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Als die Wildnisführerin Harper Ward in das Büro des Sheriffs der Kleinstadt Helena Springs in Montana gerufen wird, um bei einem Fall zu helfen, erfährt sie, dass der einzige Verdächtige in einem Doppelmordfall ein Mann ist, der als wild und unzivilisiert beschrieben wird. Während immer mehr dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, wird Harper in ein Netz aus Intrigen und Bedrohungen verstrickt, das weit über alles hinausgeht, was sie sich je hätte vorstellen können. Und im Zentrum all dessen steht Lucas. Aber ist er wirklich der wilde Mann, für den alle ihn halten? Ein kaltblütiger Mörder? Ein unschuldiges Opfer?
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Seitenzahl: 647
Veröffentlichungsjahr: 2026
Mia Sheridan
Übersetzt von Lisa Schönfeld
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»UNWANTED«.
Copyright © 2019, 2024. UNWANTED by Mia Sheridan
the moral rights of the author have been asserted.
Vermittelt durch die Agentur:
Brower Literary & Management, Inc.
Deutschsprachige Ausgabe © 2026. Unwanted
by VAJOSH Verlag GmbH
Druck und Verarbeitung:
FINIDR, s.r.o.
Lípová 1965
737 01 Český Těšín
Czech republic
Übersetzung: Lisa Schönfeld
Korrektur: Patricia Herbst
Umschlaggestaltung: Diana Gus
Satz: VAJOSH Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJOSH Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 5
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe
Wirst du heute sterben? Vielleicht morgen?
Die Frage schwirrte tief und langsam durch Jaks Kopf, als würde er sie aus der Tiefe eines Wasserbeckens hören. Wirst du heute sterben? Das Echo der Worte, die der Mann vor Sekunden geschrien hatte, ließ Jak einen Schauer der Angst über den Rücken laufen, aber alles war … traumhaft, nicht … real. Er konnte nichts sehen. Er konnte kaum etwas hören. Sein Kopf fühlte sich benebelt und … seltsam an.
Träume ich?
War er in einem Albtraum gefangen? Würde Baka ihn jeden Moment wachrütteln und ihn mit ihrer scharfen Stimme und ihren sanften Augen auffordern, still zu sein? Das Letzte, woran er sich erinnerte, war, dass er in seinem eigenen Bett eingeschlafen war und dann … das hier.
Er schlang seine Arme um sich selbst, seine Zähne klapperten und machten klickende Geräusche.
Nein, kein Traum. Träume sind niemals so kalt.
Plötzlich wurde etwas von seinem Gesicht gezogen, und er stieß einen kurzen Schrei aus, als er merkte, dass etwas seinen Kopf bedeckt hatte. Er blinzelte in die Dunkelheit, und sein Blick fiel auf das Sternenlicht, Lichtpunkte am dunkelblauen Himmel. Der Vollmond schien gelb, groß, rund und hell.
Er drehte den Kopf herum, sein Atem kam in weißen Wolken aus seinem Mund. Schnee. Überall Schnee. Bäume. Und – er schrie auf; stolperte rückwärts, weg vom Rand dessen, was er nun als eine Klippe direkt vor sich erkannte. Sein Hinterteil schlug auf dem eiskalten Schnee auf, seine bloßen Hände versanken fast bis zu den Ellbogen.
Sein Herz schlug schnell, der Nebel in seinem Kopf lichtete sich, als Angst seinen Körper durchströmte.
»Steh auf.«
Jak drehte den Kopf und starrte einen großen Mann hinter sich an, dessen Gesicht im Schatten seines Kapuzenmantels verborgen war. »Steh auf«, wiederholte er, nur dass es jetzt ein leises Knurren war. Jak rappelte sich, so schnell er konnte, auf und bemerkte eine Bewegung zu seiner Linken. Jetzt, da seine Augen in der Dunkelheit sehen konnten, bemerkte er, dass drei weitere Jungen am Rand der Klippe standen, nur wenige Schritte voneinander entfernt. Zwei dunkelhaarige Jungen, einer klein, mit Augen, die zu groß für sein Gesicht waren, und voller Verwirrung und Angst, einer groß und dünn, und ein blonder Junge, der noch stärker zitterte als Jak.
Warum? Wer? Was ist das? Wo ist Baka?
»Wirst du heute sterben?«, wiederholte der Mann hinter ihnen. »Vielleicht morgen? Nächste Woche? In vielen Jahren als gefeierter Krieger? Geehrt?« Jak kannte all diese Worte nicht, wusste nicht, wovon der Mann sprach, und als er den Kopf drehen wollte, hielt ihn der Mann mit einem gemein klingenden »Gesicht nach vorn« davon ab. Sein Zittern wurde stärker, er hatte solche Angst, dass er kaum stehen konnte. Seine Gedanken überschlugen sich, aber langsam, zu langsam. Er konnte nicht denken. Warum ist mein Kopf so komisch?
»Du wirst sterben. Oder du wirst überleben. Aber das liegt ganz bei dir. Es hängt alles von deinem Überlebenswillen ab.« Plötzlich legte der Mann seine behandschuhten Hände an die Kopfseiten des Blonden und beugte sich dicht zu ihm hinunter, dunkel wie der tiefste Schatten. »Hast du den Willen zu überleben? Für dein Leben zu kämpfen? Mit Zähnen und Klauen? Mit Herz und Seele?«
Der Blonde nickte ruckartig mit dem Kopf. »J-ja«, sagte er, aber Tränen liefen ihm über die Wangen, und nach dem Wort folgte ein Schluchzen. Jak ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte Angst, große Angst, aber er wollte etwas tun, wollte es beenden. Er sah den Jungen mit den großen Augen neben sich an, und dieser Junge starrte auf Jaks geballte Fäuste. Er sah auf, traf für eine Sekunde Jaks Blick und wandte sich dann ab.
Der böse Mann ließ das Gesicht des weinenden Blonden los. »Gut.« Jak hörte, wie der Schnee unter den Füßen des Mannes knirschte, als dieser weiter hinter sie zurücktrat. »In einer Minute werde ich euch sagen, was los ist. Danach gilt nur noch eine Regel: Überleben.« Er machte eine Pause. »Überleben oder sterben.«
Was meint er damit? Was wird passieren? Eine plötzliche weiße Wolke füllte die Luft vor Jaks Gesicht, als er einen angstvollen Atemzug tat. Der Blonde schluchzte erneut, und der dunkelhaarige Junge mit den großen Augen schwankte auf seinen Füßen und griff mit der Hand in die Tasche seines Mantels. Jak wandte schnell den Blick ab, damit der Mann nicht sah, wonach der kleine Junge zu seiner Linken griff.
Er spürte einen Klaps auf seine Hand, und der Junge schob ihm etwas Hartes und Kaltes in die Handfläche. Jak nahm es und steckte es schnell in seine Tasche. Sein Herz pochte so heftig, dass es ihm fast aus der Brust sprang, aber das Gefühl, unter Wasser zu sein, blieb. Sein Verstand suchte nach etwas, um seine Gedanken zu beruhigen.
Ich kann nicht denken. Ich kann nicht denken. Warum kann ich nicht denken? Seine Baka hatte ihm gesagt, er sei ein »kluger Affe, der zu groß für seine kleinen Hosen ist«, und sie hatte es mit gerunzelter Stirn gesagt, aber auf eine Art und Weise, die ihn glauben ließ, dass sie trotzdem glücklich mit ihm war. Aber jetzt fühlte er sich nicht klug. Er fühlte sich … zu Tode erschrocken.
Jak warf einen kurzen Blick über die Klippe und sah, dass es zwar kein senkrechter Absturz war, aber dennoch sehr weit bis zum Boden hinunter. Wirklich sehr, sehr weit. Er wusste nicht, wie er es in Zahlen ausdrücken sollte, aber er war klug genug, um zu wissen, dass er sterben würde, wenn er sprang, um zu entkommen. Die einzige Regel lautet: Überleben. Oder sterben.
Warum? Warum, warum, warum? Das kann nicht wahr sein. Das kann nicht wahr sein.
Ein knackendes Geräusch explodierte um sie herum und ließ Jak vor Schreck und Entsetzen aufschreien. Doch bevor er fragen konnte, woher das Geräusch kam, spürte er einen kalten Luftzug, und dann begann sich der Boden zu bewegen. Zu rutschen. Der Schnee verschwand unter seinen Füßen, und er rutschte vorwärts, griff nach der leeren Luft, um sich irgendwo festzuhalten. Aber da war nichts.
Er hörte den bösen Mann etwas schreien, und dann schrie auch er, zusammen mit den Schreien der anderen Jungen, als sie alle in einer Explosion aus weißem Pulver über den Rand rutschten.
Seine Gedanken waren immer noch langsam. Alles war langsam … aber dann war er plötzlich wach. Er konnte jeden schnellen Schlag seines Herzens hören. Er spürte den stechenden Wind, der ihm ins Gesicht blies, und er roch etwas Grünes, das er nicht besser benennen konnte.
