Keine Hölle mehr - Elvie Moritz - E-Book

Keine Hölle mehr E-Book

Elvie Moritz

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Beschreibung

Nach außen hin wirkt Emilys Leben perfekt. Sie studiert Psychologie, findet schnell Anschluss und hat viele Freundinnen. Als sie jedoch auf Johannes trifft, der versucht, sein strenges, beinahe sektenhaft geprägtes Weltbild hinter sich zu lassen, wird ihr klar, dass auch sie einiges verdrängt. Schnell kommt sie Johannes näher - doch genauso schnell kommen erste Zweifel und Konflikte zwischen den beiden auf. Warum nur fühlt sich Emily in seiner Gegenwart so unsicher? Lohnt es sich, alte Muster zu hinterfragen und um die frische Liebe zu kämpfen? Oder hatte diese von vornherein keine Chance? Wird Emily es schaffen, mit ihrer Vergangenheit abzuschließen?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nach außen hin wirkt Emilys Leben perfekt. Sie studiert Psychologie, findet schnell Anschluss und hat viele Freundinnen. Als sie jedoch auf Johannes trifft, der versucht, sein strenges, beinahe sektenhaft geprägtes Weltbild hinter sich zu lassen, wird ihr klar, dass auch sie einiges verdrängt.

Schnell kommt sie Johannes näher - doch genauso schnell kommen erste Zweifel und Konflikte zwischen den beiden auf. Warum nur fühlt sich Emily in seiner Gegenwart so unsicher? Lohnt es sich, alte Muster zu hinterfragen und um die frische Liebe zu kämpfen? Oder hatte diese von vornherein keine Chance?

Wird Emily es schaffen, mit ihrer Vergangenheit abzuschließen?

 

Elvie Moritz wurde im Jahr 1988 in Bayern geboren und lebt inzwischen in Schleswig-Holstein. Sie liebt die Natur und das Abenteuer und kann sich für Berge und Meer gleichermaßen begeistern. Ihre ersten Geschichten schrieb sie im Alter von zehn Jahren.

Sie liebt außergewöhnliche Geschichten mit einer Prise Spannung, viel Romantik und einer tiefgründigen Nebenhandlung.

 

      

© 2024 Claudia Miemczyk – alle Rechte vorbehalten

 

Claudia Miemczyk

Fischdiek 53

25524 Itzehoe

 

+4917647794738

[email protected]

https://www.elvie-moritz.de

 

Für Cover und Buchsatz wurden Fotos von Adobe Stock verwendet.

 

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Ohne die schriftliche Zustimmung der Autorin ist jede Verwendung unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Verbreitung, Vervielfältigung, Übersetzung oder öffentliche Zugänglichmachung.

 

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten zu verstorbenen oder lebenden Personen, Orten oder sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar. 

 

 

 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

 

 

»Ich schicke dir nachher noch die E-Mail-Liste.« Mein Mentor Thomas verabschiedet sich von mir und ich greife nach der Mappe mit Unterlagen, die er in meinem Posteingang gelassen hat.

Was bin ich froh, dass ich für dieses Praktikum genommen wurde.

Ich hatte nur drei Bewerbungen geschrieben, da ich klare Vorstellungen hatte, wo ich dieses Praktikum absolvieren will. Und jetzt wurde es sogar meine Favouritenstelle. Ich öffne die Mappe und breite die vielen Infoflyer und Entwürfe für Werbepostkarten auf meinem Schreibtisch aus.

Für den ersten Arbeitstag ist es eine faire Aufgabe, das Infomaterial zu sichten und Verbesserungsvorschläge für Inhalt und Layout zu notieren. Es hätte mich schlimmer treffen können.

Ich bin froh, dass ich hier neben meiner eigentlichen Arbeit auch kreativ mitwirken kann und Gestaltung sowie Marketing ebenfalls eine Rolle spielen. Zwar liebe ich die Arbeit mit psychisch kranken Menschen - aber eben nicht nur. Der Platz vor meinem Computer ist doch immer wieder ein willkommener Rückzugsort.

