Vertraulichkeiten - Max Lobe - E-Book

Vertraulichkeiten E-Book

Max Lobe

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Beschreibung

Bei seiner Rückkehr in die Heimat sucht Max Lobe im Bassa-Wald die alte Frau Mâ Maliga auf, um von ihr zu erfahren, was sie über die Unabhängigkeitsbewegung in Kamerun und deren Anführer Ruben Um Nyobè weiß. Vertraulichkeiten ist die Erzählung dieser redseligen und schelmischen Frau, die den Widerstand gegen die Kolonialmacht am eigenen Leib erfahren hat. Beim Erzählen vergisst sie nicht, vom Palmwein zu kosten und ihrem Gegenüber ebenfalls davon anzubieten. In einer Mischung aus tiefer Ernsthaftigkeit und leichter Trunkenheit erfahren wir so die Geschichte der Unabhängigkeit Kameruns und seines verschwiegenen Krieges. Aus dem Französischen übersetzt von Katharina Triebner-Cabald. Mit einem Nachwort von Alain Mabanckou. Ausgezeichnet mit dem Ahmadou Kourouma Preis.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2022

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MAX LOBE VERTRAULICHKEITEN

Titel der Originalausgabe:

Confidences © Editions Zoé, 2016

Dieses Werk wurde vermittelt durch die literarische Agentur Astier-Pécher.

Aus dem Französischen von Katharina Triebner-Cabald

Covergestaltung: Sandra Mawuto Dotou, Hamburg | www.mawuto.de

Satz: Ricarda Löser, Weimar | www.ricarda-loeser.de

Druck und Bindung: booksfactory, Szczecin (Polen)

Printed in the EU

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia

Vertraulichkeiten

Erste Auflage 2022

© akono Verlag, 2022

ISBN: 978-3-949554-07-0

ISBN (E-Book): 978-3-949554-08-7

www.akono.de

Mit Unterstützung des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

MAX LOBE

VERTRAULICHKEITEN

Roman

Aus dem Französischen von Katharina Triebner-Cabald

INHALT

AN DICH

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

BRIEF AN DEN AUTOR VON ALAIN MABANCKOU

AN DICH

Zu sagen, das hier sei eine Rückkehr zur Geburt, ist nicht falsch. Reduzierend? Ganz sicher. Ein Bericht, eine Biographie, vielleicht. Es ist vor allem ein Roman. Zwei Protagonisten, darunter ich selbst.

Bei der Wiedergabe unserer Begegnung, der der alten Dame und mir, dreht sich alles um die Sprache.

Die Wiedergabe dessen, was unser Vermächtnis hätte sein können, eine Verbindung von ihr zu mir.

Wie eine schlechte Erbschaft ist die Geschichte, an die man sich hält, schmutzig.

Die Erzählung einer Rückkehr zum Ausgangspunkt.

Aus diesem Grund habe ich mich für eine Sprache entschieden, die, selbst auf Deutsch, dem, was gesagt werden muss, so nah wie möglich ist.

Vielen Dank an Katharina für ihre detailreiche Übersetzung.

Max Lobe

Meiner Mutter, Chandèze

1

So, jetzt ist es so weit. Ich bin im Flugzeug, das mich nach Duala bringt.

Rückkehr in die Heimat.

Mein Herz schlägt so heftig.

Freude, aber auch Angst, nach Hause zu kommen.

Duala, dort kam ich zur Welt und dort verbrachte ich die ersten achtzehn Jahre meines Lebens.

Ich wuchs dort auf und ging so gut wie nie in eine andere Stadt des Landes. Ausgenommen Jaunde, die Hauptstadt.

Was macht mich als Bewohner Dualas zu einem Kameruner?

Das erinnert mich an Freunde aus Genf, die trotz des ausgezeichneten Schweizer Schienennetzes niemals die Saane bei Freiburg überquert haben, um sich in die sogenannte Deutschschweiz zu begeben.

Was macht sie zu Schweizern?

Warum erst jetzt die Entscheidung treffen, in die Heimat zurückzukehren?

Kamerun ! Une guerre cachée aux origines de la Françafrique (1948–1971).

Ich nahm in Gegenwart zweier der Co-Autoren, Thomas Deltombe und Jacob Tatsitsa, an einer Vorstellung dieses Buches in Genf teil. Es geht darin um den geheimen Krieg, den Unabhängigkeitskrieg, in Kamerun in den 1950er Jahren und die damit zusammenhängenden Ursprünge der Françafrique.

Die Entdeckung meiner Unwissenheit bringt mich zur Verzweiflung.

Ich lese ausführlich zu dem Thema. Ich recherchiere weiter und es tauchen haufenweise Fragen auf. Ich beschließe, den Schritt zu tun, nach Hause zurückzukehren.

Noch ein kleines Zögern.

Da fällt mir eine so schöne Passage aus L’Énigme du Retour von Danny Laferrière ein:

»Man wird irgendwo geboren, möglicherweise wird man dann in fremde Länder reisen, was von der Welt sehen, wie man sagt, manchmal jahrelang dort bleiben, aber am Ende geht man zurück zum Ausgangspunkt.«

Aber am Ende geht man zurück zum Ausgangspunkt. Es war an der Zeit, in dieses mir so schlecht bekannte Land zurückzukehren.

Vor allem zu seiner jüngsten Geschichte, über die so wenig gesprochen wird, die sogar ausradiert wird.

Ganz bewusst.

2

Mein Sohn, nur, dass dir niemand Märchen erzählt: Egal, ob du aus Duala oder Jaunde kommst, du musst einfach nur den Weg über Boumnyébel nehmen, um hier in mein Dorf zu gelangen, nach Song-Mpeck, wo wir genau jetzt sind. Gezwungenermaßen, oh! Das oder nichts! Außer du entscheidest dich selbst dazu, über den Himmel zu kommen. Aber in dem Fall, hm, ich weiß nicht genau, wie das läuft. In meinem ganzen Leben habe ich meine Füße noch nie in ein Flugzeug gesetzt. Ich habe noch nicht einmal eines gesehen, so, mit meinen eigenen Augen hier; außer vielleicht wenn eines hier oben vorbeifliegt, über unsere Wälder, und uns dabei die Ohren mit seinem Lärm betäubt. Hörst du? Ihr anderen, die ihr dort auf der anderen Seite lebt bei den Weißen, ihr seid die Einzigen, die wissen, woher ihr euren Teil Mut nehmt, um da hineinzusteigen, in diese Apparate da, oh!

