Wrong man, wrong planet - Elvie Moritz - E-Book

Wrong man, wrong planet E-Book

Elvie Moritz

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Beschreibung

Ausgerechnet mit dem arroganten und selbstgefälligen Brian muss Cathy die Reise zum neuen fortschrittlichen Planeten antreten. Doch am Tag des Abflugs jagen bedrohliche Stürme über die Erde – und ihr Raumschiff kommt vom Kurs ab. Als Cathy erfährt, dass sie auf dem falschen Planeten gelandet sind, ist sie außer sich. Neben Cathy, Brian und dem gleichrangigen George waren noch zahlreiche einfache Arbeiter an Bord, die den drei Höheren nicht gerade freundlich gesonnen sind – schließlich mussten sie im alten System nach deren Pfeife tanzen. Damit soll nun Schluss sein. Ein erbitterter Kampf ums Überleben beginnt – mitten auf einem naturbelassenen, unbekannten und gefährlichen Planeten. Werden Cathy und Brian kooperieren?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ausgerechnet mit dem arroganten und selbstgefälligen Brian muss Cathy die Reise zum neuen fortschrittlichen Planeten antreten. Doch am Tag des Abflugs jagen bedrohliche Stürme über die Erde – und ihr Raumschiff kommt vom Kurs ab. Als Cathy erfährt, dass sie auf dem falschen Planeten gelandet sind, ist sie außer sich.

Neben Cathy, Brian und dem gleichrangigen George waren noch zahlreiche einfache Arbeiter an Bord, die den drei Höheren nicht gerade freundlich gesonnen sind – schließlich mussten sie im alten System nach deren Pfeife tanzen. Damit soll nun Schluss sein. Ein erbitterter Kampf ums Überleben beginnt – mitten auf einem naturbelassenen, unbekannten und gefährlichen Planeten. Werden Cathy und Brian kooperieren?

Elvie Moritz wurde im Jahr 1988 in Bayern geboren und lebt inzwischen in Schleswig-Holstein. Sie liebt die Natur und das Abenteuer und kann sich für Berge und Meer gleichermaßen begeistern. Ihre ersten Geschichten schrieb sie im Alter von zehn Jahren.

Sie liebt außergewöhnliche Geschichten mit einer Prise Magie und mutigen Helden, die felsenfest zusammenhalten.

© 2023 Claudia Miemczyk – alle Rechte vorbehalten

Claudia Miemczyk

Fischdiek 53

25524 Itzehoe

+4917647794738

[email protected]

https://www.elvie-moritz.de

Für Cover und Buchsatz wurden Fotos von Adobe Stock verwendet.

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Ohne die schriftliche Zustimmung der Autorin ist jede Verwendung unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Verbreitung, Vervielfältigung, Übersetzung oder öffentliche Zugänglichmachung.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten zu verstorbenen oder lebenden Personen, Orten oder sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

www.dnb.de abrufbar. 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

»Wo bleiben Mama, Papa und Phil? Wieso sind sie noch nicht da?« Ich drücke meine Nase ans Fenster der alten Veranda. Oma sitzt hinter mir und zusammen schauen wir in den Sturm hinaus.

»Sie sind bestimmt gleich da, Maus. Vielleicht mussten sie Rast machen, vielleicht hat der Sturm die Straßen versperrt.«

»Können wir Nachrichten schauen oder Radio hören? Dann wissen wir, was los ist.«

Oma seufzt und nimmt mich in den Arm. Sie drückt mich fest an sich.

Ich blicke zu ihr auf und sehe eine einzelne Träne, die über ihre Wange rollt. »Wieso weinst du? Bist du traurig?«

»Es ist alles okay. Ich bin nur müde. Wir sollten versuchen, zu schlafen, hörst du? Dann vergeht die Zeit schneller. Vielleicht schlafen Mama, Papa und Phil ebenfalls schon – in irgendeiner gemütlichen Unterkunft auf dem Weg hierher. Sie reisen bestimmt erst morgen weiter.«

»Ich will aber nicht schlafen. Ich will nicht bis morgen auf Mama warten. Ich will, dass sie jetzt kommt!«

»Ich lese dir eine Geschichte vor, okay?«

Ein lautes Krachen reißt uns aus dem Gespräch.

Für einen Moment wird alles dunkel. Dann flimmert die Lampe, ehe das Licht wieder gleichmäßig den Raum beleuchtet.

Nun weine ich. Ich habe Angst. Ich will zu Mama. Die gelben Kreise und Dreiecke auf der hellroten Tapete vor mir tanzen vor meinem Auge, verschwimmen zu einem Brei aus Orange. Dann kracht es noch mal. Direkt neben uns.

Oma reißt mich mit einem Schrei vom Fenster weg. Gerade rechtzeitig. Das Glas zerberstet und verteilt sich in dem Raum und auf der gepolsterten Sitzecke. Der Regen durchnässt den Teppich zu unseren Füßen in Sekundenschnelle. Ein Baum muss umgefallen und direkt aufs Fenster gekippt sein.

Das ist noch nie passiert. Es ist nass, kalt und laut. Der Sturm peitscht Laub und Äste zu uns in den Raum. Obwohl Oma mich unter ihren Armen verbirgt, spüre ich die kalten, nassen Stöße von all dem Geäst, das uns um die Ohren wirbelt. Ich wimmere, während Oma sich zur Tür dreht, durch den Flur rennt und mit mir auf dem Arm die Kellerstufen hinab eilt.

