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Eine geheime Elite wollte den Krieg Die weithin für richtig gehaltene Ansicht, das Deutsche Reich trage den überwiegenden Teil der Verantwortung für den Kriegsausbruch 1914, wird zunehmend infrage gestellt. Die beiden britischen Historiker Gerry Docherty und Jim Macgregor richten den Fokus auf einen einflussreichen Zirkel in Großbritannien, der lange vor Beginn des Ersten Weltkriegs die militärische Niederwerfung Deutschlands anstrebte: »Seit bald einem Jahrhundert wird erfolgreich vertuscht, wie alles begann und warum der Krieg unnötig und vorsätzlich über das Jahr 1915 hinaus verlängert wurde. Sorgfältig wurde die Geschichte verzerrt, um die Tatsache zu verschleiern, dass Großbritannien und nicht Deutschland für den Krieg verantwortlich war.« Verborgene Geschichte enthüllt, wer in Wahrheit für den Ersten Weltkrieg verantwortlich ist. Die Autoren belegen, dass die Berichterstattung über die Kriegsgründe vorsätzlich verfälscht wurde, um eine geheime Elite sehr wohlhabender und einflussreicher Männer in London zu schützen. Zehn Jahre lang arbeiteten sie auf die Vernichtung Deutschlands hin. Unser Bild von den damaligen Ereignissen wird von Unwahrheiten und Täuschungen geprägt, von einem ganzen Netz aus Lügen, das die Siegernationen 1919 in Versailles sorgfältig gestrickt haben und für dessen Fortbestand gefügige Historiker seitdem sorgen. Die offizielle Version der Kriegsgründe weist massive Fehler auf und wird verzerrt durch die Berge an Beweisen, die vernichtet wurden oder noch heute der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Darunter allein 375.000 Bände geheimer Kriegsunterlagen! Verborgene Geschichte ist eine faszinierende Herausforderung. Die Autoren bitten Sie nur um eines: Sehen Sie sich unvoreingenommen an, was sie an Fakten zusammengetragen haben … »Auf Anregung des entschiedenen Imperialisten Cecil Rhodes traten 1891 einflussreiche Briten und Amerikaner zu einer Geheimgesellschaft zusammen. Sie wollten die weltweite Dominanz der beiden angelsächsischen Mächte herbeiführen und dauerhaft sichern. Für dieses Ziel wirkten sie ganz im Verborgenen. Die wachsende wirtschaftliche Stärke des Deutschen Reiches sahen sie mit großem Unbehagen. Auf die britische Außenpolitik hatte dieser nicht sehr große Kreis erheblichen Einfluss, zumal nachdem sein führendes Mitglied Sir Edward Grey Ende 1905 britischer Außenminister geworden war. Gerry Docherty und Jim Macgregor weisen in ihrem auf einer breiten Quellenbasis beruhenden Buch überzeugend nach, dass der Anteil Großbritanniens am Ausbruch des Ersten Weltkriegs sehr viel größer war, als gemeinhin angenommen wird.« Prof. Dr. Hans Fenske
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Gewidmet den Opfern eines unsagbar Bösen
Danksagung
AN ALLERERSTER STELLE gilt unser Dank jenen Autoren und Historikern, die nach dem Ersten Weltkrieg die offizielle Geschichtsschreibung und die angeblichen Gründe für den Ausbruch des Kriegs anzweifelten. Auch wenn ihre entschlossene Bemühung, die offiziellen Berichte zu hinterfragen, vom Establishment größtenteils ignoriert wurde, haben sie eine klare Spur glaubwürdiger Beweise hinterlassen, die uns durch das Dickicht aus Halbwahrheiten und Lügen führt, die heute noch als historische Fakten präsentiert werden. Ohne ihre Bemühungen und ohne die wichtigen Enthüllungen von Professor Carroll Quigley wäre es uns niemals gelungen, das Netz aus Täuschungen zu zerreißen, hinter dem die wahren Gründe für den Krieg verborgen waren.
Unser besonderer Dank gilt all jenen, die uns im Laufe der Jahre bei unserer Forschungsarbeit unterstützt haben, die wertvolle Vorschläge beigesteuert und uns extrem nützliche Quellen erschlossen haben. Will Podmore hat unsere ersten Kapitel gelesen und hilfreich kommentiert. Günter Jaschke war uns in vielerlei Hinsicht von unschätzbarem Wert, nicht zuletzt dadurch, dass er politische und militärische Dokumente aus Österreich-Ungarn und Deutschland ins Englische übersetzt hat. Der amerikanische Fotojournalist Tom Cahill, ein dynamischer Aktivist der Bewegung Veterans Against War, hat uns laufend unterstützt, ebenso der irischstämmige US-Autor und Politologe Richard K. Moore. Wertvolle Hilfe lieferten auch Barbara Gunn in Irland, Dr. John OʼDowd in Glasgow und Brian Ovens.
Bedanken müssen wir uns ebenfalls bei den stets hilfreichen Bibliothekaren und Forschern der schottischen Nationalbibliothek in Edinburgh, sowohl in den öffentlichen Leseräumen als auch in der Abteilung für Sonderdokumente. Für seine Geduld bedanken wir uns beim Personal des Nationalarchivs in Kew und bei der Bodleian Library in Oxford, ganz besonders in der Abteilung für Sondersammlungen. Entschuldigen müssen wir uns bei allen in Oxford und Kew Gardens, die wir bedrängt und gelöchert haben, weil Dokumente, Schriftstücke und Unterlagen fehlten. Zu Recht wurden wir daran erinnert, dass die Bibliothekare und Archivare nur Zugang zu dem Material gewähren können, das das Außenministerium oder andere Behörden der Bücherei übergeben haben. Wenn etwas entfernt, zurückgezogen, gekürzt oder sonst wie zerstört wurde, geschah dies vor vielen Jahren durch diejenigen, die die Macht dazu hatten.
Die guten Ratschläge unseres Agenten David Fletcher und den Enthusiasmus unserer hervorragenden Lektorin Ailsa Bathgate wissen wir aufrichtig zu schätzen, auch wenn wir dies damals vielleicht nicht immer so zum Ausdruck gebracht haben. Danke auch an die anderen Mitglieder des wunderbaren Teams bei Mainstream um Graeme Blaikie, das uns mit bewundernswerter Geduld durch die fotografischen Inhalte geführt hat. Vor allem danken wir Bill Campbell, der sehr viel Begeisterung für das Projekt zeigte.
Und schließlich gebührt gewaltiger Dank Maureen, Joan und unseren Familien, die uns all die langen Jahre der Forschung und des Schreibens geduldig unterstützt haben. Wir haben oft gefehlt, aber sie waren stets für uns da.
– Juli 2013
Einleitung
DIE GESCHICHTE DES Ersten Weltkriegs ist eine vorsätzliche Lüge. Nicht die Opfer, nicht der Heldenmut, nicht die schreckliche Verschwendung von Menschenleben oder das folgende Leid. Nein, all das war sehr real. Doch seit bald einem Jahrhundert wird erfolgreich vertuscht, wie alles begann und warum der Krieg unnötig und vorsätzlich über das Jahr 1915 hinaus verlängert wurde. Sorgfältig wurde die Geschichte verzerrt, um die Tatsache zu verschleiern, dass Großbritannien und nicht Deutschland für den Krieg verantwortlich war. Wäre diese Wahrheit nach 1918 publik geworden, wären die Folgen für das britische Establishment vermutlich verheerend gewesen.
Doch so schoben nach Kriegsende Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten die komplette Kriegsschuld Deutschland zu. Um ein derartiges Urteil zu rechtfertigen, wurden Dokumente und Berichte vernichtet, unterschlagen oder gefälscht. 1919 verkündeten die Sieger in Versailles, dass Deutschland ganz allein für die globale Katastrophe verantwortlich sei. Deutschland habe den Krieg vorsätzlich geplant und alle Vorschläge für Versöhnung und eine friedliche Lösung zurückgewiesen. Vehement beteuerte Deutschland seine Unschuld. Für Berlin war der Krieg ein Verteidigungskrieg gegen die Aggressoren aus Russland und Frankreich gewesen.
Aber es sind die Sieger, die die Geschichtsbücher schreiben, und es war ihre Interpretation, die sofort in die offizielle Geschichtsschreibung einfloss. Es wurde Allgemeinlehre, dass es beim Ersten Weltkrieg um deutschen Militarismus ging, um deutsches Expansionsstreben, um das bombastische Wesen und die hochtrabenden Ziele des Kaisers und um den deutschen Einfall im unschuldigen, neutralen Belgien. Das System geheimer Allianzen, das Marinewettrüsten, der Wirtschaftsimperialismus und die Theorie von einem »unvermeidbaren Krieg« schwächten die Vorwürfe gegen Deutschland später ab, doch im Hintergrund hielt sich weiter die falsche Vorstellung, Deutschland allein habe den Krieg gewollt.
In den 1920er Jahren stellten sehr renommierte Geschichtsprofessoren aus den USA und Kanada wie Sidney B. Fay, Harry Elmer Barnes und John S. Ewart das Urteil von Versailles und die »Beweise«, aufgrund derer Deutschland die Kriegsschuld zugewiesen wurde, ernsthaft infrage. Sie revidierten die Versailler Ergebnisse und wurden daraufhin von Historikern attackiert, die auf der Lesart bestanden, Deutschland, und nur Deutschland, trage die Verantwortung.
Heute geben führende britische Kriegshistoriker weiterhin Deutschland die Schuld, allerdings räumen die meisten ein, dass auch »andere Faktoren« eine Rolle spielten. Professor Niall Ferguson schreibt über die Strategie des Kaisers für einen globalen Krieg. 1 Professor Hew Strachan vertritt die These, dass es bei dem Krieg darum ging, dass liberal gesinnte Länder ihre Freiheit (gegen die deutsche Aggression) verteidigten, 2 während Professor Norman Stone es als größten Fehler des 20. Jahrhunderts bezeichnete, dass Deutschland eine Marine aufbaute, die für einen Angriff auf Großbritannien geeignet war. 3 Ganz klar äußert sich Professor David Stevenson. Er schreibt: »Letztlich müssen wir in Berlin nach dem Schlüssel für die Zerstörung des Friedens suchen.« 4 Es war Deutschlands Schuld. Ende der Geschichte.
