Vorabendserie.« Und das, obwohl, so sein Argument, 88 Prozent der Deutschen heterosexuell seien.10 Zwar veröffentlicht die WELT wenig später unter dem Titel »Nein, wir werden nicht leiser!« auch eine Gegenrede des queeren Redakteurs Philipp Kaste.11 Dennoch zeigt dieses Beispiel einmal mehr: Die Sichtbarkeit queerer Menschen und queeren Lebens wird von einigen medial einflussreichen Akteur*innen als verhandelbares Thema betrachtet. Schuster selbst scheint sich nicht einmal verpflichtet zu fühlen, seine Behauptungen mit Quellen oder Daten zu belegen. Sein persönliches Empfinden genügt für die Feststellung, dass es »zu viel« queere Repräsentation in Medien und Kultur gebe.

Diese Form der Berichterstattung und Argumentation ist keineswegs neu. Sie fungiert seit Jahrzehnten als verlässlicher Gradmesser für den Stand queerer Sichtbarkeit – und zugleich als Abwehrmechanismus. Was Schuster und ähnlich argumentierende Stimmen dabei ausblenden, ist die historische und gegenwärtige Realität: Viele queere Menschen – und mit ihnen ihre Kunst und Kultur – waren und sind national wie international staatlicher, religiöser und/oder gesellschaftlicher Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Dies hatte und hat unmittelbare Folgen für die queere Literatur: Sie wurde und wird häufig zensiert, diskreditiert oder marginalisiert. Ihre bloße Existenz ist politisch, muss verteidigt und gegen fortwährende Angriffe behauptet werden.

Viele Werke queerer Literatur mussten und müssen im Untergrund oder unabhängig von großen Verlagen oder Verbreitungsstrukturen veröffentlicht werden. Zahlreiche Texte sind durch gezielte Vernichtung oder geringe Auflagen nur schwer auffindbar oder gänzlich verloren gegangen. Etliche queere Autor*innen konnten ihre Werke zu Lebzeiten nicht oder nur unter Pseudonym veröffentlichen. Um die Queerness in historischen wie zeitgenössischen Texten zu verstehen, braucht es Wissen um die Bedeutung bestimmter Begriffe, Anspielungen und literarischer Mittel, die vor allem innerhalb queerer Communitys gelesen und entschlüsselt werden können. Gleichzeitig sind explizit queere Figuren, Plots und Autor*innen schon immer fester Bestandteil der Literatur gewesen.

Queere Literatur ist so vielfältig wie Queerness selbst. Sie existiert nicht als isolierte Gattung, sondern als Strömung, die sich durch alle Genres und Formen zieht: von Romanen, Krimis und Liebesgeschichten über (Auto-)Biografien, historische Stoffe, Märchen, Kinder- und Jugendbücher bis hin zu Science-Fiction, Fantasy, Essays, Ratgebern und vielem mehr. Genau hier möchten wir mit unserem Buch ansetzen. Anhand von Klassikern, Vergessenem und Populärem sowie unseren eigenen Leseerfahrungen wollen wir Einblicke in verschiedene Facetten queerer Literatur geben. Wir möchten dazu einzuladen, sich mit ihr auseinanderzusetzen – und sich an ihr zu erfreuen. Denn queere Literatur ist nicht nur unglaublich vielfältig, originell und spannend. Sie eröffnet Möglichkeitsräume jenseits des Alltags, schafft Identifikationspotenzial und lädt dazu ein, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten.

Wir richten uns mit diesem Buch an literaturinteressierte Queers ebenso wie an alle neugierigen Leser*innen, die vielleicht schon einmal von queerer Literatur gehört haben und mehr darüber erfahren wollen. Auch Lehrer*innen, Buchhändler*innen, Eltern, Großeltern, Freund*innen sowie alle, die sich für queere Literatur interessieren, sie vermitteln, verschenken oder besser verstehen möchten, sind eingeladen.

Als schreibende Queers sind unsere Perspektiven auf queere Literatur eng mit unseren eigenen Lese- und Lebenserfahrungen verbunden. Die Texte in diesem Buch speisen sich aus beruflichen wie privaten Begegnungen mit queerer Literatur. Sie fügen sich nicht zu einer linearen Erzählung, sondern zu einem Kaleidoskop aus drei individuellen Blickwinkeln, die sich ergänzen, überschneiden – und gelegentlich auch widersprechen. Einige Namen, Buchtitel und Themen tauchen mehrfach auf, weil sie uns auf unterschiedliche Weise begegnet sind oder in verschiedenen Kontexten relevant wurden.

