Unsere letzte Unendlichkeit - Elvie Moritz - E-Book

Unsere letzte Unendlichkeit E-Book

Elvie Moritz

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Beschreibung

Als Kimberly erfährt, dass sie Prinzessin in einem fernen Reich ist, gerät ihr Leben aus den Fugen. Ihr Ehemann entpuppt sich als Widersacher, ihre Mutter denkt nur an ihr Reich und das Kämpfen. Und Kimberly weiß nicht mehr, was falsch und was richtig ist. Was hat es mit dem mysteriösen Kion auf sich, der Kimberly den Hof macht? Und warum nur ist es immer wieder ausgerechnet ihr Ehemann Chalk, der ihr aus der Patsche hilft, obwohl er sie ursprünglich doch ausliefern wollte? Wem kann Kimberly noch trauen - in einem gespaltenen Reich, dessen zwei Herrscher befeindeter nicht sein könnten?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Als Kimberly erfährt, dass sie Prinzessin in einem fernen Reich ist, gerät ihr Leben aus den Fugen.

Ihr Ehemann entpuppt sich als Widersacher, ihre Mutter denkt nur an ihr Reich und das Kämpfen. Und Kimberly weiß nicht mehr, was falsch und was richtig ist.

Was hat es mit dem mysteriösen Kion auf sich, der Kimberly den Hof macht? Und warum nur ist es immer wieder ausgerechnet ihr Ehemann Chalk, der ihr aus der Patsche hilft, obwohl er sie ursprünglich doch ausliefern wollte?

Wem kann Kimberly noch trauen - in einem gespaltenen Reich, dessen zwei Herrscher befeindeter nicht sein könnten?

 

Elvie Moritz wurde im Jahr 1988 in Bayern geboren und lebt inzwischen in Schleswig-Holstein. Sie liebt die Natur und das Abenteuer und kann sich für Berge und Meer gleichermaßen begeistern. Ihre ersten Geschichten schrieb sie im Alter von zehn Jahren.

Sie liebt außergewöhnliche Geschichten mit einer Prise Spannung, viel Romantik und einer tiefgründigen Nebenhandlung.

 

      

© 2024 Claudia Miemczyk – alle Rechte vorbehalten

 

Claudia Miemczyk

Fischdiek 53

25524 Itzehoe

 

+4917647794738

[email protected]

https://www.elvie-moritz.de

 

Für Cover und Buchsatz wurden Fotos von Adobe Stock verwendet.

 

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Ohne die schriftliche Zustimmung der Autorin ist jede Verwendung unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Verbreitung, Vervielfältigung, Übersetzung oder öffentliche Zugänglichmachung.

 

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten zu verstorbenen oder lebenden Personen, Orten oder sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar. 

 

 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

 

Dunkle Wolken brauen sich am Himmel zusammen. Die Schatten, die sie werfen, ziehen so schnell über das Land, dass ich nicht weiß, ob ich auf den Boden oder nach oben blicken soll. Alles um mich herum ist in Bewegung. Hinter jedem Schatten könnte sich eine Gefahr verbergen – doch die Nacht ist so finster, dass ich kaum weiter als drei Meter sehen kann und es zu spät erkennen würde, sollte jemand über mich herfallen. Ich weiß, dass ich keine Chance habe, jetzt noch zu entkommen.

Daher verharre ich und warte, dass irgendwas passiert. Warte auf mein Ende.

Der Wind brüllt mir entgegen. Die Kampflaute der Krieger vermischen sich zu einem Knäuel aus Schmerz, Wut und Widerstand.

Wir haben verloren. Ich kann fühlen, dass wir verloren haben. Mit meinen fünf Jahren hätte ich nichts ausrichten können, dennoch lastet das Gefühl von Schuld schwer auf mir. Ich habe nichts getan, um unser Land zu verteidigen. Ich, die das alles hier hätte übernehmen sollen – eines Tages. Unser Volk wird sterben.

Eine Hitze ergreift von mir Besitz, als würde irgendwo ein riesiges Feuer brennen. Doch nichts ist um mich herum zu sehen, was diese Hitze hätte erklären können.

Ein Blitz schießt über den Himmel und kurz erhasche ich einen Blick auf das Meer aus toten Kriegern, das sich über die graue Ebene vor mir erstreckt. Ich beginne, zu zittern, will schreien, doch nicht einmal ein Wimmern verlässt meinen Mund. Mein Puls beschleunigt sich.

