Vereint - Jessica Shirvington - E-Book

Vereint E-Book

Jessica Shirvington

4,9
8,99 €

oder
Beschreibung

Atemberaubend spannend, dramatisch und hochemotional


Zwei Jahre sind vergangen, seit Violet fortgegangen ist. Um ihre Freunde und ihre große Liebe zu schützen, musste sie ihr altes Leben hinter sich lassen. Doch als Spence verschwindet, kehrt Violet zurück. Denn nur wenn Lincoln und sie zusammenarbeiten, haben sie eine Chance ihn zu retten. Dabei kommen sie sich wieder gefährlich nahe und auch Phoenix steht plötzlich wieder leibhaftig vor ihr...
In einem letzten alles entscheidenden Kampf lernt Violet, wer sie wirklich ist und wozu sie fähig ist. Sie ist alles, was dem Untergang der Welt wie wir sie kennen, noch im Wege steht.
Das fesselnde Finale der erfolgreichen Engel-Saga um Violet Eden

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 615




Die Autorin

Foto: © privat

Jessica Shirvington hat eine Kaffeeimportfirma gegründet und geleitet und nebenbei zu schreiben begonnen. »Vereint« ist der finale fünfte Band ihrer erfolgreichen Engel-Saga. Jessica Shirvington lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Sydney. Neben ihrer Familie widmet sie sich nun ganz dem Schreiben.

Weitere lieferbare Titel von Jessica Shirvington beicbt:

Erwacht (38011)

Verlockt (38018)

Gebannt (38020)

Entbrannt (38039)

Ein Tag, zwei Leben (38040)

ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Juni 2014

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe cbt Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Empower« bei Hachette Australia, Sydney.

© 2013 by Jessica Shirvington

Published by arrangement with Jessica Shirvington

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Aus dem Amerikanischen von Sonja Häußler

Lektorat: Christina Neiske

Umschlaggestaltung © Birgit Gitschier, Augsburg unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock (vita khorzhevska, Kiselev Andrey Valerevich)

jb · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-13311-2

www.cbt-jugendbuch.de

Für Chris, ohne dessen Ermutigung ich wahrscheinlich nie den ersten Entwurf von »Erwacht« zu Ende gebracht hätte. Danke, großer Bruder, das hier ist alles dein Verdienst!

»Dass du die Seelen der Rechtschaffenen und der Sünder sammeln und unsere Taten in deine großen Waagschalen werfen wirst. Dass du, wenn wir liebevoll und freundlich waren, uns mit dem Schlüssel um deinen Hals die Tore zum Paradies öffnen wirst, mit der Verheißung, für immer dort zu leben.

Und dass du es bist, der uns, wenn wir selbstsüchtig und grausam waren, verbannen wird.«

Römisch-Katholische Dichtung

Kapitel Eins

»Doch ich muss tun, was ich versprach,

und Meilen gehn, bevor ich schlaf,

und Meilen gehn, bevor ich schlaf.«

Robert Frost

Mein Pulli war klamm und feucht – wieder mal –, eine Nebenwirkung des Lebens in London. Ich bemerkte den ständigen Nieselregen schon gar nicht mehr. Die Kälte störte mich nicht. Schließlich war ich die Kälte selbst.

Was mich störte, war der Geruch. Ein Fleischmarkt riecht bei Nacht irgendwie übel. Vor allem, wenn man im Dachvorsprung eingekeilt ist und sich fragt, was über die Jahre hinweg hier alles verspritzt und nie weggeputzt wurde. Ich schauderte.

Der Smithfield Market war gerade ziemlich angesagt, doch ein zäher Hauch von Geschichte hing in der Luft, der ihm eine Atmosphäre verlieh, die darauf hindeutete, dass dieser Ort nicht zum ersten Mal für üble Machenschaften genutzt wurde. Und im Moment war Jagdzeit. Zumindest war ich auf der Jagd.

Ich beobachtete schweigend, wie die Verbannten in die Mitte der riesigen Halle kamen, und registrierte, dass es sechs waren anstatt der vier, die ich erwartet hatte. Kein Problem, wie ich annahm. Ich hatte immer noch das Überraschungsmoment auf meiner Seite.

Die letzten zwei Jahre hatten mich gelehrt, die Banalitäten des Alltags nicht an mich heranzulassen. Natürlich würde der eine oder andere Muskel schmerzen, aber nur körperlich, und damit konnte ich leben. Prügel austeilen und einstecken war notwendig, wenn man eine Grigori – eine Kreuzung aus Mensch und Engel – war, eine Waffe gegen die ständig anwachsende Zahl verbannter Engel auf Erden. Vor allem für mich, der sie einen so farbenfrohen Spitznamen verliehen haben. Ich bin der Keshet – der Regenbogen. Ich hatte es nicht darauf angelegt, doch ich habe meine Entscheidungen getroffen und stehe dazu.

Hier war ich also. Obwohl ich noch immer dahinterzukommen versuche, was genau es bedeutete, der Keshet zu sein, habe ich inzwischen herausgefunden, dass der Wunsch, es zu wissen, mit dem anhaltenden Bedürfnis, überhaupt nicht darüber nachdenken zu müssen, in Konflikt stand. Eins wusste ich jedoch: Irgendwie war ich in der Lage, mit den Engeln einen Raum zu schaffen – einen unbekannten Ort, an dem wir Form annehmen und kommunizieren konnten. Der Engel, der mich gemacht hat und dessen Namen ich noch immer nicht kenne, sagte, dies sei ein Ort der neuen Möglichkeiten. Wofür, wusste ich nicht.

Aber ich weiß, dass es das ist, was ich bin. Das, was ich sein werde.

Die letzten beiden Verbannten schlenderten zu den vieren, die bereits warteten. Früher war es unmöglich für mich gewesen, so nah an Verbannte heranzukommen, ohne dass sie in helle Aufregung gerieten, weil sie meine Anwesenheit spürten. Aber ich hatte im vergangenen Jahr viele Lektionen gelernt, und die nützlichste davon war, meine Schutzmauern aufrechtzuerhalten und so fest zu verschließen, dass Verbannte mich nicht wittern konnten, wenn ich mich wirklich darauf konzentrierte.

So wie jetzt– dem dünnen Schweißfilm nach zu urteilen, der sich auf meiner Stirn gebildet hatte.

Die Verbannten ließen den riesigen Baumwollsack fallen, den sie über den Boden geschleift hatten, und machten ihn auf. Zum Vorschein kamen drei verstümmelte Leichen, die zu den anderen drei entstellten gelegt wurden, die bereits da lagen.

Von meinem Blickwinkel aus war es schwierig zu sagen, wie alt die Leichen waren, und ob der Geruch einen Hinweis darauf geben konnte, wusste ich nicht – der Gestank nach Tod und Fleisch beherrschte diesen ganzen Ort.