Die Straße, die du genommen hast, um hierherzukommen, die, die Duala und Jaunde verbindet, wurde schon vor vielen Jahren von unserem Präsidenten-Papa gebaut. Allein Nyambé weiß, welche Segen er ihm dafür zukommen lassen wird. Aber weißt du was, mein Sohn? Einige böse Zungen haben ganz schnell tausend oder zweitausendmal behauptet, dass diese Straße da nur durch Zufall auch an Boumnyébel vorbeiführt. Hm, also ich weiß wirklich nicht, warum die Leute sich so gerne ihre Münder zerreißen über Probleme, die sie nichts angehen und denen sie außerdem bei Weitem nicht gewachsen sind. Verstehst du, was ich dir sage? Die Münder haben überall hier in der Gegend erzählt, dass unser Präsidenten-Papa uns dabei noch nicht einmal in seinen Plänen hatte, auch nicht in seinem Kopf, als er seine Leute damit beauftragte, die Hauptverkehrsachse Duala-Jaunde zu teeren. Aber was sie vergessen, diese Großmäuler da, ist, dass wir, egal ob durch Zufall oder nicht, jetzt auch eine gute Straße haben, um in unser Dorf zu kommen. Ist das nicht eine gute Sache?

Ach, mein Sohn, dass man dir nur keine Lügen erzählt, in diesem Land eine asphaltierte Straße zu haben, ist eine sehr gute Sache. Es ist ein echtes Glück. Zu meiner Zeit? Oh, wie anders es damals war! Vollkommen anders sogar …

Ékiééé! Ich bin schon dabei, mich mit dir zu unterhalten, dabei habe ich euch noch nicht einmal willkommen geheißen, weder dich, noch meinen Sohn Makon, der dich begleitet. Ich hoffe, ihr hattet eine gute Fahrt, denn in dieser Zeit am Jahresende, im Dezember wie jetzt, sterben häufig Leute auf unseren Straßen. Eins-zwei, schon ist ein Unfall passiert. Eins-zwei, schon sind Tote überall. Ich schwör’s dir. Wuyè!

Ach, Makon! Kannst du in meine Küche gehen, dort hinter dem Haus, und mir einen Glasballon Matango holen? Das ist sehr guter Palmwein. Einer meine Söhne aus dem Dorf hat ihn mir gestern auf dem Heimweg von seinem Feld vorbeigebracht. Nein. Warte. So wie ich dich kenne, Makon, bringst du uns vielleicht nur einen halbvollen Glasballon oder gar einen leeren Glasballon. Kann man eine Katze bitten, auf die Fische aufzupassen? Bleib lieber hier mit unserem Gast, ich gehe ihn selbst holen, diesen Matango.

Mein Sohn Makon sagte mir, dass du von weit-weither gekommen bist. Von sehr weither sogar. Er sagte mir, dass du aus dem Land der Weißen, dort, wo du lebst, hergekommen bist, nur um mich zu sehen. Er sagte mir, du willst, dass ich dir von Um Nyobè erzähle. Ist das die wahre Wahrheit? Hm, wirklich! Ach mein Sohn, du erweist mir Ehre. Das erfüllt mein Herz mit viel Freude, dass ein junger Mann wie du von so weit herkommt, nur um mich zu sehen, mich, Maliga. Meistens kommen die, die zu euch dorthin gehen, nicht mehr hierher zurück. Nein, oh! Sie kommen nicht wieder. Sie bleiben dort hängen. Ich weiß nicht, wer ihnen solche Flausen in den Kopf setzt, dass sie alles, alles, alles vergessen, sogar das Loch, das sie auf die Welt gebracht hat.

Gehört sich das etwa? Ehrlich, mein Sohn, du erweist mir Ehre. Möge Nyambé dir deinen Teil Segen zukommen lassen. Möge er dir viel-viel davon zukommen lassen! Hörst du? Möge er dir einen ganzen Fluss davon zukommen lassen, wenn er kann.

Nimm, mein Sohn. Trink ein bisschen von diesem guten Matango. Ekiééé! Nicht so schnell. Warum hast du es so eilig, als hättest du Durchfall? Langsam! Gieß zuerst einmal ein bisschen davon auf den Boden für unsere Toten und unsere Ahnen. Schau. Mach es wie ich. So. Gaaanz genaaau. Gut. Jetzt kannst du trinken.

Aber sag uns, ist es denn die wahre Wahrheit, dass du denen ihr Flugzeug da genommen hast? Wie ist das, da innen drin? Oder bist du vielleicht mit einer Piroge gekommen? Wer weiß? Denn mein Sohn Makon sagte mir kürzlich, dass das heute so sei, dass die jungen Leute wie du es so machen, um dorthin zu euch zu gehen, um dort auf der anderen Seite bei den Weißen zu leben. Sie nehmen nur die Piroge. Deswegen fragte ich mich, ob auch du sie genommen hast, um hierher zurückzukehren.

Gut. Lassen wir diese Geschichten von Flugzeugen und Pirogen am Boden. Denn so, wie ich dich gerade lächeln sehe, so wie die Leute bei euch dort, heißt das, dass du nicht viel Lust hast, darüber zu reden. Nicht wahr? Kein Problem.