Als die Dunkelheit uns längst wieder eingehüllt hat, starre ich noch vor mich hin, ohne irgendwas zu erkennen. Der Schreck hat Besitz von mir ergriffen. Da ist keine Kraft mehr, noch etwas dagegen zu tun. Alles, was ich fühle, ist Leere.

Plötzlich umschlingt ein enger Griff meine Brust, jemand packt mich und reißt mich hoch. Wer auch immer mich zu sich hochgezogen hat, trägt eine Fackel in seiner Hand. Das dumpfe Licht der Flammen reicht nicht, um mir erneut einen Blick auf das Schlachtfeld zu gewähren. Ich weiß nicht, ob ich darüber nicht sogar erleichtert bin.

Der Geruch nach Schweiß flutet meine Sinne, während der Mann, der mich fest an seine Brust presst, zielstrebig geradeaus rennt.

Die Schreie werden lauter, die Hitze stechender. Das Geräusch von Metall auf Metall dringt an mein Ohr und ein Knistern liegt in der Luft.

Ich blinzele und sehe nun die vielen Schatten, die keuchend versuchen, das, was von unserem Land geblieben ist, zu verteidigen. Diese Schlacht hat bereits so viele Leben gekostet. Der Schmerz, der in der Luft liegt, sagt mehr als tausend Worte. Es war ein Fehler. Alles hier war ein riesiger Fehler.

Ein lauter Aufschrei dringt aus der Kehle des Mannes, der mich bis vor Kurzem noch hielt – er taumelt, sein Griff lockert sich und mit einem Ruck lande ich im Sand.

Ich kann mich nicht mehr aufstützen und knalle mit dem Kopf direkt auf den Grund. Ich überschlage mich, nehme das aber nur wahr – ohne es zu fühlen. Wenn da irgendwann vor Stunden noch Panik war, ist in mir spätestens jetzt nur noch die leere Gewissheit, dass ich schon längst nichts mehr ausrichten kann.

Füße trampeln über mich hinweg.

Plötzlich dringt lautes Gejohle in mein Bewusstsein. »Ich habe sie! Verdammt, ich habe sie!«

Arme packen nach mir, doch diesmal ist der Griff grob und gebieterisch. Meine Gelenke stechen vor Schmerz, meine Hände sind geschwollen. Es fühlt sich an, als wäre keine Stelle meines Körpers mehr unversehrt.

»Nieder mit dem König! Nieder mit dem Reich!«, höre ich die beiden Stimmen selbstgefällig rufen, laut und rhythmisch. Ein paar andere Männer stimmen mit ein.

Dann zischt erneut ein Blitz durch die Nacht und ich erstarre, als ich Papa vor mir sehe. Er hat mich gefunden. Hier zwischen den Trümmern, in den Klauen der Feinde.

Papa liegt auf dem Boden, direkt zu Füßen der beiden Männer, die mich hochgezerrt haben. Seine Augen sind geweitet vor Angst und Schmerz, sein kastanienbraunes Haar klebt ihm in Strähnen in der Stirn.

»Gib ... sie ... mir ... zurück!«, krächzt er und einer meiner Peiniger tritt nach ihm. In Papas Augen steht Feuer. Ein loderndes Feuer, das seine ganze Iris ausfüllt. So hat er mich immer angesehen, wenn ich in Gefahr war und er mich retten musste. Er hat es gefühlt, wenn ich ihn gebraucht habe - immer. Das ist die Gabe einiger Auserwählter hier im Blühenden Reich. Doch diesmal weiß ich, wir haben verloren. Diesmal wird seine Gabe uns nicht retten.

Der Blitz am Himmel erlischt und für einen Moment habe ich das Gefühl, mich in einer Seifenblase zu befinden – als wäre ich vom Rest der Welt abgeschirmt. Kein Laut des noch eben herrschenden Geschreis erreicht mich mehr.

Doch Papas Gesicht leuchtet erneut vor mir auf. Er beugt sich zu mir runter, hebt wie in Zeitlupe die Hand. Etwas befindet sich darin.

Ich muss blinzeln und genau hinsehen, ehe ich erkenne, dass es sich dabei um eine Rosenblüte handelt. Eine Rosenblüte, die so dunkel ist, dass man nur bei Licht die roten Stellen noch von der Schwärze unterscheiden kann. Heute sieht sie schwarz aus, grau und dunkel.