Ich beiße mir auf die Lippe. Der Gedanke daran, dass ich meine Erfahrungen aus dem Studium bald an echten Menschen testen kann, ist überwältigend. Doch unter den Anflug von Vorfreude mischt sich auch ein leises Unbehagen.

Dann sind die Gespräche, die ich mit meinen Patienten führen werde, echt - und unwiderruflich - keine Planspiele mehr, die man wiederholen oder diskutieren kann. Keine bloße Theorie, ganz im Gegenteil. Ich werde Menschen begegnen, die Schlimmstes erlebt haben – und sich ihren Problemen nun stellen.

Ich weiß, dass man irgendwann ins kalte Wasser springen muss. Denn wie sonst soll man echte Erfahrungen sammeln? Ich werde mich langsam vorwärts tasten. Bei den ersten Sitzungen bin ich nur als stille Zuhörerin geplant, doch auch bis dahin ist noch Zeit.

Ich schüttele den Gedanken daran ab und wende mich meiner Aufgabe zu. Meiner ersten richtigen Aufgabe, für die ich sogar bezahlt werde, wenn auch nur geringfügig, da ich nur Praktikantin bin, ohne Abschluss in der Tasche. Ich fahre mit dem Zeigefinger über den Schriftzug auf der Postkarte.

›Angstfrei leben‹, steht darauf geschrieben. Dahinter ist ein steiniger Gipfel zu sehen, der von zwei Kletterern erklommen wird. Der eine Kletterer hält einen Pickel, mit dem er sich im Felsen eingehackt hat und sichert den zweiten mit einem Seil, versucht, ihn zu sich hinaufzuziehen.

Ich muss schmunzeln. Ja, der Flyer ist gelungen. Ich würde nur eine andere Schriftfarbe wählen. Kein Rot. Irgendetwas Beruhigenderes, was auch besser zu dem Naturbild der Berge passt.

Ich mache mir Notizen und gehe alle Broschüren und Poster durch. Nach einer Stunde kommt Thomas zu mir zurück und setzt sich neben mich. Mein Büro liegt im Eingangsbereich des Therapie- und Selbsthilfezentrums, sodass ich während meiner Arbeit immer einen Blick auf das Treiben habe, das hier herrscht. Patienten kommen und gehen, Therapeuten und andere Kräfte wuseln munter durcheinander. Zwar ist das Gebäude recht überschaubar mit den rund zehn Räumen, die für Therapie, Seminare und Selbsthilfegruppen zur Verfügung stehen, aber gut besucht.

Gerade in der letzten Stunde sind mehrere Menschen gehetzt durch die Gänge gelaufen: verspätete Mitarbeiter, aber auch Teilnehmer an diversen Sitzungen oder Interessenten, die sich informieren wollen, welches Angebot am besten zu ihnen passt.

Ich weiß natürlich, dass man psychische Probleme nicht immer sehen kann. Dennoch hätte ich nicht gedacht, dass ich nicht imstande sein würde, einen Patienten von einem Mitarbeiter zu unterscheiden. Doch genau wie unsere Mitarbeiter tragen die Patienten meist legere Kleidung, eilen lautlos durch die Gänge, haben ordentliche Frisuren und ein freundliches, beinahe professionelles Auftreten. Erst hinter den geschlossenen Türen unserer Räumlichkeiten wird dann ausgepackt und die ganzen Probleme kommen zum Vorschein.

In zwei Wochen werde auch ich an solchen Sitzungen teilnehmen und lernen, Gruppensitzungen zu leiten, Beratungsgespräche zu führen.

Doch bis es überhaupt so weit ist, dass ich auf echte Menschen losgelassen werde, bekomme ich durch die Flyer und durch die Öffentlichkeitsarbeit schon mal ein Bild davon, worum es geht, wofür wir stehen, was wir anbieten – und wie wir mit psychisch kranken Menschen umgehen werden.