»Natürlich hat das Konzept Schwächen!« Seine Stimme klingt so arrogant und selbstgefällig, dass mir schlecht wird. Ich bin Gründerin von BestSoulmates und das Konzept der App ist auf meinem Mist gewachsen. Das und noch vieles mehr. Ich weiß nicht, von welchen angeblichen Schwächen er spricht. Was hat er überhaupt hier zu suchen? Eine alte Studienkollegin besuchen, dass ich nicht lache. Er will sich doch nur profilieren.

Sein Blick wird immer forschender und am liebsten würde ich ihn hochkant hier hinauswerfen. Ich kann diesem Starren kaum standhalten, zittere bereits leicht vor Zorn. »So? Hat es also Schwächen? Und warum genau erzählst du mir das?« Ich bemühe mich um eine ruhige Stimme - um Gelassenheit. Ich will mir nicht anmerken lassen, dass etwas an ihm mir Angst einflößt. Mal wieder.

Sein Mund verzieht sich zu einem Grinsen und ich bin mir sicher, er hat den Anflug an Zweifeln in mir gewittert, egal wie gut ich ihn auch versucht habe, zu verbergen. Oder er ist einfach nur sehr von seiner Meinung überzeugt.

»Der Algorithmus ist perfekt«, erklärt er und ich entspanne wieder ein wenig. »Der Algorithmus ist perfekt und natürlich matcht deine App die Menschen mit den passenden Eigenschaften. Nicht nur das - sie simuliert auch ihre Zukunft: Du prognostizierst, wie eben diese Menschen in fünf Jahren, in zehn Jahren und nach ihrem ersten Streit noch miteinander umgehen. Das ist genial, das muss man schon sagen. So bekommt jeder genau den, den er verdient.«

Ich nicke und ziehe die Augenbrauen hoch. »Und wo liegt dann das Problem?«

Er schlägt die Augen nieder. »Das Problem ist, dass Menschen absolut niemals ehrlich sind. Jeder will den perfekten Partner, ohne selbst auch nur im Ansatz perfekt zu sein.«

Ich atme tief durch. Oh je. Er hat es wirklich nicht begriffen. »Genau dadurch unterscheidet meine App sich ja von diversen Konkurrenzprodukten. Wir verwenden natürlich nicht nur die Angaben, die Menschen selbst in unser System einpflegen. Wir ziehen auch die Bewertungen anderer heran, Daten von Online-Shops, von wahrgenommenen Terminen, ihrem Kontostand und von dem Verhalten Freunden gegenüber. Wir verwenden ihre Fitnessdaten und alles, was über die Menschen und ihren Freundeskreis eben im Netz bekannt ist. Das funktioniert! Die Reklamationsquote liegt bei 0,01%.«

»Aber meinst du nicht, dass Menschen sich aneinander anpassen können? Dass manche ihre Gewohnheiten nur pflegen, weil es eben Gewohnheiten sind und nicht, weil sie anders nicht glücklich wären?« Sein Blick durchschneidet mich nun beinahe. »Ich sehe hier in meiner App eine Passgenauigkeit von 68% zwischen mir und dir.«

Ich runzele die Stirn, ziehe mein Handy aus der Tasche, öffne meine App und klicke auf mein Profil. Ich gebe seinen Namen ein und die 68% blinken auf.

»In der Tat.« Ich scrolle etwas runter. »Wir kaufen ähnliche Lebensmittel. Spielen zu ähnlichen Zeiten an der Simulation. Hören ähnliche Musik. Sind beide ehrgeizig. Kommen aus ähnlichen Verhältnissen und stehen um dieselbe Zeit auf. Anscheinend gehst du jedoch zwei Stunden nach mir zu Bett.«

Er grinst. »Brauchst du tatsächlich 9 Stunden Schlaf?«

Ich scrolle weiter durch unsere Profile. »Dafür trinke ich keinen Kaffee. Du scheinst diesen ja bis fünfzehn Uhr fast stündlich zu brauchen.«

Nun lacht er. »Deine App lässt sich sogar die Daten von Kaffeemaschinen zusenden, was?«

»Meine App weiß alles.« Ich scrolle noch ein bisschen weiter. »Du liebst Glücksspiel, während ich niemals spielen würde. Ich brauche im Leben viel Sicherheit, darauf scheinst du im Gegenzug ja zu pfeifen.«

»Cathy. Du und ich …« Sein Blick wird nun weich und er tritt einen Schritt näher auf mich zu. »Die Anziehung zwischen dir und mir ist um ein Vielfaches stärker als 68%. Ich sehe deinen Blick. Du liebst die Herausforderung, genau wie ich. Und wir beide sind … Herausforderungen.«

Sein selbstsicheres Grinsen raubt mir beinahe den Verstand. Ja, ich weiß. Ich war in ihn verknallt. So richtig, über beide Ohren - als wir noch an der Uni waren. Doch das ist zehn Jahre her.

Einer von uns beiden war immer vergeben gewesen. Wir haben beide absolut nichts anbrennen lassen - lange gehalten haben unsere Bekanntschaften aber trotzdem nicht. Und nun sind wir beide erwachsen, erfolgreich und Dauersingles.