Was habe ich diese Blüten immer geliebt, im Schlossgarten, in der Mittagssonne.

Mein Atem beschleunigt sich und mit einem Mal fühle ich doch wieder Hoffnung. Papa steckt mir die Rose in mein Haar und mit einem Mal beginne ich, zu fallen, als hätte sich der Boden unter meinen Füßen aufgetan.

Tiefer und tiefer stürze ich, verliere jegliches Gefühl für Raum, Zeit oder die Geschwindigkeit, in der ich falle.

Vielleicht hänge ich auch völlig schwerelos in einem Raum aus absoluter Dunkelheit. Ich spreize meine Arme nach oben, als könnte irgendjemand mich jetzt noch greifen und retten.

Doch der Sturz endet nicht. Er hat gerade erst begonnen.

 

Ich reiße die Augen auf. Schon wieder dieser Alptraum. Ich kenne ihn. Er verfolgt mich schon seit meiner Kindheit. Müde streife ich die Decke von meinem Körper ab, denn ich bin ohnehin völlig überhitzt.

Die gleichmäßigen Atemzüge meines Mannes neben mir beruhigen mich ein wenig. Doch ich kann nicht leugnen, dass der Traum diesmal intensiver war als sonst. Er wird mit jedem Mal intensiver.

Diesmal erinnere ich mich sogar noch an winzigste Details. Die Sinneseindrücke, die so greifbar waren, als hätte ich all das wirklich erlebt, treiben mir ein flaues Gefühl in den Magen. Zum ersten Mal überfällt mich eine Angst, dass mehr hinter diesem Traum stecken könnte.

Es war der König, der mir die Rose in mein Haar gesteckt hat, denke ich. Der König, der längst gestorben ist – beim Versuch, mich zu retten. Der König, den ich Papa nannte.

Mein Herz klopft so laut, dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Ich schiele auf den Wecker auf meinem Nachttisch: Kurz nach drei Uhr. Mein Mann Chalk wird bestimmt wütend, wenn ich ihn jetzt wecke, aber liegen bleiben kriege ich nicht hin. Mein ganzer Körper vibriert vor Anspannung und meine Gedanken fahren Karussell.

Entnervt springe ich auf und schleiche ins Badezimmer, wo ich mich unter die luxuriöse Regendusche stelle.

Der König hat mich gerettet, natürlich. Bestimmt hofft er auch, dass ich bald heimkehre, in unser majestätisches Schloss. Es sieht mir ähnlich, so etwas zu träumen. Als wäre ich nicht auch so schon verwöhnt genug.

Ich lache über mich selbst – aber die innere Unruhe sowie mein Unbehagen bleiben.

 

 

Ich blättere müde durch das neue Modemagazin, auf das ich mich sonst immer so gefreut habe. Jeden Montag kommt mit der Post eine neue Ausgabe. Normalerweise kann ich es schon am Sonntag kaum mehr erwarten, nach neuen Schuhen, Mänteln und Kleidern zu stöbern.

Doch heute stellt sich einfach kein Enthusiasmus bei mir ein. Die Seiten des Hochglanzmagazins rauben meinen Fingern die Feuchtigkeit und ich lege die Zeitschrift zurück auf den Tisch, um mir die Hände einzucremen.

Am liebsten würde ich mich zurück ins Bett legen. Ich bin so müde und der Traum der vergangenen Nacht zehrt noch immer an meinen Nerven. Doch Chalk könnte jeden Moment von der Arbeit heimkommen. Ich möchte nicht, dass er sich Sorgen um mich macht.

Unsere Haushälterin Frieda wuselt um mich herum und bringt mir erneut einen Frappé an den Tisch. Ich nicke ihr gedankenverloren zu, ohne den Blick von meinen Händen zu wenden, greife nach dem roten Strohhalm und nehme einen Schluck. Schon der vierte Frappé heute.

Meine Gedanken wandern zu dem roten Kleid auf Seite drei des Modemagazins und ich stelle mir vor, wie ich mit meinem Mann Chalk oder meiner Freundin Cecilia im Theater sitze und alle Blicke auf mich ziehe, während die rote Schleppe elegant über den Boden gleitet.

Ein Lächeln huscht bei der Vorstellung über mein Gesicht und ich gebe der Zeitschrift noch eine Chance und ziehe sie wieder zu mir heran. Ein oder zwei Kleider werde ich finden, die ich bestellen kann. Nicht umsonst schwimmt mein Mann Chalk im Geld. Nicht umsonst verwöhnt er mich mit all dem Luxus, von dem andere Frauen nur träumen können.

