Vergessen - Elvie Moritz - E-Book

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Elvie Moritz

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Beschreibung

Aus ihrem alten Leben mit Sohn, Mann und Haus wurde Sarah verbannt und hat keine Erinnerung daran, warum. Als sie ihren Mann zusammen mit ihrer besten Freundin Zoe eng umschlungen in der Fußgängerzone erwischt, vermutet sie hinter ihren Blackouts zum ersten Mal eine Intrige. Haben die beiden ihren psychisch labilen Zustand benutzt, um sie in den Hintergrund zu drängen? Wurde am Ende mit Medikamenten nachgeholfen? Sarah weiß es nicht. Doch endlich hat sie ihren Kampfgeist wiedergefunden - und will nur eins: ihre Erinnerung zurück! Verzweifelt schließt sie sich einer Gruppe an, die sich auf Rückführung per Hypnose spezialisiert hat - und ein gefährliches Spiel beginnt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Aus ihrem alten Leben mit Sohn, Mann und Haus wurde Sarah verbannt und hat keine Erinnerung daran, warum.Als sie ihren Mann zusammen mit ihrer besten Freundin Zoe eng umschlungen in der Fußgängerzone erwischt, vermutet sie hinter ihren Blackouts zum ersten Mal eine Intrige. Haben die beiden ihren psychisch labilen Zustand benutzt, um sie in den Hintergrund zu drängen? Wurde am Ende mit Medikamenten nachgeholfen? Sarah weiß es nicht. Doch endlich hat sie ihren Kampfgeist wiedergefunden - und will nur eins: ihre Erinnerung zurück!Verzweifelt schließt sie sich einer Gruppe an, die sich auf Rückführung per Hypnose spezialisiert hat - und ein gefährliches Spiel beginnt.

 

 

Elvie Moritz wurde im Jahr 1988 in Bayern geboren und lebt inzwischen in Schleswig-Holstein. Sie liebt die Natur und das Abenteuer und kann sich für Berge und Meer gleichermaßen begeistern. Ihre ersten Geschichten schrieb sie im Alter von zehn Jahren.

Sie liebt außergewöhnliche Geschichten mit einer Prise Spannung, viel Romantik und einer tiefgründigen Nebenhandlung.

 

      

 

© 2024 Claudia Miemczyk – alle Rechte vorbehalten

 

Claudia Miemczyk

Fischdiek 53

25524 Itzehoe

 

+4917647794738

[email protected]

https://www.elvie-moritz.de

 

Für Cover und Buchsatz wurden Fotos von Adobe Stock verwendet.

 

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Ohne die schriftliche Zustimmung der Autorin ist jede Verwendung unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Verbreitung, Vervielfältigung, Übersetzung oder öffentliche Zugänglichmachung.

 

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten zu verstorbenen oder lebenden Personen, Orten oder sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar. 

 

 

 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

 

 

Wenn sie das alles so eingefädelt haben? Ein Kloß breitet sich in meinem Hals aus. Kalter Regen prasselt auf mich ein, sodass sich zu meiner Schockstarre eine Kältestarre gesellt und ich reglos verharre. Atemlos, gefühllos und wie in Trance stehe ich da.

Nur wenige Meter von mir entfernt beobachte ich meine beste Freundin Zoe, die sich an meinen Mann schmiegt. Exmann. Okay, wir sind nicht geschieden. Allerdings leben wir auch nicht mehr zusammen. Vor vier Monaten beschloss André, dass ich eine Bedrohung für unseren gemeinsamen Sohn Manuel darstelle. Da Manuel mir das durch sein ängstliches Verhalten mir gegenüber bestätigte, zog ich aus.

Geistesgegenwärtig schiebe ich mich in den Eingangsbereich von einem Kaufhaus, als André und Zoe sich voneinander lösen. Auf keinen Fall dürfen sie bemerken, dass ich sie beobachtet habe. Wenn sie sich gegen mich verschworen haben, sollen sie sich besser weiterhin in Sicherheit wiegen.

