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Nach außen wirkt Mira ruhig, gutmütig und zufrieden. Nach innen ist sie voller unerfüllter Träume und Zweifel. Tut ihr die Beziehung zu Gustav noch gut? Warum verbietet er ihr nur alles und hält sie in seiner tragischen Vergangenheit fest? Als er mal wieder auf Geschäftsreise ist, beschließt sie, auf eigene Faust zu verreisen und bricht nach Dänemark auf, um ihre Cousine Sonja dort zu besuchen. Was sie jedoch nicht ahnt: Gustav hat einen Privatdetektiv auf Mira angesetzt, der dummerweise nicht nur einen guten Job macht, sondern obendrein ziemlich charmant und attraktiv ist. Wer ist dieser mysteriöse Daniel, der Mira auf Schritt und Tritt folgt, und was birgt er für ein dunkles Geheimnis? Plötzlich steht Miras Leben Kopf und sie muss sich entscheiden zwischen Vernunft, Risiko und prickelnder Leidenschaft. Wird sie es schaffen, endlich ihren Traum vom selbstbestimmten Leben zu verwirklichen? Und welche Rolle spielt Daniel dabei?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Nach außen wirkt Mira ruhig, gutmütig und zufrieden. Nach innen ist sie voller unerfüllter Träume und Zweifel.
Tut ihr die Beziehung zu Gustav noch gut? Warum verbietet er ihr nur alles und hält sie in seiner tragischen Vergangenheit fest?
Als er mal wieder auf Geschäftsreise ist, beschließt sie, auf eigene Faust zu verreisen und bricht nach Dänemark auf, um ihre Cousine Sonja dort zu besuchen.
Was sie jedoch nicht ahnt: Gustav hat einen Privatdetektiv auf Mira angesetzt, der dummerweise nicht nur einen guten Job macht, sondern obendrein ziemlich charmant und attraktiv ist.
Wer ist dieser mysteriöse Daniel, der Mira auf Schritt und Tritt folgt und was birgt er für ein dunkles Geheimnis?
Plötzlich steht Miras Leben Kopf und sie muss sich entscheiden zwischen Vernunft, Risiko und prickelnder Leidenschaft. Wird sie es schaffen, endlich ihren Traum vom selbstbestimmten Leben zu verwirklichen?
Und welche Rolle spielt Daniel dabei?
Elvie Moritz wurde im Jahr 1988 in Bayern geboren und lebt inzwischen in Schleswig-Holstein. Sie liebt die Natur und das Abenteuer und kann sich für Berge und Meer gleichermaßen begeistern. Ihre ersten Geschichten schrieb sie im Alter von zehn Jahren.
Sie liebt außergewöhnliche Geschichten mit einer Prise Magie und mutigen Helden, die felsenfest zusammenhalten.
© 2023 Claudia Miemczyk – alle Rechte vorbehalten
Claudia Miemczyk
Fischdiek 53
25524 Itzehoe
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Für Cover und Buchsatz wurden Fotos von Adobe Stock verwendet.
Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Ohne die schriftliche Zustimmung der Autorin ist jede Verwendung unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Verbreitung, Vervielfältigung, Übersetzung oder öffentliche Zugänglichmachung.
Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten zu verstorbenen oder lebenden Personen, Orten oder sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Kapitel 1: Mira
Kapitel 2: Mira
Kapitel 3: Daniel
Kapitel 4: Mira
Kapitel 5: Mira
Kapitel 6: Daniel
Kapitel 7: Mira
Kapitel 8: Mira
Kapitel 9: Daniel
Kapitel 10: Mira
Kapitel 11: Mira
Kapitel 12: Daniel
Kapitel 13: Mira
Kapitel 14: Mira
Kapitel 15: Daniel
Kapitel 16: Mira
Kapitel 17: Mira
Kapitel 18: Daniel
Kapitel 19: Mira
Kapitel 20: Mira
Kapitel 21: Daniel
Kapitel 22: Mira
Kapitel 23: Mira
Kapitel 24: Daniel
Kapitel 25: Mira
Kapitel 26: Mira
Kapitel 27: Epilog
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich nach über zwei Stunden Zugfahrt endlich auf den Bahnsteig springe.
