Until Love: Nico - Aurora Rose Reynolds - E-Book

Until Love: Nico E-Book

Aurora Rose Reynolds

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4,99 €

Beschreibung

Sophie Grates hat mit genug inneren Dämonen zu kämpfen und keinen Kopf, etwas mit einem Mann anzufangen. Doch da hat sie die Rechnung ohne den verdammt charmanten Nico Mayson gemacht, der mit seinen Tattoos und Piercings vielleicht nicht so aussieht, aber mit seiner liebevollen Art ihren Alltag von einem auf den anderen Tag gehörig umkrempelt. Nico zwingt sie, aus ihrer Komfortzone auszubrechen und wieder Risiken einzugehen. Schritt für Schritt will er Sophie helfen, ein besseres Leben zu führen, um irgendwann mit ihr gemeinsam glücklich werden zu können ...

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EPUB

Seitenzahl: 426

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NEW YORK TIMES UND USA TODAY BESTSELLER AUTORIN

AURORA ROSE REYNOLDS

UNTIL LOVE

NICO

Contemporary Romance

Aus dem Amerikanischen von Bianca Andreasen

UNTIL LOVE : NICO

Aurora Rose Reynolds

© Die Originalausgabe wurde 2014 unter demTitel UNTIL NICO von Aurora Rose Reynolds veröffentlicht.

© 2017 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH8712 Niklasdorf, Austria

Covergestaltung: © SturmmöwenTitelabbildung: © FxquadroKorrektorat: Melanie Reichert

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903130-28-9ISBN-EPUB: 978-3-903130-29-6

www.romance-edition.com

Dieses Buch ist meinen Brüdern im Geiste gewidmet.Wir sind vielleicht nicht verwandt, aber ich liebe euch beide, S & W.

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Epilog

Danksagung

Die Autorin

LESEPROBE

1. KAPITEL

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1. Kapitel

Sophie

Ich zucke zusammen, als das Telefon auf dem Schreibtisch klingelt. Das tut es nie, dementsprechend erschrocken bin ich aufgrund des schrillen Geräuschs in der Bibliothek. Nach dem zweiten Klingeln hebe ich ab. »Middle School Bibliothek, Miss Grates am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich habe ein Handy gefunden und das ist die Nummer, die erscheint, sobald ich es einschalte«, antwortet eine tiefe Männerstimme. Der geschmeidige Südstaatenakzent bringt die Härchen auf meinen Armen dazu, sich aufzurichten.

Ich ziehe meine Handtasche unter dem Tisch hervor und suche nach meinem Mobiltelefon.

»Hallo? Haben Sie mich gehört?«, fragt der Kerl am anderen Ende der Leitung ungeduldig.

Ich habe glatt vergessen, dass er noch dran ist. »Ja, ich bin da. Sorry. Das scheint tatsächlich mein Handy zu sein«, erkläre ich und schiebe mir das Telefon zwischen Schulter und Ohr.

»Hören Sie, ich habe außerhalb der Stadt zu tun und werde erst in einer Woche zurück sein. Können Sie mich heute noch irgendwo treffen?«

»Ähm, ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist«, antworte ich und nage besorgt an meiner Unterlippe.

»Wollen Sie Ihr Handy zurück oder nicht?«

»Ja, natürlich will ich mein Handy wiederhaben«, sage ich etwas verärgert. Was ist das für eine dumme Frage?

»Dann müssen Sie einen Treffpunkt mit mir ausmachen, damit ich es Ihnen geben kann.«

»Ich arbeite noch eine Stunde. Können wir uns hinterher sehen?« Ich drücke die Daumen und hoffe, dass es klappt. Keine Ahnung, was ich eine Woche ohne mein Handy tun soll – nicht, dass ich jemanden anrufen oder Nachrichten schreiben will. Aber ich bin verdammt gut in Candy Crush und will meinen letzten Spielstand überbieten.

»Jesus. Wo zum Teufel treffen wir uns?«, grummelt der Fremde und bringt mich damit zum Lächeln.

Ich weiß nicht, warum, aber es gefällt mir, ihn zu verärgern. »In anderthalb Stunden draußen vor Jack’s Barbecue?«

»Klar.« Sein Tonfall verrät mir, dass er total genervt ist, was mich noch breiter lächeln lässt.

»Vielen Dank«, murmle ich.

»Was haben Sie an?«

Damit vertreibt er das Grinsen aus meinem Gesicht. »Warum zur Hölle ist das wichtig?«

»Hören Sie«, sagt er leise, »ich habe Ihr Handy, was bedeutet, dass sie keins haben, richtig?«

»Richtig«, wiederhole ich wie eine Idiotin.

»Das heißt, ich kann Sie nicht anrufen, um Bescheid zu geben, sobald ich dort bin. Also muss ich wissen, was Sie anhaben, damit ich Sie auf der Straße erkenne, nicht wahr?« Jetzt höre ich ein Lächeln in seiner Stimme.

»Ich schätze, das ergibt Sinn«, entgegne ich und mein Magen flattert bei seinem tiefen Lachen.

»Also, neuer Versuch. Was haben Sie an?«

»Oh.« Ich schaue an mir hinunter und komme mir blöd vor, als ich antworte. »Ähm … einen grauen Rock, eine weiße Seidenbluse … Oh! Und ich habe braune Haare«, füge ich hinzu, da ich nicht weiß, wie viele Frauen in einem ähnlichen Outfit herumrennen werden.

»Alles klar, Sweetheart. Wir sehen uns in anderthalb Stunden«, sagt er und legt auf, bevor ich eine Chance habe, etwas zu erwidern.

Ich lege den Telefonhörer auf die Gabel und werfe meine Tasche zurück unter den Tisch, bevor ich die Bücher, die im Laufe des Tages verteilt zurückgegeben wurden, wieder in die Regale stelle.

Ich zog vor einem Jahr von Seattle nach Nashville und wurde kurz darauf in der Schulbibliothek angestellt. Drei Tage die Woche verbringe ich hier, die restliche Zeit bin ich für einen Versicherungsfachmann von zu Hause aus tätig. Ich arbeite gern hier. Es ist ruhig, die Bezahlung ist gut und es ist kein Nachteil, die meiste Zeit allein zu sein.

Sobald meine Schicht zu Ende ist, update ich den Computer und gehe sicher, dass niemand mehr durch die Regalreihen spaziert, ehe ich die Bibliothek abschließe. Erst als ich das Gebäude verlasse, bemerke ich, dass die meisten Leute, die ebenfalls hier arbeiten, bereits nach Hause gegangen sind. Bis auf meinen roten Audi ist der Parkplatz leer. Ich steige ein, starte den Motor und drücke den Knopf für das Verdeck, das zurückfährt und sich wie ein Akkordeon zusammenklappt. Dann mache ich mich mit Addicted To Love von Florence and the Machine auf den Weg in die Innenstadt.

Ich erreiche den Treffpunkt und brauche einige Minuten, um einen Parkplatz zu finden. In der Stadt ist um diese Tageszeit der Teufel los. Als ich bei Jack’s ankomme, bin ich zehn Minuten zu spät.

Ich schaue mich um. Wie der Typ wohl aussehen mag? Hier laufen so viele Leute herum, dass ich mir etwas blöd vorkomme, ihn nicht ebenfalls nach seiner Kleidung gefragt zu haben. Ich stelle mich neben das Gebäude und verschränke die Arme vor der Brust. Lieber würde ich mich hinsetzen, da mich meine Füße umbringen. Ich habe ein fast schon krankhaftes Faible für High Heels und nun bekomme ich die Quittung dafür präsentiert, sie länger als ein paar Stunden getragen zu haben.

