Beschreibung

Von Karl Kraus, dem großen österreichischen Essayisten, stammt der Begriff „Realsatire“. Auch in diesem Buch liest sich vieles, was der Wirklichkeit entspricht, wie eine Satire. Dem Autor geht es darum, zu zeigen, wie man im Wechsel der Geschichte die Zukunft betrachtet hat und welcher Ausblick sich daraus für die Gegenwart ergibt. Es waren vor allem Utopisten und Visionäre, die die Zukunft ausmalten. Und wenn ihre Vorstellungen auch nicht Wirklichkeit wurden, so haben sie doch die Zukunft beeinflusst. Auch die Versuche der Historiker, die Welt zu erklären und die der Zukunftsforscher, künftige Trends zu ermitteln, gehören in diesen Zusammenhang. Wenn man dann versucht, aus der Gegenwart heraus ein Bild der Zukunft zu entwerfen, muss man sich zunächst über die großen Veränderungen, aber auch über die großen Irrtümer klar werden. So ist diese kleine „Kulturgeschichte der Zukunft“ zugleich eine durchaus subjektive Analyse der Gegenwart, wie sie auch Ausblicke auf künftige Entwicklungen gibt.

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Es reden und träumen die Menschen viel

Von bessern künftigen Tagen,

Nach einem glücklichen goldenen Ziel

Sieht man sie rennen und jagen,

Die Welt wird alt und wird wieder jung,

Doch der Mensch hofft immer Verbesserung!

Friedrich Schiller, „Hoffnung“

Inhalt

Vorwort

Utopien und Visionen

Die Ur-Utopie

Die Insel Utopia

Die Vision vom Weltgeist

Die Utopie des Karl Marx

Neomarxismus wird Mode

Der Untergang des Abendlandes

Der Mythus des 20. Jahrhunderts

Der ewige Quell

Die Lehren der Geschichte

Visionen der Enttäuschten

Schöne neue Welt

Der große Bruder

Ludwig Erhards Vision

Science Fiction

Kampf der Kulturen

Weltethos

Kissingers Weltordnung

Die Gender-Utopie

Vision Europa

Die Vision vom Klimawandel

Die Vision vom gläsernen Menschen

Deutschland in 100 Jahren

Die Vision vom Paradigmenwechsel

Höllensturz und Hoffnung

Welterklärer

Zeit des Erwachens

Unterschiedliche Weltbetrachtung

Glaube und Vernunft

Evolution

Historiker und Kulturphilosophen

Zukunftsforscher

Demographische Entwicklung

Futurologie als Wissenschaft

Wirtschaftsprognosen

Gesellschaftliche Entwicklung

Abschied von der Wachstumsideologie

Ein neues Weltbild?

Trendforschung

Die großen Irrtümer

Alle Menschen sind gleich

Die Geschichte hat ein Ziel

Der Sozialismus ist die Lösung

Der Staat muss die Wirtschaft steuern

Der Staat ist für alles zuständig

Der Mensch steuert das Klima

Die großen Veränderungen

Von der bürgerlichen zur Massengesellschaft

Die Macht der Medien

Wertewandel

Einstellung zur Sexualität

Feminismus

Familie

Bevölkerungswandel

Zeitgeist

Rechtsbewusstsein

Technischer Fortschritt

Die Zukunft ist offen

Literaturhinweise

Register

Vorwort

Wenn man in die Jahre kommt, ist man geneigt, rückwärts zu blicken und sich noch einmal vor Augen zu halten, wie alles war. Und wenn man das hinter sich gebracht hat, steht man vor der Frage, wie es wohl weiter geht, auch wenn man es nicht mehr erleben wird.

Der Versuch, in die Zukunft zu blicken, ist nicht neu, er ist so alt wie die Menschheit. Es gab Seher und Propheten zu allen Zeiten. Mir schien es interessant, einmal zusammenzustellen, was aus den Utopien, Visionen, Vorhersagen und Trendanalysen geworden ist. Vielleicht lässt sich auf diese Weise auch der eigene Blick in die Zukunft schärfen.

Wenn man verfolgt, wie eigenwillig sich die Zukunft gegenüber ihren Propheten verhält, drängt sich leicht der Eindruck auf, dass man es mit einer Satire zu tun hat. Und unter diesem Blickwinkel habe ich meine Beobachtungen auch aufgezeichnet. Es ist vornehmlich eine Realsatire, die sich dem Betrachter darbietet.

Aber es geht nicht nur um „Scherz, Satire, Ironie …“ sondern eben auch um „tiefere Bedeutung“, wie es der Dramatiker Christian Grabbe treffend formulierte. Die tiefere Bedeutung mag man darin sehen, dass sich Geschichte zwar nicht wiederholt, dass sie aber doch Lehren in der einen oder anderen Form für uns bereit hält, die uns für die Zukunft nützlich sein können.

Die Utopisten wollten mit ihren Utopien der Zukunft gewissermaßen vorschreiben, wie sie sich zu entwickeln habe. Die Visionäre waren etwas weniger dogmatisch, hielten sich aber für weitsichtiger. Mit ihrer Vision glaubten sie, das Bild der Zukunft zu erfassen.

Dann gab es noch die Welterklärer, die in der Geschichte Entwicklungsmuster entdeckt haben wollten, die auch für die Zukunft gelten sollten. Und schließlich gab es noch die Zukunftsforscher, die sich der Zukunft mit wissenschaftlicher Exaktheit näherten, Trends hochrechneten und riesige Computer mit Simulationen fütterten.

Wenn man sich mit der Zukunft beschäftigt, kommt man an der Vergangenheit nicht vorbei. Man sollte ja schließlich nicht die gleichen Fehler wiederholen. Und so habe ich mich auch gefragt, was ist denn schief gelaufen, in der Vergangenheit, was hat sich als Irrtum erwiesen?

Daran schließt sich dann die Frage an, was hat sich eigentlich verändert und läuft in eine neue Richtung? Und führt diese Richtung in die Zukunft oder erweist sie sich auch wieder als Irrtum?

Dass bei alledem die Gegenwart, die ja den Maßstab für die Betrachtung bildet, nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst. So ist das Ganze nicht zuletzt auch eine kritische Betrachtung der Gegenwart, der es wahrlich nicht an realsatirischen Zügen fehlt.

Schließlich kann man dann der Frage nicht mehr ausweichen, was man selbst über die Zukunft denkt. Diese „Kulturgeschichte der Zukunft“ die sich aus solchen Betrachtungen ergibt, sollte, wie gesagt, auf realsatirischem Hintergrund gesehen werden, ohne die „tiefere Bedeutung“ aus den Augen zu verlieren.

Utopien und Visionen

Die Ur-Utopie

Utopisten und Visionäre

Zu allen Zeiten hätten die Menschen gerne gewusst, was ihnen die Zukunft bringt. Es gab mutige Köpfe, die über die eigene Lebenszeit hinausgedacht und versucht haben, sich ein Bild vom zukünftigen Leben zu machen. Darunter waren solche, die ein Wunschbild zeichneten, die die Zukunft so ausmalten, wie sie ihrer Meinung nach sein sollte. Das waren Utopisten. Andere wiederum, die die künftige Entwicklung vorauszuahnen versuchten, entwarfen ein Bild von der Zukunft, das weit über die gegenwärtige Realität hinausgriff. Sie hatten eine Vision. Von den Utopisten und Visionären, die besonders von sich reden gemacht haben, soll hier berichtet werden.

Gesellschaft der Zukunft

Wer sich über die Zukunft Gedanken macht und dabei über die eigene Existenz hinaus denkt, wird sich fragen, wie die Menschen künftig zusammen leben, wie die Gesellschaft aussehen wird. Und wenn er dann zu bestimmten Vorstellungen kommt, wie die verfasste Gesellschaft, der Staat, aussehen sollte, wird er seine Überlegungen vielleicht sogar aufschreiben. Der erste, von dem ein solches ausführliches Konzept überliefert ist, war der griechische Philosoph Platon.