Sag mir nun, warum wolltest du mich treffen? Was willst du wissen über Um Nyobè? …

Oh mein Gott! Schau dir diese dicke Stechmücke da an. Ha, heute wird sie mir nicht entkommen! Ich habe sie schon seit zwei Tagen im Auge. Ich werde sie kriegen. Warte einen Moment. Sooo! Diesmal habe ich sie erwischt. Weißt du, mein Sohn, man muss aufpassen: Hier in unserem Wald gibt es zu viele Stechmücken. Vor allem am Abend. So groß, wie sie sind, sieht man sofort, dass das professionelle Blutsauger sind. Ich schwör’s dir! Wuyè! Aber sei unbesorgt. Die Natur gibt uns immer Lösungen für unsere Krankheiten. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Stunden ein bisschen Zeit haben werde, um dir in dem Wald, der uns umgibt, Medikamente zu zeigen, die Malaria heilen. Denn ich, Maliga, die ich hier zu dir spreche, ich habe kein Vertrauen mehr in das, was von euch dort kommt. Wuyè! Dabei habe ich im Fernsehen gesehen, als ich noch einen Fernseher hatte, dass das bei euch ist, wo die Weißen die echten-echten Medikamente gegen Malaria und gegen die anderen Krankheiten da herstellen, die uns hier einfach sterben lassen wie die Fliegen. Aber warum funktionieren ihre Medikamente nicht an uns hier? Soll das heißen, dass wir keine Menschen sind wie sie? Es funktioniert überhaupt nicht mehr an uns. Alle hier haben das bereits festgestellt, aber die Leute nehmen sie weiterhin. Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass diejenigen, die hier in unseren Dörfern noch an Malaria sterben, nicht an die Macht unserer Bäume und unseres Waldes glauben wollen. Sie wollen nur die Medikamente, die von anderswo kommen. Sie wollen nur gesund werden mit dem Zeug, das das Flugzeug genommen hat oder die Piroge, um bis hierher zu uns zu finden. Aber ich, Maliga, ich sage: Pech für sie! Was soll ich damit für ein Problem haben? Wenn sie wollen, sollen sie doch weiterhin auf die magischen Pillen der Weißen warten.

Komm. Komm hierher, mein Sohn. Wir müssen gehen. Wir haben keine Zeit, den ganzen Tag hier zu sitzen. Ich habe dir viel zu zeigen und zu erzählen. Komm, gehen wir. Nimm vor allem den Glasballon Matango mit. Ekiééé! Lässt man etwa einen Glasballon mit Palmwein einfach so zurück, wenn man weiß, dass Makon zu Hause ist? Nein, oh! Nimm unseren Matango. Und vergiss nicht die Plastikbecher da. Gehen wir!

Mach die Augen weit auf, mein Sohn, und sieh dir den Weg an, den wir nehmen werden. So kannst du das nächste Mal, wenn du kommst – und ich hoffe sehr, dass du wiederkommen wirst, denn diejenigen, die zu euch dort gehen, kommen so gut wie nie mehr hierher zurück – so kannst du das nächste Mal, wenn du kommst, falls ich nicht mehr lebe, in diesem Wald spazieren gehen, ohne einen Führer zu brauchen. Nicht einmal meinen Sohn Makon. Und du selbst wirst andere führen können.

Ich war noch ein junges Mädchen, als ich hörte, wie Um Nyobè und seine Kameraden über ihr Politik-Politik-Dingsbumszeugs da sprachen. Hörst du mir zu? Gut. Zu dieser Zeit verstand niemand irgendetwas davon. Wir dachten einfach nur, dass sie Spaß daran hatten. Wir dachten, sie machten zu viel Lärm um nichts, ohne ein Ziel. Wir sagten sogar, um uns über sie lustig zu machen, sie hätten sich in etwas verrannt. Dass sie nichts erreichen würden. Aber hätten wir uns vorstellen können, dass diese Geschichte da, die Geschichte der Unabhängigkeit, von der sie sprachen, das werden würde, was sie letztendlich geworden ist? Wussten wir etwa, dass das ein Ding werden würde, dem wir bei Weitem nicht gewachsen sein würden?

Weißt du, dass die Leute ihm schließlich den Namen Mpodol gaben? Weißt du, was das heißt? Gaaanz genaaau! Das ist gut. Es ist gut, dass du unsere Sprachen von hier nicht vergessen hast. Die jungen Leute machen sich heutzutage nicht mehr die Mühe, die Sprachen aus den Dörfern zu lernen, hm. Sie wollen nur Poulassi sprechen, das feine-feine Französisch der Weißen. Aber was soll ich damit für ein Problem haben? Pech für sie!

Heutzutage noch einmal einen Mpodol zu finden, einen Wortführer, jemanden, der wirklich gut sprechen kann und die Interessen seines Volkes vertritt, wie es Um Nyobè tat, ach, nein, das ist unmöglich. Keine Chance. Es ist niemand mehr da. Ich sage dir, es ist niemand mehr da. Hörst du? Diejenigen, die heutzutage überall herumerzählen, dass sie Politik machen, dass sie für uns sprechen, um unsere Leiden zu mindern, die haben in Wahrheit großen Hunger. Sie haben sogar zu viel Hunger, mein Sohn. Alles, was sie wollen, ist es, sich ihren Teil Geld auf unsere Kosten einzuverleiben. Aber was können wir schon tun? Deshalb habe ich zu Makon gesagt, er solle ebenfalls in die Politik gehen, auch wenn es nur eine kleine Ortsgruppe in einem Dorf ist. Es sind die Politik-Sachen, die jetzt in diesem Land Geld bringen, mein Sohn. Aber hört Makon vielleicht auf mich? Er hält sich für Jesu-Christo: Er will für die Sünden der anderen sterben. Was er vergisst, ist, dass selbst Jesu-Christo persönlich dem nicht gewachsen war und schnell-schnell zu Nyambé, seinem Vater, rannte, um ihm zu sagen, er solle ihn zurückholen und uns Menschen in Ruhe lassen in unserer Bösartigkeit. Uns in Ruhe lassen in unserer Boshaftigkeit.

3

Weißt du, mein Sohn, hier bei uns will man immer noch nicht sehr über Um Nyobè sprechen. Wenn du Fragen zu Um Nyobè stellst und dazu, was wirklich mit ihm geschah, werden dir alle, die es erlebt haben, nur antworten, dass es Vorkommnisse gab. Die Vorkommnisse. Niemals wird irgendjemand dir genau sagen, um welche Vorkommnisse es sich handelte. Wuyè! Man wird dir nur sagen, dass es zu viele Tote gab. Dass die Erinnerungen so schwer wiegen wie der Felsen von Ngog-Lituba. Dass man nicht einfach so daran rütteln und all den Staub aufwirbeln will, der sich darunter verbirgt.