Ich sehe mich erneut um und bemerke, dass mich ein Kerl anstarrt. Er ist in meinem Alter, nicht viel größer als ich mit meinen ein Meter fünfundsechzig, niedlich und er trägt einen Anzug mit Krawatte. Ich will ihm winken, um herauszufinden, ob er derjenige mit meinem Handy ist – als ich einen anderen Kerl wahrnehme. Er ist etwa eins neunzig und riesig. Und damit meine ich nicht nur seine Größe, denn sein ganzer Körper sieht aus wie aus Stein gemeißelt. Er trägt schwarze Stiefel, eine verwaschene Bluejeans und ein weißes T-Shirt. Jedes bisschen Haut, das ich erkenne, ist mit Tattoos übersät. In seinen Ohrläppchen stecken diese Gauge-Piercing-Dinger. Sein blondes Haar ist an den Seiten kurz und auf dem Kopf zu einem Faux Hawk gestylt. Das Kinn ist kräftig, er hat einen Dreitagebart und seine Augen sind so blau, dass es wirkt, als trüge er Kontaktlinsen. Er ist auf eine ungewöhnliche, aber dennoch anziehende Weise wunderschön.

Unsere Blicke treffen sich. Er sieht zur Seite, doch im nächsten Moment schnellt sein Blick wieder zu mir zurück und er mustert mich von Kopf bis Fuß. Der intensive Ausdruck in seinem Gesicht lässt mich nach Luft schnappen. Ich schaue an ihm vorbei zu dem anderen Kerl – oder versuche es zumindest –, denn Mr Tattoo kommt bereits auf mich zu und verdeckt mir mein Blickfeld. Ich will einen Schritt zurücktreten, kann aber nicht ausweichen. Dann sehe ich mein Telefon in seiner Hand.

»Ist das deins?«, will er wissen.

Ich nicke wie eine Idiotin.

Der Fremde schüttelt den Kopf, reibt sich mit der freien Hand über das Gesicht, dann mustert er mich erneut von oben bis unten. »Du willst mich wohl verarschen«, murmelt er offensichtlich verärgert.

Ich sehe an mir hinunter und frage mich verwirrt, was ihn so aufregen könnte. Ich sehe ganz normal aus – oder zumindest so normal wie immer, wenn ich nicht von zu Hause aus arbeite. Dort trage ich bequeme Baggy-Hosen, die ich zu Shorts abschneide, oder locker fallende Pyjamahosen, zusammen mit Tanktops oder T-Shirts. An den wenigen Wochentagen, an denen ich das Haus verlasse, ziehe ich mich gern hübsch an und trage High Heels.

»Zum Teufel, das kann nicht wirklich passieren«, knurrt er.

Ob er nicht ganz richtig tickt? »Wie bitte?«, frage ich, sobald ich meine Stimme wiedergefunden habe. Ich muss den Kopf in den Nacken legen, da er mich sogar mit meinen Zehn-Zentimeter-Absätzen überragt.

»Du.«

»Ich … was?«, frage ich irritiert.

»Egal. Wer ist das?« Er schaltet mein Handy ein. Das Display leuchtet auf und ein Bild von Jamie Dornan mit nichts als einer Jeans erscheint.

»Ähm … das ist Jamie«, antworte ich. Warum will er das wissen? Ich erspare mir die Frage, denn seine Miene wirkt nicht sonderlich einladend.

»Dein Kerl?«

»Schön wär’s«, murmle ich und höre ihn knurren.

Erneut lege ich den Kopf zurück und sehe in sein Gesicht. Ein Muskel zuckt in seinem Kiefer und seine Fingerknöchel um mein Handy werden weiß.

»Was soll das heißen?«, fragt er.

»Das ist Jamie Dornan. Er spielt in Fifty Shades of Grey mit. Ich kenne ihn nicht persönlich.« Ich spüre, wie meine Wangen heiß werden und starre auf meine Füße.

Was zum Teufel stimmt nicht mit mir? Warum spüre ich keine Angst? Seit ich denken kann, fürchte ich mich vor allem und jedem, doch ausgerechnet jetzt, wo ich um mein Leben rennen sollte, habe ich kein bisschen Angst. Die Situation ist mir nur etwas peinlich.

»Ich habe keine Zeit für das hier«, sagt er.

Ich weiß nicht mal ansatzweise, was er damit meint, aber ich hätte gern mein Handy zurück, bevor er es in seiner Hand zerbröselt.

Als ich wieder aufsehe, stelle ich fest, dass er weggeht. Ich ziehe die Brauen zusammen und überlege, was er vorhaben könnte. Dann bemerke ich, dass er noch immer mein Telefon bei sich hat. »Hey! Du kannst nicht einfach mein Handy klauen!« Ich haste ihm hinterher und packe seinen Arm.

Er bleibt abrupt stehen und sieht auf mich herab. Dann schlingt er einen Arm um meine Taille und zieht mich an sich, womit er mich total überrümpelt. Er fasst in mein Haar und neigt meinen Kopf nach hinten, dann küsst er mich. Nein, nicht küssen – er verzehrt mich. Mein Körper beginnt zu kribbeln, als hätte mich jemand an eine Steckdose angeschlossen und ich fühle mich ganz benommen.

Als er seinen Mund von meinem nimmt, schnappe ich nach Luft und fasse an meine Lippen. »Was war das?«, flüstere ich und sehe ihm in die Augen.

»Wie heißt du?«, fragt er, ohne mich loszulassen.

»Sophie«, erwidere ich. Die Antwort ist gedämpft, weil meine Finger noch immer auf meinen Lippen liegen.

Sein Körper fühlt sich an meinem steinhart an. Ich kann jeden Muskel, jede Kontur fühlen und es kostet mich all meine Selbstbeherrschung, weiter zu atmen. Zum ersten Mal in meinem Leben komme ich mir zierlich vor. Bisher hat das meine kurvige Figur nie zugelassen.

»Sophie«, wiederholt er, richtet sich auf und zieht mich mit sich.

Ich schaue mich um, ob die Zeit auch für alle anderen stehen geblieben ist.

»Mein Name ist Nico.«

»Natürlich ist er das.« Ich starre weiter in seine unglaublichen Augen. Der Name passt zu einem Kerl wie ihm – cool und heiß, etwas, das dir leicht von der Zunge geht, aber schwer zu vergessen ist.

»Wir sehen uns, wenn ich wieder in der Stadt bin, Sophie«, sagt er und lässt mich los. Dabei achtet er darauf, dass ich sicher auf meinen Füßen stehe.

»Wie bitte?«, frage ich, mich erneut umschauend.

»Hier ist dein Handy.« Er gibt es mir und geht davon.

Benommen sehe ich ihm hinterher. Nach wenigen Metern dreht er sich noch mal zu mir um. »Sophie?«

»Ja?«

»Ändere das Bild in deinem Handy«, verlangt er, bevor er sich wieder abwendet und in der Menge verschwindet.

Sekundenlang stehe ich da und frage mich, was gerade passiert ist. Irgendwann reiße ich mich zumindest so weit zusammen, um zu meinem Auto zurückzukehren. Als ich dort ankomme, bemerke ich, dass ich weder das Verdeck geschlossen noch meine Tasche mitgenommen habe, so sehr war ich in Eile. Meine Tasche ist Gott sei Dank noch da. Erleichtert seufze ich auf, setze mich in den Wagen und fahre heim.

Ich lebe in einem kleinen Haus mit zwei Schlafzimmern außerhalb von Nashville. Ich habe es bar bezahlt mit dem Geld, das ich nach dem Tod meiner Mom aus ihrer Lebensversicherung erhalten habe. Es ist nicht viel, aber es ist ein eigenes Zuhause. Ich parke in der Garage, steige aus und ziehe meine Tasche hinter mir her. Ich brauche ein Bier … oder einen Drink. Nachdem ich die Tür aufgeschlossen habe, kicke ich meine Schuhe weg, sodass sie durch den Flur Richtung Schlafzimmer fliegen.