Frieda summt vor sich hin, das Geklapper von dem Geschirr, das sie aus der Spülmaschine räumt, mischt sich in das Geträller aus dem Radio – die neuesten Charthits hallen zu mir rüber. Friedas Anwesenheit gibt mir ein Gefühl von Behütung. Vielleicht weil sie vom Alter her meine Mutter sein könnte und ich nie eine hatte.

Seit wir Frieda engagiert haben, macht es mir nichts aus, wenn Chalk für seine Arbeit manchmal auch mehrere Tage am Stück fortbleibt. Das Gefühl von Vertrautheit, dass jemand da ist, dass jemand mich umsorgt, erwärmt mir das Herz so sehr, dass ich nichts fühle außer Dankbarkeit.

Nur manchmal – heute zum Beispiel – kann ich die Illusion, in der ich lebe, nicht vollständig aufrechterhalten.

Was hat es mit den Träumen auf sich? Wieso haben meine leiblichen Eltern nie nach mir gesucht und warum gibt es keine Hinweise darauf, ob und wo sie gestorben sind, falls sie es sind?

An Tagen wie heute komme ich mir albern vor. Darf man sich mit fünfundzwanzig Jahren noch so sehr nach einer Mutter sehnen, wie ich das tue? Sollte man nicht besser darüber nachdenken, selbst Mutter zu werden? Lernen, Verantwortung zu tragen, statt sich im gemachten Nest zurückzulehnen?

Bilder aus meinem Traum schießen mir wieder in meine Gedanken. Mein Vater, der König, der mir eine Rose ins Haar steckte. Beunruhigend daran ist, dass ich mich noch immer an den Klang seiner Stimme erinnere – und an den Geruch nach Schweiß, der in der unerbittlichen Schlacht in der Luft gelegen hat.

Ich wische den Gedanken daran schnell beiseite. Jeder Therapeut, ja sogar jeder Hobbypsychologe, würde mir sagen, dass mein Traum von einem königlichen Vater bedeutet, dass ich mich nach Ruhm sehne, nach Reichtum – und nach meinen Eltern, dem Gefühl, behütet und wichtig zu sein. Vielleicht sollte ich dem Gefühl nachspüren, irgendwann. Wenn ich das Modemagazin zu Ende betrachtet habe.

»Alles in Ordnung, Fräulein Kimberly?«, fragt Frieda und legt besorgt den Kopf schief. Ich habe gar nicht gemerkt, dass sie in der geöffneten Schiebetür zwischen Küche und Esszimmer aufgetaucht ist.

Ich lächele matt und nicke nur. Meiner Stimme vertraue ich heute nicht. Seit drei Uhr in der Nacht habe ich mich in meinem Bett nur noch von der einen Seite auf die andere gewälzt und bin um fünf Uhr dann endgültig aufgestanden. Chalk war wütend, so wie er es immer ist, wenn ich diesen Traum habe. Ich hoffe, er spricht mich heute Abend nicht mehr darauf an.

Mit einem Schwung leere ich den Frappé und endlich nickt Frieda mir zufrieden zu und wendet sich ab.

Ich öffne Instagram und antworte Cecilia, die sich für morgen mit mir zur Maniküre verabreden möchte. Meine Fingernägel könnten tatsächlich einen neuen Anstrich gebrauchen. Besonders wenn ich das rote Kleid von Seite drei im Modemagazin bestelle, brauche ich dringend auch für meine Nägel ein Upgrade, damit alles zusammenpasst.

Ich stehe auf und schlendere vor den Garderobenspiegel. Mit den Händen fahre ich mir durch meine gepflegten kastanienbraunen Locken, die mir bis über die Schultern hängen. Rot ist genau meine Farbe. Rot harmoniert mit dem warmen Braun meiner Augen sowie dem dunklen, glänzenden Ton meiner Haare. Ich sollte einfach das rote Kleid bestellen – und alle negativen Gedanken beiseiteschieben.