Seit jeher interessiere ich mich für Psychologie. Schon damals, als ich noch Schülerin war und mein Leben nach purem Chaos aussah, wollte ich immer besonders eines: für andere Menschen da sein. Damals war ich selbst noch voller Probleme. Anderen eine Stütze zu sein machte mich stärker. Damit meine ich nicht, dass ich mich von meinen eigenen Problemen ablenkte - vielmehr, dass ich lernte, für das, was ich habe, dankbar zu sein. Denn es hätte alles auch schlimmer kommen können.

Thomas räuspert sich und ruft mich damit zurück aus meinen Gedanken ins Hier und Jetzt. Wir gehen die Flyer gemeinsam durch, dabei liest er interessiert meine Notizen und stellt gelegentlich Rückfragen.

»Ich sehe, du hast dir viele Gedanken gemacht«, meint er abschließend und mustert mich anerkennend von der Seite.

Ich spüre, wie ich unter seinem Blick leicht erröte. »Kann ich den Entwurf hier überarbeiten? Ich würde gern etwas ausprobieren. Ich bin ganz gut mit Photoshop und hätte ein paar Ideen für Filter und Effekte.«

»Ja, das klingt gut. Das kannst du gern am Nachmittag in Angriff nehmen. Bis dahin brauche ich noch einige Auswertungen von dir. Es geht um geänderte E-Mail-Adressen und Telefonnummern der Kooperationspartner. Hier müssen wir wieder auf einen aktuellen Stand kommen, damit unser Hilfsangebot auch möglichst viele Menschen erreicht.«

Ich nicke und rufe die Excel-Liste auf, die Thomas mir weitergeleitet hat.

»Regelmäßig kontaktieren wir Schulen, Krankenhäuser oder andere Einrichtungen«, erklärt Thomas. »Dort wird immer mal wieder auf uns aufmerksam gemacht oder wir bekommen durch Events die Möglichkeit, Vorträge zu halten und neue Ideen zusammen weiterzubringen. Wenn du Spaß daran hast, kannst du dir auch unseren Social-Media-Kanal mal ansehen. Allerdings hat das im Moment keine so hohe Priorität.«

Ich mache mir eine kurze Notiz und überfliege die Liste. Mein Aufgabengebiet scheint sehr vielfältig zu sein. Ein bisschen komme ich mir vor wie ein Mädchen für alles. Aber wenn ich später mal eine eigene Praxis eröffnen werde, um dort Therapiestunden anzubieten, werde ich das Allrounderwissen brauchen, wenn ich mir zu Beginn keine Angestellten leisten kann.

Außerdem kann ich durch ein Praktikum wie dieses auch direkt herausfinden, was mir liegt und was eher nicht. Von daher ist es das Beste, was mir passieren kann, in alle Bereiche mal hineinschnuppern zu dürfen. Ich bedanke mich bei Thomas und versichere ihm, dass ich die Excel-Liste mit oberster Priorität behandeln werde.

Thomas verabschiedet sich wieder und überlässt mich meiner neuen Aufgabe. Ich bleibe erneut allein an meinem sonnigen Arbeitsplatz mit dem Fenster links und der Glastrennwand zur Eingangshalle zurück.

Mein Blick schweift aus dem Fenster hinaus über den Hof. Der Himmel ist blau und die Frühlingssonne wirft einen matten Schein über die blühenden Bäume und Büsche, die die Grünanlage neben dem Parkplatz säumen. Menschen sitzen auf der niedrigen Mauer – mit ihren Jacken auf dem Schoß, da es in den letzten Tagen immer wärmer geworden ist. Noch würde ich die Wohnung selbst nicht ohne Jacke verlassen. Aber in der Mittagspause darf sie definitiv im Büro bleiben.

Der Frühling hat nun nach einem langen Kampf und vereinzelt warmen Tagen restlos Einzug erhalten. Ich kann kaum glauben, dass ich ihn statt in Berlin zum ersten Mal hier auf dem Land verbringen werde. Auf einer Insel - auf Rügen. Zuletzt war ich hier als Kind und Erinnerungen habe ich mehr oder weniger gar keine mehr an die Insel. Nur, dass wir Spaß hatten. Damals, als ich noch eine Familie hatte.