Wer aus welcher Position schreibt, ist eine grundlegende Frage – insbesondere, wenn es um die Belange und Themen marginalisierter Menschen geht. Von Beginn an haben wir uns daher intensiv gefragt, ob wir die Richtigen sind, um dieses Buch zu schreiben. Als queere deutsche beziehungsweise österreichische weißecisgender Autor*innen – teils aus Nichtakademiker*innen-Familien, teils neurodivers – können wir selbstverständlich nicht die gesamte Vielfalt des queeren Spektrums abbilden. Unsere Perspektiven haben Leerstellen und Begrenzungen. Sie sind eurozentrisch geprägt, auch wenn wir weit darüber hinaus lesen. Gleichzeitig bringen wir gemeinsam Jahrzehnte intensiver Beschäftigung mit queerer Literatur und Kultur sowie queerem Aktivismus mit. Wir wissen aus eigener Erfahrung, was Marginalisierung und Ausgrenzung bedeuten – und welche Kraft die Literatur in solchen Momenten entfalten kann.

Diese Erfahrungen haben uns dazu gebracht, uns auf unterschiedlichen Wegen privat und beruflich mit queerer Literatur auseinanderzusetzen: Bianca hat mit o*books in Wien eine queerfeministische Buchhandlung gegründet und moderiert Lesungen und Literaturveranstaltungen. Marlon hat bereits im Rahmen seines literaturwissenschaftlichen Studiums zu queerer Literatur geforscht, etwa zur Möglichkeit eines Kanons schwuler Literatur, und 2017 mit Books are gay as fuck einen Blog ins Leben gerufen, der sich queerer Literatur widmet. Tobi setzte sich während des Studiums intensiv mit queeren Archiven und ihren Leerstellen auseinander, schreibt als Redakteur über queere Themen, moderiert Literaturveranstaltungen und betreibt gemeinsam mit Marlon das Newsletter-Magazin Queerer Kanon?, das sich unter anderem mit aktueller queerer Literatur und Klassikern beschäftigt.

Auf die Frage, ob wir die »Richtigen« für dieses Projekt sind, folgte rasch eine weitere: Gibt es in diesem Zusammenhang überhaupt ein Richtig oder Falsch? Diese Vorstellung folgt einer binären Logik – einem Entweder-oder. Doch Queerness entzieht sich den Binaritäten, unterläuft sie und spielt mit ihnen. Hinzu kommt, dass Bücher, die sich auf nicht-akademische Weise mit queerer Literatur beschäftigen, im deutschsprachigen Raum noch selten sind. Und nicht zuletzt nützt der Gedanke, ob wir mit diesem Buch möglicherweise anderen queeren Schreibenden Platz wegnehmen, in der Realität vor allem jenen, die Räume und Möglichkeiten für marginalisierte Gruppen bewusst begrenzen, um ihre eigene Vormachtstellung zu sichern.

Wir sind uns im Klaren darüber, dass sich auf 250 Seiten kein allumfassender Blick auf queere Literatur werfen lässt. Zumal viele queere Texte aus anderen Sprachräumen bislang noch nicht ins Deutsche oder Englische übersetzt wurden und/oder aufgrund staatlicher Zensur sowie gesellschaftlicher und politischer Repressionen nicht oder sehr schwer zugänglich sind. Auch gibt es sowohl historische als auch gegenwärtige Ungleichverteilungen innerhalb der queeren Literatur was etwa sexuelle und/oder geschlechtliche Identität sowie soziale und ethnische Herkunft und weitere Faktoren angeht. Dieses Buch versteht sich daher nicht als vollständige Darstellung, sondern als Impuls – als Einladung zu einem Streifzug durch die vielfältigen Gefilde queerer Literatur.

Wir wünschen uns, dass es ein weiterer Schritt hin zu einer breiteren Auseinandersetzung mit queerer Literatur sein kann – und dass ihm viele weitere Stimmen und Texte folgen. Wir freuen uns, wenn ihr Teil davon seid!

Wie mensch dieses Buch que(e)r liest

Dieses Buch könnt ihr que(e)r lesen. Soll heißen: Die Kapitel sind zwar thematisch geordnet, funktionieren jedoch auch als unabhängige Essays. Ihr könnt sie also in beliebiger Reihenfolge lesen, sollte euch ein Abschnitt mehr als der andere interessieren. Wenn wir in einem Kapitel ein Thema, einen Text oder ein*e Autor*in erwähnen, auf die eine*r von uns in einem anderen näher eingeht, verweisen wir darauf in Klammern mit einem ➞ und der entsprechenden Seitenzahl.