Meine Tasche lege ich neben der Tür, das berühmt-berüchtigte Handy auf dem Tisch ab. Dann gehe ich in die Küche und hole aus dem Kühlschrank eine Flasche Wodka, die ich für Notfälle im Haus habe. Ich nehme mir nicht die Zeit, um nach einem kleinen Glas zu suchen, sondern hole eine Kaffeetasse aus dem Schrank, befülle sie zur Hälfte und trinke sie in einem Zug aus. Noch während ich mir die Seele aus dem Leib huste und nach Luft ringe, fülle ich nach und trinke zitternd auch den zweiten Drink. Diesmal bin ich darauf vorbereitet und halte den Atem an, während sich das Brennen in meiner Brust ausbreitet. Wesentlich entspannter stelle ich die Flasche wieder zurück.

Ich gehe ins Schlafzimmer und tausche meine Klamotten gegen ein T-Shirt. Es ist noch früh, also schnappe ich mir auf dem Weg ins Wohnzimmer mein Handy. Dort lasse ich mich auf die Couch fallen, lege die Füße auf den Tisch und schalte den Fernseher mit dem digitalen Videorecorder ein, um The Big Bang Theory zu starten. Minutenlang sitze ich zerstreut da, ohne auch nur eine einzige Sekunde meiner Lieblingssendung wahrzunehmen. Stattdessen starre ich auf das Smartphone, tippe auf das Display und betrachte das Bild von Jamie. Ich weiß nicht, warum, aber ich muss lächeln, als ich an Nicos Reaktion zurückdenke. Der tätowierte Fremde ist heiß, ein bisschen einschüchternd, aber auf jeden Fall interessant.

Nico

Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Die letzten vier Tage verbrachte ich damit, einem Kriminellen hinterherzujagen. Ich befürchtete schon, ihn zu schnappen, würde um einiges länger dauern, aber ich hatte Glück und er war ein Idiot.

Ich schalte den Motor vor meinem Stadthaus aus, als mein Handy zu läuten beginnt. Hoffnungsvoll sehe ich auf die Rufnummernanzeige, dabei weiß ich genau, dass es nicht die süße Sophie sein wird – was nicht heißt, dass ich es mir nicht wünschen würde. Auf dem Display wird Kentons Nummer angezeigt. Vermutlich hat er einen neuen Fall für mich, doch dafür habe ich im Moment keinen Kopf. Ich will mir ein Bier gönnen und ins Bett gehen, damit ich morgen Früh zur Middle School rüberfahren kann.

»Ja?«, antworte ich und zerre die Reisetasche von der Rückbank.

»Hat ja nicht lang gedauert, Johnson zu schnappen.«

»Weil er ein Schwachkopf ist«, erwidere ich. »Er hat sich im Haus seiner Mom versteckt. Ich dachte eigentlich, er hätte seine Lektion nach den letzten beiden Malen gelernt, als ich hinter ihm her war. Aber nein, die meiste Zeit ist dafür draufgegangen, hin- und wieder zurückzufahren. Wann besorgst du dir endlich einen Privatjet, damit ich nicht noch mehr Meilen auf mein Auto packen muss?«

»Hör auf, herumzujammern. Du hast in zwei Tagen fünfzehnhundert Dollar verdient.«

Da hat er recht. Mit dem Anteil des Bauunternehmens, den ich an meine Brüder verkauft habe, und dem Gehalt, das ich von Kenton bekomme, um irgendwelchen Typen nachzujagen, konnte ich einen netten Haufen Geld ansammeln.

»Warum rufst du an?«

»Was denn? Kann ich nicht anrufen, um zu hören, wie es meinem Cousin geht?«

»Hältst du mich für so dumm?«

»Okay, okay … Das Ding ist, du musst mir bei einer Sache helfen.«

»Was für eine Sache?« Kopfschüttelnd gehe ich zur Haustür.

»Ein Freund von mir aus Vegas rief vorhin an. Bei ihm ist ein Mädchen, das er für eine Weile irgendwo unterbringen muss.«

»Was hat das mit mir zu tun?«

»Kann sie bei dir bleiben, bis Cassie den Rest ihres Krams aus meinem Haus geholt hat?«

»Scheiße, nein!«, knurre ich, während ich gleichzeitig den Schlüssel ins Schloss ramme und aufschließe.

Die Tür geht auf und ich sehe Daisy, die völlig durchdreht. Ich hebe sie mit einer Hand hoch und sie fängt an, mein Kinn und alles, an das sie irgendwie rankommt, abzulecken.

»Du hast diesen Hund immer noch?« Kenton lacht, offenbar kann er Daisy sogar durchs Telefon hören.

»Ja«, sage ich gefährlich leise.

Sämtliche Idioten in meinem Leben finden es irre witzig, dass mir dieses kleine Fellknäuel von Hund gehört. Ich habe Daisy aus einer Absteige gerettet. Damals war sie noch so klein, dass sie auf meine Handfläche passte. Ich wollte sie jemandem aus meiner Familien geben, aber ich konnte es nicht. Sie ist mir während der ersten Woche ans Herz gewachsen.

»Du musst mir nur dieses eine Mal aushelfen, Mann.«

»Nein, du hättest den Kram dieses Miststücks schon vor Monaten rausschmeißen sollen«, erinnere ich ihn. Ich kann seine Ex nicht ausstehen. Sie zählt zu den Frauen, die einen Mann in jeder Hinsicht zu manipulieren versuchen.

»Tu nicht so, als wäre das nicht mein Plan gewesen. Sie hat geschworen, dieses Wochenende vorbeizukommen, um ihr Zeug abzuholen. Bis es so weit ist, habe ich keinen Platz für dieses Mädchen.«

»Wer ist dieses Mädchen?«, frage ich, nun doch neugierig geworden.

»Erinnerst du dich an meinen Freund Link, der als Türsteher in Vegas arbeitet?«

»Ja. In einem Stripclub, richtig?«

»Genau. Nun, ich schätze mal, diese Stripperin hat etwas gesehen, was sie nicht sehen sollte. Er rief an und bat mich, auf sie aufzupassen, bis es für sie sicher genug ist, nach Hause zurückzukehren.«

»Wow, eine persönliche Stripperin, die noch dazu bei dir einzieht.«

»Sie könnte zuerst bei dir unterkommen.«

»Ich treffe mich im Moment mit jemandem. Du musst also einen anderen für dieses Mädchen finden oder den Scheiß deiner Ex rausschmeißen. Meinetwegen verbrenn den Kram hinter deinem Haus.«

»Du triffst dich mit jemandem?« Ich höre die Ungläubigkeit in seiner Stimme. Das überrascht mich nicht. Ich date nicht. Ich habe Sex und gehe nach Hause.

»Ich bin gerade erst angekommen und habe keine Zeit für so was. Ruf deine Ex an und sag ihr, sie soll ihre Sachen morgen abholen oder du verbrennst alles. Wir könnten ein Lagerfeuer machen.«

»Wir wissen beide, dass sie ihr gesamtes Zeug nicht sofort abholen wird. Sie glaubt, solang es hier ist, hat sie einen Grund, zurückzukommen.«

»Dann schmeiß es in deinen Wagen, bring es zu ihrem Haus und wirf es auf den Rasen.«

»Das hätte ich getan, hätte ich Gelegenheit dazu gehabt, mir einen Truck zu besorgen.«

»Sie ist vor fast einem Jahr ausgezogen. Wie zum Teufel konntest du währenddessen keine Gelegenheit finden?«

»Okay, es gab Gelegenheiten. Ich hatte nur keine Lust auf dieses ganze Rumgeheule bei einem Wiedersehen.«

»Oh wie süß, du heulst, wenn du sie siehst?«

»Tränen der Freude, dass sie endlich aus meinem Leben raus ist, du Wichser.«

Wir lachen beide, während ich Daisy auf dem Boden absetze, ein Bier aus dem Kühlschrank hole und einen Schluck trinke. »Wenn sie dieses Wochenende nicht vorbeikommt, um ihren Kram zu holen, lass es mich wissen. Dann helfe ich dir dabei, es zu ihr zu bringen. Ich bin sicher, dass wir uns Cashs Truck ausleihen können.«

»Klingt gut. Also, wer ist diese Frau, die du triffst? Ist es die Rothaarige, mit der du letztens an der Bar gequatscht hast?«

»Nein und du kennst sie nicht.« Scheiße, ich kenne sie ja auch nicht. Alles, was ich über sie weiß, ist, dass sie nach Äpfeln und Zimt riecht, das weichste braune Haar hat, das ich je gesehen oder angefasst habe und braune Augen, die dunkel werden, wenn sie geküsst wird. Ihre Haut ist so weiß wie Milch und sie errötet leicht, sobald sie nervös oder beschämt ist.