Unser Präsidenten-Papa sagte sogar im Fernsehen – und ich schwöre dir, dass ich ihn dabei mit eigenen Augen sah, als ich noch meinen Fernsehapparat hatte – dass wir einen Schlussstrich ziehen müssen. Er sagte, es gäbe Zeiten, in denen man sich mit Steinen bewerfe, und Zeiten, in denen man sich in den Armen läge. Er sagte, dass nun die Zeit gekommen sei, sich in den Armen zu liegen, und schnell-schnell diese Geschichten da von Um Nyobè zu vergessen. Sie zu vergessen, weil sie uns nicht voranbringen würden in unserer heutigen Welt. Ach mein Sohn, wenn ich nur meinen Kopf hier öffnen könnte und alle Vorkommnisse von da drinnen herausnehmen könnte, dann würde ich alles-alles einfach so vergessen, wie unser Präsidenten-Papa es von uns verlangt. Aber da das nicht möglich ist, wird es schwierig werden, zu tun, was er sagt.

Mein Sohn, es ist seltsam: Hier verlangt man von uns, alles zu vergessen. Und da wir nichts vergessen und auch nicht alles einfach so vergeben können, sorgen sie dafür, dass alles aus unserem Gedächtnis gelöscht wird: unsere Erinnerungen, unsere Geschichte. Sie wissen, dass es nicht einfach für uns ist, da drinnen in unseren Herzen alles wieder zu erwecken und darüber zu sprechen. Sie wollen nichts an unsere Kinder weitergeben in ihren Schulen da. Genauso erreicht man es, so zu tun, als ob nichts geschehen sei, als ob alles gut sei und wir alle die besten Freunde der Welt seien. Und ich fürchte um dich, um euch, meine Kinder.

Ich fürchte, dass ihr das Gleiche noch einmal erlebt.

Ich habe in meinem kleinen Fernseher gesehen, dass es dort bei euch, wo du herkommst, anders ist. Nicht wahr? Man bewahrt immer Bilder, Videos, mündliche und schriftliche Zeugnisse dessen auf, was passiert ist. Jedes Jahr erinnert man sich an die traurigen Vorkommnisse, die die Menschen geprägt haben. Man weint. Man legt große-große Blumengestecke nieder und die Menschen, die Politik machen, reißen ihre Münder zu langen-langen Reden auf, um zu versprechen, dass das nie wieder vorkommen wird. Das ist gut, nicht wahr?

Sie haben in ihrem Fernsehen da eines Tages gesagt, und ich habe es genau gehört mit meinen beiden Ohren hier, dass man bei ihnen sogar gute Bücher finden kann, die in ihrem feinen-feinen Französisch der Weißen da von unserem Um Nyobè sprechen. Wusstest du das? Konntest du diese Bücher da lesen? Gut. Was erzählen sie darin? Bitte, wenn du wieder dort bei euch bist, mach eine Übersetzung auf Bassa davon. Hörst du? Mhm. So kannst du sie mir dann vorlesen, wenn du hierher zurückkehrst und ich noch am Leben bin. Und ich, Mâ Maliga, werde dir dann sagen können, ob das, was sie da in ihre Bücher geschrieben haben, wahr ist oder ob es nur ein Sack voller Lügen ist.

Was sagst du? Man kann das nicht auf Bassa übersetzen? Aber mein Sohn, wer hat denn dann ihre Bibel auf Bassa übersetzt? Sie brauchen nur den wiederzufinden, der das gemacht hat, und er soll das dann auch für diese Bücher da machen, die du gelesen hast. Hörst du? Gaaanz genaaau.

Wir sind fast angekommen. Siehst du, mein Alter erlaubt es mir nicht mehr, so schnell zu gehen. Du wirst viel Geduld brauchen, wenn du diesen Spaziergang wirklich mit mir machen willst.

Nur, dass das klar ist zwischen uns, hm, mein Sohn. Ich muss dir das sagen, weil es Leute gibt wie dich, die herkommen und mich hier stören, wo ich in Ruhe in meinem Haus sitze, um mich zu bitten, ihnen die Vorkommnisse zu erzählen. Makon hat dich hierhergebracht, damit ich dir die Geschichte von Um Nyobè erzähle, aber sag mir, war ich etwa seine Frau? Hm? Ich war nicht seine Frau. Nein, oh! Ich weiß nicht, warum Makon dich nicht dorthin in das Dorf Ndjock-Nkong gebracht hat, auf der anderen Seite der Straße, die durch Boumnyébel führt, damit du direkt Mama Martha treffen kannst, Ums echte-echte Witwe. Sie, ja sie kann dir erzählen, was mit ihrem Mann passiert ist. Sogar Mama Maria, die andere Frau, die ihm mit einem kleinen Baby in die Wälder folgte, lebt auch da in der Gegend von Ndjock-Nkong. Sie sind alle beide noch am Leben. Ihre Kinder auch. Sie wissen viel mehr über Um Nyobè als ich. Aber anstatt dort hinzugehen und meine großen Schwestern da zu stören, nein, oh, da lässt man sie lieber in Ruhe und ich bin die Einzige, die aufgesucht wird. Möge Nyambé mir helfen. Wuyè!

Ich werde dir die wahre Wahrheit erzählen über alles, was ich zu dieser Geschichte da weiß. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin keine dieser übertreibenden Frauen da, die zu allen Soßen Salz, Pfeffer und sogar Ndjansan dazugeben. Nein, nein und nein. Ich sage nur, was ich weiß. Da du keinen Dolmetscher brauchst, glaube ich, dass Makon uns sogar allein lassen kann, wenn er will. Das, was ich dir sagen werde, soll nicht verwässert werden wie ein schlechter Palmwein. Mögen meine Worte hier, die jetzt meinen zahnlosen Mund verlassen werden, gut-gut Eingang in deine Ohren finden und dort drinnen in deinem Kopf bleiben. Denn ihr Kinder von heute, wenn man zu euch spricht, geht es hier rein und da drüben wieder raus.

Wenn du, nachdem du mir zugehört hast, noch mehr darüber wissen willst, trag einfach deine beiden Füße nach Ndjock-Nkong, etwa sieben Kilometer von hier, du wirst Mama Martha oder Mama Maria sehen und sie werden dir sagen, was du von mir nicht hast erfahren können.