Mehrere aktuellere Untersuchungen zu den Ursachen des Krieges kommen zu abweichenden Einschätzungen. Christopher Clark beispielsweise schreibt in seinem Buch über die Ereignisse im Vorfeld des August 1914, eine ahnungslose Welt sei in diese Tragödie »geschlafwandelt«. 5 Wir decken auf, dass die ahnungslose Welt keineswegs schlafwandlerisch in diese Tragödie gestolpert ist – vielmehr haben Kriegstreiber in London die Welt mit einer geheimen Intrige in den Krieg gestoßen. In Verborgene Geschichte – Wie eine geheime Elite die Menschheit in den Ersten Weltkrieg stürzte widerlegen wir die These, dass Deutschland die Schuld trägt an diesem furchtbaren Verbrechen an der Menschheit. Wir zeigen, dass Belgien keineswegs das unschuldige und neutrale Land war, das vom deutschen Militarismus überrascht wurde. Wir belegen ganz deutlich, dass der deutsche Einmarsch in Belgien nicht ein Akt gedankenloser und wahlloser Aggression war, sondern dass Deutschland angesichts der unmittelbar bevorstehenden Vernichtung keine andere Wahl blieb. Der Schlieffen-Plan 6 war von Beginn an eine Verteidigungsstrategie und der letzte verzweifelte Weg, der Deutschland noch offenstand, wollte man sich nicht gleichzeitig von Osten und von Westen her überrennen lassen von den riesigen Heeren, die Russland und Frankreich an den deutschen Grenzen aufmarschieren ließen.
Dieses Buch belegt, dass skrupellose Männer, deren Wurzeln und Ursprünge in Großbritannien lagen, einen Krieg anstrebten, der Deutschland zu Boden werfen sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, manipulierten sie die Ereignisse. Gemeinhin gilt 1914 als Ausgangspunkt für die folgenden Katastrophen, aber die zentralen Entscheidungen, die zum Krieg führten, waren bereits viele Jahre zuvor getroffen worden.
1891 wurde in London ein Geheimbund gegründet, eine Organisation reicher und mächtiger Männer, die das Ziel anstrebte, langfristig die Weltherrschaft zu übernehmen. Diese Personen, wir nennen sie die »Geheime Elite«, heizten vorsätzlich den Burenkrieg von 1899 bis 1902 an, um sich die Kontrolle über die Goldminen von Transvaal zu sichern. Nach diesem Muster sollten sie später noch öfters vorgehen. Sie stellten ihren Ehrgeiz über die Menschheit, und die Folgen ihres Handelns wurden in der offiziellen Geschichtsschreibung minimiert, ignoriert oder dementiert. 20 000 Kinder starben in den britischen Konzentrationslagern in Südafrika, aber dieses Ausmaß an Brutalität wird unter den Teppich gekehrt. Eine ganze Generation starb in einem Weltkrieg, den diese Männer verursacht hatten, aber die furchtbaren Verluste wurden als »Opfer für Freiheit und Zivilisation« verherrlicht. Dieses Buch befasst sich damit, wie eine Bande internationaler Bankiers und Industrieller sowie deren politische Handlanger zunächst die Burenrepubliken und dann Deutschland zerstörten, dafür aber niemals zur Rechenschaft gezogen wurden.
Geschichtsfälschung? Ein Geheimbund, der die Weltherrschaft anstrebt? Großbritannien schuld am Ersten Weltkrieg? 20 000 tote Kinder in britischen KZs? Londoner Intriganten, die auf die Zerstörung Deutschlands hinarbeiten? Man könnte meinen, dass es sich hier um hanebüchene Verschwörungstheorien handelt, aber wer das glaubt, sollte sich unter anderem die Arbeiten von Carroll Quigley ansehen, einem der renommiertesten Historiker des 20. Jahrhunderts.
Entscheidend beigetragen zu unserem Verständnis der modernen Geschichte hat Professor Quigley mit seinen Büchern The Anglo-American Establishment (nicht auf Deutsch erschienen) und Katastrophe und Hoffnung (Perseus, 2006). Das erste Werk wurde 1949 geschrieben, aber erst 1981 nach Quigleys Tod veröffentlicht – zu groß wäre zu Lebzeiten die Gefahr gewesen, dass sich das Establishment für die Enthüllungen rächt. 1974 warnte Quigley in einem Radiointerview seinen Fragesteller, Rudy Maxa von der Washington Post: »Sie sollten sich besser zurückhalten. Sie müssen meine Zukunft ebenso wie Ihre schützen.« 7
The Anglo-American Establishment enthüllt anhand explosiver Einzelheiten, wie sich in Großbritannien und den USA eine Geheimgesellschaft aus internationalen Finanziers und anderen einflussreichen, nicht gewählten Männern an den Schalthebeln der Macht und der Kapitalströme breitgemacht hat, und zwar bereits über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg. Quigleys Beweise gelten als höchst glaubwürdig. Er bewegte sich in den allerhöchsten Kreisen, hielt Vorlesungen an den besten Universitäten der USA, unter anderem in Harvard, Princeton und Georgetown, war beim Establishment als Ratgeber geschätzt und fungierte als Berater für das amerikanische Verteidigungsministerium. Quigley hatte Zugang zu Beweisen von Menschen, die direkt mit der Geheimgesellschaft zu tun hatten – Beweisen, die kein Außenstehender je zuvor gesehen hatte. Einige der Fakten wurden ihm aus Quellen zugespielt, die anonym bleiben mussten, aber er beschränkte sich auf Tatsachen, die er anhand öffentlich zugänglicher Dokumente beweisen konnte. 8
Quigley registrierte eine sehr enge Verbindung zwischen den höchsten Machtkreisen innerhalb der britischen Regierung und der Oxford University, speziell den Colleges All Souls und Balliol. Von Personen aus dem Umfeld der »Gruppe«, wie er sie nannte, erhielt er ein gewisses Maß an Hilfe »persönlicher Natur«, aber »aus offensichtlichen Gründen« konnte er die Namen der Personen nicht nennen. 9 Quigley hatte zwar Geheimhaltung geschworen, enthüllte jedoch in dem Radiointerview, dass Professor Alfred Zimmern, ein britischer Historiker und Politwissenschaftler, ihm die Namen der zentralen Akteure innerhalb der »Gruppe« bestätigt hatte. Es steht außer Frage, dass Zimmern selbst ein enger Verbündeter derjenigen war, die wirklich in Großbritannien die Macht innehatten. Die meisten zentralen Akteure kannte er persönlich, und bevor er 1923 angewidert aus dem Geheimbund ausschied, war er zehn Jahre lang Mitglied gewesen.
Der »Gruppe« seien die Folgen ihres Handelns offenbar genauso egal wie die Meinungen anderer, stellte Quigley fest. Machtbefugnisse und Einfluss würden nicht nach Verdienst verteilt, sondern eher aufgrund von Freundschaften. Viele seiner Werte seien durch den Geheimbund »an den Rand der Katastrophe gebracht worden«. Der Nachwelt gibt Professor Quigley mit der Widersprüchlichkeit seiner Aussagen ein Rätsel auf: Er verabscheute die Methoden des Geheimbundes, stimmte aber mit dessen Zielen und Absichten überein. 10 Sagte er das nur aus Gründen des Selbsterhalts? Man sollte nicht vergessen, wie warnend er sich noch 1974 gegenüber Rudy Maxa äußerte. Ganz offensichtlich hatte Quigley das Gefühl, dass diese Enthüllungen ihn in Gefahr brachten.
Dank Quigleys Untersuchungen wissen wir, dass der südafrikanische Diamantenmillionär Cecil Rhodes den Londoner Geheimbund Ende des 19. Jahrhunderts gründete. Zu seinen Zielen gehörte es, an einem erneut engen Verhältnis zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten zu arbeiten und die guten Wertvorstellungen und Traditionen der englischen Oberschicht in die Welt zu tragen. Letztlich wollten sie alle bewohnbaren Bereiche der Welt unter ihre Kontrolle und ihren Einfluss bringen. Sie alle waren von einer gemeinsamen Furcht erfüllt, der tiefen und bitteren Furcht, dass ihre Macht und ihr Einfluss schwinden würden, wenn nicht etwas Radikales geschähe. Ihr Stern würde sinken, während der von Ausländern aufsteigen würde, von ausländischen Interessen, ausländischen Unternehmen, ausländischen Gebräuchen und ausländischen Gesetzen. Der weiße angelsächsische Mann stand ihrer Sicht zufolge absolut zu Recht ganz oben in der Rassenhierarchie – einer Hierarchie, die auf der Oberhoheit in Handel und Industrie sowie auf der Ausbeutung anderer Rassen beruhte. Sie sahen sich vor eine drastische Wahl gestellt: entweder mit entschlossenen Schritten das britische Empire zu stärken und weiter auszubauen oder zu akzeptieren, dass Länder wie Deutschland Großbritannien auf der Weltbühne den Rang abliefen.
Es schmerzte die Mitglieder der Geheimen mitanzusehen, wie Deutschland dabei war, rasch an Großbritannien vorbeizuziehen, wenn es um Technik, Forschung, Industrie und Handel ging. Deutschland war aus ihrer Sicht der Kuckuck im afrikanischen Nest des Empire, und der wachsende Einfluss, den Berlin in der Türkei, auf dem Balkan und im Nahen Osten genoss, bereitete ihnen Sorgen. Nun sollte dieser Kuckuck aus seinem Nest geworfen werden. Beeinflusst wurde die Geheime Elite von der Ideologie des Oxford-Professors John Ruskin aus dem 19. Jahrhundert. Sein Konzept beruhte auf der Überzeugung, die englische Oberschicht sei überlegen und müsse deshalb im besten Interesse der sozial niedriger gestellten Schichten handeln. Was die Elite vorhatte, war ihrer Ansicht nach gut für die Menschheit und für die Zivilisation – eine Zivilisation, die sie kontrollieren, bestimmen, leiten und profitabel machen würden. Für dieses Ziel würde sie alles tun, was nötig sei. Im Namen der Zivilisation würde sie Krieg führen, im Namen der Zivilisation würde sie Millionen Menschen abschlachten. Unter dem hehren Banner der Zivilisation entstand eine Geheimgesellschaft, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Ihr standen nicht nur Vorrechte und Wohlstand zur Verfügung, sie schützte sich durch das Gewand der Uneigennützigkeit auch vor Kritik. Sie würde die Weltherrschaft übernehmen, ja, aber doch nur zum Wohle der Menschheit. Sie würde die Welt vor sich selbst retten.
