Unsere eigene Geschichte machen - Jonathan White - E-Book

Unsere eigene Geschichte machen E-Book

Jonathan White

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Beschreibung

Während der globale Kapitalismus von einer Krise in die nächste taumelt, erleben wir ein Wiederaufleben des Interesses an marxistischen Ideen und Politik. Das marxistische Denken bietet eine Möglichkeit, die Wirtschaftskrisen zu verstehen, die sich über den gesamten Globus ausbreiten, die Umweltzerstörung und den Klimawandel, die unser Leben zu verändern drohen, und die verzweifelte Ungleichheit und Armut, die die menschliche Gesellschaft plagt. Die marxistische Politik lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Wesen der politischen Macht und darauf, wie die arbeitenden Menschen sie dem Griff des Großkapitals entreißen können. Doch der Marxismus ist noch mehr als das.

Making Our Own History argumentiert, dass die marxistischen Ideen ihre Kraft aus ihrer zutiefst historischen Weltsicht beziehen.

Making Our Own History ist eine neue Einführung in diese lebenswichtige, aber oft vernachlässigte Dimension des marxistischen Denkens, die von allen gelesen werden sollte, die sich in den heutigen Kämpfen für eine bessere Welt engagieren.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jonathan White

Unsere eigene Geschichte machen

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Unsere eigene Geschichte machen

Ein Handbuch zum Historischen Materialismus

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage Mai 2025Neue Impulse Verlag, EssenHoffnungstraße 18, 45127 EssenVerantwortlich: Lothar Geisler (Geschäftsführer)Kontakt: [email protected]

Übersetzung aus dem Englischen:Jenny Farrell; Ulrich Schneider

Gesamtherstellung:Medienwerkstatt Kai Münschke, Essenwww.satz.nrw

Korrektorat: Kurt W. Fleming

ISBN 978-3-96170-083-7 (Hardcover) ISBN 978-3-96170-383-8 (eBook) ISBN 978-3-96170-683-9 (ePDF)

Alle Rechte vorbehalten

© Neue Impulse Verlag, Essen 2025

www.neue-impulse-verlag.de

Inhalt

Fragen eines lesenden Arbeiters

Vorwort

Teil I: Die Grundlagen des historischen Materialismus

Kapitel 1

Marx, Engels und das Entstehen der revolutionären Wissenschaft

Kapitel 2

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte (aber sie machen sie nicht aus freien Stücken)

Kapitel 3

Die tiefgreifenden Bewegungen des gesellschaftlichen Wandels – Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse und Produktionsweisen

Kapitel 4

Die Menschen im Kampf – Klassenkämpfe

Kapitel 5

Ideologie, Überbau und Führung

Teil 2: Historischer Materialismus in Aktion

Kapitel 6

Marx betreibt historischen Materialismus: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte

Kapitel 7

Historischer Materialismus und die sozialistische Herausforderung

Kapitel 8

Historischer Materialismus in einer feindlichen Welt: Marxistische Historiker im Großbritannien des 20. Jahrhunderts

Kapitel 9

Der historische Materialismus wird dein Leben verändern

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Fragen eines lesenden Arbeiters

Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Königen.

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon –

Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern

Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?

Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war

Die Maurer? Das große Rom

Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen

Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz

Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis

Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang

Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Der junge Alexander eroberte Indien.

Er allein?

Cäsar schlug die Gallier.

Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte

Untergegangen war. Weinte sonst niemand?

Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer

Siegte außer ihm?

Jede Seite ein Sieg.

Wer kochte den Siegesschmaus?

Alle zehn Jahre ein großer Mann.

Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte.

So viele Fragen.

Bertolt Brecht, 1935

Vorwort

Sucht man im Internet nach Artikeln über Marx, stößt man auf eine Fülle von Beiträgen mit Titeln wie »Warum Marx Recht hatte«, die sich in der Regel auf bestimmte Aspekte des heutigen Kapitalismus beziehen. In gewisser Weise entdeckt jede Generation Marx irgendwann neu, wenn der Kapitalismus in die eine oder andere Manifestation seiner Krisentendenz schlingert. Doch die Wiedergeburt des Marxismus ist seit dem Finanzcrash 2008/2009 und der darauf folgenden tiefen Rezession besonders auffällig geworden. Im Vorfeld der britischen Parlamentswahlen 2019 sorgten sich die Mainstream-Zeitungen über die Möglichkeit, dass ein bekennender Marxist bald in der Downing Street 11 einziehen könnte.1 Die Marx Memorial Library füllt regelmäßig ihren Vortragssaal mit Diskussionsveranstaltungen zu Das Kapital.

Das ist einleuchtend und aufschlussreich, denn es zeigt, dass die Erklärungsmacht des Marxismus tief in der Realität des Kapitalismus verwurzelt ist. Der Kapitalismus stellt täglich neu unter Beweis, dass er die Tendenzen, die Marx aufgezeigt hat, nicht abschaffen kann. Doch der Marxismus ist mehr als eine Kritik des Kapitalismus. Er entstand als eine umfassende Weltanschauung und Wissenschaft der Gesellschaft, mit einer eigenständigen Theorie darüber, wie Gesellschaften strukturiert sind und wie sie sich verändern. Er war eine Reaktion auf die großen gesellschaftlichen Kämpfe des 19. Jahrhunderts und wurde von den Arbeiterbewegungen und revolutionären Parteien des 20. Jahrhunderts aufgegriffen und angewandt. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde der Marxismus organisierende Ideologie für Millionen von arbeitenden Menschen und ihre Organisationen weltweit. Gerade diese Dimension des Marxismus versetzt die Herrschenden der heutigen Weltordnung in Schrecken. Trotz der vielen Spalten in der Mainstream-Presse ist die Tatsache, dass rechtsextreme Vandalen eine Reihe von Anschlägen auf Marx’ Grab auf dem Highgate-Friedhof verübt haben, vielleicht noch aufschlussreicher. Was die herrschende Klasse nachts wirklich wach hält, ist die Angst, dass der Marxismus erneut zu einer dominierenden, organisierenden Ideologie in der Welt wird. Dieses Buch ist als Einführung in eine wesentliche Dimension des Marxismus gedacht: den historischen Materialismus oder, wie er auch genannt wird, die materialistische Geschichtsauffassung.