Einverstanden? Passt dir das? Ist dir das recht, was ich gerade gesagt habe? Denn hinterher darfst du nicht meinen Namen durch den Dreck ziehen bis zu euch dort oben zu den Weißen, indem du sagst, dass ich, Mâ Maliga, eine böse Frau bin, dass ich mich weigere, das, was ich über unsere Geschichte weiß, weiterzugeben …

Ach, ich vergaß, das Haus, an dem wir gerade vorbeikamen, das ist das Haus, in dem Um Nyobè aufwuchs. Ja-ja, das, wo wir die jungen Männer gegrüßt haben, die mit der Axt Holz hackten. Was? Warum schaust du mich so an, als hätte ich etwas Schlechtes getan? Aaach! Jaaa! Ich verstehe. Du wolltest Fotos machen. Nicht wahr, mein Sohn? Wirklich, ihr, die Leute, die von den Weißen kommen, ihr bringt mich zum Lachen. Ihr liebt es so sehr, Fotos zu machen. Reicht euch das, was eure Augen ganz natürlich fotografieren, denn nicht? Habt ihr Angst, Dinge zu vergessen? Hat euer Kopf da ein Speicherproblem? Warum holt ihr immer eure Apparate vor den Dorfbewohnern raus? Ihr kommt hierher, um uns zu verspotten mit euren komischen-komischen Geräten da.

Was du wissen musst, ist, dass es in diesem Dorf hier immer besser ist, ein bisschen diskret zu sein, wenn man fremd ist. Insbesondere, wenn man weiß, dass man da ist, um im Detail oder entfernt all das zu behandeln, was mit dem Leben von Um Nyobè zu tun hat. Die Leute halten dich schnell-schnell für einen Spitzel unseres Präsidenten-Papas oder für einen Spitzel der Weißen von euch dort. Deshalb misstrauen dir die Leute hier sofort. Wenn du versuchst, dich ihnen zu nähern, sagen sie dir nur, du sollst weitergehen und ihnen ihren Teil Frieden lassen. Siehst du, wenn die Leute, die wir vor dem Haus von Um Nyobè da gegrüßt haben, gesehen hätten, wie du deinen Apparat rausholst, um Fotos zu machen, hätten wir unseren Teil an Problemen dort für so eine Kleinigkeit einsammeln können. Sie hätten dir deinen Apparat aus der Hand reißen können. Ihn sogar konfiszieren. Und sie hätten gesagt, dass ich, Maliga, weil ich hier mit dir unterwegs bin, auch Komplizin in dieser ganzen Angelegenheit bin. Doch ich, ich möchte mit niemandem hier Probleme haben, oh! Verstehst du jetzt, warum ich vor diesem Haus da nicht stehen geblieben bin? Gaaanz genaaau.

Gehen wir unseren Weg also weiter. Ich hoffe, du hältst unseren Matango gut fest.

4

Es war ein Onkel, der mich einem anderen Onkel vorstellte, der mich wieder einem anderen Onkel vorstellte.

Dann stellte mich einer dieser Onkel Papa Makon vor. Er kommt gebürtig aus Boumnyébel.

Papa Makon war es, der beschloss, mich zu seiner alten Mutter, Mâ Maliga, zu bringen. Er sagte mir, er sei noch ein Säugling gewesen, als die Vorkommnisse des Widerstandskampfes stattfanden.

In dem Auto, das uns zu ihr bringt, erzählt er mir viel von seiner Mutter.

»Sie ist ein Gemütsmensch«, sagt er.

Der Wald ist dicht und kraus. Sein Grün ähnelt gleichzeitig einem Smaragd und einem Malachit.

Wertvoll.

Die Bäume machen sich einander den Himmel streitig.

Das Auto, das wir gemietet haben, hat große Schwierigkeiten, in diese dichte grüne Masse einzudringen, trotz der kleinen Wege, die hier und da von den Rädern der Autos oder Motorräder gezeichnet wurden.

Papa Makon sagt mir, dass seine Mutter bald achtzig Jahre alt werden wird.

Sie lebt ganz allein. Alle ihre Kinder sind fortgegangen.

Sie gründeten ihre Familien woanders, weit weg, in der Stadt. In Duala, Edéa oder Jaunde.

Hier gehen alle weg.

»Denn wozu auch bleiben?«, fragt Papa Makon ernüchtert.

Mâ Maliga gehört zu den wenigen, die beschlossen haben, den Ort keinesfalls zu verlassen.

Er hat ihr angeboten, ihr eine Krankenpflegerin nach Hause zu schicken, oder wenigstens eine junge Frau, die sich um sie kümmern könnte. Ihr vor allem etwas zu essen kochen.

Sie hat nicht mehr so viel Kraft wie früher.

»Du wirst selbst sehen«, sagt er mit einem nostalgischen Lächeln und feuchten Augen zu mir. Wenn er weiter von seiner Mutter spricht, wird er in Tränen ausbrechen.

Mâ Maliga will dortbleiben, allein. Auch ganz allein.

Auf einer Lichtung.

Niemand, der mit ihr verwandt ist, will es täglich mit dem Wald von Song-Mpeck aufnehmen.

Beim Vorbeifahren unseres Autos, eines bordeauxroten Toyota Corollas, schenken uns alle, denen wir begegnen, ein freundliches Lächeln.

Sie heben die Hand und heißen uns willkommen. Ein Auto, das sich hierher wagt? Das ist ein Ereignis! Es ist ein bisschen wie der Besuch einer wichtigen Persönlichkeit aus Politik oder Verwaltung in dieser Gegend. Der Besuch des Gouverneurs, des Präfekten oder des Unterpräfekten.

»Wir warten noch immer noch auf den Besuch unseres Präsidenten-Papas«, kommentiert Makon, jetzt ein bisschen scherzhaft.

Wir haben sie gefunden, Mâ Maliga, mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden ihrer staubigen Veranda sitzend.

Eine etwas ältere Dame, eine sehr alte sogar, wenn man weiß, dass die Lebenserwartung hier bei etwa fünfzig liegt.

Sie hat eine kleine Beule von der Größe einer Kolanuss auf der Stirn. Sie schenkt mir ein breites Lächeln. Es ist in dieser Gegend sicher nicht selten, ein solches zu bekommen.