Ganz besonders zwei Organe der britischen Regierung wurden von der Geheimgesellschaft infiltriert – zum einen das Außenministerium, zum anderen das Kolonialamt. Dort installierte der Bund Beamte in ranghohen Positionen, von wo aus sie ihre Fachabteilungen dominierten. Parallel dazu erlangten sie die Kontrolle über die Abteilungen und Ausschüsse, die ihren Zielen förderlich waren – das Kriegsministerium, das Committee of Imperial Defence und die höchsten Ebenen der Streitkräfte. Die Parteizugehörigkeit spielte keine Rolle, viel wichtiger war Ergebenheit der Sache gegenüber.
Der lange Arm der Gesellschaft reichte bis nach Russland und Frankreich, bis auf den Balkan und nach Südafrika. Ihre Ziele waren Personen in den höchsten Ämtern ausländischer Regierungen. Man kaufte sie und hielt sie für künftige Aufgaben bereit. Ein anderes Thema war Amerika. Anfangs wurde über die Möglichkeit gesprochen, die Vereinigten Staaten zu einem Teil eines erweiterten Empire zu machen, aber das Wirtschaftswachstum und das künftige Potenzial der USA ließen diese Idee rasch unmöglich erscheinen. Stattdessen wurde die Machtbasis dahingehend erweitert, dass man anglophile Amerikaner in den Geheimbund aufnahm, Männer, die später über Kreditinstitute und finanziell von ihnen abhängige Regierungen die Welt beherrschen sollten.
Doch damit nicht genug: Sie hatten auch die Macht, die Geschichte zu kontrollieren und Aufklärung in Täuschung umzukehren. Die Geheime Elite bestimmte die Geschichtsschreibung und die Geschichtslehre, von der kleinsten Dorfschule bis hinauf zu den Elfenbeintürmen der akademischen Welt. Sorgfältig prüfte sie offizielle Regierungsunterlagen und entschied, welche Dokumente in die offizielle Version der Geschichte des Ersten Weltkriegs einfließen sollten. Wenn etwas auf die Existenz des Geheimbundes hätte hinweisen können, wurde der Zugang verwehrt. Potenziell belastende Unterlagen wurden verbrannt, aus den offiziellen Registern getilgt, vernichtet, gefälscht oder umgeschrieben. Den Forschern und Historikern blieben damit nur noch sorgfältig ausgewählte Materialien. Auch Carroll Quigleys Geschichtsbücher sind Opfer der Unterdrückung geworden. Unbekannte entfernten Katastrophe und Hoffnung aus Buchläden in Amerika, und schon kurz nach der Veröffentlichung nahm der Verlag das Buch ohne Angabe von Gründen wieder aus dem Handel. Quigleys Verleger, die Macmillan Company, hat aus unerklärlichen Gründen die Originaldruckplatten vernichtet. Sechs Jahre lang habe Macmillan ihn »belogen, belogen, belogen« und ihm vorsätzlich weisgemacht, das Buch werde neu aufgelegt, schreibt Quigley. 11 Warum? Welchem Druck muss ein großes Verlagshaus ausgesetzt sein, bevor es zu so drastischen Maßnahmen greift? Quigley behauptete, einflussreiche Personen würden die Veröffentlichung des Buches unterdrücken, weil es Dinge aufdecke, die den Mächtigen missfielen.
Wissenschaftler haben bis heute keinen Zugang zu diversen Dokumenten aus dem Ersten Weltkrieg, weil die Geheime Elite zu viel von der Wahrheit zu befürchten hat, und dasselbe gilt für die Nachfolger der Elite. Sie sorgen dafür, dass wir nur diejenigen »Fakten« lernen, die ihre Sicht der Dinge stützen. Das ist schlimmer als Täuschung. Die Geheime Elite war entschlossen, sämtliche Spuren zu verwischen, die auf sie verweisen würden. Sie hat alles in ihrer Macht Stehende getan, um dafür zu sorgen, dass man ihren Verbrechen nur unter allergrößten Schwierigkeiten auf die Spur kommen könnte. Doch genau das haben wir vor.
Um hinter die geheimen Gründe für den Ersten Weltkrieg zu kommen, haben wir die wissenschaftlichen Arbeiten von Professor Quigley analysiert. Aber das war nur einer von vielen Bausteinen. Wir gehen weit über seine ursprünglichen Enthüllungen hinaus. Quigley schrieb, Beweise für den Geheimbund seien nicht schwer zu finden, wenn man »weiß, wonach man zu suchen hat«. 12 Wir haben genau das getan. Wir haben mit den zentralen Charakteren begonnen, die er identifiziert hat (und die der Insider Alfred Zimmern bestätigte), und sind den Taten dieser Personen nachgegangen, ihren miteinander verflochtenen Laufbahnen, ihrem Aufstieg zu Macht und Einfluss. Und letztlich enthüllen wir, wie sie sich dazu verschworen haben, den Ersten Weltkrieg anzuzetteln. Quigley räumte ein, wie schwierig es gewesen sei zu sagen, wer wann innerhalb der Gruppe aktiv war. Im Rahmen unserer eigenen Forschungsarbeit haben wir die Liste um Personen ergänzt, deren Handeln sie als angeschlossene Mitglieder oder Verbündete ausweist. Natürlich tun Geheimbünde viel dafür, ihre Anonymität zu wahren, aber was wir an Beweisen aufgedeckt haben, bringt uns zu dem Schluss, dass im Vorfeld des Ersten Weltkriegs die Geheime Elite mehr Mitglieder hatte, als Quigley ursprünglich aufzeigte.
Bei diesem Buch handelt es sich nicht um eine fiktive Geschichte, die wir uns aus Jux und Tollerei zusammenreimen. Die Geheime Elite hat sich verzweifelt bemüht, sämtliche ihrer Spuren zu verwischen, doch die Beweise, die wir in den folgenden Kapiteln vorlegen, belegen, wie die Gesellschaft durch Fehlinformationen, Betrug, Geheimabsprachen und Lügen die Welt zerstörte und bankrott zurückließ. Dies sind Fakten einer Verschwörung, keine Verschwörungstheorie.
Im Laufe dieser Geschichte tauchen sehr viele Namen auf, deshalb haben wir im Anhang ein Personenregister beigefügt. Vor Ihnen, werter Leser, liegt eine immens schwierige Aufgabe. Diese unglaublich reichen und mächtigen Männer, von denen hier die Rede sein wird, agierten hinter den Kulissen und unter dem Schutz des innersten Zirkels des Establishments, unter dem Schutz handzahmer Medien und dem Deckmantel einer sorgfältig zurechtgebogenen Geschichtsschreibung. In den folgenden Kapiteln zeigen wir, dass letztere seit einem Jahrhundert schwere Fehler enthält und von Lügen und Halbwahrheiten durchsetzt ist. So tief haben sich die Lügen in der Psyche festgesetzt, dass der Leser Beweise zunächst möglicherweise abtun wird. Das ist nicht das, was er in der Schule oder auf der Uni gelernt hat, es stellt alles infrage. Noch immer wollen die Geheime Elite und ihre Agenten unser Verständnis der damaligen Ereignisse und unser Wissen um die Gründe kontrollieren. Wir wollen Sie nur bitten, sich auf unsere Argumentation einzulassen und möglichst objektiv die Beweise zu prüfen, die wir Ihnen vorlegen. Lassen Sie Ihre Unvoreingenommenheit entscheiden.
1
Die Geheimgesellschaft
London, ein winterkalter Februarnachmittag des Jahres 1891. Drei Männer sind in ein ernstes Gespräch vertieft. Was an diesem Tag besprochen wird, wird das British Empire und in der Folge die gesamte Welt radikal verändern.
DIESE EINLEITENDE PASSAGE von Professor Carroll Quigleys Buch The Anglo-American Establishment mag an einen Agententhriller von John le Carré erinnern, ist aber alles andere als Fiktion. Bei den drei überzeugten Imperialisten, die an diesem Tag zusammenkamen, handelt es sich um Cecil Rhodes, William Stead und Lord Esher, und sie entwickelten einen Plan für einen Geheimbund, der zunächst in Großbritannien und später in den USA die Kontrolle über die Außenpolitik erringen sollte. Der Bund sollte das alte angelsächsische Band zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten neu schmieden. 13 Er sollte der Welt all das bringen, was nach Meinung dieser Männer gut war an den Traditionen der herrschenden englischen Klasse. Und er sollte den Einfluss des British Empire in eine Welt hinaustragen, die zu beherrschen diese Männer als ihr Schicksal ansahen.
Die damalige Zeit war bestimmt von Jack the Ripper und Königin Victoria. Die Königin hatte ihre antisemitischen Vorurteile überwunden und eine persönliche Freundschaft mit einem Mitglied aus der Bankendynastie der Rothschilds begonnen, 14 eine Verbindung, die bei den folgenden Ereignissen eine zentrale Rolle spielen sollte. Jack the Ripper dagegen hatte in den nebligen Slums von Whitechapel gerade mit Mary Kelly sein fünftes und möglicherweise letztes Opfer ermordet. 15 Die beiden Ereignisse hängen nur zeitlich zusammen, aber sie zeigen, welche extremen Unterschiede damals herrschten: Einige wenige Menschen genossen absoluten Luxus, während die breite Masse in bitterer Armut vor sich hin vegetierte. Die sozialen Zustände waren erschütternd, dennoch war das viktorianische England von Stolz erfüllt: Keine Nation konnte dem großen Empire das Wasser reichen. Doch wie lange würde dieser Zustand anhalten? Diese Frage wurde viel und ernsthaft in den von Zigarrenrauch geschwängerten Sälen der Macht diskutiert. Mit ihrem Plan gaben die drei Männer eine Antwort auf die Debatten: Es musste etwas geschehen, damit Großbritannien auch in Zukunft seine dominante Position behalten konnte.
