Vertrauen nach Fehlgeburt - Rosa Koppelmann - E-Book

Vertrauen nach Fehlgeburt E-Book

Rosa Koppelmann

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Beschreibung

Der Kraft spendende Ratgeber für die Zeit während und nach einer Fehlgeburt Eine Fehlgeburt - der Tod eines ungeborenen Babys - trifft Frauen oft unerwartet. Plötzlich ist er da, dieser jäh zerplatzte Traum. Frauen und ihre Familien stehen nicht selten ganz allein da mit der eigenen Trauer, Ohnmacht und dem Schmerz. Dieses Buch zeigt dir, wie du in einer herausfordernden Zeit selbstbestimmt deinen Weg gehen, wichtige Entscheidungen bewusst treffen und deine innere Heilung fördern kannst. Die Autorin Rosa Koppelmann gibt einfühlsam Einblick in ihre eigene Geschichte, die durch vier Schwangerschaften geprägt ist - darunter auch zwei Fehlgeburten. Das Buch enthält außerdem zahlreiche Erfahrungsberichte betroffener Frauen, Interviews und ein großes Kapitel rund um hilfreiche Tools, die dich dabei unterstützen, während und nach einer Fehlgeburt im Vertrauen und deiner weiblichen Kraft zu bleiben. Denn auch mit einer Fehlgeburt bist und bleibst du: eine wunderbare und wertvolle Frau!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für Nila und ihre Geschwister

Wichtiger Hinweis Alle Behandlungsvorschläge, Hinweise, Ratschläge und Übungen in diesem Buch sind von der Autorin sorgfältig geprüft worden. Sie ersetzen jedoch nicht die persönliche Begleitung und Abklärung durch behandelnde Ärzte und Hebammen. Bitte wende dich bei allen medizinischen Auffälligkeiten oder unklaren Symptomen direkt an deine Ärzte oder Hebammen. Eine Haftung vonseiten der Autorin oder des Verlags wird ausdrücklich ausgeschlossen.

Inhalt

Einleitung

Teil 1: Fehlgeburt erleben

Was ist eine „Fehl“-Geburt?

Die Warum-Frage

Fehlgeburt selbstbestimmt erleben

Tipps für die selbstbestimmte Fehlgeburt

Meine Fehlgeburten

Tagebuch meiner ersten Fehlgeburt 2017

Gedanken nach meiner zweiten Fehlgeburt 2018

Erfahrungsberichte

Von Anna

Von Jasmin

Von Mimi

Von Eva

Von Lisa

Von Caro

Von Maria

Betreuung durch Hebamme und Doula

Was übernimmt die Krankenkasse?

Interview mit zwei Hebammen

Partnerschaft und Fehlgeburt

Tipps und Tools für eine erfüllte Beziehung nach einer Fehlgeburt

Aus der Papa-Perspektive: Interview mit Jan

Zum Thema Totgeburt

Erfahrungsbericht von Nora

Aus der Papa-Perspektive: Interview mit Lars

Abschiedsrituale

Ideen für Abschiedsrituale

Teil 2: Zurück zum Vertrauen

Tools

1.

Meditation und Fantasiereisen

2.

Mantras

3.

Affirmationen

4.

Aromatherapie

5.

Schreiben/Morgenseiten

6.

Stimme/Gesang

7.

Mutter Natur

Nachwort

Zum Weiterlesen

Danksagung

Über die Autorin

Weitere Mitwirkende am Buch.

EINLEITUNG

Einleitung

2017 hat mir meine erste Fehlgeburt den Boden unter den Füßen weggerissen und mir mein immer präsentes, positives Gemüt und mein Urvertrauen mit einem ordentlichen Knacks versehen. Mein Weltbild und mein Vertrauen sind in sich zusammengebrochen. Bis dahin war ich überzeugt, dass ich alles schaffen kann, was ich will – allein, aber insbesondere zusammen mit meinem Mann. Doch dann ging etwas ganz und gar schief. 2018 hat mich meine zweite Fehlgeburt dann von dem Trauma der ersten Fehlgeburt geheilt. Es fühlte sich an, als dürfe ich die Geburt noch einmal erleben, um den Schmerz der ersten Fehlgeburt zu transformieren – in die Liebe und die Dankbarkeit, die ich bei der zweiten Stillen Geburt fühlte.

Beide Stille Geburten haben mir im Nachhinein sehr viel mehr gegeben, als sie mir genommen haben. Und wenn ich heute an meine beiden Fehlgeburten zurückdenke, spüre ich nichts als Dankbarkeit für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Negative Gefühle habe ich keine mehr, da ich heute davon überzeugt bin, dass alles genau richtig war, so wie es war. Dieses Gefühl von Frieden in Bezug auf eine Fehlgeburt wünsche ich jeder Frau – und daher habe ich dieses Buch geschrieben.

Im Zuge meiner persönlichen Erfahrungen habe ich mich viel mit anderen Frauen ausgetauscht, die ebenfalls die Erfahrung einer Stillen Geburt gemacht haben. Die Gespräche, die oft von Trauer und Bedauern überschattet waren, haben mich nachdenklich gemacht. Der frühe Tod eines Kindes ist nichts Ungewöhnliches. Aber in unserer Gesellschaft ist er dermaßen tabuisiert, dass man als Frau schnell das Gefühl hat, ein Fehler zu sein, wenn einem das winzige Baby im Bauch stirbt. Das macht mich traurig. Wir Frauen sind wundervolle, kraftvolle Wesen – und daran ändert auch eine Fehlgeburt nichts.