Jemand griff nach seiner Hand. Der kleine Junge neben ihm. Ihre Blicke trafen sich für eine kurze Sekunde, und der Blick des dunkelhaarigen Jungen war von derselben Angst erfüllt, die auch in seinem eigenen Blick zu sehen sein musste. Mit einem kräftigen Grunzen drehte er sich um, als die Welt unter ihnen wegbrach, legte seine Hand auf das Handgelenk des anderen Jungen und hielt ihn fest, sodass sie gemeinsam fielen.
Sie wirbelten herum, stürzten und prallten gegen etwas Festes – ein Stück Erde – mit einem lauten Grunzen und einem kurzen Schrei. Schmerz durchzuckte Jaks Körper. Er spürte, wie der Griff des anderen Jungen nachließ, also krallte er sich fester an ihm fest, und sie fielen weiter, weiter, immer noch aneinandergeklammert.
Stürzen, rollen, fallen, aufschlagen. Schmerz.
So schnell. Sie flogen so schnell. Er konnte sich nirgendwo festhalten, seine freie Hand griff, packte, rutschte ab.
Wumms. Beide schrien, als sie auf einem kleinen Vorsprung landeten, sofort wieder abrutschten und ihre leeren Hände nach dem Rand griffen und sich festhielten.
Hast du den Willen zu überleben?
Ja!
Wir schaffen das. Wir schaffen das.
Sie starrten sich an, Tränen liefen über die Wangen des kleineren Jungen, ihr Atem kam in scharfen Stößen. Die beiden anderen Jungen rasten an ihnen vorbei, ihre Schreie hallten in der dunklen Leere unter ihnen wider.
Jaks Lungen schmerzten bei jedem Atemzug und sein Körper schrie vor Schmerz. Angst überkam ihn. Alle seine Gefühle waren plötzlich real. Er fühlte sich real, nicht mehr unter Wasser, nicht mehr im Halbschlaf, und es war ein schreckliches, furchterregendes Erwachen.
Er hielt immer noch die Hand des anderen Jungen fest, hob sie beide hoch und griff nach der Seite des Felsvorsprungs, sodass sie sich beide mit beiden Händen festhalten konnten. Mit einem kurzen Blick sah er, dass der Felsvorsprung für zwei Jungen zu klein war, aber daneben befand sich eine dünne Baumwurzel, die aussah, als könnte sie zu festem Boden führen. Eine Chance. Eine winzige, winzige Chance.
Im schwachen Mondlicht sah Jak, dass sich die großen Augen des Jungen zu schließen begannen, Blut aus seiner Nase floss, sein Gesicht war verletzt und blutverschmiert, und sein Kopf rollte auf seinem Hals hin und her, als würde er gleich einschlafen. Seine Arme zitterten, seine Fingerspitzen waren dunkel vom Festhalten. O Gott.
Missbrauche den Namen des Herrn nicht. Wo hast du diesen Ausdruck gehört? Von diesem fetten, stinkenden Postboten?
Bakas Stimme in seinem Kopf gab ihm einen kleinen Kraftschub und er krallte sich fester in den Vorsprung, wissend, dass er sich hochziehen konnte, wenn er es versuchte. Die Kante war jedoch nur groß genug für eine Person. Die halb geschlossenen Augen des Jungen trafen seine, sein Mund öffnete sich ein wenig, Blut tropfte heraus.
Er war kurz davor, loszulassen.
Wenn Jak sich auf den Felsvorsprung hochziehen und wie eine Schlange an der Wurzel entlanggleiten wollte, so wie er es zu Hause im Garten getan hatte, wo er der König des Waldes war – dem Waldgebiet, in dem er den größten Teil des Tages spielte, weil seine Baka glaubte, dass Kinder nicht stören sollten, immer stören –, dann musste er es jetzt tun. Oder … er konnte den anderen Jungen retten und sein eigenes Glück mit dem Sturz versuchen.
Diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf und plötzlich erhielt sein Körper eine Botschaft, von der er nicht wusste, dass er sie gesendet hatte, als er seine Hände ausstreckte und den anderen Jungen um die Taille packte, gerade als seine Hände abrutschten und er aufschrie.
»Klettere auf mich«, grunzte er und setzte seine letzten Kräfte ein, um beide vor dem Sturz zu bewahren. »Jetzt!«, befahl er. Mit einem schrillen Schrei griff der Junge, der viel leichter war als Jak, erneut nach dem Vorsprung und stellte einen Fuß auf Jaks Schulter, während Jak eine Hand losließ und den Jungen damit auf das winzige Stück festen Bodens hochdrückte.
Jaks andere Hand rutschte ab. »Lebe!«, schrie Jak und forderte es mit seinem letzten Atemzug, als er in die Ungewissheit stürzte.
Gegenwart
Deputy Paul Brighton umklammerte das Lenkrad seines Streifenwagens. Verdammt, seine Hände zitterten immer noch. Er schaltete die Scheibenwischer ein, als Schnee auf die Windschutzscheibe prasselte und ein wirbelndes weißes Feld bildete. Er blinzelte und konnte die Straße vor sich kaum erkennen. »Genau das, was ich brauche«, murmelte er und versuchte, sein rasendes Herz zu beruhigen. Er hatte noch nie einen solchen Tatort gesehen, obwohl es erst eine Woche zuvor einen ähnlichen in der Stadt gegeben hatte. Was für ein Psycho beging Morde mit Pfeil und Bogen? Er hatte von dem ersten gehört – alle blutigen Details, um genau zu sein –, aber der Sheriff hatte diesen Fall übernommen, und jetzt wusste Deputy Brighton, dass es zwei ganz unterschiedliche Erfahrungen waren, von etwas zu hören und es aus nächster Nähe zu sehen. Das Bild des Opfers von dem Tatort, den er gerade verlassen hatte, tauchte in seinem Kopf auf, und er verzog das Gesicht. Das Opfer war – verdammt – mit einem Pfeil an die Wand genagelt worden und, um Himmels willen, sein Blut breitete sich auf dem Boden aus wie –
Deputy Brighton trat voll auf die Bremse und riss das Lenkrad herum, als ein riesiger Mann wie aus dem Nichts vor seiner Windschutzscheibe auftauchte. Seine Reifen rutschten auf dem vereisten Boden und für einen Moment dachte er, er würde die Kontrolle über das Fahrzeug verlieren. Aber er schaffte es, sich festzuhalten, korrigierte seine Schleuderfahrt und der SUV kam mit einem Ruck am Straßenrand zum Stehen. Deputy Brighton atmete scharf ein. Wer zum Teufel war das? Er sah aus wie ein verdammter … Höhlenmensch. Er schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu ordnen.
Er öffnete schnell die Tür, das Warnsignal hallte in der stillen, verschneiten Landschaft wider, begleitet nur vom leisen Brummen des Motors. Deputy Brighton ging neben dem Fahrzeug in Deckung und zog zum ersten Mal in seiner Karriere seine Waffe aus dem Holster.
»Hände hoch!«, rief er in die eisige Kälte und schirmte seine Augen mit dem Unterarm ab, während er vorsichtig über die Motorhaube spähte. Zuerst sah er die Gestalt des Mannes – riesig, muskulös. »Hände hoch!«, sagte er erneut, seine Stimme zitterte.
Der Mann trat vor, die Hände erhoben, und Details wurden deutlicher. Seine Beine waren mit Jeans bekleidet, aber der Rest seines Körpers war vollständig mit Tierfell bedeckt – von den Stiefeln über die Jacke bis hin zum Hut auf seinem Kopf, den er tief ins Gesicht gezogen hatte, sodass seine Augen teilweise verdeckt waren. Wer zum Teufel ist er? Was zum Teufel ist er? »Auf die Knie!«, brüllte er.
Der Mann hielt inne, als würde er nachdenken, tat dann aber, wie ihm geheißen, die Hände immer noch erhoben. Deputy Brighton sah, dass sich seine Augen verengten. Schnee klebte an seinem dunkelbärtigen Kiefer und dichtes, widerspenstiges Haar streifte sein Kinn. Der Mann beobachtete, wie er ihn mit der Waffe in der Hand anvisierte, und wartete, während sein Blick zwischen der Waffe und seinem Gesicht hin und her wanderte. Er ist ein Wilder. Dieser Gedanke schoss Deputy Brighton durch den Kopf, während die Waffe in seiner Hand zitterte, als er aus der Deckung des Autos trat. Als er vorwärtsging, bemerkte er das letzte Detail an dem Mann.
Er hatte einen Bogen und Pfeile über die Schulter gehängt.
»Harper, da bist du ja.« Keri Simpkins schob sich einen Bleistift hinter das Ohr, stand von ihrem Schreibtisch auf und ging schnell zu Harper, die gerade ihren Parka an einen Haken neben der Tür hängte. »Hast du schon die Neuigkeiten gehört?«
»Die Neuigkeiten?« Harper rieb sich die Hände, um sie zu wärmen, während Keri hinter sich in Richtung des kleinen Bezirksgefängnisses blickte.