Bei den Verschwörern handelte es sich um wohlbekannte öffentliche Persönlichkeiten, jede von ihnen mit enormem Wohlstand und gewaltiger Macht im Rücken. Ihr Vorhaben war vergleichsweise simpel: Sie wollten einen Geheimbund gründen, den eine kleine, eng miteinander verwobene Clique leiten sollte. Anführer sollte Cecil Rhodes sein, die weitere Struktur war in Form konzentrischer Kreise angelegt. Im innersten Kreis sollte die »Gesellschaft der Auserwählten« thronen, und niemand dort würde daran zweifeln, dass er Teil eines exklusiven Geheimbundes war, der nach weltweiter Macht strebte. 16 Den nächsten Kreis stellte der »Verband der Helfer«. Dieser sollte mehr Mitglieder umfassen und weniger streng abgegrenzt sein. Auf dieser Ebene würden nicht alle wissen, dass sie zentraler Teil eines Geheimbundes waren; manche würden auch schlicht manipuliert, damit sie die Ziele der Organisation erfüllten. Idealisten, ehrliche Politiker und viele andere, die sich am äußeren Rand der Gruppe befanden, haben möglicherweise nie erfahren, dass sie in Wahrheit von einer gewissenlosen Clique gesteuert wurden, von deren Existenz sie keine Ahnung hatten. 17
Der Geheimbund habe seine Existenz »recht erfolgreich verheimlichen können«, schreibt Professor Quigley. »Vielen einflussreichen Mitgliedern war es wichtiger, über wahre Macht zu verfügen, als den Anschein von Macht zu erwecken. Deshalb sind sie nicht einmal Studenten der britischen Geschichte ein Begriff.« 18 Alles stand und fiel mit der Geheimhaltung. Bis auf einige wenige Eingeweihte wusste niemand von der Existenz des Bundes, denn die Mitglieder hatten begriffen: Es ist viel wichtiger, tatsächlich Macht zu besitzen, als nur nach außen mächtig zu wirken. Das wussten sie, weil sie allesamt einer privilegierten Klasse entstammten, in der es keine Zweifel daran gab, wer Entscheidungen fällte, wie man Regierungen kontrollierte und wie man Politik finanzierte. In Reden und Büchern wird diese Klasse gern verschwommen als »der Geldadel« bezeichnet, als »die versteckte Macht« oder »die heimlichen Drahtzieher«. All diese Namen treffen zu, aber wir haben sie unter dem Sammelbegriff »Geheime Elite« zusammengefasst.
Das Treffen vom Februar 1891 war kein Zufall. Rhodes arbeitete seit Jahren an diesem Vorhaben, Stead und Esher hatten sich ihm seit einiger Zeit angeschlossen. Ein Jahr zuvor, am 15. Februar 1890, war Rhodes von Südafrika nach Großbritannien gereist und hatte Lord Rothschild auf dessen Landsitz besucht, um den Plan vorzustellen. Neben Nathaniel Rothschild waren auch Lord Esher und einige andere sehr ranghohe Mitglieder des britischen Establishments anwesend. Esher schrieb damals: »Rhodes ist ein vorzüglicher Enthusiast, aber er sieht Menschen als Maschinen … er hat gewaltige Ideen … und geht vermutlich bei der Wahl seiner Mittel eher skrupellos vor.« 19 Dabei handelte es sich hierbei genau um die Qualitäten, die benötigt werden, um ein Imperium aufzubauen – keine Skrupel, kein Mitgefühl, dafür aber jede Menge Ehrgeiz.
Schon lange hatte Cecil Rhodes davon gesprochen, eine Geheimgesellschaft nach dem Vorbild der Jesuiten aufzubauen. Ihr Ziel sollte es sein, mit allen Mitteln die Macht des Empire zu schützen und zu fördern. Er wollte »die gesamte unzivilisierte Welt unter britische Herrschaft bringen, die Vereinigten Staaten zurück ins Empire holen und die gesamte angelsächsische Rasse in einem Empire vereinen«. 20 Im Grunde war das schon der ganze Plan. So wie die Jesuiten ins Leben gerufen worden waren, um den Papst zu schützen und den Einfluss der katholischen Kirche auszuweiten, und so wie die Jesuiten nur ihrem eigenen Ordensgeneral unterstehen, so sollte auch die Geheimgesellschaft das Empire schützen und ausweiten und dabei nur ihrem eigenen Anführer unterstehen. Heiliger Gral war in diesem Fall nicht die Kontrolle über das Reich Gottes auf Erden im Namen des Allmächtigen, sondern die Kontrolle über die erforschte Welt im Namen des mächtigen Empire. Beide Gesellschaften strebten die Weltherrschaft an, in unterschiedlicher Ausprägung zwar, aber beide mit derselben Rücksichtslosigkeit.
Im Februar 1891 war die Zeit gekommen: Den Worten sollten Taten folgen. Man einigte sich auf die Gründung der Geheimgesellschaft. Es gab erste geheime Treffen, aber ohne Gewänder, geheime Handzeichen oder Parolen, schließlich kannten sich alle Mitglieder sehr gut. 21 Von den drei ursprünglichen Gründern brachte jeder spezielle Eigenschaften und Verbindungen mit. Rhodes war Premierminister der Kapkolonie, er war Herr und Gebieter über ein riesiges Territorium im südlichen Afrika, für das gerade der Name Rhodesien aufkam. Er galt als Staatsmann und war durch seinen Posten rein formal dem Kolonialamt unterstellt, doch in Wahrheit war er ein Opportunist, der sich auf unlautere Weise Land aneignete. Sein Vermögen beruhte auf den Kimberly-Diamantminen. Er hatte es aufgebaut, indem er die Eingeborenen brutal unterdrückte 22 und immer die Bergbauinteressen des Hauses Rothschild im Blick behielt. 23
In den 1870er Jahren war Rhodes an der Oxford University gewesen, wo er von der Denkweise John Ruskins inspiriert wurde, des frisch gekürten Professors der schönen Künste. Ruskin war dafür, all das Gute am Dienst an der Öffentlichkeit in die Welt hinauszutragen und den englischsprachigen Massen Bildung, Anstand, Pflichtgefühl und Selbstdisziplin einzuimpfen. Doch hinter den wohlgewählten Worten stand eine geistige Haltung, die Frauenrechte vehement ablehnte, in der Demokratie keinen Platz hatte und die »gerechte« Kriege rechtfertigte. 24 Die Kontrolle des Staates solle auf eine kleine herrschende Klasse beschränkt bleiben, so Ruskin. Die soziale Ordnung solle sich gemäß der Autorität der Obrigkeit ausrichten, von den unteren Schichten wurde absoluter Gehorsam gefordert, der nichts infrage stellte. Der Wegfall der Klassengrenzen, die Gleichheit der Menschen, der Zerfall der »rechtmäßigen« Autorität der herrschenden Klassen – all das, was Ruskin als logische Schlussfolgerungen des Liberalismus ansah, stieß ihn ab. 25 Während Esher und Rhodes ihm zuhörten, mussten sie geglaubt haben, sie hätten philosophisch einen Freifahrtschein erhalten, die Weltherrschaft zu übernehmen. Von dieser Quelle hat Cecil Rhodes reichlich getrunken und aus dem Gelernten seinen Traum entwickelt, die gesamte unzivilisierte Welt unter britische Herrschaft zu bringen. 26
Um seine persönlichen Ziele voranzutreiben, ging Rhodes in die südafrikanische Politik – natürlich aufseiten der hochrentablen Bergbauindustrie. Er mag Ruskins philosophischen Vorlesungen aufmerksam gelauscht haben, aber seine Handlungen zeugen doch eher von einem praktisch veranlagten, rücksichtslosen Wesen. Im Umgang mit den Eingeborenen kannte er keine Gnade. 1890 wies er das Parlament in Kapstadt an: »Der Eingeborene ist wie ein Kind zu behandeln, das Wahlrecht ist ihm zu verweigern. Was unser Verhältnis zu den Barbaren Südafrikas anbelangt, so müssen wir ein System des Despotismus übernehmen, wie es so gut in Indien funktioniert.« 27 In Oxford hatte er sich ein Gefühl der Überlegenheit angeeignet, das hier durch die Plünderung von Bodenschätzen Ausdruck fand. Riesige Stammesgebiete wurden für den Gold- und Diamantenabbau geräumt und Politik und Geschäftswelt so manipuliert, dass es ihm und seinen Unterstützern den größten Nutzen brachte. Sein gesamtes Leben umgab er sich mit Menschen, deren einziges Motiv Habsucht war, aber sein ausdrückliches Ziel war es, diesen unlauter erworbenen Wohlstand dazu zu nutzen, seinen großen Traum voranzutreiben – das Empire sollte die gesamte Welt kontrollieren. 28
Rhodes starb im Alter von 48 Jahren an Herzversagen. Da ihm zu Lebzeiten sehr wohl bewusst war, dass seine Zeit auf Erden begrenzt war, schrieb er mehrere Testamente, die er um diverse Nachträge ergänzte. 1902 wurden als Verwalter seines Testaments Lord Nathaniel Rothschild, Lord Rosebery, Earl Grey, Alfred Beit, Leander Starr Jameson und Alfred Milner genannt – allesamt zentrale Akteure des Geheimbundes, wie wir sehen werden. Ohne die Unterstützung der »angelsächsischen Völker jenseits der europäischen Gewässer« sei die Inselnation England, so Rhodes, »schwer zu halten oder auch nur zu verteidigen«. 29 In den kommenden Jahren würde man das Inselproblem lösen und die Verbindungen zu Amerika stärken müssen. Rhodes’ Plan sah unter anderem vor, Oxford zum führenden Bildungszentrum der englischsprachigen Welt zu machen. Elitestudenten, speziell solche aus amerikanischen Staaten, sollten ausreichend finanzielle Mittel erhalten, sodass sie »mit jeder Person und jeder Klasse absolut gleichgestellt Kontakt pflegen« könnten. Treuhänder würden die glücklichen Empfänger eines Rhodes-Stipendiums auswählen. In Oxford sollten die Studenten dann vor allem eines lernen: »… von welchem Vorteil für die Kolonien und das Vereinigte Königreich es ist, die Einheit des Empire zu bewahren.« 30 Zu späteren Rhodes-Stipendiaten gehörten übrigens der australische Premier Bob Hawke ebenso wie US-Präsident Bill Clinton.