Trotzdem. 68% sind nicht gut. Es ist okay, natürlich. Es sagt aus, dass man hier und da einige Gemeinsamkeiten hat und Spaß zusammen haben könnte. Aber es sagt eben auch aus, dass es keine langfristige Zukunft gibt. Zumindest keine sichere. Wir könnten es drei Jahre zusammen schaffen, doch dann würden die ersten Probleme auftreten, resultierend aus den Unterschieden, die wir nicht ablegen könnten.

Ich scrolle weiter zu der Beziehungsprognose. Okay. Laut dieser würde es bereits nach einem Jahr heftig kriseln. Das ist übler als gedacht. Ich würde hinterher vier Monate depressiv werden, wohingegen er erst ein halbes Jahr nach der Trennung eine Downphase durchleben würde, die ihn immerhin volle drei Monate treffen würde.

Ich schüttele den Kopf, lasse mein Handy zurück in meine Tasche gleiten. Ich kann nicht glauben, dass er gekommen ist, um mich anzubaggern. Vielleicht macht die bevorstehende Umsiedlung uns wirklich alle verrückt. Ich blinzele und sehe zu ihm auf. »Keine Chance, Brian. Die Welt ist voll von 95% Matches. Und wer weiß, vielleicht begegnet jedem von uns irgendwann auch noch die 100%. Es war schön, dich mal wieder zu sehen, aber nun muss ich dich bitten, zu gehen.« Ich habe hier schließlich noch alle Hände voll zu tun.

Brian zieht eine Augenbraue nach oben, hebt resigniert die Hände und dreht sich dann ohne ein weiteres Wort um und verlässt mein Büro.

Was macht er überhaupt hier in meinem Gebäude? Ist er wirklich nur wegen mir gekommen? Arbeitet er nicht als Architekt drei Türme weiter? Ich runzele die Stirn. Theoretisch könnte ich es einfach nachschauen. Es steht ohnehin in meiner App. Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber nun bin ich neugierig.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche. Dieser verdammte Brian! Er war schon damals an der Uni so ein Draufgänger. Bekommen hat er immer genau das, was er wollte. Aber diesmal nicht. Diesmal ganz bestimmt nicht.

So, hier steht es. Brian McConnell, Leiter der Architektur in Stadt G02, arbeitet in Turm G02A3. So wie ich es mir schon gedacht habe. Wir sind quasi Nachbarn. Fünfzehn Minuten braucht die Überfahrt von hier in sein Büro, einmal Umsteigen.

68% Passgenauigkeit. Verdammt, dass er sich überhaupt noch an mich erinnert? Aber ich tue das andersrum ebenfalls. Und bringen tut es uns nichts. Eine Erinnerung, ohne Potenzial für mehr. Wegen all der Unterschiede, die sich nun mal nicht leugnen lassen.

Ich trete ans Fenster. Es ist mickrig und gibt kaum Blick nach draußen frei. Glas ist einfach nicht energieeffizient. Und die Temperatur draußen spielt seit Jahrzehnten verrückt. Erinnerungen an eine heilere Welt sitzen nur noch in meinem Unterbewusstsein. Ich muss fünf Jahre alt gewesen sein, als wir damals noch auf dem Land lebten, in der Nähe eines großen Sees. Doch der Fluss trat ständig übers Ufer und dann gab es diesen Sturm, der alles veränderte. Ich träume immer wieder davon und erinnere mich doch nur an Bruchstücke.

Genau wie mir ging es vielen Menschen: Sie haben ihre Herkunft und ihre Vergangenheit verdrängt. Daher ist es uns auch so wichtig, dass hier in unserer Siedlung alles aufgezeichnet wird. Wir wollen nicht noch mehr vergessen, nicht noch mehr verlieren.

Damals gehörte ich zu den wenigen Menschen, die gerettet wurden. Ich lebte mich ein und fand hier ein neues Zuhause. Doch nun werden wir alle unsere sichere und hochmoderne Bleibe erneut verlassen müssen.

Die Wolkenkratzer da draußen wirken so vertraut auf mich und es schmerzt mich, zu wissen, dass nichts davon bleiben wird. Dass alles gefressen werden wird von der Hitze, den Stürmen und dem Feinstaub – in wenigen Jahren oder Jahrzehnten.

Ich bin so nervös. Seit wir wissen, dass wir die Erde aufgeben werden, funktionieren wir nicht mehr richtig. Ich sehe es in den Daten. Die Arbeitseffizienz der meisten Menschen ist um mindestens fünf und bis zu satten zwanzig Prozent gefallen. Meine eigene Effizienz glücklicherweise nur um drei.

Ich lasse mich endlich hinter meinen Rechner gleiten. Um nichts auf der Welt will ich mich aus der Bahn werfen lassen – es würde in den Daten landen und mir meinen hart erkämpften Status versauen. Jeder hier bekommt, was er verdient. Das ist unser Motto hier in der Siedlung. Es gibt keine Geheimnisse, alles liegt offen.

Zumindest kann man sich zusammenreißen. Mit ein bisschen Disziplin.

Brian und ich gehören zu den Gewinnern des Systems. Der eigene Stand wird berechnet aus Intelligenzwerten, Herkunft, Belastbarkeit und Effizienz. All das führt dazu, dass man in die hohen Jobs kommt, gut verdient und Einfluss hat - oder eben nicht.