Aber ihres berührt mich ganz besonders.

Wir werden uns viel zu erzählen haben, scheint sie mir mit diesem Lächeln mitzuteilen.

Mâ Maliga bleibt auf dem Boden sitzen. Sie reicht mir die Hand.

Ich beuge mich hinunter zu ihr und schließe sie in die Arme.

Sie wirkt überrascht.

»– Wie geht es dir, mein Sohn? – Gut. – Und den Leuten aus deiner Familie? – Gut, gut. – Hattest du eine gute Reise? – Mhm. – Willkommen. – Danke.«

Sie klagt sogleich darüber, noch nichts gekocht zu haben und uns nichts zu essen servieren zu können.

Ihr Sohn Makon nutzt die Gelegenheit, um seinen Vorschlag, ein Mädchen einzustellen, und sei es auch nur, um ihr den Haushalt zu führen, zu wiederholen. Aber bevor er auch nur seinen Satz beendet hat, dreht Mâ Maliga den Kopf langsam von links nach rechts und verzieht ihren Mund zu einem umgekehrten U.

Das ist ihre Antwort.

Sie stellt ungerührt den ausgedehnten Kragen ihres weiten Pagne-Kleides, ihres Kaba Ngondo, auf.

Sie bedeckt ihre nackte Schulter wieder. Ihr Kaba Ngondo ist sehr ausgewaschen.

Eine Stechmücke schwirrt herum. Sie erschlägt sie im Flug – mit extrem flinker Hand.

Ihr Schlüsselbein steht hervor. Ihr Unterkiefer und ihre Wangenknochen ebenfalls. Die Haut ihrer Schulter, glatt.

Sie hat eine senkrechte Falte – die einzige in ihrem Gesicht, glaube ich – die sich zwischen ihren Augen zu formen scheint.

Sie hat eine kleine waagrechte Narbe auf der linken Wange.

Mit ihren knotigen Händen verjagt sie Fliegen, die ich nicht sehe. Und tötet Stechmücken, deren letzten Verzweiflungsschrei ich höre, bevor sie ihre Seele aushauchen.

Mögen sie in Frieden ruhen.

Ich weiß nicht, was Papa Makon seiner Mutter erzählte, bevor wir hier ankamen. Ich weiß nicht, ob er ihr sagte, dass ein Mbenguiste, ein Typ von hier, der im Westen lebt, sie besuchen kommen würde.

An ihrem Blick erkenne ich, dass sie einen jungen Mann mit starkem europäischem Akzent erwartete.

Ich spreche Bassa. Ich habe somit ein Stück Eis gebrochen.

Ich sehe die Überraschung in ihrem Blick, als ich Bassa mit ihr spreche.

Nichtsdestotrotz sagt sie mir immer: »Bei euch dort, bei den Weißen.«

Ich komme vielleicht von mir dort, bei den Weißen, aber ich bin vor allem einer der ihren.

5

Mein Sohn, ich glaube, die Situation verschlechterte sich wirklich, als diese Leute da beschlossen, die UPC zu verbieten. Du weißt, was das ist, nicht wahr? Union des populations du Cameroun, die Union der Völker Kameruns. Gaaanz genaaau! Es gefällt mir, wie gut du Bescheid weißt. Das erspart mir zu viel sinnloses Reden darüber.

Ach! Ich kann sehen, dass der Palmwein da gerade schön seinen Weg in dir drin geht. Ich sehe, wie du anfängst, beim Lächeln alle deine Zähne zu zeigen. Komm, füll noch einmal meinen Becher. Es passiert nicht alle Tage, dass man einen so guten Wein hat. Das muss man genießen. Komm, schenk noch was dazu!

Ich glaube, es war im Mai 1955, wenn die Erinnerungen da drinnen in meinem Kopf noch richtig geordnet sind. Meine Mutter hatte beschlossen, mich nicht mehr in die Schule der Weißen gehen zu lassen, obwohl unser Vater dort unterrichtete. Ich hatte sowieso schon mein Grundschulabschlusszeugnis erhalten, deshalb brauchte ich eigentlich nicht mehr wirklich mit ihrer Schule da weiterzumachen, um dir die Dinge ganz nüchtern zu sagen. Wollte ich vielleicht eine Langer-Bleistift-Intellektuelle werden wie mein Vater? Nein, oh, das war mir nicht wichtig. Für Mädchen im Allgemeinen war das nicht wichtig. Ich hatte mich schon sehr angestrengt, um da hinzukommen, wo ich hingekommen bin. Man musste es ja wirklich nicht übertreiben. Ekiééé! Heutzutage haben sich die Dinge geändert: Immer mehr Frauen studieren bis zum Gehtnichtmehr, um Langer-Bleistift-Intellektuelle zu werden. Das ist gut für sie heutzutage, aber für uns damals war es nicht notwendig.

Mein Vater hätte so gerne gesehen, dass ich weitermache, weitermache, weitermache bis zum Gehtnichtmehr. Er hätte gewollt, dass ich ein Lehrerseminar besuche, zum Beispiel das in Foulassi in Sangmélima im Süden des Landes. Er hätte das alles gewollt, weil er keinen Sohn hatte, der ein Langer-Bleistift-Intellektueller wie er hätte werden können. Ich hätte auch gerne weitergemacht, mein Sohn, aber hatte ich vielleicht einen Kopf, der dafür gemacht war? All ihr Zeugs da von Mathematik, Grammatik, Lesen, Schreiben und was weiß ich was noch alles, wenn ich davon in der Schule hörte, dann ging das hier rein und da drüben wieder raus: Nichts blieb drinnen in meinem Kopf. Gar nichts.