Mein Interesse, etwas über den historischen Materialismus zu schreiben, geht auf meine Studienzeit zurück und entwickelte sich während meiner kurzen akademischen »Karriere« weiter. Wenn überhaupt, wurde es noch stärker, als ich Gewerkschaftsfunktionär und politisch aktiver wurde. Der letzte Anstoß, etwas zu schreiben, kam, als ich gebeten wurde, in der wunderbaren Marx Memorial Library and Workers School einige Vorlesungen und Kurse über historischen Materialismus zu halten. Nachdem ich einen relativ abstrakten Vortrag darüber gehalten hatte, warum der historische Materialismus für den Marxismus von zentraler Bedeutung ist, wurde ich aufgefordert, noch besser zu erklären, warum er nützlich ist, und dabei so viele Beispiele wie möglich ins Feld zu führen. Ich hatte keine schnelle Antwort, und das brachte mich zum Nachdenken. Dieses Buch ist mein Versuch, diese Herausforderung anzunehmen. Es soll vor allem eine Einführung geben, wie die Begründer des Marxismus diese Sichtweise der menschlichen Geschichte entwickelten. Gleichzeitig will ich versuchen, anhand von Beispielen zu zeigen, wie diese helfen kann, die Bewegung der Geschichte zu erklären und unser Handeln in der Gegenwart zu orientieren.

Wie das Buch aufgebaut ist

Das erste Kapitel gibt einen Überblick über das von Marx und Engels entwickelte Gedankengut und verortet die Bedeutung des historischen Materialismus und des historischen Denkens innerhalb dieser Ideologie. Einiges davon ist bekanntes Terrain: die Kritik des Kapitalismus, die Bedeutung des revolutionären Wandels, die Relevanz der Eroberung der Staatsmacht und so weiter. Einige Aspekte des Marxismus, wie der dialektische Materialismus, sind weniger einfach zu verstehen. Ich kann sie hier nicht umfassend behandeln, aber ich habe versucht, einen einfachen Überblick zu geben, weil diese Denkweise und das Verständnis der Beziehung zwischen Denken, Verstehen und politischer Praxis für Marx und Engels zentral waren. Die folgenden vier Kapitel führen in die Schlüsselkonzepte des historischen Materialismus von Marx und Engels ein: die zentrale Rolle der Produktion in der Menschheitsgeschichte, die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die Begriffe Produktionsweisen und Gesellschaftsformationen, die Rolle des Klassenkampfs in der Geschichte, die Beziehung zwischen Klassen und Ideologie sowie die Idee, dass Gesellschaften durch die Untersuchung ihrer Basis und Überbau-Struktur analysiert werden können. Mein Ziel war es, den Marxismus und den historischen Materialismus als ein einheitliches Gedankengebäude zu behandeln und zu untersuchen. Als Einführung kann das nur mit einer gewissen Vereinfachung geschehen. Mein Ziel ist es jedoch, die Kernkonzepte zu erklären und ihre mögliche Anwendung zu zeigen, ohne vertiefte Vorkenntnisse vorauszusetzen.

Teil 2 besteht aus drei Kapiteln, die sich mit der Anwendung des historischen Materialismus befassen. Kapitel 6 analysiert Marx’ berühmtes Werk »Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte« als Fallstudie für den historischen Materialismus angewandt auf die politischen Ereignisse in Frankreich von 1848 bis 1851. Kapitel 7 untersucht den historischen Materialismus als Dimension des revolutionären Klassenbewusstseins im nachrevolutionären Russland und in der Sowjetunion. Meine These hier ist, dass die sozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts – so fehlerhaft sie auch gewesen sein mögen – aus den verschärften Klassenkämpfen und Widersprüchen des Zeitalters des Imperialismus hervorgingen und von Menschen und Parteien gegründet wurden, die diese Dimension des Marxismus ernst nahmen und auf den Aufbau des Sozialismus und des sozialistischen Bewusstseins anwendeten. Diese Erfahrungen zu ignorieren oder abzutun, bedeutet, wertvolle Lehren für die Arbeiterbewegungen von heute zu verlieren. Kapitel 8 befasst sich mit der Historikergruppe der Kommunistischen Partei in Großbritannien. In gewisser Hinsicht ist dies vertrautes Terrain, doch ich habe versucht, die Historikergruppe fest in den Kontext der Bemühungen einzuordnen, den Marxismus in das britische politische und historische Verständnis einzubringen – in einer Zeit, in der Großbritannien noch eine bedeutende imperialistische und koloniale Macht war und international wie national heftig gegen den Kommunismus reagierte. Britische marxistische Historiker entwickelten einen von der Volksfront übernommenen Arbeitsstil, um die Geschichte Großbritanniens mithilfe des historischen Materialismus neu zu erzählen. Wenn man ihnen später vorwarf, den historischen Materialismus aufgegeben zu haben oder sich stärker für »Geschichte von unten« zu interessieren, so liegt das meiner These zufolge daran, dass nachfolgende Historiker die historischen Bedingungen, unter denen sie ihre eigene Geschichte machten, nicht begriffen. Auch das Werk der britischen marxistischen Historiker ist ein wertvoller Teil der Geschichte unserer Arbeiterbewegung und sollte als solcher verstanden werden.