Kein Wunder, dass es den Verbannten hier so gut gefiel.

Normalerweise machten sich Verbannte nicht die Mühe, hinter sich aufzuräumen – es spielte keine Rolle, ob man Spuren hinterließ. Normalerweise genossen sie das Chaos und die Verzweiflung, die sie hinterließen. Doch diese hier nicht. Diese Verbannten der Finsternis arbeiteten für jemand anderes. Sie waren einem Plan gefolgt, nach einer Abschussliste vorgegangen; das alles war zu gut durchdacht, als dass einer von ihnen der führende Kopf hätte sein können. Laut unseren Informationen waren sie angeheuert worden. Eigentlich war so etwas unter ihrer Würde, doch offenbar hatte diese Gruppe von Verbannten den Auftrag für spannend genug befunden, um die Demütigung, für den Höchstbietenden zu arbeiten – selbst wenn es ein Mensch war –, in Kauf zu nehmen.

Was den milliardenschweren Geschäftsmann angeht, nun ja, das fällt nicht in mein Ressort, aber irgendjemand wird ihm einen Besuch abstatten. Gleich danach werden sämtliche Beweise für seine Vergehen – abzüglich der Aktivitäten der Verbannten – an die Behörden weitergegeben, und seine Bankkonten werden erheblich abgeschöpft werden, um für die Zukunft der Familien seiner Opfer zu sorgen. Und für unser Honorar, natürlich.

Das, dank gewisser Leute, völlig maßlos ist.

Zwei der Verbannten waren makellos gekleidet: Einer von ihnen trug einen stahlgrauen Anzug und hatte sein Haar in Gaunermanier nach hinten gegelt; der andere trug einen schwarzen Anzug mit schmalem Revers, der seine groß gewachsene Gestalt umschmeichelte und seine modisch zerzausten hellbraunen Haare zur Geltung brachte. Die übrigen vier trugen Freizeitkleidung und waren weniger bemerkenswert, aber auch sie gaben ein perfektes Bild ab. Alle sechs sahen sich die Leichen an wie Fischer, die Größe und Qualität ihres Fangs vergleichen. Meine Hand streifte meinen Dolch, die Klinge, die ich erhalten hatte, nachdem ich vor drei Jahren meine Kräfte empfangen hatte und eine Grigori geworden war. Ich trug ihn immer bei mir. Ich hatte sogar ein Futteral an meinem Bett, damit ich ihn, wenn nötig, rasch ziehen konnte.

Ich hatte auf die harte Tour gelernt – durch den Tod und das Leiden von Menschen, die ich liebte, und seltsamerweise durch meinen eigenen Tod und mein eigenes Leiden –, dass Verbannte vor nichts zurückschrecken. Ihr Wahnsinn und ihre fehlgeleiteten Missionen kennen keine Grenzen, und es macht ihnen Spaß, der Menschheit großen Kummer und Schmerz zu bereiten.

Zumindest heute Nacht würde ich nur Verbannten der Dunkelheit begegnen. Vor ein paar Jahren hatten die beiden entgegengesetzten Seiten – die Verbannten des Lichts und die der Finsternis – einen Waffenstillstand geschlossen. Doch ich bemühte mich natürlich, nicht mehr an diese Zeit zurückzudenken.

Ich bemühte mich die ganze Zeit.

Eine Schrift, die allen Grigori ein Ende setzen konnte, war entdeckt worden und mir in die Hände gefallen. Das an sich war schon ein Teil der Begründung, weshalb mich der Rat abgelehnt hatte. Man beschuldigte mich, mit dem dunklen Verbannten Phoenix verhandelt zu haben. Meine Entscheidung hatte es ihm erlaubt, Lilith – seine Mutter, die erste Verbannte der Finsternis – von den Toten auferstehen zu lassen, und sie hatte sich der Grigori-Schrift bemächtigt. Meine Entscheidung war zu diesem Zeitpunkt einfach gewesen. Phoenix hatte Steph, meine beste Freundin, in seiner Gewalt gehabt, und ich war nicht bereit gewesen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Ich habe diese Entscheidung niemals bereut – anders als viele andere Entscheidungen, die ich getroffen habe.

Letztendlich war es dadurch leichter, einen Platz in der Akademie abzulehnen, nachdem Josephine ihre Meinung geändert hatte. Das geschah natürlich erst, nachdem ich mein Leben aufgegeben hatte, Lincolns Seele zerbrochen und Phoenix gestorben war – wodurch er bewiesen hatte, dass er nicht nur der Sohn von Lilith war, sondern auch der menschliche Sohn Adams, des ersten Menschen. Das alles war geschehen, damit ich Lilith töten konnte. Und das waren nicht mal die Gründe, über die ich mich bemühte, nicht nachzudenken.

Aber mit ihnen kann ich mich im Moment nicht befassen.

Ich ertappte mich selbst: Ich war bei der Arbeit, und das Letzte, was ich mir jetzt leisten konnte, war, mir einzugestehen, dass ich an ihn dachte.

Die sechs Verbannten machten sich daran, die Überreste der Leichen auf den Verbrennungsofen zuzuschieben, und warfen sie dann achtlos mit ihren übernatürlichen Kräften hinein. Fast hätte ich erwartet, dass sie versuchen würden, Hackfleisch aus ihnen zu machen und es auf Tabletts zu häufen, um es am nächsten Tag zu verkaufen. Ihnen würde ich alles zutrauen.

»Vergesst nicht, ihnen den Zeigefinger abzuschneiden«, befahl einer der Verbannten im Anzug. »Mr George erwartet, dass ich sie ihm heute Abend liefere.«

Was für ein Pech. Aber ich bin mir sicher, dass trotzdem jemand an Mr Georges Tür klopfen wird.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum wir ihn nicht auch einfach umbringen«, sagte ein anderer.

»Willst du mich herausfordern?« Der Verbannte, der zuerst gesprochen hatte, trat vor.

Der, der gefragt hatte, tat es ihm nach.

Na also.

»Wenn es sein muss.«

Verbannte geben nie nach. Ihr Stolz und ihre Ichbezogenheit, kombiniert mit ihrem ganz eigenen Wahnsinn, lassen sich einfach nicht ignorieren. Engel sind nicht dafür gemacht, körperliche Gestalt auf der Erde anzunehmen. Obwohl sie schon seit Ewigkeiten existieren, entwickeln sie in einem menschlichen Körper Gefühle, die ihr ursprüngliches Wesen nicht verkraften kann. Das macht sie instabil. Und nahezu unaufhaltsam.