Nach meinen eigenen Erfahrungen war es mir zunehmend ein Anliegen, mit anderen Frauen zu teilen, dass sie kein Fehler sind, wenn sie ein Baby verloren haben – und ihnen das Vertrauen in ihre weibliche Kraft zurückzugeben. Aus meinen Gesprächen mit anderen Frauen, mit Hebammen und mit betroffenen Männern ist dieses Buch entstanden. Hier teile ich Erfahrungen von mir und anderen, aber auch Tools, die mir geholfen haben, wieder ins Vertrauen zu finden. Insbesondere als ich nach meinen Fehlgeburten wieder schwanger war, war ich oft nervös und angespannt. Ich wünschte mir aber sehr, die Schwangerschaft zu genießen und auch mein Baby nicht die ganze Zeit mit Stresshormonen zu füttern. Also fing ich an, verschiedene Techniken auszuprobieren: Meditation, Mantras und Affirmationen sind einige ganz konkrete Hilfsmittel, die jeder ohne Vorkenntnisse anwenden kann. Andere Dinge, die mir geholfen haben und die ich in diesem Buch teilen möchte, sind der enge Kontakt zu einer Hebamme oder Doula und die heilende Kraft der Natur.

In diesem Buch teile ich zunächst meine eigene Geschichte und lasse dann andere Frauen zu Wort kommen. Außerdem teile ich verschiedene Interviews: mit zwei Hebammen, mit Expertinnen auf den Gebieten der Aromatherapie und der Stimmarbeit sowie mit zwei Männern – denn auch der Mann verliert ein Baby. Das wird nur allzu häufig vergessen. Nicht zuletzt stelle ich ganz konkrete Tools vor und erkläre, wie Meditation und Co. helfen können, wieder ins Vertrauen zu finden. Ich hoffe, mit diesem Buch viele Frauen zu erreichen, die sich nach einer Fehlgeburt allein fühlen und sich danach sehnen, verstanden und gesehen zu werden. Jeder einzelnen von ihnen möchte ich sagen: Du bist wertvoll! Du bist wertvoll und eine wunderbare, kraftvolle Frau!

Ich hoffe, dieses Buch ist dir eine Unterstützung!

TEIL 1 FEHLGEBURT ERLEBEN

Teil 1: Fehlgeburt erleben

Im nachfolgenden ersten Teil dieses Buches geht es darum, was Fehlgeburten sind, warum Fehlgeburten passieren und wie unterschiedlich man sie erleben kann. Neben einigen allgemeinen Fakten und meinen Gedanken dazu teile ich meine eigenen Erfahrungen und lasse andere Frauen und Männer zu Wort kommen. Außerdem erkläre ich in diesem Teil des Buches, warum ich es so wichtig finde, eine Hebamme als kompetente Stütze an der Seite zu haben – sowohl in der Schwangerschaft, als auch während und nach der Fehlgeburt. Um diesen Punkt zu vertiefen, habe ich auch zwei Hebammen interviewt. Schließlich gibt es noch ein Kapitel zum Thema Partnerschaft und Fehlgeburt. Als ich mit dem Schreiben dieses Buches anfing, hatte ich dieses Thema gar nicht im Kopf. Ich habe bei meinen Recherchen aber festgestellt, dass eine sehr große Nachfrage danach besteht. Jetzt bin ich sehr glücklich, einige Tipps mit dir teilen zu können, sodass deine Partnerschaft nach einer Fehlgeburt nicht leidet, sondern sich eher noch vertieft. Am Ende des ersten Teils dieses Buches habe ich zudem ein Kapitel über Abschiedsrituale gesetzt, welche allein oder zusammen mit dem Partner oder der Familie vollzogen werden können. Nach dem Abschied geht es dann im zweiten Teil damit weiter, wie du nach einer Fehlgeburt ganz konkret wieder ins Vertrauen finden kannst.

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WAS IST EINE „FEHL“-GEBURT?

Was ist eine „Fehl“-Geburt?

Was ist überhaupt eine „Fehlgeburt“? Ein Fehler? Nicht unbedingt! In diesem Kapitel möchte ich dir erklären, was eine Fehlgeburt ist, welche Formen es gibt und warum ich denke, dass eine Fehlgeburt wahrlich kein Fehler ist.

Allgemein spricht man von einer Fehlgeburt, wenn ein Baby in der Frühschwangerschaft verstirbt. Um nicht von vornherein davon auszugehen, dass jede Fehlgeburt ein Fehler ist, kann man auch die Formulierung „Stille Geburt“ verwenden – still, da das Kind in diesem Leben nicht dazu kam, einen Laut von sich zu geben. Ich persönlich bevorzuge diese Formulierung, da ich meine Fehlgeburten nicht als Fehler ansehe. Einige Frauen sprechen auch von einer „Kleinen Geburt“. In der Frauenarzt-Praxis hört man dagegen häufig die Begriffe „Abort“ beziehungsweise „Spontanabort“ für die spontane Fehlgeburt oder „Missed Abortion“ für eine sogenannte „Verhaltene Fehlgeburt“. Verhalten deswegen, weil die Schwangere selbst zunächst gar nicht merkt, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Diese Form der Fehlgeburt wird meist zufällig bei einer der Ultraschall-Routineuntersuchungen in der Arztpraxis festgestellt. Häufig merken Frauen, dass etwas mit ihrer Schwangerschaft nicht stimmt, wenn sie plötzlich Wehen bekommen und/oder anfangen, stark zu bluten. Dann handelt es sich um einen Spontanabort. Viele Frauen merken aber zunächst gar nicht, dass das winzige Baby im Bauch nicht mehr lebt. Bei einer verhaltenen Fehlgeburt bleibt der tote Embryo zunächst noch in der Gebärmutter und erst, wenn die Schwangere in der Frauenarztpraxis die Diagnose „Missed Abortion“ bekommt, erfährt sie davon, dass ihr Baby nicht mehr lebt. Die Vorgehensweise ist in der Regel so, dass die Schwangere bei einer verhaltenen Fehlgeburt vor der zwölften Schwangerschaftswoche ins Krankenhaus überwiesen wird. Dort wird ihre Gebärmutter dann ambulant ausgeschabt (die sogenannte Curettage).