Keri nickte. »Mm-hmm. Der Mord, über den die ganze Stadt spricht? Es gab noch einen. Und«, sie senkte ihre Stimme, »sie haben einen Verdächtigen.«
Harpers Herz zog sich zusammen. »Noch ein Mord?« Sie runzelte die Stirn, die Überraschung über die Nachricht ließ ihre Haut kribbeln. Hier? In Helena Springs? Und ein Verdächtiger?
»Mm-hmm. Und stell dir vor, der Verdächtige ist eine Art wilder Mann.«
»Ein wilder Mann? Was meinst du mit ›wilder Mann‹?« Und warum um alles in der Welt war sie zum Revier bestellt worden?
Keri blickte wieder nach hinten und als sie sprach, klang ihre Stimme hastig. »Als hätte der Typ noch nie in der Zivilisation gelebt. Wie ein … wie ein Höhlenmensch. Warte, bis du siehst–« Keris Worte verstummten abrupt, als Schritte zu hören waren, und eine Sekunde später tauchte Dwayne Walbeck, der Sheriff von Helena Springs, um die Ecke auf und hob das Kinn, als er Harper entdeckte.
»Harper. Danke, dass du gekommen bist.«
»Kein Problem, Dwayne.« Harper warf Keri einen kurzen Blick zu, aber sie hatte sich bereits zu ihrem Schreibtisch umgedreht. Ein wilder Mann? Harper wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Dwayne zu. »Was ist los?«
Dwayne blickte zu Keri, die sich an ihren Empfangstisch gesetzt hatte und den Kopf so geneigt hielt, dass Harper wusste, dass sie jedes Wort mitverfolgte. Trotz Harpers momentaner Verwirrung – und dem Schauer des Grauens, der ihr über den Rücken lief, weil sie wusste, dass jemandem in ihrer kleinen Stadt etwas Schreckliches zugestoßen war – huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Keri war ebenso liebenswert wie neugierig, und jeder im Umkreis von zwanzig Meilen wusste genau, wohin er gehen musste, wenn er die neuesten Klatschgeschichten erfahren wollte. Es war ein Wunder, dass Dwayne sie behielt. Normalerweise war ihre lose Zunge jedoch kein allzu großes Problem – im Allgemeinen war das Interessanteste, was aus der Wache kam, ein gelegentlicher Fall von Trunkenheit und ordnungswidrigem Verhalten.
»Keri, bitte halte meine Anrufe zurück, okay?«, rief Dwayne über die Schulter.
»Kein Problem, Dwayne«, sang sie.
Dwayne legte seine Hand auf Harpers Schulter, als er sie zum hinteren Teil der Wache führte, wo sich sein Büro befand, zusammen mit zwei Arrestzellen und einem kleinen Verhörraum, der hauptsächlich als Pausenraum für Dwayne, Keri und die beiden Deputies Paul Brighton und Roger Green diente.
»Dwayne, was in aller Welt ist hier los?«, fragte Harper, als sie den Verhör- und Pausenraum betreten und er die Tür geschlossen hatte.
Dwayne nahm eine Fernbedienung und schaltete einen Monitor ein, der links von Harper an der Wand hing. Sie drehte sich zum Bildschirm um. Er zeigte eine der beiden Arrestzellen, ein Mann saß auf der an der Wand befestigten Bank und starrte geradeaus.
Harper neigte den Kopf, rückte näher heran und richtete ihren Blick auf den Mann. Er trug normale Bluejeans, die sich straff über seine muskulösen Oberschenkel spannten, aber seine Jacke war alles andere als gewöhnlich. War sie aus … Tierfell? Sie war so zusammengenäht, dass sie aussah, als wäre sie von Hand genäht worden. Auf dem Bildschirm konnte sie die Details der Jacke nicht erkennen, daher wusste sie nicht einmal, ob das die richtige Bezeichnung war. Auf jeden Fall waren seine Stiefel – sein Schuhwerk – aus dem gleichen zusammengenähten Tierfell gefertigt und reichten ihm bis zur Mitte der Waden. Plötzlich blickte er auf, seine Augen wanderten direkt zur Kamera, als wüsste er, dass sie da war – oder zumindest, dass eine Kamera ihn beobachtete –, und Harper machte einen Schritt zurück, als könnte er sie wirklich sehen und sie sich dafür schämen müsste, ihn so anzustarren, wie sie es tat.
»Erkennst du ihn?«
Sie schüttelte den Kopf und sah sein Gesicht, das immer noch direkt auf sie gerichtet war. Es wurde von glattem braunem Haar umrahmt, das so ungleichmäßig geschnitten war, dass sie vermutete, er hatte es mit einem stumpfen Werkzeug selbst geschnitten. Sein Kinn war von Bartstoppeln bedeckt, die irgendwo zwischen starkem Bartwuchs und einem kurzen Bart lagen, und trotz seines insgesamt ungewöhnlichen Aussehens konnte sie erkennen, dass er gut aussah, wenn auch auf eine Art und Weise, die sie daran zweifeln ließ, ob er sich überhaupt wusch.
Und wenn ja, wo? In einem eiskalten Bach? Das Bild, das ihr in den Sinn kam, war nicht unangenehm, und beschämt schob sie es beiseite.
»Bist du sicher, dass du diesen Mann weder auf einer geführten Tour noch allein unterwegs gesehen hast?«
Nein, ich würde mich an ihn erinnern. Harper schüttelte erneut den Kopf. »Vielleicht hat er etwas Unauffälligeres getragen. Vor allem, wenn es Sommer war.«
Wie was? Ein Lendenschurz? Irgendwie glaubte sie nicht, dass das weniger auffällig wäre. »Ich bin mir sicher. Wer ist er, Dwayne?«
Dwayne atmete tief aus und schaltete den Monitor aus. Harper verspürte einen kurzen Anflug von Enttäuschung, was völlig bizarr war. Aber ehrlich gesagt wollte sie den Mann studieren. Sie wollte allein in diesem Raum bleiben und ihn eine Weile auf der Kamera beobachten, nur, um zu sehen, was er tun würde. Als wäre er eine Art Außerirdischer und kein Mensch? Was ist los mit dir, Harper?
»Er sagt, sein Name ist Lucas. Das ist alles. Kein Nachname. Nur Lucas.«
»Das verstehe ich nicht.«
Dwayne rieb sich die Augen und Harper wurde plötzlich bewusst, wie müde er aussah. »Ich auch noch nicht.« Er lehnte sich an die Tischkante. »Ich nehme an, Keri hat erwähnt, dass es einen weiteren Mord gegeben hat?«
»Ja. Kannst du mir sagen, wer es ist?« Sie hatte sich bemüht, nicht an die Frage zu denken, die ihr einen Kloß im Hals verursachte, denn sie wusste, dass sie die Person wahrscheinlich entweder kennen oder gut kennen würde. Mit zweitausend Einwohnern war Helena Springs zu klein, als dass dies nicht der Fall sein könnte.
»Ein Mann namens Isaac Driscoll, der in einer Hütte etwa zwanzig Meilen südlich der Stadt lebte.«
Sie atmete langsam aus. Sie kannte diesen Namen nicht. Aber … Süden? Im Süden gab es nichts außer Flachland, Berge, Flüsse und Täler, meilenweit unerbittliche Wildnis. Im Moment schneebedeckte und eisige, unerbittliche Wildnis. Nichts besonders Bewohnbares … zumindest hatte sie das gedacht.
Dwayne fuhr fort: »Das Opfer konnte irgendwie sein Handy erreichen und den Notruf wählen. Er sprach nicht, aber ein Mobilfunkmast half dabei, seinen Standort zu bestimmen. Er starb, bevor Paul ihn erreichte. Der alte Mobilfunkmast brachte uns früher auf eine Entfernung von tausend Fuß, aber das neue System bringt uns auf dreißig. Eine schöne Technologie. Jedenfalls dachte Paul, es handele sich wahrscheinlich um einen gewöhnlichen Fall, einen verlorenen Wanderer oder etwas in der Art.« Die Falten um seine Augen zogen sich für einen Moment zusammen. Er schien besorgt, dass diese Worte sie persönlich treffen könnten und er hatte recht.
Aber sie schüttelte das Gefühl ab und konzentrierte sich auf die aktuelle Situation. Ein Wanderer? Wer zu dieser Jahreszeit in diese Richtung wanderte, musste ein paar Schrauben locker haben. Oder … sich sehr verlaufen haben. Die Erinnerung kam wieder hoch, und mit noch mehr Anstrengung verdrängte sie sie mental, während Dwayne fortfuhr.
»Als Paul den abgelegenen Ort erreichte, von dem das Signal gekommen war, sah er in der Ferne eine Hütte.«
»Oh.« Sie war überrascht, dass es dort draußen eine Zufahrtsstraße oder sogar flaches Land gab, auf dem man reisen konnte.