Hinter mir öffnet und schließt sich die Glastür und ein Hauch Wärme hüllt mich so plötzlich ein, dass ich zusammenzucke.

Ich fröstele. Meine Hose ist aufgeweicht vom Regen, meine Haare hängen in nassen Strähnen in mein Gesicht. Nur mein Oberkörper ist dank der dicken braunen Winterjacke verschont geblieben. Dass die wirklich noch wasserdicht ist, nach beinahe acht Jahren, grenzt an ein Wunder.

Ich war Mitte zwanzig, als ich sie mir gönnte. Damals war meine Liebe zu André noch frisch und ich hatte gerade erfahren, dass ich mit Manuel schwanger war. Wie vergänglich Liebe doch ist. Wie vergänglich das Leben ist – und die Erinnerung an alles.

Mein Atem geht viel zu schnell und ich befürchte, auf eine Panikattacke zuzusteuern, wenn ich noch länger hier in der Kälte verharre, in meiner körperlich und geistig aufgelösten Verfassung. Ich muss mich dringend aufwärmen und trocknen, ehe ich zur Therapiesitzung gehe.

Meine Hände sind taub und meine Füße schmerzen vor Kälte und Nässe.

Ich drehe mich in die Richtung, in der Zoe und André vor Kurzem noch gestanden haben, kann sie aber nicht mehr erblicken. Verflucht. Sie müssen weitergelaufen sein, während ich mir meine Haare zurechtgestrichen habe.

Seufzend betrete ich das Kaufhaus und suche nach einer Toilette, die sich laut Anzeigetafel ganz oben im fünften Stock befindet.

Schrecklich, denke ich, während ich von der Rolltreppe aus mein Spiegelbild inspiziere. Mein Pony steht wirr in die Luft. Die braunen Haare kleben in leichten Wellen an meiner Stirn. Die Nässe ist einfach überall.

Oben angekommen wühle ich mit zitternden Fingern die siebzig Cent für die Toilette aus meiner Jackentasche und stürze mich dann auf den Händetrockner. Langsam tauen zuerst meine Finger auf, dann nutze ich den Trockner auch noch, um mir die Haare zu föhnen. Zum Glück ist kaum etwas los hier. Vorsichtig richte ich meine Frisur. Meine Handbürste zippt und ich starre wütend auf mein Spiegelbild - auf diese Person, die sich so hat gehen lassen.

Mein Teint sieht noch blasser aus als in den letzten Tagen. Dabei gehöre ich zu den Menschen, die schon bei den ersten Sonnenstrahlen braun werden. Es ist nur so, dass ich im vergangenen Sommer fast nur gearbeitet habe. Im Herbst begann dann das Theater, dass André mir Manuel wegnahm und ich Erinnerungslücken bekam.

Ich lächele mein Spiegelbild unschlüssig an. Mein Pony sieht fast schon wieder ordentlich aus, nur an den Seiten meiner mittellangen Haare befindet sich noch eine völlig zerzauste Stelle.

Wenn ich nicht verrückt bin? Wenn sie es mir nur eingeredet haben? Wenn ich das alles noch retten kann?

Es ist so verdammt an der Zeit, mein Leben endlich wieder in den Griff zu kriegen und die Vergangenheit aufzurollen, nachzuforschen, was wirklich geschah.

»Bitte, Sarah«, flüstere ich meinem Spiegelbild zu, »bitte halte durch und habe die Kraft dazu.«

In einer verrenkten Position föhne ich mir jetzt sogar die Hosenbeine. Ich muss ein völlig irres Bild abgeben, aber dafür ist mir nun wieder warm.

 

Als ich mich auf den Weg zur Therapiesitzung mache, sehe ich beinahe vorzeigbar aus. Und was am wichtigsten ist: Ich bin wieder trocken.

Ich springe in den Bus, dränge mich zwischen die anderen Menschen und greife nach einer Halteschlaufe an der Decke. Zum ersten Mal seit langem habe ich nicht das Gefühl, negativ aufzufallen.