Ich rutschte in eine bessere Position und wartete geduldig, weil ich wusste, dass sich dies zu meinen Gunsten auswirken würde.

Und wirklich: Der Verbannte, der zuerst gesprochen hatte, schlug auch als Erster zu und legte sich mit dem Verbannten im Anzug an. Es dauerte nicht lang. Der Anzugträger war eindeutig der ältere der beiden und ein echter Kämpfer – vermutlich von den Mächten oder den Herrschaften; er überwältigte seinen Gegner, brach ihm das Genick und riss ihm rasch und routiniert das Herz heraus.

Wir hatten unsere Methoden, ihr unsterbliches Leben zu beenden, sie hatten ihre.

Heute muss wohl mein Glückstag sein. Jetzt muss ich mich um einen Verbannten weniger kümmern.

Ich sah auf die Uhr und seufzte. Wenn die Show nicht langsam anfing, wäre die Zeit vergangen, die ich für mich alleine hatte. Und ich bevorzugte stets, allein zu kämpfen.

Der Sprung auf den Boden war mindestens zwei Stockwerke tief, doch dank meiner engelhaften Fähigkeiten landete ich leichtfüßig hinter den Verbannten.

Ich atmete ruhig durch und ließ meine Kraft los, die ich in mir gehalten hatte – gerade genug, um meine Schutzschilde senken zu können.

Die Verbannten, die gerade noch mit ihrer Prahlerei beschäftigt gewesen waren, erstarrten sofort und wirbelten dann herum, um sich der neuen Bedrohung zu stellen. Der überraschte Ausdruck auf ihren Gesichtern war beinahe lustig. Wahrscheinlich hatte sich bisher noch nie ein Grigori an sie herangepirscht.

Der Verbannte im Anzug reagierte schnell und trat vor, wobei er zwei andere zur Seite schubste; die fünf bildeten rasch einen Halbkreis um mich herum.

Wie nett von ihnen, dass sie sich der Reihe nach aufstellen.

Doch an der Art und Weise, wie er mich musterte – mit dem typischen Verbannten-Wahnsinn und der unverhohlenen rohen Begierde –, merkte ich, dass er mich erkannte. Das passierte von Zeit zu Zeit.

Am liebsten hätte ich mich hingesetzt und mit ihnen geplaudert. Echt. Ich konnte mir keinen besseren Zeitvertreib vorstellen als zu hören, wie sie mir die Gliedmaßen ausreißen wollten und wie sie dadurch großartig wie Götter werden würden und ich der armseligste aller Menschen. Doch wenn man das alles schon mal gehört hat und immer davongekommen ist – oder wenigstens davongetragen wurde –, während sie ihrem endgültigen Urteil zugeführt wurden, dann wird es langweilig. Deshalb kam ich gleich zum Kern der Sache.

»Ihr habt eine Wahl. Trefft sie oder ich treffe sie für euch«, sagte ich und wusste, dass ich von allen Grigori die Einzige war, die das Recht hatte, dies so auszudrücken. »Entscheidet weise«, betonte ich. Ich konnte sie wie alle anderen Grigori mit einer unserer Klingen zurückschicken, doch wenn ich es darauf anlegte, konnte ich ihnen auch ihre engelhafte Stärke nehmen und sie als Mensch zurücklassen – ein Schicksal, das die Verbannten als schlimmer erachteten als eine Ewigkeit in den feurigen Gruben der Hölle. Soweit ich wusste, war ich die einzige Grigori, die das konnte, ohne dass der betreffende Verbannte zuvor in ein solches Schicksal einwilligen musste. Was natürlich ohnehin nicht passierte.

»Du hast Lilith vernichtet«, sagte der Anzugträger, den Kopf auf die Seite gelegt, als wäre er verwirrt.

Ja, richtig, das war meine Wenigkeit.

Und es hat mich nur alles gekostet, was mir lieb und teuer war.

Ich zog die Augenbrauen nach oben. »Die Zeit ist gleich abgelaufen«, sagte ich und widerstand der Versuchung, kurz die Augen zu schließen, weil ich spürte, wie meine Kraft in mir anschwoll, etwas, das immer häufiger passierte. Ich wurde stärker, und ich brannte absolut nicht darauf herauszufinden, was das genau bedeutete und wie ich es mir zunutze machen konnte.

Ich konnte ihnen allen ihre Kraft nehmen, die Wahl für sie treffen und fertig. Aber bisher hatte ich das nur zwei Mal getan. Onyx war mein Erster gewesen, und ich hatte den Schmerz gesehen, den er dadurch erleiden musste. Mir gefiel der Gedanke nicht, dass ich diejenige war, die ihm die Wahl genommen hatte. Wer war ich, dass ich so etwas tun konnte? Der Zweite war zur Demonstration, der betreffende Verbannte erlitt einen raschen Tod. Ich kann nicht sagen, dass ich das bereute – er hatte zu den Verbannten gehört, die gejubelt hatten, als ich an ein Kreuz gehängt und stundenlang gefoltert wurde –, aber trotzdem …

Heute Nacht war jedoch eher so etwas wie ein Training, und man hatte mir beigebracht, gründlich zu sein. Der Anzugträger schleuderte mir den ersten Verbannten hin – er wusste, dass das nichts weiter als eine vorübergehende Ablenkung war –, und ich machte mich an die Arbeit.

Ich machte mich bereit, ergriff meinen Dolch und brachte mich in Position. Sobald der Verbannte in Reichweite kam, stieß ich ihm den Dolch durchs Herz und er war nicht mehr da. Einfach verschwunden. Wohin ging ihre körperliche Gestalt? Keine Ahnung.

Ich wirbelte bereits herum, als der Zweite auf mich zuflog. Mein Fuß bremste seinen Schwung und schleuderte ihn zurück. Augenblicklich war ich über ihm und mein Dolch stach direkt in sein Herz. Man musste nicht unbedingt das Herz treffen, um sie zurückzuschicken, es genügte ein tödlicher Stich mit einer Grigori-Waffe. Man konnte Verbannte den ganzen Tag lang mit einem Gartenmesser abstechen oder mit einer Pistole auf sie schießen, aber nichts davon funktionierte. Ich habe nie gesehen, dass ein Grigori es geschafft hätte, einem Verbannten mit bloßen Händen das Herz herauszureißen, und auch wenn dieser Trick funktionierte, wenn Verbannte dies mit anderen Verbannten machten, sagte mir irgendetwas, dass sich dadurch unsere Regeln nicht ändern würden. Bleibende Ergebnisse bei Verbannten erzielten Grigori nur durch die Klingen der Engel.

Oder durch mein Blut.