Platon (427-347)

Platon war Junggeselle. Außerdem war er ein Schwärmer. Er hatte hochfliegende Ideen und konnte sie mit großer Beredsamkeit und, wenn nötig, auch mit feurigem Pathos, seinen Schülern ins Ohr pflanzen. Deshalb war seine Philosophenschule bei den Athenern so beliebt. Seine Vorträge und Bücher verfasste er in Form von Dialogen, das war sein Markenzeichen. Darin griff er Themen auf, die ihn als Philosoph interessierten. So berichtete er vom Leben und Sterben seines Lehrers Sokrates, er ließ Diotima, die dem angesehenen Beruf einer Seherin nachging, über die Liebe philosophieren und natürlich musste er sich auch mit Politik beschäftigen, denn in Athen waren damals (400 v. Ch.) unruhige Zeiten. Platon war in der Zeit des griechischen Bruderkrieges aufgewachsen und wollte ursprünglich Politiker werden. Aber als er sah, wie die Demokratie versagte, beschloss er, Philosoph zu werden. Besonders die Hinrichtung seines verehrten Lehrers Sokrates war ein großer Schock für ihn. Mit der Politik direkt wollte er nichts mehr zu tun haben.

Die Ur-Utopie

Aber er wollte den Athenern zeigen, wie ein idealer Staat, in dem Gerechtigkeit herrscht, aussehen müsste. In seinem Dialog „Politeia“ („Der Staat“) entwarf er das Bild eines Staatswesens, wie er es sich vorstellte. Dass das nicht so leicht verwirklicht werden würde, schon gar nicht zu seinen Lebzeiten, war ihm sicher klar. Er wusste, dass es eine Utopie war, aber er hoffte, dass sie trotzdem ihre Wirkung tun würde. Und darin sollte er Recht behalten. Sein Buch wurde ein Bestseller, das auch heute noch, nach zweitausend Jahren, in mehreren Ausgaben angeboten, gekauft und gelesen wird. Platons Staats-Utopie war gewissermaßen die Ur-Utopie, die über die Jahrtausende hin immer wieder diskutiert wurde und an der sich andere Utopien und Ideologien entzündeten.

Der ideale Staat

Platon, als erfolgreicher Philosoph, schätzte seinen Beruf sehr hoch ein. Deshalb war für ihn klar, dass an der Spitze des Staates ein Philosoph stehen sollte. Die Philosophen sollten die Könige sein. Sie brauchten natürlich eine schlagkräftige Truppe, auf die sie sich stützen konnten. Diese Elite, die die Macht ausübte, nannte Platon die „Wächter“. Die Wächterklasse war strengen Regeln unterworfen, so wie beispielsweise später der Klerus der katholischen Kirche. Ihr durften nur die Besten angehören, die man durch ständiges Herausprüfen von Kindheit an ermitteln würde. Die Wächter waren unverheiratet und lebten in Gemeinschaft, waren sozusagen kaserniert. Um sie vor den Versuchungen zu schützen die von „Hunger und Liebe“ ausgehen, durften sie kein Eigentum besitzen. Trotzdem fehlte es ihnen an nichts. Die reichen Mittel, die ihnen zur Verfügung standen, teilten sie sich, ebenso wie sie sich auch die Frauen teilten. Die Kinder sollten gleich in Kitas kommen, so wie das später in der DDR realisiert wurde und auch bei uns heute angepriesen wird.

Zwei Klassei

In Platons idealem Staat herrschte ein Zweiklassensystem. Es gab die herrschende Oberklasse und den Rest. Platon beschäftigte sich in seinem Konzept vor allem mit der Oberklasse, den Herrschenden. Um sie schlagkräftig und effizient zu erhalten, schienen ihm vor allem drei Maßnahmen erforderlich. Das Privateigentum sollte abgeschafft, die Familie sollte aufgelöst werden und die Erziehung der Kinder sollte der Staat übernehmen.

Aufzucht der Wächter

Vor allem die historisch gewachsene Familie sollte zerstört werden. Sie war bestenfalls gut für die unteren Klassen, aber für die herrschende Wächterklasse taugte sie nach Platons Meinung nicht. Dort sollte es zugehen, wie in einem regelrechten Zuchtbetrieb. Platon nannte auch ausdrücklich Hunde, Pferde und Geflügel als Beispiel. Er stellte sich vor, dass sich nur die Besten mit den Besten paaren, etwa so, wie es sich Himmler später für den „Lebensborn“ ausmalte.

Der Staat erzieht die Kinder

Von den Kindern, die auf diese Weise gezeugt wurden, sollten nur die Besten aufgezogen, die anderen aber ausgesondert werden. Auch durften die Kinder nicht bei ihren Müttern bleiben, sondern sollten von den Frauen wechselweise gestillt werden und gar nicht erfahren, wer ihre leiblichen Eltern waren. Die Kinder sollten schon als Säuglinge in ein Säugehaus gebracht werden und von Wärterinnen und Kinderfrauen gepflegt und aufgezogen werden. Im alten Griechenland wurden solche Vorstellungen nicht realisiert, Aber wenn man an die Überlegungen heutiger Politiker denkt, möglichst alle Kinder möglichst frühzeitig in Kitas zu schicken, so kommt das Platons Vorstellungen doch schon recht nahe.

Ende der Familie?

Platon hatte damals mit seiner Utopie natürlich keinen Erfolg. Über die Jahrtausende hinweg blieb die Familie mit Vater Mutter und Kind als wichtigster gesellschaftlicher Verband intakt und entwickelte sich weiter. Erst in unseren Tagen könnte Platon, wenn er noch am Leben wäre, hoffnungsvolle Ansätze für die Realisierung seiner Utopie entdecken. Die traditionelle Familie ist nicht mehr „in“, neue Formen wie die Patchwork-Familie, Alleinerziehende, Singel und Dinks (Double Income No Kids) nehmen immer mehr zu, ebenso wie die Scheidungsraten.

Wächterklasse

Und die Wächterklasse gibt es heute ja auch. Die Wächter treten nur nicht so offen als Krieger in Erscheinung wie bei Platon, sondern haben sich etwas mehr getarnt als Gutmenschen und Medienmacher, die ihre Waffen der Political Correctness, der Betreuung und der Verbotskultur immer weiter ausbauen.

Frauen und Männer

Wenn man an die Antike denkt und die Bilder vor Augen hat, die Homer von seinen Helden entwarf, dann überrascht es, dass Platon in seinem idealen Staat Männer und Frauen absolut gleichgestellt sehen wollte. Als Beispiel führt er die weiblichen Schäferhunde an, die ja genau so die Herde mit hüten wie die männlichen, ungeachtet des Gebärens und Ernährens der Jungen, so müssen auch die Weiber Sport, Musik und Kriegskunst ausüben. Beim Sport sollten sie sich auch nackt sehen lassen, so wie die Männer auch, wenngleich die älteren Weiber eher lächerlich wirken könnten, aber alte Männer sind ja schließlich auch runzelig. Das Weib, meint Platon, kann an allen Geschäften teilnehmen wie der Mann, „in allen aber ist das Weib schwächer als der Mann“. War Platon am Ende ein Feminist? Die Feministinnen heute würden jedenfalls ihre Freude an ihm haben und man wundert sich, dass sie ihn nicht öfter zitieren. Das kommt wohl daher, dass klassische Bildung nicht mehr „in“ ist.

Frauen und Kinder gemeinsam

In der Wächterklasse sollte die Gemeinschaft herrschen, meint Platon und beschreibt das so: „… dass diese Weiber alle allen diesen Männern gemeinsam seien, keine aber irgendeinem eigentümlich beiwohne, und so auch die Kinder gemeinsam (seien), so dass weder ein Vater sein Kind kennt, noch auch ein Kind seinen Vater.“ Im alten Griechenland wurden solche Verhältnisse, wie sie sich Platon vorstellte, zwar nicht mehr erreicht, aber in unseren Tagen war die Kommune 1 der 68er in Berlin doch schon sehr nahe dran.