Alternativ kann die Frau ein Medikament einnehmen, welches das Abstoßen des Fötus’ veranlasst. Die Schwangere kann aber auch erst einmal abwarten, was passiert – diese Option wird ihr allerdings leider nicht immer von ihrer Ärztin oder ihrem Arzt vorgeschlagen. Bei der Diagnose „Missed Abortion“ nach der zwölften Schwangerschaftswoche wird die Schwangere ebenfalls in ein Krankenhaus vermittelt. Dort wird die Geburt durch eine Infusion eingeleitet und danach erfolgt die Ausschabung. So ist die allgemeine Vorgehensweise, aber so muss es nicht sein! Im Kapitel „Fehlgeburt selbstbestimmt erleben“ erfährst du mehr über deine Möglichkeiten und Rechte.

Allgemein spricht man in Deutschland übrigens bei Babys, die ab einem Gewicht von 500 Gramm tot geboren werden, über eine „Totgeburt“. Und bei den kleinen Seelen, die unter 500 Gramm wiegen und tot zur Welt kommen, wird der Begriff „Fehlgeburt“ verwendet. Kinder, die Fehlgeburten sind, werden auch „Sternenkinder“ genannt. So kann der Eindruck vermieden werden, dass es sich um einen Fehler handelt, und der Gedanke, dass die kleine Seele wieder bei den Sternen ist, ist ja irgendwie auch sehr schön.

Obwohl medizinisch nur die Geburten „fehlerfrei“ sind, bei denen am Ende ein gesundes, properes Baby auf die Welt kommt, sind Fehlgeburten meiner Meinung nach alles andere als Fehler – im Gegenteil! Fehlgeburten passieren, wenn der weibliche Körper versteht, dass das kleine Körperchen im Bauch nicht lebensfähig wäre oder seine Zeit einfach noch nicht gekommen ist, und daher dafür sorgt, dass der winzige Organismus den Mutterkörper wieder verlässt. Ich finde, das ist alles andere als ein Fehler, sondern ein Wunder! Wie wunderbar, dass unser Körper so gut darauf achtet, nur die Babys auf die Welt zu bringen, die im Mutterleib gut versorgt werden können, die bereit sind und sich später den Herausforderungen des Lebens stellen können. Und bevor du dich jetzt fragst, warum ausgerechnet dein Körper die kleine Seele wieder losgelassen hat, möchte ich dir gleich sagen: Du bist nicht allein! Ganz und gar nicht! Fehlgeburten sind sehr viel eher die Norm als die Ausnahme: Einige Experten gehen davon aus, dass auf jede Geburt eine Stille Geburt kommt, andere gehen immerhin noch von einem Anteil von 25 Prozent aus. Egal, wer von den Experten recht hat, fest steht: Mindestens ein Viertel aller Schwangerschaften – und möglicherweise sogar die Hälfte – endet in einer Stillen Geburt! Und wir Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die regelmäßig Fehlgeburten erleben: Katzen haben zum Beispiel in jeder Schwangerschaft auch Kätzchen, die im Bauch sterben. Da Katzen nur von vornherein mehrere Babys im Bauch haben, fällt das nicht so auf. Und dass bei Katzen nur einige der Kätzchen zur Welt kommen, liegt nicht daran, dass die Katzenmamas zu viel Stress haben, auch nicht daran, dass sich die Katze falsch ernährt hat und auch nicht daran, dass die Katze noch nicht bereit ist für ihre Mutterrolle. Es passiert einfach auf Grund von genetischen Ursachen, die niemand so genau erklären kann. Und das ist bei den meisten Frauen nicht anders. Fehlgeburten sind so gesehen also völlig normal. Trotzdem werden Fehlgeburten in unserer Gesellschaft immer noch stark tabuisiert. Heute reden viele Frauen immerhin mit ihren Partnern und manchmal auch mit ihren engen Freundinnen über ihre Erfahrungen. Somit sind wir schon sehr viel weiter als vor 50 Jahren, wo eine Frau die Stille Geburt wortwörtlich still und heimlich durchgemacht und niemandem davon erzählt hat. Insofern sind wir schon auf einem guten Weg, aber dennoch bin ich der Meinung, dass wir noch viel offener über Stille Geburten sprechen sollten. Die „Regel“, dass man erst ab der zwölften Woche von der Schwangerschaft erzählen sollte, wurde ja auch eingeführt, damit man aus der „Risikozeit“ raus ist, bevor man über die Schwangerschaft spricht – denn die meisten Fehlgeburten passieren in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft. Und na klar, wenn man von vornherein niemandem erzählt, dass man schwanger ist, so erzählt man dann in der achten Schwangerschaftswoche auch nicht plötzlich, dass man schwanger war, aber es nun nicht mehr ist. Ein offenerer Umgang wäre hier sicher sehr hilfreich. Die große Freude über die Frühschwangerschaft könnten wir auch schon mit unseren Nahestehenden teilen und uns so in dieser sehr intensiven Phase der Schwangerschaft auch mehr Unterstützung holen. Denn gerade in den ersten zwölf Wochen leiden viele Frauen besonders an Übelkeit und Müdigkeit. Wenn wir aber niemandem erzählen, dass wir schwanger sind, stehen wir ganz allein da: mit unserer Übelkeit, mit unserer Abgeschlagenheit und im Zweifelsfall dann auch mit unserer Stillen Geburt.

Natürlich gibt es auch Frauen, die Themen wie Schwangerschaft und Geburt lieber für sich behalten – Gründe dafür gibt es genug. Vielleicht ist die Familie einfach nicht besonders unterstützend oder der Freundeskreis einer, der schnell Sorgen und Panik verbreitet. Vielleicht gibt es aber auch ganz andere Gründe und das ist völlig okay.