Eigentlich kümmert sich niemand der Mitfahrenden um mich. Eine Frau mit Kinderwagen hat mir Platz gemacht, als ich eingestiegen bin, ansonsten sind die meisten Leute damit beschäftigt, entweder aus dem Fenster oder auf ihr Handy zu starren.

Niemand weiß, dass ich gerade unterwegs zu meiner zehnten Therapiesitzung bin, bei der es sich um mein auffälliges Verhalten letzten Herbst dreht. Damals vor vier Monaten verlor ich auf einen Schlag alles, was mir jemals wichtig gewesen ist: meinen Sohn, meinen Mann und unser gemeinsames Haus.

Ich stoße die dunkelrote Tür des schmalen Altbaus auf, in dem mein Therapeut seine Praxis hat. Der Geruch von altem Gemäuer flutet meine Sinne und ich halte einen Moment inne, um mich zu beruhigen. Wie immer komme ich absolut pünktlich. Keine Minute zu früh, aber auch keine zu spät.

Ich zwänge mich die schmale Holztreppe Treppe hoch in den ersten Stock und streife meinen Mantel ab. Im Wartezimmer starre ich nervös auf den Tisch mit den Zeitschriften. Bislang hat die Behandlung noch keine wirklichen Fortschritte erzielt. Ich kann nicht über etwas reden, was ich nicht verstehe. Wie soll man sich Paranoia, Burnout und Gedächtnislücken eingestehen, wenn man sich schlicht nicht daran erinnert? Jetzt denke ich zum ersten Mal: Vielleicht bin ich gar nicht verrückt.

Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass es schlau wäre, dem Therapeuten von dieser Vermutung zu erzählen. Womöglich würde er mich dann erst recht nicht mehr ernst nehmen. Die Wahnpatientin, die denkt, sie wäre bei klarem Verstand. Ich lache humorlos auf, denn wir befinden uns hier in keinem Film oder Roman, sondern in meinem echten Leben. Es geht um meinen Sohn, um mein Sorgerecht und darum, dass ich meine Mutterrolle weiter pflegen möchte – ohne dass mein Mann André mir den Kontakt zu Manuel noch weiter einschränkt.

»Frau Heinrich?« Die Stimme des Therapeuten reißt mich aus meinen Gedanken und lässt mich zusammenzucken. Die Frauenzeitschrift, in der ich nur zum Vorwand blättere, rutscht mir aus der Hand zurück auf den großen Holztisch, der den Mittelpunkt des Wartezimmers markiert.

Mit gerunzelter Stirn beobachtet Herr Lester mich und ich spüre, wie ich erröte. Erneut eine Situation, die er meiner psychischen Verfassung zuschreiben wird: Ich war abwesend, versunken in meine Gedanken.

Hastig erhebe ich mich, reiche ihm flüchtig die Hand und folge ihm in den behaglich eingerichteten Raum, in dem es statt der klischeehaften Ledercouch nur zwei hellbraune Korbsessel mit einem Glastisch dazwischen gibt.

Die Wand ist mit vielen Ölgemälden ebenfalls in matten Brauntönen gehalten, dazu passend liegt über den dicken alten Dielen ein cremefarbener Teppich – und hinter einem Raumtrenner befindet sich noch ein Schreibtisch.

»Frau Heinrich. Wie geht es Ihnen heute?«, fragt Herr Lester sanft. Sein Gesichtsausdruck zeigt immer noch Besorgnis. Bestimmt hält er mich für ziemlich labil. Ich räuspere mich und trinke erst einen Schluck von dem für mich bereitstehenden Wasser, ehe ich beginne, von meiner Woche zu berichten. Ich erzähle von meinen Projekten in der Arbeit, von meinen Kollegen, die mich entlasten. Dann fahre ich fort mit meinem Chef, der enttäuscht darüber ist, dass ich an meine Leistung von letztem Sommer nicht mehr anknüpfen kann.