Trotzdem glaube ich, dass auch die einfachen Arbeiter insgesamt glücklich sind, wenn auch anders als wir Höheren. Schließlich sind es meine Kunden – für fast jeden von ihnen findet sich sehr einfach ein Partner, durch mich und meine App. Während ich selbst single bin, Brian ebenso.

Fast 98% unserer Bevölkerung besteht aus Arbeitern. Ich matche sie alle. Die meisten verlieben sich und bleiben zusammen.

Mit etwas mehr Motivation setze ich mich an den Rechner. Ein Herz ploppt auf, sieh an. Zwei Lageristen haben sich gefunden. Lageristen und Produktionshelfer sind am leichtesten zu verkuppeln, da sie einfach das Lager wechseln können, um bei ihrem neuen Partner zu arbeiten. Ihre Kaffeepausen gemeinsam zu verbringen, sorgt in den meisten Fällen sogar für einen Zusatzschub an Energie, sodass ihre Arbeitseffizienz steigt.

Keine Trennung in der letzten halben Stunde verzeichnet - das ist gut, sehr gut.

Nach der Arbeit bin ich völlig platt. Normalerweise finde ich immer die Zeit, im Büro auf mein Handy zu sehen, doch diesmal war ich völlig versunken.

Drei neue Nachrichten von Mama. Ich rufe sie schnell zurück und verspreche ihr, bei ihr vorbeizusehen. Normalerweise hätte ich mich abends wohl in die Simulation begeben. Aber schon die letzten Tage steht alles im Zeichen der großen Umsiedlung.

Nervös streiche ich mir die Haare zurück, packe meine privaten Dinge zusammen. Mein Blick huscht zum Fenster.

Ein Dunstschleier hängt nun über der Stadt. Das liegt nicht nur daran, dass Herbst ist – die trüben Sichtverhältnisse haben sich über die letzten Jahre immer weiter verstärkt. Die Natur da draußen ist kaum mehr bewohnbar. Seit meinem Uniabschluss vor fünf Jahren bleiben die Fenster in sämtlichen Gebäuden geschlossen und spezielle Lüftungsanlagen sorgen dafür, den Sauerstoffgehalt zu regulieren, ohne toxische Gase mit reinzulassen.

Die Umrisse der anderen elf Türme sind im Nebel nur schemenhaft zu erkennen. Aus wenigen Fenstern dringt noch Licht. Es sind immer dieselben Menschen, die sich einfach nicht losreißen können und den Feierabend so weit wie möglich hinausschieben.

Ich schlüpfe in meinen Mantel und verlasse mein Büro. Die automatische Beleuchtung springt an und weist in grellem Schein den Weg zu den Aufzügen. Eigentlich ist es falsch, dass die Büros oben sind und die Wohnungen unten. Aber schon die letzten Jahre verschwinden die Sonnenuntergänge im Nebel, was es wenig romantisch macht, zu so später Stunde noch aus dem Fenster zu sehen. Tagsüber bei der Arbeit gibt es durchaus ein paar schöne Momente, wenn gerade kein Sturm den Feinstaub durch die Gegend peitscht und man dann doch mal Weitsicht hat und das Meer sehen kann.

»Hey.« Ich schreite in die Wohnung meiner Mutter und hinter mir schließt sich die Stahltür zu ihrem Apartment wieder.

Ich habe bereits in den Daten gesehen, dass es Mama heute nicht gut geht – und bin auf alles vorbereitet.

Wir haben ein gutes Verhältnis. Sie kam vor mir in die Siedlung und wir waren lange Zeit getrennt, was uns seit unserem Wiedersehen eng zusammengeschweißt hat.

Bestimmt denkt Mama auch gerade daran, wie alles hier begann.

Wir werden auf unterschiedlichen Raumschiffen fliegen und somit erneut getrennt sein.

Mama hockt aufrecht auf dem Sofa. Sie hat heute ihren freien Tag, daher gehe ich davon aus, dass sie lange schon so dasitzt und die Wand anstarrt.

Als ich neben ihr stehe, blickt sie zu mir auf.

»Ich will hier nicht weg«, sagt sie leise.

Seufzend lasse ich mich zu ihr aufs Sofa fallen. »Es ist für uns alle hart, weißt du? Auch für mich.«

Mama nickt. »Du darfst keine Schwäche zeigen. Damit es deinen Job nicht gefährdet. Hast du es im Griff?«

»Ja.« Ich runzele die Stirn. »Besser als du zumindest.«

Mama lächelt. »Wie schlimm ist es wirklich? Wie viele Menschen wirft es aus der Bahn?«

»Die meisten. Fast jeder Zweite hat besorgniserregend Schwankungen in seinen Daten – seit Tagen. Und harmlose Verschlechterungen von Effizienz und Zufriedenheit betreffen beinahe jeden. Es werden mehr Beruhigungsmittel eingenommen. Es wird mehr Zeit untätig auf dem Sofa gesessen und natürlich haben sich auch die Spielzeiten in der Simulation erhöht.«

Mama stöhnt. »Ich hoffe, der neue Planet bietet uns das, was dieser uns geboten hat: Sicherheit. Ein System, das gerecht ist. Das die Guten belohnt, das uns belohnt.«

»Wieso zweifelst du daran?«, frage ich und drehe den Kopf zur Seite.