Der dritte Verbannte erlitt mehr oder weniger dasselbe Schicksal, und schon bald waren nur noch die beiden Anzugträger übrig, die mich umkreisten. Zu meiner Überraschung arbeiteten sie tatsächlich zusammen – Verbannte sind darin nicht gut – und drängten mich in eine Ecke. Der braunhaarige Verbannte mit dem schwarzen Anzug startete einen Angriff, während der andere so tat, als würde er von rechts auf mich zukommen. Ich musste einen Faustschlag ins Gesicht und einen Fußtritt in den Magen einstecken.

Ich hörte es knacken, als meine Rippe brach. Doch die Schmerzen registrierte ich gar nicht. Diese Art von Schmerz war kaum mehr als ein Prickeln im Vergleich zu den Qualen in meinem Inneren, die ich jeden Moment an jedem einzelnen Tag erlitt.

Mein Zögern bot dem anderen Verbannten die Gelegenheit auszuholen. Sein Fuß kollidierte so heftig mit meiner Hand, dass mein Dolch durch den Raum flog. Mein Blick ruhte weiterhin auf meinen Angreifern, doch mein Ohr lauschte der Waffe, wie sie vibrierte, als sie über den Betonfußboden schlitterte und schließlich mit einem Klirren auf die gegenüberliegende Wand prallte.

Die Verbannten lächelten.

Ich seufzte.

Dann machte ich einen Sprung, so hoch, dass ich die Kehle des braunhaarigen Verbannten zwischen meinen Knien zu fassen bekam. Ich drehte meinen Körper im Fall und riss den Verbannten mit mir zu Boden, wobei sein Genick mit einem lauten Knacken brach.

Das würde ihn zwar nicht endgültig erledigen, aber ein gebrochenes Genick verschaffte mir Zeit.

Der Verbannte in dem grauen Anzug packte mich grob von hinten und schleuderte mich gegen die Wand.

Ich stöhnte, während ich an dem Metallrohr herunterglitt, gegen das mein Rücken geprallt war. Mein Dolch lag an der Wand gegenüber.

Verdammt.

Das war keine ideale Situation. Und ich war nicht so verrückt zu glauben, ich könnte es bis zu meinem Dolch schaffen. Ich bereute meine Entscheidung, heute Abend keine anderen Waffen mitzunehmen, aber mein Dolch war die einzige Waffe, die für das menschliche Auge unsichtbar war, solange sie in ihrem Futteral steckte.

Denk nach, Vi.

Ich war hinter einer Wand aus alten Kisten gelandet. Ich dachte gerade darüber nach, wie ich sie für meine Zwecke einsetzen könnte, als ich ein Stück dünnen Metallrohrs entdeckte, das ich bei meinem Sturz abgebrochen hatte. Es lag neben meinem Fuß.

Ich konnte die Verbannten auf mich zukommen hören. Sie lachten meckernd.

»Wir sollten ihre Leiche heute Abend mit auf das Turnier nehmen«, sagte der eine.

Der andere lachte. »Das würde die Dunklen bestimmt in Führung bringen.«

»Und alle wüssten, dass wir diejenigen waren, die sie getötet haben.«

Ein klarer Fall von voreiliger Siegesgewissheit.

Ohne nachzudenken, zog ich das Armband von meinem linken Handgelenk und benutzte den extra dafür entwickelten Verschluss, um das Fleisch um das silberne Muster herum aufzuschlitzen, das momentan wegen der Anwesenheit der Verbannten herumwirbelte, und ließ es auf das Ende der Metallstange tropfen.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, doch schon als ich das Rohr packte, fingen die Verbannten an, die Kisten beiseitezuwerfen, und kamen in Sicht. Vor Vorfreude lächelten sie breit.

Ich stand auf. Ihr Lächeln erwiderte ich nicht. Ich machte mir nicht die Mühe, irgendetwas zu tun, was nicht unbedingt erforderlich war

Ich machte einen Satz, stieß den Ellbogen ins Gesicht des schwarzhaarigen Verbannten und rammte das Metallrohr in das Herz seines Kameraden. Er verschwand. Ich wandte mich wieder dem ersten Verbannten zu und hoffte, dass noch genug von meinem Blut an diesem Rohr war, damit es funktionierte. Dann setzte ich alles auf meine übernatürliche Geschwindigkeit und stieß ihm das Rohr geradewegs in den Hals.

Auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck purer Überraschung.

Diesen Gesichtsausdruck hatte ich schon mal gesehen.

Ich seufzte und meine Schultern fielen nach vorne, unbefriedigt.

Das war mein Job, ich würde ihn ausüben, solange ich existierte, was eine ziemlich lange Zeit werden konnte. Doch vor zwei Jahren hatte ich akzeptiert, dass es in meiner Welt keine Befriedigung mehr gab.

Keine Märchen mehr.

Nur noch Kälte.

Als ich mich zu der Stelle umdrehte, an der mein Dolch vermutlich gelandet war, veränderte sich meine Umgebung plötzlich.

Ich sah das Lagerhaus nicht mehr. Da waren weiße, schnelle Blitze, hämmernde Hufe. Pferde. Silberstreifen tanzten durch die Luft. Schwerter. Rote Schlieren zerrissen den Himmel. Etwas Scharfes, Tödliches schnitt durch Fleisch – nass und schauerlich. Klauen. Tausende und Abertausende von Wesen, so weit das Auge reichte; sie kämpften erbarmungslos, ohne ein Anzeichen von Ermüdung. Im Zentrum kämpften zwei Krieger in einem gleißenden Licht. Ihre Gesichter konnte ich nicht erkennen.

Ich blinzelte heftig.

Das Bild verschwand und stattdessen stand Gray an der Wand von Lincolns Lagerhalle; lässig ließ er meinen Dolch in der Luft kreisen. »Soll ich jetzt applaudieren?«, fragte er.

Er lehnte an einem Stützpfeiler aus Metall; er sah aus wie Mitte zwanzig, ein Alter, das ich immer den älteren Grigori zuordne – auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie alt er wirklich war –, und trug wie üblich schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Lederjacke. Schwarz war eigentlich die einzige Farbe, in die es sich lohnte zu investieren – auf allem anderen hinterlässt Blut Flecken. Seinen Bart hatte er seit mindestens einer Woche wachsen lassen, doch sein Kopf war glatt rasiert. Die Narben, die sich über seinen Schädel zogen, erzählten eine schreckliche und geheime Geschichte. Grigori bekamen in der Regel keine Narben, also musste das, was auch immer passiert war, geschehen sein, bevor Gray siebzehn wurde.

Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und sah mich um, während ich mich wieder sammelte. Die ganze … Halluzination … hatte nur ein paar Sekunden gedauert. Ich presste den Kiefer zusammen.

Himmel. Da war nichts. Das bildete ich mir nur ein.