Schwächen der Demokratie

Auch über die verschiedenen Staatsformen hat sich Platon Gedanken gemacht. Der Demokratie steht er sehr misstrauisch gegenüber, sicher veranlasst durch die Zustände im Athen seiner Zeit und seine eigenen Erlebnisse. Er beklagt Schamlosigkeit und Verschwendungssucht und meint, die Demokratie werde sich durch ihr Übermaß an Freiheit auflösen. Die „Demokraten“ erkennen keine Autorität mehr über sich an, sind nicht mehr bereit, sich dem Gesetz unterzuordnen (offenbar gab es damals auch schon „Wutbürger“ wie bei Stuttgart 21), die Regierenden beschwichtigen und schmeicheln dem Volk, die Kinder haben keinen Respekt mehr vor Eltern und Lehrern und gehorchen nicht mehr.

Übergang zur Diktatur

Bei solchen Zuständen hat dann ein Agitator leichtes Spiel, die Alleinherrschaft zu ergreifen und sich zum Tyrannen aufzuschwingen. Es dauert dann nicht lange und der Tyrann wird einen Krieg beginnen, um von den Problemen im Innern abzulenken und sich als Oberbefehlshaber unentbehrlich zu machen. Platon hat damit ein Grundmuster beschrieben, das sich später in der Geschichte bei der Entstehung von Diktaturen immer wieder findet, von Nero über Napoleon bis zu Stalin und Hitler. Auch heute sind immer wieder diktatorische Ansätze erkennbar in verschiedenen Staaten und unter verschiedenen Verhältnissen, es sind nicht immer einzelne Gestalten, es können auch Parteiregime sein.

Die betreute Masse

Bei dem, was Platon erlebt hatte, kann man verstehen, dass er gegen die Demokratie war. Die Form seines idealen Staates war irgendwo zwischen Monarchie und Oligarchie angesiedelt. Und die Struktur der herrschenden Oberschicht hatte er sich bis in alle Einzelheiten ausgedacht, wie wir gesehen haben. Blieb die Frage, was mit der Unterschicht geschehen sollte, die schließlich die Masse ausmachte. Darauf verschwendete Platon keine großen Gedanken, er hielt die Masse der Leute ohnehin für dumm und meinte, dass sie nicht genug Verstand hätten, die richtigen Führer auszuwählen. Man musste ihnen sagen wo es lang geht. Das war die Aufgabe der Wächterklasse, die die Massen umfassend betreute, so wie es heute durch Sozialpolitiker und Gewerkschaftsfunktionäre in vorbildlicher Weise geschieht. Für den Rest konnte man die Leute sich selbst überlassen, sie durften in Familien leben und Privateigentum haben und ihre Kinder selbst erziehen. Aber eines durften sie auf keinen Fall, in der Politik mit mischen. Von der Politik mussten sie sich fernhalten, es genügte, wenn sie arbeiteten und Kinder kriegten.

Kritik

Platons kommunistischer Idealstaat wurde zwar nicht verwirklicht, aber er blieb nicht ohne Wirkung. Als Utopie wirkte er über die Jahrtausende hin bis zum heutigen Tag. Immer wieder wurde versucht, ihn ganz oder in Teilen zu realisieren, aber je umfänglicher diese Versuche waren, die im Totalitarismus gipfelten, umso totaler war ihr Versagen. Dennoch war Platons Utopie auf ihre Weise fruchtbar, nämlich als Anregung zur Kritik. Der Erste, der sie massiv kritisierte, war Platons Meisterschüler, Aristoteles. Er hielt die Vorstellungen Platons für wirklichkeitsfremd.

Aristoteles’ Staatsverständnis

Sein Bild vom Staat, das er den Vorstellungen Platons entgegensetzte und in seinem Buch „Politik“ beschrieb, war ganz anders. Für Aristoteles war der Mensch seiner Natur nach ein „zoon politikon“, ein Individuum, das auf Gemeinschaft angewiesen war und in die Gemeinschaft hinein wirkte. Das Zusammenleben der Menschen baute sich auf Gemeinschaften auf, von der Familie über die Hausgemeinschaft, das Dorf, und die Polis bis zum Staat. Der Staat war eine natürliche Einheit, die es den Menschen ermöglicht, eine Gesellschaft zu bilden, die möglichst allen gerecht wird und darauf Rücksicht nimmt, dass die Menschen ungleich sind. Platons Gedanken an einen Staat, in dem alle Menschen Brüder seien und eine wundervolle Liebe aller zu allen ausbricht, fand Aristoteles absurd. Die Staatskunst kann nicht die Menschen machen, sondern sie empfängt sie als Stoff von der Natur. Was Aristoteles an Platons Konzept besonders missfiel, war der Kommunismus. Um das Eigene kümmern sich die Menschen am meisten, doch gemeinsames Eigentum löst das Verantwortungsgefühl auf und lässt Fleiß, Sparsamkeit und Vorsorge absterben. Auf der Suche nach der besten Staatsform hatte Aristoteles 158 Verfassungen analysiert. Er kam zu dem Ergebnis, dass eine Mischung aus aristokratischen und demokratischen Elementen wahrscheinlich die günstigste wäre. Die Bürger sollten die Staatsbeamten wählen und jeden am Schluss seiner Amtszeit zur Rechenschaft ziehen.

Unverantwortlich

Diese Forderung des Aristoteles, Staatsbeamte zur Rechenschaft zu ziehen, erscheint einfach und logisch, ist aber im Grunde utopisch, wie die heutigen Verhältnisse zeigen. Wenn Beamte zur Rechenschaft gezogen werden könnten, gäbe es ja keine machtgierigen, mediengeilen und ideologiebesessenen Staatsanwälte und keine engstirnigen machtbewussten Richter mehr, die keine Angst vor Fehlurteilen haben müssen, es kann ihnen ja nichts passieren. Dieses Prinzip der Unverantwortlichkeit verleitet zu Fehlhandlungen und gilt ebenso für Politiker, von denen auch noch nie einer für seine Fehler zur Verantwortung gezogen wurde. Es lässt sich allerdings auch in der Wirtschaft beobachten, wenn ein Manager gefeuert werden muss, weil er sonst das Unternehmen an die Wand fährt, dass er dann aber nicht in Haftung genommen wird, sondern stattdessen eine Abfindung erhält.

Poppers Platon-Schelte

Dann dauerte es 2000 Jahre, bis erneut massive Kritik an Platons Idealstaat geäußert wurde, diesmal von einem englischen Professor mit österreichischen Wurzeln, namens Sir Karl Raimund Popper. Für Popper war Platon ein falscher Prophet und Unheilstifter, weil er Wasser auf die Mühlen der totalitären Ideologien geliefert hatte. Popper, ein Wiener, der 1936 eine Professur in Neuseeland angenommen hatte, schrieb dort während des Zweiten Weltkrieges sein philosophisches Hauptwerk „Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Den ersten der beiden Bände nannte er „Der Zauber Platons“, aber das war die reine Ironie, denn Popper legte dar, wie verderblich der Einfluss Platons war. Was Popper besonders abstieß, war Platons Hass gegen das Individuum und seine Freiheit:. „… niemand, weder Mann noch Weib, soll jemals ohne Führer sein!“, hatte Platon geschrieben. Platons radikaler Kollektivismus sprach dem Gerechtigkeitsempfinden der Menschen Hohn. Popper hielt zwar Platon zugute, dass dessen totalitäre Gesinnung wohl nicht auf Ausbeutung der Menschen durch die Oberklasse gerichtet war, sondern auf die Stabilität des Staates zielte. Aber das machte die Theorie der Inquisition, die Platon entwickelt hatte, und mit der freies Denken und Kritik unterdrückt werden sollten, nicht besser. Platon mit seiner Staats-Utopie war für Popper der Propagandist eines antidemokratischen, totalitären und rassistischen Führerstaates.

