Unsternstunden der Menschheit - Armin Thurnher - E-Book

Unsternstunden der Menschheit E-Book

Armin Thurnher

0,0

Beschreibung

Armin Thurnher über Momente der letzten Jahre, in denen die Geschichte ihren fatalen Lauf nahm. »Thurnher gehört zu den scharfsinnigsten Analytikern.« Claudia Kühner, NZZ am Sonntag Stefan Zweig nannte seine berühmte Sammlung von Texten einen »geistigen Spiegel« der Zivilisation. Armin Thurnhers Buch stellt eine Verdunkelung des Spiegels fest. »Unsternstunden der Menschheit« fixiert einige Momente, die unsere Gegenwart formten: Manche davon entgingen dem Radar öffentlicher Aufmerksamkeit. Als Bill Clinton die Section 230 eines Mediengesetzes unterzeichnete, nahm die Welt der Kommunikation einen neuen, fatalen Lauf. Als der Blogger Curtis Yarvin zu veröffentlichen begann, legte er ein Fundament zum Aufstieg Donald Trumps. Als Hans Dichand die »Kronen Zeitung« neu gründete, nahm er die politische Klasse Österreichs in die Geiselhaft der Dumpfheit. Ein Blender namens Sebastian Kurz brachte die konservative Kaste halb Europas um den Verstand. Elon Musk, Viktor Orbán, Peter Thiel und viele andere trugen und tragen zur Verdunkelung der Welt bei. Doch wer sagt, dass aus einer Galerie dunkler Spiegel nicht am Ende neues Licht blitzen kann?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das ist das Cover des Buches »Unsternstunden der Menschheit« von Armin Thurnher

Über das Buch

Armin Thurnher über Momente der letzten Jahre, in denen die Geschichte ihren fatalen Lauf nahm. »Thurnher gehört zu den scharfsinnigsten Analytikern.« Claudia Kühner, NZZ am SonntagStefan Zweig nannte seine berühmte Sammlung von Texten einen »geistigen Spiegel« der Zivilisation. Armin Thurnhers Buch stellt eine Verdunkelung des Spiegels fest. »Unsternstunden der Menschheit« fixiert einige Momente, die unsere Gegenwart formten: Manche davon entgingen dem Radar öffentlicher Aufmerksamkeit. Als Bill Clinton die Section 230 eines Mediengesetzes unterzeichnete, nahm die Welt der Kommunikation einen neuen, fatalen Lauf. Als der Blogger Curtis Yarvin zu veröffentlichen begann, legte er ein Fundament zum Aufstieg Donald Trumps. Als Hans Dichand die »Kronen Zeitung« neu gründete, nahm er die politische Klasse Österreichs in die Geiselhaft der Dumpfheit. Ein Blender namens Sebastian Kurz brachte die konservative Kaste halb Europas um den Verstand. Elon Musk, Viktor Orbán, Peter Thiel und viele andere trugen und tragen zur Verdunkelung der Welt bei. Doch wer sagt, dass aus einer Galerie dunkler Spiegel nicht am Ende neues Licht blitzen kann?

Armin Thurnher

Unsternstunden der Menschheit

Wie die Welt unerträglich wurde

Paul Zsolnay Verlag

Vorwort

Ex oriente nix

Gibt es ihn, den »entscheidenden Lebensaugenblick«, wie Stefan Zweig das nannte? Formt sich tatsächlich ein Schicksal oft in einer einzigen Sekunde, wie der Schriftsteller meinte, dem dieses Buch seinen ins Negative gewendeten Titel verdankt? Ich weiß es nicht. Zweig sah Sternstunden aufsprühen, ich spüre den unheilvollen Einfluss von Schrecksekunden, die aufs Erste niemanden schrecken. Unsternstunden sind Augenblicke, da finstere Motive, übles Denken beginnen, wirksam zu werden. Zusammen verbünden sie sich zu einer neuen Gegenaufklärung, eine »dunkle Aufklärung« nennen sie ihre Protagonisten. Deren Konturen treten umso schärfer, dunkler, beunruhigender hervor, je näher man sich mit ihnen beschäftigt.

Schon lange bedrängt mich die Frage, wie es so weit kommen konnte, wie es kam. Wie zum Beispiel im kleinen Österreich plötzlich private Korruption an maßgeblichen Stellen sichtbar wurde, wo man bis dato nur Korruption für eine Partei oder Organisation gewohnt war. Wie kommt es, dass die Hemmungen fielen? Wie entspringt aus scheinbar vernünftigen, einigermaßen ruhigen, hinreichend zivilisierten Verhältnissen plötzlich etwas Bestialisches, etwas Tyrannisches, etwas Unmenschliches?

Es gibt dafür keine umfassende Erklärung. Aber es gibt Momente, die solche Umschwünge mitentscheiden. Man kann sie im Leben von Menschen finden, die unser eigenes Leben maßgeblich beeinflussen. Sei es durch die Macht, die sie erlangen, sei es durch etwas, das sie in einem historisch entscheidenden Augenblick tun oder nur sagen, sei es durch eine bewusst gesetzte Tat, die erst viel später Früchte trägt und tragen soll.

Donald Trump zum Beispiel, der die sogenannten Legacy Media hasst, wurde zum Virtuosen seiner eigenen digitalen Desinformationswelt. Aber er begann als Geschöpf des Zeitungsboulevards von New York City, den er unter falschem Namen belieferte, bediente, desinformierte, wie er nur konnte: alles, um Macht zu erhalten und zu mehren. Der Mann weiß, wovon er spricht, wenn er von »Fake-News-Media« redet. Dass er damit die New York Times meint, das publizistische Gegenteil seines eigenen Tuns, gehört zu seinem Lügensystem, dem mittlerweile die ganze Welt nicht mehr mit Rechtsstaatlichkeit oder Wahrheitswillen begegnet, sondern nur mehr mit Speichelleckerei. Trump wurde vollends zur Medienpersönlichkeit durch die Entscheidung eines Verlegers, der in ihm den Bestsellerautor witterte, oder besser gesagt, den Bestseller, denn Autor war selbstverständlich ein anderer. Hätte Si Newhouse ihn nicht zu Random House geholt, Trump hätte keine TV-Show bekommen und genösse als mittelmäßig erfolgreicher, neureicher Mafia-Spezi und B-Promi des New Yorker Boulevards in Florida seinen Alterssitz.

Angela Merkels Satz »Wir schaffen das« wiederum, geäußert auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015, ein ehrenwerter und Achtung verdienender Satz, hat dennoch Unheil mit sich gebracht. Der Aufstieg der rechtsextremen AfD lässt sich von diesem Satz nicht trennen; Fakten haben mit ihm nichts zu tun. Merkel war keineswegs eine ahnungslose Philantropin, wie sie in der Griechenlandkrise oder auch in der Beherrschung ihrer Partei, der CDU, zeigte. Sie hatte durchaus im Kopf, dass Deutschland ein Bevölkerungsschwund drohte, und hier kamen junge Männer, die allerhand Lösungen versprachen. Aber dieser Plan ging schief. Selbst wenn die Beschäftigungsquote der seit 2015 Zugewanderten sich jener der »autochthonen« Deutschen bereits annähert, bleibt ihr Satz ein Beispiel für die hilflose Rhetorik einer hilflosen Migrationspolitik.