»Auf dem neuen Planeten wird es wieder die Möglichkeit geben, die Gebäude zu verlassen. Es wird schwer sein, jeden Winkel zu überwachen.«

»Aber vorerst sollen doch ohnehin nur geführte Touren draußen möglich sein. Es gibt Smartwatches, schon vergessen? Und den Chip, den wir in uns tragen. Niemand wird sich entziehen können.«

Mama nickt. »Vielleicht mache ich mir umsonst Sorgen. Ich will nicht, dass wir alles verlieren, was uns hier wichtig war. Du hast so einen tollen Job. Ich könnte stolzer nicht auf dich sein, Cathy. Weißt du das?«

Endlich entspanne ich mich. »Ach Mama. Du wirst sehen, es wird alles gut.«

Abrupt greift Mama nach meiner Hand. »Ich wünschte, du wärst in meinem Raumschiff untergekommen.«

Ich drücke ihre Hand und halte sie einen Moment fest. Die Nähe raubt mir beinahe den Verstand. Ich will keine Schwäche zeigen, darf jetzt nicht in Tränen ausbrechen oder sonstige Gemütsregungen zeigen, die zu Herzrasen oder schnellerem Puls führen könnten. Daher mache ich meine Atemübungen, die ich immer mache, wenn ich mich sammeln und beherrschen muss, und setze mein freundliches Lächeln auf. »Die Plätze sind eben vorgegeben. Ich schätze, du wirst nur wenige Tage vor mir ankommen. Wir merken doch gar nichts während des Flugs.«

»Ich fliege schon am Sonntag, weißt du? In zwei Tagen!«

»Natürlich. Und ich fliege die Woche darauf.« Meine Stimme bebt und ich weiß, in dieser einen Woche Unterschied steckt so viel. So viel Risiko.So viel Distanz. Aber wir haben keine Wahl. Wir folgen alle dem großen Plan, den die KI für uns berechnet hat.

»Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, einfach zu bleiben.« Ihre Stimme wird leise und mir läuft ein Schauer über den Rücken.

Ich weiß, dass es diese Möglichkeit gibt, die Reise zu verweigern. Allerdings wird sie ausschließlich von Menschen genutzt, die aufgrund von Krankheiten den Flug und das damit Verbundene Einfrieren nicht überstehen würden. Sie bleiben einfach hier – und sterben irgendwann zusammen mit unserem alten Heimatplaneten.

Ich schüttele den Kopf. »Du hast keine Vorerkrankungen. Du bist erst 58! Was soll dir schon passieren?«

Sie lächelt. »Ich weiß. Ich habe es mir dann ja auch noch mal überlegt.«

»Mama. Es wird alles gut.« Ich drücke ihre Hand noch einmal. »Wir werden diesen Planeten beide lebend verlassen. Wir werden beide in der neuen Siedlung ankommen. Und die neue Heimat ist für mehrere tausend Jahre bewohnbar. Es ist sicher, dass wir uns dort eine Existenz aufbauen können. Die Simulation läuft dort genauso, die Apartments sehen gleich aus. Nur der Himmel ist möglicherweise etwas schöner, noch blau und ohne diese Stürme.«

Mama nickt. »Ich bewundere deine Zuversicht.«

Mama war immer für mich da. Sie kam bereits ein Jahr vor mir in die Siedlung – gemeinsam mit meinem Bruder Phil. Ich war noch zu jung, um mich an etwas zu erinnern. Ich muss bei meiner Oma gewesen sein, als die große Katastrophe ausbrach und unser Lebensraum eingeschränkt wurde. Wir sind kilometerweit durchs Land gezogen, doch all meine Erinnerungen daran sind verblasst. Ich weiß vieles nur noch aus Erzählungen.

Mama hat so viel mehr verloren als ich – weil sie sich an das ›Davor‹ noch lebhaft erinnern kann. Sie hängt an diesem System, weil sie besser weiß als ich, wie sehr es uns gerettet hat – und wie dringend wir es gebraucht haben.

»Lass uns Fotos ansehen«, sage ich. »Von Phil und von Papa.«

Phil und Papa sind beide bereits vor fünf Jahren zum neuen Planeten aufgebrochen und gehörten zu dem engagierten Team, das dafür sorgte, dass wir dort alles so vorfinden werden, wie wir es kennen. Ich weiß, dass Mama die beiden vermisst. Ich sollte das auch tun – aber bin so eingespannt in meinen Job, dass ich kaum Gelegenheit finde, nachzudenken oder zu fühlen. Vielleicht besser so.

Mama nickt. »Bilder ansehen klingt gut«, stimmt sie leise zu.

Wir legen uns beide rücklings aufs Sofa und Mama öffnet das digitale Album, das sofort an der Decke erscheint, wo vor Kurzem noch ein mattes Licht den Raum erhellte. Wir scrollen durch die Fotos. Sie sind alle synchronisiert, sie hängen alle in der Cloud. Wir werden sie mitnehmen, nichts von all dem hier wird uns verloren gehen. Unsere Erinnerung gehört für immer uns.

Wir sitzen im Keller. Drei Türen trennen den Keller von der Veranda. Oma hat die Verandatür mit einer Plane gesichert, damit nichts vom Regen, der durch das kaputte Fenster strömt, in den Flur dringt. Die anderen beiden Verbindungstüren sind ebenfalls dicht.

»Hier sind wir sicher«, raunt sie mir zu.