»Zum Glück gab es eine kleine Wetterbesserung, sodass Paul hinausfahren konnte, denn es hatte schon angefangen zu schneien, bevor er den Tatort wieder verlassen hat.« Dwayne blätterte durch einen Ordner auf dem Tisch und zog etwas heraus, das wie ein aus dem Internet ausgedrucktes Foto aussah. Er reichte es Harper. »Das ist das Opfer. Hast du ihn jemals auf einer deiner Touren gesehen?«
Harper musterte ihn. Er war ein unscheinbarer, älterer Mann. Um die sechzig. Graues, schütteres Haar. Brille. Kurzer Bart. Ein dicker Hals, der sie vermuten ließ, dass er stämmig war. Harper gab Dwayne das Foto zurück. »Nicht, dass ich mich erinnern könnte.«
Dwayne legte das Foto zurück in den Ordner und Harper blickte auf den leeren Bildschirm. »Was hat er mit all dem zu tun?«
Dwayne seufzte erneut. »Vermutlich hast du von der Tatwaffe gehört, die bei der Frau im Larkspur verwendet wurde.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, aber Harper nickte. »Ja, das habe ich.« Sie musste nicht erwähnen, dass Keri ihr – und der halben Stadt – anvertraut hatte, dass die Frau mit Pfeil und Bogen erschossen worden war, und zwar in dem einzigen Etablissement der Stadt, das für auswärtige Gäste zur Verfügung stand.
Harper verzog innerlich das Gesicht bei dem Bild, das sich noch immer in ihrem Kopf abspielte, wenn sie an die unbekannte Frau dachte, von der sie eine Woche zuvor gehört hatte: Ein Pfeil, der so kraftvoll abgeschossen worden war, dass er aus der anderen Seite ihres Körpers herauskam und noch genug Kraft hatte, um sich im Holz der Wand zu verankern. »Die bei diesem Verbrechen verwendete Waffe ist dieselbe Art von Waffe, die bei der Ermordung von Isaac Driscoll verwendet wurde.«
»Oh«, hauchte sie.
»Ja. Gelinde gesagt ungewöhnlich. Im Allgemeinen benutzen sie nicht allzu viele Leute, und schon gar nicht, um einen Mord zu begehen. Geschweige denn zwei.« Dwayne warf einen Blick auf den leeren Bildschirm, genau wie Harper zuvor. »Paul hatte gerade den Tatort verlassen und hätte auf dem Weg zurück beinahe diesen Typen überfahren. Er tat so, als hätte er noch nie einen Truck gesehen – was vielleicht auch stimmte. Jedenfalls war Paul schon erschüttert, weil er gerade einen makabren Tatort entdeckt hatte, und dann tauchte dieser Typ auf, direkt vor ihm, mit Pfeil und Bogen auf dem Rücken.«
Harper riss die Augen auf. »Er hatte – Du glaubst, er ist der Mörder?«
»Er sagt, dass er es nicht ist und bis jetzt gibt es außer dem Bogen und den Pfeilen keine Beweise dafür, dass er es ist. Allerdings unterscheiden sich die Pfeile, die er bei sich hatte, in ihrem Aussehen von denen, die bei den beiden Verbrechen verwendet wurden. Und in dem Köcher, den er bei sich hatte, gibt es für jeden Pfeil einen Platz. Es fehlte keiner. Wir haben sie als Beweismittel sichergestellt. Aber wenn man bedenkt, dass er weiß, wie man damit umgeht und dass er in der Nähe von Isaac Driscoll wohnt, ist er zumindest ein Tatverdächtiger.«
Harper starrte den Sheriff einen Moment lang an. »Beide leben dort draußen?«
»Scheint so. Er sagt, er wohnt zehntausendfünfhundertdreiundsiebzig Schritte von Driscoll entfernt, in Richtung der drei Berggipfel.«
»Hä?«
»Ich weiß. So hat er die Entfernung zwischen ihren Wohnorten beschrieben. Seltsam.«
Gelinde gesagt. Sie leitete geführte Touren in diese Wildnis – für Naturliebhaber, Camper, Jäger. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dort dauerhaft zu leben – zu jeder Jahreszeit. Es wäre … praktisch unmöglich zu überleben, zumindest ohne eine Menge Ausrüstung.
»Kannten sie sich?«
»Lucas sagt, er habe mit Driscoll, der in die Stadt fuhr, Dinge getauscht. Lucas tauschte gefangenen Fisch gegen Kleidung und andere Dinge. Er sagte, dass sie darüber hinaus keine große Beziehung zueinander hatten – er betrachtete den Mann nicht als Freund. Er war einfach nur jemand, mit dem er Geschäfte machte.«
Geschäfte. »Fisch, den er gefangen hat? Also … dieser Mann da drin ist nie in der Stadt gewesen?«
»Das sagt er.«
»Dann kann er die Frau im Bed & Breakfast nicht getötet haben.«
Dwayne zuckte mit den Schultern. »Wir verlassen uns im Moment allein auf sein Wort, weil wir nichts anderes haben. Die Ergebnisse der Spurensicherung werden noch eine Weile auf sich warten lassen, aber bisher gibt es nichts, was ihn mit dem Tatort in Verbindung bringt. Wir haben wirklich nichts, um ihn festzuhalten.«
Harper dachte noch einmal über Dwaynes Worte nach. Noch nie in der Stadt gewesen? Noch nie aus dieser Wildnis herausgekommen? Wie war das möglich? Ihre Fragen waren endlos. Aber das war nicht der Grund, warum Dwayne sie dorthin gebeten hatte. Er wollte Informationen von ihr, nicht umgekehrt. »Normalerweise mache ich keine Touren in den Süden, und östlich des Flusses kann man besser jagen. Aber auf jeden Fall bin ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie einem von beiden begegnet. Und ich bin auch noch nie auf eine Behausung gestoßen. Ich bin genauso überrascht wie du.« Zwanzig Meilen machten einen riesigen Unterschied, was das Gelände anging, aber es war nicht so weit, dass man nicht ein komfortableres Leben in einer bevölkerten Stadt führen und trotzdem die Wildnis mit all ihren Vorzügen genießen konnte. Sie verstand es nicht.
Dwayne stand vom Tisch auf und deutete auf einen kleinen Kühlschrank neben der Tür, in dem sie Getränke vermutete. Sie schüttelte den Kopf und er holte eine Wasserflasche heraus, öffnete sie, nahm einen langen Schluck und sagte dann: »Wir haben das kriminaltechnische Labor in Missoula hinzugezogen, um den Tatort zu untersuchen, aber wir mussten das Justizministerium von Montana einschalten, um die Ermittlungen zu leiten. Wir sind einfach nicht dafür ausgerüstet, einen solchen Fall zu bearbeiten. Der Agent, den sie geschickt haben, ist gerade am ersten Tatort im Larkspur, aber er sollte bald zurück sein, um Lucas noch ein paar Fragen zu stellen.«
»Und …«, er hielt inne und runzelte die Stirn, als würde er sich Gedanken darüber machen, wie sie auf seine nächsten Worte reagieren würde, »ich hoffe, es ist okay für dich, dass ich deine Dienste angeboten habe. Wir könnten deine Hilfe gut gebrauchen.«
Agent Mark Gallagher stand still da, nahm den Raum als Ganzes wahr, prägte sich die Raumaufteilung ein und wartete darauf, dass ihm etwas auffiel, das sofort fehl am Platz wirkte. Nichts außer dem großen dunklen Fleck auf dem Teppich. Aber damit hatte er gerechnet. Die Frau, die hier gestorben war, hatte keinen friedlichen Tod erlebt.
Nein, es hatte Angst und Leiden und schließlich den Tod gegeben, wenn auch einen stillen, denn der Pfeil, der ihr durch die Kehle gedrungen war, hatte ihr die Luft abgeschnitten und den Schrei – da war er sich sicher – gefangen gehalten. Er hatte die Fotos vom Tatort gesehen. Die Frau trug nichts als ein T-Shirt und weiße Baumwollunterwäsche – vermutlich das, was sie zum Schlafen angehabt hatte – und ihre Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen. Den zurückgeworfenen Bettdecken nach zu urteilen, hatte sie sich auf halbem Weg zwischen Bett und Fenster befunden – sie hatte versucht zu fliehen, war aber nicht weit gekommen.
Natürlich hatte sie kaum eine Chance gehabt. Um mit Pfeil und Bogen zu töten, musste man nicht nah herankommen. Das war ja gerade der Sinn der Sache, oder? Der Mörder musste sich nicht viel weiter als bis zur Tür bewegen, wo er das schwache Schloss geknackt hatte, während die Frau schlief.
Mark öffnete eine Schublade der Kommode. Nichts. Sie hatte eine Reisetasche mit ein paar Kleidungsstücken dabei, und auf dem Waschbecken stand Zahnpasta, aber es sah nicht so aus, als hätte sie eine lange Reise geplant. Oder die Frau besaß einfach nicht viel.
Auf dem Nachttisch lag ein Stapel Bücher und Mark nahm das oberste davon in die Hand. Hüter der Erinnerung. Er legte es beiseite und sah sich die nächsten drei an: Ender’s Game, Maze Runner und Diebe im Olymp. Mark runzelte die Stirn. Er wusste nichts über das Opfer, aber die Titel schienen eine seltsame Wahl für eine erwachsene Frau zu sein, deren Alter der Gerichtsmediziner auf Mitte bis Ende dreißig geschätzt hatte. Mark erkannte, dass es sich um Bücher für junge Erwachsene handelte.