Ein Kratzen hinter der Haustür reißt mich aus meinen Überlegungen und ich drehe mich erwartungsvoll um. Die Tür springt auf und Chalk tritt einen Schritt auf mich zu, ehe er zusammenzuckt. »Kimberly! Was machst du denn hier im Flur?«

»Ich habe mich im Spiegel betrachtet«, krächze ich und Chalk lacht ein wenig verwirrt. Ich fahre mir, so verführerisch es mir möglich ist, durch mein Haar, werfe es dann zurück und gehe langsam auf meinen Ehemann zu. »Hatte es eben im Gefühl, dass du jetzt kommst«, hauche ich.

Er stellt den Koffer ab und nimmt mich in den Arm. »Was für eine wunderschöne Überraschung«, stellt er fest. Sanft drückt er mich zurück, um sich Jacke und Schuhe auszuziehen. Ich warte, bis er damit fertig ist, und gemeinsam betreten wir das Wohnzimmer.

Frieda ist gerade damit beschäftigt, die Blumen zu gießen. Als sie sieht, dass wir den Raum für uns beanspruchen wollen, nickt sie Chalk kurz zur Begrüßung zu und schickt sich dann, nach draußen zu kommen.

»Was war heute Nacht los, Kimberly?«, beginnt Chalk das Gespräch ohne Umschweife. »Du hast in der Nacht mehrfach geschrien und als ich aufstand, lagst du nicht mehr im Bett.«

Ich schüttele den Kopf. »Ist nicht wichtig.«

»Wirklich nicht? Kimberly, wenn du unglücklich bist, ... wenn es irgendwas gibt, was du gern hättest ...«

Ich winke ab und spüre die Röte in mein Gesicht steigen. »Mir fehlt mit dir doch an nichts. Es ist nur ... ich hatte wieder diesen Alptraum.«

Er runzelt die Stirn und lässt sich auf das Sofa fallen. »Den von der Schlacht, von dem du mir schon öfter erzählt hast?«

»Ja.«

»Und? Was hast du gesehen? Was ist passiert?«

Ich zucke mit den Schultern und lasse mich neben Chalk gleiten. Obwohl er sich bemüht gibt, sehe ich, wie sehr ihm dieses Gespräch missfällt. Ein schlechtes Gewissen überkommt mich. Da kommt er müde von der Arbeit heim - er, der Alleinverdiener ... und dann texte ich ihn mit meinen blödsinnigen Alpträumen zu.

Ich will mich abwenden und ihm sagen, dass wir fernsehen und uns einen schönen Abend machen können. Aber Chalk greift nach meinem Arm. »Erzähl mir alles, okay?« Seine Stimme ist hart und duldet keinen Widerspruch.

Irritiert blicke ich ihn an, fasse mir dann aber ein Herz und beginne, zu berichten. »Der Traum lief eins zu eins so ab wie die Male davor. Er war nur intensiver. Fast so, als wäre ich dabei gewesen. Als wäre das alles in irgendeiner Form mit meinem Leben verwoben. Ich konnte mich an die Gerüche und Tonlagen der Stimmen erinnern. Das hatte ich in einem Traum noch nie. Verstehst du?«

»Du solltest das vergessen, Kimberly.«

»Ja, sollte ich wohl«, sage ich und blicke Chalk abwartend an. »Und bei dir? Wie lief dein Tag?«

Chalk winkt ab. »Alles beim Alten. Nicht so wichtig.« Geschäftig blickt er auf die Uhr.

»Ist etwas? Steht noch was an?«, frage ich. Er wirkt immer noch angespannt, aber nun nicht mehr so beunruhigt wie vorhin noch. Vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet.

»Alles gut«, sagt er nur und steht auf.

»Ich wollte mir vielleicht ein neues Kleid bestellen.« Unschlüssig erhebe ich mich ebenfalls und folge seinem Blick. Chalk steht nun am breiten Fenster, das den Blick auf die Terrasse und den Garten freigibt und starrt gedankenverloren nach draußen. Ist da irgendwas im Garten? Mit gerunzelter Stirn trete ich näher zu meinem Mann hin, der plötzlich so ernst und abgewandt wirkt wie schon lange nicht mehr.

Die letzten Sonnenstrahlen werfen ein mattes Licht über die hohe Hecke auf den Rasen. Der Pool schimmert rötlich und der Flieder wippt sanft im Wind. Das alles haben wir uns in den letzten drei Jahren aufgebaut. Es ist das erste Zuhause meines Lebens.

Ich schmiege mich von hinten an Chalk, der immer noch nur geradeaus blickt.