Sämtliche im Buch genannten Buchtitel sind kursiv gesetzt. In Klammern dahinter findet ihr das Jahr der Ersterscheinung und – sofern es sich um eine Übersetzung handelt – das Jahr der ersten deutschsprachigen Ausgabe. Die vollständigen Quellenangaben sowie eine Liste der in den jeweiligen Kapiteln erwähnten Titel findet ihr am Ende des Buches. Diese Übersicht erleichtert euch hoffentlich die Auswahl eurer nächsten queeren Lektüre.

Einige Wörter sind in Großbuchstaben geschrieben. Dabei handelt es sich um Begriffe, die möglicherweise nicht allen geläufig sind und die wir im Glossar am Ende des Buches erläutern. Doch genug der Formalitäten – wenden wir uns nun den spannenden und wichtigen Dingen zu: queerer Literatur!

Alles queer, oder was?

was ist queere literatur?

Als ich einer Freundin erzähle, dass wir drei dieses Buch schreiben, stellt sie mir ohne Umschweife die zentralen Fragen dieses Projekts: »Was genau ist denn eigentlich queere Literatur? Sind da die Autor*innen queer? Oder die Hauptfiguren? Oder wird einfach nur kein heterosexuelles Weltbild als Grundlage genommen?«

Es sind berechtigte und wichtige Fragen. Sie werden Menschen, die sich professionell mit queerer Literatur beschäftigen, häufig gestellt. Oft in Verbindung mit dem Argument, dass es schließlich auch keine »Hetero-Literatur« gäbe und dass Literatur weder über eine sexuelle noch eine geschlechtliche Identität verfüge. Zudem wird hinterfragt, ob solch ein Label in unserer modernen, toleranten Gesellschaft überhaupt noch notwendig sei. Auch, ob es sich bei »queerer Literatur« nicht wieder um eine einengende Festschreibung handelt, wird regelmäßig diskutiert. Fragen, die wir uns über die Jahre immer wieder selbst gestellt haben und deren Antworten so vielfältig und uneindeutig ausfallen können wie Queerness selbst.

Fangen wir bei der Kernfrage an: Was ist queere Literatur? Um eine Antwort zu finden, lohnt sich der Blick in ein Werk der queeren Literatur: In seinem erstmals 1999 erschienenen Roman Nicolas Pages verarbeitet der französische Autor Guillaume Dustan eine gescheiterte Liebesbeziehung. Das Werk ist eine wilde Collage aus ursprünglich für andere Zwecke geschriebenen Texten, aus deren Vermischung etwas Neues entsteht. Eine »schwule Literatur«, wie Dustan sie bezeichnet. Auch wenn es unterschiedliche Positionen hinsichtlich der Vermengung von »schwul« und »queer« geben mag, können einige von Dustans Ausführungen über »schwule Literatur« auch für die queere Literatur gelten. Er betont, dass es »[ü]ber Sprachen und Nationen hinweg […] Genres [gibt]: den Roman, die Poesie, das Theater. Und Subgenres: den Kriminalroman, den Liebesroman, die Science-Fiction.« Die schwule – und in unserem Sinne auch die queere – Literatur findet »in dieser Landschaft keinen Platz. Sie entspricht weder einem Zustand noch einer Sprache noch einer bestimmten Art von Erzählung. Sie kann in allen Nationen, allen Sprachen und allen existierenden Erzählgenres entstehen.«

Mit anderen Worten: Queere Literatur lässt sich nicht klar kategorisieren und ist enorm vielfältig. Darüber hinaus lenkt sie den Blick auf bestehende politische wie gesellschaftliche Machtverhältnisse, die sich auch in der Verwendung des Begriffes »Literatur« widerspiegeln:

Wenn Heterosexuelle eine Minderheit wären und ihre Rechte von Staaten, die von Homosexuellen kontrolliert werden, missachtet würden, würde man über heterosexuelle Literatur mit ebenso viel Verlegenheit sprechen wie heute über schwule [queere] Literatur. Nur weil die Welt momentan so ist, wie sie ist, ist »Literatur« ein Synonym für heterosexuelle Literatur.1

Literatur wird auch heute – rund ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen von Dustans Text – aus vorwiegend heteronormativer Perspektive betrachtet. Gleichwohl greift seine Beschreibung schwuler Literatur für eine Definition queerer Literatur zu kurz. Denn Dustan fokussiert sich auf die Ebene der sexuellen Identität. Diese kann ein Aspekt von Queerness und queerer Literatur sein, muss es aber nicht. Was für eine umfangreichere Beschreibung fehlt, sind die Ebene der geschlechtlichen Identität sowie die generelle Anerkennung der Fluidität von Geschlecht und Sexualität. Dennoch bilden Dustans Überlegungen eine gute Basis, um über queere Literatur nachzudenken, weil sie sowohl die politische Komponente als auch die sprachliche wie genreübergreifende Bandbreite queerer Literatur verdeutlichen.