Doch dieser Baumeister des Imperiums war viel mehr als ein Wohltäter der Hochschulen. Direkt nach Rhodes’ Tod sagte sein Freund William (»W. T.«) Stead: »Er war der Erste einer neuen Dynastie von Geldkönigen, die sich in diesen Zeiten als die echten Herrscher der modernen Welt erwiesen haben.« 31 Schon oft haben große Finanziers ihr Vermögen dazu genutzt, über Fragen von Krieg und Frieden zu entscheiden und die Politik in eine für sie profitable Richtung zu lenken. Rhodes war in dieser Hinsicht völlig anders und stellte die Dinge auf den Kopf. Ihm ging es darum, in seinem Geheimbund möglichst viel Kapital zu sammeln, damit er seine politischen Ziele realisieren konnte. Er wollte sich Regierungen und Politiker kaufen, er wollte sich die öffentliche Meinung kaufen und er wollte über die Werkzeuge verfügen, die nötig sind, um Einfluss auf die Öffentlichkeit zu nehmen. Die Geheime Elite sollte ihren Wohlstand dazu nutzen, im Verborgenen ihre Kontrolle über die Welt zu erweitern.
Rhodes’ enger Verbündeter William Stead stand für eine neue Macht auf der politischen Bühne – preisgünstige Tageszeitungen, die ihre Ansichten immer stärker unter das Volk brachten. Stead war der bekannteste Journalist seiner Zeit. 1885 hatte er die viktorianische Gesellschaft aufgerüttelt, als er in einem unverblümten Artikel in der Pall Mall Gazette die Kinderprostitution anprangerte.
Schockiert verfolgte die viktorianische Gesellschaft Steads grafische Schilderungen, wie Kinder in Londoner Freudenhäusern missbraucht wurden. Entführungen zu kriminellen Zwecken, das Provozieren strafbarer Handlungen und der »Verkauf« junger Mädchen aus unteren Schichten wurden in einer Reihe »infernalischer Erzählungen« abgehandelt, wie Stead selbst sie nannte. Seine Geschichten malten ein furchtbares Bild von schalldichten Zellen, in denen Pädophile, die der Oberschicht entstammten, ungestraft ihre übelsten Träume an Kindern ausleben konnten. 32 Die Gesellschaft der Hauptstadt verfiel in moralische Panik, was die Regierung zwang, den Criminal Law Amendment Act zu verabschieden, ein Gesetz zum besseren Schutz von Frauen und Mädchen. Die Methoden, mit denen sie bei ihren Ermittlungen arbeiteten, führten dazu, dass Stead und weitere seiner aufgeklärten Gefährten, darunter Bramwell Booth von der Heilsarmee, wegen Entführung angeklagt wurden. Booth wurde freigesprochen, Stead musste eine dreimonatige Gefängnisstrafe verbüßen. 33
Auf diese Weise verdiente sich Stead seinen Platz in Rhodes’ Elitekreisen. Stead war jemand, der Einfluss auf die Öffentlichkeit hatte. Er hatte die Regierung so sehr bloßgestellt, dass diese nur mit einer sofortigen Gesetzesänderung reagieren konnte. Anschließend trat Stead für Dinge ein, die ihm am Herzen lagen, für eine Bildungs- und eine Landreform. In späteren Jahren gehörte er zu denjenigen, die am lautesten mehr Geld für die Kriegsmarine forderten. Stead wollte dazu beitragen, dass sich das Verhältnis der englischsprachigen Nationen zueinander verbesserte, und er wollte die britische Kolonialpolitik reformieren. 34 Er gehörte zu den ersten Enthüllungsjournalisten und baute sich ein beeindruckendes Netzwerk junger Journalisten auf, die ihrerseits wiederum die Prinzipien der Geheimen Elite in das Empire hinaustrugen. 35
Bei dem dritten Teilnehmer des Gründungstreffens der Geheimgesellschaft handelte es sich um Reginald Balliol Brett, besser bekannt als Lord Esher, einen engen Berater von drei Herrschern. Esher genoss immensen Einfluss in den höchsten Gesellschaftsschichten. Er vertrat die Interessen des Königshauses in den letzten Regierungsjahren von Königin Victoria, dann während der überschäumenden Exzesse von König Edward VII. bis hin zum ruhigeren und fügsameren König George V. Esher war die »graue Eminenz, die mit der einen Hand England steuerte, während die andere Hand jungen Knaben nachstellte«. 36 Während der achtjährigen Herrschaft von König Edward VII. gab ihm Esher nahezu täglich schriftliche Ratschläge 37 , und durch ihn war der König stets auf dem Laufenden, was die Angelegenheiten der Geheimen Elite anbelangte. Selbst Eshers Zeitgenossen taten sich schwer damit, genau zu sagen, welche Rolle er in der britischen Politik spielte. Er hatte den Vorsitz über wichtige Geheimausschüsse, war für Berufungen in das Kabinett und für die Vergabe hoher diplomatischer und behördlicher Posten verantwortlich. Er brachte sich leidenschaftlich ein, wenn es um die Besetzung von Führungspositionen in der Armee ging, und übte eine Macht aus, die weit über das hinausging, was ihm gemäß Verfassung zugestanden hätte. Esher war der mächtigste Trumpf der Geheimen Elite.
Zwei weitere Personen rückten sehr rasch in den innersten Zirkel des Geheimbundes auf: der internationale Bankier Lord Nathaniel Rothschild und Alfred Milner, ein vergleichsweise unbekannter Kolonialverwalter, der die verworrene finanzielle Lage in Ägypten bereinigt hatte. Die beiden Männer standen für unterschiedliche Aspekte von Macht und Einfluss. Die Rothschilds waren wie niemand sonst Sinnbild des »Geldadels«. Milner dagegen war ein Selfmademan, ein begnadeter Akademiker, der seine Laufbahn als Anwalt begann, sich dann dem Journalismus zuwandte und sich schließlich zu einem extrem mächtigen und erfolgreichen politischen Akteur entwickelte. Er war es, der »die Männer hinter dem Vorhang« letztlich führen sollte.
Die Dynastie der Rothschilds besaß in Großbritannien und in der Bankenwelt gewaltige Macht und sah sich auf Augenhöhe mit den Königshäusern 38 – nicht umsonst hieß der Londoner Stammsitz »New Court«, »neuer Hof«. Genauso wie die britische Königsfamilie hatten auch die Rothschilds ihre Wurzeln in Deutschland. Was Dynastien anging, so war diejenige, die Mayer Amschel Rothschild begründet hatte, möglicherweise authentischer als alle anderen. Damit die Reichtümer in der Familie blieben, wurde Endogamie betrieben: Es wurde nicht nur innerhalb der eigenen Religion geheiratet, sondern auch innerhalb der nächsten Familie. 21 Mal heirateten Mayer Amschels Nachkommen, in 15 Fällen traten Cousin und Cousine vor den Rabbi.
Reichtum gebiert Reichtum. Das gilt umso mehr für Kapital, das Regierungen den Geldhahn nach Belieben sperren kann und die globalen Finanzmärkte beherrscht. Die Rothschilds waren hierbei führend. Sie manipulierten Politiker, machten sich Könige, Kaiser und einflussreiche Adlige zu Freunden und entwickelten ihre ganz eigene Vorgehensweise. Ihr Einfluss war so groß, dass die Londoner Polizei dafür sorgte, dass die Rothschild-Kutschen auf den Straßen der Hauptstadt stets Vorfahrt hatten. 39 In fast jedem Land der Welt standen einflussreiche Personen und Staatsvertreter auf den Gehaltsrollen der Rothschilds, 40 sehr schnell hatten sie Zugang zu fast allen Prinzen und Herrschern Europas. 41 Die Rothschilds waren praktisch unberührbar:
Die Rothschild-Dynastie war viel, viel mächtiger als jedes andere Finanzimperium vor ihr. Sie verfügten über enormes Vermögen, sie agierten international, sie waren unabhängig. Monarchien zitterten vor den Rothschilds, denn sie konnten das Haus nicht kontrollieren. Volksbewegungen hassten die Rothschilds, weil sie sich über das Volk stellten. Und Verfassungsfreunde hassten die Rothschilds, weil diese ihren Einfluss hinter den Kulissen ausübten – geheim.42
Finanziell und handelspolitisch reichte der Arm der Rothschilds bis Asien, sowohl in den Nahen Osten hinein als auch bis nach Fernost und bis in die nördlichen und südlichen Nationen Amerikas. Sie waren die Meister des Investments und spielten eine zentrale Rolle bei der Industrialisierung. Die Rothschilds wussten, wie sie ihr Vermögen einzusetzen hatten, um von der nächsten guten Marktgelegenheit zu profitieren, unabhängig davon, wo diese auftauchen mochte. Sie verfügten dank ihrer engen Familienbande über unbegrenzte Ressourcen und konnten überall und jederzeit auf ein Netzwerk von Agenten zurückgreifen. Eine Generation vor allen Wettbewerbern hatten sie begriffen, wie wichtig es ist, Dinge im Voraus zu wissen. Die Rothschilds kommunizierten regelmäßig miteinander, manchmal mehrmals am Tag, und griffen dabei auf Geheimcodes und vertrauenswürdige, gut bezahlte Agenten zurück. Vor allem in Europa hatten sie ständig den Finger am Puls des Geschehens. Das rasche Kommunikationsnetz der Rothschilds, ihr Netzwerk aus Kurieren, Agenten und Familienpartnern, wurde von Regierungen und gekrönten Häuptern sehr geschätzt. Sie nutzten dieses Netzwerk gern als Expresspost – was der Familie wiederum noch mehr Informationen über geheime Machenschaften bescherte. 43 Im 19. Jahrhundert gab es niemanden, keine Regierung, keinen Wettbewerber und keine Zeitung, der früher über wichtige Ereignisse und Entwicklungen Bescheid wusste als die Rothschilds.