Ich vermeide das Thema André und Manuel. Mein Mann und mein Sohn sind der wunde Punkt in meinem Leben. Sie sind der Grund, warum ich überhaupt denke, ich wäre verrückt. Meine Kollegen glauben nichts dergleichen. Gestresst. Ausgebrannt. Überlastet. Das – und nicht mehr als das – ist in meiner Abteilung in der Arbeit über meinen psychischen Zustand bekanntgeworden.

Ich zittere, als ich die Bilder von Zoe und André in der Fußgängerzone noch einmal vor meinem inneren Auge vorbeiziehen lasse. Wie vertraut die beiden miteinander waren.

»Ich will nicht verrückt sein«, sage ich leise. »Ich wünschte, ich könnte mit Sicherheit sagen, dass ich bei klarem Verstand bin.«

»Verrückt, sagen Sie. Frau Heinrich, ich bitte Sie. Sie sind doch nicht verrückt, nur weil es Ihnen im Moment nicht gut geht.«

Mein Atem beschleunigt sich. Ich spüre es, wie mein Puls nach oben schießt und eine unfassbare Wut von mir Besitz ergreift. Meine Hände krallen sich in die Armlehnen des geflochtenen Korbsessels, sodass ein leises Knacken ertönt, aber Herr Lester weist mich nicht zurecht. Stattdessen notiert er mit gerunzelter Stirn irgendetwas auf seinem Notizblock und kratzt sich mit der anderen Hand nachdenklich an seinem ergrauten Kinnbart. Seine Miene ist so kalt und unbewegt, dass ich nicht sagen kann, ob ich ihn auf meiner Seite habe oder ob er kurz davor ist, mich einweisen zu lassen.

Ich greife zu einem Taschentuch aus der Packung auf dem Tisch und putze mir ausgiebig die Nase. Herr Lester ist nun mit Schreiben fertig geworden und überfliegt noch einmal die Notizen, die er soeben gemacht hat.

»Kann es sein, dass ich gesund bin?«, frage ich leise. »Kann es sein, dass André mir meine Aussetzer nur einreden will, um mich aus seinem und Manuels Leben zu drängen? Er behauptet, ich wäre kein guter Umgang mehr für Manuel - aber ich kann mich an nichts von dem, was er mir unterstellt, erinnern! Seit heute frage ich mich, warum ich ihm auch nur eine Sekunde geglaubt habe. Warum habe ich nicht von Beginn an angezweifelt, was er mir unterstellt hat?«

Mit einem Mal ändert sich Herr Lesters Miene und nimmt wieder denselben besorgten Ausdruck an wie ganz zu Beginn. »Wann sehen Sie Ihren Sohn zum nächsten Mal?«

Ich überlege. »Morgen«, hauche ich dann. »Morgen kommt André mit Manuel zu mir.« Ich beginne, unkontrolliert zu zittern, und Herr Lester erhebt sich.

»Frau Heinrich. Wollen Sie an Ihren Gedächtnislücken arbeiten? Wollen Sie mir nicht erzählen, an was Sie sich noch erinnern können? Was ist letzten Herbst passiert? Was hat zu Ihrem Zusammenbruch geführt? Können Sie sich an irgendetwas davon noch erinnern?«

Ich presse die Lippen zusammen und senke den Blick. In meinem Kopf hat sich ein dichter Nebel breitgemacht. Ich atme tief ein und hoffe, meine Gedanken so ordnen zu können. So sehr ich auch versuche, mich an damals zu erinnern, da ist nichts. Das, was Herr Lester von mir wissen möchte, weiß ich selbst nicht. Unendliche Leere macht sich in mir breit. Es ist frustrierend, in seinem Gehirn nach Erinnerungen zu kramen und stattdessen nur Anschuldigungen und Berichterstattungen Dritter zu finden.