Für mich fühlt sich das alles verrückt an, surreal. Wie ein Spiel. Nur, dass Oma nicht lacht.

»Wieso mussten wir die Türen abdichten?«

»Damit vom Regen nichts zu uns in den Keller kommt.«

»Und warum gehen wir in den Keller?«

»Wenn das Haus einstürzt, sind wir hier am sichersten.«

»Und wieso sollte das Haus einstürzen?«

»Es ist nur ein Spiel, Cathy. Okay? Wir spielen, das Haus könnte einstürzen.«

»Ich mag das Spiel nicht.«

Oma lächelt. Zum ersten Mal seit Stunden. »Du hast Recht, Cathy. Ich mag das Spiel auch nicht. Lass uns lieber ein Lied singen, okay?«

»Ich mag kein Lied singen. Ich will, dass Mama kommt. Und Papa und Phil auch.«

Oma schüttelt nur stumm den Kopf, dann nimmt sie meine Hände. »Singen wir, bis sie da sind, okay?« Ohne eine Antwort abzuwarten, legt sie los.

Hunre ta na runme, ta na fessme, ta na ronme, ta na solme.

Ihre großen Hände zittern, aber ihre Stimme ist klar. Das beruhigt mich.

Ich singe mit und wir halten uns aneinander fest, übertönen den Sturm und das Geprassel des Regens, der schon gegen die Kellerfenster drückt.

Hunre ta na runme, ta na fessme, ta na ronme, ta na solme.

Die Kälte dringt durch die Fugen, der Sturm nimmt zu. Der Keller hat dünne Wände und ist schlecht isoliert.

»Mama«, wimmere ich, als mich die Kraft zum Singen verlässt.

Das Licht des Deckenstrahlers flimmert und ein Knacken ertönt. Noch einmal glimmt die Lampe auf, zischt und erlischt. Wir sitzen im Dunkeln.

»Mama«, wimmere ich und Oma hört ebenfalls auf zu singen. Sie holt ihr Handy aus der Tasche und leuchtet. »Jetzt ist doch der Strom ausgefallen. Ich glaube, hier unten haben wir aber noch eine Kiste mit Kerzen.«

»Was sind Kerzen?«

»Kerzen sind Licht und Hoffnung. Du wirst es gleich sehen.«

Ich will nicht, dass Oma aufsteht und mich auf dem Boden allein sitzen lässt. Links und rechts sind Schränke. Wir sitzen auf einer Decke, die längst die Kälte des einfachen Betonbodens unter uns durchgelassen hat. Die Fensterschächte sind vergittert und vollgelaufen mit Regenwasser, das kein Licht mehr durchscheinen lässt. Es ist ein klammer, trostloser Raum und ich vermisse Mama seit Stunden!

Endlich hört Oma auf, in den Schränken zu wühlen. Sie lächelt. »Hier, schau, Cathy. Das sind Kerzen.« Sie hält mir zwei dicke, einfache Exemplare hin, lässt mich eine betasten und platziert die andere bereits auf dem Boden.

Bald schon brennt vor unserer Nase ein Feuer, ein kleines Feuer, auf insgesamt vier Kerzen.

»Jetzt gefällt mir das Spiel doch wieder«, sage ich und Oma nimmt mich wieder zu sich.

Oben kracht es und ich zittere.

»Komm, wir singen jetzt wieder«, sagt Oma und blickt mich dabei so eindringlich an, dass ich am liebsten geschrien hätte.

Erneut grollt ein Donner, dann plötzlich habe ich das Gefühl, eine Tür knallen zu hören.

»Mama?«, frage ich hoffnungsvoll.

Auch Oma hält inne. »War das eine Tür?«, murmelt sie, mehr zu sich selbst.

Wir lauschen und erneut: Das klingt wie eine Tür! Diesmal bin ich mir fast sicher, auch Schritte gehört zu haben, Schritte auf den alten Steintreppen, die zu uns in den Keller führen.

»Mama?«, rufe ich erneut, diesmal etwas lauter.

Oma zuckt zusammen und hält mir eine Hand auf den Mund. »Oh Kind. Das ist bestimmt nicht Mama.« Sie drückt mich an sich und ich starre sie entgeistert an. Die Schritte werden lauter und kommen näher.

»Du sagst keinen Ton, hörst du? Wir verstecken dich jetzt, schnell!«

Als es dann so weit ist, kann ich es kaum fassen: Mama wird in das Raumschiff steigen, heute. Sie wird ihre Reise zu dem neuen Planeten antreten.

Sie will mich fast gar nicht mehr loslassen. Wir stehen hier bestimmt schon seit einer Stunde. Die Passagiernummern ertönen in einer Tour aus dem Lautsprecher, ich zucke bei jeder einzelnen innerlich zusammen, versuche jedoch, mir nichts anmerken zu lassen. Ihre Nummer ist die 73. Genau 100 Menschen passen auf jedes Schiff. Die 62 wird aufgerufen und das sorgt dafür, dass Mama mich noch einen Ticken fester drückt.

Ich schiebe sie von mir und betrachte ihre makellos gefärbte Frisur. Sie war extra gestern noch beim Friseur. Wenn sie schon zwei Jahre lang eingefroren durchs Weltall fliegt, mag sie wenigstens gut dabei aussehen, meinte sie. Recht hat sie. Ich wünschte, ich hätte ebenfalls so viel Zeit. Doch ich muss noch ein Upgrade der App fertig bekommen, damit die Menschen, die bereits umgesiedelt sind, in den nächsten zwei Jahren keine App-Abstürze erleben müssen, während ich nicht ansprechbar bin.