»Chalk?«, wundere ich mich. »Chalk, ich rede mit dir! Soll ich dir das neue Kleid zeigen, das ich heute ausgesucht habe?«

Er fährt zu mir herum und ich weiche einige Schritte zurück, weil seine Bewegung so abrupt ist, dass ich mich vor ihm erschrecke. »Verflucht, Kimberly! Zuerst weckst du mich mehrfach in der Nacht und jetzt kannst du nicht aufhören, mich zu nerven!«

Mein Puls beschleunigt sich und ich öffne meinen Mund, schließe ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen.

»Ich geh noch mal nach draußen in den Garten«, sagt er dann etwas ruhiger und dreht sich zur Terrassentür.

Verdutzt blicke ich ihm hinterher, als er nach draußen auf die Terrasse stapft, während neben der offenstehenden Tür der Vorhang im Wind weht.

Als er sich umdreht und eine genervte Handbewegung macht, wende ich mich ab und gehe wütend rüber ins Esszimmer. Na warte. Der kann was erleben, wenn er wieder reinkommt! Wenn er sich streiten will, kann er den Streit nur zu gerne haben! Was ist nur plötzlich in ihn gefahren?

 

Verfluchte Träume. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist, dass die Mission scheitert. Und diese Träume, die Kimberly ständig hat, bedeuten, dass sie noch eine Verbindung zu damals spürt – irgendwo, tief in sich drin. Zum Glück scheint sie absolut gar nicht zu begreifen, was dahintersteckt. Dennoch läuft mir die Zeit davon. Nicht dass sie sich doch noch erinnert. Nicht dass sie ihre Herkunft doch noch durchschaut.

Vielleicht kann ich es heute bereits zu Ende bringen. Ich fahre mir mit den Händen über die raspelkurzen schwarzen Haare. Meine Nerven liegen blank, da ich zu viel investiert habe. Diese Mission ist alles, was ich habe. Sie ist mein ganzer Stolz. Und jetzt muss ich auf den letzten Drücker den Plan ändern.

Vollmond ist erst in sieben Tagen. Wenn wir Kimberly jetzt schon übergeben, gehen wir das Risiko ein, dass wir sie sieben Tage irgendwo verstecken müssen. Doch lassen wir sie bis dahin ihr unschuldiges Dasein auf der Erde weiterfristen, könnte uns weit Schlimmeres drohen, wenn ihr klar wird, wer sie wirklich ist. Oder wenn durch die stärker werdende Verbindung auch die Königin auf sie aufmerksam wird.

Ein Schauer jagt mir bei dieser Vorstellung durch den Körper und ich fluche noch einmal unterdrückt, ehe ich meinen Weg fortsetze.

Ich schreite über den gepflegten Rasen, den unser Gärtner Joseph erst vor wenigen Tagen gemäht und vom Unkraut befreit hat. Was man sich mit einem Handwagen voller Silber auf der Erde nicht alles leisten kann! Eine anspruchsvolle Frau aus königlichem Hause, samt Villa, mit Gärtner, Hausmädchen und Köchin.

Die Zeit hier werde ich vermissen, egal wie froh ich bin, wenn ich endlich zurück in mein eigenes Reich kehren kann – mit der großen Macht im Gepäck. Kaum zu glauben, dass ich den letzten Orden in nur sieben Tagen in der Hand halten werde. Zumindest wenn jetzt nichts mehr dazwischenkommt.

Vor mir erstreckt sich der Pool, den ich auf Kimberlys Wunsch hin schon kurz nach unserem Einzug hier einbauen ließ. Weil Cecilia auch einen hat, dass ich nicht lache! Aber mir kam dieser Pool letztendlich zugute, stellte er doch eine gute Möglichkeit dar, die Verbindung in die Heimat zu halten. Er hat die perfekten Maße, um das Portal zu verbergen, an dem Himbolius seit Jahren arbeitet.

Ich blicke noch einmal zurück zum Wohnzimmerfenster, um mich zu vergewissern, dass ich unbeobachtet bin. Das Licht wurde bereits gelöscht. Niemand steht am Fenster, ich bin allein hier.

Langsam bücke ich mich an den Rand des Pools. Ich beuge mich weiter vor und verwische mit meinen Fingern mein Spiegelbild, das sich klar auf dem von der matten Abendsonne beleuchteten Wasser abzeichnet.