Niemals hätte ich gedacht, dass ich tun würde, was ich heute Morgen getan habe.
Ich weiß nicht einmal, ob ich stolz auf mich bin oder besser ein schlechtes Gewissen haben sollte. Beim Gedanken daran kribbelt es in mir und ein Reflex überkommt mich: Ich ziehe mein Handy aus der Tasche. Er hat nicht geschrieben - noch nicht. Ich zwinge mich, tief durchzuatmen und mich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Ich bin wirklich hier! Normalerweise kommt doch immer etwas dazwischen oder ich kneife im letzten Moment, ehe ich eine solche Reise antrete. Wie oft habe ich genau das getan?
Nein, dass ich hier bin - und dass er nichts davon weiß - ist richtig. Genau richtig.
Etwas im Abseits, hinter einer Fahrplantafel, stehe ich und sehe dabei zu, wie sich das Bahngleis leert. Die Menschen schieben sich gegenseitig an und können es kaum erwarten, hinaus auf die Straße zu kommen. Auch ich freue mich auf meinen Aufenthalt. Doch das große Gedränge hier brauche ich nicht.
Es dauert nicht lange, ehe ich anstelle des Gemurmels und der hektischen Schritte der Menschen plötzlich wieder die Umgebung wahrnehme. Wie ruhig es jetzt ist!
Ich folge den letzten Fahrgästen, einer Familie mit zwei kleinen Kindern und einem großen giftgrünen Rollkoffer, und spiele gedanklich schon einmal durch, was ich sagen werde, wenn meine Cousine mich abholt.
Zehn Jahre ist es her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Dass ich mich auf dieses spontane Treffen eingelassen habe, grenzt an ein Wunder.
Ich blicke die Straße hinab und entdecke eine Holzbank. Dort werde ich an meinem Buch weiterlesen, bis Sonja kommt. Ich ziehe die Lektüre, einen Liebesroman zwischen einer Frau und ihrem Chef, bereits aus der Tasche, während ich mich auf die Bank gleiten lasse. Auf WhatsApp schreibe ich Sonja noch eine Mitteilung, damit sie mich findet.
»Mira! Bist du es wirklich?« Nur wenige Minuten hat es gedauert, bis die mir immer noch so vertraute Stimme von hinten an mein Ohr dringt.
Ich springe auf und drehe mich wie in Zeitlupe zu ihr herum. Sonja. Sie ist es wirklich.
Wilde schwarze Locken, ein weiter roter Pullover mit dunklen Ärmeln und eine graue Stoffhose mit vielen Taschen, das ganze Hosenbein entlang. Sie sieht genauso aus wie im Social Media - und fast genau wie damals, als ich sie zuletzt gesehen habe.
»Sonja. Schön, dich zu sehen.« Ich mache einen Schritt auf sie zu, verharre für einen Augenblick und eine seltsame Schwere legt sich über mich. Doch noch ehe ich Anstalten machen kann, mich wieder in mein Schneckenhaus zu verkriechen, zieht Sonja mich schon an sich heran. Sie drückt mich so fest, dass mir beinahe die Luft wegbleibt. Dann schiebt sie mich ein Stückchen zurück und mustert mich ausgiebig.
Alle Ideen, was ich sie fragen oder was ich zu ihr sagen könnte, haben sich in Luft aufgelöst und ich stehe schweigend vor ihr.
»Die kurzen Haare stehen dir«, sagt Sonja in die Stille und hakt sich bei mir ein, zieht mich weg von der Bank, die Straße entlang.
Ich folge ihr und fahre mit einer Hand durch meinen schwarzen Bob. Früher hatte ich eine ähnliche Frisur wie Sonja. Wild und unzähmbar. Wir hätten als Geschwister durchgehen können, ähnlich nah standen wir uns. Doch dann geschahen Dinge, die mein Leben veränderten - und die mich abschieden von dem Rest der Welt, der Normalität.
Wie viel bedeutet es einem noch, Spaß zu haben, wenn man die Vergänglichkeit davon kennt? Meistens hatte ich für Spaß nicht einmal mehr Zeit - und wenn doch, verbot mein schlechtes Gewissen mir schon nach wenigen schönen Momenten, es zu genießen. So wie auch jetzt! Beim puren Gedanken an das, was geschah, komme ich mir schäbig vor, hier zu sein - mit ihr.