Zu Momenten von Macht und Rede treten solche des Plans. Wenig gleicht der Voraussicht der Österreicher August von Hayek und Ludwig von Mises, die in ihrer Mont-Pèlerin-Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg Maßnahmen gegen den drohenden Weltkommunismus trafen und in einem noblen Hotel oberhalb des Genfer Sees das Konzept des Neoliberalismus schufen. Dieser ist in seiner klassischen Form Geschichte, geistert aber pervertiert durch die Ideen der neuen US-amerikanischen Rechten und plagt so die Welt. »The Austrians« — wer heutzutage dieses Wort sagt, weckt nicht Assoziationen zu Mozart, Toni Sailer oder der Trapp Family, sondern solche an eine beinharte rechte ökonomische Weltanschauung. So schlau planten die Väter des Neoliberalismus ihre Strategie, dass sie verfügten, es dürfe erst öffentlich über sie gesprochen werden, wenn sie »in der Wissenschaft« entsprechend verankert sei. Das geschah Anfang der 1970er Jahre, als die Kosten des Nachkriegs-Wohlfahrtsstaats drohten, die Profite der besitzenden Klassen im Westen anzunagen. Dann öffneten sich die Kassen der US-amerikanischen Wirtschaft, und das Programm begann wohlfundiert in Universitäten, Verlagen und Institutionen Fuß zu fassen.

Planvoll kann man auch das Wirken des Peter Thiel nennen, der sich selbst als Verschwörer bezeichnete. Mit Leitsternen wie Leo Strauss und René Girard, mit dunken »Denkern« wie Curtis Yarvin und Vorbildern wie Dinesh D’Souza leitete er die fromme Rechtswende ein, mit seiner Wette auf die Siege Donald Trumps 2016 und 2024 versammelte er die meisten Tech-Tycoons des Silicon Valley hinter sich und seiner Idee eines gottgefälligen, militanten Tech-Faschismus. Donald Trump befolgte den radikallibertären Plan des Project 2025, nicht ohne die längste Zeit abzustreiten, dass er einen solchen Plan überhaupt kenne.

Was wäre geschehen, hätte nicht Sam Altman OpenAI übernommen, sondern ein Konsortium von Wissenschaftlern, das eine langsame und kontrollierte Forschung Künstlicher Intelligenz betrieben hätte? Solche Fragen kann und will das Buch nicht beantworten. Es ist nicht geschehen. Die zeitgenössische Logik der Dinge ist eine des Geldes, des sich verwertenden Kapitals. Gegenlogiken gibt es nicht mehr.

Wir leben in merkwürdigen Zeiten. Die Beziehung zur Geschichte ist bei jüngeren Generationen kurios. Sie scheint erst mit der Digitalisierung zu beginnen. Das führt zu Geschichtslosigkeit, kann aber auch zu einer merkwürdigen Art von Geschichtsverschiebung führen, denn die sogenannte Künstliche Intelligenz, die in Form von Large Language Models wie ChatGPT zu Rate gezogen wird, stützt sich vor allem auf das in digitaler Form vorhandene Wissen. Make no mistake, auch der Rest lässt sich digitalisieren. Das Material scheint unendlich zu sein, aber die Vernunft des Historikers wich der statistischen Wahrscheinlichkeit von Algorithmen. Wer wird den Unterschied bemerken, wenn lyrische Produkte der Künstlichen Intelligenz jene von Benn und Rilke an Subtilität übertreffen? Oder, was fast dasselbe ist, wenn das Publikum dies für ein fait accompli hält?

Die Menschheit publiziert permanent und entspricht damit den schlimmsten Befürchtungen des Autors, der sich als Medienkritiker betätigt, seit er selbst publiziert. Die von Karl Kraus bekämpfte Phrase, die Weltverdrehung durch Medienschmäh, ist zum Weltzustand geworden, die Öffentlichkeit entscheidet Machtfragen, und alle Machthaber müssen sich in ihr bewähren. Die meisten von ihnen können sich dabei auf offene Manipulation, Propagandalügen und Führerkult beschränken.

Der Sonderfall »demokratische Öffentlichkeit«, historisch auf kurze Perioden beschränkt, ist in der fingerwischenden Epoche in seiner schärfsten Krise angelangt. Im Namen der Meinungsfreiheit wird just die Idee der Meinungsfreiheit mit Füßen getreten. Es scheint, als sei der zähflüssige Prozess der Zivilisation an einem Punkt angelangt, an dem er wie ein Katarakt zurückstürzt in einen aufrauschenden Abschaum der Barbarei. Und das im Namen der Purifizierung, der Reinigung von Rasse und Nation, der ethnischen Säuberung und der reinen Willkür.

Die Verfinsterung möglicher Sphären des Dialogs, man ist hier schon vorsichtig geworden, geht aus von der Dominanz der Social Media, der Tech-Konzerne und nicht zuletzt vom Prinzip Werbung, das hinter all dem steht. Sie verflechten sich mit den krausen Ideen einer Neuen Rechten, die ihre Chance zum gesellschaftlichen Backlash in den multiplen Krisen der globalen Gesellschaft gekommen sieht. Am Ende — auch das gehört zu den Unsternstunden der Menschheit — stehen Leute, die es für politisch geboten halten, den Endkampf herbeizuführen, Armageddon, wie Peter Thiel es nennt. Für solche Kämpfe rüsten Dunkelmänner wie er wieder, die Menschheit bezahlt den Preis mit Blut.

Während die Maschinen klüger werden, verdummen die Menschen. Beschämt bekenne ich, dass ich zwar Sternstunden sehe, es im Angesicht aufziehender Dunkelheit aber vorziehe, Unsternstunden zu benennen. Wenigstens einige von ihnen. Nicht in der Hoffnung, durch Benennung des Unheils dieses zu bannen, aber zumindest zu einem Nachdenken darüber anzustiften, wie sich möglicherweise Gegensterne finden ließen.

Ja, dies ist ein pessimistisches Buch. Seine Auswahl ist willkürlich, ergibt aber doch so etwas wie eine Archäologie der Gegenwart. Es muss nicht weit zurückgreifen, obwohl ein weiterer Rückgriff vielleicht angebracht wäre. Auf Nietzsche? Nero? Aufs Neolithikum? Die Wendezeit, in der wir leben, etabliert eine neue Ordnung. Zweimal sah man eben noch die alte stürzen, 1945 und 1989. Was sich nach der ersten etablierte, Sozialstaat und demokratische Ordnung, wurde in der zweiten destruiert und wird nun eliminiert. Mit ungewissen Folgen für die Demokratien. Es wird nicht Licht. Ist das Dunkel abwendbar?

Die Segnungen und Möglichkeiten des digitalen Zeitalters sollen nicht geleugnet werden. KI kann durch ihren Energiehunger zur Umweltzerstörerin werden; vernünftig angewandt, könnte sie die Klimakrise lösen. Medizinischer Fortschritt, wissenschaftliche Erkenntnis, industrielle Produktion, das Programmieren selbst — könnte das Leben erleichtern, verlängern und verschönern. Das alles kommt in diesem Buch nicht vor. Es will keines dieser Einerseits-andererseits-Pamphlete sein, in deren Gestalt sich neutral tuender Journalismus gerne flüchtet. Es will seine Diagnosen nicht dadurch behübschen, dass es ans Ende eines Titels wie »Der Weltuntergang« noch das scheinbare Patentrezeptchen »und wie man ihm entgeht« dazuschwindelt.