Fazit

Der Erste, der seine Vorstellungen aufzeichnete, wie die Menschen in einem idealen Gemeinwesen zusammen leben sollen, war Platon. In seiner Staats-Utopie gab es eine herrschende Klasse, die im Kommunismus zusammen lebte, ihre Kinder vom Staat erziehen ließ und ihren Nachwuchs streng selektierte. Das restliche Volk durfte nach eigenem Gusto leben, hatte aber in der Politik nichts zu sagen. Platons Ideal-Staat stieß sogleich auf Widerspruch und zwar bei seinem Meisterschüler Aristoteles, der ihn für eine Utopie hielt. Aristoteles fand, man kann die Menschen nicht umformen, sondern muss sie nehmen, wie sie sind und dementsprechend muss auch der Staat gestaltet werden. 2000 Jahre später stieß Platons Staatsutopie noch einmal auf leidenschaftliche Kritik durch Karl Popper, der Platon heftig beschimpfte, weil er in ihm den Vordenker zum Totalitarismus sah.

Was wurde wahr?

Der ideale Staat, wie ihn sich Platon vorgestellt hatte, wurde bis jetzt nicht realisiert. Es gab immer wieder einmal Ansätze, die seinen Vorstellungen recht nahe kamen. Zum Beispiel die Jahrhunderte währende hierarchische Organisation der katholischen Kirche. Vor allem aber, und da hatte Karl Popper Recht, die totalitären Systeme, des zwanzigsten Jahrhunderts, die auf dem Boden des Faschismus, des Marxismus und des Nationalsozialismus wuchsen, unvorstellbares Unheil anrichteten und wieder zugrunde gingen. Am stärksten wirkte bis heute nach die Antinomie, die in den unterschiedlichen Denkrichtungen von Platon und Aristoteles zum Ausdruck kommt. Platons schwärmerische, idealistische Vorstellungen fanden ihren Niederschlag bei Denkern wie Rousseau und Marx, ebenso wie im Sozialismus, und sie haben bei den Ideologien des 20. Jahrhunderts Pate gestanden. Europa war dafür besonders aufgeschlossen. Aristoteles’ realistische, nüchterne Denkweise hingegen fand ihr Echo besonders in der angelsächsischen Welt, ebenso wie im Liberalismus und im Konservatismus. Platons Ideen wirkten über die Zeiten hin immer wieder wie Sprengstoff, mit dem gezündelt wurde.

Die Insel Utopia

Wenn wir Platons illusionäre Wunschvorstellung als Utopie bezeichnet haben, so war das eigentlich nicht ganz korrekt. Die Bezeichnung „Utopie“ kam nämlich erst später auf. Sie geht auf ein Buch zurück, das 1516 erschien und den schönen Titel trug „Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia“. Das griechische Wort „ou topos“ kann man mit „Nicht-Ort“ oder „Nirgendwo“ übersetzen. Deshalb hatte der Autor seine Trauminsel „Utopia“ genannt. Und seither steht das Wort Utopie vor allem für einen Wunschtraum.

Morus (1478–1535)

Der Autor hieß Sir Thomas More, war in London ein bekannter Rechtsanwalt und Parlamentarier und brachte es schließlich bis zum Lordkanzler König Heinrichs VIII. Er galt auch als ein herausragender Vertreter des Humanismus und war mit Erasmus von Rotterdam befreundet. Als Philosoph war er unter der lateinischen Form seines Namens, Thomas Morus, bekannt. Er war ein aufrechter, prinzipientreuer Mann und deshalb konnte es nicht ausbleiben, dass er mit seinem Dienstherrn Heinrich VIII. in Konflikt geriet, als dieser sich scheiden ließ und sich schließlich zum Oberhaupt der Kirche in England erklärte. Der König löste den Konflikt auf ebenso einfache wie brutale Weise, er ließ Thomas Morus enthaupten.

Der gerechte Staat

Unter solchen Verhältnissen nimmt es nicht Wunder, dass Thomas Morus als Staatsmann auch darüber nachgedacht hatte, wie ein gerechter Staat aussehen sollte. Er kannte natürlich Platons „Politeia“, hatte sich aber auch seine eigenen Gedanken gemacht. In seinem Buch „Utopia“ diskutierte er im ersten Teil über Missstände in der Gesellschaft und über Platons idealen Staat. Im zweiten Teil ließ er den fiktiven Weltreisenden Raphael Hythlodeus (ein Name, den man mit „Possenreißer“ übersetzen kann) über die Insel Utopia und ihr Staatswesen berichten. Morus, ein ernsthafter. Respekt gebietender und unheimlich arbeitsamer Mann, wurde doch auch ein Quantum Humor zugeschrieben. Und so waren sich die nachfolgenden Kommentatoren seines Werkes nicht ganz einig, ob er alles ernst gemeint hatte. War die Insel Utopia der Entwurf eines gerechten Staatswesens oder ein satirisches Spiegelbild der englischen Gesellschaft?

Unterschiede zu Platon

Morus’ Utopia unterschied sich in einigen wesentlichen Punkten von Platons idealem Staat. Die Familie, die Platon hatte zerstören wollen, spielte bei Morus weiterhin eine tragende Rolle und Monogamie und Ehe waren bei ihm auch noch nicht abgeschafft. Morus war ja schließlich Familienvater, hatte drei Töchter und einen Sohn. Bei Morus war auch der Staatsaufbau gegliedert, womit er den Vorstellungen des Aristoteles folgte. In einer anderen Hinsicht aber unterlag Morus dem Zauber Platons. Er plädierte auch für eine Art Kommunismus. Der Boden und die Güter sollten allen Menschen gemeinsam gehören und gleichmäßig verteilt, das Privateigentum sollte abgeschafft werden und alle sollten gleich sein. Sogar das Geld sollte abgeschafft werden. Er erhoffte sich davon, dass es dann keinen Streit mehr unter den Menschen geben würde und Rechtsanwälte überflüssig wären. Aber in dieser Hinsicht erwies sich Morus als schlechter Psychologe. Hätte er einmal mitgemacht, wie im Sozialismus alle Menschen gleich arm waren und trotzdem noch Neid und Missgunst unter ihnen nicht erstorben war, hätte er wohl anders gedacht. Oder hätte er die sozialistischen Funktionäre gekannt, denen es gelang, in einer Gesellschaft der Gleichen immer noch ein Stück gleicher zu sein, dann hätte er sich Utopia vielleicht etwas anders vorgestellt.

Totale Planwirtschaft

Das gesellschaftliche Leben auf der Insel Utopia war im Übrigen die kompletteste Planwirtschaft, die man sich denken kann. Alles war bis ins Detail geplant, die Erzeugung der Güter ebenso wie der gemeinsame Arbeitseinsatz zum Ackerbau und der Ablauf des Familienlebens, vom Frühstück bis zum Nachtmahl. Insofern war Morus in seinen Vorstellungen konsequent, logischerweise hätte ein Gemeinwesen ohne Geld anders auch gar nicht funktionieren können. Selbst die Familienplanung war eingeschlossen, die Zahl der Familienangehörigen war genau festgelegt. Die Arbeitsleistung sollte für alle möglichst niedrig sein und war ebenso genau geplant. Bei diesen Planungsexzessen kann man sich allerdings nicht vorstellen, dass Morus ernsthaft glaubte, dass das funktionieren könnte und die Menschen sich dabei wohlfühlen würden. Es war wohl doch eher eine Parodie auf die englische Gesellschaft, die Morus hier zum Besten gab.