Ganz gleich, ob man Familie und Freunden von der Frühschwangerschaft erzählen möchte oder nicht: In jedem Fall sollte man sich schnellstmöglich eine Hebamme suchen. Und zwar sofort nachdem man den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält. Eine Hebamme ist insbesondere in der Frühschwangerschaft unerlässlich und so wichtig, unter anderem um im Zweifelsfall nicht allein dazustehen. Über deine Ansprüche auf Hebammenbetreuung erfährst du im Kapitel „Betreuung durch Hebamme und Doula“ noch mehr. Ich halte es für sehr wichtig, dass man in der Frühschwangerschaft jemanden an seiner Seite hat, dem man vertraut – eine Hebamme, eine Doula, eine beste Freundin, den Partner, die Mama … oder alle zusammen. Wenn man innerhalb der ersten zwölf Wochen eine Fehlgeburt erlebt oder vom Frauenarzt diagnostiziert bekommt, so braucht man jemanden an seiner Seite; jemanden, der kompetent ist und nicht kopflos ins nächste Krankenhaus rast, um die Verantwortung an die Männer und Frauen in den weißen Kitteln abzugeben. Lasst uns Frauen wieder selbst Verantwortung für unsere Körper übernehmen und mit kompetenten Menschen an unserer Seite die Entscheidungen treffen, die für uns in so einer traurigen Situation die richtigen sind. Vielleicht ist die Fahrt ins Krankenhaus die richtige Entscheidung, vielleicht ist aber auch die Hausgeburt zusammen mit einer Hebamme oder mit dem Partner das Richtige. Vielleicht ist es auch das Richtige, einfach noch ein paar Tage abzuwarten und die Dinge sacken zu lassen und dabei erst einmal alles rauszuweinen, was es rauszuweinen gibt. In der Situation, in der man gerade erfahren hat, dass man eine Fehlgeburt hat, ist es meist nicht so leicht, die Ruhe für eine Entscheidung zu finden, die zu einem passt. Meistens sind wir Frauen in solch einer Situation zunächst sehr emotional und daher ist eine kompetente Stütze an unserer Seite so wichtig, um Halt und Ruhe zu bekommen.

Eine Fehlgeburt – egal, ob Spontanabort oder Missed Abortion – ist immer traurig. Und das ist etwas, das nicht immer alle nachvollziehen können. Für uns als Frau macht es keinen großen Unterschied, ob wir unser Kind sechs Wochen oder zehn Wochen unter unserem Herzen getragen haben. Wir haben es bereits geliebt und wir haben uns darauf gefreut. Die Dauer der Schwangerschaft ändert nicht unbedingt etwas an dem Verlustgefühl, das wir nach einer Fehlgeburt spüren. Wir Frauen erleben bei einer Fehlgeburt aber mehr als nur den Verlust eines Menschen, zu dem wir bereits eine innige Beziehung aufgebaut haben und der in uns die schönsten Visionen erweckt hat. Wir erleben auch, dass unser Körper etwas tut, das wir nicht von ihm wollen. Während wir im Alltag unseren Körper kontrollieren und mit gesunder Ernährung und Sport darauf achten, dass er sich so verhält, wie wir es gerne mögen (gesund bleibt, Ausdauer hat, …), so müssen wir bei einer Fehlgeburt erleben, dass unser Körper einfach komplett über uns hinweg eine Entscheidung getroffen hat. Eine Entscheidung, die uns unglaublich traurig macht. Die Entscheidung, uns etwas wegzunehmen, das wir lieben. Diese Erfahrung ist für viele Frauen auch eine neue Art von Verlust: ein Vertrauensverlust in den eigenen Körper. Im Moment einer Fehlgeburt fühlen sich viele Frauen von ihrem Körper im Stich gelassen: Er hat schließlich nicht das gemacht, was er sollte! Er hat dieses Baby nicht wachsen, sondern sterben lassen! Ganz abgesehen davon, dass es durchaus etwas sehr Positives ist, dass unser Körper ein nicht lebensfähiges Kind schon in der Frühschwangerschaft wieder abstößt, sehen wir uns mit der Tatsache konfrontiert, dass er in Eigenregie gehandelt hat und dass wir keine Kontrolle hatten. So haben wir nach einer Fehlgeburt nicht nur mit dem Verlust des Babys zu kämpfen, sondern auch mit dem Vertrauensverlust in unseren weiblichen Körper und mit dem Verlust der Kontrolle, an der wir uns im Alltag so gerne festhalten. All das zusammen ist eine große Herausforderung! Und das ist mehr, als viele Menschen im ersten Moment sehen können. Wenn also die leider typischen Sprüche wie: „Ach, das Baby war doch noch so klein.“, oder: „Besser so früh als später.“, oder: „Passiert doch so vielen …“ nach einer Fehlgeburt auf dich niederprasseln, dann mache dir bewusst, dass deine Lieben, die so etwas sagen, es nicht böse meinen. Sie wissen nicht, wie viele Verluste du gerade gleichzeitig erlitten hast: dein Baby, dein Körpervertrauen, deine Kontrolle! Ich weiß es aber und deswegen habe ich dir im zweiten Teil dieses Buches Tools zusammengestellt, die dir helfen können, wieder zurück in dein Vertrauen zu finden.

Hier, im ersten Teil des Buches, möchte ich dir aber zunächst mehr über Fehlgeburten erzählen und Erfahrungsberichte von anderen betroffenen Frauen mit dir teilen. Denn für den Fall, dass du gerade selbst ein totes Baby im Bauch hast oder einmal eine Fehlgeburt erleben solltest, so ist es mir ein Anliegen, dass du selbstbewusst und selbstbestimmt in diese Erfahrung gehst und das Beste daraus mitnimmst! Denn wie immer im Leben liegen in jedem Schicksalsschlag auch Chancen: Chancen zur positiven Veränderung von Lebensbereichen, die vielleicht nicht so ganz konform mit deinen Zielen sind, Chancen zur positiven Veränderung innerhalb der Beziehung zu deinem Partner und Chancen zur positiven Veränderung der Beziehung zu dir selbst!