Was die Rothschilds im Laufe des 19. Jahrhundert an Bankengeschäften, Investitionen und Handelsabschlüssen tätigten, liest sich wie eine Auflistung der zentralen Faktoren der Wirtschaftsentwicklung jener Zeit. Mit Rothschild-Anleihen wurden ganze Eisenbahnnetze in Europa und Amerika finanziert, das Bankenimperium stellte die Mittel für Erzgeschäfte, Rohstoffdeals, Gold- und Diamantenabbau, für die Suche nach Rubinen und für Ölbohrungen, sei es in Mexiko, Burma, Baku oder Rumänien. Führende Rüstungsbetriebe wie Maxim-Nordenfeldt und Vickers deckten sich bei den Rothschilds mit Kapital ein. 44 Die Hauptzentralen der Rothschild-Familie in London, Paris, Frankfurt, Neapel und Wien waren durch eine einzigartige Partnerschaft verbunden. Durch ihre Kooperation konnten Kosten geteilt und Risiken gemindert werden – was die Gewinne aller beteiligten Filialen steigen ließ.
Die Rothschilds legten viel Wert auf Anonymität und agierten deshalb bis auf wenige Ausnahmen stets hinter den Kulissen. So gelang es ihnen all die Jahre, ihre Angelegenheiten geschickt aus dem Licht der Öffentlichkeit zu halten. 45 Nicht nur in Europa, sondern überall auf der Welt, auch in New York und Sankt Petersburg, griffen sie auf Agenten und Partnerbanken zurück. 46 Ihr traditionelles System der halbautonomen Agenten ist bis heute unerreicht. 47 Die Rothschilds griffen ein, um strauchelnde Banken zu stützen oder Konzerne mit üppigen Kapitalspritzen am Leben zu erhalten. Sie übernahmen dann die Kontrolle und nutzten diese Unternehmen als Tarnung. So retteten sie beispielsweise die kleine Hamburger Privatbank M. M. Warburg und bauten sie zu einer der größten Banken Deutschlands aus – einer Bank, die dann bei der Finanzierung der deutschen Kriegsanstrengungen während des Ersten Weltkriegs eine wichtige Rolle spielen sollte. Es war ein Musterbeispiel dafür, wie effektiv die Rothschilds vorgingen: Nach außen hin eine Seite unterstützen, gleichzeitig die andere Seite zum Handeln ermutigen.
Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Rothschilds als Juden noch gesellschaftliche Außenseiter, aber bis zum Ende des Jahrhunderts öffnete ihnen ihr gewaltiger Reichtum sämtliche Türen, die ihnen zuvor wegen ihres Glaubens versperrt geblieben waren. Der englische Ableger N. M. Rothschild & Co. entwickelte sich unter der Leitung von Lionel Rothschild zum wichtigsten Standbein der gesamten Dynastie. Lionel förderte die Familieninteressen enorm, indem er sich Prinz Albert, den Gemahl von Königin Victoria, zum Freund machte. Allzu schwer war das nicht, denn Albert war chronisch knapp bei Kasse. Über einen Mittelsmann kauften die Rothschilds Aktien für den Prinzen, und 1850 »lieh« Lionel der Königin und ihrem Mann genug Geld, damit sie sich Balmoral Castle und die umliegenden 4000 Hektar Land kaufen konnten. 48 Lionels Nachfolger war sein Sohn Nathaniel, »Natty«, der als Chef der Londoner Rothschild-Filiale zum mit Abstand reichsten Mann der Welt aufstieg.
Aber nicht nur Personen, auch ganze Regierungen erlagen den Verlockungen des Rothschildschen Kapitals. Es war Baron Lionel, der 1875 der konservativen Regierung von Benjamin Disraeli vier Millionen Pfund vorstreckte, damit diese dem zahlungsunfähigen ägyptischen Vizekönig den Sueskanal abkaufen konnte. Vier Millionen Pfund damals entsprachen einem heutigen Wert von rund 310 Millionen Pfund! 49 Jubilierend schrieb Disraeli an Königin Victoria: »Er gehört Ihnen, Madam … nur eine einzige Firma hätte das schaffen können: die Rothschilds. Sie haben sich vorzüglich aufgeführt, streckten das Geld zu niedrigem Zins vor; das komplette Aktienpaket des Khedive (des Vizekönigs) gehört nun Euch.« 50 Die britische Regierung beglich das Darlehen innerhalb von drei Monaten vollständig. Es war ein Geschäft zur beiderseitigen Zufriedenheit.
Der Durchmarsch der Londoner Rothschilds an die Spitze der britischen Gesellschaft war unaufhaltsam. 1885 wurde Natty in den Adelsstand erhoben. Zum damaligen Zeitpunkt waren er und die gesamte Familie aus dem Gefolge des Prinzen von Wales nicht mehr wegzudenken. Natty und seine Brüder Alfred und Leo setzten die Familientradition fort, dem Königshaus Darlehen zu »geben«, die nie wieder eingetrieben wurden. Diese »Großzügigkeit« der Rothschilds ermutigte den Prinzen dazu, weit über seine Verhältnisse zu leben. Ab Mitte der 1870er Jahre kamen sie für die gewaltigen Spielschulden des Thronfolgers auf und achteten darauf, dass er ein Leben im Luxus genießen konnte, wie es ihm sein Vermögen niemals ermöglicht hätte. Dass sie ihm die 160 000 Pfund (was einem heutigen Wert von etwa 11,8 Millionen Pfund entspricht) schwere Hypothek auf Sandringham schenkten, wurde »diskret vertuscht«. 51 Beide Anwesen, Balmoral und Sandringham, werden heutzutage eng mit der königlichen Familie verbunden. Beide kamen erst dadurch in den Besitz der Royals, dass die Familie Rothschild das Geschäft großzügigerweise ermöglichte oder gleich ganz für die Kosten aufkam.
Eine Ausnahme war das keineswegs. Am 1. Januar 1886 genehmigte der damalige britische Staatssekretär für Indien, Winston Churchills Vater Randolph, die Annektierung Burmas. Das erlaubte es den Rothschilds, sich ein immens profitables Aktienpaket an den Rubinminen Burmas aufzubauen. Churchill forderte, dass Indiens Vizekönig Lord Dufferin Burma als Neujahrsgeschenk für die Königin von England erobere, aber finanziell lohnte sich die ganze Angelegenheit vor allem für das Haus Rothschild. Nicht frei von Sarkasmus schrieb Esher, dass Churchill und Rothschild offenbar gemeinsam die Belange des Empire steuerten. Die »übermäßige Vertrautheit« 52 Churchills zu den Rothschilds zog einige bissige Kommentare nach sich, aber niemand ging der Sache auf den Grund. Nachdem Randolph Churchill der Syphilis erlegen war, wurde bekannt, dass er den Rothschilds erstaunliche 66 902 Pfund schuldete – eine Summe, die nach heutigen Maßstäben stolzen 5,5 Millionen Pfund entspricht.
Vom Wesen und seiner Erziehung her war Natty Rothschild politisch ein Konservativer, dennoch vertrat er die Ansicht, dass sämtliche politischen Lager in Finanz- und Diplomatiefragen auf die Rothschilds hören sollten. Zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis zählten viele bedeutende Männer, die auf dem Papier politische Widersacher waren. In der eng verwobenen Welt der Politik übten die Rothschilds bei Liberalen wie Konservativen gleichermaßen enormen Einfluss aus. Die Parteispitzen kamen zum Mittagessen nach New Court, man dinierte zusammen in exklusiven Klubs und lud die Entscheidungsträger auf die Familienanwesen ein, wo Politiker und Adlige gleichermaßen fürstlich bewirtet wurden. Die Rothschilds besaßen Villen in Piccadilly, Anwesen in Gunnersby Park und Acton, Aylesbury und Tring sowie das Waddesdon Manor und die Mentmore Towers (die in den Besitz von Lord Rosebery übergingen, als er Hannah de Rothschild heiratete). Wenn Edward VII. zu einem Streifzug durch die Pariser Bordelle in die französische Hauptstadt kam, war er stets ein gern gesehener Wochenendgast im üppigen Château der Rothschilds in Ferrières oder dem riesigen Stadthaus von Alfred de Rothschild. In diesem exklusiven, absolut privaten Umfeld besprach die Geheime Elite ihre Pläne und Ziele für die Welt. Der Rothschild-Biograf Niall Ferguson schreibt: »In diesem Milieu wurden viele der wichtigsten politischen Entscheidungen dieser Zeit getroffen.« 53
So groß war der Wohlstand, den die Rothschilds angehäuft hatten, dass es nichts und niemanden gab, den sie sich nicht kaufen konnten. Sie finanzierten große politische Ziele und große wirtschaftliche Unternehmungen. Und wenn etwas schiefging, wurden sie nicht öffentlich zur Verantwortung gezogen, denn sie hielten sich die ganze Zeit über im Hintergrund. Von dort aus nahmen sie Einfluss auf Personalentscheidungen für hohe Ämter, von dort aus kommunizierten sie praktisch täglich mit den wichtigsten Drahtziehern ihrer Zeit. 54 Dorothy Pinto, die in die Dynastie einheiratete, lässt uns einen faszinierenden Blick darauf erhaschen, wie vertraut die Rothschilds mit den Zentren der Macht waren. Sie schreibt: »Als Kind dachte ich, Lord Rothschild würde im Außenministerium leben, denn von meinem Klassenzimmer aus sah ich seine Kutsche dort jeden Nachmittag stehen – während er sich natürlich in einer Privataudienz mit Arthur Balfour befand.« 55 Außenminister Balfour zählte zum innersten Zirkel des Geheimbundes und war auf dem besten Weg, Premierminister zu werden.
Vor seinem Tod im Jahr 1915 befahl Natty, dass seine Privatkorrespondenz nach seinem Ableben verbrannt werden sollte. Dem Rothschild-Archiv entging dadurch umfangreiches Material, sodass »der Historiker sich fragt, wie viel von der politischen Rolle des Hauses Rothschild unwiederbringlich für die Nachwelt verloren ist«. 56 Was hätten diese Unterlagen enthüllt, diese Briefe an Premierminister, Außenminister, Vizekönige, liberale Parteivorsitzende wie Rosebery, Asquith und Haldane? An den allmächtigen Alfred Milner oder konservative Spitzenpolitiker wie Salisbury, Balfour und Esher, den Augen und Ohren des Königs innerhalb des Geheimbundes? Was hätte in deren Antwortschreiben gestanden? Es existieren noch jede Menge Beweise dafür, dass all diese Personen in den Anwesen der Rothschilds ein und aus gingen, 57 also was stand in dieser umfangreichen Korrespondenz? Praktisch unbegrenzt war die Menge an wertvollen Informationen, die die Rothschild-Agenten ihren Herren in New Court zukommen ließen, von wo aus Foreign Office und Downing Street in Kenntnis gesetzt wurden. Die Mitglieder der Geheimen Elite verwischten sämtliche Spuren, die sie mit Rothschild in Verbindung brachten, und genauso ging Natty Rothschild vor. Auch er tat alles, um ihr Handeln vor künftigen Generationen verborgen zu halten.