Erinnere ich mich nicht, weil ich anfange, den Verstand zu verlieren? Oder erinnere ich mich nicht, weil das, woran ich mich erinnern sollte, niemals stattgefunden hat? Verdammt, warum zieht Herr Lester diese Option nicht einmal in Erwägung?

Ich starre reglos vor mich hin und ein paar Sekunden lang schweigen wir uns an.

»Hören Sie. Ich würde Sie gern krankschreiben lassen, für zwei Wochen. Was halten Sie davon? Versuchen Sie, sich zu entspannen. Sie sind heute das reinste Nervenbündel.«

Er glaubt mir nicht. Natürlich nicht. Er ist Therapeut, kein Anwalt. Es ist sein Job, Geld mit den psychischen Problemen anderer Menschen zu verdienen – und mit nichts anderem. Erneut überrollt mich eine Welle der Hilflosigkeit, weil ich mir einen Anwalt nicht leisten können werde – und nicht weiß, ob ich nicht doch einfach spinne.

Nun weine ich wirklich. Heute ist der Tag, an dem ich zum ersten Mal seit Monaten glaube, nicht verrückt zu sein – und ich werde krankgeschrieben. Ist das nicht ironisch?

Die Tränen nehmen mir jedoch die Kraft für eine Antwort, sodass ich nur schwach nicke und Herrn Lester ein missratenes Lächeln schenke.

Herr Lester erwidert es zufrieden und geht zu seinem Schreibtisch, um wenig später mit einem Zettel zu mir zurückzukommen. »Das ist die Empfehlung für Ihren Hausarzt. Er wird Sie krankschreiben, dann kommen Sie zur Ruhe.«

Ich falte den Zettel, sodass er in meine Handtasche passt, erhebe mich und reiche Herrn Lester die Hand zum Abschiedsgruß.

 

 

»Und du musst wirklich noch arbeiten?« Zoe blickt mich mit gerunzelter Stirn an. »Obwohl heute Samstag ist?«

Ich seufze. Eigentlich wünschte ich selbst, es wäre anders. Wenn ich André mit Manuel sehe, bricht es mir das Herz, weil ich gern dabei wäre, wenn sie zusammen lachend durch den Garten tollen.

Manuel wird so schnell groß. Gerade das letzte Jahr verging wie im Flug. Jetzt ist er bereits in der zweiten Klasse – bald wird er Teenager sein, vielleicht seine erste Freundin mit nach Hause bringen.

Allerdings ist mein Projekt in der Arbeit wichtig. Es bietet mir die Chance auf einen steilen Aufstieg in meiner Karriere als Architektin. Der Vertrag ist längst unterzeichnet, ich habe meinem Chef schon vor Wochen zugesagt.

»Ja, ich muss heute arbeiten. Leider«, seufze ich und Zoe verzieht das Gesicht. »Ich brauche doch nicht mehr lange, lass mich nur noch etwas fertig machen. In ein bis zwei Stunden ist das erledigt«, sage ich und stupse sie in Richtung Terrassentür. Wir treten beide kurz hinaus und sehen nach den Männern.

»Ich will zum Spielplatz«, höre ich Manuel quengeln. »Ich will trainieren, beim Schaukeln vom höchsten Punkt abzuspringen!«

»Klingt irgendwie gefährlich«, sagt André und schaut ihn an. »Nicht, dass du am Ende so kräftig schaukelst, dass du einen Looping drehst und die Schaukel sich am Gerüst aufrollt.«

Manuel bekommt große Augen. »Hast du das mal gemacht? Dann will ich das auch können!«

Ich muss lächeln. Ja, die beiden haben Spaß zusammen. André fordert Manuel heraus, neckt ihn und ist immer für ihn da. Ich muss mir keine Sorgen machen, dass den beiden je langweilig wird, wenn ich einmal eine Stunde länger arbeiten muss.

Außerdem ist Zoe ja auch noch da und kann eingreifen, wenn es zu verrückt wird.

Ich drücke kurz ihre Hand und bedanke mich für ihr Einspringen und dass sie bereit ist, ebenfalls mit Manuel zu spielen. Dann ziehe ich mich in mein Büro zurück.