Ich ließ mein Armband wieder über dem Muster einrasten und warf ihm einen ironischen Blick zu. »Vielleicht sollte ich Eintritt verlangen.«

Meine Stimme klang normal, aber in meinen Ohren hallten immer noch die Kampfgeräusche nach.

»Nicht wenn die Show so schnell vorüber ist, Prinzessin.«

Ich funkelte ihn an, weil er noch immer auf diesem dummen Spitznamen bestand. »Du hättest ruhig eingreifen und mir zur Hand gehen können.«

»Klar«, sagte er mit einem feierlichen Nicken. »Du hättest aber auch bis zu dem Zeitpunkt warten können, den wir vereinbart hatten.«

Ich wandte kurz den Blick ab. »Und warum bist du schon so früh hier?«, fragte ich, in der Hoffnung, das Thema zu wechseln.

Gray neigte den Kopf. »Weil ich dich kenne.«

Ich schüttelte den verdeckten Vorwurf ab, obwohl er der Wahrheit entsprach. In gewissem Maße.

»So war es einfacher.«

Er warf meinen Dolch in die Luft; ich fing ihn am Heft auf und steckte ihn zurück in sein Futteral.

»Nun, das kannst du den anderen erklären, da kommen sie nämlich gerade.«

Kapitel Zwei

»Kinder, es ist Endzeit! Ihr habt ja gehört, dass der Antichrist kommt, und nun sind schon viele Antichristen gekommen: daran erkennen wir, dass Endzeit ist.«

1. Johannes 2, 18

Gray und ich fanden die anderen Abtrünnigen an der verabredeten Stelle um die Ecke vom Markt.

Als sie uns entdeckten, warf mir Carter einen einzigen Blick zu und schwang sich dann kopfschüttelnd auf die Motorhaube seines Wagens. »Zur Hölle, Leute, sie hat es schon wieder getan.«

Milo und Turk sahen mich streng an. Das erste Mal, als sie mich mit diesen Blicken bedacht hatten, hätte ich es mir fast anders überlegt und wäre nicht noch mal allein zum Kämpfen losgezogen. Doch die Alternative war noch weniger verlockend.

Ich wünschte, ich hätte es so erklären können, dass sie es verstanden. Himmel noch mal, ich wünschte, ich würde selbst alle Gründe verstehen, weshalb es einfacher war, allein zu kämpfen. Ich könnte sagen, dass es an meinem Blut lag. Dass ich einfach nur eines meiner vielen Geheimnisse wahrte, da außer Gray niemand wusste, was ich damit anstellen konnte. Abtrünnige hatten ihre ganz eigenen Gesetze, und ich war immer noch dabei, all die Regeln zu lernen, die angeblich gar keine waren. Oder ich könnte argumentieren, dass ich mich verantwortlich fühlen würde, wenn einer von ihnen verletzt wurde, und ihn heilen müsste; dadurch würde eine Verbindung entstehen, die zwar nicht so wäre wie die zwischen Phoenix und mir, aber trotzdem eine ständige Verpflichtung darstellen würde. Mich von Leuten fernzuhalten war äußerst wichtig geworden für mein Überleben im Alltag.

Eigentlich wusste ich jedoch, dass es eher darum ging, nicht auf jemanden angewiesen zu sein. Und darum, nicht fähig zu sein, einen von ihnen fallen zu sehen.

Nicht dass ich irgendetwas davon zugeben würde. Die Jungs würden mich bei lebendigem Leibe auffressen.

Deshalb zuckte ich stattdessen mit den Achseln. »Ich war früher da und habe eine Gelegenheit gewittert, also habe ich sie genutzt. Müssen wir heute Abend ohnehin nicht noch woandershin?«

Carter zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Von allen Abtrünnigen war Carter der … unberechenbarste. Und der kräftigste. Der Typ hatte einen Körperbau wie ein Güterzug und auch dessen Stärke. Als er sich mit der Hand grob durch das wilde braune Haar fuhr und mich aus schmalen bernsteinfarbenen Augen ansah, tat er das nicht aus Jux.

Als Reaktion darauf verdrehte ich die Augen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er daraufhin knurrte.

»Wir wissen alle, dass der Auftrag bei Weitem nicht so ergiebig ist wie dieser«, sagte er und machte sich gar nicht erst die Mühe, seine Stimme zu senken.

Gelassen verschränkte ich die Arme. »Ihr kommt schon noch alle auf eure Kosten.« Mir war es nie darum gegangen, allein zu profitieren. »Auf diese Weise können wir mit dem anderen Auftrag fortfahren und ihr könnt früher als geplant anfangen zu trinken.«

Milo zwinkerte mir zu und Turk fuhr sich über seinen wasserstoffblonden Irokesenschnitt. Aus beiden Reaktionen las ich heraus, dass sie froh waren über mein Angebot. Carter hingegen stierte mich immer noch an. Er hatte seinen bodenlangen Ledermantel für nichts und wieder nichts angezogen und war angepisst, dass er den Kampf verpasst hatte.

Ich seufzte. »Ich gebe euch eine Runde aus«, bot ich an, woraufhin Carter grunzte; doch dann warf er seine Zigarette weg und rutschte von der Motorhaube.

»Du wirst mindestens ein paar Runden ausgeben, Lila«, sagte er und setzte sich auf den Fahrersitz, während Milo und Turk hinten einstiegen. »Wohin jetzt?«, fragte er Gray.

»Hinten um King’s Cross herum. Das große Gebäude, das von diesen Plakatwänden umgeben ist«, antwortete Gray.

»Das neue Schrager-Hotel?«, fragte ich.

Carter kräuselte die Lippen. Ich nehme an, es war ihm relativ egal, wer der Architekt war. Meine Tage als Künstlerin waren zwar vorbei, aber solche Dinge fielen mir immer noch auf.

»Genau«, sagte Gray. »Du kennst die Vorgehensweise. Das ist ein Auftrag der Londoner Akademie, und sie bezahlen uns dafür, dass wir als Verstärkung dorthin kommen. Wenn du ihnen auf die Füße trittst, werden wir nicht bezahlt. Verstanden?«

Alle nickten, außer Carter, der grunzte und seine Todesfalle von Auto anließ. Er bot mir nicht an mitzufahren, was nervig war, denn so musste ich hinten auf Grays Motorrad mitfahren. Das war nichts Persönliches, aber ich hätte die Todesfalle vorgezogen. Von allen Abtrünnigen stand ich Gray am nächsten, aber Leute in meine persönliche Raumzone zu lassen – und mich hinten auf dem Motorrad an jemandem festzuklammern fiel in diese Kategorie –, gehörte nicht zu meiner Vorstellung von Spaß. Es erinnerte mich an Dinge, die ich nie wieder haben würde.