Mein Wunsch ist es, dass du nach der Lektüre dieses Buches nicht nur das Gefühl hast, wertvoll zu sein, genau so wie du bist und egal, ob mit oder ohne Baby, sondern dass du auch so weit gestärkt bist, dass du das Leben mit allem, was kommt, wieder umarmen kannst.

Die Warum-Frage

Warum stirbt ein Baby? Warum passiert mir das? Warum? Diese Frage stellen sich die meisten von uns früher oder später. Und manche von uns treibt sie in den Wahnsinn. Ich habe Frauen kennengelernt, die mit Mitte 20 eine Fehlgeburt hatten und mit Mitte 60 immer noch über das Warum nachdenken. Ganze Leben werden von dieser Frage bestimmt. Eine Frage, auf die die meisten von uns niemals eine Antwort bekommen werden.

Nach meiner ersten Fehlgeburt habe ich mir diese Frage auch gestellt und zwar, weil alle mich danach gefragt haben! „Was glaubst du, warum ist das passiert? Weil du so viel Stress hattest/Weil du dich vegan ernährst/Weil du noch nicht wieder bereit bist/Weil etwas mit deinen Hormonen nicht stimmt?“ Nach meiner ersten Fehlgeburt habe ich all diese Fragen noch ernst genommen und mich immer wieder gefragt: „Was stimmt nicht mit mir? Was habe ich falsch gemacht?“, und das Fragen und Kopfzerbrechen hat mich immer tiefer in meinen Frust hineingezogen. Bei meiner zweiten Fehlgeburt kam meine Hebamme zur Geburt zu mir nach Hause. Als ich ihr die Tür öffnete (weinend und mit Wehen) nahm sie mich in den Arm und das erste, das sie sagte, war: „Es gibt keinen Grund!“ Mit diesem einen Satz ist so unendlich viel Last von mir abgefallen. Es gibt keinen Grund. Es ist einfach. Es ist einfach, wie es ist. Es ist normal. Es passiert. Mit diesem Satz, den sie mir sagte, fiel alles von mir ab.

Aber ich weiß auch: Nach einer Fehlgeburt stellt man sich diese Frage trotzdem – und vielleicht schaut man auch ins Internet und guckt, warum Kinder sterben. Deswegen möchte ich auch auf einige der Punkte eingehen, die du im Internet finden wirst, wenn du nach dem Warum suchst. Im Internet wirst du lesen, dass bei frühen Fehlgeburten in 60 bis 80 Prozent der Fälle von genetischen Ursachen ausgegangen wird. Die Erbgutinformation liegt auf den Chromosomen im Zellkern und die kommt jeweils zur Hälfte von der Mutter und zur Hälfte vom Vater. Treten Abweichungen in Anzahl oder Form dieser Chromosomen auf, kann das zu Fehlanlagen beim Embryo führen. Infolgedessen ist die Lebensfähigkeit eingeschränkt oder gar nicht erst gegeben. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass deine Fehlgeburt ebenfalls genetische Ursachen hat. Hilft dir diese Tatsache, dich von deinen möglichen Schuldgefühlen zu befreien? Wenn nicht, dann lies das Obige erneut: 50 Prozent der Chromosomen im Zellkern kommen gar nicht von dir! Wofür willst du dich da verurteilen? Was ich dir damit sagen möchte: Du trägst keine Schuld an dem frühen Tod der kleinen Seele! Und wahrscheinlich gibt es auch keinen Grund für die Fehlgeburt, den du jemals herausfinden wirst.

Diese Überlegung reicht dir noch nicht und du recherchierst im Internet lieber trotzdem noch ein wenig weiter, was denn mit den übrigen 20 bis 40 Prozent der Fehlgeburten ist? Dann wirst du vielleicht darauf stoßen, dass Arztbesuche ein Risikofaktor sein können: Seien es starke Strahlungen wie bei einer Computertomografie oder Medikamente oder Impfungen – ja, all das kann die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt erhöhen. Auch Methoden zur Erkennung von Fehlbildungen des Kindes wie eine Untersuchung des Fruchtwassers (Amniozentese) oder des Mutterkuchens erhöhen das Abortrisiko – schließlich wird hier die Ruhe des Kindes in der Gebärmutter gestört. Aber wieder stellt sich die Frage: Bringt dich das weiter? Wie viele Frauen nehmen Medikamente und bekommen trotzdem gesunde Kinder? Wie viele Frauen lassen ihr Fruchtwasser untersuchen und bekommen trotzdem gesunde Kinder? Viele! Sehr viele! Wenn dich die Überlegungen hierzu inspirieren, auf Naturheilkunde anstatt Medikamente zurückzugreifen oder Strahlungen während der Schwangerschaft zu reduzieren, dann ist das wunderbar – aber verurteile dich nicht, weil du während der Frühschwangerschaft eine Aspirin genommen hast. Einem gesunden und intakten Embryo macht eine Aspirin nichts aus.