Gleichheit und Kommunismus

Morus hatte mit seinem Utopia-Staatswesen die Radikalität von Platons Idealstaat schon erheblich abgemildert. Aber wesentliche Elemente, die sich später noch als Sprengsätze erweisen sollten, hatte er übernommen: Vor allem die Abschaffung des Privateigentums und eine ziemlich blinde Gleichheits-Ideologie. Die Wirkung seiner Zukunftsvorstellungen blieb begrenzt, sollte aber später in anderer Gestalt wieder aufblühen.

Weitere Utopien

Der Gedanke, den Platon in die Welt gesetzt und Morus weiter verfolgt hatte, blieb lebendig. Auch weiterhin versuchten Philosophen die ideale Staatsform zu beschreiben oder ihre Wunschvorstellungen darzulegen. Einige von ihnen sind bis heute im Gedächtnis geblieben. Rund hundert Jahre nach Morus beschrieb der italienische Philosoph Tommaso Campanella (1598–1639) seine Utopie vom idealen Gemeinwesen unter dem Titel „Der Sonnenstaat“. Von Platon hatte er übernommen, dass die Wissenden, die Gelehrten, die Herrschenden sein sollten und ebenso sollte auf Privateigentum verzichtet werden. Die Arbeit sollte auf alle verteilt und so eingeteilt werden, dass jeder nur vier Stunden schaffen musste, der Rest war Freizeit. Campanella, ein Dominikaner, fand damit nicht allzu viel Beachtung, zumal er immer wieder in die Fänge der Inquisition geriet und Verfolgung und Folter ertragen musste. Mehr Aufsehen erregte rund zweihundert Jahre später der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762–1814), den seine Laufbahn vom armen Hauslehrer bis zum Rektor der Berliner Universität gebracht hatte und der durch seine „Reden an die deutsche Nation“ berühmt wurde. In seiner Schrift „Der geschlossene Handelsstaat“ entwarf Fichte die Utopie eines sozialistischen Zentralstaates, der seinen Bürgern nicht nur gleiche Rechte garantierte, sondern auch gleiche Glückserwartungen erfüllen sollte. Eine strikte Planwirtschaft sollte die Produktion und die Verteilung des Sozialproduktes lenken. Eigentum sollte es nur beschränkt geben, der Boden gehörte allen. Zu diesen Utopisten gehörten auch einige der sogenannten „Frühsozialisten“, Vorläufer von Marx, die auch dessen Denken beeinflusst hatten, so etwa Charles Fourier (1772–1837) und Ètienne Cabet (1788–1856). Aber keine dieser Utopien erreichte die Wirkungsmacht, die später der Marxismus ausübte.

Fazit

Von Platons Idealvorstellungen angetan war auch der Engländer Thomas Morus, der seinen Staats-Entwurf auf der Insel „Utopia“ ansiedelte und damit solchen Idealgebilden ihren Namen gab. Morus war in seinen Überlegungen nicht ganz so radikal wie Platon. Er mischte auch etwas von Aristoteles’ Vorstellungen bei, indem er zum Beispiel die Familie als Institution beibehielt, die bei Platon im Orkus verschwunden war.

Was wurde wahr?

Bei Morus wurde nie ganz klar, ob er überhaupt an eine Realisierung seiner Idealvorstellungen gedacht hatte, oder ob seine Insel Utopia nicht einfach eine Parodie auf seine Zeit und seine Zeitgenossen war. Schließlich war Morus ein Jurist und als Lordkanzler Heinrichs VIII. auch ein versierter Politiker, der am Ende seine moralische Standfestigkeit und seine Prinzipientreue mit dem Tod auf dem Schafott bezahlen musste.

Die Vision vom Weltgeist

Leibniz (1646–1716)

Zunächst aber meldete sich Leibniz zu Wort. Gottfried Wilhelm Leibniz war ein Universalgelehrter, einer der Letzten seiner Spezies und außerdem eine weltmännisch-glanzvolle Erscheinung. Er war ein genialer Mathematiker, er entwickelte das binäre Zahlensystem, mit dem heute die Computer arbeiten, erfand die Infinitesimalrechnung und außerdem eine Rechenmaschine. Er pflegte Umgang mit den großen Philosophen seiner Zeit, wie Spinoza. Leibniz entwarf ein umfassendes Weltbild, von den kleinsten Teilen, die er Monaden nannte, bis zum Universum. Die Monaden folgten einer von Gott im Voraus angelegten „prästabilierten“ Harmonie.

Theodizee

An dieser von Gott geschaffenen Harmonie zweifelte Leibniz auch nicht, obwohl ihm natürlich klar war, wie viel Böses und Übles in der Welt existiert. Er schrieb darüber eine Abhandlung mit dem Titel „Essais de Théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal“ und hatte damit den Begriff der „Theodizee“ (der „Rechtfertigung“ Gottes) in der Bibelkunde erfunden. Leibniz kam zu dem Schluss, dass Gott die „beste aller möglichen Welten“ erschaffen habe. Denn gäbe es noch eine bessere Welt, hätte Gott sie entweder nicht gekannt, dann wäre er nicht allwissend, oder er hätte nicht vermocht, sie zu erschaffen, dann wäre er nicht allmächtig. Da Gott die Welt erschaffen hat, muss sie auch endlich sein, und da sie geschaffen und endlich ist, muss sie auch unvollkommen sein, sonst wäre sie ja Gott gleich. Geschaffene Wesen in ihrer Unvollkommenheit müssen notwendig auch fehlen und sündigen, zumal ihnen Gott die Gabe der Freiheit verliehen hat. In dieser Welt überwiegt das Gute bei weitem das Böse und das Böse darin ist kein Beweis gegen Gottes Güte. So kam Leibniz zu dem Ergebnis, dass alles so wie es war, eigentlich gar nicht anders sein konnte. Wir leben in der besten aller Welten.

Candide

Über diese These von Leibniz regte sich einer seiner Zeitgenossen schrecklich auf, und da er von Natur aus ein Spötter war, schrieb er darüber einen satirischen Roman mit dem schönen Titel „Candide oder der Optimismus“. Es war eine tolle Geschichte, in der der Held Candide, illegitimer Spross eines Barons, sich in eine Prinzessin verliebte, daraufhin aus dem Haus gejagt wurde, auf Reisen ging und schreckliche Abenteuer erlebte. Von dem Optimismus, mit dem er gestartet war, und seinen Illusionen über die Schönheit der Welt blieb am Ende nicht mehr viel übrig. Der Mensch war dem Schicksal hilflos ausgeliefert und das Beste, was er am Ende tun konnte, war vors Haus gehen und seinen Garten bestellen.

Voltaire (1694–1778)

Der Autor dieser verrückten Geschichte war ein Franzose, der auf seine Weise als Geschichtsschreiber, Literat und Philosoph ebenfalls eine Art Universalgenie war und in seiner Epoche prägend wirkte. Er hieß Francois-Marie Arouet, nannte sich aber einfach Voltaire. Er war ein Schöngeist und glänzender Gesellschafter, erfolgreicher Dramatiker und Romanautor, aber auch ein scharfsinniger Philosoph, der die Aufklärung in Frankreich entscheidend voranbrachte.

Rousseau (1712–1778)

Ein anderer Zeitgenosse, mit dem Voltaire wegen seiner Weltsicht im Clinch lag, war der um 20 Jahre jüngere Jean-Jacques Rousseau. Mit Rousseau, Sohn eines Genfer Uhrmachers, der viel herumgekommen war und viel von sich reden machte, hatte es folgende Bewandtnis: Er hatte bei einem Preisausschreiben den ersten Preis gewonnen mit seiner These, dass der Fortschritt von Wissenschaft und Kunst zum Verfall von Sitte und Moral geführt habe. Deshalb sollte die Devise gelten: „Zurück zur Natur!“ Rousseau war der Meinung, „der Mensch ist von Natur aus gut, es ist die Gesellschaft, die ihn verdirbt“. Dementsprechend müsse auch die Erziehung reformiert werden, wie er in seinem Bestseller „Emil oder über die Erziehung“ ausführte. Dass ausgerechnet ein Mann, der seine fünf unehelichen Kinder im Findelhaus abgegeben hatte (Kitas gab es damals noch nicht), zum Erziehungsapostel wurde, mutete schon etwas ungewöhnlich an, aber darüber sahen die Zeitgenossen hinweg. Die meisten schwärmten vielmehr für seine gefühlvollen Thesen, die an Gemüt und Empfindsamkeit appellierten.