Wie wir queere Literatur verstehen

Unsere eigene Definition von queerer Literatur basiert auf privaten und beruflichen Erfahrungen aus vielen Jahren der Auseinandersetzung mit queerer Literatur. Erfahrungen, die wir im Studium, im Buchhandel, als Rezensent*innen, Autor*innen und Diskussionsteilnehmer*innen sowie in zahlreichen Gesprächen mit Schreibenden, Lektor*innen, Verlegenden, anderen Lesenden und untereinander gemacht haben. Wir verstehen sie keineswegs als singulär oder abgeschlossen, sondern als offen und diskussionsbereit:

Queere Literatur umfasst literarische Texte, die sich auf vielfältige Art und Weise mit sexuellen und geschlechtlichen Identitäten außerhalb des Heteronormativen auseinandersetzen. Sie thematisiert queere Lebensrealitäten, enthält Perspektiven, Figuren, Erfahrungen und Plots, die von patriarchal-heterosexuellen Normvorstellungen abweichen, über diese hinausgehen oder sich außerhalb davon bewegen. Queere Literatur kann explizit queere Themen behandeln, etwa Coming-outs, Diskriminierung, Transition, queeren Aktivismus, queere (Sub-)Kulturen. Sie kann auch eine queere Erzählweise oder eine kritische Haltung gegenüber Patriarchat und der Heteronormativität von Begehren, Geschlecht und Identität einnehmen. Das Hinterfragen von Normen und Konventionen spiegelt sich oft auch auf formaler und sprachlicher Ebene. Queere Literatur steht indes nicht losgelöst für sich allein. Sie ist nicht auf ein bestimmtes Genre beschränkt, sondern von Vielfalt geprägt.

Diese Definition mag aufgrund ihrer Offenheit im ersten Moment etwas frustrierend sein. Statt klarer Kategorien und/oder Genregrenzen, öffnet queere Literatur den Raum für das Unbestimmbare und Mehrdeutige. Dabei kann ohnehin argumentiert werden, dass ein Großteil der Literatur nicht nur einer Kategorie zugehörig ist. Manche Texte begründen gar ein neues Genre, wie etwa Audre Lordes Zami: Eine neue Schreibweise meines Namens (1982/1986), mit dem die Autorin die Biomythografie – eine Mischung aus Geschichte, Mythos und Biografie – als neue literarische Form erfunden hat.

Queere Literatur existiert, seit es Literatur gibt – wie ein Blick auf die Liebeslyrik der antiken Dichterin Sappho zeigt. Genauso, wie es immer schon queere Menschen gegeben hat. Es handelt sich keineswegs um einen Trend – ein Vorurteil, dem wir immer wieder begegnen. Im deutschsprachigen Raum hält es sich spätestens, seit die non-binäre, genderfluide Person Kim de l’Horizon für den Roman Blutbuch (2022) mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Dabei handelt es sich bei Trends um zeitlich begrenzte Phänomene. Um Moden, die sich vor allem in Verkaufszahlen und medialer Präsenz widerspiegeln. Diese Fehleinschätzung liegt unter anderem an fehlenden Kenntnissen von beziehungsweise mangelndem Interesse an queerer Literatur in Teilen der Literaturkritik. Das führt dazu, dass bestimmte Motive, Referenzen, Traditionen, Charaktere und Plots oft nicht als solche erkannt oder eingeordnet werden. Mit dem Ergebnis, dass aktuelle Veröffentlichungen losgelöst von ihrem literaturgeschichtlichen Kontext betrachtet und als Trend-Phänomen wahrgenommen werden. Zudem existiert queere Literatur sehr viel länger als der Begriff, den wir aktuell für sie verwenden. Was wir in Gesamtheit heute als queere Literatur bezeichnen, wurde vorher gar nicht oder nur teilweise benannt, beispielsweise als Schwule und Lesbische Literatur.