Du solltest deshalb aber nicht glauben, dass ich ein Dummkopf war, hm, mein Sohn! Nein, oh! Ich kannte mich mit vielen Dingen aus. Zum Beispiel mit dem menschlichen Körper, mit unseren Knochen, unseren Muskeln, unseren Haaren, unserer Haut. Ich kannte mich gut aus mit den Pflanzen des Waldes, wie man Krankheiten heilt und so weiter, und so weiter. Weißt du was? Ich träumte sogar davon, eines Tages Dokta zu werden. Ich wollte kleine Kinder gesund machen. Ich wollte die Person in Song-Mpeck und in der ganzen Region hier sein, die sich darum kümmert, den Kindern wieder Gesundheit und Kraft zu geben, die in leichenhaftem Zustand mit ihren dicken Bäuchen und ihren spindeldürren Beinen von ihren Müttern zur Krankenstation gebracht werden. Ich wollte den Müttern hier helfen … Aber als mein Vater mir eines Abends, nachdem wir die gute Mbongôh Tchobi Soße, die meine Mutter gekocht hatte, gegessen hatten, erklärte, dass Schule und noch mehr Langer-Bleistift-Intellektuellen-Schule notwendig war, um ein echter-echter Dokta im weißen Kittel zu werden, dachte ich mir nur tief in meinem Inneren: Ach, diese Geschichte da ist nichts für mich, hm. Als mein Vater mir genau alle Etappen erklärte, die ich durchlaufen musste, damit auch ich ihren Apparat da um meinen Hals legen konnte, den sie so in ihre Ohren reinhängen, um das Herz schlagen zu hören, wie es der Poulassi-Priester Saint-François de la Xavière tat, dachte ich mir, dass es noch besser sei, einen guten Mann zu finden, seine Kinder zu kriegen und in aller Ruhe zu Hause zu bleiben. Wuyè!

Ich pflegte später dennoch die kleinen Kinder gesund, mit heimischen Pflanzen aus unseren Wäldern hier. Die Mütter aus dem Dorf kamen mit ihren Kindern, sie heulten: »Oh, mein Sohn hat Durchfall, oh!«, oder auch »Oh, meine Tochter ist so heiß wie ein Kessel auf dem Holzofen, oh!« Ich beruhigte sie einfach. Ich ging kurz in den Wald und brachte ihnen, was nötig war, um ihre Kinder gesund zu machen. So kam es, dass die Leute hier in Song-Mpeck begannen, mich Dokta Maliga zu nennen! Dokta Maliga! Ohne, dass ich sie darum gebeten hätte. Heute pflege und versorge ich immer weniger wegen meines Alters, aber vor allem wegen der Medikamente von euch dort, die die Leute erwarten, als ob unsere Wälder ihre Kräfte verloren hätten. Das ist wirklich dumm! Das erinnert mich an eine, deren Name mir gerade nicht einfällt. Ihre Tochter litt unter der Krankheit, bei der die Haut ganz rot wird. Du kennst diese Kinderkrankheit, nicht wahr? Sie wollte nicht, dass ich mich um ihr Kind kümmere. »Das ist Hexerei, dein Heilerinnen-Zeugs da«, sagte sie, während sie die Kleine, die Fieber hatte, auf dem Rücken gebunden zur Krankenstation brachte, obwohl sie nicht einmal genug Geld dafür hatte. Und ohne Geld gibt es hier bei uns auch keine Behandlung mit der Medizin der Weißen. Das Kind ist seelenruhig gestorben.

Aber das alles, was ich dir gerade erzähle, das war später. Viel-viel später als die Geschichte von unserem großen Bruder Mpodol, in die meine Mutter mit ihrem ganzen Körper und bis zu ihrem Kopf eingestiegen war.

Das heißt, dass … Wie kann ich dir das erklären, mein Sohn? Es war so, dass meine Mutter, Mâ Tonyè, mit der Zeit immer härter wurde. Sie wurde immer radikaler. Sie hatte begonnen, die öffentlichen Zusammenkünfte, die Um Nyobè gab, zu besuchen. Dann verpasste sie keine Zusammenkunft der UPC mehr, von Eséka bis Edéa. Und manchmal sogar in Duala. Sie wollte ihre Stelle bei den Pardieus, der Poulassi-Familie, die sie eingestellt hatte, aufgeben. Aber sie wusste, dass sie damit ein großes Risiko eingegangen wäre. Die Weißen hatten ihren Code da, sie nannten ihn … äh … Ach, Makon! Ach, Makon! Wo steckt nur dieser Makon wieder? Ich hoffe, er ist nicht gerade dabei, mein Palmweinversteck in der Küche zu durchsuchen. Ach, mein Sohn, du kennst ihn nicht, diesen Makon. Er liebt den Matango so, wie ein Mann seine Frau lieben sollte. Ach Makon! Sag mir doch, wie nannten sie gleich wieder ihren Code der Weißen da? Gaaanz genaaau! Es war der Code de l’ indigénat, der Eingeborenen.

Ich sage dir, mit ihrem Code da taten sie hier alles, wie sie nur wollten. Damit hätten sie meine Mutter ganz leicht zu jeder Art von Strafe verurteilen können, wenn sie einfach so beschlossen hätte, nicht mehr für die Pardieus zu arbeiten. Das hätte monatelange Zwangsarbeit in den Steinbrüchen zum Steinabbau sein können, unter der heißen Sonne hier bei uns, oder aber öffentliche Peitschenhiebe auf dem Marktplatz von Boumnyébel, oder aber … Ach, was weiß ich? Strafen eben. Ich glaube, deshalb beschloss meine Mutter, ihre Arbeit bei den Pardieus nicht aufzugeben. Nicht sofort.

Aber sie traf weiterhin regelmäßig die Gruppen, die Kundè forderten. Sie hatte es sogar innerhalb dieser Unabhängigkeitsgruppen zu etwas bringen wollen.