Im letzten Kapitel mit dem etwas scherzhaften Titel »Der historische Materialismus wird dein Leben verändern« versuche ich darzulegen, was sich ändert, wenn wir diese Sichtweise auf die Welt annehmen. Was tun und denken wir infolgedessen anders? Meine Vorschläge sind erstens, dass der historische Materialismus uns mit einer Geschichte verbindet, die allzu oft wie ein fremdes, unbekanntes Land wahrgenommen wird, indem er die Vergangenheit als etwas begreift, das wir ständig schaffen und mit uns herumtragen – als die Bedingung unseres effektiven Handelns in der Welt. Zweitens argumentiere ich, dass der historische Materialismus es uns ermöglicht, die zentralen Aufgaben unserer Zeit zu identifizieren und uns in die Lage versetzt, wirksamer in der Welt zu agieren. Das Gefühl, Teil eines komplexen, aber zusammenhängenden und verständlichen Kontinuums zu sein, das uns Möglichkeiten und Grenzen unseres Handelns aufzeigt, bringt, so meine ich, zwei Vorteile mit sich: Zum einen gewinnen wir ein Verständnis dafür, dass große kollektive Kämpfe am Werk sind, denen wir uns anschließen können und sollten. Ferner befreit uns dies von der immensen Last einer überzogenen, individualistischen Auffassung von politischem Aktivismus. Wir sind vielleicht nicht glücklicher, aber wir werden als historische Materialisten mit größerer Wahrscheinlichkeit effektive politische Akteure – und sind weniger gefährdet, auszubrennen. Zusammenfassend argumentiere ich, dass der historische Materialismus ein wesentlicher Bestandteil eines wiederbelebten Projekts für die Befreiung der Menschheit durch den Sozialismus ist. Aus unserer eigenen Geschichte zu lernen, ist Teil der Entwicklung dieser entscheidenden Dimension eines wahrhaft revolutionären Klassenbewusstseins.

Ich war bemüht, dieses Buch so zu schreiben, dass es alle in die Hand nehmen und nützlich finden können, unabhängig davon, ob sie sich in den Kämpfen unserer Gegenwart engagieren oder einfach den Marxismus besser verstehen wollen. Bei der Erläuterung des Denkens von Marx und Engels habe ich versucht, so wenig Vorwissen wie möglich vorauszusetzen. Bei der Erörterung späterer Anwendungen des historischen Materialismus musste ich manchmal etwas mehr ins Detail gehen, aber ich war trotzdem bestrebt, den Schwerpunkt auf Erklärungen und Anregungen zu legen, anstatt endgültige Aussagen zu machen. Ich hoffe aufrichtig, dass dieser Text als Einführung und Anregung für weitere Studien und Diskussionen dienen wird.

Danksagung

Obwohl es sich nur um ein kurzes Buch handelt, hat sich die Arbeit daran hingezogen, und ich möchte einigen Menschen danken, ohne die es vielleicht nie fertiggestellt worden wäre. Susan Michie erinnert sich wahrscheinlich nicht mehr, aber nach einem Vortrag von mir zum historischen Materialismus in der Marx Memorial Library, sprach sie von der Notwendigkeit, etwas Zugängliches, das auf Beispielen beruht, in die politische Bildung einzubringen. Paul Bridge, mein Vorgesetzter bei der University and College Union, wo ich damals arbeitete, ist ein Mensch von legendärer Geduld. Er stimmte nicht nur meinem Wunsch nach einer beruflichen Auszeit zu, sondern unterstützte mich aktiv dabei. Ohne diese Phase intensiven Schreibens wäre das Buch zweifellos nie fertiggestellt worden. Meirian Jump in der Bibliothek half mir mit Referenzen und dem Zugang zu den Ressourcen des Lesesaals. Ich danke den Kuratoren der Bibliothek, dass sie mir erlaubten, Ideen aus dem Buch in einer Reihe von Kursen an der Workers‹ School auszuprobieren, und dass sie die Veröffentlichung des Buches als einen ihrer eigenen Lehrtitel unterstützten. Ich hoffe, sie sind mit dem Ergebnis zufrieden. Meine Partnerin Kate, eine hochgeschätzte Akademikerin auf ihrem Gebiet, half mir während des gesamten Projekts mit der Bibliografie und mit Ratschlägen, und Kenny Coyle von Praxis Press brachte das Buch in Form. Mein größter Dank geht an Mary Davis und John Foster. Mary opferte viel von ihrer kostbaren Zeit, um das gesamte Manuskript zu lesen und es dann mit mir im Detail durchzugehen. Ihre klugen Ratschläge haben es viel verbessert. Noch mehr schulde ich John Foster für die Unterstützung, die er mir seit Beginn des Projekts zuteilwerden ließ, für seine Ratschläge während der gesamten Zeit, für die Bereitstellung von Referenzen aus seinem umfangreichen Wissen und dafür, dass er ebenfalls das gesamte Manuskript las. Für seine Selbstlosigkeit und Geduld bin ich ihm zutiefst verbunden.

Editorische Notiz zur deutschen Auflage:

Die englischsprachigen Quellenangaben des Autors haben wir – mit Ausnahme der in deutscher Sprache lieferbaren Hobsbawm-Bücher – beibehalten.

Zitate von Marx, Engels und Lenin wurden aus der jeweiligen deutschen Gesamtausgabe (MEW; LW) übertragen. Die Quellenangaben wurden in eckigen Klammern im Text ergänzt.

1 Downing Street 11 ist die offizielle Residenz des britischen Finanzministers. Angespielt wird hier auf den damaligen Schatten-Finanzminister der Labour Party unter Führung von Jeremy Corbyn, John McDonnell.