Der Wunsch, mit Sonja einen Teil von meinem alten Leben zurückzubekommen, erscheint mir egoistisch und unangemessen, geradezu absurd. Was habe ich mir dabei nur gedacht - als würde ein bisschen Ablenkung lindern, was damals geschah. Niemals würde es sich ändern. Niemand kann die Schuld von meiner Familie nehmen. Ich bin der Mensch, der ich bin, und das unwiderruflich. Zu tun, als wäre es anders, macht nichts davon besser.
»Erde an Mira!« Sonja legt den Kopf schief und zerrt an meinem Ärmel. »Laufen wir zu Fuß zum Hafen oder magst du lieber den Bus nehmen?«
Ich schrecke zusammen, als ich merke, wie sehr ich gedanklich abgeswitcht bin, streife mit aller Kraft die altbekannten Gefühle der Reue und des schlechten Gewissens beiseite und hake mich bei ihr unter. »Lass uns laufen, ich bin die ganze Zugfahrt über schon gesessen.«
»Dann komm mal mit. Willkommen übrigens in Flensburg! Es wird dir gefallen.«
Als Sonja mich wenig später durch die Fußgängerzone dirigiert, entspanne ich endlich. Sie hat nicht zu viel versprochen. Die bunten Häuser, die muntere Geschäftigkeit ... und trotzdem ist es hier im Vergleich zu Hamburg so ruhig und entspannt - friedlich.
Wir laufen die ganze Zeit geradeaus. Ein Café folgt aufs nächste, kleine Läden reihen sich an die Gebäude großer Kaufhausketten. Die Fußgängerzone nimmt gar kein Ende und ist gut besucht. Jedoch scheint es hier kaum jemand eilig zu haben, denn die gewohnte Großstadthektik, die mich zu Hause immer wieder einholt, bleibt aus.
Ich blicke zu den drei älteren Frauen, die vor einem Souvenirladen stehen und lautstark über Eissorten diskutieren, und muss mir ein Schmunzeln verkneifen. Ja, das Softeis in Flensburg soll hervorragend sein, das ist mir ebenfalls schon zu Ohren gekommen.
»Es ist wunderschön hier«, sage ich, als Sonja nach einigen Minuten stehen bleibt.
»Gefällt es dir wirklich? Dann warte ab, bis du mal Dänemark siehst.«
Ich nicke und blicke mich um. Durch eine Seitenstraße kann man schon den Hafen von Flensburg mit seinen vielen Segelbooten sehen.
Wir schlendern zusammen weiter. Sonja will mir ein schönes Café zeigen, das verborgen in einem Hinterhof liegt.
»Hier wären wir«, sagt sie und schiebt mich durch eine Gasse, die so schmal ist, das ich im Leben nicht darauf gekommen wäre, dass sich dahinter etwas anderes verbirgt als eine private Garage.
Doch tatsächlich stehen wir vor einem urigen Café.
»Und nun erzähl, wie es dir seitdem ergangen ist ... was alles passiert ist. Ich hätte dich so gern schon früher getroffen.« Sonja hat nie aufgehört, mir zu schreiben oder mich nach Treffen zu fragen – doch ich hatte immer eine Ausrede. Wegen ihm.
Wir nehmen an einem runden Tisch direkt neben der Eingangstür Platz. Es ist nicht viel los, aber die Hauptsaison ist auch schon vorüber. Heute ist ein warmer und windstiller Herbsttag. Doch im Oktober zieht es nicht mehr viele Touristen in den Norden.
Ich mustere Sonja erneut, um sie besser einzuschätzen. Wenn ich etwas hasse, dann ist es, an damals zu denken - und an das Leben, das ich einmal gehabt hatte.
Ich spüre, dass ich die Leichtigkeit dieser Tage vermisse, gestehe mir aber nicht zu, daran anzuknüpfen. Die Reue, die ich empfinde, schnürt mir beinahe die Kehle zu – auch jetzt noch, nach so langer Zeit. Für Sonja hat sich die Welt einfach weitergedreht und sie hat nie verstanden, warum sie das für mich nicht einfach auch tun konnte, zumindest mit etwas Abstand.