Noch ein Preisausschreiben

Nicht weniger Erfolg hatte Rousseau mit seinen politischen Parolen. Ihr Ursprung lag in einem zweiten Preisausschreiben, an dem sich Rousseau beteiligt hatte und das er wiederum gewann. Diesmal ging es um die Frage, welche Ursache die Ungleichheit der Menschen habe und ob sie in der Natur begründet sei. Rousseau hatte wieder auf Widerspruch gesetzt und erklärte, dass die Geschichte ein ständiger Verfallsprozess sei, der vom einzig menschenwürdigen Naturzustand weg immer tiefer ins Elend führe. Der eigentliche Sündenfall sei die Einführung des Privateigentums gewesen: „Der erste, der ein Stück Land einzäunte und sich vermaß zu sagen: das gehört mir, und Leute fand, die einfältig genug waren, es zu glauben, war der eigentliche Gründer der bürgerlichen Gesellschaft.“ Das Eigentum vernichte die Freiheit, meinte Rousseau, es habe das urkommunistische Paradies der „edlen Wilden“ zerstört und zu Unfreiheit, Ungleichheit, Neid und Missgunst geführt.

Contrat social

Damit war Rousseau vollends bei der Politik gelandet und er machte sich daran aufzuschreiben, wie nach seiner Meinung der beste Staat aussehen sollte. Er hatte ein großes Vorbild vor Augen, denn er schwärmte für Platon und dessen Schrift „Politeia“, die er außerdem für das beste Erziehungsbuch hielt. Auch bei dem englischen Staatsphilosophen John Locke hatte Rousseau nachgelesen, war aber zu gegenteiligen Schlüssen gekommen. Was ihm jedoch gefiel, war Lockes Vertragstheorie und in Anlehnung daran nannte er sein Buch „Le Contrat social“ (Genau: „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des politischen Rechtes“ – erschienen 1762). Das Buch hebt an mit dem berühmten Satz „Der Mensch wird frei geboren, und dennoch liegt er in Ketten.“

Freiheit und Gleichheit

Rousseaus Ziel ist angeblich die Freiheit, doch in Wirklichkeit strebt er Gleichheit an, auch wenn das auf Kosten der Freiheit geht. Weil „die Kraft der Dinge“ stets dazu neigt, die Gleichheit zu zerstören, muss die Gesetzgebung zugunsten der Gleichheit dagegen halten, meint Rousseau. Bei Locke wurde die individuelle Freiheit durch das Eigentum garantiert. Das kam für Rousseau nicht in Frage, deshalb erfand er den „Gemeinwillen“, den „volonté générale“, das war für ihn eine Art objektives Gesamtinteresse und nicht etwa nur der Mehrheitswille. Der Gemeinwille ist der höchste Souverän im Staat. Die Regierung handelt im Auftrag dieser Volkssouveränität. Der Einzelne gibt seine natürliche Freiheit freiwillig auf zugunsten des Gemeinwillens und gewinnt durch diese Teilhabe am Gemeinwillen eine Art höherer Freiheit, wie Rousseau meinte. In Wirklichkeit aber war die Freiheit des Individuums damit verloren gegangen. Wer sich weigert, diesem Kollektivwillen zu gehorchen, muss durch den Staat zum Gehorsam gezwungen werden, was für Rousseau nichts anderes bedeutete, „als dass er gezwungen wird, frei zu sein.“ An die Stelle des alten Tyrannen, des absoluten Monarchen, setzte Rousseau damit einen neuen, die unfehlbare Volkssouveränität, in deren Namen man die Leute auch köpfen konnte, wie sich bald zeigen sollte.

Der Schlachtruf

Mit seinen politischen Parolen war Rousseau zum „Herold“ der französischen Revolution geworden, die 1789 ausbrach. Kurz vor seinem Tod hatte ihn noch ein glühender junger Verehrer besucht, ein Jurastudent namens Maximilien de Robespierre. Unter Robespierre, der zum Anführer der Revolution aufstieg, wurde Rousseaus „Contrat Social“ zur Bibel der Jakobiner und sein Pathos fand sich wieder im Schlachtruf der Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“. Dieser Schlachtruf sollte sich zwar als langlebig erweisen, trug aber einen gefährlichen Widerspruch in sich, der bis heute für Spannungen sorgt: Je mehr Gleichheit, desto weniger Freiheit und umgekehrt. Auch der Aufstand von 1789 führte bekanntlich nicht zu dem gewünschten Ergebnis, denn „die Revolution fraß ihre Kinder“ und nachdem er unzählige Leute hatte köpfen lassen, landete Robespierre schließlich selbst unter der Guillotine. Immerhin, was blieb, war nicht zuletzt die Erklärung der Menschenrechte.

Voltaire gegen Rousseau

Als die Revolution ausbrach, die ihm eine späte Genugtuung gebracht hätte, war Rousseau schon über ein Jahrzehnt tot. Allerdings hatte er auch zu seinen Lebzeiten schon viel schwärmerische Verehrung erfahren. Gleichwohl lag ihm sehr daran, vor allem von den geistigen Autoritäten seiner Zeit anerkannt zu werden. Eine solche Autorität war Voltaire. Rousseau schickte ihm seine Abhandlung über die Ungleichheit und hoffte auf Anerkennung. Voltaire bedankte sich und schrieb ihm zurück: „Ich habe, mein Herr, Ihr neues Buch gegen die menschliche Gattung erhalten … Niemand hat es mit mehr Geist unternommen, uns zu Tieren zu machen, als Sie. Das Lesen Ihres Buches erweckt in einem das Bedürfnis, auf allen Vieren herumzulaufen.“

Eine Illusion

Dass sich die Zustände in seinem Sinne ändern könnten, hatte genau genommen schon Rousseau selbst für eine Illusion gehalten. Und dennoch haben seine hochfliegenden, zum Teil phantastischen Vorstellungen in der Zukunft mehr bewirkt als er sich zu seiner Zeit träumen ließ.

Kant (1724–1804)

Voltaire hielt also nichts von Rousseau. Aber ein anderer berühmter Philosoph war durchaus von ihm angetan. Vor allem von seinem Buch über die Erziehung. Es war Immanuel Kant, der über der Lektüre von Emil sogar seinen Abendspaziergang versäumt haben soll, was einen beachtlichen Einbruch in die Königsberger Weltordnung bedeutete. Sogar Rousseaus Bild hatte er in seiner Studierstube aufgehängt. In Kants eigenem Werk spielten die Gedanken Rousseaus höchstens eine anregende Rolle. Kant war der große Philosoph der Vernunft und der Pflicht, und Berührungspunkte mit Rousseau ergaben sich nur insofern, als beide Wegbereiter der Aufklärung waren. Mit Kant erreichte die Aufklärung gewissermaßen ihren Höhepunkt, der sich in seinem berühmten Diktum manifestierte: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Vision vom Weltfrieden

Kant war jedoch auf seine Weise auch ein Visionär. Er entwarf ebenfalls das Konzept eines idealen Staates, von dem er annahm, dass, wenn es allgemein befolgt würde, damit der Weltfrieden gesichert wäre. Er nannte seine Abhandlung „Zum ewigen Frieden“ und verwies vorsichtshalber gleich selbst auf die satirische Komponente dieses Titels, der auch schon einmal für eine Friedhofs-Gaststätte verwendet wurde. Systematisch, wie in seiner Vernunft-Kritik und wie in einem Friedensvertrag, reihte Kant die nach seiner Meinung erforderlichen Bedingungen auf. Als „Präliminarartikel“ nannte er: es durften keine geheimen Vorbehalte für einen künftigen Krieg gemacht werden, kein Staat durfte von einem anderen erworben werden, stehende Heere waren verboten, ebenso wie gegenseitige Einmischung. Diesen Verbotsartikeln folgten eine Reihe von „Definitivartikeln“: Jeder Staat sollte eine republikanische Verfassung haben, das Völkerrecht sollte auf eine Föderation freier Staaten gegründet sein und ein Weltbürgerrecht sollte garantieren, dass man auf ausländischem Boden nicht feindselig empfangen wird.