»Himbolius, höre mich«, sage ich und beobachte, wie sich auf der Wasseroberfläche ein Strudel bildet, der immer dunkler wird. In dem Schwarz zeichnen sich nach und nach die feinen Umrisse eines Kopfes ab. Mit jeder Sekunde wird das Gesicht deutlicher, bis alle Details sichtbar sind. Der blasse, elfenhafte Teint. Die halblangen, gewellten Haare, die ihm bis über die Ohren hängen. So dunkel, dass sie fast als Schwarz durchgehen würden, nur der leichte Blaustich entlarvt Himbolius als Halbelfen.

»Ich höre«, sagt Himbolius und ich nicke ihm erleichtert zu. Die Verbindung steht und scheint obendrein stabil. Himbolius’ Stimme dringt klar und deutlich an mein Ohr.

»Sie hat wieder von der Schlacht geträumt«, komme ich direkt zu der Sache. »Wir werden die Mission nun zu Ende bringen. Ihr fünfundzwanzigster Geburtstag ist drei Wochen her – es gibt keinen weiteren Grund, die Auslieferung noch weiter hinauszuzögern. Bist du mit dem Portal fertig?«

Himbolius’ Augen verengen sich zu Schlitzen. »Natürlich ist das Portal fertig. Schon seit zwei Tagen. Ist sie ausreichend geschwächt, um die Reise in ihr Verderben widerstandslos anzutreten? Wieso warten wir nicht, bis Vollmond ist?«

»Ja, geschwächt ist sie. Interessiert sich nur noch für Schmuck, schöne Kleider und Frappé. Ich will mich nicht selbst loben, aber ich würde sagen, ich habe ganze Arbeit geleistet.« Ich überlege, wie ich Himbolius’ Frage nach dem Vollmond beantworten soll. Er darf nicht bemerken, dass ich mir ernsthafte Sorgen wegen dieser Träume mache. »Die alten Kammern im Weltenberg ... wir sperren sie in einer davon ein. Wenn von deiner Seite aus alles erledigt ist, dann gibt es keinen Grund, ihre Übergabe weiter hinauszuzögern.«

»Gut, dann mache ich alles bereit. Kann ich heute noch damit rechnen, dass du sie uns auslieferst? Ich werde sie mit ein paar Leuten an der vereinbarten Stelle im Reich der Schatten erwarten.«

Ich kaue auf meiner Unterlippe und blicke zum Haus. Immer noch sind die Fenster in Richtung Garten dunkel. Kimberly wird im Esszimmer sitzen und schmollen. So wie sie das immer tut, wenn wir uns gestritten haben. Verwöhntes Blag. Beinahe hätte ich sie liebgewonnen. Es hatte die letzten Jahre etwas Tröstliches, dass jemand da war, wenn ich nach Hause kam. Dass jemand sich ehrlich dafür interessierte, wie mein Tag war. Manchmal hing sie förmlich an meinen Lippen. Und sie ist im Glauben großgeworden, Waise zu sein. Waise, so wie ich.

Schnell schüttele ich den Gedanken an unsere Verbundenheit von mir ab. Ich muss mich nun konzentrieren! Zu viel steht schließlich auf dem Spiel.

Bestimmt wird es ein Leichtes sein, sie zu einem kleinen Gang durch den Garten zu überreden. Die Temperaturen draußen sind noch angenehm mild und die Sonne legt den Garten zu der späten Stunde in ein romantisches rötliches Licht. Davon abgesehen tut sie ohnehin alles, was ich von ihr verlange.

»Ja. Ich werde sie heute noch ausliefern. Halte dich und das Heer bereit. Es wird nur noch wenige Minuten dauern, ehe die Verantwortung dieser Mission auf dich übergeht.«

Ein Kribbeln durchfährt mich bei dem Gedanken an den letzten Orden, den dieser Feldzug hier mir einbringen wird. Wie viele Türen mir offenstehen werden, wenn ich der Sache endlich ein Ende bereitet und Kimberly in ihr Verderben gestürzt habe. Dann gibt es endlich wieder was zu tun. Endlich wieder neue Tränke, neue Drogen. In einem ewigen Leben, das man bereits seit zweihundert Jahren fristet, gibt es nicht viel, was einen bei Laune hält, wenn man schon so viel erreicht hat, dass man nur noch auf der Stelle tritt.

Oh, Kimberly. Drei Jahre lang lebte ich nun Seite an Seite mit ihr. Zwei Jahre in einer Ehe. Hat dieser Mensch etwas in mir bewegt? Gefühle in mir hinterlassen? Beinahe tut sie mir leid. Gutgläubig. Naiv. Ein Erdling, wie er im Buche steht.