Teil I: Die Grundlagen des historischen Materialismus

Kapitel 1

Marx, Engels und das Entstehen der revolutionären Wissenschaft

Der Aufstieg und das Fortbestehen des Marxismus

Der Marxismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert als eine Strömung innerhalb des sozialistischen Denkens und der politischen Bewegung, die zunächst eine Minderheitenposition einnahm. Zu Lebzeiten von Marx und Engels kämpften sie darum, sich unter den radikalen Republikanern, Anarchisten und utopischen Sozialisten, die die entstehende »antikapitalistische« Linke in Europa bildeten, Gehör zu verschaffen. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Marxismus zur offiziellen Ideologie der mächtigen aufstrebenden Arbeiterbewegungen in Deutschland und Österreich und gewann an Einfluss in Osteuropa und Russland. Marxistische Strömungen existierten auch innerhalb der Arbeiterbewegungen in Großbritannien, Frankreich und Italien. In außergewöhnlich kurzer Zeit entwickelte er sich so zu einer mächtigen revolutionären Ideologie. Die Oktoberrevolution von 1917 läutete eine neue Epoche ein, in der revolutionäre Massenparteien, vom Marxismus geleitet, aktiv um die Staatsmacht kämpften und sie in Russland erfolgreich ergriffen und behaupteten. Im 20. Jahrhunderts etablierten sich weltweit kommunistische Parteien, die sich am Marxismus-Leninismus orientierten. Diese Parteien spielten eine führende Rolle in den langwierigen Kämpfen, die die imperialistische Vorherrschaft und Kolonialherrschaft in China, Vietnam, Indien, Kuba, Südafrika und vielen anderen Ländern beendeten. Im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts war der Marxismus die offizielle Staatsideologie von etwa einem Drittel der Nationen der Welt. Selbst heute, nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in der UdSSR und Osteuropa, ist der Marxismus immer noch die Ideologie der Regierungspartei in der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft der Welt sowie in Vietnam und Kuba, während Marxisten in der Russischen Föderation, Südafrika, Venezuela und in gewissem Maße auch in Indien in Massenparteien organisiert sind. Selbst in den europäischen Arbeiterbewegungen gewinnen marxistische Strömungen wieder an Einfluss. Der Marxismus ist und bleibt eine Ideologie, die Millionen von Menschen, die sich an gesellschaftsverändernden Kämpfen beteiligen, wachrüttelt, mobilisiert und anleitet.

Dies erklärt, warum die Mainstream-Presse und die Kommentatoren etablierter politischer Parteien so viel Zeit, Energie und Geld aufwenden, dieses historische Phänomen zu diskreditieren, indem sie es als eine ungebrochene Kette des Scheiterns beurteilen, in der politischer Terror und die Einschränkung von Menschenrechten die einzigen relevanten Fakten sind. Nicht zufällig hat die Verteufelung des Marxismus gegenwärtig Hochkonjunktur, in der der politische und ideologische Konsens über die neoliberale Politik offenkundig zerbricht. Doch selbst Historiker aus dem Mainstream finden es schwer zu leugnen, dass in den Staaten, in denen marxistische Parteien an die Macht kamen, etwas historisch Einzigartiges geschah. Einige der außergewöhnlichsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen der Menschheitsgeschichte fanden in diesen Ländern statt: die rasante Industrialisierung der Sowjetunion in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die massiven Anstrengungen zum Wiederaufbau der sowjetischen Industrie, die für die Niederlage des deutschen Nazismus so entscheidend waren; die Verwirklichung der Massenalphabetisierung, die historische Verringerung der Ungleichheit, die Rolle der sozialistischen Staaten bei der Niederlage des westlichen Kolonialismus und der Begrenzung der Reichweite des US-Imperialismus in Südostasien – ganz zu schweigen vom bemerkenswerten Aufstieg Chinas zu einer wirtschaftlichen Supermacht.

Wie erklären wir dieses außerordentliche historische Phänomen? Marxisten würden auf die materiellen Entwicklungen in der globalen Gesellschaft ab dem 19. Jahrhundert verweisen. In dieser Zeit entstanden britische, US-amerikanische und europäische Volkswirtschaften auf der Grundlage des Industriekapitalismus, die einen Weltmarkt schufen und globale Imperien errichteten. Diese Gesellschaften bargen einen grundlegenden Widerspruch – ein antagonistisches gesellschaftliches Verhältnis, das die kapitalistischen Gesellschaften kennzeichnet und das sie nicht überwinden können, ohne aufzuhören, kapitalistische Gesellschaften zu sein: die Ausbeutung der Arbeiterklasse im Streben nach Profit. Dieses Grundprinzip des Kapitalismus bildet die Grundlage für die anhaltende Anziehungskraft marxistischer Ideen. Der Marxismus bietet eine Möglichkeit, den Kapitalismus als antagonistisches System zu begreifen, das für seine Existenz die Ausbeutung der großen Mehrheit der Menschen auf dem Planeten erfordert. Solange kapitalistische Gesellschaften diesen Charakter beibehalten, wird der Marxismus weiter bestehen.