Republik statt Demokratie

Besonderen Wert legte Kant auf die Staatsform der Republik. Mit diesem Begriff verband er die Vorstellung einer repräsentativen Volksvertretung, im Gegensatz zur Demokratie, bei der das Volk direkt abstimmt und auf diese Weise der Gesetzgeber zugleich Vollstrecker seines Willens ist, und im Grunde wie ein Despot wirkt. Was die Philosophen anbelangt, die bei Platon die Könige sein sollten, so meinte Kant, dass sie von den Regierenden zwar gehört werden aber nicht selbst herrschen sollten. Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ war auf Anhieb ein Bestseller. Er sorgte auch selbst mit seinem Verleger dafür, dass sie alsbald ins Französische übersetzt wurde und auch in Frankreich fand sie rasch interessierte Leser.

Völkerbund

Das Problem bei alledem war, dass jeder Staat dem Konzept zustimmen musste. Deshalb erfand Kant den Völkerbund. In dieser Vereinigung sollten sich alle Staaten zusammenfinden, über die gemeinsamen Regeln beschließen und über ihre Einhaltung wachen. Kants Völkerbunds-Idee war eine neue Dimension in der Staatsphilosophie. Sie schlummerte allerdings zunächst in der philosophischen Literatur vor sich hin. Praktisch aufgegriffen hat sie erst der amerikanische Präsident Woodrow Wilson. Mit einem Völkerbunds-Konzept im Gepäck reiste Wilson 1919 zu den Friedensverhandlungen nach Versailles. Er sah sich in der Rolle des Friedensbringers für die Welt, wurde aber am Ende zur tragischen Figur. Es gelang ihm nicht, sich gegen die hasserfüllten Vorstellungen des französischen Ministerpräsidenten Clemenceau durchzusetzen und am Ende stimmte er Friedensbedingungen zu, die den Keim des nächsten Krieges bereits in sich trugen. Immerhin gelang es ihm, sein Völkerbunds-Konzept durchzusetzen, die Völkerbunds-Satzung wurde zum Bestandteil des Versailler Vertrages und der Völkerbund trat 1920 in Genf zu seiner ersten Sitzung zusammen. Allerdings ohne die USA, denn der US-Senat hatte die Ratifizierung des Vertrages abgelehnt.

Utopische Vision?

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die USA klüger und ließen ein Versailles nicht mehr zu. Stattdessen gab es einen Marshallplan, und 1949 wurden die Vereinten Nationen gegründet. Die „United Nations“ (UN) sind sicher ein großer Fortschritt, wenn sie auch noch weit von dem entfernt sind, was Kant sich vorstellte. Kant war kein Utopist und hielt seine Vorstellung vom ewigen Frieden selbst einstweilen für „eine unausführbare Idee“, der man sich allerdings in ständigem Bemühen weiter annähern sollte. Andere Zeitgenossen sprachen von Träumerei oder einer utopischen Vision.

Revolution und Demokratie

Zwei Ereignisse hatten zu Kants Zeiten die Welt bewegt und veränderten die Zukunft. Das eine war die Französische Revolution von 1789, das andere die amerikanische Revolution und die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 1787. Kant hatte an beiden lebhaften Anteil genommen. Er hatte schon für Rousseau geschwärmt und verfolgte auch die Französische Revolution mit großer Sympathie, bis sich dann die Folgen der Schreckensherrschaft in Paris zeigten, die er verabscheute. Noch eindrucksvoller fand er die Gründung der Vereinigten Staaten und er nannte die USA „das einzige wahre Land der Freiheit“, dessen Menschen frei seien „von den Ränken und Lastern Europas“.

Freiheit und Gleichheit

Diese Ereignisse hatten aber auch Spannungen ausgelöst, die bis zum heutigen Tag anhalten. Es gab den Widerspruch zwischen Gleichheit und Freiheit, und das Problem, ob und wie er in einer Demokratie aufgelöst werden könnte. Dieses Problem aufgespürt und beschrieben hat ein junger Franzose namens Alexis de Tocqueville.

Tocqueville (1805–1859)

Tocqueville, Jurist und als Richter tätig, war mit den krisenhaften Zuständen in Frankreich, wie sie sich nach dem Sturz Napoleons ergeben hatten, unzufrieden. Er wollte herausfinden, warum die Amerikaner mit ihrer jungen Demokratie besser zurecht kamen und ob man daraus vielleicht für Frankreich etwas lernen könnte. Da traf es sich gut, dass er von der Regierung den Auftrag erhielt, in Amerika die Reform des Gefängniswesens zu untersuchen und darüber zu berichten. 1832 kehrte er von seiner Amerikareise, die er zusammen mit einem Kollegen unternommen hatte, zurück und lieferte seinen Bericht über das Gefängniswesen ab. Viel mehr als die Justizverwaltung hatte ihn aber der Zustand der amerikanischen Demokratie interessiert und auch darüber wollte er berichten. Deshalb legte er sein Richteramt nieder und nahm sich drei Jahre Zeit. Dann legte er ein Buch vor mit dem Titel „De la Démocratie en Amérique“ („Über die Demokratie in Amerika“, 1835), das großes Aufsehen erregte und noch heute gelesen wird. Tocqueville war damit zugleich zum Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft geworden.

Die Demokratie in Amerika

Tocqueville stellte fest, die Amerikaner hatten in ihrer repräsentativen Demokratie das Problem gelöst, einen Ausgleich zwischen individueller Freiheit und staatsbürgerlicher Gleichheit zu finden. Das war ihnen gelungen, weil die einzelnen Bürger zwar ihre Interessen verfolgten, zugleich aber es als ihre Pflicht erachteten, sich aktiv am Gemeinwesen zu beteiligen. Das galt von der Nachbarschaft über die Gemeinde bis zum Staat. Die Amerikaner waren gewohnt, soweit als möglich, ihre Sachen selbst zu regeln, statt nur auf den Staat zu vertrauen und besonders ihr politisches Handeln im lokalen Bereich machte sie zu verantwortungsbewussten, freien Bürgern. Eine Rolle spielte dabei auch die Religion, die in vielfältigen, aber einfachen Formen praktiziert wurde und deren moralische Standards beachtet wurden.