Damals vor zehn Jahren war Sonja meine beste Freundin gewesen und wir hatten beide große Pläne ... wollten zusammen studieren, zusammen Urlaub machen, zusammen eine WG gründen und was man sich im Alter von sechzehn eben noch so gegenseitig verspricht.
»Ich habe Gustav nicht gesagt, dass wir uns heute in Flensburg treffen«, platze ich schließlich heraus. Okay, das ist jetzt etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Aber meine Gedanken kreiseln um Gustav und darum, dass er nicht weiß, dass ich hier bin. Ich zittere ein wenig und die Nägel meiner einen Hand krallen sich in meinen anderen Oberarm.
Sonja betrachtet mich aufmerksam und runzelt dann die Stirn. »Ich habe gehofft, Gustav hätte endlich Vernunft angenommen«, flüstert sie. »Sag, ist er immer noch so feindselig?«
»Tja, ich denke, er hält dich immer noch für keinen allzu guten Umgang für mich«, grübele ich und hebe die Hände, als Sonja daraufhin etwas erwidern will. »Du weißt, dass das nichts Persönliches ist. Er hat nach allem, was passiert ist, einfach keine so hohe Meinung mehr von Menschen.« Ich grinse schief und Sonja blickt mich entgeistert an. »Das gibt's nicht. Verbietet er dir den Kontakt also noch?«
Langsam wird mir das Thema unangenehm und ich wünschte, ich hätte gar nicht erst damit angefangen. Verbieten ist ein hartes Wort. Und doch ist es irgendwie zutreffend, auch wenn das alles schleichend begann.
Es fing damit an, dass Gustav mich bat, Treffen für ihn zu verschieben. Später kritisierte er, dass ich überhaupt noch welche ausmachte. Irgendwann war das alles einer regelrechten Kontrolle gewichen und Gustav wollte all meine Termine schon tagelang im Voraus wissen.
Inzwischen betrachtet er es als Vertrauensbruch, wenn ich irgendetwas tue, wovon er nichts weiß oder was er mir nicht ausdrücklich abgesegnet hat.
Ich wende mich von Sonja ab und nippe an meinem Cappuccino. Es ist so schwierig, Außenstehenden meine Beziehung zu Gustav zu erklären.
Auf der einen Seite ist es so, dass ich ihn wirklich liebe – ehrlich und mit vollem Herzen. Ich bin freiwillig mit ihm zusammen, schätze ihn für seine Ehrlichkeit und für seinen Mut und kenne den Menschen, der sich hinter der manchmal so rauen Fassade verbirgt.
Doch wenn ich daran denke, wie enttäuscht Gustav wäre, wenn er wüsste, dass ich jetzt mit Sonja hier bin, zieht sich mein Magen zusammen.
»Gustav ist paranoid, wenn er dich so sehr einschränkt«, knurrt Sonja und schüttelt den Kopf. »Er muss das endlich überwinden.«
»Ich habe ihm gesagt, dass ich bei meiner Mutter bin und ihr beim Entrümpeln des Kellers helfe.«
Sonja nickt und schlürft dann ebenfalls an ihrem Getränk.
Ich bin erleichtert, als sie daraufhin anfängt, über sich und Bekannte zu reden und das Thema Gustav endlich fallenlässt. Vor Kurzem hat sie bei sich in Kopenhagen den Segelschein gemacht.
»Dass ich das mit dem Halsen jemals kapieren würde ...« Sie schüttelt lachend den Kopf. »Eher dachte ich, ich würde kentern, als dass ich mir hier noch Hoffnungen gemacht hätte. Es ist so faszinierend, wie der Winddruck auf das Großsegel ändert und es umschlagen lässt. Du glaubst gar nicht, wie schwierig das zu händeln ist, wenn man absolut keine Ahnung hat, was da passiert. Inzwischen denke ich gar nicht mehr darüber nach, sondern mache es einfach. Wie ein alter Seebär.« Sie grinst und ich merke, dass ihre Begeisterung für Boote mich ansteckt.