»Queere Literatur« als Arbeitsbegriff

Queere Literatur erkennt an, dass sexuelle und geschlechtliche Identitäten fluide sind und Menschen sich sowohl inner- als auch außerhalb dieser Spektren bewegen können. Sie basiert auf dem Wissen, dass eine binäre Auffassung von Sexualität und Geschlecht, die nur ein Entweder-oder zulässt, den menschlichen Erfahrungen und Identitäten nicht gerecht werden kann. »Queere Literatur« lässt sich daher auch als eine Art Arbeitsbegriff verstehen, mit dem sich das Uneindeutige sprachlich fassen lässt. Ein gutes, queeres Beispiel für solch einen Arbeitsbegriff kommt von dem Autor Kevin Junk. In seinem Essay Was uns eint: Coming-out als geteilte Erfahrung (2025) setzt er sich unter anderem mit dem Begriff »schwul« auseinander: »Meine Empfindungen, mein Inneres, mein Begehren, meine Impulse und Wünsche, sie drücken sich in Sprache aus, aber sie sind nicht deckungsgleich mit ihr. Bin ich schwul? Mit dem Begriff […] kann ich arbeiten.«2 Junk bezieht sich in diesem Gedanken auf den deutschen Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin.

»Arbeitsbegriff« kann dabei auch wörtlich verstanden werden. Denn queere Literatur ist nicht immer sofort als solche zu erkennen. Aufgrund von Verfolgung, Stigmatisierung, staatlicher, religiöser und/oder gesellschaftlicher Zensur (➞ S. 74) arbeitet sie oft mit Mehrdeutigkeiten, Codes und Referenzen. Letztere sind für ihre (zeitgenössischen) queeren Leser*innen meist erkennbar, für queerfeindliche staatliche, religiöse und/oder gesellschaftliche Organe jedoch nicht eindeutig zu entziffern.

Ein Beispiel hierfür findet sich im Werk des englischen Dichters Wilfred Owen (1893–1918). Owen gehört zu den bekanntesten War Poets, einer Gruppe britischer Dichter, die ihre Erfahrungen als Soldaten im Ersten Weltkrieg in Gedichten festhielten. In seinem posthum publizierten Gedicht Shadwell Stair (1920) beschreibt er einen nächtlichen Spaziergang durch das Londoner Hafenviertel:

I walk till the stars of London wane

And dawn creeps up the Shadwell Stair.

But when the crowing syrens blare

I with another ghost am lain.

(Ich gehe, bis die Sterne Londons verblassen

Und die Morgendämmerung den Shadwell Stair hinaufkriecht.

Aber wenn die krähenden Sirenen brüllen

Liege ich mit einem anderen Geist.)3

Bei der titelgebenden Shadwell Stair handelt es sich um die Shadwell Park Stairs, einen zu Owens Zeiten beliebten Treffpunkt für anonymen Sex zwischen Männern (Cruising) in den Londoner Docks.4 Die Geister sind hier nicht nur metaphorisch zu lesen, sondern auch als jene anonymen Männer, die sich im Schutz der Dunkelheit und Anonymität miteinander vergnügen.

Für die Identifikation solcher Codes braucht es einen geschulten queeren Blick, der sie sichtbar macht. Auch deswegen ist »Queere Literatur« als Arbeitsbegriff zu verstehen. Am Beispiel Wilfred Owens zeigt sich zudem, wie diese Arbeit nicht zuletzt von den Familien und Nachkommen der Autor*innen erschwert werden kann: Nach seinem frühen Tod verbrannte seine Mutter viele der Briefe an seinen Angebeteten, Siegfried Sassoon. Sein Bruder zensierte oder entfernte wiederum Briefe und Tagebuchstellen, in denen Owen über seine Gefühle und Sexualität schrieb. So wurde Owen vor allem als War Poet berühmt und als Teil des britischen Literaturkanons zur Schullektüre. Sein Fall zeigt, dass queere Literatur beziehungsweise deren Autor*innen mitunter über lange Zeit sehr bekannt sein können, ohne explizit als queer wahrgenommen zu werden.