Stefan Zweig suchte, bereits verfolgt vom ihn umgebenden Dunkel des Nationalsozialismus, jene »Ereignisse, die Entscheidungen für Jahrzehnte und Jahrhunderte« prägen. Diese seltenen Augenblicke, so hoffte er, würden »leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen« und das Leben der Menschen für immer erhellen.

Die Unsternstunden, ebenfalls das Leben der Menschen prägend, mögen in einem anderen Licht verdämmern, hofft seinerseits der Autor. Das Unheil, das sie stiften, möge die Menschheit anregen zu phantasievollem Widerstand, zu moralischer Standhaftigkeit und zur Verteidigung der Wahrheit.

AT, November 2025

1947: »Triffst du nur das Zauberwort …«

Der Neoliberalismus organisiert sich im Namen der Freiheit

Der riesige, aus drei Blöcken bestehende Hotelkasten, erbaut 1906, ist ein Prunkstück der Belle Époque. Lange Zeit hieß er Hôtel du Parc. Auf dem 1079 Meter hohen Pilgerberg gelegen, französisch Mont Pèlerin, im gleichnamigen Dorf inmitten von Laubwäldern oberhalb des Schweizer Städtchens Vevey, hat er einen Postkartenblick über den Genfer See und ist bequem mit einer Zahnradbahn zu erreichen. Nobelhotel war der Kasten von Anfang an. Man könnte ihn als Kulisse für einen Horrorfilm verwenden, mit einem schmiedeeisernen geschwungenen Namen über dem Eingang, ähnlich dem Schriftzug des legendären Hotels Angst in Bordighera an der italienischen Riviera. Oder als Schauplatz eines Romans von Thomas Mann. Nur ist dieser Ort nicht verfallen. Weder gestattete das die Lage in einer der reichsten Regionen der Welt (in der Nähe befindet sich die Zentrale von Nestlé) noch seine Geschichte. Vornehmheit, Abgeschiedenheit und Glanz prädestinierten ihn für ein Treffen, das die Weltordnung bis heute prägt.

Auf Initiative des Ökonomen Friedrich August von Hayek trafen sich hier vom 1. bis 10. April 1947 39 bedeutende Persönlichkeiten, darunter Ökonomen, Philosophen wie Karl Popper, drei Journalisten (von Reader’s Digest, Fortune Magazine und Newsweek) und eine Frau, die englische Historikerin Cicely V. Wedgwood. Von ihrer 1938 erschienenen Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs sagte Golo Mann, seit Schiller sei »eine dramatischere, schönere, knappere, klügere Geschichte dieser Epoche nicht geschrieben worden«. Österreicher müssten ihr ein Denkmal setzen, denn sie behauptete, hätte Kaiser Ferdinand II. damals Erfolg gehabt, wäre unter der Führung der Habsburger ein deutsches Großreich entstanden, das der Welt viel Leid ersparen hätte können. Hayek selbst war Österreicher. Er hatte darauf geachtet, keine exponierten Wirtschaftsführer einzuladen, um den Anschein von deren Einfluss zu vermeiden. Der konservative William Volker Fund kam für die Kosten auf.

Ordoliberale saßen hier neben Anarchokapitalisten, Katholiken neben Agnostikern. Sie alle trennte, um ein bekanntes Wort abzuwandeln, ihr gemeinsames Engagement für den Liberalismus. Die Frage, ob Glaube oder Freiheit die Menschen besser leite, wurde als marginaler Widerspruch weggewischt. Das von Hayek ausgerufene Thema lautete: Freiheit oder Kollektivismus, Freiheit oder Sklaverei. In seinem 1944 erschienenen Bestseller »The Road to Serfdom« (auf Deutsch: »Der Weg zur Knechtschaft«, 1945) hatte er die Alternative einprägsam formuliert. Die Sowjetunion gehörte zu den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, die kollektivistische Idee des Kommunismus drohte die Welt aus den Angeln zu heben. Zugleich aber kollektivierten sich in den Augen der versammelten Liberalen die westlichen Mächte ebenfalls. In ihren Anstrengungen, den Krieg zu gewinnen und den Nationalsozialismus zu besiegen, verstaatlichten und zentralisierten sie die Waffenindustrien und die wirtschaftliche Produktion; sie erhöhten Steuern, verpflichteten die Bevölkerung zum Kriegsdienst und schränkten die freie Wirtschaft ein. Alles zugunsten des Plans, die Diktatur der Nazis zu besiegen. Das mochte noch angehen, doch nun, beim Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Gebiete und auch der besiegten Gesellschaften, sollte es im gleichen Muster weitergehen? Das wollte Hayek verhindern.

Schon in den 1930er Jahren erkannten Liberale wie der US-amerikanische Publizist Walter Lippmann das Problem. Sie fanden das Gegenzauberwort: Neoliberalismus. 1938 einigten sich viele der auch hier Anwesenden bei einer Vorläuferkonferenz in Paris darauf. Nun aber sollte das Konzept als hegemonialer Plan in Stellung gebracht werden. Der Totalitarismus durfte nicht in neuer Gestalt auferstehen, und diese neue Gestalt war, so fürchteten die 39 im Hotel auf dem Pilgerberg, die Nachkriegsordnung im Geiste von John Maynard Keynes, Hayeks großem englischen Gegenspieler. Den von Keynes inspirierten Wohlfahrtsstaat betrachteten die Liberalen als den alten totalitären Feind in neuer Gestalt.

Fotos zeigen die Denker mit Hüten, an Pfeifen, Zigarren und Zigaretten ziehend, trotz Palast, trotz Schweiz, trotz gutem Wetter mit ernsten, ja verdrossenen Mienen, vor einer merkwürdig dominant gemusterten Art-déco-Tapete, seriöse Männer und eine Frau auf Einladung reicher Mäzene, die freilich selbst nicht anwesend waren. Sie saßen in splendider Klausur und skizzierten ein Programm, das die Welt durch Jahrzehnte verändern sollte und sie noch immer prägt. Für die neoliberale Idee wollten sie die Hegemonie erringen. Und sie waren dabei so erfolgreich und so nachhaltig, wenn man das Wort in diesem Zusammenhang verwenden darf, wie keine andere nichtstaatliche Weltanschauung.