Weißt du, wenn ich ihr abends den Rücken kratzte, wie sie es wünschte, erzählte sie mir viele-viele Dinge über die Bewegung dieser Leute, die um jeden Preis Kundè erhalten wollten. Sie erzählte es mir mit ganz leiser Stimme. Sie flüsterte es mir zu. Es waren Vertraulichkeiten. Niemand, vor allem nicht die von der Kolonialverwaltung, durften etwas von ihrer Beteiligung in dieser Angelegenheit da wissen und erst recht nicht, welche Rolle sie darin spielte. So erfuhr ich, dass sie direkt, ich meine wirklich, von Angesicht zu Angesicht mit Um Nyobè selbst arbeiten wollte. Und sie hätte gekonnt. Ja, ja, sie hätte direkt mit ihm arbeiten können, wenn sie ganz einfach keine Frau und nicht die Ehefrau meines Vaters Bissou Ma Ndap gewesen wäre. Ich schwör’s dir. Wuyè! Wie hätte man die Präsenz einer Frau da oben-oben unter den Anführern dieser Forderung aufgenommen? Eine Frau aus Song-Mpeck an der Spitze der Bewegung, um die Kundè-Sache mit den Weißen zu verhandeln? Und noch dazu eine Frau, von der jeder wusste, dass sie unterwürfig war, die niemals in der Öffentlichkeit sprach, die immer um die Erlaubnis ihres Ehemannes bat, bevor sie was auch immer tat … Ach, das ging nicht, nein! Sie konnte es sich nicht erlauben. Und mein Vater in all dem? Er hätte verrückt werden können, wenn sie es gewagt hätte, so etwas zu tun. Ich schwör’s dir, er wäre noch viel verrückter geworden als sein Bruder Malep Ma Ndap, genannt Roland. Denn, was ich dir noch nicht gesagt habe, ist, dass mein Onkel Malep Ma Ndap verrückt war und nackt-nackt-wie-ein-Wurm im ganzen Dorf herumlief. Aber das ist eine andere Geschichte …

Stell dir nur mal vor, wenn meine Mutter sich so etwas erlaubt hätte, hätte der Chef unseres Dorfes, Mutt Manòla, genannt Louis-Paul, der sie so sehr bewunderte, beschließen können, sie nicht mehr an unseren monatlichen Versammlungen teilnehmen zu lassen. Meine Mutter war sich dessen ganz bewusst. Und das war der Grund dafür, warum sie Um Nyobè nur ganz diskret unterstützte, ein bisschen, wie es in allen Dörfern hier geschah.

Ich glaube heute, dass diese Geschichte da viel Traurigkeit in ihr Herz goss. Vielleicht erzähle ich Unsinn. Wer weiß? Mit dem Alter hat man keinen Filter mehr im Mund, der so manchen Unsinn daran hindern könnte, herauszukommen. Aber ich glaube wirklich, dass sie darunter litt.

Sie hatte sich sehr verändert. Sie fand, mein Vater sei ein Dummkopf. Sie sagte, er sei unfähig, der wahren Realität der Dinge ins Auge zu sehen. Oft verließ sie leise ihr Zimmer, ihres und das meines Vaters, um auf meiner Bastmatte oder auf der meiner Schwester Ebègnè zu schlafen. Ich fragte mich nur, wie man es fertigbringen konnte, seine Matratze aus Kautschukschaum liegen zu lassen, um sich stattdessen den Rücken auf einer einfachen, auf dem Boden ausgelegten Bastmatte kaputt zu machen. So verstand ich, dass es zwischen ihnen wirklich nicht mehr ging. Aber konnten sie sich trennen? Heutzutage sehe ich Frauen, die lassen sich einfach so scheiden, als sei es ein Spiel. Sie lassen sich scheiden. Sie heiraten wieder. Dann lassen sie sich wieder scheiden. Dann heiraten sie wieder. Oh, was für eine Schande, oh, mein Sohn! Und noch dazu laden sie uns, ihre Mütter, immer zu jeder neuen Hochzeit ein, um für sie zu kochen und die großen Mäuler der Gäste zu stopfen, die in ihren Köpfen da an nichts anderes denken als essen, feiern, trinken und trinken, bis zum endgültigen Umfallen.

Meine Mutter Mâ Tonyè wurde immer wütend, wenn mein Vater den Mund aufmachte, um über die Poulassi zu sprechen. Und wenn sie wütend wurde, machte sie ein grimmiges Gesicht, bewegungslos wie eine Maniokstange, oder aber sie begann, die Lieder unseres Dorfes vor sich hin zu pfeifen oder zu trällern: eine Art, meinen Vater zu ignorieren und ihn allein zu lassen mit dem, was sie seinen Dummkopf-Blödsinn nannte. Sie schrie ihre Wut nicht lauthals über alle Dächer, wie es manche Frauen hier in Song-Mpeck machen. Nein, oh, das gehörte nicht zu ihrem Teil Gewohnheiten. Sie machte nur ein grimmiges Gesicht und befestigte ihren Pagne mit brüsken Bewegungen um ihre Hüften, ein bisschen grob, so wie man den Bauch einer Frau, die gerade entbunden hat, kräftig-kräftig zusammenschnürt. Kennst du diese Methode? Nein? Lass es mich dir also erklären …

Nennt man mich etwa nicht Dokta Maliga? Gaaanz genaaau. Hier in unseren Dörfern, wenn eine Frau entbindet, und sie noch ihren großen Bauch da hat und all den Dreck, den sie da drin in ihrem ganzen Körper und in ihrem Gesicht während der Schwangerschaft angesammelt hat, unterzieht man sie einer besonderen Behandlung, die es ihr erlaubt, wieder frisch-frisch wie ein junges Mädchen zu werden, das noch nichts darüber weiß, was Frauen mit Männern tun. Auf der Toilette schlägt man ihr mit einem Handtuch oder einem Pagne, die zuvor in einen Eimer mit heißem, sogar kochendem Wasser getaucht wurden, auf den Rücken und den ganzen Körper. Man schlägt ihr damit auf den Körper, dann massiert man sie sanft und gut durch. Man gibt ihr Medikamente auf Basis der Pflanzen unserer Wälder zu trinken: wildes Basilikum, Ihouda nyôh na nyôh gegen Bauchschmerzen, Ndolè und noch viele andere Pflanzen. Manchmal benutzt man auch die kleinen getrockneten Chilischoten, die mit dem Mahlstein zerkleinert werden, Ingwer oder sogar gesiebte Baumasche. Sie muss das trinken, oder aber sie muss es direkt dort unten in sich hineintun. Dieses Zeug hilft ihr, all das schlechte Blut und die schlechten Fette zu verlieren, die sie in ihrem Körper in all der Zeit, in der sie das Kind trug, angesammelt hat. Wenn sie alle unsere Medikamente schön einnimmt und gut-gut die Anweisungen einer Dokta wie mir befolgt, ach, mein Sohn, ich schwöre dir, dann kann sie fünf,