Ich streife den Gedanken daran ab und wende mich meinem Bildschirm zu, um endlich mit der Excel-Liste zu beginnen. Ich vertiefe mich vollständig in die Aufgabe und sehe nicht auf, bis plötzlich ein Schatten über mich fällt.

Ich runzele die Stirn. Hinter dem Glas meines Bürobereichs erkenne ich in der Eingangshalle einen jungen Mann, der sich etwas verplant und orientierungslos in alle Richtungen dreht.

Kurz überlege ich, ob ich ihn nicht fragen soll, ob ich ihm helfen kann. Immerhin bin ich die Einzige, die in der Nähe ist und sieht, dass er sich nicht zurechtfindet.

Wenn ich hier nicht selbst noch völlig neu wäre, sondern mich auskennen würde, könnte ich ihm bestimmt helfen. So könnte es genauso gut eine Blamage werden. Dennoch weiß ich, dass ich mich nicht um meine Verantwortung drücken kann und winke zaghaft in seine Richtung und erhebe mich.

Sein Blick bleibt sofort an meinem hängen, als er mich entdeckt und beinahe meine ich, ein erleichtertes Aufatmen in seinen Zügen ausmachen zu können.

Oh nein! Zielsicher kommt er auf mich zu. Ich drehe mich kurz nach hinten, um zu sehen, ob Thomas vielleicht gerade zurückkommt oder ein anderer erfahrener Kollege in der Nähe ist – aber nein. Immer noch niemand in Reichweite.

Schnell wende ich mich wieder dem Mann zu und schenke ihm ein freundliches Lächeln. »Kann ich helfen?«, frage ich so selbstsicher und einladend wie möglich.

Er schaut mich ein wenig gehetzt an, stellt dann seinen Rucksack auf die Ablagefläche vor der Glastrennwand von meinem Arbeitsplatz.

Ich runzele die Stirn und beobachte, wie er beginnt, in einer der Seitentaschen zu wühlen. Dann sieht er auf und seine blauen Augen wirken so fragend und durchdringend, dass es mir einen kleinen Stich versetzt.

»Hier«, sagt er. »Ich wollte zu einer Gruppensitzung, die sich in Raum 8 trifft. Muss ich irgendwas tun? Kann ich einfach hingehen?«

»Raum 8«, murmele ich und versuche, mich zu erinnern, ob mir dazu irgendetwas gesagt wurde, doch mir fällt nichts mehr ein. »Haben Sie sich denn angemeldet? Ist das mit dem Gruppenleiter abgestimmt oder wollten Sie sich spontan ansehen, wie die Gruppensitzung abläuft?«

»Es ist abgestimmt. Ich habe vor einem Monat schon mit Herrn Neuhuber telefoniert.«

»Okay. Dann kommen Sie mit, ich zeige Ihnen den Raum.« Ich stehe auf und öffne die Tür, die mein Büro mit dem Eingangsbereich verbindet. »Ich bin selbst noch ganz neu hier. Mein zweiter Tag hier und der erste richtige Arbeitstag. Gestern wurde mir kurz alles gezeigt und es gab eine Infoveranstaltung. Ich bin studentische Hilfskraft«, erkläre ich ihm, als ich auf einem Plan nachsehen muss, wo sich das Zimmer befindet. Okay, also oben im ersten Stock. Ich hatte es mir fast schon gedacht.

Ich schiebe mich vor ihm die schmale Wendeltreppe hoch und mache ihm oben Platz, um erneut nachzusehen, ob wir nach rechts oder links den Gang entlang müssen.

Der Mann nickt freundlich, erwidert aber nichts und weicht meinem Blick sofort aus, als ich zu ihm hinübersehe.