Natürlich wurden sowohl der Marxismus als auch die Arbeiterklasse schon mehrfach für tot erklärt. Dies war ein Grundmotiv des gesellschaftlichen Denkens in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten während der relativ wohlhabenden Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit größerem Getöse und deutlich mehr Selbstsicherheit wurde diese Behauptung nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa und der Sowjetunion zwischen 1989 und 1992 erneut aufgestellt. Doch immer wieder kehren Marx und die Arbeiterklasse zurück, um die Herrschenden dieser Welt heimzusuchen. Das globale kapitalistische System ist nachweislich weiterhin ausbeuterisch, schafft überall wachsende Ungleichheit. Es entzieht Millionen Arbeitern und armen Bauern ihre Lebensgrundlage. Es ist nachweislich unfähig, die Bedürfnisse der Menschen und unseres Ökosystems über das Streben nach Profit zu stellen. Seine transnationalen Konzerne treiben Staaten in Ressourcenkriege und das Streben nach geopolitischer Hegemonie, die das menschliche Leben auf diesem Planeten zu beenden drohen. Ebenso wichtig ist, dass die globale Arbeiterklasse, anstatt zu schrumpfen, größer ist als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Ihre Organisationen mögen im Zuge der Neuordnung des Kapitals im Zeitalter des Neoliberalismus stark gelitten haben, aber die Arbeiterklasse an sich weigert sich zu sterben und ist gezwungen, sich neu zu organisieren.

Trotz der Rückschläge der sozialistischen Offensive, wie sie im 20. Jahrhundert zu erleben waren, bleibt der Marxismus das einzige Gedankensystem, das die Grundmerkmale des Kapitalismus erklärt, die Kräfte aufzeigt, die unsere Gesellschaft verändern können, und uns einen Weg zum Aufbau eines besseren Lebens aufzeigt. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels befassen wir uns mit den Grundzügen dieser revolutionären Wissenschaft, wie sie von ihren Pionieren, Karl Marx und Friedrich Engels, entwickelt wurde, um zu erkennen, warum der historische Materialismus ein so wichtiger und integraler Bestandteil dieses Gedankensystems ist.

Der Marxismus entstand aus den gesellschaftlichen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit vollzog sich in den europäischen Staaten, allen voran in Großbritannien, eine tiefgreifende Industrialisierung, die zur Herausbildung eines Industrieproletariats führte, das sich in den Städten und den wachsenden Metropolen konzentrierte. Der ländliche Raum geriet unter den Einfluss der kapitalistischen Märkte für Land und landwirtschaftliche Güter, was neuen Druck auf die europäische Bauernschaft ausübte und Massenwanderungen in die neuen städtischen Zentren auslöste. Die europäischen Staaten schufen einen kapitalistischen Weltmarkt, der die alten internationalen Handelswege beherrschte und überlagerte. Dadurch gerieten Staaten und Völker in Asien, Afrika und Lateinamerika unter die Herrschaft der zunehmend imperialistischen Staaten in Europa und den USA.1

Über die Weltwirtschaft wurden gewaltige Produktivkräfte entfesselt, zunächst in Form dampfbetriebener und später elektrisch betriebener Maschinenproduktion. Dies ging einher mit historisch beispiellosen Konzentrationen von Arbeitskräften in der Fabrikproduktion, organisiert entlang zunehmend komplexer werdender nationaler und internationaler Lieferketten und Arbeitsteilungen. Unter kapitalistischer Organisation und Kontrolle wurde Rohbaumwolle durch Sklavenarbeit in den Südstaaten der USA gewonnen, in die Fabriken im Nordwesten Englands verschifft, dort zu Baumwollkleidung verarbeitet und mit modernster dampfbetriebener Maschinentechnologie in die ganze Welt exportiert. Landwirtschaftliche Produktion nach kapitalistischen Prinzipien ermöglichte höhere Effizienz innerhalb zunehmend internationaler Getreidemärkte, wodurch europäische Staaten wachsende Bevölkerungen versorgen und die demografischen Grenzen der feudalen Landwirtschaft überwinden konnten.

Diese enorme Steigerung der Weltproduktion wurde jedoch mit einem hohen Preis erkauft: immense Not und die Schaffung neuer Formen von Versklavung und Verelendung. Das Industrieproletariat in schnell wachsenden Städten lebte in Armut und Elend, ohne jegliche grundlegende gesellschaftliche Infrastruktur. Die Instabilität der kapitalistischen Märkte führte zu regelmäßigen Auf- und Abschwüngen, die über Nacht zu Massenarbeitslosigkeit führten. Die kapitalistischen Agrarmärkte übten neuen Druck auf die Bauernschaft aus, was zu Massenenteignungen, Verschuldung, Landarmut und dem drohenden Hungertod vieler Bauern führte. Die Völker kolonisierter Länder erlebten neue Formen wirtschaftlicher Abhängigkeit, da ihre Länder auf koloniale Ausbeutung ausgerichtet wurden, gerechtfertigt durch rassistische Ideologien.

Mit diesen Entwicklungen erwuchsen auch neue Arbeitsorganisationen, die sich als Gewerkschaften dauerhaft etablierten. Neue sozialistische politische Bewegungen entstanden, die die Aufklärungsideen universeller Verbesserung und Gleichheit mit romantischen Protesten gegen die Verelendung und Geistlosigkeit verbanden, die das Wachstum kommerzieller Gesellschaften begleiteten. In diese Welt wurden Marx und Engels hineingeboren. Ihre Erfahrungen mit den zunehmenden gesellschaftlichen Kämpfen in Deutschland verwandelten sie von politischen Radikalen in praktische gesellschaftliche Revolutionäre.

Ihr Augenmerk auf die materiellen Kämpfe der sich rasch wandelnden Gesellschaft führte Marx und Engels – zunächst unabhängig voneinander – zu zwei entscheidenden Entdeckungen, die bis heute für ihre Wissenschaft der Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Erstens brachen sie mit der Philosophie, die dem deutschen Radikalismus und einem Großteil des französischen und englischen Sozialismus zu jener Zeit zugrunde lag. Sie stellten fest, dass die Ideen, um die die Menschen stritten, in Form von Gedanken Ausdruck der materiellen Bedürfnisse waren, die sich aus der Gesellschaft ergaben. Auf dieser Grundlage argumentierten sie, müsse die Aufgabe der Wissenschaft anders verstanden werden. Wissenschaft sei keine Kritik von Ideen, um das Denken zu reinigen und die Menschen zu einem besseren Verständnis zu führen, noch sei sie die Untersuchung der Bewegung der Ideen an sich. Die Aufgabe der Wissenschaft bestehe vielmehr darin, die tatsächlichen Kämpfe, Konflikte und Kräfte zu erfassen, die die Gesellschaft strukturierten und den historischen Wandel vorantrieben, um zu verstehen, was zu tun sei.