Ja, zeitweise war die Welt neoliberal. Aber sie wusste es nicht. Es war, als hätten Menschen im Kommunismus gelebt, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass sie im Kommunismus lebten. Zuerst lief alles nach Plan, gerade in diesem Zusammenhang eine ironische Feststellung. Was bedeutete Neoliberalismus? Die Anwesenden hatten unterschiedliche Vorstellungen. Ludwig von Mises, ein weiterer Österreicher und Lehrer Hayeks, beschimpfte die Teilnehmer sogar als Sozialisten. Der friedliche Karl Popper, sonst programmatisch offen, zeigte sich gegenüber den Feinden (nicht den Gegnern!) der Freiheit durchaus verschlossen und kriegerisch. »Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit«, kommentiert Bernhard Walpen, gründlicher Historiker des Neoliberalismus, Poppers Haltung. Die Gesellschaft im noblen Hôtel wusste nicht einmal genau, was sie nicht wollte: Hayek befürwortete einen schlanken, starken Staat; Mises lehnte den Staat ab. Auch wenn sie sich in vielem nicht einigten, waren ihre Prinzipien klar; es ging um Freiheit, Markt, Wettbewerb und Privatbesitz an Produktionsmitteln, egal ob das durch Anarchie (Mises) oder den starken Staat (Hayek) gesichert würde.

Die ständig beschworene Freiheit war der Grund für den Erfolg dieses Konzepts. »Wo immer das Wort Freiheit auftaucht, wird es unklar«, sagt der Dichter Gottfried Benn, aber vielleicht schuf gerade diese Unklarheit die beste Möglichkeit zur Identifikation. Freiheit, gegen Kommunismus und Faschismus in Stellung gebracht, machte den Neoliberalismus attraktiv, wenngleich Hayek im Zweifel unfreie Systeme (wie das Chile des Diktators Augusto Pinochet) den demokratischen vorzog. Zudem half die Inhomogenität der Mont Pèlerin Society, sowohl was die Berufe als auch was die Positionen betrifft. Aus internen Differenzen und einem kontrollierten Diskurs, die sie nicht nach außen dringen ließ, schöpfte sie Kraft. Die intellektuellen Ansprüche dieser Auseinandersetzungen waren hoch und produzierten gerade wegen solcher Reibungen haltbare, attraktive Ideen. Aus internen Vorträgen entstanden einflussreiche Bücher wie Hayeks »The Constitution of Liberty« (1960), Milton Friedmans »Capitalism and Freedom« (1962) und Bruno Leonis »Freedom and the Law« (1961).

Mit ihrem kontrollierten Diskurs der Freiheit machte die Mont Pèlerin Society den Neoliberalismus zum erfolgreichsten gewaltfreien hegemonialen Projekt der Geschichte seit dem Christentum. Das erforderte nicht zuletzt Geduld. Es werde zwei Generationen dauern, schätzte Hayek, und es bedurfte einiger Finanzierungskraft und Zuversicht, diesen Plan durchzuhalten. Auf raffinierte Weise betrieb die Mont Pèlerin Society die Attraktivierung ihrer Ideen. Zuerst ließ man sie im später bis auf tausend Mitglieder erweiterten inneren Kreis reifen. Man gründete Thinktanks, die eher zur Missionierung der Gesellschaft dienten denn zur Ideenproduktion. Man schuf ein Netz von Stiftungen zur Finanzierung und gewann dafür potente Financiers.

So erlangte man langsam den Beifall und die Zustimmung der Massen. Und das in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem noch lange ein anderes Paradigma vorherrschte: jenes des Wohlfahrtsstaats, in den USA der »Great Society«. Selbst Richard Nixon sprach 1968 ganz selbstverständlich: »I’m a Keynesian.« Ehe er den Goldstandard und die festen Wechselkurse abschaffte.

Wie bringt man Massen dazu, gegen ihre eigenen Interessen für Ziele einzutreten, die der Wohlfahrt der Massen entgegengesetzt sind und eindeutig den besitzenden Klassen dienen? Die Antwort ist verblüffend, ja beschämend einfach. Blind durch die selbsterzeugte Illusion der Aufklärung, in einem Konstrukt, das wir Öffentlichkeit nennen, gäbe es nichts Stärkeres als die Macht des Arguments, wollen oder können wir die Antwort in ihrer Schlichtheit nicht mehr sehen. Naturgemäß geht es um einen Wettbewerb um die Gemüter. Gern zitiert man deswegen Antonio Gramsci, den italienischen Marxisten und dessen Konzept der kulturellen Hegemonie. Gramsci zufolge erringt kulturelle Hegemonie nur, wer ein politisches Konzept vertritt, das Substanz hat. Wie, mit welcher Strategie er dieses Konzept durchzusetzen vermag, ist die entscheidende Frage. Fest steht, zuerst muss er es haben.

Zwar fragt man sich heute angesichts des massiv auf Politik und Öffentlichkeit lastenden neoliberalen Paradigmas, ob und wie eine andere Weltsicht je möglich war. Und doch dominierte diese andere Weltsicht infolge der Krise in den späten 1920er und 1930er Jahren. In den USA nannte man sie New Deal. In Europa gab sie nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus und dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Ton an. Ökonomisch gesehen, handelte es sich um Keynesianismus in verschiedenen Schattierungen. Er ermöglichte Errungenschaften wie das Wirtschaftswunder, den Wiederaufbau und in Österreich ein paar Jahrzehnte des Sozialismus Kreisky’scher Ausformung. Der Sozialstaat dämpfte unter dem Schock von Krieg, Krisen und Totaltarismen in den gelenkten Nachkriegsdemokratien die Klassengegensätze.

Unmittelbar nach 1945 war der Neoliberalismus nicht mehr als eine ökonomische Sekte. Hayek stand im Schatten von Keynes. Selbst Institutionen wie die Weltbank und die Welthandelsorganisation waren in keynesianischem Geist gegründet worden, um den internationalen Wettbewerb zu regulieren, und nicht, um einzelne Staaten an die Kandare zu nehmen und den Wettbewerb zu entgrenzen. Eine Synthese aus Kommunismus und Kapitalismus, die beide nach den Erfahrungen der 1920er und 1930er Jahre gescheitert schienen, ließ sich nicht durchführen; der Kalte Krieg verhinderte das. Dennoch konzentrierte sich der Westen auf den Aufbau von Wohlfahrtsstaaten, egal ob es um die Siegermächte USA, England und Frankreich ging oder um die Verlierer Deutschland und Japan. Vollbeschäftigung war das Ziel, gezähmter Kapitalismus der Weg. Dieser »embedded liberalism«, wie ihn der marxistische Geograph David Harvey nennt, mit seinen staatlich geführten Industrien, beschränkt-mobilem Finanzkapital und dominanten öffentlich-rechtlichen Medien hegte den Kapitalismus ein; alle diese Einschränkungen zu beseitigen war das Ziel des Neoliberalismus.

Die Krise der 1970er Jahre brachte das keynesianische System in große Schwierigkeiten. Das System von Bretton Woods mit seinen festen Wechselkursen und dem Goldstandard, das System des gemäßigten Kapitalismus, ob man ihn jetzt embedded, rheinisch oder sozial-marktwirtschaftlich nennen mag, hatte tatsächlich zu einer Umverteilung geführt. Der Aktienbesitz des oberen einen Prozents der US-Gesellschaft war um 1970 auf ein Allzeittief seit 1913 abgestürzt; wollte die besitzende Oberschicht ihre Position nicht endgültig verlieren, musste sie jetzt handeln. Dazu drohte jene weltanschauliche Wende, die man mit der Chiffre 1968 bezeichnet: mehr Gesellschaft, weniger Staat, Drogen, Freizügigkeit, Kollektivismus in WGs und antiautoritären Lebensformen.