»Hast du mich gehört?«

»Was?«, knurre ich, verärgert darüber, dass er meinen Tagtraum von der wunderschönen Sophie unterbrochen hat.

»Ich wollte wissen, ob du für einen anderen Job diese Woche zu haben bist.«

»Das weiß ich jetzt noch nicht.«

»Alles klar. Sag einfach Bescheid.«

»Ja, sicher. Bis dann, Cousin.«

»Bis dann.«

Nachdem ich es ausgeschaltet habe, werfe ich das Handy auf den Tresen. Dann sehe ich zu Daisy hinunter, die zu meinen Füßen sitzt und meinen Blick erwidert. Langsam öffne ich die Dose mit ihren Leckerlis, während ihre Augen jede meiner Bewegungen verfolgen. Ich halte das Leckerli ein paar Zentimeter über ihrem Kopf. Daisy stellt sich auf die Hinterbeine und tanzt herum, bis ich es ihr gebe.

Ich gehe ins Schlafzimmer, ziehe mir das Shirt aus und schmeiße es auf den Boden, dicht gefolgt von meinen Jeans und Boxershorts. Im Badezimmer angekommen, schalte ich die Dusche ein und warte, bis der Dampf die Glaskabine füllt, bevor ich mich unter den Strahl stelle und das heiße Wasser an mir herabrieseln lasse.

Ich lege den Kopf in den Nacken und denke an Sophie. Wie sie mich aus ihren großen braunen Augen angesehen hat – nervös, hungrig, aber ohne eine Spur von Angst. Eine Mischung, die ich nie zuvor im Gesicht einer Frau gesehen habe und ein Anblick, der für immer in meinem Gedächtnis verankert bleiben wird.

Ich wusste im ersten Moment, als ich sie gesehen habe, dass sie es ist. Wie? Keine Ahnung, aber es war, als würde meine Seele Feuer fangen. Verdammt kitschig, aber die Wahrheit. Ich habe im Augenblick alles andere als Zeit für so etwas, außerdem wirkt sie nicht wie eine Frau, die Interesse an jemandem wie mir haben könnte – was aber nicht heißt, dass ich es nicht versuchen werde.

Sie hat etwas Unschuldiges an sich. Es könnte nur eine Fassade sein, aber etwas sagt mir, dass dem nicht so ist. Beim Gedanken an ihre High Heels werde ich hart. Die Dinger sollten verboten werden. Sophie sah damit wie die wahr gewordene Sekretärinnen-Fantasie eines jeden Kerls aus oder wie die der schmutzigen Bibliothekarin.

Ich fasse mich an, bewege meine Hand langsam und gleichmäßig auf und ab. Dabei stelle ich mir vor, wie Sophie vor mir kniet, ihr Rock bis zur Hüfte hochgeschoben, die Beine gespreizt, um ihre Pussy ansehen zu können. Ihr Top ist geöffnet, über dem BH blitzen ihre Brüste hervor – die Nippel hart und dunkelrot, nachdem ich daran gesaugt, geleckt und sie gebissen habe. Ich stehe vor ihr, schiebe ihr meinen Schwanz in den Mund. Meine Hände vergrabe ich in ihrem Haar und gebe auf diese Weise den Rhythmus vor. Ich spüre, wie sich meine Hoden zusammenziehen, meine Bewegungen schneller werden. Ihre Hand liegt um den unteren Teil meines Schwanzes, während ich in ihren Mund ficke.

»Scheiße«, stöhne ich in die leere Dusche, als ich komme. Seit ich dreizehn war und Margret Jenkins mir als Mutprobe auf dem Männerklo ihre Titten gezeigt hat, habe ich mir beim Gedanken an eine Frau keinen mehr runtergeholt. Ich versuche, wieder zu Atem zu kommen, bevor ich mich wasche und ins Bett gehe. Morgen wird ein anstrengender Tag.

Es überrascht mich nicht, als ich beim Betreten der Middle School von der Security gefragt werde, wer ich bin und was ich hier mache. Ich erkläre dem Mann, dass ich eine Bibliothekarin mit dem Namen Sophie suche. Er kennt Sophie nicht, also schickt er mich zum Büro der Direktorin, damit sie mir weiterhelfen kann.

Ich bin es gewöhnt, nach meinem Aussehen beurteilt zu werden. Ich bin voller Tattoos, habe einen Faux Hawk und Tunnel-Piercings in den Ohren. Alles in allem sehe ich wie jemand aus, vor dem man davonlaufen sollte.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Ich blicke auf die ältere Frau mit dem hellen lilafarbenen Haar und riesigen Lächeln hinunter. »Ich suche Sophie.«

»Sophie aus der Bibliothek?«, fragt sie, wobei ihr Lächeln noch breiter wird.

»Ja. Können Sie mir sagen, wo ich hinmuss?«

»Oh! Sie ist heute nicht da.«

»Warum suchen Sie nach Sophie?«, fragt eine männliche Stimme und ich drehe den Kopf, um einen Blick über meine Schulter zu werfen.

»Sie ist eine Freundin«, antworte ich ihm und wende mich wieder um.

»Sophie hat keine Freunde«, sagt der Kerl auf eine Weise, als hätte sie seine Annäherungsversuche abgewiesen.

Jetzt drehe ich mich ganz zu ihm um, betrachte ihn von oben bis unten. Seine Kleidung verrät ihn. Mit seinen khakifarbenen Hosen und dem Hemd wirkt er wie jemand, der hier arbeitet – wahrscheinlich als Lehrer.

»Sie hat mich«, erwidere ich.

Sein Blick wandert einmal an mir hinab, bevor er reagiert. »Das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Wirklich?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

»Sie wird morgen hier sein, Schätzchen«, sagt die ältere Lady.

Ich werfe ihr ein Lächeln zu und sie strahlt mich an. »Danke«, antworte ich und tippe auf ihren Schreibtisch, bevor ich an dem Kerl vorbei und aus der Tür gehe, die Halle hinunter und raus zu meinem Wagen. Ich muss noch einen Tag länger warten, aber ich weiß, sobald ich sie wiedersehe, war es das wert.

Als ich am nächsten Tag zur Schule fahre, steure ich direkt das Büro an.

»Du bist zurückgekommen«, begrüßt mich die gleiche Lady wie zuvor. »Ich bin übrigens Sue.« Sie lehnt sich vor, als wolle sie mir ein Geheimnis anvertrauen. »Mr Rasmussen war gestern nicht besonders glücklich.« Sie wackelt mit dem Finger und strahlt wie ein Honigkuchenpferd, dann lässt sie sich in ihren Stuhl zurückfallen und klatscht einmal in die Hände. »Also, ich schätze, du brauchst eine Wegbeschreibung zur Bibliothek.«

»Das wäre hilfreich.« Ich lächle.

»Du bist auf jeden Fall hübsch anzusehen.« Sie lacht. »Wenn ich nur ein paar Jahre jünger wäre, dann wäre ich ein Puma für dich.«

»Ein Puma?«, frage ich glucksend.