Und was ist mit der fünften Person, der grauen Eminenz, dem Mann im Schatten? Alfred Milner spielte innerhalb der Geheimen Elite eine Schlüsselrolle. Am Gründungstreffen nahm er nicht teil, weil er sich gerade von Ägypten, wo er stationiert war, auf dem Weg in den Heimaturlaub befand. Das machte aber auch nichts, denn Milner wusste sehr genau, was Rhodes plante. Nach seiner Rückkehr nach London wurde Milner unverzüglich in die Gesellschaft der Auserwählten aufgenommen. Milner hatte genau wie Rhodes in Oxford Ruskins Vorlesungen angehört und war dessen leidenschaftlicher Anhänger. 58 Keinem Jesuitengeneral wäre mit mehr Loyalität und Respekt begegnet worden als Milner.
Der 1854 in Deutschland geborene Milner war ein begabter Akademiker. Er sprach fließend Französisch und Deutsch, sein Oxford-Studium finanzierte er mit Stipendien, denn er besaß kein eigenes Vermögen. In Oxford freundete er sich mit dem späteren Premierminister Herbert Asquith an und stand sein Leben lang mit ihm in engem Kontakt. Milner war klug und berechnend, aber kein großer Redner. Als junger Anwalt verdiente er sich mit Artikeln für das Fortnightly Review und die Pall Mall Gazette etwas dazu. Dort arbeitete er auch mit William Stead zusammen, dessen journalistische Kreuzzüge ihm gefielen. Steads Kampagnen für mehr Zusammenhalt zwischen den englischsprachigen Nationen weckten bei Milner starkes Interesse an Südafrika.
Seine Begeisterung für das Empire und die künftige Ausrichtung des britischen Einflussbereichs verschaffte Milner Zugang zu einem ausgesprochen exklusiven Zirkel liberaler Politiker um Lord Rosebery. 1885 wurde Milner das erste Mal nach Mentmore auf Roseberys Anwesen eingeladen. Kein Jahr später war Rosebery Außenminister, und Milners Karriere im öffentlichen Dienst nahm Fahrt auf, da der Lord seine schützende Hand über ihn hielt. Als Privatsekretär von Schatzkanzler George Goschen war Milner für weite Teile des Staatshaushalts von 1887 zuständig. Er wurde bewundert und respektiert. Man bot ihm den Posten des Generaldirektors für Finanzen in Kairo an – zu einem Zeitpunkt, als der britischen Regierung die strategische Bedeutung von Ägypten und dem Sueskanal immer deutlicher bewusst wurde. Die Rothschilds in London verwalteten die Finanzbelange Ägyptens, und als Milner im April 1891 das erste Mal auf Heimaturlaub war, traf er sich mit Lord Rothschild und anderen sehr einflussreichen Mitgliedern der Geheimen Elite zum Abendessen. 59 Zu dieser Zeit unternahm der Geheimbund seine ersten Schritte hin zu weltweitem Einfluss, und schon damals war laut Professor Quigley ersichtlich, dass Milner die Geheime Elite voranbringen würde:
Rhodes wollte einen weltweiten Geheimbund schmieden, der den englischen Idealen und dem Empire als Verkörperung dieser Ideale diente. Eine derartige Gruppe gründeten in der Phase nach 1890 Rhodes, Stead und vor allem Milner.60
Es war immer Milner. Mit seiner dynamischen Persönlichkeit scharte Alfred Milner ähnlich denkende, ehrgeizige Männer um sich. In der Zeit von 1892 bis 1896 leitete er die Finanzverwaltung, damals die größte Regierungsabteilung, und baute dabei seine beeindruckenden organisatorischen Fähigkeiten noch aus. Regelmäßig verbrachte Milner die Wochenenden auf den herrschaftlichen Anwesen von Lord Rothschild, Lord Salisbury oder Lord Rosebery. 1895 wurde er für seine Dienste zum Ritter geschlagen, ein Jahr später empfahl Lord Esher ihn dem König für das Amt des Hochkommissars für Südafrika.
Am späteren Viscount Milner fasziniert, dass außer in Verbindung mit der Geschichte des Burenkriegs nur sehr wenige Menschen überhaupt von ihm gehört haben, und das, obwohl er von etwa 1902 bis 1925 zur zentralen Figur innerhalb der Geheimen Elite avancierte. Warum ist so wenig über diesen Mann bekannt? Warum wurde sein Name aus der offiziellen Geschichtsschreibung getilgt? Carroll Quigley schrieb 1949, alle biografischen Texte über Milner seien von Mitgliedern der Geheimen Elite geschrieben worden und würden mehr verbergen als enthüllen. 61 Dass eine der wichtigsten Personen des 20. Jahrhundert dermaßen totgeschwiegen wurde, war laut Quigley Absicht und Teil der Geheimhaltungspolitik. 62
Alfred Milner war ein Selfmademan und ein erstaunlich erfolgreicher Staatsdiener, und er verfügte seit seiner Studienzeit in Oxford über allerbeste Verbindungen. Im Umfeld dieser höchst privilegierten Personen stieg er zu beispielloser Macht auf. Mit Rhodes war Milner durch die Ereignisse in Südafrika aufs Engste verbunden. Cecil Rhodes schalt William Stead dafür, dass dieser gesagt hatte, er werde Milner bei allem, was er tat, unterstützen, ausgenommen bei einem Krieg. Rhodes war in der Hinsicht nicht so zimperlich. Er erkannte in Alfred Milner die Art Mann, die nötig war, um den Traum von der Weltherrschaft verfolgen zu können: »Ich stehe hinter Milner, voll und ganz, ohne jede Einschränkung. Wenn er Frieden sagt, sage ich Frieden. Wenn er Krieg sagt, sage ich Krieg. Was auch passiert, ich werde Milner ›dito‹ sagen.« 63 Im Laufe der Zeit entwickelte sich Milner zum Fähigsten der gesamten Gruppe, zu einem Mann, an den sich die anderen um Führung und Vorgabe wandten. Wenn diese Geschichte eine Hauptperson hat, dann ist es Alfred Milner.
Fünf zentrale Akteure gibt es: Rhodes, Stead, Esher, Rothschild und Milner. Zusammen standen sie für eine neue Kraft, die innerhalb der britischen Politiklandschaft heranwuchs. Aber es waren auch mächtige, alteingesessene aristokratische Häuser beteiligt, die lange Westminster beherrscht hatten und dabei häufig mit dem jeweiligen Herrscher unter einer Decke steckten. Von diesen Traditionsfamilien war keine stärker involviert als die der Cecils.
Ende des 19. Jahrhunderts führte Robert Arthur Talbot Gascoyne-Cecil, der dritte Marquis von Salisbury, die Konservative Partei. Zwischen 1885 und 1902 war er dreimal Premierminister, insgesamt 14 Jahre lang, und damit länger als alle Premiers der jüngeren Geschichte. Im Juli 1902 übergab er sein Amt an seinen Neffen Arthur Balfour, überzeugt davon, dass der Sohn seiner Schwester seine Politik fortführen würde. Lord Salisbury hatte vier Geschwister, fünf Söhne und drei Töchter, und alle waren durch Hochzeiten mit anderen Personen aus der obersten Gesellschaftsschicht verbunden. Wichtige Regierungsposten wurden entsprechend an Verwandte, Freunde und wohlhabende Anhänger verteilt, die ihre Dankbarkeit dadurch beweisen konnten, dass sie Salisburys Ansichten in der Regierung, im öffentlichen Dienst und in diplomatischen Kreisen verbreiteten. Dieser »Cecil-Block« war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eng mit der Gesellschaft der Auserwählten und den Zielen der Geheimen Elite verknüpft. 64
Die Liberale Partei wiederum wurde auf ähnliche Weise von der Rosebery-Dynastie dominiert. Archibald Primrose, der fünfte Earl von Rosebery, war 1894 und 1895 zweimal Staatssekretär im Außenministerium und Premierminister. Wie so viele andere Mitglieder der herrschenden Klasse waren auch Salisbury und Rosebery Absolventen von Eton und Oxford. Politisch mochten sie sich als Gegner gegenübergestanden haben, aber das hinderte sie nicht daran, hinter den Kulissen im Sinne der Geheimen Elite an einem Strang zu ziehen.
Doch damit nicht genug: Rosebery hatte durch die Heirat mit Hannah de Rothschild, der vielleicht begehrtesten Erbin dieser Zeit, noch mehr an Einfluss gewonnen. Diese Eheschließung öffnete ihm die Türen zur wichtigsten – und reichsten – Bankiersfamilie der Welt. Laut Professor Quigley war Rosebery in der Gesellschaft der Auserwählten nicht übermäßig aktiv, kooperierte aber voll und ganz mit ihren Mitgliedern. Zu vielen von ihnen pflegte er sehr enge persönliche Beziehungen; Esher beispielsweise war einer seiner besten Freunde. Rosebery mochte und bewunderte Cecil Rhodes, der häufig sein Gast war. Er berief Rhodes in den Kronrat, Rhodes machte ihn im Gegenzug zu einem seiner Testamentsverwalter. 65
Fürsprecher, blaues Blut, exklusive Bildung, Vermögen – das waren die Qualifikationen, die es brauchte, um es in der Geheimen Elite zu etwas zu bringen, ganz besonders in der Anfangsphase des Bundes. Geheimtreffen fanden in privaten Stadthäusern oder auf Anwesen statt, beispielsweise als Wochenendausflug oder als Diner in einem Privatklub. Beliebt waren die Rothschild-Residenzen in Tring Park und Piccadilly, das Rosebery-Anwesen in Mentmore oder das Marlborough House, als es noch die Privatresidenz des Prinzen von Wales (und späteren Königs Edward VII.) war. Zum Essen traf man sich an exklusiven Orten wie dem Grillion’s, und selbst der noch ältere The Club in London diente als Treffpunkt für Diskussionen und zum Ränkeschmieden.