Nun schlug die Stunde des von den 68ern bis auf wenige Ausnahmen sträflich unterschätzten Neoliberalismus. Während linke Intellektuelle sich mit der Lektüre des Marx’schen »Kapitals« mühten, feierte der Neoliberalismus, was er triumphierend seine »Reconqista« nannte, eine Wiederherstellung liberaler Verhältnisse, eines Liberalismus ohne Staat, wie im 19. Jahrhundert. Das stimmte zwar nicht, denn es gab genügend Staat, und man brauchte ihn ja, um die Marktfreiheit zu garantieren.

Aber den Marktradikalen glückte die Wiedereroberung der an die Sozialdemokratie und die Linke verlorenen Gebiete. Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA folgten neoliberalen Prinzipien, wenngleich nach Hayeks Geschmack bei weitem nicht rasch genug. In den USA erhöhten von 1978 bis 1999 die oberen 0,1 Prozent der Einkommensbezieher ihren Anteil am nationalen Einkommen von zwei auf sechs Prozent; Ähnliches gelang in Großbritannien. Nach 1989 entstanden Oligarchien in Russland und anderen exkommunistischen Ländern. Indien und Schweden öffneten sich dem Neoliberalismus. In Mexiko machte eine Privatisierungswelle nach 1992 Menschen wie Carlos Slim reich (in Österreich kontrolliert er die einst staatliche Telekom Austria). Selbst China änderte 1978 unter Deng Xiaoping seine Strategie und wurde kapitalistisch.

Das alles soll trotz des überwältigenden Erfolgs des Bretton-Woods-Systems einer kleinen neoliberalen Sekte nur durch argumentative Überzeugungskraft gelungen sein? Natürlich nicht. Nicht nur. Der edle Wettstreit der Argumente zündete, weil das Freiheitsargument unüberbietbar war und weil sich die Kombination aus intensiver geistiger Auseinandersetzung mit öffentlicher Zurückhaltung und langem Atem als unschlagbar erwies. Aber diese Erklärung grenzt zumindest im Bereich der Ökonomie an Fiktion, weil es hier um den unedlen Wettstreit der Interessen geht. So kommt es, dass kulturelle Hegemonie entweder durch schiere Machtausübung erzwungen wird, wie in Chile oder Argentinien. Oder sie wird — eine etwas subtilere Form der Machtausübung — ganz einfach erkauft.

Im August 1971 richtete der Anwalt und später von Richard Nixon zum Bundesrichter ernannte Lewis F. Powell ein vertrauliches Memo an die amerikanische Wirtschaftskammer. Die amerikanische Wirtschaft müsse sich gegen jene wappnen, die sie zerstören wollen, schrieb Powell. Sie solle eine Offensive auf Universitäten, Schulen, Medien und Gerichte starten, um ein neues Wirtschaftsdenken durchzusetzen. Selten war ein Memo folgenreicher.

Die US-amerikanische Chamber of Commerce steigerte ihre Mitgliederzahl innerhalb weniger Jahre von sechzigtausend auf eine Viertelmillion Firmen. Damit stieg ihre Finanzkraft. Bereits 1972 gab sie für ihre Propagandazwecke neunhundert Millionen Dollar aus, »eine für jene Zeit ungeheure Summe«, wie Harvey bemerkt.

Sie gründete weitere Thinktanks, publizierte Bücher und beeinflusste Medien, Institutionen und Debatten in einem Ausmaß, das der europäischen Öffentlichkeit lange Zeit entging. Die durch Nobelpreise anscheinend sanktionierte Autorität der neoliberalen Denker (sieben Nobelpreise für Mitglieder der Mont Pèlerin Society in 18 Jahren) half dabei. Diese Autorität relativiert sich allerdings, wenn man weiß, dass der Chef des Nobelpreiskomitees, der schwedische Zentralbanker Erik Lundberg, selbst Mitglied der Mont Pèlerin Society war, und der Wirtschaftsnobelpreis ein erst 1968 gestiftetes Feature der Sveriges Riksbank, nicht des Nobelpreis-Komitees.

Die Politologin Susan George beschreibt ein frappierendes Beispiel einer neoliberal gesteuerten Publikation. Die Summen in Klammer nennen die jeweilige jährliche Subvention durch die konservative, neoliberal ausgerichtete Olin-Stiftung. »Allan Bloom vom Chicagoer Olin-Center for Inquiry into the Theory and Practice of Democracy ($ 3,6 Millionen) lädt einen Beamten des Außenministeriums ein, ein Papier zu schreiben.

Dieser verkündet den totalen Sieg neoliberaler Werte. Die Zeitschrift National Interest ($ 1 Million), herausgegeben von Irving Kristol ($ 376.000 als Olin Distinguished Professor an der NYU), publiziert zugleich mit dem Papier zwei Antworten, eine eigene und eine von Samuel Huntington ($ 1,4 Millionen, Olin Institute for Strategic Studies in Harvard).« So setzt man Bücher und Thesen durch! Der beamtete Autor hieß übrigens Francis Fukuyama und sein Buch »Das Ende der Geschichte«.

In den Worten Harveys, die Wirtschaft hatte gelernt, »als politische Klasse Geld auszugeben«. Und sie schlug so gründlich zurück, dass bald kein Grashalm mehr wuchs, der nicht neoliberal aussah. Medien beklagen sich selten über sich selbst und ihren Wandel, und schon gar nicht tun das die wohlausgestatteten Thinktanks und PR-Agenturen. Immerhin beklagten sich Wirtschaftsstudenten in einer europäischen Initiative über die herrschende neoliberale Monokratie und mangelnden Pluralismus auf Wirtschaftsuniversitäten.

Gewiss brauchte der Siegeszug der neoliberalen Ideologie mehr als die intellektuelle Grundlegung durch die Mont Pèlerin Society und den finanziellen Großaufwand der amerikanischen Wirtschaft. Der Freiheitsbegriff — im Manifest der Mont Pèlerin Society ist ausdrücklich von menschlicher Würde und individueller Freiheit die Rede — zog auch deswegen, weil die Lenkung der Nachkriegsdemokratien zunehmend als beengend und als persönliche Fessel empfunden wurde. Nicht nur die wirtschaftlichen Probleme der keynesianisch regierten Staaten und die Lösungen des Neoliberalismus, sondern paradoxerweise auch die Emanzipationsbewegung der 1968er trugen zum Erfolg der neoliberalen Ideologie bei. Der Protest der 68er richtete sich gegen staatliche Institutionen, gegen als versteinert empfundene öffentliche Einrichtungen, gegen muffige kulturelle Konventionen. Ihre Rebellion wollte aus ganz anderen Motiven jene Strukturen hinwegfegen, die auch den Neoliberalen im Weg standen. So ergaben sich merkwürdige Allianzen; während die emanzipatorischen Impulse der 68er kulturell verpufften, nutzten wirtschaftliche Interessengruppen diese antistaatlichen Impulse für sich.

Die klassischen protektiven Arbeitnehmer-Schutzorganisationen wie Gewerkschaften wurden immer unattraktiver und sahen immer unfreier aus, geradezu wie Exponenten von »Knechtschaft«. Der befreite Markt hingegen glänzte umso attraktiver mit dem Versprechen postmoderner Konsumentenfreuden. Dass diese im Debakel diverser platzender Spekulationsblasen endeten, steht auf einem anderen Kontoblatt.