Dinge, die zerbrochen waren und nicht wieder repariert werden konnten.

An Akademie-Aktionen teilzunehmen vermied ich normalerweise lieber, doch dieser Auftrag war mit zusätzlicher Nachfrage der New Yorker Akademie hereingekommen; ich schuldete den Leuten dort zwar keineswegs einen Gefallen, aber hin und wieder nahm ich einen Auftrag an. Als Gray mir heute von diesem Auftrag erzählt hatte, spürte ich dieses Frösteln im Nacken, auf das ich gelernt hatte zu reagieren, und ich unterzeichnete.

»Du solltest wirklich mal in Helme investieren«, sagte ich nicht zum ersten Mal.

Gray starrte mich ausdruckslos an und stieg auf seine Harley. »Du kannst ja laufen.«

So weit kommt’s noch.

Ich schob mein Bein über den Sitz, wobei ich darauf achtete, einen Abstand zwischen unseren Körpern einzuhalten, und gab einen verächtlichen Laut von mir.

»Dann erwarte nicht, dass ich dich heile, wenn du stürzt und auf den Kopf fällst.« Kaum waren die Worte aus meinem Mund gekommen, erstarrte ich, weil ich mich an die Narben an Grays Kopf erinnerte.

Was war ihm zugestoßen?

Grays Schulter bebte einen Moment, bevor er mir ein wissendes Lächeln zuwarf. »Nicht in meinen kühnsten Gedanken, Prinzessin. Und wenn ich mir keinen Eimer über den Kopf stülpe, wenn ich gegen Verbannte kämpfe, dann werde ich es verdammt noch mal auch nicht tun, wenn ich Motorrad fahre.«

Als er den Motor anließ und losfuhr, wusste ich, dass ich den Kampf verloren hatte. Gray liebte sein Motorrad und die Freiheit, die es verhieß.

Das konnte ich ihm nicht verweigern.

Wir folgten Carters frisiertem Fiat und hielten einen Block von dem Gebäude entfernt neben ihm an. Das letzte Stück gingen wir zu Fuß. Dabei entdeckten wir eine Gruppe von etwa zwölf Grigori, die sich wie geplant nicht weit von der Baustelle entfernt zusammendrängten. Sie waren unter einer »Blendung«, vor menschlichen Blicken geschützt. Sie war vernünftig aufgebaut, aber ich hatte schon bessere und stärkere gesehen. Das machte mir Sorgen.

Die Aktivitäten der Verbannten schienen immer mehr zu werden, und auch wenn die Grigori stark und kompetent waren, war unsere Anzahl begrenzt. Auch wenn immer wieder neue Grigori nachkamen, dauerte es ab dem Zeitpunkt, an dem wir die Essenz eines Engels bekamen, siebzehn Jahre, bis wir unsere Kräfte empfangen konnten. Und dann brauchten wir noch Zeit zum Trainieren. Unsere Anzahl wurde einfach nicht aufrechterhalten. Hatten die Engel dieses Problem nicht vorhergesehen?

Bestimmt hatten sie das.

Und doch fürchtete ich, dass der Moment, in dem wir schließlich überwältigt werden würden, näher war, als wir dachten.

Ich hielt mich hinter den Jungs. Sie dachten sich nichts dabei, als ich meine abgetragene Yankee-Kappe – ein Geschenk von Zoe – aufsetzte und mich in den Schatten bewegte. Wir waren Abtrünnige. Anonymität war unser gutes Recht. Und viele Abtrünnige trauten der Akademie nicht über den Weg.

Die älteren Grigori, die den Einsatz leiteten, begrüßten Gray. Ich erkannte Clive und seine Partnerin Annette von einem früheren Auftrag, den wir ein paar Monate zuvor erledigt hatten – nicht dass ich je mit ihnen gesprochen hätte. Clive und Gray schüttelten sich die Hände und unterhielten sich leise, während ich mir das Team anschaute, das sie zusammengestellt hatten.

Wieder überkam mich ein beunruhigendes Gefühl. Es waren mehr als ein Dutzend Grigori, aber der Großteil von ihnen war jung. Abgesehen von den beiden Anführern sahen nur wenige aus, als wären sie vorbereitet.

Gray kehrte zu der Stelle am Rande der Gruppe zurück, wo wir gestanden hatten.

»Okay, sie haben einen Tipp gekriegt, dass das der Schauplatz eines Turniers sein soll. Wir haben den nördlichen Ein- und Ausgang, er liegt am nächsten. Wir halten die obere Ebene.«

Ich fragte mich, ob das wohl dasselbe Turnier war, von dem die Verbannten gesprochen hatten, mit denen ich es vorhin aufgenommen hatte. Seit Neuestem gab es überall in der Stadt Turniere.

»Wie viele?«, fragte Carter.

»Das wissen sie nicht. Sie haben Informationen, nach denen es eine große Gruppe sein könnte.«

Milo entblößte seine Zähne zu einem Grinsen. »Klar. Bestimmt tauschen sie Rezepte und backen zusammen Brot.«

Die Jungs gackerten.

»Warum sind dann nicht mehr Grigori hier und dazu noch ein paar ältere?«, fragte ich und schnitt eine Grimasse, weil mir klar wurde, dass ich mit meiner kritischen Bemerkung geklungen hatte wie meine Mutter. Aber London war eine große Stadt mit einer unabhängigen Akademie. Ich war überrascht, dass sie nicht mehr aufgefahren hatten, um ihre Macht zu demonstrieren.

»Offenbar sind sie für diese Art von Operation gerade unterbesetzt«, sagte Gray und zuckte mit den Schultern. »Deshalb haben sie uns hinzugezogen, nehme ich an.« Er warf einen Blick auf die anderen. »Lasst uns einfach unsere Arbeit erledigen, unser Geld kassieren und abhauen.«

Wir stimmten alle zu, und ich schob mein Unbehagen beiseite und konzentrierte mich auf die bevorstehende Aufgabe. Als Clive uns zunickte, rannten wir auf den nördlichen Eingang zu; erfreut stellte ich fest, dass es der nächste war, sodass wir den Vorteil hatten, zuerst einen Blick hineinwerfen zu können. Als die Grigori von der Akademie nach und nach in das Gebäude eindrangen, konnte man jegliche Hoffnung auf Geheimhaltung begraben. Sie wussten unsere Abwehrschilde nicht auf die gleiche Art und Weise zu schätzen wie die Abtrünnigen – vor allem unsere kleine Gruppe.

Wir schlüpften durch die Seitentür und durch einen dunklen Korridor, der zu einer weiteren Tür führte. Als Gray sie aufbrach, hörten wir die Geräusche sofort und spannten uns an.