Ein wenig nagt das schlechte Gewissen an mir, da mir bewusst wird, dass André heute seinen freien Tag hat. Immer öfter nimmt André sich den Samstag frei, weil es in letzter Zeit unwahrscheinlich geworden ist, dass ich am Wochenende überhaupt aus meinem Home Office Büro komme. André arbeitet im Einzelhandel, da sind freie Samstage auch nicht die Regel. Dennoch lässt sich sein Job im Baumarkt mit einer Familie besser vereinbaren als das Projekt, das ich seit Neuestem bearbeite und das mich an manchen Tagen bis spät in die Nacht beschäftigt.

Ich lasse mich auf den Schreibtischstuhl sinken, ziehe die Jalousien herunter, knipse die kleine Tischlampe an und klappe den Laptop auf.

Die Stimmen von der Terrasse verstummen, vermutlich hat Manuel es geschafft, seinen Papa zu überreden, mit ihm zum Spielplatz zu gehen.

Das Wetter sieht toll aus für Ende September. So warm und windstill. Vielleicht komme ich nach, sobald ich hier fertig bin – falls ich vor Sonnenuntergang fertig werden sollte.

Ich klicke die PDF mit den Vorgaben an und starte dann meine Programme. Binnen Sekunden vertiefe ich mich in mein neues Projekt. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich meinen Chef davon überzeugt habe, die Richtige dafür zu sein, kribbelt es mir noch immer bis in die Fingerspitzen. Nie hätte ich damit gerechnet, mit solch einer Aufgabe betraut zu werden.

Das Gebäude soll direkt in Hamburg entstehen, in der Nähe vom Dammtor. Hightech, moderne Arbeitsräume und offene, miteinander verbundene Büroräume - so lautet die Devise, die sich durch das gesamte Erscheinungsbild zieht. Der Kunde hat sich von Anfang an gewünscht, ein mit diesem Bauwerk ein Statement zu setzen. Schon bei den ersten Meetings hat er mich in eine Spirale aus mehr, mehr und mehr gepusht. Ich habe für diesen Kunden gebrannt – vom ersten Moment an. Das Projekt wirkte so gewagt, so gewaltig und gewichtig, dass ich keinen Fehler machen durfte.

Doch statt mich in meinem Eifer zu bremsen, beflügelte mich jedes einzelne Meeting und spornte mich zu Höchstleistungen an.

So kannte ich mich bisher nicht.

Ich wünsche mir, noch mehr Projekte für diesen Kunden und in dieser Branche austüfteln zu dürfen. Erneuerbare Energien – Bürogebäude – modernes Arbeiten. Manchmal glaube ich, ich würde träumen, wenn ich meinen Namen auf dem Flyer sehe – als Projektleiterin.

Neben mir vibriert das Handy und ich fahre hoch, so vertieft war ich in die Zahlen auf meinem Laptop.

Ich greife seufzend nach dem Smartphone und entsperre den Bildschirm. Die Benachrichtigung zeigt ein Foto, das Zoe mir vor wenigen Sekunden zugeschickt hat.

Ich klicke darauf und ein Lächeln zaubert sich auf mein Gesicht: Das Foto zeigt Manuel beim Schaukeln. ›Wie lange brauchst du noch? Sind nach einem kleinen Herbstspaziergang gerade am Spielplatz angekommen‹, steht direkt darunter, gefolgt von einem Heiligenschein-Smiley.

Ich starre noch einmal auf den Monitor, dann auf die dunklen Jalousien, durch die am Rand die Sonne durchlugt und mich durch ihr buntes Lichtspiel ebenfalls nach draußen locken will.

›Ich komme in vierzig Minuten. Werde heute Abend weiterarbeiten‹, tippe ich und klicke mich durch die aktuell geöffnete Excel-Liste.

Tatsächlich dauert es nur eine halbe Stunde, bis ich mit mulmigem Gefühl den Laptop zuklappe.