Karl Polanyi, der große Wiener Wirtschaftsanalytiker und noch immer wenig bekannte Gegenpol zu Hayek, beschrieb die Umwandlung der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in eine industrialisierte Marktgesellschaft, die alles zur Ware macht. Er schilderte ihre Konsequenzen noch mit ungläubigem Unterton: »Die Schlussfolgerung ist zwar unheimlich, aber für die völlige Klarstellung unvermeidlich: Die von solchen Einrichtungen (jenen des Marktes, Anm.) verursachten Verschiebungen müssen zwangsläufig die zwischenmenschlichen Beziehungen zerreißen und den natürlichen Lebensraum des Menschen mit Vernichtung bedrohen.«

Polanyi war 1943 noch der Ansicht, die Zeiten seien vorbei, in denen sich die Gesellschaft die Kontrolle über die Wirtschaft je wieder entreißen lassen würde. Er erlebte das Regime von Margaret Thatcher nicht mehr, die kaltschnäuzig die Konsequenz aus der Ideologie der an die Macht gebrachten Sekte zog und deklarierte: »There is no such thing as society.« Es gab, ebenfalls ihre Worte, keine Alternative. Die vielen gute Argumente dagegen, sie vermochten die Mehrheit nicht zu überzeugen.

Die Neoliberalen hatten gesiegt, aber im Sieg drohte neues Ungemach. Der Totalitarismus schien sich aufs Neue zu organisieren, mitten im ubiquitären Kapitalismus. Die neoliberalen Regime in Ost und West verabsolutierten nicht den Markt, sie verstaatlichten sich vielmehr weiter, das heißt, sie entwickelten Institutionen und bauten internationale Organisationen aus. Dagegen formierte sich Widerstand in der etablierten Mont Pèlerin Society. Aber es traten auch neue Propheten auf, radikalere, die auf Basis von Biologismen die Überlegenheit der weißen Rasse postulierten. Mit technischen Allmachtsphantasien überdehnten sie, was bei Hayek noch »menschliche Würde« geheißen hatte. Aus religiös grundiertem Katastrophismus brachten sie radikale Lösungen aller Spielarten vor, und das Benehmen dieser dunklen Aufklärer zeigte, dass ihnen jeder Knigge unvorstellbar fern war. Der Historiker Quinn Slobodian nennt sie »Hayeks Bastards«, weit vom Stamm, aber doch erkennbar vom gleichen Baum. Wir werden in diesem Buch Leuten wie Murray Rothbard, Hans-Hermann Hoppe und Curtis Yarvin, aber auch Peter Thiel und Elon Musk und nicht zuletzt Donald Trump begegnen. Wie am Anfang ihres Auftretens bestimmten die Neoliberalen auch am Ende ihrer Hegemonie, in den 1990er Jahren, den Diskurs nicht mehr. Ihre eigenen illegitimen Nachkommen bedrohten nun in ihrem Namen die Freiheit.

Das Hôtel du Parc wurde indes revitalisiert; ein Teil dient als Luxusapartments, ein anderer als Luxushotel, in dem Fußballnationalmannschaften gern Quartier nehmen. Bei der Europameisterschaft 2008 brachte nebeliges Wetter am Genfer See der französischen Mannschaft kein Glück, sie wurde nur Gruppenletzter. Die Schweizer Nati hatte bei ihrer Vorbereitung auf die WM in Brasilien 2014 mehr Sonnenschein und erreichte das Achtelfinale. Postkartenansichten des Hotels im Internet bringen kaum Ansichten des Gebäudes, nur das Panorama und den grandiosen Ausblick. Zeitungsberichte konzentrieren sich auf die Aktivitäten von Hotelketten oder Immobilienspekulanten. Die legendäre Tagung ist auf dem Mont Pèlerin kein Thema mehr.

1952: Mars macht mobil

18 Jahre bevor Elon Musk geboren wird, veröffentlicht Wernher von Braun »The Mars Project«

Zweifelsfrei ist der Mann ein Genie. Zweifelsfrei ist er politisch mehr als fragwürdig. Zweifelsfrei belügt er die Öffentlichkeit, aber nur, weil er tut, was er tun muss.

Kann man über Elon Musk sagen, kann man aber auch über Wernher von Braun sagen, Hitlers Raketenkonstrukteur, der sich nicht scheute, Zwangsarbeiter zu schinden und seine Raketen militärisch verwenden zu lassen, um englische Städte zu bombardieren, obwohl er stets beteuert hatte, seine Erfindungen dienten nur friedlichen Zwecken. Als der Krieg verloren war, ergriff er gemeinsam mit seinem Team die Flucht und stellte sich den Amerikanern, in der Hoffnung, bei ihnen seine Mission fortsetzen zu können. Von Braun verstand es, Ziele zu setzen, um seine Projekte realisieren zu können, die jedem einleuchteten, auch wenn sie jenseits sinnvoll erreichbarer Möglichkeiten lagen.

So ist es nur leicht überzogen, den Erscheinungstermin eines Buches, das Wernher von Braun schrieb, als Anfang dieses Kapitels über Elon Musk zu wählen. Das Buch trug den Titel »The Mars Project« und erschien in zwei Versionen, 1952 als wissenschaftliches Projekt voller Formeln, die glaubhaft machen, welche technischen Probleme bei einer Raumfahrt wie zu überwinden sind, und später als utopischer Roman. Der schmale Band von 1952 kam 1953 auf Englisch heraus. Er beeindruckt in seiner lapidaren ingenieurhaften Zuversicht, mit vielen Formeln und konkreten Problemlösungen; und tatsächlich bediente sich Elon Musk bei der Konstruktion seiner für eine Marsexpedition geeigneten Technik eingestandenermaßen bei von Braun. Er betrachtete von Braun als den größten Raketeningenieur des zwanzigsten Jahrhunderts und fand sich in dessen Idee wieder, dass eine auf der Erde beschränkte und bedrohte Menschheit ihre Hoffnung im All und vor allem auf dem Mars suchen müsse. Außerdem stellte und stellt die Idee einer Marsmission damals wie heute auch eine Business-Gelegenheit dar, mit der man die eigenen Schäfchen ganz irdisch ins Trockene bringen konnte und kann.

Elon Musk ist einer der bizarrsten und risikofreudigsten Unternehmer unserer Zeit. Er gründete die visionären Unternehmen PayPal, Tesla und SpaceX. Familiär zum Hasard prädisponiert (die Großeltern waren Pioniere im Einmannflug über Kontinente, der Großvater war politisch rechtsradikal), rettete er durch riskante finanzielle Manöver die von ihm gegründete, danach hochprofitable Automarke Tesla in letzter Sekunde vor der Pleite. Beim ebenfalls von ihm mitgegründeten Zahlungsdienst PayPal setzten ihn Vorstandskollegen und Aktionäre an die Luft und machten seinen Compagnon Peter Thiel zum Chef. Musk wurde mit läppischen 180 Millionen Dollar abgefertigt. Nach seinem Abgang gewann das Unternehmen ungeheuer an Wert. Musk avancierte dennoch zum zeitweise reichsten Menschen der Welt. Sein Reichtum besteht zum Teil aus Aktienbewertungen der eigenen Unternehmen und ist dementsprechend unstabil, sodass Musk den Platz an der Spitze der Allerreichsten zwischendurch wieder räumen musste.