In einigen Fällen können Infektionen und andere gesundheitliche Gründe zu einer Stillen Geburt führen, aber auch das wirst du sehr wahrscheinlich nicht genau nachvollziehen können. Es gibt Frauen, die eine schwere Grippe in der Frühschwangerschaft haben und trotzdem neun Monate später ein gesundes Kind auf die Welt bringen. Es ist einfach nicht auszumachen. Was aber auf jeden Fall feststeht, ist, dass laut Experten Stress (in vertretbarem Ausmaß, hier ist keine tiefe Traumatisierung gemeint) oder einmaliges schweres Heben nicht verantwortlich für den frühzeitigen Tod einer kleinen Seele sind! Was auch immer also der Grund sein sollte – es lag mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht in deiner Hand. Trotzdem möchte ich noch zwei weitere Themen ansprechen, auf die du bei deinen Internetrecherchen vielleicht triffst und mit denen ich dich nicht allein lassen möchte. Das eine sind Blutarmut und Gerinnungsstörungen als Ursache, das andere Diabetes und Schilddrüsenerkrankungen. Blutarmut tritt häufig durch Eisenmangel auf und es kann dadurch zu einer Unterversorgung des Kindes mit Sauerstoff kommen. Außerdem kann es sein, dass der Mutterkuchen zu klein ist, was ebenfalls zu einer Mangelversorgung des Babys führen kann. Blutarmut ist auch etwas, das die Frauenärzte gerne testen, wenn man zwei oder mehr Fehlgeburten hatte. Denn ja, die Ärzte bieten in der Regel an, nach Ursachen zu suchen, allerdings erst nach zwei oder mehr Fehlgeburten, weil eine einzige Fehlgeburt eben einfach so normal ist. Hat man allerdings mehrere Fehlgeburten hintereinander, kann man es in Anspruch nehmen, nach Ursachen zu forschen. Da ich mehrere Fehlgeburten hatte, wurde mir das auch angeboten. Ich wurde zu einem Genlabor überwiesen und außerdem sollte ich auf Blutarmut und Gerinnungsstörungen getestet werden. Ich habe mir für beides Termine gemacht und beides wieder abgesagt. Was hätte es mir genützt, herauszufinden, dass vielleicht ein Chromosom von meinem Mann manchmal mit einem von mir kollidiert und einfach nicht zusammenpasst? Ich hätte mir keinen anderen Mann gesucht, so viel steht fest. Und ich hätte mich auch keiner Gen-Therapie ausgesetzt, so viel steht auch fest. Und wenn sich nun herausgestellt hätte, dass ich ein Gerinnungsproblem habe, so hätte ich auch nicht angefangen, jeden Tag einen Blutverdünner zu nehmen, damit das Blut besser fließt. Denn Medikamente können schließlich ebenfalls Fehlgeburten auslösen und haben natürlich auch noch viele andere Nebenwirkungen. Für mich war also klar: Es gibt mir persönlich nichts außer Stress und Sorgen, wenn ich mich auf diesen Ärztemarathon einlasse. Das ist natürlich meine individuelle Entscheidung und jede Frau ollte genau den Weg gehen, der sich für sie richtig anfühlt. Gegen das Risiko Eisenmangel und Blutarmut kann man aber auch unabhängig von Arztbesuchen etwas tun. Eine vollwertige, pflanzenbasierte Ernährung kann zum Beispiel Abhilfe schaffen. Bevor man sich dank Präparaten oder Medikamenten auf der sicheren Seite wähnt, lohnt es sich, die eigene Ernährung für eine Weile zu „tracken“, also zum Beispiel mit einer App auf dem Smartphone (zum Beispiel Cronometer) festzuhalten, was man in welchen Mengen isst. So kann man nachvollziehen, wie viele Nährwerte die Nahrungsmittel haben, die man isst. Wenn man eine Weile auf dem Papier oder in einer App Buch führt, bekommt man schnell ein besseres Gefühl für die eigene Ernährung und kann sie entsprechend anpassen. Im Zweifelsfall ist eine kompetente Ernährungsberatung für viele die bessere Alternative zu einer Medikamenten-Kur. Das wird dir allerdings von deiner Ärztin sehr wahrscheinlich nicht vorgeschlagen werden, da Ärzte ganz einfach keine Ausbildung im Bereich Ernährung haben. Ich erinnere mich an einen Frauenarztbesuch in meiner Frühschwangerschaft: Meine Ärztin fragte mich, ob ich Jod nehme. Ich antwortete wahrheitsgetreu, dass ich jeden Tag eine Kapsel Kelp-Alge nehme. Da guckte sie mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an und fragte: „Und was haben Algen mit Jod zu tun?“ Man sieht also: Selbst eine sonst sicherlich sehr kompetente Ärztin muss in Sachen Ernährung nicht immer so gut informiert sein wie du selbst. Und um die Frage zu beantworten: Algen enthalten sehr viel Jod, je nach Alge unterschiedlich viel. Im Handel gibt es Kapseln und Tabletten mit einem sicheren Jod-Gehalt, der zu 100 Prozent aus Algen (in meinem Fall Kelp-Alge) kommt und dadurch komplett natürlich ist.

Und wie steht es mit Diabetes und Schilddrüsenüberfunktion? Die können die Gelbkörperfunktion beeinträchtigen oder der Mutterkuchen kann sich durch Gefäßschäden nicht richtig entwickeln. Wenn die Nebenschilddrüsen ungenügend arbeiten, fällt der Kalziumgehalt des Blutes. Das kann zu übermäßigen Krämpfen des Uterus führen und damit eine Fehlgeburt verursachen. Auch hier merkt man schnell: Alles kann, nichts muss! Unser Körper ist ein Wunder und kann die unglaublichsten Dinge tun. Manchmal macht er Dinge, die uns traurig machen oder die uns inspirieren, sich besser um ihn zu kümmern. Manchmal macht er wunderbare Dinge, die uns mehr Freude und Liebe ins Leben bringen, als wir es je für möglich gehalten haben.