Fleisch gegen Fleisch.

Reißende Geräusche.

Schläge.

Unmenschliches Knurren.

In der Kombination riefen die Laute Assoziationen des Todes hervor.

Langsam traten wir durch die Tür und merkten, dass wir nach unten blicken konnten. Die Bauarbeiten hatten das Gebäude auf eine äußere Schale reduziert, die nichts barg außer einem riesigen Raum.

In den Ecken befanden sich Flutlichter, die beleuchteten, was nur als die Verbannten-Version eines Fightclubs beschrieben werden konnte.

»Vielleicht sollten wir sie einfach weitermachen lassen«, flüsterte Carter und deutete auf die kämpfenden Gestalten unter uns.

Die Idee war eigentlich gar nicht so abwegig. Wenn das so weiterging, wäre die Anzahl derer, denen wir noch gegenübertreten müssten, bald beträchtlich geringer. Im Fightclub der Verbannten gibt es nur eine einzige Regel: Der Verlierer muss sterben. Und im Moment fanden vier Kämpfe gleichzeitig statt; außerdem warteten ungefähr zwei Dutzend weitere, in zwei Gruppen geteilte Verbannte an den Seitenlinien und platzten beinahe vor Ungeduld.

Seit zwei Jahren, seit sich das Bündnis zwischen Licht und Finsternis aufgelöst hatte, das zu dem Zweck geschlossen worden war, alle Grigori auszulöschen, waren öffentlich ausgetragene Kämpfe keine Seltenheit mehr. Aber die vorsätzlichen, planmäßigen »Turniere« waren neu.

Denn bei allen Vorzügen hatte es einen großen Nachteil, ein körperloser Engel zu sein: kein Blut, keine Innereien. Finsternis und Licht bleiben auf immer und ewig Rivalen, doch als Engel sind sie auf eine Art und Weise eingeschränkt, die manche von ihnen nicht akzeptieren können. Wenn sie menschliche Gestalt annehmen, leben sie ihre lang gehegten Fantasien aus. Für Verbannte kamen die irdischen Gaben an Leben und Schönheit weit hinter der Verheißung von Schmerz und Tod.

Ich deutete auf die Spitze des Gerüsts, das in der Mitte der Baustelle stand. »Deshalb können wir sie nicht einfach weitermachen lassen.«

Mindestens zehn Menschen waren oben ans Gerüst gefesselt. Geknebelt, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, waren sie an das Metall gefesselt; sie saßen in der Falle, denn das Gerüst wackelte bedenklich, wenn es von unten Schläge abbekam.

Menschen zu töten war das Ziel und der Preis des Spiels. Das Team, das es schaffte, genug Gegner auszuschalten, um es nach oben aufs Gerüst zu schaffen und über die Menschen herzufallen, hatte gewonnen. Und irgendwo mittendrin saß ein kranker Mistkerl und zählte die Punkte.

Meine Gaben erlaubten es mir, zwischen Verbannten des Lichts und der Finsternis zu unterscheiden; dies trug dazu bei, dass ich mir einen besseren Überblick über das organisierte Chaos da unten verschaffen konnte. Die meisten der Verbannten trugen Kampfkleidung, doch die Mode deckte verschiedene Zeitalter ab. Verbannte neigten dazu, in der Mode jener Zeit stecken zu bleiben, in der sie Mensch geworden waren, deshalb gab es neben typischer Streetwear auch Armeeuniformen, römische Waffen, Ninja-Aufmachungen und natürlich für diejenigen, die sich bis zum Ende für etwas Besseres hielten als die anderen, perfekt gebügelte Anzüge.

So gut aussehend jeder einzelne dieser Verbannten erfahrungsgemäß auch war, dies war keine Kampfszene aus einem Hollywood-Film – und es war kein Kampftraining. Es war eine Zurschaustellung extremer Gewalt, weil alle Mittel erlaubt waren, wenn sie sich aufeinander stürzten; im vollen Bewusstsein, dass es bei jedem Kampf um Leben und Tod ging.

Schweigend sahen wir zu, wie ein Verbannter der Finsternis einem Verbannten des Lichts das Herz herausriss, während die Umstehenden spotteten und zischten, weil sie ebenfalls Blutdurst verspürten. Gleich danach wurde einem weiteren Verbannten des Lichts das Herz herausgerissen – und danach löste sich jeglicher Anschein von Ordnung in Luft auf, weil die übrigen Verbannten des Lichts anfingen, Verbannte der Finsternis willkürlich anzugreifen.

»Um Himmels willen«, murmelte Gray, während er sich das Chaos anschaute.

»Der Vorteil ist, dass sie das wenigstens von denen da ablenkt«, sagte Carter und deutete auf eine Gruppe Grigori, die sich von der gegenüberliegenden Wand her näherten.

»Das wird nicht gut ausgehen, Gray«, sagte ich leise. Sie waren mehr und sie waren verrückter. »Ich gehe jetzt da runter«, sagte ich.

»Gray«, zischte Carter.

Gray blickte über das Blutbad unter sich, zu den Menschen, die oben auf dem Gerüst darauf warteten, dahingemetzelt zu werden, und zu den jungen, unerfahrenen Grigori, die sich bereit machten, sich ins Gefecht zu stürzen. Dann wandte er sich wieder uns zu. Er wusste, dass Carter befürchtete, wir könnten unsere Belohnung verlieren, wenn wir dabei erwischt wurden, wie wir die Sache selbst in die Hand nahmen. Wir hatten den Befehl, auf der oberen Ebene zu bleiben. Doch es dauerte nicht lang, bis Gray erkannte, wie das enden würde, wenn ich nichts unternähme.

»Seit wann hört sie auf einen von uns?«, antwortete er schulterzuckend.

Ich warf Carter ein schmallippiges Lächeln zu, kletterte eilig über das Geländer und sprang die zehn Meter nach unten in der Hoffnung, dass mich weder die Verbannten noch die anderen Grigori sahen.

Ich kam hart auf dem Betonboden auf, verstauchte mir dabei das Knie, bewegte mich aber rasch. Zwei Verbannte entdeckten mich und kamen mit leuchtenden Augen direkt auf mich zu.

Ich warf meinen Dolch nach einem von ihnen, machte dann einen Satz und schlug einen Salto über den anderen. Ich landete hinter ihm und hatte genug Zeit, seinen Kopf zu packen und ihm das Genick zu brechen, bevor er sich abwenden konnte. Ich hob meinen Dolch an der Stelle auf, von der der erste Verbannte gerade verschwunden war, wirbelte herum und rammte die Klinge in den anderen, vorübergehend lahmgelegten Verbannten, bevor ich in den Schatten verschwand. Ich atmete tief durch, kauerte mich nieder und wartete darauf, dass mir der nächste Verbannte nah genug käme, um eine weiteren leisen, wirkungsvollen Angriff zu starten.