Mark entdeckte etwas auf dem Buchrücken von Hüter der Erinnerung und bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass dort offenbar ein Aufkleber gewesen sein musste, der jedoch kürzlich entfernt worden war. Die Stelle war noch klebrig. Ein Preisschild? Allerdings waren die Bücher auf dem Nachttisch stark abgenutzt. Vielleicht stammten sie aus einem Antiquariat. Er untersuchte die anderen Bücher und fand auch auf deren Buchrücken sichtbare Klebespuren und kleine Stücke eines gelben Aufklebers. Hm. Wahrscheinlich stammten sie alle aus derselben Quelle. Irgendwo in der Stadt, wo man sich vielleicht an diese Frau erinnern würde? Er schlug die Buchdeckel nacheinander auf und sah, dass die erste Seite jedes Buches herausgerissen worden war. Seltsam. Es könnte sich durchaus um Bücher handeln, die die Frau seit Jahren besaß, alte Lieblingsbücher, die sie mitgebracht hatte, um sie noch einmal zu lesen. Dennoch … sie wirkten irgendwie fehl am Platz und das beschäftigte ihn. Er machte ein paar schnelle Fotos von dem Stapel Bücher auf dem Nachttisch.
»Sir? Agent Gallagher?« Die Frau, die in der Tür stand und ein Geschirrtuch in den Händen wrang, war klein und dünn, schätzungsweise Ende sechzig, mit einem blonden Bob, der ihr bis zum Kinn reichte. Sie trug eine Schürze, auf deren Rock sich ein hellroter Fleck befand. Inmitten eines blutigen Tatorts war dieser Anblick ausgesprochen beunruhigend.
Er lächelte. »Mrs Wilcox?«
Die Frau, die er als Besitzerin des Larkspur Bed & Breakfast und Restaurant kannte, nickte, blickte nervös im Raum umher und trat dann einen Schritt zurück. Er führte sie in den Flur und schloss die Tür hinter sich. »Schrecklich, was hier passiert ist.«
Sie nickte, schluckte und wrang weiterhin das Handtuch in ihren Händen. »Oh, ich kann kaum schlafen, weil ich ständig daran denken muss. Und das auch noch unter meinem eigenen Dach.« Sie verzog das Gesicht. »Weiß man schon etwas über diese arme Frau?«
»Noch nicht, Ma’am. Ich habe mich gefragt, ob Sie mir etwas über sie erzählen könnten, das Ihnen aufgefallen ist?«
Sie schaute zur Seite und runzelte konzentriert die Stirn. »Vor allem die Tatsache, dass sie überhaupt hier übernachtet hat. Im Winter haben wir nicht viele Gäste. Wir haben nur die drei Zimmer. Das Restaurant ist zu jeder Jahreszeit unser Hauptgeschäft, aber besonders in den kalten Monaten. Gelegentlich kommen Leute durch die Stadt, die eine Übernachtungsmöglichkeit suchen, oder Verwandte besuchen und möchten etwas Privatsphäre, aber das ist selten. Deshalb war ich überrascht, als sie letzten Mittwoch an der Tür klingelte und sagte, sie wolle ein Zimmer für eine Woche mieten.«
Er notierte das in dem Notizbuch, das er in seiner Jackentasche aufbewahrte. Eine Woche.
»Sie hat nicht erwähnt, dass sie jemanden besuchen wollte?«
»Nein, und ich habe sie sogar gefragt. ›Was führt Sie nach Helena Springs?‹, fragte ich. Sie sah mich mit einem abwesenden Blick an und sagte mir dann, sie sei hier, um etwas wiedergutzumachen. Nun, ich wusste nicht genau, was ich darauf sagen sollte, aber sie wechselte das Thema und fragte nach den Öffnungszeiten des Restaurants.«
Hier, um etwas wiedergutzumachen. Mark schrieb auch das auf, tippte kurz mit dem Stift auf den Block und fragte dann: »Hat sie bar bezahlt?«
»Ja, das hat sie. Ich habe sie natürlich gemäß den Vorschriften nach ihrem Ausweis gefragt, aber sie sagte mir, dass ihr kürzlich ihre Brieftasche gestohlen worden sei und sie daher keinen Ausweis habe. Nun, da sie keinen Ausweis hatte, zögerte ich, ihr das Zimmer zu vermieten, aber sie bezahlte im Voraus, und es war so kalt draußen. Es wäre nicht christlich von mir gewesen, sie bei diesem Wetter wieder hinauszuschicken, ohne dass sie eine andere Unterkunft in der Stadt hat.«
»Natürlich. Ich verstehe.« Mark schenkte Mrs Wilcox ein freundliches Lächeln, das sie erwiderte, wobei ihre Schultern herabsanken, als befürchte sie, er könnte ihr die Nichtbefolgung der Vorschriften übelnehmen. »Haben Sie zufällig gesehen, ob jemand sie hierhergebracht hat?« Auf dem Parkplatz stand kein Fahrzeug, was bedeutete, dass die Frau entweder zu Fuß gekommen oder von jemand anderem hergefahren worden war.
»Nein. Ich habe sie nicht einmal hereinkommen hören. Ich habe gerade ferngesehen, als ich die Glocke an der Rezeption läuten hörte. Das hat mich völlig überrascht«, sagte Mrs Wilcox.
»Was können Sie mir über diese Nacht erzählen?«
Mrs Wilcox hatte aufgehört, das Handtuch auszuwringen, aber als sie diese Nacht hörte, fing sie wieder damit an. Mark fragte sich, ob es vielleicht in zwei Hälften zerreißen würde. »Ich habe Schreie gehört«, flüsterte sie und blickte über Marks Schulter den Flur hinunter, als könnte plötzlich jemand auftauchen und hören, wie sie etwas sagte, was sie nicht sagen sollte. »Ich konnte nicht alles hören, aber ich hörte ihn schreien: ›Wie konntest du nur? Wie konntest du nur? Du hast alles ruiniert.‹«
»Und es war definitiv eine männliche Stimme?«
»O ja, da gibt es keinen Zweifel. Ich habe darüber nachgedacht, hier heraufzukommen. Gäste dürfen keine anderen Personen in ihrem Zimmer übernachten lassen, ohne für eine Doppelbelegung zu bezahlen, wissen Sie? Und dann gab es noch den Streit … Das war beunruhigend. Aber dann hörte das Geschrei auf, und ich beschloss, mich am nächsten Morgen darum zu kümmern.« Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ich habe falsch gehandelt, nicht wahr?«
»Nein, Ma’am. Das ist verständlich. Sie konnten unmöglich wissen, dass es mehr als ein Streit zwischen einem Paar war.«
»So etwas ist in Helena Springs noch nie passiert.« Sie hörte auf, das Handtuch zu wringen, und beugte sich vor. »Es gab schon Unfälle, bei denen Menschen ums Leben gekommen sind. Da fällt mir natürlich die Familie Ward ein.« Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Die arme Harper, die auf diese Weise beide Elternteile verloren hat. Nun ja«, sagte sie, zog die Schultern zurück und schien sich dabei zu ertappen, dass sie über Dinge sprach, nach denen sie nicht gefragt worden war. Mark war daran gewöhnt. Das taten die Leute nun einmal – sie versuchten, die Stille zu füllen, also sorgte er dafür, dass reichlich davon vorhanden war. Denn oft enthielten diese ungehemmten Gespräche nützliche Informationen. Nach fast dreißig Jahren in diesem Beruf hatte er gelernt, abzuwarten, zuzuhören und Informationen abzuspeichern. Nur für alle Fälle.
Er reichte Mrs Wilcox seine Visitenkarte. »Wenn Ihnen noch etwas einfällt, egal was – kein Detail ist zu unbedeutend –, rufen Sie mich an.«
Sie nahm seine Karte, steckte sie in die Tasche ihrer Schürze und nickte. »Das werde ich auf jeden Fall tun.« Sie wandte sich ab. »Ich sollte mich wieder um die Kuchen kümmern. Wenn ich nervös bin, backe ich. Das hilft mir …« Sie winkte ab. »Wie auch immer, Agent Gallagher, ich rufe Sie an, wenn mir noch etwas einfällt.«
Er neigte den Kopf. »Danke, Ma’am.«
Sie lächelte ihn nervös an, drehte sich dann um und ging zurück zur Treppe, die zur Küche führte, wo er den süß-säuerlichen Duft von frisch gebackenem Kirschkuchen wahrnehmen konnte.
Laurie backte immer Kirschkuchen – die Kruste war wie ein Korb geflochten, sodass die kleinen Zwischenräume rot und klebrig blubberten, wenn der Kuchen heiß war. Dieser Geruch weckte in ihm Sehnsucht und ließ die Leere in seinem Inneren pochen, weil er ihn an das erinnerte, was einmal gewesen war. Er schüttelte diesen Gedanken ab, konzentrierte sich auf die Notizen in seinem Notizbuch und wandte seine Gedanken wieder den beiden ermordeten Menschen zu, die Gerechtigkeit verdienten.