Dies also waren die Architekten, die das Fundament legten, in dem die Geheimgesellschaft Wurzeln schlagen, expandieren und zur Geheimen Elite heranwachsen sollte. Rhodes brachte sie alle zusammen und überarbeitete regelmäßig sein Testament so, dass der Bund im Falle seines Todes finanziell abgesichert war. Stead kümmerte sich um die öffentliche Meinung, Esher war das Sprachrohr des Königs. Salisbury und Rosebery lieferten die politischen Kontakte, Rothschild repräsentierte das internationale Kapital. Milner war der meisterhafte Manipulator, der Intellektuelle, der eisernen Willen an den Tag legte und damit einen entscheidenden Faktor beisteuerte – eine starke Führungspersönlichkeit. Es war eine kleine Clique, die sich da aufmachte, die Welt zu beherrschen, aber sie wusste internationale Finanzmacht, Großmeister der Politik und Entscheidungsträger in wichtigen Regierungsämtern an ihrer Seite.
Vielleicht hätte die Öffentlichkeit niemals erfahren, was diese privilegierte Clique beabsichtigte, wenn Professor Carroll Quigley den Geheimbund nicht als größten Einflussfaktor auf die britische Politik des 20. Jahrhunderts enttarnt hätte. Diese Männer waren entschlossen, die ganze bewohnte Welt unter ihre Kontrolle zu bringen. Bei allem, was sie taten, ging es um Kontrolle – um die Kontrolle über Menschen und deren Gedanken, um Kontrolle über politische Parteien. Ihnen war egal, wer offiziell regierte, sie hatten die wichtigsten und mächtigsten Köpfe der Finanz- und der Geschäftswelt eng in ihre geheime Welt eingebunden. Und sie hatten die Kontrolle über die Geschichte – über die Geschichtsschreibung und darüber, wer Zugang zu Informationen bekommen würde. All das musste im Geheimen erfolgen, inoffiziell, mit möglichst wenigen schriftlichen Beweisen. Wie wir sehen werden, ist das der Grund dafür, warum so viele offizielle Dokumente vernichtet oder entfernt wurden und nicht einmal zu Zeiten der »Informationsfreiheit« der Öffentlichkeit zugänglich sind.
Zusammenfassung von Kapitel 1: Die Geheime Gesellschaft
1891 gründeten in London Mitglieder der englischen Herrscherklasse eine Geheimgesellschaft. Ihr Ziel: die Weltherrschaft.
Die Welt hätte vielleicht niemals von der Existenz dieser Organisation erfahren, wenn ihr nicht der renommierte amerikanische Gelehrte Carroll Quigley auf die Spur gekommen wäre. Quigley konnte die Verschwörung aufdecken und zeigen, wie der Geheimbund zentrale Ereignisse des 20. Jahrhunderts steuerte.
Im innersten Kreis des von Cecil Rhodes gegründeten und finanzierten Geheimbundes stand eine handverlesene Gruppe von Männern, die heimlich die britische Kolonial- und Außenpolitik kontrollierte. Andere Verbündete wurden von Zeit zu Zeit hinzugezogen, und es ist unklar, ob sie wussten, woran sie beteiligt waren.
Geheimhaltung war ein ebenso zentraler Bestandteil ihres Vorgehens wie die Erkenntnis, dass wahre Macht viel wichtiger sei als der bloße Anschein von Macht.
Die Geheimgesellschaft nutzte den großen Einfluss, den die Familien Salisbury und Rosebery seit Langem in der britischen Politik hatten, aber auch die dem britischen Establishment sehr nahestehende internationale Bankiersfamilie der Rothschilds wurde eingebunden.
In den ersten Jahren waren Cecil Rhodes, William Stead, Lord Esher, Alfred Milner und Lord Nathaniel Rothschild die zentralen Figuren des Bundes.
Ein wichtiges Anliegen der Geheimen Elite war es, die engen Verbindungen zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten zu erneuern und weiter auszubauen.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts dominierte das Haus Rothschild von seinen Stützpunkten in London, Paris, Frankfurt und Wien aus die europäische Finanzwelt.
Die Rothschilds investierten weltweit in Wachstumsbranchen wie Stahl, Eisenbahn und Öl. Auch die Diamanten- und Goldfirmen von Cecil Rhodes wurden von den Rothschilds finanziell unterstützt.
Die Rothschilds verbargen ihre Investitionen gern hinter Tarnfirmen, sodass nur wenige Menschen genau sagen konnten, was und wie viel die Familie tatsächlich kontrollierte.
Die Rothschilds suchten sich stark verschuldete Adlige und finanzierten sie, darunter auch Mitglieder der britischen Königsfamilie. Sie kauften für Disraeli Aktienbeteiligungen am Sueskanal, und wenn ihnen Politiker zusagten, unterstützten die Rothschilds sie großzügig. Ihre Generosität und ihre Schirmherrschaft trugen in Großbritannien dazu bei, dass viele der bis dahin existierenden antisemitischen Hürden fielen.
Nathaniel Rothschild war von Beginn an eng mit Cecil Rhodes und dessen Geheimgesellschaft verbandelt. Das mächtige Bündnis aus Geldadel, grauen Eminenzen und Alfred Milner als wirkungsvoller Führungspersönlichkeit brachte die Geheime Elite in eine Ausgangsposition, die hervorragend geeignet war, Rhodes’ Traum wahr werden zu lassen.
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Südafrika – Die Schreihälse ignorieren
IM ALTER VON 17 JAHREN verließ Cecil Rhodes, der Sohn eines englischen Vikars, 1870 sein Zuhause und schloss sich seinem Bruder Herbert an, der auf einer Farm in Südafrika Baumwolle pflanzte. Nach einer Missernte fanden die Brüder Arbeit auf den kürzlich eröffneten Diamantminen von Kimberley. 66 Rhodes weckte das Interesse des Rothschild-Agenten Albert Gansi, der dort die Investitionsaussichten für Diamanten abschätzte. Mit Rothschild als Finanzier im Rücken kaufte Cecil Rhodes viele kleine Bergbaufirmen auf und errichtete so rasch ein Monopol. Das war der Beginn einer sehr engen Verbindung zum mächtigen Haus Rothschild. 67 Rhodes gilt als Hauptverantwortlicher dafür, De Beers Consolidated Mines zum weltgrößten Diamantenlieferanten gemacht zu haben, aber das gelang letztlich nur dank der finanziellen Unterstützung von Lord Natty Rothschild, der ein größeres Aktienpaket am Unternehmen hielt als Rhodes selbst. 68 Rothschild stand Rhodes nicht nur im Bergbau zur Seite, sondern auch, wenn es um die Überlegenheit der britischen Rasse und darum ging, den Aufstieg des Empire voranzutreiben. Um die Dominanz der Briten in Afrika auszuweiten, zögerten beide nicht, Gewalt gegen die Eingeborenen anzuwenden – ein Kurs, der früher oder später zum Krieg mit den Buren in Transvaal führen musste.
1877 war Cecil Rhodes 24 Jahre alt und ein sehr reicher junger Mann, doch sein schlechter Gesundheitszustand ließ vermuten, dass er nicht sehr alt werden würde. Sieben Testamente sollte er im Laufe der Jahre verfassen, und im ersten hieß es über die Verwendung seines Vermögens:
Zur Gründung, Förderung und Entwicklung einer Geheimgesellschaft, deren wahres Ziel und Ansinnen die Ausdehnung der britischen Herrschaft in aller Welt sein soll, die Perfektionierung eines Emigrationssystems aus dem Vereinigten Königreich und die Besetzung sämtlicher Territorien, in denen das Überleben durch Energie, Arbeit und Unternehmertum möglich ist, durch britische Siedler, insbesondere die Besetzung des gesamten afrikanischen Kontinents … von ganz Südamerika … den gesamten Vereinigten Staaten als wesentlichem Bestandteil des britischen Empire, und letztlich die Schaffung einer so großen Macht, dass Kriege unmöglich werden, sowie die Förderung der besten Interessen der Menschheit.69
Was die selbstlosen Absichten anging, war Rhodes’ Testament reine Verstellung. Sein ganzes Leben lang umgab er sich mit Geschäftsleuten, die von Gier getrieben wurden, 70 und er scheute nicht davor zurück, seine Ziele durch Bestechung zu erreichen oder mit Gewalt durchzusetzen, wenn er diese Mittel für effektiv hielt. 71 Dass ihm etwas an der Förderung »der besten Interessen der Menschheit« lag, zeigte sich weder in seiner Lebensweise noch in seinem Geschäftsgebaren. Zu Rhodes‘ Beratern und Unterstützern zählten die mächtigen Rothschilds und andere Freunde aus dem innersten Kreis der Geheimen Elite, beispielsweise die Rand-Millionäre Alfred Beit und Sir Abe Bailey, 72 die ebenfalls mit Gold und Diamanten zu Wohlstand gekommen waren. Um ihre Interessen zu fördern, sorgte Rhodes dafür, dass die Investitionen dieser Männer in Südafrika den Vorzugsstatus einer Handelskompanie erhielten.
Und so entstand 1889 per Royal Charter die British South Africa Company. Die Handelskompanie hatte die Erlaubnis, Banken zu gründen, sie durfte Land besitzen, verwalten und zuteilen. Sie konnte eine private Polizeitruppe aufstellen (die British South Africa Police), die ihr unterstand und von ihr bezahlt wurde. Im Gegenzug für diese Privilegien sagte die Handelskompanie zu, das von ihr kontrollierte Land zu erschließen, bestehende afrikanische Gesetze zu achten, Freihandel in ihrem Territorium zu erlauben und alle Religionen zu achten. Schöne Worte fürwahr. Die Praxis sah jedoch anders aus: Um besseren Zugang zu Schürfrechten und Landkäufen von den afrikanischen Stämmen zu bekommen, ließ Rhodes Gesetze verabschieden, die auf die Stammesgepflogenheiten wenig oder gar keine Rücksicht nahmen. Einen ähnlichen Weg hatte die britische East India Company