Wir drei haben diesbezüglich ähnliche Erfahrungen in der Schule gemacht: Im Deutsch- und Englischunterricht lasen wir unter anderem Werke von Thomas Mann, Virginia Woolf oder William Shakespeare, die queere Charaktere und Plots enthielten. Da waren Hans Castorps Schwärmerei für seinen Freund Pribislav im Zauberberg (1924), Woolfs Gender-wechselnde*r Titelheld*in Orlando (1928/1929) oder Shakespeares non-binärer Luftgeist Ariel (Der Sturm (1611/1763)). Doch wirklich thematisiert wurden diese zentralen Aspekte nie. Auch die queeren Facetten der Autor*innenbiografien – in diesem Fall insbesondere bei Thomas Mann und Virginia Woolf – wurden großzügig ausgespart. Mehr zur Thematisierung von queerer Literatur im Schulunterricht erfahrt ihr im Kapitel »Umfrage zu queerer Schullektüre« (➞ S. 141).

Von der Antike bis in die Gegenwart

Doch Beispiele für queere Literatur finden sich noch viel früher in der Literaturgeschichte als bei Owen, Mann, Woolf oder Shakespeare. In den Metamorphosen (8 n. Chr./1798) des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. – ca. 17 n. Chr.) erscheinen eine Reihe an Figuren und Themen, die aus heutiger Sicht als queer bezeichnet werden können. Wahrscheinlich am bekanntesten ist Hermaphroditos, Gestalt der griechischen Mythologie und Kind des Götterpaares Hermes und Aphrodite. Als Jugendliche*r trifft Hermaphroditos auf die Nymphe Salmakis und wird schließlich von seinen Eltern mit ihr in einem Körper vereint. Eine literarische Figur, deren Name lange Zeit als abwertender Begriff für intergeschlechtliche Menschen verwendet wurde.

Auch die Figur Iphis stellt binäre Geschlechtsauffassungen infrage: Als Tochter von Ligdus und Telethusa geboren, wird sie von ihrer Mutter mit Hilfe der Göttin Isis als Junge ausgegeben. Aus wirtschaftlichen Gründen wünscht sich Vater Ligdus einen männlichen Nachkommen. Iphis selbst ist von androgyner Erscheinung. In jugendlichem Alter verliebt sie sich in das Mädchen Ianthe. Als es zur Verlobung kommt, stürzt sie in eine Krise, da ihre geschlechtliche Identität nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht. Daraufhin bittet sie Isis, sie zu einem Jungen zu machen. Isis kommt ihrem Wunsch nach. Die Philologin Sarah Weichlein hebt hervor, dass in diesem Prozess »keine biologische Geschlechtsangleichung der Sexualorgane statt[findet]. Iphis wird von der Göttin Isis mit Worten zum Mann deklariert und nur die sekundären Geschlechtsmerkmale werden von außen verändert.«5 (Mehr dazu im Kapitel »Die Renaissance der Antike« ➞ S. 189).

Die Literaturgeschichte ist voll von solchen queeren Charakteren, Plots und Motiven. Sie finden sich zu fast allen Zeiten und in vielen Kulturen, ob im Japan des frühen elften Jahrhunderts oder dem Europa der Aufklärung. Eine Auseinandersetzung damit öffnet den Blick für Kontinuitäten, Traditionen, Verbindungen und Muster – und für etwas, das es immer schon gegeben hat: queeres Schreiben und queere Schreibende.

what’s queer got to do with it: warum queere literatur?

Die Offenheit queerer Literatur ist Quell von Kritik und einer gewissen Scham. Das gilt auch für queere Autor*innen, so mein Eindruck, wenn sie über die Queerness ihrer eigenen Texte befragt werden. Queere Literatur sei nicht viel mehr als ein Label, heißt es gern; ein Label, das die unterschiedlichsten Texte willkürlich unter dem Banner der Sexualität und/oder Geschlechtsidentität zusammenfasse. Warum also ist dieses Label – wenn wir es denn so nennen wollen – weiterhin so wichtig? Jetzt, da es Coming-of-Age-Romane, Science-Fiction-Geschichten, Familienromane, Essays, Lyrik, Erotikthriller und vieles mehr von und mit queeren Personen gibt? Warum ist queere Literatur mehr als Nabelschau? Und warum ist sie für alle – auch für nicht-queere Menschen? Ich werde diese vielen Fragen der Reihe nach beantworten. Beginnen möchte ich mit einem Jungen, der eine Buchhandlung betritt, um sich selbst zu finden.

Queere Literatur und Identität

Es ist der Frühling 2008, ich bin 19 Jahre alt und lese mein erstes queeres Buch: Call Me by Your Name (2007/2008) von André Aciman. Eines der besten queeren Bücher ist es vermutlich nicht – doch für mich persönlich ist es eines der wichtigsten. Aus einem einfachen Grund: Es hat einen entscheidenden Beitrag zu meiner Identitätsfindung als schwuler Mann beigetragen.