Es hilft uns in der Regel nicht weiter, uns nach dem Warum zu fragen, wenn ein Baby in unserem Bauch stirbt. Aber diejenigen von uns, die das Gefühl haben, sie leben ihr Leben nicht so, wie sie es gerne würden, die sich nicht so ernähren, wie sie es gerne würden, die sich in ihrem sozialen Umfeld nicht wohlfühlen, die mit ihrer Arbeit unglücklich sind, die können eine Fehlgeburt als Weckruf ansehen und ihr Leben in eine Richtung verändern, die sie glücklich macht. Das gilt übrigens für Männer genauso, denn eine gesunde, vollwertige Ernährung und ein Alltag, der glücklich macht, wirkt sich auch auf die Spermienqualität aus; zu einer Schwangerschaft gehören immer zwei. Überlegt euch als Paar, wie ihr gesünder und glücklicher leben könnt! Aber um noch einmal auf unser Thema hier zurückzukommen: Auch Diabetes- und Schilddrüsenbezogene Beschwerden kann man mit einer vollwertigen, pflanzenbasierten Ernährung in den Griff bekommen oder zumindest deutlich reduzieren! Am Ende dieses Buches findest du einige Buchempfehlungen, wenn du dich tiefer mit diesem Thema auseinandersetzen möchtest.

Nun habe ich mir alle Mühe gegeben, dich von möglichen Schuldgefühlen zu befreien und dir deutlich zu sagen: Du trägst keine Schuld! Trotzdem muss ich an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass ein fürsorglicher Umgang mit dir selbst in der Schwangerschaft nicht zu vernachlässigen ist und dass insbesondere Alkoholkonsum und Drogen jeglicher Art (also auch Zigaretten) zu schweren Entwicklungsstörungen oder Fehlbildungen des Embryo führen können. Ob du nun Alkohol oder Drogen konsumiert hast oder nicht: Du wirst nicht genau nachvollziehen können, ob deine Fehlgeburt daher rührt. Egal, ob du einen gesunden Lebensstil ohne Drogen und Alkohol und mit einer ausgewogenen Ernährung hast oder in der Schwangerschaft ein paar Bier getrunken hast, du darfst die Verantwortung jetzt mal kurz loslassen. Ja, selbst wenn du übermäßig viel Alkohol und/oder Drogen konsumierst hast, so verurteile dich jetzt nicht dafür, sondern sieh deine Erfahrungen als Möglichkeit, deinen Lebensstil nun so zu ändern, dass er dich erfüllt und dir Freude bringt. Ja, sogar, wenn du dich so verhalten hast, dass einige behaupten würden, es war „unverantwortlich“, so möchte ich dir sagen, dass alles gut ist und dass du ein wunderbarer und wertvoller Mensch bist. Du hast Erfahrungen gemacht, die dich traurig gemacht haben und dich schmerzen, aber du hast die Möglichkeit, aus diesem Erfahrungsschatz zu schöpfen und dir anhand deiner Erfahrungen zu überlegen, wer du in Zukunft sein möchtest und welches Leben du leben willst. Die Erfahrung, die du gemacht hast, ist deine Chance, einem erfüllten Leben näher zu kommen. Danke dieser Erfahrung und verurteile sie nicht. Danke dir für diesen Weckruf und verurteile dich nicht.

Eine Fehlgeburt ist immer eine traurige Angelegenheit: Wir freuen uns auf ein kleines Baby, auf einen neuen Menschen, auf ein Familienmitglied, auf unsere neue Rolle als Mutter, auf alles, was wir gemeinsam mit diesem Menschen erleben werden – und dann wird uns all das wieder genommen. Das ist sehr traurig. Und es ist richtig und wichtig, darüber zu trauern. Aber wir brauchen uns nicht noch mehr herunterzuziehen, indem wir einen Schuldigen suchen. Manchmal gibt es ganz einfach keinen Schuldigen und alles, was uns bleibt, ist es, anzunehmen und zu akzeptieren, was ist. Die Suche nach einem Schuldigen feuert unser Leid immer weiter an. Anstatt dass wir es annehmen und somit auch loslassen können, stochern wir weiter und weiter in der Wunde, so dass sie niemals verheilen kann. Sie eitert jahrelang vor sich hin und blutet sogar immer mal wieder, jedes Mal, wenn wir uns fragen: „Lag es daran, dass ich diese schwere Kiste getragen habe?“ Nein, es lag nicht an der schweren Kiste, aber auch ganz abgesehen davon: Du kannst es nicht mehr ändern. Manche Frauen haben mir erzählt, dass sie gedacht haben, es wäre wohl das Karma: Vielleicht hätten sie nicht genug Gutes getan und deswegen eine „Strafe“ bekommen. Nein! Nein, schau dich um: Da sind Frauen da draußen, die machen viel weniger als du, die rauchen viel mehr als du, die trinken vielleicht sogar, die haben Stress bis zum Abwinken – und die bekommen trotzdem mitunter völlig gesunde, wunderbare Kinder. Du trägst keine Schuld! Wie denn auch? Du denkst, du hast dich vielleicht nicht gut genug ernährt? Aber trägst du dafür Schuld? Du wusstest es doch gar nicht besser! Willst du dann die Schuld an deine Eltern abgeben, die dir nicht besser beigebracht haben, wie man sich gesund ernährt? Aber was können sie dafür, wenn sie es doch selbst nicht besser wussten? Die Schuld bei den Großeltern suchen, aber wussten die es besser? Siehst du, was hier passiert? Es ist unmöglich, einen „Schuldigen“ zu finden, selbst dann, wenn es um „einfache“ Fragen geht. Es gibt keine Schuld.

Aber es gibt Vergebung.