»Du weißt schon, eine ältere Frau mit einem jungen Mann.«

»Eine Cougar meinen Sie«, korrigiere ich sie grinsend mit der korrekten Bezeichnung dafür.

»Sicher. Was immer du sagst, Schätzchen. Ich weiß nur, dass ich es Miss Grates alles andere als leicht gemacht hätte.«

»Klar, wenn Sie mich wollen, bekommen Sie mich«, sage ich und lehne mich zu ihr, wie sie es zuvor getan hat.

»Oh nein, Schätzchen. Ich wüsste nicht mal, was ich mit dir anstellen soll.« Ihre Augen funkeln. Ich zucke mit den Schultern und sie lacht. »Alles klar, Mister. Ich muss deinen Ausweis hierbehalten, während du dich auf dem Schulgelände aufhältst, aber unterschreib einfach hier, dann kannst du in die Bibliothek. Du musst rechts abbiegen, bis zum Ende des Flurs weitergehen und dann nach links. Es ist die letzte Tür auf der linken Seite.«

»Danke, meine Liebe«, antworte ich noch immer amüsiert, während ich ihr meinen Führerschein gebe, den Besucherbogen unterzeichne und aus dem Büro spaziere.

Ich muss gestehen, das war das erste Mal, dass ich von einer Frau angemacht wurde, die meine Großmutter sein könnte.

Wenig später erreiche ich die Türen zur Bibliothek. Ich schaue durch die kleinen Fenster und entdecke Sophie sofort. Sie steht auf Zehenspitzen und stellt Bücher zurück in die Regale. Heute trägt sie eine marineblaue Hose mit weitem Bein und einem hohen Bund, der direkt unter ihren Brüsten endet, die von einem hellroten, kurzärmligen Top bedeckt sind. Farblich passt alles zu ihren High Heels.

Himmel. Sophie trägt High Heels und sieht darin so gut aus, dass sie mich damit ins Grab bringen könnte.

Ich drücke die Tür auf und werde von dem Geruch nach Büchern überrollt. Sophie dreht den Kopf, um nachzusehen, wer den Raum betritt. Als sie mich erkennt, weiten sich ihre Augen und ihr Mund öffnet und schließt sich ein paar Mal.

»Was machst du denn hier?«, fragt sie schließlich, bevor sie sich umschaut, als würde sie damit rechnen, gleich von jemandem angesprungen zu werden.

»Ich habe dir doch gesagt, dass wir uns wiedersehen, sobald ich zurück in der Stadt bin. Und hier bin ich«, stelle ich das Offensichtliche fest.

»Ähm … Okay. Aber was tust du hier?«, wiederholt sie und deutet dabei auf den Boden.

»Ich habe deine Nummer nicht und will dich zum Dinner einladen.«

»Dinner?«

»Ja. Ein Essen, das du am Ende des Tages zu dir nimmst.«

»Ich weiß, was ein Dinner ist. Ich mache das bloß nicht«, murmelt sie und sieht dabei entzückend aus.

»Du isst abends nichts?«, frage ich verwirrt.

»Nein, ich esse nicht mit anderen Leuten«, erwidert sie.

»Du isst nicht mit anderen Leuten zu Abend?« Ich neige den Kopf zur Seite, beobachte sie.

»Wie … ein Date. Ich date nicht«, zischt sie verärgert und verschränkt die Arme vor der Brust, um ihre Aussage zu betonen. Mein Blick wird automatisch von ihrem Dekolleté angezogen und sie lässt die Arme sofort wieder an ihre Seiten fallen.

»Es ist kein Date, sondern ein Dinner.«

»Ich weiß … Das hast du schon gesagt.«

»Also, was willst du bei unserem Nicht-Date-Dinner essen?«, frage ich und mache einen Schritt auf sie zu. Der Duft von Äpfeln und Zimt wird stärker, je näher ich ihr komme.

»Nichts. Wir haben kein Dinner zusammen.«

»Um wie viel Uhr machst du hier Schluss?«

»Um sechs – ich meine, keine Ahnung.« Sie nagt an ihrer Unterlippe, während ihre Wangen einen hübschen Pinkton annehmen.

»Alles klar, dann kein Dinner.« Ich zucke mit den Schultern. »Kann ich deine Nummer haben?«

Sie schüttelt den Kopf. Ihre Wangen leuchten noch etwas intensiver. Fuck, sie ist süß. »Sorry«, flüstert sie und sieht zur Seite.

Aus irgendeinem Grund schrillen die Alarmglocken in meinem Kopf. »Schon gut.« Ich unterdrücke den Drang, sie zu berühren – mein Kopf im Kampf gegen meinen Körper. Ich beobachte sie einen Moment, dann lege ich mir einen Plan zurecht.

»Ich muss an die Arbeit zurück«, sagt sie, den Blick auf den Boden gerichtet.

»Alles klar, süße Sophie. Wir sehen uns.«

»Bye, Nico«, sagt sie sanft.

Ich nicke ihr zu, dann drehe ich mich um. Meinen Namen aus ihrem Mund zu hören, hat meine Brust eng werden lassen. Nachdem ich mir meinen Führerschein von Sue zurückgeholt und noch mal unterschrieben habe, verlasse ich die Schule in dem Wissen, dass das hier nicht vorbei ist. Nicht auf lange Sicht.

2. Kapitel

Nico

Ich warte den zweiten Tag in Folge vor der Schule. Es ist zwei nach sechs, als sich die Türen öffnen und Sophie herauskommt. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, ist sie noch schöner als zuvor. Ich beobachte, wie sich ihre Miene verändert und von Überraschung zu schüchterner Freude wandelt, als sie mich neben meinem Wagen stehen sieht. Genau wie gestern.

Nachdem ich die Bibliothek verlassen habe, fuhr ich zum Supermarkt, wo ich eine Packung Ben & Jerry’s und zwei Plastiklöffel kaufte. Damit kam ich zurück zur Schule und wartete, bis sie Schluss machte. Sie hatte gesagt, dass sie nicht Essen gehen möchte, aber über ein Dessert hatte sie kein Wort verloren. Als sie mich mit dem Eis sah, meinte sie, dass sie so etwas nicht tun sollte. Ich erklärte ihr, dass wir kein Date hätten, sondern uns nur nach der Arbeit auf ein Eis treffen würden. Und dass mein sensibles Ego es nicht ertragen würde, wenn sie weiterhin keine Zeit mit mir verbringen wollte. Damit brachte ich sie zum Lachen und dazu, nachzugeben. Eine Stunde lang standen wir mit der Eispackung zwischen uns vor ihrem Auto. Sie war schüchtern, aber auch süß und lustig.

Als Sophie näherkommt, wandert ihr Blick an mir hinab und bleibt an meiner Hand hängen. Heute habe ich an der Tankstelle angehalten und zwei Ice-Cream-Cookies besorgt. Gestern erzählte sie mir, dass sie die am liebsten mag. Ich halte ihr einen hin und sie lächelt kopfschüttelnd. Mein Herz klopft ein bisschen schneller. Ja, ich weiß, ich bin ein verdammtes Weichei, aber das ist mir scheißegal.

»Was machst du hier? Schon wieder?«, fragt sie, nimmt mir den Cookie aus der Hand und packt ihn aus.

»Jemand hat mir geflüstert, dass du die hier magst.«

»Jemand hat eine ziemlich große Klappe«, sagt sie und beißt von dem riesigen, gefrorenen Keks ab.

»Das hat sie«, stimme ich ihr zu, den Blick auf ihren Mund geheftet.

Lachend boxt sie mir gegen die Brust, dann bedeckt sie ihren Mund mit einer Hand und kaut. »Was machst du wirklich hier?«, fragt sie, nachdem sie runtergeschluckt hat.

»Ich war in der Gegend.« Ich zucke die Schultern und beiße von meinem eigenen Cookie ab, bevor ich das Zeug sofort ausspucke.

»Hey! Was zum Teufel?!«, ruft sie beleidigt und nimmt mir den Rest des Cookies aus der Hand.