Doch mit ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr ist sie gemäß unserer Reichsordnung volljährig und kann unbeschränkt auf ihre magischen Fähigkeiten zugreifen. Ihr Tod wird eine ungeahnte Menge an Magie freisetzen und vielleicht wird das Reich der Schatten dadurch endlich zu neuem Glanze finden, sodass unser Leben dort nicht mehr von Angst, Alkoholsucht und Leid geprägt ist, sondern von Aufbruch und Begeisterung. So wie in den guten alten Zeiten noch, als ich jung war und die Welt, aus der ich stamme, noch einen Sinn kannte.

Himbolius und ich tauschen einen letzten Blick, ehe ich das Bild vor mir im Wasser wieder verwische und Himbolius verschwindet. Stattdessen taucht nun wieder mein mattes Spiegelbild auf der Wasseroberfläche auf.

Meine grauen Augen sehen leer aus. Meine Gesichtszüge angestrengt. Kein Wunder. Nach drei Jahren auf der Erde habe ich mir den Regenerationszauber in der magischen Welt mehr als verdient. Bald. Sehr bald.

Ich beruhige meinen Atem, während ich zielstrebig durch den Garten und zurück zur Wohnzimmertür schreite, um endlich mit Kimberly zu sprechen – ein letztes Mal.

 

 

Chalk war seltsam heute. Den ganzen Abend schon. Eigentlich begann es bereits in der Früh, als er ohne Verabschiedung das Haus verließ – vermutlich entzürnt darüber, dass ich wieder mal von einem Alptraum heimgesucht wurde und dadurch seine Nachtruhe gestört habe.

Normalerweise würde ich nun alles daransetzen, mich möglichst schnell wieder mit Chalk zu versöhnen. Allein schon, um den anstehenden Theaterabend mit ihm nicht zu gefährden – oder das neue Kleid, das ich heute Nachmittag im Modemagazin gefunden habe und gern bestellen würde.

Ich hasse Streit und Unstimmigkeit einfach. In den letzten Minuten, die ich im Esszimmer saß und auf Chalk wartete, wäre ich vor Nervosität beinahe durchgedreht. Doch da kam nicht nur Reue über den völlig unsinnigen Streit mit Chalk in mir auf, sondern auch ein anderes Gefühl.

Ich schließe die Augen, um mich zu beruhigen, um das Gefühl zu vertreiben. Aber es hat sich hartnäckig in mir festgesetzt: Irgendwas an Chalks Verhalten macht mir Angst. So große Angst, dass es mir die Luft zum Atmen abschnürt. Verdammt, ich kenne diesen Mann nun schon seit drei Jahren! So wie heute habe ich noch nie gefühlt. Er hat mir nie Grund dafür gegeben, ihn anzuzweifeln.

Unruhig scrolle ich durch mein Instagram-Profil und setze einige Likes bei Cecilias Beiträgen über die Mini-Kreuzfahrt, die sie letztes Wochenende zusammen mit ihrem Mann unternommen hat. Ein kurzer Neidstich durchfährt mich, als ich ihr neues schwarzes Kleid mit den edlen Pailletten an Saum und Kragen entdecke. Ihr durchtrainierter und dennoch weiblicher Körper wird davon perfekt umschmeichelt.

Ich stelle mir vor, wie ich das neue rote Kleid trage und mit ihr gemeinsam alle Blicke auf uns lenke. Sie mit ihren glänzenden, tiefschwarzen und glatten kinnlangen Haaren, ich mit meinen kastanienbraunen langen Locken. Natürlich werde ich mich mit Chalk versöhnen, allein wegen des Geldes und des Lebensstandards, den er mir bietet.

Aber jetzt noch nicht.

Ich horche auf. Die Terrassentür wird aufgestoßen und anschließend geschlossen. Dann ist Chalk im Garten fertig. Plötzlich kribbelt alles in mir und ich bekomme Lust, ebenfalls noch ein paar Schritte an der frischen Luft zu gehen. Wenn das Chalk hilft, hilft es mir vielleicht ebenso. Bestimmt kommt das ungute Gefühl, das sich in mir festgesetzt hat, noch von dem Alptraum und hat mit Chalk gar nichts zu tun.

---ENDE DER LESEPROBE---