Ich mustere ihn verstohlen von der Seite, als wir unseren Weg fortsetzen. Er ist in etwa in meinem Alter – vielleicht ein wenig älter, maximal siebenundzwanzig. Und er gibt sich auffallend schweigsam. Sein Gesicht ist kantig, die Haare hängen ihm leicht zerwühlt in die Stirn. Er hat die gleiche dunkelblonde Haarfarbe wie ich. Im Vergleich zu mir steht ihm dieser Farbton jedoch. Ich selbst denke schon lange darüber nach, mir die Haare dunkelrot zu färben. Und wer weiß, irgendwann mache ich es vielleicht sogar. Um mehr aufzufallen. Um mehr zu sein, als die brave Studentin, die sich hinter ihren Büchern versteckt und Musternoten schreibt.

»Was studierst du?«, fragt mich der Mann, als wir ums Eck biegen.

Einen Moment bleiben wir stehen – ich bin irritiert darüber, dass er doch noch mit mir redet und mich dann auch noch duzt, obwohl ich ihn vorhin gesiezt habe. Einen Ticken zu lang bleibt mein Blick an seinen breiten Schultern hängen.

»Ich studiere Psychologie. Im dritten Semester«, gebe ich Auskunft. »Und das hier ist mein erstes Praktikum. Ich habe zwar schon in den Semesterferien davor gearbeitet, aber da habe ich Popcorn im Kino verkauft.« Ich lache und verstumme sofort wieder, als er nicht mit einstimmt. Himmel, dieser Kerl ist echt schwer zu unterhalten! Ich sollte einfach ebenfalls schweigen, statt das Gespräch noch weiter auszudehnen. Das ist so viel einfacher.

Wir erreichen die Tür. »Voilà, die Nummer acht«, sage ich und der Mann verabschiedet sich und tritt ein.

Als ich zurück zu meinem Platz laufe, sehe ich, dass er seinen Rucksack bei mir vergessen hat.

 

Ich greife nach dem sportlichen schwarzen Rucksack, der seine besten Tage bereits hinter sich hat. Die Ecken sind abgewetzt und der Stoff ist an zwei Stellen von winzigen Löchern gezeichnet.

Bestimmt kommt der Mann gleich zurück und merkt, dass er etwas bei mir vergessen hat, denke ich. Und wer weiß, wenn ich Glück habe, verkneife ich mir sämtliche weitere Gesprächsversuche.

Ich will den Rucksack gerade etwas weiter auf die Seite schieben, damit er sichtbarer dasteht und nicht herunterfallen kann. Dabei fällt mir ein Anhänger auf, auf dem in großen silbernen Buchstaben ›Johannes‹ geschrieben steht. Der Anhänger ist schlicht und weiß, sieht durch zahlreiche Kratzer jedoch ebenfalls aus, als würde er genau wie der Rucksack noch aus längst vergangenen Schulzeiten stammen.

Es geht mich nichts an, wie er heißt. Ich sollte mich aus seinen Angelegenheiten raushalten. Er wird seinen Rucksack hier vor meinem Büro sehen, sobald er daran vorbeikommt. Oder soll ich ihn vorbeibringen? Die Raumnummer kenne ich ja.

Unschlüssig blicke ich auf die Uhr und entscheide mich dagegen. Viertel nach elf. Bestimmt hat die Gruppensitzung bereits begonnen – da sollte ich jetzt nicht mehr reinplatzen. Der Mann war etwas zu spät dran, sonst hätten wir auf dem Weg zum Raum weitere Teilnehmer getroffen.

»Hey.« Eine Stimme reißt mich aus den Gedanken und ich fahre herum. Vor mir steht eine Kollegin, die mir schon am ersten Einführungstag aufgefallen ist. Ich kenne sie flüchtig vom Sehen aus Berlin, wir haben ein paar Vorlesungen gemeinsam. Wer hätte das gedacht, dass ich nicht die einzige Studentin bin, die ihr Praktikum so weit entfernt von der Heimat absolviert!

Die Kommilitonin vor mir ist groß, blond und lächelt mich strahlend an.

»Hey. Ich bin Emily«, sage ich.

»Simone. Du studierst doch auch in Berlin, stimmt's? Ich habe dich öfter mal in der Mensa gesehen. Wurde dir das Praktikum hier ebenfalls von Professor Lange empfohlen?« Sie grinst.