»Das schmeckt scheiße.« Ich wische mir den Mund ab, bevor ich eine Flasche Wasser aus meinem Auto hole.

»Nein, tut es nicht«, verteidigt sie sich mit einem verärgerten Ausdruck im Gesicht.

»Baby, das schmeckt wie Pappe«, erkläre ich ihr und beobachte, wie ihr Blick bei dem Kosenamen ganz weich wird.

»Tja, dann esse ich wohl gern Pappe.«

Ich schüttle den Kopf, während sie lächelt. »Arbeitest du morgen?«, frage ich und lehne mich gegen meinen Wagen.

Sie isst ihren Cookie auf und meiner ist ebenfalls schon halb in ihrem Mund, als sie antwortet: »Ja, aber morgen arbeite ich von zu Hause aus.« Sie legt ihre Tasche auf das Autodach, lehnt sich seitlich gegen die Tür und nimmt noch einen Bissen von ihrem Keks.

Ich beobachte ihre Bewegungen, dabei fällt mir auf, wie geschmeidig und anmutig sie sind. Der Drang, sie zu berühren, ist so überwältigend, dass ich die Arme vor der Brust verschränken muss, um mich zurückzuhalten.

»Was ist mit dir? Arbeitest du morgen?«

»Nope. Ich habe ein paar Tage frei«, antworte ich und betrachte sie dabei genau.

Sophie nickt und sieht sich um. »Ich habe dich noch gar nicht gefragt, welchen Job du hast.«

»Ich bin Kopfgeldjäger«, antworte ich ruhig.

»Wow«, erwidert sie und ihre Augen werden groß. »Wie Dog?«

»Du meinst die Fernsehsendung Dog the Bounty Hunter?«, frage ich lachend.

»Ja! Ich habe diese Sendung geliebt!« Sie lächelt und ihre Wangen werden rot. Dann senkt sie den Kopf, sodass ihr Haar ihr Gesicht bedeckt.

»Es ist kein bisschen so, aber ja, das ist mein Job.«

»Ist das nicht gefährlich?«, fragt sie und sucht meinen Blick, während ihr Gesicht ein wenig Farbe verliert.

»Das kann es sein, wenn du nicht clever bist«, bestätige ich mit einem Nicken.

»Bist du clever?« Die Worte sind leise ausgesprochen.

»Immer.« Fasziniert beobachte ich, wie der Ausdruck in ihren Augen von Sorge zu Respekt wechselt.

»Wie oft arbeitest du?«, fragt sie und beißt noch mal von meinem Cookie ab.

»Kommt darauf an. Manchmal einmal im Monat, manchmal dreimal die Woche.« Ich zucke die Schultern.

»Das ist cool. Ich meine, es ist cool, wenn dir gefällt, was du machst.«

»Das tut es. Vorher arbeitete ich zusammen mit meinen Brüdern in einem Bauunternehmen, rutschte dann aber in das hier rein, als ich meinem Cousin aushalf. Ich habe bemerkt, Talent dafür zu haben und konnte nicht mehr aufhören. Was ist mit dir? Magst du, was du tust?«

»Ja. Es ist nichts Aufregendes, aber ich mag es und es deckt meine Rechnungen, was auch ein Plus ist.«

Ich nicke. »Was ist mit diesem Ort hier? Arbeitest du gern an der Schule?«, frage ich neugierig.

»Ich liebe es.« Ihr Gesicht hellt sich auf, ihre Stimme klingt ganz aufgeregt. »Ich liebe Bücher. Schon seit ich ein kleines Mädchen war. Immer, wenn ich mit meiner Mom in den Spielzeugladen ging, kam ich mit einem Buch wieder raus. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich kann in keinen Laden gehen, ohne eins zu kaufen.«

»Es ist ein gutes Gefühl, etwas zu tun, das man liebt«, erwidere ich. Ich weiß genau, wie wichtig es ist, das zu tun, was einen glücklich macht.

»Ja, das ist es.« Sie leckt sich die Finger ab und mir wird klar, dass sie sich ihrer Wirkung überhaupt nicht bewusst ist. Zumindest nicht, welche Wirkung das auf mich hat. Ich bezweifle, dass sie überhaupt begreift, was sie allgemein in Männern auslöst. Es könnte aufgesetzt sein, aber das glaube ich nicht. Sie wirkt nicht, als würde sie versuchen, verführerisch zu erscheinen. Sie ist einfach sie selbst.

»Woher kommst du? Du hast einen Akzent, den ich nicht einordnen kann«, sage ich in dem Versuch, das Bild aus dem Kopf zu bekommen, bei dem sie an etwas anderem leckt.

»Ich habe einen Akzent?«, fragt sie und zeigt dabei lachend auf sich. Dann schüttelt sie den Kopf. »Nein, du hast einen Akzent. Ich klinge ganz normal.«

»Du klingst vielleicht für dich selbst ganz normal, aber für mich – und mit Sicherheit auch für viele andere Leute hier – hast du einen Akzent.«

»Daran habe ich nie gedacht.« Sie neigt den Kopf zur Seite, ihr Lächeln wird breiter. »Jetzt fühle ich mich irgendwie cool. Ich wollte schon immer einen Akzent haben, obwohl ich mir wünschte, es wäre ein europäischer, aber hey, das geht auch in Ordnung.« Sie kichert und ich muss laut auflachen, etwas, das ich lange Zeit nicht mehr getan habe.

Als ich sie wieder ansehe und sich unsere Blicke treffen, sind ihre Augen sanft und ihr Lächeln liebevoll. »Du hast ein tolles Lachen«, sagt sie scheinbar mehr zu sich selbst.

Mir bleibt eine Erwiderung im Hals stecken. Ich habe keine Ahnung, was Sophie mit mir macht, aber ich gerate völlig aus dem Gleichgewicht. Ich kenne diese Gefühle nicht, die sie in mir auslöst. Das ist auch der Grund, warum ich sie bei unserer ersten Begegnung habe stehen lassen. Doch dann packte sie meinen Arm und ich sah auf sie hinab, als sich etwas in mir verschoben hat. Ich wusste, wenn ich nun wegginge, würde ich es für den Rest meines Lebens bereuen.

»Ich sollte jetzt los«, meint Sophie und blickt schnell zur Seite.

Meine Brust zieht sich zusammen. Ich will nicht, dass sie geht, aber ich will sie genauso wenig verschrecken. »Kann ich deine Nummer haben?«

»Ähm, ich …« Sie beobachtet mich, ihr Blick tastet mein Gesicht ab. »Ja, okay. Klar.«

»Hier. Speicher sie einfach in mein Handy ein.« Ich ziehe mein Telefon aus der hinteren Hosentasche und gebe es ihr.

»Oh … okay.« Sie drückt die Tasten meines Handys und beißt sich konzentriert auf die Unterlippe.

Wie von selbst wandern meine Finger an ihr Kinn und mein Daumen zieht ihre Unterlippe sanft wieder hervor. Sophie hebt den Kopf und öffnet überrascht den Mund. Unsere Blicke treffen sich und ich muss gegen die Versuchung ankämpfen, mich nach vorn zu lehnen und meine Lippen auf ihre zu drücken.

»Tu das nicht, Baby«, sage ich leise, dann lege ich meine Hand auf ihre und lenke ihre Aufmerksamkeit zurück auf das Telefon in ihren Fingern.

»Sorry«, flüstert sie. Ihre rosa Zungenspitze taucht auf und leckt sich über die Unterlippe.

Ich stöhne auf.

Sobald sie ihre Nummer in meinem Handy eingespeichert hat, nehme ich es ihr aus der Hand und drücke auf die Anruftaste. Ihr Telefon klingelt und sie holt es aus ihrer Tasche.