Es muss alles reibungslos laufen. Ein letzter Fehlerbericht ist noch offen, eine Woche bleibt bis zu meiner Abreise.

Mama rüttelt mich und schreckt mich damit aus meinen Gedanken. Ich muss schmunzeln, wie energisch sie nun meine Aufmerksamkeit einfordert.

»Wir schaffen es. Wir werden es nicht merken, dass wir zwei Jahre getrennt sind. Es wird alles ganz unkompliziert vonstattengehen. Du hast die Doku doch gesehen, oder?«

»Natürlich, Schatz. Du weißt, dass ich mir diese Sorgen hier nicht um mich mache, oder?«

Ich seufze. Natürlich weiß ich das. In den letzten Wochen wurden die Stürme unkontrollierbarer. Fast täglich wurden die Werte bedrohlicher. Es wird höchste Zeit, dass wir hier wegkommen. Heute scheinen die Bedingungen gut zu sein. Doch ob wir in einer Woche noch problemlos starten können? Bei dem Gedanken, hier nicht mehr wegzukommen, fröstele ich. Schnell wische ich die Bedenken wieder beiseite. »Ich werde nachkommen, Ma. Das weißt du. Wir sind bald alle wieder vereint. Papa, Phil, du und ich.«

»Ich hoffe es.«

Schließlich wird die 69 aufgerufen und Mama putzt sich die Nase. Ich beobachte, wie sie hektisch in ihrer Handtasche wühlt, um das Smartphone herauszuholen. Dort sind alle Unterlagen gespeichert, die zur Identifikation nötig sind. Wenn sie das Drehkreuz gleich passiert, wird sie hier ausgecheckt. Ihre Daten werden aus dem System genommen. Erst bei Ankunft auf dem neuen Planeten existieren wir wieder offiziell.

Es war rechtlich schwierig, hier eine Lösung zu finden, die uns erlaubt, uns außerhalb des Systems aufzuhalten – auf dem Raumschiff beispielsweise. Denn normalerweise ist ein Verlassen der Gebäude strengstens untersagt.

Auch die Zurückbleibenden, die die Reise nicht antreten, werden aus dem System genommen – jedoch nicht mehr reintegriert. Sie sind für immer frei, wobei frei in diesem Kontext nicht das ist, was man sein möchte. Sie sind schutzlos, ohne Zugehörigkeit und nach drei Jahren wird ihr Datensatz vollständig gelöscht, als hätte es sie nie gegeben.

Eine letzte Umarmung, dann verlässt Mama den Wartebereich und tritt vor zur Schleusenöffnung. Ein paar weitere Reisende stehen dort und warten auf den Aufruf ihrer Nummer. Ähnlich wie ich wurden auch sie von Angehörigen begleitet und ein jeder Abschied scheint zu Tränen, Umarmungen, Nostalgie und Gefühlschaos geführt zu haben. So viele Emotionen wie bei den Abschieden werden normal über drei Jahre nicht im System verzeichnet. Das sind Momente, in denen sich zeigt, dass wir Menschen sind – schwache Menschen mit tiefen Gefühlen. Egal wie hoch wir im System stehen, egal wie wichtig wir sind.

Ich blinzele eine Träne weg. Mama hat recht mit ihren Sorgen. Die Stürme der letzten Tage waren mehr als beunruhigend – besonders, dass es Tag für Tag dunkler draußen wurde. Auch ich hoffe, dass es in einer Woche noch nicht zu spät ist. Aber was denke ich da? Es ist doch alles sicher. Die besten und schlauesten Köpfe der Technologie haben sich das alles ausgedacht. Umfangreiche Tests haben stattgefunden. Es wurde von den Apps vorhergesagt und berechnet, dass es klappen wird. Und wir haben so viel Puffer.

Die 73 hallt aus dem Lautsprecher und es jagt mir einen Blitz durch den Körper.

Mama und ich nicken einander zu, dann macht sie einen Schritt durch das Drehkreuz. Sie hält das Smartphone an den Scanner, die erste Sicherheitstür öffnet sich. Das war’s. Jetzt gibt es sie hier offiziell nicht mehr. Sie dreht sich nicht um, sondern starrt nach vorn, auf die zweite Sicherheitstür hinter der Schleuse. Diese ist die direkte Verbindung ins Raumschiff.

Ich bin stolz auf Mama. Sie schafft den Durchgang auf Anhieb.

Es gibt nur wenige Menschen, die von Sicherheitsbeamten gezwungen werden müssen, ihren Platz auf dem Raumschiff einzunehmen, weil sie sich nicht loslösen können von ihrer Familie.

Ein Glück, dass Mama nicht zu diesen gehört.

Meine Hände berühren das matte Glas des kleinen Fensters und ich starre auf das riesige Raumschiff, das vor unserer Halle im Freien steht. Es ist so gut beleuchtet, dass man es durch den milden Sandsturm erkennen kann. Der Sand und Dreck mischt sich mit Feinstaub zu einem Brei aus Körnern.