Es passt zu Sonja. Sie war immer diejenige von uns beiden, die Neues lernen wollte und sich für keine Herausforderung zu schade war.
Wir bezahlen und laufen hinunter an den Hafen. Nie hätte ich gedacht, dass Flensburg so hügelig ist. Wir werden auf dem Rückweg ziemlich viel bergauf laufen müssen!
Das Wasser ist ruhig, zahlreiche Segelyachten liegen vor uns an ihren Stegen und rühren sich kaum. Auf der anderen Seite des Hafens sieht es grün aus. Immer wieder kommen Stege, von denen aus man die Aussicht auf die Flensburger Förde genießen kann. Wenn ich hinaus in die Ferne blicke, auf das Motorboot, das am Horizont immer kleiner wird, dann brennt mein Herz vor Sehnsucht. Die Sonne spiegelt sich in den winzigen Wellen, die sich über das Wasser kräuseln.
Wie ich doch wünschte, ich könnte wieder mehr Zeit mit Sonja verbringen. Vielleicht sogar zusammen mit ihr zum Segeln mitkommen. Oder einfach öfter wieder bummeln oder Restaurants austesten.
Was macht man mit Mitte zwanzig eigentlich, wenn man sich mit Freundinnen trifft? Ich weiß es nicht mehr. Als ich zuletzt Spaß mit Freundinnen hatte, war ich sechzehn.
Ich fröstele.
Sonja scheint meinen Stimmungseinbruch zu bemerken, denn sie bleibt abrupt stehen und sieht mich besorgt an. »Wie wäre es, wenn wir wieder öfter etwas zusammen machen?«
Ich zucke mit den Schultern. »Würde ich ja gern. Ehrlich. Aber Kopenhagen ist eben nicht gerade ums Eck. Und uns jedes Mal in Flensburg zu treffen, ist auf Dauer auch keine Lösung.« Natürlich ist das eine Ausrede, denn es wäre kein Problem, sie über das Wochenende gelegentlich zu besuchen. Oder sie nach Hamburg einzuladen.
Sonja mustert mich. Ich will nicht, dass sie denkt, Gustav ist noch so wie damals. Ich will überhaupt nicht mehr über diese Beziehung reden, weil Gespräche darüber meistens darin enden, dass mein Umfeld mich für verrückt erklärt und versucht, mir zu einzureden, Gustav wäre ein Spinner. Doch das ist, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit.
»Vielleicht besuche ich dich wirklich. Vielleicht, wenn Gustav beruflich unterwegs ist«, sage ich zögernd.
»Das wäre toll.«
Wir laufen weiter und Sonja setzt sich wenig später auf eine Stufe direkt am Wasser. »Eine Woche, Mira.« Sie stupst mich verschwörerisch an, als ich mich neben sie hocke. »Besuche mich für eine Woche in Kopenhagen. Im Oktober noch.«
In mir kribbelt es – einerseits, weil ich das unbedingt will – andererseits, weil ich Angst vor ihrer Reaktion habe, wenn ich absagen muss. Woher soll ich auch das Geld nehmen? Es war eine blöde Idee gewesen, überhaupt auf den Vorschlag einzugehen. Ich hätte direkt von Beginn an ›Nein‹ sagen sollen.
»Das Geld für das Zugticket gebe ich dir. Du hast so viel für deine Familie getan ... es ist längst an der Zeit, dass jemand auch mal an dich denkt.«
»Ich würde ja gern. Aber das kann ich unmöglich annehmen ...«, beginne ich.
»Stopp!« Sonja lacht. »Du würdest gern? Dann ziehen wir es durch. So einfach! Wann ist Gustav das nächste Mal auf Dienstreise?«
Einen Moment lang schweige ich, dann ziehe ich zögernd mein Handy aus der Tasche. Acht verpasste Anrufe, alle von Gustav.
Meine Hände zittern. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, und klicke auf die Kalender-App.
»Er ist in der letzten Oktoberwoche weg, bis Anfang November. Mittwoch bis Mittwoch«, gebe ich Auskunft.