Ich sollte das nicht schleifen lassen, denke ich. Aber ich kann am Abend weitermachen. André wird es verstehen – so wie er es immer versteht.

Ich möchte Teil von Manuels Leben sein. Ich möchte sehen, wie er sich traut, beim Schaukeln abzuspringen, so wie seine Freunde es schon letzten Sommer getan haben. Ich möchte ihn halten, während er den Baum auf dem Spielplatz hochklettert, was er sich seit Wochen vornimmt.

Zoe schickt mir drei Daumen nach oben im Whatsapp zurück, als ich ihr schreibe, dass ich mich nun fertig mache - und ich schmunzele, greife nach meinem Schlüsselbund, streife die Jacke über und verlasse eilig das Haus.

Ein Glück, dass ich Zoe habe. Ohne sie wäre ich völlig aufgeschmissen.

Ich beschleunige meinen Schritt. Ein kühler Windhauch wirbelt das Laub vor mir auf der Straße hoch und kündigt den Abend an. Die Nachmittage vergehen im Herbst viel zu schnell, wenn man vertieft in seine Arbeit ist.

Ich biege in den Waldweg, der zu dem Spielplatz führt, und beginne, zu joggen. Sie werden sich wundern, dass ich so schnell bin, denke ich noch und lache, während die bunt verfärbten Baumwipfel neben mir in der sanften Brise wippen.

Wenig später erreiche ich den Spielplatz und keuche. Wann habe ich zuletzt Sport gemacht? Ich blinzele gegen die Schwärze an, die sich vor meinem inneren Auge ausbreitet, und lehne mich an einen Baumstamm. Mit zusammengekniffenen Augen beginne ich, die Sandfläche, die ein paar Meter vor mir beginnt, nach Manuel abzusuchen.

Dann sehe ich ihn. Er sitzt auf der Schaukel, lässt sich von Zoe und André anfeuern, die mit Smartphones bewaffnet um ihn herumhüpfen.

Ich lächele, auch wenn ich einen kleinen Kloß in meinem Hals spüre. Ich sollte an Zoes Stelle sein. Ich sollte die Frau mit dem bunten Schal sein, die lachend um Manuel herumtanzt und jede Bewegung von ihm auf Video festhält, während André sie mit Stolz und Dankbarkeit aus einiger Entfernung beobachtet.

Als Manuel schließlich von der Schaukel springt, johlen André und Zoe gleichzeitig.

»Bravo!«, rufe jetzt auch ich und setze mich wieder in Bewegung, um die letzten Meter auch noch hinter mich zu bringen. »Ganz toll gemacht, Schatz!«

Manuel blickt mich unsicher an, als ich auf ihn zugehe, dreht sich dann zu seinem Papa um, der ihm aufmunternd zunickt. Dann erst kommt Manuel auf mich zugelaufen und hält sich an dem Ärmel meiner Jacke fest. »Komm. Du musst jetzt auch schaukeln«, sagt er.

»Gleich, Schatz. Erst begrüße ich Papa.« Ich strubbele ihm durchs Haar, er läuft zurück zur Schaukel und ich trete auf André zu. »Hey«, sage ich. »Hier bin ich.«

Er grinst und zieht mich in eine lange und leidenschaftliche Umarmung.

Als ich mich löse, entdecke ich unsere Nachbarin Gesa, die mit ihrer Tochter zusammen von der Rutsche zu uns hinüberblickt.

Sie winkt, als sie mich bemerkt, und auch ihre kleine Tochter ruft freudig meinen Namen.

Plötzlich fühlt es sich an, als wären wir alle eine große Familie und als wäre ich mittendrin. Sie stehen alle hinter mir – auch wenn ich einmal nicht da bin, auch wenn ich einmal viel zu tun habe.