Er musste zum zweiten Tatort. Er wollte ihn sich so schnell wie möglich nach der Untersuchung des ersten ansehen – um zu sehen, ob ihm etwas daran bekannt vorkam, was er vielleicht nicht erkennen würde, wenn der zeitliche Abstand größer wäre. Morgen früh würde nicht reichen. Er hatte Laurie gesagt, dass er zum Abendessen zu Hause sein würde, aber sie würde verstehen, dass er sich bei seinem neuen Job besonders anstrengen musste. Nicht, dass er sich sonst weniger engagieren würde. Es lag nicht in seiner Natur, etwas nur halbherzig zu tun, das war schon immer so gewesen. Obwohl er sich abwesend fragte, ob das auch auf seine Ehe zutraf. Er schob diese Gedanken vorerst beiseite. Das würde Zeit brauchen. Das hoffte er. Gott, das hoffte er.
Es fühlte sich an, als hätte er schon lange darauf gehofft. Zu lange vielleicht.
Als er zu seinem Truck ging, schneite es wieder, und die eisige Luft brannte auf seiner Haut. Der Himmel war grau und tief, als würde er jeden Moment noch tiefer sinken und alle darunter begraben. Das machte ihn depressiv und klaustrophobisch. Mein Gott, wie haben diese Leute das monatelang ausgehalten? Er würde es wohl bald herausfinden, aber schon jetzt vermisste er den endlosen blauen Himmel Kaliforniens.
Der Sheriff hatte ihm gesagt, er hätte eine Frau aus der Gegend im Sinn, die sich gut auskannte. Gut, denn er würde sie brauchen. Sein Wissen über die Wildnis reichte gerade mal für ein Schnapsglas. Und allein durch den Schnee zu stapfen, klang äußerst unangenehm und vor allem sinnlos.
Nachdem er sich in seinen SUV gesetzt, den Motor gestartet und die Heizung aufgedreht hatte, überprüfte er den Namen, den er sich in sein Notizbuch geschrieben hatte. Harper Ward. Das dachte ich mir. Es war dieselbe Frau, die Mrs Wilcox erwähnt hatte. Die arme Harper, die auf diese Weise beide Elternteile verloren hat. Der Sheriff hatte ihm erzählt, dass ihr Vater der frühere Sheriff von Helena Springs gewesen war, und in den Augen des Mannes war ein schuldbewusster Ausdruck aufgeblitzt, den Mark nicht verstehen konnte, weil ihm nicht genügend Informationen zur Verfügung standen. Er fragte sich, was das zu bedeuten hatte, und kam zu dem Schluss, dass er es leicht herausfinden könnte, wenn er wollte – es gab immer jemanden, oder zwanzig Leute –, die bereit waren, über ihre Nachbarn in einer Kleinstadt zu sprechen. Aber er wollte sich lieber auf das konzentrieren, was für seinen Fall wichtig war, und dieses Verbrechen – diese Verbrechen – aufklären, bevor noch jemand in dieser Kleinstadt zu Schaden kam.
Oder getötet wurde.
Jaks Zähne klapperten so stark, dass er dachte, sie würden abbrechen. Er zog seine Beine näher an seine Brust, schlang seine Arme um sich und versuchte, sich in jedes winzige bisschen Wärme zu kuscheln, das sein Körper produzierte.
Er wusste, dass er sich bewegen musste. Er musste trocken werden. Er musste … Tränen füllten seine Augen und liefen ihm über die Wangen, wo sie auf seiner eisigen Haut gefroren. Er wischte sie weg und zwang sich, sich aufzurichten. Lebe! hatte er dem dunkelhaarigen Jungen zugerufen, als er ihn auf den kleinen Felsvorsprung geworfen hatte. Er hatte es verlangt, weil nur einer von ihnen diesen kleinen Felsvorsprung – diese Chance – haben konnte, und wenn der Junge, dem er ihn überlassen hatte, trotzdem starb, dann wäre diese Chance verschwendet gewesen.
Ich hätte sie für mich selbst nutzen sollen.
Aber obwohl ihm dieser Gedanke durch den Kopf schoss, kam es ihm nicht wahrhaftig vor. Er hatte den Sturz irgendwie überlebt, indem er sich an einem anderen Ast festhielt, der aus der Seite des Abhangs ragte. Es gab keine Kante oder etwas anderes, auf das er hätte klettern können, und er verlor schnell den Halt. Aber dieser Ast war näher am Boden gewesen und als er in einer tiefen Schneewehe landete, war seine Geschwindigkeit nicht so hoch gewesen, obwohl es ihm trotzdem den Atem verschlagen hatte und er sich aus dem eisigen Loch, das sein Sturz verursacht hatte, herauskämpfen musste.
Einer der anderen Jungen lag in der Nähe, beide Beine in unterschiedliche Richtungen verdreht, und Jak eilte zu ihm, zitternd und keuchend, als er den Jungen umdrehte. Aber er sah sofort, dass er tot war. Sein Gesicht war blutig und zerschlagen, sein Blick für immer auf die Sterne über ihm gerichtet. Jak schrie auf, sprang zurück und rannte so schnell er konnte davon weg. Einfach weg.
Weil er nicht wusste, wie viel Zeit ihm blieb, bevor jemand ihn verfolgen würde.
Er hatte es zu einer Gruppe von Bäumen in der Nähe geschafft – außer Atem, klatschnass, mit starken Schmerzen in der Schulter –, und er hatte solche Angst, dass der Mann, der oben auf der Klippe gestanden hatte, auf dem Weg nach unten war, um ihn zu suchen.
Wusste er, dass Jak überlebt hatte? Dass der dunkelhaarige Junge vielleicht auch überlebt hatte? Und was war mit dem blonden Jungen passiert? Jak hatte keine Spur von ihm am Fuße der Klippe gesehen, aber er musste auch tot sein. Begraben unter Schnee, seine Gliedmaßen grotesk verdreht wie die des anderen toten Jungen.
Hilf mir doch. Irgendjemand. Bitte, flehte er in der Stille seines Geistes. Aber niemand hörte ihn, außer dem stillen Mond, der am Nachthimmel hing.
Jak stolperte durch den Wald, zitterte immer stärker und sah alles nur noch verschwommen. Die Kraft, die er zuvor noch gespürt hatte, war aus ihm gewichen, sodass sich seine Muskeln schlaff und wie mit Wasser gefüllt anfühlten. Trotzdem rannte er weiter, stolperte immer weiter, bis er kein Gefühl mehr in den Beinen hatte. Hitze erfüllte seine Knochen, stieg nach oben und schoss Flammen durch seine Brust. Plötzlich brannte er vor Hitze. Zu heiß. Und durstig. Er bückte sich, schaufelte etwas Schnee auf, führte ihn zum Mund und aß ihn, während er tiefer in die Dunkelheit vordrang.
So heiß. So heiß. Die Welt begann sich zu neigen. Er zog seine Jacke aus, ließ sie in den Schnee fallen und ging weiter. Er stolperte über etwas unter dem Schnee, das er nicht sehen konnte, rappelte sich auf und fiel nach vorn. Ich werde nicht sterben, ich werde nicht sterben. Aber seine Gedanken fühlten sich wieder langsam an, genauso wie oben auf der Klippe. Bei dem Gedanken an diesen schrecklichen Sturz – diesen Mann mit der lauten, tiefen Stimme – drängte er sich wieder vorwärts, seine Kräfte schwanden. So heiß, so heißsoheißsheiß. Mit letzter Kraft zog er seine Jeans und sein Sweatshirt aus und ließ sie im Schnee liegen.
Sein Kopf schwirrte, er stolperte und fiel mit dem Knirschen von Eis und einem Schmerzensschrei zu Boden, scharfe Nadeln stachen in jede Stelle seiner nackten Haut. Er streckte eine Hand aus und spürte nichts. Er stürzte hinein, rollte, fiel, irgendwohin, wo es eng und dunkel und weich war, wo die Kälte und der Wind ihn nicht finden konnten.
Wirst du heute sterben?
Nein, versuchte er zu schreien. Lebe! Aber die Worte erstickten auf seinen Lippen, als die Welt um ihn herum verschwand.