»Gut ...« Sonja nickt und zückt ebenfalls ihr Handy. »Ist eingetragen. Dann sehen wir uns in drei Wochen also ...«
Meine Gedanken schlagen Purzelbäume. Ich frage mich, warum Gustav mich so oft heute angerufen hat. Andererseits bin ich so überwältigt, dass Sonja noch so ist wie damals, dass ich die Gedanken an ihn beiseiteschiebe.
Ich muss mich jetzt auf Sonja konzentrieren.
Lange Zeit war sie der wichtigste Mensch in meinem Leben. Und ihre Positivität tut mir im Moment so gut wie schon lange nichts mehr.
»Ziehen wir’s durch«, flüstere ich und stopfe mein Handy zurück in die Tasche. »Dann sehen wir uns in drei Wochen wieder.«
Als ich nach Hause komme, bin ich nervös. Ich bin mit dem Zug um sechzehn Uhr aufgebrochen, obwohl Sonja mich überreden wollte, noch ein oder zwei Stunden länger zu bleiben. Aber so lange brauche ich normalerweise nicht, wenn ich bei meiner Mutter bin, um ihr bei irgendetwas zu helfen. Wenn ich also will, dass Gustav nicht merkt, wo ich wirklich war, muss alles glaubwürdig sein, und ich muss vor Einbruch der Dunkelheit zurück sein.
Plötzlich komme ich mir wieder schäbig vor, ihn zu belügen und ihm was vorzumachen. Auf der anderen Seite habe ich Sonja vermisst. Das Treffen hat mir gutgetan. Und wenn ich ihm davon erzählt hätte, hätte nichts davon geklappt. Natürlich nicht.
Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Ich will nicht eine von denen werden, die aufhören, zu kommunizieren. Doch es ist so schwierig, mit Gustav über meine Bedürfnisse reden.
Das ist das erste Mal in zehn Jahren, dass ich ihn anlüge und ihm etwas verheimliche. Ich habe keine Ahnung, wohin mich das führen wird. Unter keinen Umständen will ich ihn verlieren oder verärgern. Aber ich habe so große Lust, endlich wieder am Leben da draußen teilzuhaben.
Wenn alles klappt, habe ich bald wieder beides. Meine Beziehung - und Zeit für mich selbst.
Irgendwann wird Gustav den Schritt zurück zur Normalität ebenfalls gehen können und aufhören, so zu klammern. Er braucht nur noch etwas Zeit.
Ob er Verdacht schöpfen wird? Ob er es mir an meinem Gesicht ablesen wird, dass ich lüge - am Ausdruck meiner Augen?
Ich stöhne und mache ein paar Atemübungen, ehe ich den Schlüssel ins Schloss stecke und ihn langsam umdrehe.
Fakt ist, dass ich nichts Unrechtes getan habe. Dass Gustav Sonja nicht mag, ist unbegründet. Auch wenn sie früher einmal schlecht über ihn geredet hat, hat sie sich ihm gegenüber niemals respektlos verhalten – und dass sie sich Sorgen um mich gemacht hat, war berechtigt. Denn natürlich war die Zeit nach dem Unfall für uns alle schwer. Nicht nur für Gustav, auch für mich.
Ich ziehe die Tür auf und bleibe abrupt stehen. Im Flur brennt Licht. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und mein Herz setzt einen Moment aus, als ich Gustav sehe, der mit verschränkten Armen vor der Wohnzimmertür wartet.
Er sagt kein Wort, aber dieser enttäuschte Blick, mit dem er mich fixiert, lähmt mich für einen Moment.
»Du kommst spät«, sagt er.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, weiche seinem Blick aus und schiebe mich in die enge Wohnung. Die vielen Fotos von Gustav und mir, die direkt neben dem Garderobenspiegel hängen, verschärfen mein schlechtes Gewissen wieder. Gustav und ich auf dem Riesenrad. Gustav und ich im Botanischen Garten, am Elbstrand und auf dem Weihnachtsmarkt. Ich habe ihn wirklich belogen – zum ersten Mal.
Es war klar, dass er irgendetwas merken würde. Dabei hatte ich alles genauestens geplant! Jetzt komme ich aus der Sache nicht mehr heraus.
Ich bin müde und habe mich darauf gefreut, den Abend gemütlich mit ihm auf dem Sofa zu verbringen und Serien zu schauen.