Zweitens erkannten Marx und Engels, dass jede Möglichkeit für Veränderungen und die Schaffung einer besseren Gesellschaft nicht auf der Fähigkeit von Intellektuellen beruhte, die Menschen von der Notwendigkeit von Veränderungen zu überzeugen, sondern auf der Selbstorganisation der Arbeiterklasse. Ein kurzer Blick auf die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts offenbart intensive gesellschaftliche Kämpfe zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen und insbesondere zwischen der neuen Form des Eigentums – dem Kapital – und den Kräften der »Arbeit«, vertreten durch das Proletariat. Da das Denken ein Ausdruck des gesellschaftlichen Seins ist, entstehen unterschiedliche Denkweisen und Ideen auf der Grundlage der Bedürfnisse unterschiedlicher Klassen. Die Ideen, die den Bedürfnissen der herrschenden Klassen dienen, spiegeln deren Vorurteile und Interessen wider, hatten aber eines gemeinsam: Sie gingen davon aus, dass die bestehenden Eigentumsverhältnisse in der Gesellschaft gegeben und das Beste seien, was die Menschheit erreichen könne. Dies war ein gemeinsames Merkmal der englischen und schottischen politischen Ökonomie, des deutschen Idealismus und verschiedener Formen religiösen Denkens. Allein die Arbeiterklasse hatte ein Interesse daran, zu verstehen, dass die bestehenden Eigentumsverhältnisse in der Gesellschaft weder ewig noch festgelegt, noch notwendig und unvermeidlich waren. Nur die Arbeiterklasse hatte also ein Interesse an einer Wissenschaft, die die Welt, in die sie hineingeboren wurde, als ein historisches Produkt mit dem Potenzial zur revolutionären Umgestaltung verstand. Die gesamte spätere Arbeit von Marx und Engels sollte die Grundlagen einer Wissenschaft entwickeln, die ihrer Ansicht nach aus den gesellschaftlichen Bedürfnissen der Arbeiterklasse hervorgeht und zu einer Waffe in den Händen der Arbeiterklasse wird, die es ihr ermöglicht, ihre historische Mission zu erfüllen.2

Die Gründung einer revolutionären Wissenschaft

Die grundlegenden Einsichten des Marxismus als Wissenschaft sind hinreichend bekannt, aber es lohnt sich dennoch, sie hier noch einmal zu betrachten. In ihren frühen Schriften, wie den Manuskripten von 1844, der Deutschen Ideologie und dem Manifest der Kommunistischen Partei, untersuchten Marx und Engels die historische Rolle der Bourgeoisie beim Sturz der feudalen Gesellschaftsverhältnisse, die im mittelalterlichen Europa geherrscht hatten, und bei der Schaffung einer Welt des Warenaustauschs, in der das Kapital regierte. Sie enthüllten die entscheidende historische Mission des besitzlosen Proletariats, indem sie einen grundlegenden Widerspruch in kapitalistischen Gesellschaften aufzeigten: den Gegensatz zwischen den Interessen des Kapitals und denen des Proletariats. Das Kapital lebte von der Arbeit des Proletariats, das auf dem Markt nichts als seine Arbeitskraft zu verkaufen hatte. Indem das Proletariat seine Arbeitskraft verkaufte, versklavte es sich selbst an die Produkte seiner eigenen Arbeit – nicht nur die Kapitalisten, sondern auch die von ihnen geschaffenen Waren und Märkte standen ihm nun als feindliche, fremde Kräfte gegenüber, die sein Leben beherrschten und bestimmten. Marx und Engels argumentierten, dass das Proletariat, weil es nur seine Ketten zu verlieren hatte, die Gesellschaft revolutionieren konnte, indem es die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse stürzte und eine Gesellschaft ohne Klassenverhältnisse schuf, in der Arbeiter nicht mehr von ihrer produktiven Tätigkeit entfremdet waren. Der Schlüssel dazu war der Aufbau unabhängiger Arbeiterorganisationen und ein Kampf der Ideen innerhalb dieser Organisationen, um das Verständnis für die Notwendigkeit einer revolutionären Umwälzung der gesamten Eigentumsgrundlage der Gesellschaft zu fördern. Marx und Engels trugen diese Arbeit in den Bund der Kommunisten und fassten sie im Manifest der Kommunistischen Partei zusammen, das am Vorabend der Revolutionen, die Europa 1848 erschütterten, veröffentlicht wurde.

Die Revolutionen von 1848, der so genannte »Frühling der Völker«, wurden zwar rasch niedergeschlagen, boten Marx und Engels jedoch wertvolle politische Erfahrungen, die sie analysierten und aus denen sie lernen konnten. Vor dem Hintergrund eines Rückgangs der politischen Aktivitäten der Arbeiterklasse in Europa machte es sich Marx zur Aufgabe, seine Wissenschaft weiterzuentwickeln, indem er genau untersuchte, wie die kapitalistischen Volkswirtschaften eigentlich funktionierten. Welche Schlüsselverhältnisse strukturierten das kapitalistische System? Welche Entwicklungstendenzen wies es auf, und welche Kräfte trieben es zum Wandel?