Tocquevilles Vision

Tocqueville liebte die Freiheit über alles, deshalb stand er der Demokratie misstrauisch gegenüber. Er befürchtete, dass mit der Ausbreitung der Demokratie die Gleichheit auf Kosten der Freiheit zunimmt. Er warnte immer wieder vor der „Tyrannei der Mehrheit“ und er fürchtete eine neue Art von Unfreiheit, die dadurch entsteht, dass sich die Bürger freiwillig einer Entmündigung durch den Staat und der damit verbundenen „Verwaltungsdespotie“ unterwerfen. Er kam zu dem Schluss, dass dennoch auf die Dauer kein Weg an der Demokratie vorbei führt. Tocqueville prophezeite, dass sich auf lange Sicht die Demokratie in allen Staaten durchsetzen werde. „Eine große demokratische Revolution breitet sich über die Welt aus und ergreift mit unwiderstehlicher Gewalt die Nationen“, meinte er. Und sein Buch schloss er mit dem Satz: „Die Nationen unserer Tage vermögen an der Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen nichts mehr zu ändern; aber es hängt nun von ihnen ab, ob die Gleichheit sie zur Knechtschaft oder zur Freiheit führt, zu Bildung oder Barbarei, zu Wohlstand oder Elend.“

Mill (1806–1873)

Ein Jahr, nach dem sein Buch erschienen war, unternahm Tocqueville eine Reise nach England. Dabei besuchte er auch einen bekannten Philosophen, der im gleichen Alter wie er war und mit dem er sich auf Anhieb gut verstand. Die beiden wurden Freunde und blieben es bis an ihr Lebensende. Der Engländer hieß John Stuart Mill, war als hochbegabtes Kind aufgewachsen und trat in die Dienste der ostindischen Kompanie, bei der auch sein Vater beschäftigt war. Als Philosoph begründete er den englischen Positivismus, und, ähnlich wie Tocqueville, beschäftigte auch ihn die Frage eines Ausgleichs zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft. Mill fand ihn auf der Basis des Utilitarismus (Nützlichkeitsdenken), wie ihn sein Landsmann Jeremy Bentham vertreten hatte. Wie Tocqueville liebte auch Mill die Freiheit über alles. In seiner Abhandlung „On Liberty“ („Über die Freiheit“, 1859) formulierte er ein „Freiheitsprinzip“, um die individuelle Freiheit zu schützen: Niemandes Freiheit darf eingeschränkt werden, es sei denn, dass seine Handlungen die Interessen anderer schädigen. Mill wurde so zu einem Theoretiker des Liberalismus und es lag nahe, dass er sich auch mit der Wirtschaftswissenschaft befasste. In seinen „Principles of political Economy“ („Grundsätze der politischen Ökonomie“, 1848) fasste er die Erkenntnisse der Volkswirtschaftslehre zusammen und gilt seither als Vollender der klassischen Schule der Nationalökonomie.

Eine liberale Utopie

Mill dachte auch seiner Zeit voraus und viele seiner Gedanken muten heute sehr modern an. Er sah eine Zeit kommen, in der das Wirtschaftswachstum zum Stillstand kommen wird, weil es auf die eisernen Zwänge begrenzter Ressourcen stößt und überdies steigende Soziallasten die Wachstumsmöglichkeiten einschränken. In einer solchen stagnierenden Gesellschaft, meinte Mill, werde sich dann auch die Rangordnung der gesellschaftlichen Werte verändern. Geistige und kulturelle Aspekte werden dann den Vorrang haben, ohne dass es trennende Klassengegensätze gibt. Diese Vorstellungen Mills wurden seine „liberale Utopie“ genannt.

Grenzen des Wachstums

Über die „Grenzen des Wachstums“ wird auch heute wieder diskutiert. „The limits of Growth“, lautete ein Bericht des „Club of Rome“, der 1972 erschien (herausgegeben von Denis Meadows) und großes Aufsehen erregte. Auch Meinhard Miegel hat sich 2010 in seinem Buch „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“ mit diesem Problem beschäftigt. Davon wird noch die Rede sein.

Hegel (1771–1831)

So wie Kant für Rousseau geschwärmt hatte, begeisterte sich auch ein anderer großer Philosoph in seinen jungen Jahren für Jean-Jacques Rousseau und seine Parolen. Der junge Stuttgarter Georg Wilhelm Friedrich Hegel war damals Student in Tübingen und gemeinsam mit seinen beiden Freunden aus dem Tübinger Stift, Friedrich Schelling und Friedrich Hölderlin, diskutierte er eifrig über die Französische Revolution. Der glänzendste Kopf unter den Dreien war Schelling, der auch am schnellsten Karriere machte. Er war bereits Professor in Jena, als Hegel und Hölderlin sich noch mühsam als Hauslehrer durchschlagen mussten. In seinen späteren Jahren holte Hegel allerdings mächtig auf. Am Ende seiner Karriere war er „der preußische Staatsphilosoph“ und der bedeutendste philosophische Kopf seiner Zeit.

Der Weltgeist zu Pferde

Lange bevor er als Nachfolger Fichtes dem Ruf auf den philosophischen Lehrstuhl der Universität Berlin folgte, hatte er bereits sein Hauptwerk, die „Phänomenologie des Geistes“ (das man übrigens zu Recht wegen seines dunklen, abstrakten Stils ein „Meisterwerk der Unverständlichkeit“ genannt hat) vollendet. Das war 1806, als Hegel außerordentlicher Professor in Jena war. Er hatte Mühe, sein Manuskript in Sicherheit zu bringen, denn um Jena herum tobte die Schlacht zwischen Franzosen und Preußen. Dabei hatte Hegel ein eindrucksvolles Erlebnis, über das er später berichtete. Er stand am Straßenrand, als der siegreiche Napoleon durch die Stadt ritt und Hegel lief es bei diesem Anblick kalt über den Rücken, so war er ergriffen durch den Gedanken: „Das ist der Weltgeist zu Pferde!“

Die Vision des Weltgeistes

Der Begriff des Weltgeistes (gleichzusetzen mit Wahrheit, Gott, Vernunft) war der Kern von Hegels Geschichtsphilosophie. Für Hegel war die Weltgeschichte nichts anderes, als der ständige Prozess, in dem der Weltgeist sich entfaltet und zu sich selber findet. Der einzelne kleine Mensch spielt dabei keine Rolle, so wenig wie die Großen ihrer Zeit, Völker und Epochen sind nur notwendige Durchgangsstationen im weltgeschichtlichen Prozess. Das Wirken des Weltgeistes prägte sich im Staat aus, der für Hegel den Willen Gottes verkörperte. Der Zweck des Staates liegt darin, die Vernunft zu verwirklichen, er ist deshalb „nicht um der Bürger willen da“, vielmehr sollen ihn die Bürger als ein „Irdisch-Göttliches“ verehren. Denn „alles, was der Mensch ist, verdankt er dem Staat“. Der Staat ist „der Geist, der sich im Prozess der Weltgeschichte seine Wirklichkeit gibt“.

Hegels Staatsverständnis

Hegels Staatsverständnis war so ziemlich das Gegenteil der Staatsauffassung von John Locke, die der amerikanischen und modernen liberalen Verfassungen zugrunde liegt. Locke war misstrauisch gegenüber dem Staat, dem er nur eine dienende Rolle zubilligte und dessen Macht man kontrollieren müsse. Für Hegel jedoch war der Staat an sich gut und die Bürger sollten vor allem Diener des Staates sein. Der Staat stand über dem Individuum. Ein gut Teil der Staatsgläubigkeit, die uns Deutschen zu eigen ist, ein Stück Untertanengeist und mangelnde Zivilcourage, dürften hier ihre Wurzeln haben.

Ein falscher Prophet?

Hegels Vorstellung vom Staat als einer Art Gottersatz, durch den alles geregelt wird, fand später leidenschaftlichen Widerspruch durch Karl R. Popper. Für Popper war Hegel ein „falscher Prophet“, ein „orakelnder Philosoph“, dessen Geschichtsbetrachtung (Popper nannte sie „Historizismus“) ein Aberglaube sei. Der Verlauf der Geschichte lasse sich nicht aufgrund allgemeiner Entwicklungsgesetze voraussagen. Popper hält nichts von den „Tiefschwätzern“, die über den Verlauf der Geschichte und den Weltgeist spekulieren, statt individuelle politische Verantwortung zu übernehmen. Damit eckte Popper allerdings seinerseits an und wurde von der „Frankfurter Schule“ als „Positivist“ heftig beschimpft. Adorno und Habermas entfachten 1961 den „Positivismusstreit“, der aber insofern im Sande verlief, als Popper sich nicht daran beteiligte, weil er das Ganze für einen „Eiertanz von grotesker Unwichtigkeit“ hielt.

Große Wirkung

Für einige seiner Zeitgenossen und spätere Epigonen war Hegels Bild vom Staat allerdings wie eine Offenbarung. Der Hegelsche Weltgeist befand sich zwar außerhalb von