Ich nehme es ihr ab, um einen Blick auf das Hintergrundbild zu werfen. Diesmal ist es ein Sonnenuntergang am Meer. »Braves Mädchen«, sage ich und muss lächeln, als sie die Augen zusammenkneift.

»Ich habe es nicht deinetwegen geändert. Ich wurde es nur leid, ständig dieses Bild zu sehen«, verteidigt sie sich und holt sich ihr Mobiltelefon zurück.

Ich lächle noch etwas breiter. Ich weiß, dass es großspurig ist, aber das könnte mir nicht gleichgültiger sein.

Sie boxt mir gegen die Brust und ich packe ihre Hand, bevor sie sie wegziehen kann. »Das ist mein Ernst!«, ruft Sophie und bringt mich damit schon wieder zum Lachen.

Ich ziehe an ihren Fingern und sie kommt einen Schritt näher. »Ich weiß.«

Sie steht so nah vor mir, dass ihr Apfel-Zimt-Duft all meine Sinne flutet. So nah, dass ich die feinen Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken und die kleinen goldenen Flecken in ihren Augen erkennen kann. Sie berühren beinah die Pupillen, sind außen aber fast schwarz.

»Du hast eine Menge Tattoos.« Ihre sanft ausgesprochenen Worte lenken meine Aufmerksamkeit weg von ihrem Gesicht und dorthin, wo sie mich gerade berührt.

»Stimmt.«

Ich beobachte, wie sie mit den Fingern ein paar der Tattoos auf meiner Hand nachfährt, mit der ich sie festhalte. Sophies Haut ist völlig makellos. Sie ist so rein. Etwas an ihr ist eindeutig zu süß für jemanden wie mich.

»Ich wollte auch mal ein Tattoo«, erzählt sie, ihre Stimme klingt dabei weit entfernt. Ihr Blick ist noch immer gesenkt. Sie betrachtet ihre Finger, während sie sie über meine Haut wandern lässt.

Ich bin so hart, es überrascht mich, dass mein Schwanz nicht meine Jeans sprengt, um zu ihr zu gelangen. »Jetzt nicht mehr?«, frage ich.

Sie hebt den Kopf, schluckt, zuckt die Schultern und schüttelt dann den Kopf.

Die Alarmglocken in mir fangen wieder an zu schrillen, aber ich begreife nicht, warum. »Du hast mir noch nicht gesagt, wo du herkommst.« Ich will so viel wie möglich über sie erfahren, indem ich einfach mit ihr rede. Ich kann einen Background-Check veranlassen und das werde ich auch tun, aber ich möchte trotzdem, dass sie sich mir gegenüber öffnet.

»Ich bin aus Seattle«, antwortet sie.

»Was hat dich hierhergeführt?«

»Mir war einfach nach einer Veränderung.« Sie zuckt die Schultern und macht einen Schritt zurück.

Jemandem, der es nicht gewohnt ist, in anderen Menschen zu lesen, wäre vielleicht das Zittern ihres Kinns entgangen oder die Art, wie sie ihre zierliche Hand an ihrer Seite zur Faust ballt. Aber ich bemerke es.

»Ich muss jetzt wirklich los. Danke für das Eis.« Sie drückt sich ihre Tasche an den Körper, als wolle sie sich schützen.

Ich bewege mich nicht. Ich weiß, dass sie davonläuft. Ich weiß nur nicht, wovor. Auf keinen Fall will ich, dass sie vor mir wegrennt. »Jederzeit, süße Sophie«, erwidere ich sanft. »Schreib mir, wenn du sicher zu Hause angekommen bist.«

Sie nickt und öffnet die Autotür. Als sie diese wieder schließt, lässt sie das Fenster herunter. »Bye, Nico.«

Ich hebe das Kinn in ihre Richtung und sehe ihr nach, bis sie den Parkplatz verlassen hat.

»Sie datet nicht.« Fuck. Ich senke den Kopf. Ich weiß genau, wer da mit mir redet. »Ich habe es versucht und ein paar andere Kerle ebenfalls, also verschwende nicht deine Zeit.«

»Schon mal daran gedacht, dass sie nur nicht mit dir ausgehen will?« Ich drehe mich zu dem Typ aus dem Büro um.

»Hast du nicht richtig zugehört? Ich habe gesagt, sie will weder mit mir noch mit irgendwem sonst ausgehen.«

»Ach ja? Das heißt für mich nur, dass sie Geschmack hat«, sage ich mit einem Schulterzucken.

»Wie auch immer«, erwidert er und lässt mich stehen.

Angeekelt schüttle ich den Kopf. Kerle wie diesen kenne ich schon mein ganzes Leben lang. Sie glauben, wenn eine Frau kein Interesse an ihnen hat, stimmt etwas nicht mit ihr, anstatt sich selbst als eigentlichen Grund zu erkennen.

Ich gehe zu meinem Auto und beobachte den Mann, während er in seinen Wagen einsteigt. Er setzt sich eine Sonnenbrille auf und betrachtet sich im Spiegel, bevor er losfährt.

Sobald ich in meinem Auto sitze, ziehe ich mein Handy hervor und wähle die Nummer von Justin, unserem Computergenie. Er kann Informationen über alles und jeden herausfinden. »Hey, Mann. Wie läuft’s?«, frage ich.

»Ein bisschen nach links«, sagt er und lacht über seinen eigenen Witz. Ich lächle, lache aber nicht mit. »Ich schätze mal, du rufst aus einem bestimmten Grund an.«

»Ja. Ich habe eine Telefonnummer, die du für mich überprüfen sollst.« Ich gebe sie ihm und höre, wie er auf seiner Tastatur tippt.

»Hat das mit dem Mädchen zu tun, mit dem du dich triffst?«, fragt er mit einem Grinsen in der Stimme.

»Scheiße, besorgt euch endlich ein eigenes verficktes Leben.« Ich lasse den Kopf gegen die Nackenstütze fallen.

»Hey, ich weiß nur davon, weil Kenton mir erzählt hat, dass du die Chance, mit einer Stripperin zusammenzuwohnen, ausgeschlagen hast. Ich habe ihm meine Wohnung angeboten und gesagt, dass ich auch gern mein Bett mit ihr teile.«

»Mann, halt die Klappe und überprüf die Nummer. Du wüsstest nicht mal, was du mit einer Frau anstellen solltest, wenn sie auf deinem Gesicht sitzen würde.«

»Das ist nicht wahr. Ich habe mir jede Menge aufklärende Filme angeschaut.«

»Da bin ich sicher.« Ich kann nicht anders, als zu grinsen.

»Alles klar, also eine erste Suche ergibt, dass sie Sophie Grates heißt. Sie ist dreiundzwanzig, besitzt ein Haus, das sie bereits abbezahlt hat und um ihre Bonität steht es gut. Sie fährt einen Audi, für den sie noch sechstausend Dollar hinblättern muss. Es laufen zwei Kreditkarten auf ihren Namen, eine American Express und eine Victoria’s Secret. Beide sind gedeckt. Ihre Mutter ist bei einem Autounfall gestorben, als Sophie fünfzehn war. Mit sechzehn wurde sie als mündig erklärt und ging zu den Job Corps.«

Mein Magen verknotet sich. Ihre Mutter ist gestorben, als sie noch so jung war und kurz darauf stand sie schon auf eigenen Beinen.

»Hast du mich gehört, Mann?«

»Was?«

»Ich habe dich gefragt, ob ich einen intensiven Background-Check machen soll.«

»Nein. Danke. Wir reden morgen weiter.«

»Klar doch«, sagt er und legt auf.

Während ich vom Parkplatz fahre, denke ich darüber nach, dass die süße Sophie lang auf sich allein gestellt war. Als ich mein Haus erreiche, summt mein Handy. Nachdem ich meinen Wagen abgeschlossen habe, ziehe ich es hervor.

Sophie:

Zu Hause :-)

Als ich erkenne, dass die Nachricht von ihr stammt, spüre ich, wie das Herz in meiner Brust loshämmert.