Im ersten Band von Das Kapital, der 1867 veröffentlicht wurde, analysierte Marx das Kapital als ein System, das enorme neue Produktionskapazitäten oder Produktivkräfte in der ganzen Welt freisetzte und die Entwicklung menschlicher Produktivkraft auf ein historisch neues Niveau anhob. Dies geschah, weil die Monopolisierung der Produktionsmittel durch die Kapitalistenklasse und die Schaffung des Proletariats eine enorme neue gesellschaftliche Kraft namens »gesellschaftliche Arbeit« schuf. Indem die Arbeiter in großen Unternehmen, Arbeitsteilungen und Fabriken usw. zusammengebracht wurden, schuf das Kapital eine Kraft, die menschliches Potenzial in einem bisher ungekannten Ausmaß freisetzte. Und da die Kapitalisten in einen unerbittlichen und unaufhörlichen Wettbewerb um ihr Überleben getrieben wurden, wurde das System die Produktion immer weiter revolutioniert. Aber dieselben Kräfte, die dem Kapitalismus diesen historisch fortschrittlichen Charakter verliehen, machten ihn auch zu einem zerstörerischen System, das sowohl die Notwendigkeit als auch das Potenzial für eine revolutionäre Umgestaltung in sich barg. Denn der kapitalistische Profit entstand aus der Abschöpfung des Mehrwerts im Lohnverhältnis, und solange die Produktionsmittel in Privateigentum blieben, würde dieses Streben nach Mehrwert nicht enden. Arbeiter würden mehr Stunden arbeiten, als sie bezahlt bekämen und den Produkten ihrer eigenen Arbeit als fremden Mächten gegenüberstehen. Sie würden zunehmender Kontrolle durch Kapitalisten in der Fabrikarbeit ausgesetzt, stärkerer Marktinstabilität ausgeliefert sein und eine immer größere Unterwerfung unter Maschinen erfahren. Die Arbeiter würden durch das System selbst zum Kampf gezwungen, nur um zu überleben. Vor allem aber, so argumentierte Marx, wären die Arbeiter, wenn sie das kapitalistische System richtig verstanden, in der Lage, nicht nur die Notwendigkeit des Widerstands zu erkennen, sondern auch die Möglichkeiten für Veränderungen, die sich innerhalb des kapitalistischen Systems selbst eröffnen.

Indem er riesige Organisationen der gesellschaftlichen Arbeit schuf, legte der Kapitalismus selbst die Grundlage für eine mögliche zukünftige Planung und Organisation der Produktion unter der Kontrolle der Arbeiter. Und die kapitalistische Konkurrenz selbst zertrümmerte und vernichtete kleinere Kapitalien und bildete immer größere, monopolistischere Unternehmen, die größere Organisationen der gesellschaftlichen Arbeit verkörperten und die Aufgabe vereinfachten, die Eigentumsverhältnisse der Gesellschaft zu verändern. Der Kapitalismus, so Marx, stoße an die Grenzen seiner historischen Fähigkeit, den menschlichen Fortschritt zu ermöglichen. Da er auf dem Privateigentum und dem Streben nach Profit basiere, sei der Kapitalismus ebenso zerstörerisch für das menschliche Potenzial wie er schöpferisch sei. Es würde nichts produziert, das keinen Profit abwerfen könnte. Die Potenziale der gesellschaftlichen Arbeit könnten keine wirklichen Veränderungen für die Masse der Menschen bewirken, solange sie auf deren Ausbeutung durch die Kapitalistenklasse beruhten. Das bedeutete weder, dass der Kapitalismus keine Produktivkräfte mehr entwickeln konnte, noch dass ein revolutionärer Wandel absolut unmittelbar bevorstand. Vielmehr bedeutete es, dass der Kapitalismus seine eigenen Widersprüche nicht lösen konnte und keinen echten Wandel für die Masse der Menschheit herbeiführen konnte, ohne aufzuhören, Kapitalismus zu sein. Wenn es der Arbeiterklasse gelänge, sich unabhängig zu organisieren und ihre Abwehrkämpfe gegen die Ausbeutung mit einem Verständnis ihrer historischen Mission und der Notwendigkeit, die Eigentumsverhältnisse des kapitalistischen Systems zu überwinden, zu verbinden, könnte sie die neue Gesellschaft, die im Schoß der alten heranwächst, die Phase der menschlichen Gesellschaft, die man Kommunismus nennt, hervorbringen.3

In ihren politischen Werken und Schriften versuchten Marx und Engels, dieses wissenschaftliche Verständnis in die unmittelbaren und alltäglichen Kämpfe der europäischen Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts einzubringen Sie waren maßgeblich an der Gründung der Ersten Internationale beteiligt, die darauf abzielte, die Kämpfe der Werktätigen überall zu koordinieren und den Arbeitern die tiefere Notwendigkeit einer revolutionären Umgestaltung vor Augen zu führen. Getreu ihrer Theorie propagierten Marx und Engels nicht einfach nur diese Kämpfe, sondern versuchten, aus ihnen zu lernen, indem sie versuchten, die wirklichen Bewegungen der wirkenden Kräfte zu verstehen und diese Lehren zu nutzen, um ihr revolutionäres Denken weiterzuentwickeln. Das Scheitern der Revolution von 1848 in Frankreich und der anschließende Staatsstreich von Louis Bonaparte, dem späteren Napoleon III., boten der Arbeiterklasse unschätzbare Lehren über die Notwendigkeit, sich mit dem wahren Wesen des bürgerlichen Staates und der bürgerlichen Formen der Demokratie auseinanderzusetzen. Sie zeigte auch die Tendenz der bürgerlichen Parteien auf, die politische Macht an diktatorische Figuren abzugeben, um ihre wirtschaftliche Macht zu erhalten. In ähnlicher Weise wurde die Pariser Kommune von 1871 nicht nur als glorreiches Scheitern oder gar als eine Lektion verstanden, aus der es zu lernen galt. Mehr noch, die Kommune stellte ein historisches Exempel dar – durch die unabhängige Bewegung der arbeitenden Menschen selbst – eines Modells für den Übergang zum Staat der Arbeiterklasse. Marx und Engels entwickelten ihre Theorie, wie die revolutionäre Diktatur der Arbeiterklasse aussehen würde, indem sie die realen Aktionen der Kommune studierten. Und in der Kritik des Gothaer Programms nutzte Marx seine Kritik des politischen Programms der deutschen Sozialdemokratie, um die Notwendigkeit zu betonen, dass das Proletariat nicht nur Ungleichheit und niedrige Löhne kritisieren sollte. Stattdessen müsse es sich darauf konzentrieren, die eigentlichen Eigentumsgrundlagen des kapitalistischen Systems zu beseitigen.4