Ihre Dienste angeboten? Welche genau? »Dwayne, was kann ich zu einer Mordermittlung beitragen?«
»Niemand verlangt von dir, dass du Polizistin wirst. Obwohl ich mir sicher bin, dass dir das zum Teil im Blut liegt.« Er schenkte ihr ein liebevolles Lächeln. »Was wir wirklich brauchen, ist jemand, der sich in der Gegend sehr gut auskennt und ein Fahrzeug mit Allradantrieb besitzt. Das tust du. Du wirst den Agenten treffen, der hierhergeschickt wurde. Er scheint ein netter Kerl zu sein. Er ist neu in der Abteilung und – man glaubt es kaum – gebürtiger Kalifornier. Der Mann erschien in so viel Winterkleidung, dass er wie der Michelin-Mann ging, und fragte mich, wie er seine Windschutzscheibe enteisen könne.« Dwayne lachte, und Harper lächelte bei dem Gedanken an den unbekannten Agenten. »Er ist gerade im Larkspur, aber er kommt bald zurück und wird dir sagen, was er braucht.«
Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie und ohne auf eine Antwort zu warten, steckte Keri ihren Kopf herein. »Dwayne, eine Nachricht für dich auf Leitung eins. Bob Elders aus Missoula.«
Dwayne presste die Lippen zusammen. »Danke, Keri.« Er sah Harper an. »Ich muss rangehen. Kannst du hier auf den Agenten warten? Er heißt Mark Gallagher.«
Harper nickte abwesend, als Dwayne den Raum verließ. Sie hatte sich noch nicht entschieden, ob sie bei diesem Fall helfen würde. Irgendetwas daran fühlte sich für sie persönlich irgendwie riskant an. Sie war sich sicher, dass es damit zu tun hatte, dass ihr Vater so viele Jahre lang in genau diesem Gebäude gearbeitet hatte. Sie konnte ihn dort förmlich spüren, das Aftershave riechen, das er getragen hatte, sein Lachen hören …
Plötzlich müde, setzte sie sich auf einen der Stühle am Tisch und blickte auf den dunklen Bildschirm. Ihre Aufmerksamkeit wurde von dem Gedanken an den Mann abgelenkt, der allein in der Zelle saß, und sie war dankbar für diese Ablenkung. Das leise Geräusch ihrer Finger, die auf den Tisch trommelten, erfüllte den Raum, während sie sich fragte, was er gerade tat. Sitzt er immer noch da? Was sollte er sonst tun, Harper? Hatte Dwayne recht, als er sagte, dass der Mann noch nie ein Auto gesehen hatte? Neugierde quälte sie, die Tatsache, dass er ein Mörder sein könnte – einer, der eine Vorliebe dafür hatte, seine Opfer mit geschärften Pfeilen an Wände zu nageln – reichte nicht aus, um dieses besondere Gefühl zu unterdrücken. Anscheinend.
Sie trommelte noch ein paar Minuten lang auf den Tisch und spielte dann mit ihren Händen, biss sich auf die Lippe, schaute zur Tür hinüber und zögerte nur noch einen Moment, bevor sie schnell aufstand und zum Monitor ging. Mit einem Klicken schaltete er sich ein und zeigte die kleine Zelle, in der der Mann immer noch saß und blinzelte. Er befand sich in genau derselben Position wie zuvor. Tatsächlich sah es so aus, als hätte er sich nicht von der Stelle gerührt.
Eine ganze Minute lang beobachtete Harper ihn einfach, wie er auf der Bank im anderen Raum saß, still und regungslos. Durch die Anonymität des Bildschirms ließ sie ihren Blick frei über ihn schweifen – von seinem widerspenstigen Haar bis hin zu seinen seltsamen Schuhen. Er war schlank, aber muskulös. Kräftig. Er hätte die Kraft, einen Pfeil direkt durch einen Körper zu schießen. Er war groß. Und stark. Und sah wild aus.
Ein echter Höhlenmensch.
Sie konnte sich vorstellen, wie dieser Mann gegen Gnus kämpfte. Und gewann.
Wer bist du?
Ihr Blick wanderte zu seinen Händen, die auf seinen Oberschenkeln ruhten. Sie waren groß, und selbst durch den Monitor konnte sie zahlreiche Narben erkennen. Er hatte die Hände eines Kriegers, vernarbt und äußerst maskulin, und Harper wollte sie studieren, als wären sie ein Kunstwerk. Sie waren auf eine Weise brutal schön, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Und sie konnte nicht umhin, sich zu fragen, was er mit diesen Händen getan hatte, um sich so viele Verletzungen zuzuziehen.
Ein Schauer durchlief sie, der nicht nur aus Angst herrührte. Aber sie schnappte überrascht nach Luft, als er plötzlich sein Gesicht zur Kamera drehte, wie er es zuvor getan hatte, und sie mit seinen Augen zu mustern schien. Sie spürte, wie ihr Gesicht rot wurde, als sie wegschaute, und hätte sich fast selbst ausgelacht. Er konnte sie nicht sehen. Er konnte niemanden sehen – er schaute lediglich in das blinkende Auge einer Kamera. Sie trat näher und studierte seinen Gesichtsausdruck. Da war etwas in seinen Augen … Bitterkeit, wenn sie sich nicht täuschte. Aber … warum? Wenn er nicht wusste, was ein Fahrzeug war, wie um alles in der Welt sollte dieser Mann dann wissen, dass das blinkende rote Licht, das er sehen konnte, es jemand anderem ermöglichte, ihn zu beobachten? Und selbst wenn er es wusste, warum verursachte das diese feurige Intensität in seinem Gesicht? Sie neigte den Kopf und musterte ihn aufmerksam. Er starrte zurück, als könne er sie auf der anderen Seite der Kamera spüren. Das war natürlich albern. Das wusste sie und doch hielt das Gefühl an. Seine Augen waren durchdringend, als er auf das Gerät hoch oben an der Wand in dem Raum starrte, den er bewohnte, und … es gab keinen Zweifel an der scharfen Intelligenz in seinem Blick. Vielleicht ein Höhlenmensch. Aber kein hirnloser Neandertaler. Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Sie konnte es sehen. Ratlosigkeit. Verwirrung. Wut. So viele Emotionen.
Er wandte den Blick ab und schaute wieder nach vorn – sein Gesichtsausdruck war plötzlich ausdruckslos –, als hätte er ihre Gedanken gehört und wollte nicht akzeptieren, dass sie sehen konnte, was er verbarg. Oder zumindest versuchte zu verbergen. Das hielt sie jedoch nicht auf. Sie beugte sich näher zu ihm hin. Aus diesem Blickwinkel konnte sie eine Narbe sehen, die sich unter seinem rechten Jochbein entlang seines Gesichts zog. Sie war kaum sichtbar und größtenteils verblasst, aber sie lenkte die Aufmerksamkeit auf die scharfen Linien seiner Knochenstruktur. Und … ja, sein Gesichtsausdruck war jetzt ausdruckslos, aber hinter seinen Augen tobte ein Kampf. Sie erkannte ihn als jemanden, der die Kunst des Stoizismus perfektioniert hatte. Reagiere nicht. Lass sie deine Angst nicht sehen. Lass sie nicht wissen, dass es dich interessiert.
Harper verspürte einen überraschenden Anflug von Mitgefühl, tadelte sich dann aber innerlich dafür. Sie schuf sich ein Bild von diesem Mann, das auf ihren eigenen Erfahrungen beruhte, nicht auf seinen. Sie wusste eigentlich gar nichts über ihn. Aber wenn er, wie Dwayne gesagt hatte, nur ein »Tatverdächtiger« war, war es dann ethisch vertretbar, ihn in dieser Zelle festzuhalten? Wenn er nur das Pech gehabt hatte, vor ein Polizeifahrzeug zu stolpern, und sie ihn nicht wegen irgendetwas anklagten, hatte er das Recht zu gehen. Wusste er das? Hatten sie ihm das überhaupt gesagt?
Die Tür öffnete sich und riss sie aus ihrer Faszination und den Fragen, die ihr durch den Kopf schossen. Sie errötete erneut und schaltete den Monitor aus, aber nicht, bevor Dwayne und der ältere Mann, der den Raum betrat, gesehen hatten, was sie getan hatte.
Der Mann, der wohl der Agent sein musste, streckte seine Hand aus und Harper ergriff sie, während Dwayne neben ihnen stehen blieb.
»Mark Gallagher, das ist Harper Ward. Mark, Harper weiß, warum Sie hier sind. Harper ist unsere örtliche Wildnisführerin und Psychologin.«
Harper ließ Mark Gallaghers Hand los und warf Dwayne einen genervten Blick zu. »Das Erste stimmt. Aber, Dwayne, ich bin keine Psychologin und das weißt du auch.« Sie warf ihm einen weiteren strengen Blick zu, aber er zeigte nicht die geringste Reue. Sie seufzte und lächelte Mark Gallagher verlegen an. »Ich arbeite Teilzeit in einem Gruppenheim.«
»Und du besuchst einige Kurse in Missoula, nicht wahr?«, fragte Dwayne.
»Die habe ich noch nicht unterschrieben«, sagte Harper und fühlte sich wie eine totale Versagerin. Die Erfolge, die Dwayne offensichtlich unter ihrem Namen aufgelistet hatte, schrumpften von Minute zu Minute.
Dwayne zwinkerte ihr zu. »Nun, das Beste was wir haben. Und Mark braucht vor allem deine Kenntnisse der Gegend. Und deinen Truck. Ich muss jetzt ein paar Anrufe tätigen, aber du und Mark könnt euch unterhalten, und dann kannst du ihm Bescheid geben, ob du uns zur Verfügung stehst.«
»Okay.«
Der Sheriff verließ den Raum und Mark Gallagher nickte in Richtung Tisch, wo sie einander gegenüber Platz nahmen.