Um diesen Platz ging es ihm ohnehin nie. Musk ist ein leidenschaftlicher Projektant. Angeblich identifizierte er als Physikstudent die großen Weltprobleme der Menschheit: Umweltrettung, Sicherung des Weltraums als Flucht- und Ausweichsphäre der Menschheit, Heilung durch Technik. Statt eines nach dem anderen attackierte er alle Probleme auf einmal. Außer Tesla gründete er Neuralink zwecks Erweiterung des menschlichen Verstands durch dessen Verbindung mit Rechnern, dann SpaceX samt Starlink zur Eroberung des Weltraums und schließlich xAI zur Erbeutung künstlicher Intelligenz.

All diese Firmen durchliefen ähnlich chaotische Schicksale von Drama, drohendem Konkurs und Rettung in letzter Minute. Das entspricht offenbar der psychischen Disposition ihres Gründers, der sie auch fast alle simultan leitet, demonstrative Übernachtungen auf dem Feldbett im Büro inklusive. Die Versuchung ist groß, psychologisch zu werden und von Musks gewalttätigem Vater zu erzählen, zu dem der zehnjährige Elon von seiner modelnden Mutter flüchtete, was er später als Fehler bezeichnete. Wie auch immer, es entstand ein Getriebener, der stets mehrere Projekte gleichzeitig anging, sich um sein öffentliches Auftreten alles, um sein öffentliches Ansehen nichts scherte, mit der Empathie einer Kettensäge, den Manieren eines Gorillas und dem Charme eines Schlägers, ein martialisch-marsianischer Kotzbrocken, die personifizierte Disruption — um Helmut Qualtinger zu paraphrasieren: Ich weiß nicht, was ich machen will, Hauptsache, ich mache etwas kaputt, um etwas Neues, Größeres zu schaffen.

Aus Südafrika, wo er aufwuchs, machte sich der junge Musk so schnell es ging auf nach Kanada und dann in die USA, wo er sein Physikstudium in Stanford zugunsten einer Karriere als Gründer aufgab. An geistigen Einflüssen lässt sich bei dem offensichtlich Hochbegabten und früh an Weltraumfragen Interessierten vor allem Science-Fiction-Literatur ausmachen: Isaac Asimovs »Foundation«-Trilogie gehört ebenso dazu wie Douglas Adams’ »The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy« oder Robert A. Heinleins »The Moon Is a Harsh Mistress«, aber auch Ayn Rands »Atlas Shrugged«.

Wernher von Brauns utopischer Roman konnte nicht dazu gehören; er wurde zwar schon in den 1940er Jahren geschrieben, erschien aber erst 2006. Darin findet sich die Bezeichnung »der Elon« für den Anführer einer menschlichen, hierarchisch geordneten Marskolonie. Einem populären Mythos zufolge ist Musk nach diesem Elon benannt; er selbst, damit konfrontiert, rief erstaunt und begeistert: »How can this be real!« Nur, dass es weder wahr noch wirklich ist.

Musk kann und will sein eigenes Leben von Science-Fiction nicht unterscheiden. Das Unmögliche zu verwirklichen schien ihm stets die normale Lebensform. Dazu muss man seiner Ansicht nach Manieren vergessen, Menschlichkeit sowieso. Man muss herumbrüllen, die Menschen einschüchtern, terrorisieren, zum Unmöglichen treiben. Man muss in seinen Bündnissen Maximal-Utilitarist sein. Gut ist nur, was Musk und seinen Unternehmen nützt. Auf dem Gelände seiner Firma SpaceX in Texas gibt es einen Wernher-von-Braun-Raum; dorthin begibt man sich, wenn scheinbar Unlösbares ansteht. Die dazu passende Redewendung lautet: »taking it to the Von Braun«. Mit seinen Methoden schaffte es Musk, die Kosten des Raketenbaus zu minimieren, allerdings unter Missachtung zahlreicher Sicherheitsvorschriften. Er sprengt die Selbstfesselung der Menschheit eben auch dort, wo sie deren Sicherheit dient, im sicheren Wissen, dass in Bürokratien der Grenzraum zwischen nötiger Sicherheit und Bequemlichkeit ein oft zu weites Feld geworden ist. Wie Wernher von Braun den Verlust von Menschenleben in Kauf nahm, so auch Musk: Der Fortschrittswille des Ingenieurs stellt seine höheren Ziele über alles.

Erschien von Braun noch einigermaßen kultiviert — Pianist, schriftstellerisch ambitioniert und von der Anmutung eines Gentleman-Junkers —, schert sich Kotzbrocken Musk nicht um solche Äußerlichkeiten. Er ist — T-Shirt, Urschrei und dunkle MAGA-Kappe — Unkultur pur. Das Problem nachlassender menschlicher Fruchtbarkeit löst er ganz persönlich, indem er Kinder zeugt, selbstverständlich mit auserwählt intelligenten Partnerinnen. Elf sind es bis dato. Das natalistische Affentheater neotraditioneller Familienbildung mit Tradwifes und seiner sich selbst feiernden Spießigkeit macht er nicht mit, da ist er radikaler. Immerhin unterstützt er natalistische Organisationen mit Spenden.

Das alles ist unvorstellbar rüde und unausgegoren, rüpelhaft wie aus dem Lehrbuch des Puer robustus, in seiner von Katastrophenangst getriebenen Zukunfts- und Weltrettungsfixiertheit undurchdacht bis zum Abwinken. Die von ihm errichteten Firmen zur Herstellung von Autobatterien und die kolossalen Datencenter seiner xAI-Firma zerstören die Umwelt, vorzugsweise in ökonomisch benachteiligten Gegenden, Brandenburg in Deutschland oder Memphis, Tennessee, die sich schlecht wehren können und die Arbeitsplätze nicht gegen die Zerstörung abwägen. Aber vor der zerstörten Erde, so die Logik des Transhumanismus, der auch Musk folgt, soweit man sein Verhalten logisch nennen kann, fliehen die Privilegierten dann auf andere Sterne, wo ohnehin nur die Fittesten überleben.

In den USA der Obama-Jahre und des »mitfühlenden Konservativismus« eines George W. Bush galt es für die Tech-Tycoons, liberal zu scheinen, um an öffentliche Gelder heranzukommen. Donald Trumps erste Präsidentschaft sahen viele von ihnen als eine Art Betriebsunfall. Joe Bidens Sieg über Trump 2020 schien diese Interpretation nahezulegen. Musk verhielt sich in diesen Jahren wie die meisten anderen Tech-Milliardäre politisch unauffällig.

Doch in den Biden-Jahren kaufte Elon Musk zuerst ein beachtliches Aktienpaket des Kurznachrichtendiensts Twitter zusammen. Dann bot er an, den börsennotierten Konzern ganz zu übernehmen, für den Betrag von 44 Milliarden Dollar (knapp 41 Milliarden Euro), die er zum Teil fremdfinanzieren, zu einem anderen Teil aber aus der eigenen Portokasse bezahlen würde — auf Kosten anderer Aktionäre, denen er zu spät bekanntgab, mehr als fünf Prozent Anteile zu besitzen, und die ihm ihre Anteile unter Preis verkauften.