Ein durchgängiges zentrales Thema der revolutionären Wissenschaft von Marx und Engels ist die Bewegung des historischen Wandels, die für die historischen Akteure Notwendigkeiten und Möglichkeiten schafft. Die Geschichte, so argumentieren sie, schafft nicht nur die Notwendigkeit des Umsturzes des Kapitalismus, sondern auch die Werkzeuge dafür, indem sie die Grundlagen für eine neue, höhere und differenziertere gesellschaftlichen Ordnung legt. Das ist wichtig, denn es bedeutet, dass der Kapitalismus historisch gesehen nicht als ein Irrweg der Menschheitsgeschichte oder bloß als moralisches Vergehen verurteilt werden kann. Marx und Engels sehen den Kapitalismus vielmehr als eine notwendige Etappe der Menschheitsgeschichte, die selbst die Grundlage für den Sozialismus legt. Die Mission der Arbeiterklasse besteht darin, nicht nur ihre Ausbeutung im Kapitalismus zu verstehen, sondern auch ihren Platz in der Geschichte der Menschheit, um das Bewusstsein zu entwickeln, das notwendig ist, um ihre historische Mission in vollem Umfang zu erfüllen.

Marx und Engels betrachteten ihre Wissenschaft als ein Werkzeug, das zu einem bestimmten Zeitpunkt als Ausdruck des wachsenden Bewusstseins der Arbeiterklasse unter dem europäischen Proletariat entstanden ist. Erst zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte wird es möglich und notwendig, die Welt auf diese Weise zu verstehen. Aus diesem Grund unterscheidet sich der Marxismus auch von anderen Wissenschaften. Der revolutionäre Charakter ihrer Wissenschaft geht über spezifische Begriffe wie »Mehrwert« hinaus und umfasst die Art und Weise, wie wir die Welt betrachten und das Verhältnis von Denken und Handeln konzeptualisieren. Dieser Aspekt ihres Denkens wird oft als dialektischer Materialismus bezeichnet.

Dialektischer Materialismus: Der Wandel spiegelt sich im Denken wider

Der dialektische Materialismus ist die Grundlage für die gesamte Weltanschauung von Marx und Engels. Er zieht sich durch das gesamte Werk von Marx und wurde von Engels in gewissem Maße kodifiziert, vor allem in der Dialektik der Natur. Es handelt sich um eine Theorie des Seienden, eine Theorie unseres Wissens über das Seiende und eine Theorie der Beziehung zwischen diesem Wissen und dem praktischen Handeln in der Welt.

Marx und Engels stellten einen Großteil des vorherrschenden deutschen Denkens ihrer Zeit in Frage, indem sie darauf beharrten, dass die materielle Welt, wie schon die französischen Philosophen der Aufklärung behauptet hatten, vor uns existiert und unabhängig von unserem Willen ist. Die Menschen entstehen aus der materiellen Welt und sind als organisches Wesen, das von seiner natürlichen Umgebung abhängig ist, ein integraler Bestandteil dieser Welt. Wir sind Teil der materiellen Welt und von ihr abhängig, wir können sie durch unsere Handlungen verändern, aber wir können sie nicht wegwünschen. Doch während die französischen »mechanischen« Materialisten die Welt als eine komplexe Maschine betrachteten, deren Funktionsweise aufzudecken sei, sahen Marx und Engels die materielle Welt als eine Reihe komplexer und widersprüchlicher Veränderungs- und Entwicklungsprozesse. Alles, was wir denken oder isolieren können, befindet sich in Wirklichkeit in einem Prozess des Entstehens, der Beziehung zu anderen Dingen und des Vergehens aus dem Dasein. Alle Dinge sind in Wirklichkeit Prozesse, die in Beziehung zu anderen Prozessen stehen. So ist zum Beispiel eines der statischsten und unbeweglichsten Objekte, das wir uns vorstellen können, das Gebirge, in Wirklichkeit ein Komplex aus geologischen und klimatischen Prozessen, die in ständiger Bewegung sind, sich mit der Bewegung der Plattentektonik erheben und Verwitterungsprozessen unterliegen, die sie erodieren und umverteilen.5

Menschen als natürliche Organismen, sind Teil dieser materiellen Welt, entwickelten aber Bewusstsein als Produkt ihrer einzigartigen Fähigkeit, sich selbst und ihre Umwelt zu reproduzieren und zu verändern. Höhere Hirnfunktionen und die Sprache entstanden im Gleichschritt mit der Evolution der produktiven Fähigkeiten bis zu dem Punkt, an dem die Menschen in einzigartiger Weise fähig waren, ihre Umwelt als Teil ihrer produktiven Tätigkeit zu untersuchen, zu organisieren und umzugestalten.