In einer Kampfzone verspielten Verbannte ihre Wahl, und ich beseitigte weitere fünf auf dieselbe Weise, noch bevor es die jungen Grigori auf die andere Seite des Erdgeschosses schafften. Ich hatte dazu beigetragen, die Zahl der Verbannten ein wenig zu verringern, aber es gab noch viel zu tun. Turk, Milo und Gray sprangen aus dem Obergeschoss herunter, so wie ich es getan hatte; herzklopfend beobachtete ich, wie sie sich sofort auf den jeweils nächsten Verbannten stürzten.

Gray war ein beeindruckender Kämpfer – heftig und unerbittlich, der Typ, der nicht eine Sekunde zögerte oder langsamer wurde, bis der Auftrag erledigt war. Sein Stil erinnerte mich an … andere Kämpfer. Turk bestand durch und durch aus Muskeln. Er schlug hart zu und erzielte große Wirkung, während Milo listig war. Er holte sie sich, hüpfte um sie herum und rammte ihnen dann blitzschnell seinen Dolch in den Hals; sie sahen es nie kommen.

Als sie sich den Weg frei gemacht hatten, winkte ich sie zu mir in meine dunkle Ecke.

»Ich sehe schon, du hast den ganzen Spaß«, sagte Milo und blickte hinaus auf das rasch größer werdende Chaos. »Wie viele hast du erledigt, fünf?«, fragte er.

»Sieben«, korrigierte ich, wobei ich die Verbannten nicht aus den Augen ließ. In die Londoner Grigori war inzwischen Bewegung gekommen, und die Aufmerksamkeit der Verbannten galt jetzt nicht mehr nur dem Kampf gegeneinander, sondern auch dem Kampf gegen die Grigori; dadurch halfen sie uns, die Oberhand zu gewinnen. Ich atmete gleichmäßig, zog mich weiter in die Ecke zurück, um mich zu orientieren, als mich plötzlich das vertraute Gefühl von kaltem Schweiß überwältigte, der mir über den Nacken lief. Angstvoll ließ ich meinen Blick durch den Raum wandern. Irgendetwas stimmte nicht.

Gray trat neben mich, auch er betrachtete die Szene. Schließlich blieb mein Blick an dem Gerüst hängen, das sich ein paar Stockwerke über uns befand. Clive und Annette kämpften dort gegen zwei Verbannte.

Ich beobachtete, wie die älteren Grigori die Oberhand gewannen, und meine Schultern entspannten sich, als ich ihre Dolche sah, zuerst ihren, dann seinen, die die Verbannten in einem farbenfrohen Grigori-Nebel ausschalteten. Clive stand hinter Annette, beide schauten auf die Kämpfe herunter, um herauszufinden, wo sie jetzt am nötigsten gebraucht wurden.

Doch meine Erleichterung war von kurzer Dauer.

Die Luft verließ meine Lungen, während ich beobachtete, wie hinter ihnen wie aus dem Nichts ein Mann auftauchte; er war klein und kahlköpfig, trug eine Brille und einen hellgrauen Anzug. In einer Hand hatte er eine Aktentasche, die ich kannte. In der anderen eine Art geschwungenes Samuraischwert.

Ich klappte den Mund auf, um Clive und Annette anzuschreien, dass sie sich umdrehen sollten.

Es war zu spät.

Das Schwert bewegte sich schnell und sicher, es spießte sie beide auf, indem sich seine lange Klinge von hinten in ihrer beider Körper schob und ihre Herzen durchbohrte.

Ich sah Annettes bestürztes Gesicht, bevor ihre Augen erloschen; Clives Gesicht konnte ich zwar nicht sehen, aber ich bemerkte seine Hand, die Annettes Hand ergriff – seine letzte Handlung im Leben, bevor sie beide zu Boden gingen.

Plötzlich traf sein berechnender Blick den meinen. Als hätte er gewusst, dass ich da war. Als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass ich zusehe.

Als … hätte diese ganze Vorstellung mir gegolten.

Um seine Mundwinkel zuckte es, bevor er wieder zurück in die Schatten trat.

»Was zum Teufel war das?«, fragte Gray, der noch immer neben mir stand.

»Wirf mich nach oben!«, schrie ich.

Er zögerte nicht, sondern schlang die Finger ineinander und hielt sie mir hin. Ich stieg auf seine Räuberleiter, und er setzte seine ganze Kraft ein, um mich hoch in die Luft zu katapultieren. Ich landete oben auf dem Balkon und rannte auf Clive und Annette zu.

Als ich ihre reglosen Körper erreichte, blickte ich mich hektisch um, aber er war nirgends zu sehen. Ich ließ mich auf die Knie fallen und fühlte ihren Puls. Sie waren tot. Ganz egal, wie groß meine Heilkraft war – die Toten konnte ich nicht wieder zurückbringen.

Carter, der auf der oberen Ebene geblieben war, erreichte mich als Erster.

»Oh, zur Hölle, Lila«, sagte er und kniete sich neben mich. »Geht es dir gut?«

Ich schüttelte den Kopf. »Er hat sie umgebracht, bevor sie überhaupt gemerkt hatten, dass er hinter ihnen war.«

»Bist du sicher, dass es dir gut geht? Du bist weiß wie ein Gespenst«, sagte er. »Waren die beiden Freunde von dir oder so?«

Wieder schüttelte ich den Kopf. Aber Carter hatte recht. Ich hatte etwas gesehen, was mich nach zwei Jahren zum ersten Mal zum Zittern brachte. Etwas, was ein Teil von mir seit jener Nacht jeden Tag erwartet hatte.

Der Verbannte, der mir das Blut abgenommen hat, ist wieder da.

Und er wollte, dass ich das wusste.

Kapitel Drei

»Leben heißt nicht nur atmen, sondern handeln …«

Jean-Jacques Rousseau

Als ich vor zwei Jahren meine Sachen gepackt und zusammen mit Mum und Dad die Stadt verlassen hatte, hatte ich wirklich keine Ahnung gehabt, was vor uns liegen würde. Außer dem ewigen Krieg. Obwohl ich geglaubt hatte, dass es funktionieren könnte mit uns allen, dauerte es nicht lange, bis mir klar wurde, dass zu viel passiert war.

Ich war nicht die Einzige, die sich verändert hatte.

Wir zogen oft um, pendelten zwischen einem halben Dutzend von Mums sicheren Häusern in Europa. Manchmal machten wir uns auf den Weg, um einfach an einen neuen Ort zu gelangen, manchmal deshalb, weil ich spürte, dass er sich näherte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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