 

 

Desillusioniert starre ich an die Decke von meinem Apartment. Gestern war André mit Manuel hier gewesen und das Treffen mit den beiden war genauso absurd abgelaufen wie alle vorherigen ebenfalls. Seltsam ist dafür gar kein Wort. Es war verstörend, unwirklich und grausam. Es war nun schon das vierte oder fünfte Treffen dieser Art, aber ich gewöhne mich einfach nicht daran.

André würde mich am liebsten anleinen und fesseln, während er mit Manuel bei mir ist, damit ich bloß nichts machen kann, was Manuel Angst einjagt.

Warum der Junge mir nicht mehr traut, ist mir völlig schleierhaft. Doch je mehr André ihm das Gefühl gibt, ich wäre verrückt, desto mehr zieht Manuel sich vor mir zurück. Dabei bin ich seine Mutter. Er sollte mir intuitiv vertrauen. Aber vertraue ich mir selbst? Ein unangenehmes Kribbeln streichelt mir die Wirbelsäule hinab und eine Träne bahnt sich ihren Weg durch mein Gesicht. Verflucht, wenn ich bloß wüsste, was vor drei Monaten bei der Trennung wirklich passiert ist!

Ich war so vertieft in die Arbeit, in mein Projekt, dass ich einfach nicht merkte, wie alles, was mir einst wichtig war, an mir vorbeizog.

Erst als es längst zu spät war, sah ich wie durch eine dicke matte Scheibe das Resultat: Ich stand längst im Abseits. Ausgegrenzt aus meiner eigenen Familie, beschuldigt, eine Gefahr für mein eigenes Kind zu sein. Ich war nicht mehr fähig, Termine mit ihm zu halten. Nicht fähig, geduldig mit ihm umzugehen.

Warum erinnere ich mich an keine konkrete Situation, in der ich Fehler machte? Ich kauere mich unter der karierten Sofadecke zusammen, starre auf den Boden und frage mich zum wiederholten Mal, warum ich mir keinen rechtlichen Beistand gesucht habe. Stattdessen habe ich eingewilligt, mir eine eigene Wohnung zu suchen, Manuel nur noch alle zwei Wochen zu sehen und eine Therapie zu beginnen.

Ich stand so neben mir, völlig unter Schock angesichts der Anschuldigungen, dass ich nicht die Kraft hatte, auch nur einen der Vorwürfe anzuzweifeln. So kam es, dass ich stattdessen widerstandslos einwilligte, täglich mehrere Pillen Beruhigungsmittel zu schlucken und mich zu betäuben, während André und Zoe anscheinend längst mehr sind als Freunde.

Die Dose hochkonzentrierter Tabletten auf meinem Wohnzimmertisch verhöhnt mich geradezu. Ich weiß, ich werde gleich danach greifen und meine Pflicht tun, mich ruhig zu stellen. Es ist wieder Zeit.

Ich wische mir die Tränen ab, kippe zwei der Pillen in meine Hand und spüle sie mit einem kräftigen Schluck Wasser hinunter.

Du hast wirres Zeug geredet. Du warst nicht da, als Manuel nach dir gerufen hat, dabei standest du neben ihm. Dies und vieles mehr hat André mir an den Kopf geworfen und als Grund hervorgebracht, weshalb ich zu meinem Jungen keinen Kontakt mehr haben kann – zumindest nicht unbeaufsichtigt.

Die Tabletten werden bald wirken. Dann kann ich zumindest schlafen.

Ich hasse den Tag nach den Besuchen, wenn alles in mir danach schreit, Manuel zu fragen, was wirklich passiert ist – ihn zu bitten, dass er mir vergibt und ich wieder seine Mutter sein kann. Doch dann blicke ich in seine leuchtend blauen, scheuen Augen - und das ist der schlimmste Moment: wenn mir bewusst wird, dass er Angst vor mir hat.

Bis vor Kurzem dachte ich, ich hätte mich bereits aufgegeben. Eine Welle der Müdigkeit überrollt mich und ich lehne mich auf dem Sofa zurück in die Kissen.

---ENDE DER LESEPROBE---