»Genau von dem.« Ich schmunzele und erinnere mich daran, wie vehement der ältere Mann dafür geworben hat, die Semesterferien hier auf Rügen zu verbringen. Etwas Sinnvolles tun. Mal rauskommen aus der Stadt, selbstständig werden. Noch dazu mit Vergütung.

»Sind noch mehrere Leute aus unserem Studiengang hier?«, frage ich, aber Simone schüttelt den Kopf. »So groß sind die hier auch wieder nicht. Wir haben sonst nur Fachkräfte. Dein Mentor Thomas ist echt ein feiner Kerl. Er hat damals auch mich eingearbeitet. Ich verbringe hier nun schon die zweiten Semesterferien in Folge.« Simone hebt ihre leere Kaffeetasse und deutet mir an, ihr in die Küche zu folgen. »Das Wichtigste hat Thomas dir aber bestimmt noch nicht gezeigt. Den Kaffeeautomaten!«

Ich folge Simone in die Küche. »In welchem Semester bist du eigentlich?«, frage ich.

»Im vierten. Aber ich muss zwei Klausuren nachschreiben.« Sie verzieht das Gesicht. »Das Studium schaffe ich bestimmt nicht mehr in Regelstudienzeit. Werde wohl ein Jahr länger brauchen. Aber so ist das Leben. Ich verdiene das Geld für den Unterhalt in Berlin komplett selbst. Neben der Arbeit bleibt nicht mehr so viel Zeit zum Lernen, wie ich gern hätte. Aber das Studium bedeutet mir alles!« Ihre Augen blitzen und Simone wird mir noch sympathischer. Schon in der Uni hat sie unkompliziert, offen und redselig gewirkt. Jetzt merke ich, dass sie durch und durch authentisch ist.

»Ja, die Sache mit dem Geld.« Ich rolle mit den Augen, da ich es verstehen kann, dass vieles auf der Strecke bleibt, wenn man nebenher arbeiten muss. Bei mir ist es ähnlich, denn ich war immer auf mich allein gestellt. Und trotzdem wollte ich unbedingt studieren, auch wenn ich dadurch nicht dasselbe gemütliche Studentenleben haben würde, von dem andere Studenten einem vorschwärmen.

»Bist du auch erst seit gestern wieder hier?«, frage ich.

»Nee. Schon seit einem Monat. Und es werden nicht die letzten Semesterferien hier bleiben. Ich wollte meine Bachelorarbeit ebenfalls hier schreiben. Thomas wird mein Betreuer sein.«

Simone öffnet die obere Schranktür des Küchenschranks. »Von den weißen Tassen mit unserem Logo kannst du dir eine nehmen, wenn du dir noch keine eigene besorgt hast. Komm aber bloß nicht auf die Idee, eine Tasse von einem Kollegen zu benutzen. Den Fehler habe ich damals gemacht.« Sie lacht und deutet auf eine rote Tasse mit weißen Punkten. »Ich fand sie schön und habe mir nichts dabei gedacht. Hilde war richtig wütend deswegen.«

Ich muss ebenfalls schmunzeln und greife nach einer weißen Tasse, stelle mich neben Simone an den Kaffeeautomaten und wir beobachten, wie das braune Getränk mit einem lauten Rauschen in unsere Tassen strömt. Der Duft nach Cappuccino breitet sich sofort in der Küche aus.

Simone schiebt einen der schwarzen modernen Barhocker hervor und blickt auffordernd in meine Richtung. Mit dem blonden Bob und den hellroten Strähnen darin sieht sie aus wie eine Partygängerin. Dass sie nun hier auf Rügen gelandet ist, mitten in der Natur, hätte ich niemals gedacht. Aber ich bin froh, eine Kommilitonin um mich zu haben.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über unsere Arbeit, unsere Unterkünfte hier auf Rügen und das Studium, dabei schlürfen wir genüsslich den heißen Kaffee. Etwas später stößt Thomas dazu und bittet mich, mit in eine Besprechung zu kommen, bei der es um die Gestaltung unserer neuen Broschüre geht.

---ENDE DER LESEPROBE---