Du wirst die Zeit nicht zurückdrehen können, aber du kannst jeden Tag neu beginnen. Du kannst jeden Tag dein Leben weiter nach deinen Vorstellungen gestalten und es mit Freude füllen – auch mit den Erfahrungen, die du gemacht hast. Ja, es ist möglich! Vergib dir – und dann vergib dir noch einmal. Du trägst keine Schuld! Dein Partner trägt keine Schuld. Es gibt keine Schuld. Vergib dir, vergib deinem Partner und vor allem: Vergib deinem Baby! Zu vergeben ist natürlich viel leichter gesagt als getan. Da ist gerade schließlich so viel Schmerz: Dein Baby hat dich verlassen, dein Körper hat dich im Stich gelassen, deine Eltern verstehen dich nicht, du bist so enttäuscht von dir selbst. Es ist einfach sehr viel. Oft ist es zu viel, um einfach mal eben zu sagen: „Okay, Baby, ich vergebe dir, dass du von mir gegangen bist.“, oder: „Okay, Eltern, ich vergebe euch, dass ihr nicht ein bisschen empathischer gehandelt habt.“, Oder auch: „Okay, Körper, ich liebe dich immer noch genau so sehr wie vorher.“ Nach meiner ersten Fehlgeburt fiel es mir sehr schwer, einfach so den Schmerz und die Enttäuschung loszulassen und zu vergeben. Ich war wahnsinnig wütend auf die Menschen in meinem Umfeld, die mich ständig mit der Warum-Frage konfrontierten und mir so immer mehr Schuldgefühle machten. Ich war wahnsinnig enttäuscht von meinem Umfeld, so wenig Empathie und stattdessen so sachliche Reaktionen zu bekommen. Ich war wahnsinnig traurig, dieses Baby verloren zu haben und ich war wahnsinnig frustriert darüber, zu erfahren, wie meine Frauenarztpraxis mit mir umgegangen ist. Ich war so voll mit negativen Gefühlen. Wäre es nur das Gefühl des Verlustes meines Babys gewesen, wäre ich damit vermutlich noch ganz gut klargekommen, aber da war einfach noch so viel mehr. Und ich merkte, wie mir diese ganzen Gefühle meinen Alltag schwer und mir mein Leben weniger lebenswert machten. Also entschied ich mich irgendwann, zu vergeben.

Vergeben heißt loslassen und wenn man loslässt, kann man heilen. Ich möchte hier mit dir das Hawaiianische Vergebungsritual teilen, weil es ein einfaches Tool ist, um zu vergeben. Egal, wem. Egal, ob deinem Baby, das schon wieder bei den Sternen ist, dir selbst oder jemand anderem, das Ritual lässt sich beliebig anwenden. Wenn du es auf dich selbst anwendest, stellst du dir einfach vor, dass du dir selbst gegenübersitzt. So als würde deine Seele kurz deinen Körper verlassen und sich dir gegenübersetzen. Dann kannst du die vier Sätze des Vergebungsrituals zu dir selbst sagen. Wenn es dein Baby ist, dem du vergeben möchtest, so denke einfach an dein Baby, während du die vier Sätze sprichst. Und wenn es jemand anderes ist, sieh die andere Person vor deinem inneren Auge. Du kannst es dir für das Ritual schönmachen und dich gemütlich bei Kerzenschein hinsetzen. Du kannst es aber auch in der U-Bahn für dich sprechen (auch einfach im Kopf, das hilft schon viel). Es ist wirklich ein sehr einfaches Tool, das man überall anwenden kann und das trotzdem über kurz oder lang sehr viel inneren Frieden bringen kann. Wende es regelmäßig an und beobachte, wie sich nach jedem Vergebungsritual ein kleiner Knoten nach dem anderen in deinem Inneren löst, bis du dich irgendwann ganz frei fühlst.

Die vier Sätze des Vergebungsrituals mögen dir vielleicht erst einmal merkwürdig vorkommen. Du bist verletzt worden und nun sollst du auch noch vergeben? Ja, denn am Ende geht es darum, dass wir uns selbst heilen. Es geht darum, uns, der Situation, die uns verletzt hat, und dem Verhalten zu verzeihen. Vielleicht fällt es dir zunächst noch schwer, die Sätze zu sprechen, vielleicht erscheinen Blockaden (in Form von Wut, Traurigkeit, Scham, Angst, Ekel) und du willst gar nicht weitermachen. Aber du wirst auch merken, dass es mit jeder Wiederholung leichter wird und immer leichter, je weiter du dein Herz öffnest und bereit bist, loszulassen – um Platz für Neues, Wunderschönes zu schaffen!

Das Hawaiinische Vergebungsritual kannst du auch unabhängig von der Fehlgeburt anwenden, es lässt sich auch im Alltag wunderbar verwenden. Ich nutze es ganz nach Bedarf und oft auch sofort, nachdem mich jemand verletzt hat. Dein Partner sagt etwas, das dir nicht gefällt. Erkenne, dass du verletzt bist und sprich im Geiste die vier Sätze. Oft stellt sich dadurch sofort wieder innerer Frieden ein und man spart sich einen energieraubenden Streit und stundenlangen inneren Frust. Das Leben ist doch da, um es zu feiern – lass uns vergeben und genießen!

Hier nun das Hawaiianische Vergebungsritual:

Es tut mir leid.

(Ich nehme das Problem an.)

Bitte vergib mir.

(Wenn ich dich oder andere bewusst oder unbewusst verletzt habe.)

Ich liebe dich.

(Ich liebe mich und dich bedingungslos, denn wir sind alle eins.)

Danke.

(Dass ich das Problem erkennen und heilen durfte.)

Sprich in deinem Inneren nur das Fettgedruckte und stelle dir dabei die Person und den Geist vor, dem du vergeben möchtest.

Vergeben heißt im Übrigen nicht, dass du dein totes Baby vergessen sollst. Es wird immer ein Teil von dir und deiner Familie bleiben. Aber es wird der Tag kommen, an dem du akzeptieren kannst, dass es nicht da ist und dass alles genau so passiert ist, wie es passiert es. Es wird der Tag kommen, an dem du erkennst, dass es okay ist, so wie es passiert ist. Es wird der Tag kommen, an dem du denkst: „Ach, all das hätte ich nicht erlebt, gelesen, gemacht, wenn es anders gekommen wäre. Vielleicht ist es ja sogar ganz gut so, wie es passiert ist.“ Und es braucht keine Antwort auf die Warum-Frage, damit dieser Tag kommen kann. Es braucht gar keine Antworten. Es braucht nur deine Bereitschaft, weiter zu leben und zu vergeben.