Doch heute stehen die Bedingungen ganz gut. Sie werden abfliegen können. Die Geschwindigkeit des Winds ist im Toleranzbereich. Und die Partikelgröße nur leicht über dem durchschnittlichen Wert der letzten Tage.

Ich bin froh, wenn das alles endlich vorüber ist.

Wie in Trance bewege ich mich zurück zu den Wartestühlen und lausche den Lautsprecherdurchsagen, bis die Nummer 100 ertönt und der Countdown für den Start angekündigt wird – in zwanzig Minuten soll das Raumschiff abheben, wenn alle Passagiere das Einfrieren gemeistert haben. Es wird alles gut gehen.

»Cathy!« Eine Stimme hinter mir lässt mich zusammenzucken. Ich fahre herum und natürlich: Vor mir steht Brian. Ich kneife die Augen zusammen. »Verfolgst du mich neuerdings?«, frage ich und setze mich auf den freien Stuhl am Rand des Wartebereichs. Er kommt zu mir herüber und schaut mich amüsiert an. »Weil wir uns jetzt zweimal in drei Tagen begegnet sind?«

Ich rolle genervt mit den Augen. »Weil du …« Ich breche ab. Weil er mich bei unserer letzten Begegnung ganz unmissverständlich angebaggert hat?

Er lacht. »Komm, Cathy, entspann dich. Noch eine Woche, dann hat die ganze Farce ein Ende.«

Ich mustere ihn. Tatsächlich wirkt auch er etwas angespannt. »Ist da jemand an Bord, der dir was bedeutet?«, frage ich.

»Mein Bruder.« Er grinst schief. »Ich habe vorhin den Abschied zwischen dir und deiner Mutter beobachtet. Mein Bruder war die Nummer 19.«

Ich erinnere mich dunkel an Brians Zwillingsbruder Ashley. Er war immer der strahlende und perfekte der beiden. Blond, mit stechend blauen Augen, sportlich. Brian hat immer versucht, gegen ihn zu konkurrieren und doch beinahe jedes Mal den Kürzeren gezogen. Brians Haare sind dunkler, gewöhnlicher. Seine Augen haben diesen undefinierbaren Mix aus Grau und Grün, der ebenfalls nicht auffällt. Seine Gesichtszüge sind härter als Ashleys, zudem befindet sich rechts auf seiner Stirn eine Narbe - nur ganz klein, aber wenn er sich die Haare rauft, was er definitiv viel zu oft tut, kann man sie sehen.

»Wie geht es Ashley? Wie ist sein Leben nach der Uni verlaufen?«

Brian zögert einen Moment, dann setzt er sich zu mir. »Er wurde einer der Entwickler für die Simulation. Ansonsten hat er auf die richtigen Geldanlagen gesetzt und im Online-Poker ordentlich abgesahnt. Er ist stinkreich geworden, Cathy.« Er hält kurz inne und beobachtet meine Reaktion auf diese Ansage, doch ich bemühe mich, weiter nur unbeteiligt vor mich hinzustarren. »Der Match zwischen dir und ihm läge übrigens bei 51%!«

Jetzt muss ich doch lachen. »Du bist erstaunlich gut informiert über die App.«

»Ich bin dein bester Kunde.«

Ich blicke ihm in die Augen und sehe das neckische Funkeln darin.

»Okay, zugegeben, eigentlich habe ich keine Zeit für sowas.«

Da sagt er was. Wann hatte ich schon mal Zeit für Dates? Ich bin damit beschäftigt, fehlerhaften Datenbankzugriffen nachzugehen, Gründe fürs Scheitern zu analysieren und die App mit neuen Funktionen auszustatten. Ich sehe die App nicht halb so romantisch wie meine Kunden. Es geht mir nicht um das Glück der einzelnen, sondern um die Minimierung von Fehlern. Nur manchmal beobachtete ich sie, diese einfachen Menschen, die noch Zeit für die Liebe haben. Ich versuche, mich in sie hineinzuversetzen und sie zu verstehen – dann kommen mir Ideen für neue Features.

Da wir im echten Leben den Kontakt zu den Arbeitern meiden sollen, um nicht an Ansehen einzubüßen, kann ich mich hauptsächlich in der Simulation mit diesen Recherchen ihrer Lebensart und ihren Vorlieben befassen. Sollte ich vielleicht noch mal tun, bevor wir in einer Woche abreisen.

»Hey, alles okay?« Brian stupst mich an und ich schrecke hoch.

»Jetzt starten sie gleich, nicht wahr?«

Brian blickt auf seine Uhr. »In sieben Minuten.«

Obwohl ich Brian nicht ausstehen kann, tut es gut, diesen Moment nicht allein zu erleben. Ich beruhige meine Atmung, starre auf den riesigen Monitor mit den Maschinendaten.

»Alles wird gut. Alles, alles wird gut.«

»En garde!« Ich hebe mein Schwert, mein Gegenüber tut es mir gleich. Kurz halten wir beide die Luft an, dann geben wir Vollgas. Wir fechten, springen dabei wie wild durch den großen Raum mit den hohen Decken und den blauen Sicherheitsmatten auf dem Boden. Die weißen hohen Fenster geben den Blick frei auf tropische Palmen, die draußen im mäßigen Wind wehen. Ich sehe das alles nur aus den Augenwinkeln, denn der Kampf wird immer wilder und ich habe Mühe, bei dem Tempo hinterherzukommen.

---ENDE DER LESEPROBE---