Der Agent holte ein Notizbuch und einen Stift aus seiner Jackentasche und begann darin zu blättern, während Harper diesen Moment nutzte, um ihn zu mustern. Er war älter, wahrscheinlich in den Fünfzigern, aber er war immer noch fit und ein sehr attraktiver Mann mit dichtem, kurz geschnittenem, graumeliertem Haar und einer Art … Kompetenz, die er ausstrahlte. Eine Kompetenz, die nur wenige Männer hatten. Er war der Typ Mann, der in einer Notsituation immer die Verantwortung übernahm und dabei ruhig blieb. Er war der Typ Mann, an den man sich ganz natürlich wandte, wenn man ein Problem hatte. Er war der Typ von Mann … der auch ihr Vater gewesen war. Sie erkannte diese Eigenschaft in ihm, weil sie sie bei ihrem Vater erlebt hatte. Und dadurch stieg ihr Wohlbefinden sofort.
»Dwayne hat mir erzählt, dass Ihr Vater vor ihm Sheriff hier war.«
Harper starrte ihn einen Moment lang nur an, da die Frage sie überraschte, nachdem sie gerade buchstäblich an ihren Vater gedacht hatte. Sie schüttelte sich innerlich und räusperte sich. »Ja. Das … Das war er. Für kurze Zeit.«
»Mein Beileid.«
Harper wandte ihren Blick ab. Sie war es nicht gewohnt, über ihre Eltern zu sprechen, schon gar nicht mit Fremden. »Danke. Das ist schon lange her.«
»Zeit kann relativ sein.«
Als sie ihren Blick wieder auf ihn richtete, sah er auf sein Notizbuch hinunter und tippte mit dem Stift auf den Einband.
»Dwayne sagt auch, dass Sie in dieser Gegend aufgewachsen sind und jeden Winkel der umliegenden Wildnis kennen.« Harper atmete tief aus. Dwayne hatte offenbar einiges erzählt. »Ich bin hier aufgewachsen. Mit sieben bin ich nach Missoula gezogen, habe aber während meiner Highschool-Zeit die Sommer hier verbracht und bin dann vor vier Jahren zurückgekommen. Seitdem habe ich praktisch jeden Tag in der Wildnis verbracht, neun Monate im Jahr. Ich kenne mich in der Gegend sehr gut aus. Aber niemand kann jeden Zentimeter der Wildnis rund um Helena Springs kennen. Sie ist riesig und im Winter extrem rau – sogar tödlich.« Unerwartet stockte ihr der Atem. Sogar tödlich. Ja, das musste sie wissen. Sie hatte beide Eltern in diesem gnadenlosen Gelände verloren. Sie schüttelte die Emotionen ab, überrascht, dass sie sie so plötzlich erfasst hatten. Zeit kann relativ sein. Ja, und wer wusste das besser als sie? Auch mehr als ein Jahrzehnt später hatte sie noch immer mit ihrem Verlust zu kämpfen. Aber sie verlor selten die Kontrolle über ihre Gefühle, schon gar nicht vor einem völlig Fremden. Sie räusperte sich, verärgert über sich selbst. »Aber ich kenne einen Großteil davon sehr gut, je nachdem, wonach Sie suchen und wo Sie suchen.«
Agent Gallagher lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Das könnte der schwierige Teil sein. Wir sind uns nicht ganz sicher, wonach wir suchen, außer nach jemandem, der geschickt mit Pfeil und Bogen umgehen kann. Allerdings wurden am zweiten Tatort einige ungewöhnliche Dinge gefunden, die hilfreich sein könnten. Ich nehme an, Dwayne hat Ihnen die Grundlagen zu den beiden Verbrechen erklärt?«
Harper nickte. »Ja, ich habe die Grundlagen.«
Agent Gallagher beugte sich vor und faltete die Hände. »Gut. Ich brauche vor allem jemanden, der mir Informationen beschaffen kann, und Sie scheinen genau die richtige Person dafür zu sein.« Bevor sie antworten konnte, fuhr er fort: »Sie würden als Beraterin für diesen Fall bezahlt werden. Ihre Fahrtkosten und alle anderen Ausgaben würden Ihnen erstattet werden.«
Harper biss sich auf die Lippe. Sie konnte das Geld gut gebrauchen. Sie konnte immer Geld gebrauchen. Dennoch hätte sie nie gedacht, dass sie einmal als Beraterin für jemanden arbeiten würde, geschweige denn für jemanden, der zwei grausame Verbrechen aufklären wollte. »Wie lange werden Sie voraussichtlich hier sein?« Sie hatte keine Ahnung, wie man Verbrechen aufklärte, obwohl ihr Vater in diesem Bereich gearbeitet hatte. Aber sie war noch so jung gewesen, als er starb. Und außerdem gab es damals wie heute einfach keine Verbrechen in Helena Springs. Tatsächlich war das letzte Verbrechen, an das sie sich erinnern konnte, dasjenige, bei dem Lyle Fredericks seine Frau halb totgeschlagen und sich dann mit seiner Schrotflinte das Leben genommen hatte. Seine Frau Samantha hatte überlebt, aber die Stadt verlassen, um bei ihrer Cousine zu leben – und um nicht mehr »die Frau zu sein, deren Mann sie fast zu Tode geprügelt hat, bevor er Selbstmord beging«. Einem aufgedrückten Stempel zu entkommen, war in einer Kleinstadt schwer.
Natürlich war das, was ihren Eltern und ihr widerfahren war, ein Unfall gewesen, kein Verbrechen. Dennoch hatte sie die Gerüchte gehört und wusste, welche Stempel man ihr aufgedrückt hatte.
Das arme Ding.
Waise.
»Das kommt darauf an. Es könnte drei Tage dauern, es könnte drei Monate dauern. Zum jetzigen Zeitpunkt der Ermittlungen lässt sich das noch nicht sagen. Ich bin hier, um mein Bestes zu geben, um Gerechtigkeit für die beiden Opfer zu finden. Oder zumindest Antworten.« Er musterte sie einen Moment lang auf eine Weise, die ihr ein leichtes Unbehagen bereitete. »Wenn Sie sich bereit erklären, mir zu helfen, müssen Sie alle Informationen für sich behalten. Wie gesagt, ich brauche Ihre Hilfe, um einen Teil der Gegend zu durchsuchen und ich habe vielleicht ein oder zwei Fragen zu dem Fall, sodass Sie in Dinge eingeweiht werden, die ich lieber nicht öffentlich diskutieren möchte.«
Harper nickte. »Natürlich. Ich verstehe. Ich bin diskret.«
Agent Gallagher lachte leise. »Okay, gut. Also, was sagen Sie?«
Was sagen Sie? Warum hatte sie dieses Gefühl im Bauch, dass es – selbst als glorifizierte Chauffeurin – in irgendeiner Weise wichtig werden würde, an diesem Fall beteiligt zu sein? Das Bild des Mannes mit den feurigen Augen, der im Nebenzimmer saß, blitzte in ihrem Kopf auf, ebenso wie die Landschaft, in die sie diesen Fremden vor sich fahren würde. Dieser Mann, der zwar kompetent wirkte, aber an sonnigen Himmel und Sandstrände gewöhnt war, nicht an eisige Schluchten und gefrorene Flüsse.
In der kalten Jahreszeit war sie selbst nicht so oft draußen unterwegs. Zum einen gab es weniger Kunden, die sich in die wilde Tundra wagen wollten, um sich den Hintern abzufrieren und zum anderen wäre es töricht gewesen, ihre persönliche Suche während der schneereichen Monate fortzusetzen, wenn das, wonach sie suchte, unter einem Haufen eisigem Weiß begraben war. Sie hielt noch einmal kurz inne, dann erfüllte sie Entschlossenheit. »Ich mache es.«
Agent Gallagher lächelte. »Großartig. Können Sie sofort anfangen? Ich muss zum zweiten Tatort, Harper. Darf ich Sie Harper nennen?«
»Ja, natürlich.«
»Ich muss mir ein paar Minuten Zeit nehmen, um dem Mann im Nebenzimmer ein paar Fragen zu stellen. Ich werde mich beeilen. Ich kann mir vorstellen, dass er bereit ist, nach Hause zu gehen.«
Sie nickte und Agent Gallagher verließ den Raum und ging auf den »wilden Mann« zu. Nein, Lucas. Er heißt Lucas. Und sein Zuhause liegt mitten im Nirgendwo.
Unangenehme Gerüche. Alter Schweiß, Tränen, Angst. Der Gestank von menschlichem Urin. Und darüber hinaus etwas Scharfes und Starkes, das Lucas nicht benennen konnte. Unnatürlich.
Er hatte nicht genug aufgepasst, seine Gedanken flogen wie die peitschenden Schneeflocken um ihn herum. Und dann war da ein Auto gewesen, wo noch nie zuvor ein Auto gewesen war. Die große Maschine, die brüllte und rumpelte und tiefe Spuren im Schnee hinterließ. Aber er war nicht weggelaufen. Hatte nicht gekämpft. Weil er den Mann sehen wollte, der ihn fuhr. Aus der Nähe. Er wollte wissen, ob er ein Freund oder ein Feind war.
Gab es wirklich noch Feinde? Oder war Driscoll der einzige Feind gewesen? Er wusste es immer noch nicht. Er versuchte, es herauszufinden.