Wie angekündigt nahm Musk Twitter nach der Übernahme von der öffentlich zugänglichen Börse, nannte es X und verwandelte es in ein privates Unternehmen, um die seiner Meinung nach dort allzu sehr eingeengte Meinungsfreiheit wiederherzustellen. Mit dieser Übernahme schürte Musk eher oberflächliche Konflikte, rührte aber auch an Grundfragen, die da lauten: Was ist Öffentlichkeit, was ist Wahrheit, was ist Demokratie?

Die Idee der Öffentlichkeit widerspricht fundamental der Idee des Privaten. Man kann zwar privat Medien besitzen, aber das öffentliche Prinzip in ihnen nicht ganz außer Kraft setzen. Öffentlichkeit ist jener Ort, an dem unsere Wortmeldungen gleich viel wert sind, weil unser privater Status (kalifornischer Multimilliardär oder Wiener Kirchenmaus) nichts zählt. Nicht zählen sollte. Ich kann unter demokratischen Verhältnissen Herrn Musk einen Trottel heißen, wenn ich sein Verhalten als trottelhaft zu begründen weiß. Sonst könnte er mich per gerichtlicher Verfügung davon abhalten.

Elon Musk ist jedoch der Ansicht, ich müsste ihn auf jeden Fall einen Trottel nennen dürfen, denn das First Amendment, der erste Zusatzartikel zur US-amerikanischen Verfassung, berechtige mich dazu, jede Sache so zu nennen, wie ich es wolle, und sei es noch so verrückt oder auch illegal. Dieser Free-Speech-Absolutismus vernachlässigt, dass man Rechtsgüter abwägen muss, etwa die Redefreiheit gegen den Ruf eines Menschen, der nicht willkürlich geschädigt werden darf.

Es war und ist sehr schwierig, »sozialen Medien« gegenüber rechtliche Ansprüche durchzusetzen. Man muss rechtlich versiert sein, sehr langen Atem und etwas Geld haben, wie die Wiener Anwältin Maria Windhager bezeugen kann, die für die ehemalige Parteichefin der österreichischen Grünen, Eva Glawischnig, ein weltweit akklamiertes Urteil gegen Facebook durchsetzte. Oder der aktivistische Jurist Max Schrems, der erreichte, dass US-Tech-Konzerne nicht mehr ohne Weiteres Daten europäischer User speichern dürfen. Im Wesentlichen beharren die Plattformen darauf, dass sie selbst die Normen festlegen, was veröffentlicht werden darf und was nicht. Staatlichen Vorgaben oder Strafen gegenüber bleiben sie — trotz Lippenbekenntnissen — eher gelassen. Sie zensieren, wen sie wollen. So strich Twitter den Account Donald Trumps zur Gänze, weil dieser nicht von seiner faktenwidrigen Behauptung abließ, die Wahl 2020 sei gefälscht gewesen.

Diese Selbstjustiz der Konzerne soll dazu dienen, ihre in den USA durch die Section 230 geschützten Praktiken abzuschirmen und staatliche Kontrolle fernzuhalten, so gut es geht; der europäische Digital Services Act will sie dagegen zu etwas zwingen, das man als Normalbürger für selbstverständlich gehalten hätte und der Spiegel einmal so formulierte: »Was offline illegal ist, soll es auch online sein.« Die Selbstjustiz der Konzerne folgt aber einer höheren Logik. Diese hängt mit ihrer Entscheidung zusammen, eben nicht bloß Netzwerke zu sein, die »Menschen zusammenbringen« (Facebook), um die Welt zu verbessern, sondern ihr Geld mit Werbung zu verdienen. Der Free-Speech-Absolutismus pfeift auf Legalität und verirrt sich in eine Fetischisierung freien Ausdrucks, womit er am Ende eine Kultur der Denunziation, Beschimpfung und ständigen Eskalation hervorruft, hundertmal schlimmer als das, was Trump die Fake-News-Media nennt: ein Milieu, in dem Lüge und Wahrheit ununterscheidbar werden, in Hannah Arendts Wort eine Welt der Bodenlosigkeit, ein Treibsand, in dem unsere Zivilisation versinkt. Während am Horizont als Rettung die Dünen des Mars erscheinen.

Musk wollte Twitter nicht nur kommerziell, sondern politisch verändern. Er war durch Coronamaßnahmen in seinen Tesla- und SpaceX-Fabriken unternehmerisch getroffen worden und redete den Covid-Leugnern nach. Unsinn ist seiner Ansicht nach auch erlaubt, wenn er die Gesundheit anderer gefährdet.

Wie sich schnell herausstellte, hatte er weniger im Sinn, eine freiere Weltöffentlichkeit zu schaffen, als vielmehr deren staatlichen Rahmen zu zerschlagen. X rückte immer stärker nach rechts, Werbekunden liefen davon, Free Speech erwies sich als Vorwand zur Entfesselung des Sumpfs, doch all die Verluste, die Musk mit X machte, juckten ihn wenig. Er spielte bereits ein ganz anderes Spiel, seinem Rüpelprinzip treu, jedes Problem auf seine nackte Gestalt zu reduzieren. Während irregeleitete Liberale davon faselten, Medien dienten dazu, Macht zu kontrollieren, hatte Musk erkannt, das Problem der Öffentlichkeit bestehe einfach darin, auf Seiten der Macht zu sein. Sich dazu zu bekennen, selbst Macht zu sein. Macht auszuüben. Musk missbrauchte seine Macht auf X sogleich, um mit Hilfe des Algorithmus seine eigene Präsenz zu verstärken, die von rechten Postern zu vergrößern und jene von linken zu beschneiden. Symbolkräftig ließ er sogleich Trumps Account wiederherstellen. Nur dass dieser derweil unter dem ultrazynischen Namen »Truth Social« seine eigene Plattform gegründet hatte.

Im Übrigen war Musk mit all seinen Firmen wie die meisten Tech-Milliardäre kein Abenteurer des freien Markts, der sein eigenes Geld riskierte. Silicon Valley entstand aus staatlichen, militärischen Investitionen und existierte unter den Voraussetzungen des Schutzes von Section 230, mit massiven staatlichen Aufträgen und exzessiver steuerlicher Bevorzugung. Bis Anfang 2025 hatten Musks Firmen der Washington Post zufolge 38 Milliarden Dollar an staatlichen Subventionen, Aufträgen, Steuernachlässen und Krediten erhalten.

Der zugleich gemolkene und zum Feind ausgerufene Staat musste jedoch unter Kontrolle gehalten und wenn möglich noch stärker kontrolliert werden. Im Fall Musk lautete die Aufgabe vorerst, die staatliche Raumfahrtagentur NASA kleinzukriegen und dem Verteidigungsministerium klarzumachen, dass ohne seine Satelliten keine Kriege zu gewinnen sind, was er im Ukrainekrieg drastisch sichtbar machte. Musk unterhält mehr Satelliten im All als alle Staaten dieser Erde zusammen.