Ich:

Wo ist zu Hause?

Sophie:

Netter Versuch.

Dass sie nicht so leicht nachgibt, entlockt mir ein Grinsen.

Ich:

Wie soll ich dir Eis vorbeibringen, wenn ich es nicht weiß?

Sophie:

Kannst du nicht.

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und versuche es noch mal.

Ich:

Und wenn ich dich ausführen will?

Sophie:

Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.

Offensichtlich mag sie die Vorstellung nicht, auszugehen, also probiere ich es anders.

Ich:

Wie wäre es mit Dinner bei mir? Oder bei dir?

Sophie:

Woher weiß ich, dass du kein Serienkiller bist?

Laut lachend tippe ich meine Antwort.

Ich:

Bin ich nicht. Du kannst meine Mom fragen ;-)

Sophie:

LOL! Keine Ahnung, was nicht mit mir stimmt, aber okay. Dinner bei mir. Ist morgen in Ordnung?

Ich:

Das würde ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen. Wie ist deine Adresse?

Sophie:

Ähm, ich gebe sie dir morgen, wenn das okay ist?

Sie begreift schnell, denke ich grinsend. Wahrscheinlich könnte ich der Versuchung nicht widerstehen, bis morgen zu warten, wüsste ich, wo sie wohnt.

Ich:

Braves Mädchen.

Sophie:

Vermutlich solltest du besser so schnell davonrennen, wie du kannst. Ich könnte eine Verrückte sein.

Ich will sie nicht verschrecken, aber ich zeige ihr ein kleines bisschen von der Intensität, die ich spüre, wenn es um sie geht.

Ich:

Ich laufe nie weg, Sophie. NIE.

Sophie:

Oh.

Ich:

Alles klar, süße Sophie. Schlaf gut und schreib mir morgen.

Sophie:

Nacht, Nico.

Ich schwöre, ich kann sie diese Worte flüstern hören und stoße die Luft aus, von der ich nicht gemerkt habe, sie angehalten zu haben. Dann betrete ich endlich mein Haus.

Sophie

Oh Gott, was habe ich mir nur dabei gedacht? Ich lege mein Handy weg und sehe mich in meinem Schlafzimmer um, dann blicke ich zum Bett. Ich bezweifle, dass Nico da überhaupt reinpassen würde. Moment mal, warum zum Teufel denke ich darüber nach, ob er in mein Bett passt? Wir werden uns nicht im Bett aufhalten, wir werden in der Küche essen.

Ein Bild von mir auf dem Küchentresen und Nico vor mir, den Kopf zwischen meinen Beinen, taucht vor meinem inneren Auge auf. Stöhnend bedecke ich mein Gesicht. Dinner … Denk an das Dinner. Was könnte ich ihm kochen? Irgendwie bezweifle ich, dass er von einem Essen in Form von aufgetauter Diätküche beeindruckt wäre.

Ich hole meinen Laptop hervor und tippe Essen, das Männer mögen ein. Die Hälfte der Ergebnisse lässt mich würgen. Wie Lamm zum Beispiel. Auf keinen Fall könnte ich das zubereiten, ohne dabei an das süße kleine Lammgesicht zu denken. Andere Sachen von der Liste, wie Kalbsleber und Schweinshaxen, ekeln mich. Essen Männer wirklich dieses Zeug? Nach dreißig Minuten Recherche entscheide ich mich für Spaghetti Bolognese. Fleisch scheint die einzige Gemeinsamkeit all der Gerichte zu sein, die ich mir angeschaut habe. Fleisch, Fleisch und noch mehr Fleisch.

Ich lege mich aufs Bett und fange zu kichern an. Männer mit Fleisch auf den Knochen mögen Fleisch. Okay, ich brauche Hilfe. Ich bin eindeutig nervös wegen morgen.

Ich bin nie mit Männern ausgegangen, war dafür immer zu ängstlich. Meine Mom ist gestorben, als ich fünfzehn war. Zurück blieb nur mein Dad, um mich großzuziehen. Nicht lang nach ihrem Tod hat er angefangen zu trinken. Zuerst nur hin und wieder ein Bier, dann wurde es zu einem abendlichen Ritual. Als ich sechzehn war, ging er jede Nacht in die örtliche Kneipe. Diese schloss um eins. Eine halbe Stunde später kam mein Dad nach Hause und brachte die Party einfach mit. Ich fühlte mich nie wohl, war immer auf dem Sprung, immer darauf vorbereitet, dass jemand betrunken oder auf Drogen in mein Zimmer stolpern würde. Ich sagte meinem Dad, dass ich mich nicht sicher fühlen würde, aber er tat es damit ab, dass ich ein überdramatischer Teenager wäre.

Dann war da diese eine Nacht. Ich war krank. So richtig. Ich hatte Fieber, brauchte Wasser und Paracetamol. Also stand ich auf und ging in die Küche. Dort stand dieser Kerl, der oft auf Dads Partys war und er trieb mich in die Enge. Ich erinnere mich noch gut an die Angst, die ich spürte, als er mich in die Ecke neben den Kühlschrank und damit aus dem Blickfeld aller anderen stieß. Ich versuchte, mich zu befreien, aber er hielt mich nur noch fester und als ich schreien wollte, bedeckte er meinen Mund mit seinem und zwarng mir seine Küsse auf. Ich setzte mich so lang zur Wehr, wie ich nur konnte und war erleichtert, als ein anderer Mann auftauchte – bis er dem Kerl, der mich festhielt, plötzlich geholfen hat. Zu zweit verspotteten sie mich, erzählten mir all die schrecklichen, widerlichen Dinge, die sie mir antun wollten.

Ich erinnere mich noch gut an die ganzen Leute, die in die Küche kamen und wieder gingen. Entweder bekam niemand bewusst mit, was gerade passierte oder es war ihnen egal. Als einer der Typen seine Hand zwischen meine Beine schob, schlug ich den Kopf zurück und traf den Kerl, der mich in die Ecke gedrängt hatte, an der Nase. Überall war Blut. Er ließ mich los, genau wie sein Freund und ich rannte aus der Küche in mein Zimmer, wo ich mich mit dem Telefon in meinem Kleiderschrank versteckte, um die Polizei anzurufen. Kurze Zeit später kam Dad ins Zimmer und fand mich dort. Er wirkte verstört, entschuldigte sich für alles, was passiert war, aber es kümmerte mich nicht länger. Ich war fertig damit, Entschuldigungen für ihn zu suchen.

Zwei Wochen später wurde mir die Mündigkeit zugesprochen und ich ging zu den Job Corps. Ein fast schon militärisches Umfeld war genau das, was ich zu der Zeit brauchte. Wir hatten einen Zeitplan, den wir einhalten mussten, Dinge, für die wir verantwortlich waren, und Unterricht, in dem ich mich selbst übertraf. Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Das Einzige, was ich je bereut habe, war, den Kontakt zu meinem Vater zu verlieren, aber ein Teil von mir dachte, wenn ich ihm wirklich wichtig wäre, hätte er sich bei mir gemeldet.

Mein Handy klingelt und reißt mich aus den Gedanken. Ich lese den Namen und verdrehe lächelnd die Augen.

»Hallo, Maggie«, begrüße ich sie mit übertrieben aufgeregter Stimme. Sie zieht mich immer damit auf, dass ich das langweiligste Leben führe, also bausche ich es zum Spaß auf.

»Hey, Bitch. Was geht?«, fragt sie.

Bei den Job Corps haben wir uns ein Zimmer geteilt und sind seitdem die engsten Freundinnen. Maggie lebt noch immer in Seattle und wird in ein paar Monaten ihren Langzeit-Verlobten Devon heiraten, der mit uns bei den JCs war.

»Nicht viel.«

»Himmel, Mädchen. Bei dir ist immer nicht viel los. Wann zum Teufel wirst du endlich guten Klatsch und Tratsch liefern?«